Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band
Part 29
NS. Die Notificationen der Verheirathung der einzigen Tochter des Geh. Raths Hallwachs mit Oberlieutenant Scholl wird bei Ihnen angelangt sein? Das junge Ehepaar hat sich im Sommernachttraum mit jugendlich unbefangenem Sinn auf das Harmloseste ergötzt; der junge Ehemann überzeugt täglich seine Frau, daß sie nicht blind wie Titania ist!
II.
_Darmstadt_, d. 3t. Octbr. 1846.
Auf die mannichfachste Weise werde ich an Sie, verehrungswürdiger theuerster Freund! erinnert. Jeder Anlaß dazu ist mir eine große Freude; mir, der ich im Stillen so oft mit innigster Liebe und Dankbarkeit, mit tiefer Rührung an die Stunden zurückdenke, welche ich vor einigen Monaten bei Ihnen verlebte. Ihre aufopfernde Güte widmete und so viele und reiche; -- sie bleiben mir und meinem Neffen Sartorius, der sich Ihnen ehrerbietigst empfiehlt, -- _unvergeßlich_.
Alle die vielen Verehrer und Freunde, welche sich vor 18 Jahren, (1828) und mehrmals später, zuletzt vor 5 Jahren, (1841) -- an den Festabenden um Sie her versammelten -- oder sonst die Gelegenheit suchten und fanden, Ihnen nahe zu seyn, wollten von mir über Ihr Befinden hören. Unter diesen war auch Justizrath Buchner, ein naher Verwandter von mir, deßen Sohn die Freude haben soll, Ihnen diese Zeilen zu überbringen. Der gebildete junge Mann, den Musen befreundet, wie es sein Vater ist, (Sie finden unter Ihren Papieren Gedichte, welche _Sie_ feiern,) gehört zu dem von dem Uebermuth der Zeit noch unberührten, edlen Theil des jungen Deutschlands, welcher sich den unsterblichen Namen der Nation noch mit Pietät und dem ehrfurchtvollen Verlangen naht, zu lernen, zu lieben und zu verehren. Laßen Sie sich den braven Jüngling empfohlen seyn, wie sich auch sein Vater verehrungsvollst Ihnen empfiehlt. -- Es ist doch eine Freude, wenn man immer noch kommende Generationen zu dem Manne senden kann, deßen Name mit jenen Andern, trotz dem ohnmächtigen Bemühen ephemerer Geister sich an deren Stelle bedeutend und jene vergessen zu machen, fortleben wird, wenn diese in dem Munde der Nation und Geschichte längst verschollen sind. --
Zu den mannichfachen Veranlassungen der Erinnerung an Sie, unvergeßlicher Freund! trug auch wieder der gestrige Theaterzettel bei; er nannte uns Ihren theuren Namen. „Ein Sommernachttraum“ ward gegeben, wie sie ihn für die Darstellung eingerichtet haben. Dem reich und feenhaft, glänzend und schön ausgestatteten, poetischen Traum, folgte, gleichsam nach dem Erwachen am Schluß, ein stürmischer Beifall. Das Haus war gefüllter, als es an Werktagen gewöhnlich ist und überhaupt muß man es den Darmstädtern nachsagen, daß klaßische Namen und Stücke sie fort und fort _mehr_ anziehen, als die Tendenzen der Gegenwart, trotz allem eifrigen oder industriösen? modernen Geschrei: „daß jene Rococo seyen!“ und: „laßt die Todten ruhen!“ u. s. w. u. s. w. In acht Tagen kommt Jenny Lind zu einer Reihe von Gastrollen. Sie versicherte: „gern hier verweilt zu haben und gern wiederzukommen!“ Sie kennen das wunderbar begabte Mädchen, in welchem sich Kunst, Poesie und der Adel der Persönlichkeit zu _einer_ Wahrheit vereinigen, waren aber abgehalten, ihren Darstellungen beizuwohnen, in welchen sich wohl das Vollendeteste zeigt, was musikalisch-dramatische Darstellungskunst in poetischer Schönheit und Wahrheit zu leisten vermag. -- -- Der Hoftheater-Intendant, von Dalwigk, der das Mögliche für das Theater mit unermüdlich thätigem Willen zu thun sucht, hat sich auch dieses Verdienst um Bestand und Ansehen der Bühne erworben. Er ist nicht der Letzte gewesen, welcher angelegentlich nach Ihnen gefragt hat und wird sich freuen von mir zu hören, daß ich ihn in freundliche Erinnerung gebracht habe. Hatten Sie doch auch mit Antheil seines seligen Vaters, seiner Mutter und der uns unvergeßlichen Abende bei diesen seinen verehrungswürdigen Eltern gedacht, und seines unvergeßlichen Oheims, des uns unersetzlichen Höpfners. --
Auch von dem Geheimrath Hallwachs’schen Hause würde ich Ihnen zu sagen haben, wollte sich nicht meine Nichte selbst in Erinnerung mit den ihrigen bringen. So bleibt mir nur noch übrig die ehrerbietigen und herzlichen Empfehlungen auszurichten, wodurch sich meine Schwester der Frau Gräfin und Ihnen in Erinnerung bringen will. Damit vereinigt sich, unter innigsten Wünschen für das Wohl Ihres Hauses,
Ihr
in treuer Liebe und Verehrung ergebenster _G. Heumann_.
