Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band
Part 28
Leben Sie wohl und bleiben Sie mir freundlich gesinnt. Ihrem lieben Kreise den herzlichsten Gruß! Treu und verehrend
ganz Ihr
_Wilhelm Hensel_.
Ihren Herrn Bruder sah ich vor wenigen Tagen recht wohl.
=Hermann, F. R.=
Die zwei Briefe dieses unglücklichen (siehe die Anmerkung in Büsching’s Schreiben) und gänzlich vergessenen Mannes sind aufgenommen worden, weil er doch der Erste gewesen ist, der die seitdem von bedeutenden Dichtern durchgeführte Idee, dramatisirter Nibelunger, gefaßt und auf seine Weise in’s Werk gesetzt hat, und weil Tieck ihm ermunternd entgegen gekommen ist.
_Wo_ das Manuskript seiner Dramen -- und _ob_ es noch existirt? vermochten wir nicht zu erfahren.
Gewiß, eine traurige Empfindung, die aufgeregt wird durch den Gedanken, daß eine Dichtung, an welche ein Mensch die besten Jahre seiner Jugend gesetzt, auf welche er Hoffnungen bauete, welche von bedeutenden Männern mit Theilnahme betrachtet ward... so gänzlich verschollen ist; daß all’ sein Streben nichtig blieb.
Nun, es ist wohl Manchem so ergangen; nur, daß nicht Alle wahnsinnig darüber wurden.
I.
_Breslau_, d. 8t. Dez. 1816.
_Wohlgeborener Herr, Hochzuverehrender Herr Doktor!_
Ich schwebe mit meinem lieben Geisteskinde _Chriemhilde_ nun recht zwischen Furcht und Hoffnung, ob Sie die Sünderinn begnadigen oder verdammen werden. Wenn ich mich auf die Seite der unbefangenen kälteren Beschauung hinneige, und gleichsam von oben herab das Ganze überblicke, da treten freilich mehr und mehr Unebenheiten aus dem Gebilde hervor, die sich in horizontaler Richtung verbargen und deckten; und so bin ich jezt mit Manchem, besonders mit dem Anfange und der Mitte des Drama’s nicht recht zufrieden. Sie werden es wohl am besten beurtheilen können, inwiefern meinem guten Willen und meiner Anstrengung die dazu erforderliche Kraft entsprach. Aber Sie werden auch alle die Hindernisse, die mit diesem Stoffe und seiner dramatischen Behandlung verbunden sind, als Künstler überschauen; denn nur der Dichter kann den Dichter ganz beurtheilen. -- Ich hätte mir es freilich leichter machen können, wenn ich den Stoff mit mehr freier Fantasie behandelt, und mich in einer freieren Form mit Hinsicht auf seine äußere Gestaltung bewegt hätte. Und so ist denn, leider! durch das zu ängstliche Anschmiegen an das Epische des Urbildes viel Dramatisches untergegangen. Bei Siegfrieds Tod will ich mich aber schon mehr gehen lassen, wie man sagt, da sein Stoff sich mehr dem Drama anschmiegt. Obwohl das Lied gegen die Katastrophe hin sehr reichhaltig an Werkstoff für lebendige Darstellung scheint, so ist es doch eigentlich kein dramatischer, und so mußte ich, wie Sie es billigen werden, das Meiste bei Seite schieben, oder unter der Szene halten, um nicht ein gräßliches Bild der blutigsten Vernichtung aufzustellen.