=Heydrich, Moritz.=
Dramatischer Schriftsteller, als dessen bedeutendstes Werk die Tragödie: Tiberius Grachus genannt wird. Er soll, wie wir vernehmen, jetzt in Dresden leben.
Seine Briefe, von denen besonders der erste Zeugniß giebt des allgemeinen Vertrauens, welches die poetische Jugend zu dem heitern Greise nach Dresden zog, gehören als Lichtpunkte in dieses, aus vielfachen Zuschriften hervortretende Bild Meister Ludwig Tieck’s.
Es sind übrigens drei Briefe Herrn H.’s aufbewahrt; den mittleren, die geistreichste Schilderung einer in Hamburg stattgehabten Repräsentation enthaltend, haben wir unterschlagen zu müssen geglaubt, weil er Darsteller, Publikum und den Verfasser eines „vaterländischen Schauspiels“ mit all zu bittrem Humor, wenn gleich noch so witzig, geißelt. Wär’ es uns gelungen, des Briefstellers Adresse zu erhalten, dann würden wir uns die Erlaubniß von ihm dafür erbeten haben; ohne diese wagen wir die öffentliche Mittheilung nicht.
I.
_Dresden_, d. 30. März 1842.
_Hochgeehrter Herr Hofrath!_
Es muß befremden, wenn ein ganz unbekannter junger Mensch ohne irgend welche Empfehlung es wagt, sich schüchtern Ihnen zu nahen, und vielleicht läßt sich diese Kühnheit nur durch die tiefe Begeisterung rechtfertigen, die ihn fast wider Willen zu Ihnen getrieben. Findet doch auch der Dürftige ein Gehör beim Reichen und blickt doch der einsame Wanderer viel sehnender nach der Sonne als tausend Andere; lacht sie doch Allen gleich; nur freilich in dem Einen blos behagliche Wärme, in dem Andern glühende Kraft weckend! Gewiß Sie grollen mir nicht! Ihre Werke haben mich zu sehr entzückt, und trotz aller Demüthigung so erhoben und begeistert, daß ich Dresden nicht verlassen kann, ohne Ihnen, wäre es nur einmal, die liebe wunderspendende Hand gedrückt zu haben! Aufzuweisen habe ich nichts, als ein warmes für Poesie und deren gegenwärtigen Choryphaen glühendes Herz! Ahnen und Empfehlungsbriefe verlangt nur der Alltagstroß. Ich stehe nach vielen Kämpfen auf einer Bahn, die ich trotz aller Schwäche nie verlassen werde. Zwei Jahre studierte ich ~Jura~ -- es war unmöglich -- lieber einen Trunk Wasser in den Wonnegärten der Poesie, als Weinschläuche und Goldkisten im dürren Sand! Unter Stürmen gedeiht keine zarte Blume. Gedichte in Masse -- Entwürfe, aber nichts Ganzes! Fester Wille wühlt erst das Bett dem Strom, auf dem dann leicht und tönend die Wellen hüpfen! Aus tiefster Einsamkeit nahe ich Ihnen, vielleicht daß Sie mir später wehrend oder ermunternd ein Wort von Ihnen gönnen! Ich fühle ganz meine Kühnheit -- doch der Jüngling ist einmal kühn! Veröffentlicht habe ich noch nichts, werde es auch sicher sehr spät thun -- doch der Strebende lauscht in der Einsamkeit nach dem Himmel -- ein Gottesurtheil zu hören! Ein Wort von Ihnen wiegt Millionen Andrer Worte auf! Bei mir habe ich leider gar nichts. Vor der Hand studiere ich in Leipzig, sehne mich aber fort -- meine Umstände sind nicht schlecht -- Musik allein kann mich einstweilen ernähren, wenn die Poesie durch Sie mich noch jetzt aus ihrem Tempel weist -- bürgerliche Verhältnisse widern mich an -- frei und ungebunden -- oder todt! Gegen Leichtsinn schützen Erfahrungen und frühe Krankheit. -- Literarische Bekanntschaften habe ich gar nicht. Bin zum Mitsprechen noch zu jung, zum Journalklimpern zu alt, was doch mehr Eitelkeit als wahres Streben verräth. Ich studiere Philosophie und wünschte später die Bühne zur Bühne. Schwache Versuche dazu wage ich noch nicht, Ihnen zu zeigen. Vor ganz kurzer Zeit war ich Zeuge des vielleicht schönsten aller Feste, des 80. Geburtstags eines edlen rüstigen Greises im Kreise seiner Enkel. Jeder Enkel wollte etwas bringen, die Kräfte sind sehr schwach -- viele Rücksichten -- ein Kunstwerk kann da nicht werden. Doch da ich dies Einzige bei mir habe, so erlaube ich dies prosaische Heftchen beizulegen. Darf ich es Freitag 4 Uhr abholen? Und nun die Hauptbitte und der nächste Zweck dieser kühnen Zeilen: darf ich vielleicht ein Eckchen mir erbitten, um einer Ihrer Vorlesungen -- oder vielmehr ihren Poesienströmen zu lauschen? Was hat doch der glückliche Empfohlne vor dem einsamen Enthusiast voraus. Nur einmal Sie sehen und hören! Es staunen ja so Viele den Lenz an -- doch wie verschieden sind der Staunenden Empfindungen dabei! Nicht Neugier -- die tiefste Begeistrung treibt mich, die Sie für Ewigkeiten in mir genährt haben!
Ihr
Sie tiefverehrender _Moritz Heydrich_, ~st. ph.~
II.
_Hamburg_, 30. October 1846.
_Hochverehrter Herr!_
Mit innigstem Entzücken erhielt ich so eben Ihr freundliches Schreiben, in dem Sie meinen Wunsch wegen Durchlesung des Mspt. so herablassend erfüllen. Ich hatte kaum gehofft, daß Sie bei Ihrer so vielseitigen Thätigkeit und Beanspruchung sich meiner Sache annehmen würden, und da ich ein Engagement in die Nähe Bremen’s nach Bremerhaven angenommen, so gab ich das Mspt. einem Freunde, der es gern lesen wollte, und mir Aussicht wegen eines Verlegers versprach. Jenes Zigeunerkünstlerengagement in Bremerhaven ist in meinem so höchst contrastreichen Leben des Allerseltsamste, und wiewohl diese etwas excentrische Reise mir jezt an Erfahrungen und Bildern eine wahre Humorfundgrube ist, so war sie doch in der Gegenwart ein wahrhaft grauenvoller Anblick des Lebens und Treibens reisender Bühnen. Wann wird diese schmachvolle Theatermisère in Deutschland einmal enden? Wann wird eine wahrhaft kunstsinnige Leitung junger Talente ähnlich wie in Frankreich auch bei uns eine anständige Theaterschule begründen? Ja wären es noch Sheakspearische „Zettels“ diese Schneider und Schuster-Directoren -- aber es sind eben nur Gauner und Gaukler. Ich habe dort freilich Rollen genug zu spielen gehabt, auch mit 5 Musikern und 1½ Singstimme den Freischütz dirigirt, aber das Kunstinstitut widerte mich schon am ersten Tage namenlos an. Die Methode des Spielens war ziemlich holzhackermäßig. Früh 6 Uhr bekam man eine Rolle von 2-12 Bogen, die Probe war 10 Uhr und die Vorstellung davon am nämlichen Tage. Dennoch spielten sie Alle so, als wären sie Ludwig Devrient’s, und Einige versicherten mich, ihr Genie werde schrecklich verkannt. Gott sieht das Herz an! würde Sancho bei ihrem Spiele gesagt haben, die Polizei steckte aber den Einen ein, weil er Gaunerrollen im Leben studirte. Dabei behauptete der Director, seine Bühne sei eine Kunstbühne, und versprach mir, mich zu bilden; als ich beim Hinausgehen gerührt nach meinem Taschentuche suchte, war es leider verschwunden. Und solcher Bettelbanden giebt es hunderte, bei denen oft gute Talente und Grund und Boden, in Schlamm und Koth versinken. Ich hätte mich verachten müssen, wäre ich bei dem Packe geblieben, gebe aber die Anschauungen dieser ewigdenkwürdigen Reise nicht verloren, sondern denke, sie einst zu gestalten. Wiewohl ich Aussichten nach Schleswig habe, so ist doch das Verhältniß dort etwas unsicher, und den Weg durch Winkelbühnen gebe ich entschieden auf. Lieber die kleinsten Rollen, aber nur bei einer anständigen Bühne. Da ich Gottlob Mittel habe, um neben Klavierstunden anständig zu leben, so wird sich wohl früher oder später etwas Solides für mich finden. Inzwischen wird es mir beinahe Lebensbedürfniß über mein Buch einen Aufschluß zu bekommen. Ich hab’ es sogleich hieher zitirt, und schicke es dann sogleich, mag es nun zum Feuertode oder zum Drucke verdammt werden. Sie müßten meine Verehrung für Sie, großer, tiefsinniger Meister, kennen, das namenlose dithyrambische Jauchzen, das Ihr einziger Humor mir verursachte, so oft seine Töne meinem Ohre erklangen, Sie würden dann gewiß meine Scheu und Verlegenheit selbst hinter meiner unbescheidnen Bitte erblicken. Gleichwohl mußte ich’s wagen, um nur etwas klar über mich, d. h. über mein Buch zu sehen. Es ist eine musikalische Symphonie, und wenn Sie ihr „Nein“ aussprechen, gilt es mir mehr, als wenn sämmtliche so genannte moderne Humoristen und Dichter es für den Druck reif sprächen. O wer doch den Zauber Ihrer wunderbarschönen tiefsinnigeinfachen Sprache hätte -- den Zauber Ihrer Formenwelt -- o was sind gegen Ihren ewig jungen Genius diese sämmtlichen modernen deutschen Humorepigonen. Soviel weiß ich entschieden, daß Sie mein ganzes Wesen schon aus meinem flüchtigen Briefe divinirt haben, denn wenn mit irgend einem Menschen, so treiben Selbstbewußtsein und bewußtloser Humor, Vorsatz und Absichtslosigkeit mit mir tolle Scherzotänze. Alle diese Widersprüche zur Harmonie zu leiten, ist Aufgabe meines Lebens, folglich auch meines Buch’s. Dringend bitte ich Sie, es wie ein Vater zu lesen, dem ein unmündiges Kind sein erstes selbstgeschaffnes Spielwerk zeigt -- o schon tausendmal habe ich Ihre lieben, lieben Zeilen durchlesen mit heiligem Entzücken, wie wohl thun sie mir, der geistig so ganz, ganz allein steht. Nicht als ob ich mir irgend wichtig vorkäme, aber in meinem Elemente mögte ich bald mehr leben als bisher, und das will im Grunde doch jeder Mensch. Nur der lichte Farbenbogen des luftigen Humor’s, der hell auf dunkler Wolke steht, entschädigt mich mit seinem Wunderglanze für tausend geistige Leiden -- und wie selig würde ich sein, wenn der Humorrausch, der all mein Wesen mitten in Wüsten frisch und rege erhält, wirklich aus dem reinen Urdasee mir emporschäumte und nicht aus dumpfem Sumpfe voll Irrlichter! Haben Sie nochmals tausend, tausend Dank für die freundliche Bereitwilligkeit und Herablassung und verzeihen Sie einem aufrichtigen Verehrer Ihres Genius seine Kühnheit. Möge die Mutter Natur Ihnen Ihre wunderbar-schöpferische Jugendfülle unversehrt erhalten, und mögten Sie in den Herzen derer, die Ihre Werke innig verehren, Ersatz finden für tausend Leiden, die ein unkünstlerisches Zeitalter oft Ihrem wunderseltsamen Geiste verursachen mag. Dankbar küsse ich Ihre seegnende Hand, und bin mit aufrichtiger tiefer Verehrung und Dankbarkeit
Ew. Wohlgeboren
ergebenster _Moritz Heydrich_, Schauspieler.
Addr. _Louis Gabain_, Deichstraße 58, Hamburg.
=Hirzel, S.=
Nachstehendes Briefchen eines hochgeachteten Verlagsbuchhändlers soll nur als Einleitung dienen, für das in Abschrift beigelegte räthselhafte Schreiben des Dichters _Klinger_ an die Reich’sche Buchhandlung, vom Jahre 1777.
Kein Mensch bezweifelt, und Tieck hat es als abgemacht angenommen, daß _Lenz_ Autor des Drama’s „die Soldaten“ gewesen sey!
Was mochte Klinger’n bewegen, solch’ unbegreiflichen Schritt zu thun, der unter honetten Leuten (zu denen er doch gewiß zählt) in der Literatur-Geschichte unerhört ist?
I.
_Leipzig_, 30. Sept. 1837.
_Hochverehrter Herr!_
Indem ich Ihnen anbei eine getreue Abschrift des besprochenen Briefes übersende, soll ich die Gelegenheit benutzen, Sie aufs dringendste um Einsendung der Vorrede zu Novalis zu ersuchen. Mein Schwiegervater hatte zuversichtlich erwartet, ich würde dieselbe mitbringen.
Lassen Sie mich Ihnen nochmals ehrerbietig danken für die freundliche Aufnahme, die ich in Ihrem Hause gefunden, und genehmigen Sie die Versicherung aufrichtiger Verehrung von
Ihrem
ergebensten _S. Hirzel_.
II.
_Dresden_, den 6. März 77.
_Hochedelgebohrner Hochgeehrter Herr!_
Ich bin gegenwärtig genöthigt, Ew. Hoch Edl. zu melden, daß _nicht_ Lenz, sondern _Ich_ Verfasser der Soldaten bin. Gewisse Verhältnisse forderten damals das Verschweigen meines Namens, die jetzt wegfallen. Ich bitte Sie, diese Nachricht sobald als möglich bekannt zu machen und weiter nichts zu sagen, als man wisse mit Zuverlässigkeit, daß man Hrn. Lenz fälschlich für den Verfasser gehalten habe und daß ich es sei. Könnten Sie’s in Meßcataloge setzen lassen unter meinem Namen wär noch besser; Ich hoffe dies von Ihrer Güte.
Noch wollt ich anfragen und Sie bitten, ob Sie nicht eine neue Comoedie (die Seiler in Leipzig geben wird) von mir auf die Messe noch verlegen wollten. Sollte dies geschehen können, so haben Sie die Gewogenheit, mir Dero Entschließung wissen zu lassen. Im Fall nicht, so habe ich die Ehre mit Ihnen im Verlauf von 14 Tagen mündlich hierüber zu sprechen. Vor einigen Wochen war Kaufmann hier bei mir, der wie Sie wissen, wieder nach Rußland reist.
Ew. Hoch Edl.
Ergebenster Diener _F. M. Klinger_.
=Hoffmann, Ernst Theodor Amadeus.=
Geb. zu Königsberg am 24. Januar 1776, gest. zu Berlin am 24. Juli 1822. Musikdirektor, Kompositeur, Kammergerichtsrath und berühmter Schriftsteller; Eduard Hitzig’s vertrauter Freund, wie Ludwig Devrient’s Genosse; phantastischer Dichter, wie strenger, gewissenhafter Aktenmann -- welche wunderbaren Gegensätze! -- Es ist befremdend von seiner Hand in Tieck’s Briefsammlung nur dieses _eine_ Zettelchen zu entecken. Er hat doch unfehlbar öfters an Letzteren geschrieben. Was ist aus den übrigen Blättern geworden?
_Berlin_, d. 19. August 1820.
Mit innigem Vergnügen habe ich ihre freundlichen Worte, mein hochverehrtester _Freund_! (stolz bin ich darauf Sie so nennen zu dürfen) durch H. Molbeen (?)[13] erhalten, ohne den Ueberbringer zu sehen, der mich leider nicht im Hause traf, da ich in Geschäften abwesend. _Morgen_ werde ich aber den intereßanten Norden bey mir bewillkommnen und mich mühen dem günstigen Vorurtheil, das Sie, mein _gütiger_ Freund! ihm für mich eingeflößt zu haben scheinen, zu entsprechen! --
Ach! -- nur zu sehr fühle ich das, was Sie mir über die Tendenz, über die ganze (hin und her wohl verfehlte) Art meiner schriftstellerischen Versuche sagen. Mögen Sie aber meiner übrigen Verhältniße ~qua~ _Kammer-Gerichtsrath_ &c. &c. &c. gedenken? -- Doch freilich, in der Kunst gelten dergleichen Ausreden ganz und gar nichts --
Ich empfehle Ihnen H. Kühne[14], Schauspieler aus Hamburg, der in der That auf schöne Weise in den höchstherrlichen Phantasus hineingehört, und zwar, wie ich denke, rühmlicher Weise. -- Er überbringt Ihnen diese wenigen Worte, die ich mir weiteres vorbehaltend, eilig aufschrieb.
Hochachtungsvoll
Ihr innigst ergebenster _Hoffmann_.
=Holtei, Karl Eduard von.=
Geb. zu Breslau am 24ten Januar 1798. Aus den vielen Blättern während eines dreißigjährigen persönlichen und schriftlichen Verkehres geschrieben, die Tieck sämmtlich, bis auf das kleinste, nichtigste Zettelchen zurückgelegt hatte, sind nur die zwei ausgewählt worden, die Er -- offenbar für diesen Zweck -- kopiren ließ. Der erste Brief von _seiner_ 60ten Geburtstagsfeier in Berlin handelnd, nimmt diesen Platz mit vollem Rechte ein. Der zweite muß sich auf des Verstorbenen letzten Willen berufen.
I.
_Berlin_, d. 2ten Juni 1833.
_Theurer und geliebter Meister!_
Ein kurzer Bericht über das Tieckfest vom 31ten Mai 1833 soll auch aus meiner Feder fließen. Ich will Alles umständlich erzählen und auch die kleinsten Nebendinge nicht verschweigen, Ihnen ein lebendiges Bild des Abends zu geben, der lange in unsern Herzen nachhallen wird.
Rauch, Raumer, Wilh. Neumann, Haering und ich hatten an Alle, von denen wir wußten, oder voraussetzen durften, daß sie in irgend einer nähern geistigen Beziehung zu Ihnen stehen, gedruckte Einladungen erlassen. Leider konnten nur 223 Meldungen angenommen werden, weil der einzige zur Zeit disponible Speisesaal nicht mehr Personen faßt. Eben so viele mußten abgewiesen werden.
Man versammelte sich von 8 Uhr des Abends an im Lokale des Englischen Hauses. Die Kommenden wurden von uns, dem fünfblättrigen Kleeblatt, empfangen und in die vorderen Zimmer geführt, wo zunächst jeder und jede sich in das rothe, Ihnen durch unsre Hähnel überreichte Buch einschreiben sollte. Ich fürchte, manche haben es _nicht_ gethan, weil die Angst und Eile: sich Plätze im Speisesaal zu sichern, zu groß war. Deshalb leg’ ich hier eine diplomatisch genaue Abschrift der Liste zur Ergänzung bei. Bald nach neun Uhr ging der lange Zug zur Tafel. Ihr Bruder Friedrich saß unter Ihrer mit Lorbeerkränzen geschmückten, mit Guirlanden umhangenen Büste. Vor ihm ein frischer Kranz. Neben ihm die Damen Steffens und Alberti; ihm gegenüber Rauch. An dieser Tafel saßen die sogenannten Standespersonen und es war viel _Geheimes_ darunter. Den rechten Flügel bildeten Johannes Schulze und der Weimarische Kanzler v. Müller.
An der zweiten Tafel präsidirte Raumer, zwischen meiner Frau und der Hähnel, weiter unten Crelingers, Beers, -- da ging es schon nicht so geheim zu, vielmehr recht laut.
Die dritte Tafel ward von Neumann und mir commandirt. Viel lustige Gesellen, und man behauptet, dort zuerst hätten die Champagner-Pfropfen geknallt.
Schändliche Verläumdung! Das war an der vierten Tafel. Diese, der Obhut des soliden Wilibald Alexis anvertraut, barg an einer ihrer Ecken das Königstädter Personale. Dort, ach dort war es, wo die ersten Schüsse fielen. Der dicke Kapellmeister _Gläser_ hatte drei Gläser vor sich. Er schien ihr Vater zu sein.
Man saß -- und es erschien Frikandeau von Kalbfleisch mit irgend einer spitzfündigen Sauce.
Welch tiefes, tiefes Schweigen! Das war der erste Anlauf. Nun hatten sich die hungrigen Leiber gestärkt; jetzt machten der Geist Prätensionen und das Herz.
Rauch erhob sich und sagte: es lebe der König und das Königliche Haus! -- Nun geht die Sache eigentlich erst an. Haering hielt eine sehr geistreiche Rede (gewiß wird er sie Ihnen senden) -- die, wie aus dem bedeutsamen Aufmerken hervorging, nach Verdienst gewürdigt wurde.
Mittlerweile hatten sich auch noch die verspäteten Theatermitglieder eingefunden, und ich durfte demnach die Aufforderung ergehen lassen, daß diejenigen Anwesenden, die im Aufzuge der Romanze beschäftigt wären, mir auf das Musikchor folgen möchten.
Die Vertheilung der Rollen war folgende:
Der Glaube, Hr. Laddey. Die Liebe, Mlle. Hähnel. Die Tapferkeit, Mlle. Felsenheim. Der Scherz, Hr. Bercht. † Die Romanze, M. Crelinger. † Eine Pilgerin, Mad. Laddey. Ein Liebender, Hr. Schwanfelder. Ein Ritter, Hr. Ed. Devrient. † Ein Hirtenmädchen, Julie v. Holtei. Der Dichter, Hr. Rott. † Erster Reisender, Hr. Greiner. Zweiter Reisender, Hr. Fischer. Ein Küster, Holtei.
(Die gekreuzigten sind vom Hoftheater, die andern aus meinem Sprengel.)
Die vom Kapellmeister Gläser komponirten Chöre und Solis wurden von den Sängern des Königstädtischen Theaters und mehrern Dilettanten gesungen.
Das Gedicht wurde mit Verstand und Wärme gesprochen. Vorzüglich auszuzeichnen ist nach meinem Gefühl der junge Schwanfelder, den ich noch niemals so feurig-edel sprechen hörte.
Als der Schlußchor: „Mondbeglänzte Zaubernacht“ ausgeklungen hatte, erhob sich Steffens, der schon vierzehn Tage vorher förmlich darum sich beworben hatte, den Haupttoast auszubringen. Wir blieben Alle auf dem Chore, um am Schlusse seiner Rede in das von unten aus zweihundert Kehlen empordonnernde „Hoch!“ musikalisch einzustimmen; wobei besonders die Bestrebungen unsrer Frauen und Mädchen zu rühmen sind. Mad. Crelinger und meine Frau sangen ersten Tenor.
Nun war der Pokal -- (dessen Unterschale leider nicht fertig geworden ist, und der deshalb auch erst später in Dresden eintreffen wird) von seiner Stelle einmal gerückt; nun ziemte es sich, ihn seine Wanderung beginnen zu lassen und dies geschah mit dem von mir gesprochenen Gedichte, welches überschrieben ist: „_dem Mai_.“
Ich darf übrigens als Berichterstatter, der eben so die materiellen wie die spirituellen Interessen im Auge haben mußte, weil er ~quasi~ Oeconom des Festes war, nicht verschweigen, daß während dieser Zeit ein gutes, künstliches Hühnerfrikassee und eine wohlgemeinte Mehlspeise mehr vertilgt, als geschont wurden. Auch zeigten sich Räusche.