Ich habe nun schon mancherlei, oft ganz entgegengesetzte Urtheile über meine versuchsähnliche Arbeit vernommen. Graf Brühl meinte, wenn das Stück Effect machen sollte, müßte Siegfrieds Tod drinnen vorkommen, wie im Lear die Ländertheilung, im Hamlet der Geist wesentlich erforderlich sind, um bei dem Publikum das Interesse für Chriemhildens Rache rege zu machen; eine Erzählung davon als Exposition reiche nicht hin. Siegfrieds Tod hinein zu weben, hatte Schwierigkeiten; 13 Jahre waren seit seinem Tode, und 7 Jahre seit Chriemhildens neuer Vermählung verflossen; und hätte dann, abgesehen vom chronischen Uebelstande, nicht Siegfrieds Tod wieder motivirt, und somit ein ~Quasi-Dualismus~ in die Handlung hineingeschoben werden müssen? Daß ich aber Siegfrieds Tod besonders bearbeiten will, wußte er doch. -- Prof. Rhode hingegen lehnte sich gegen die veralteten Formen der Sprache auf, wobei, wie er meint, alle Logik unterging; besonders will ihm die Konstruction des Hilfswortes _thun_ nicht behagen. Auch läßt er sich recht hämisch über ein Wort aus, was nur ein Schreibfehler war. Ueber Ein Wort!! Das nenn’ ich mir einen Theater-Direktor. -- Dem Herrn Schall gefiel die äußere Form nicht, er meinte allen Reim und besonders Assonanz vertrüge das Drama nicht: Auch ließe sich nie ein Epos als Drama bearbeiten; ich meinte wohl, daß den Drama’s erst das Epos vorausging, wie bei den Griechen es der Fall ist. -- Und so wurde mir mein Wurf zur theatralischen Darstellung vereitelt. Schall hätte es vielleicht vermocht, es hier zur Darstellung zu bringen, zumal wenn einiges im Dialog verkürzt und so die Handlung mehr zusammen gedrängt worden wäre, allein er that nicht nur nichts, sondern eiferte selbst schon gegen die Darstellung eines so blutigen Stoffes. -- In Berlin würde man das Stück vielleicht gegeben haben, wenn ich Kosacken-Tänze, Soldaten-Aufzüge, ein paar Knall-Effekte und etwa noch einen Hund hätte hinein schroten können. -- Nun haben es die Kaiserl. Kustoden der Bibliothek zu Wien von mir durch Büsching begehrt, da sie es nun auf die _Wiener_ Bühne zu bringen gedenken. -- Ich glaube nicht, daß es ihnen gelingen wird. Nun seh ich noch mit innigem Verlangen Ihrem Endurtheile entgegen, das ich mit ungeheuchelter Verehrung aufnehmen werde. Es soll mich ausschließlich bei meiner eben angefangenen Arbeit leiten. --
Ich hatte mir vor und während der Arbeit so manches Schöne geträumt, was nachher wie Wasser zerrann. Und wie manch kalter vernichtender Ausspruch von 3 Worten über mein ganzes Ringen und Trachten mußte mich nicht herzlich verwunden! -- Ich wollte nun ganz von meinem Unternehmen abstehen, als mich die freundliche Ermahnung Hagens: „Nur frisch und froh an’s Werk, und nicht den Muth verloren“ aus Venedig aufmunterte. Nun denn, so will ich’s weiter versuchen, wenn auch Sie es billigen.
Mögen Sie es gütigst entschuldigen, daß ich Sie so viel mit meinem Geisteskinde, so schwach und unbeholfen, belästige.
Zu Ihnen habe ich nun nach Ihrer freundlichen Aufnahme in Zibingen mein ganzes Vertrauen gefaßt. Möchten Sie mein Meister seyn wollen! Hier bin ich so einsam und abgeschlossen -- und Ihnen möcht’ ich gern von Zeit zu Zeit ganz mein Inneres ausschütten, den ich schon so lange innigst verehre und liebe
Ew. Wohlgeboren
ergebenster _Hermann_.
II.
_Breslau_, d. 9ten März 1817.
_Wohlgeborener Herr, Hochzuverehrender Herr Doctor!_
Ihr gütiges Schreiben vom 4. d. hätte mich wohl sehr betrüben können, wenn es am Schluße nicht einige tröstliche und freundliche Ermahnungen enthielte, die wieder mein Vertrauen zu Ihnen erwecken und beleben. Wenn ich die hier und da in Ihrem Briefe zerstreuten Andeutungen zusammenstelle, sprechen Sie nicht leise und schonend Ihr Urtheil über den gänzlichen Fehlgriff meines Versuches aus? -- Indessen bin ich Ihnen für die Freimüthigkeit Ihrer Aeußerungen um so mehr vebunden, da sie einestheils mir ein Beweis sind, daß Sie dennoch den mißlungenen Versuch einer näheren Beurtheilung nicht ganz unwürdig fanden, theils aber auch meine dunkeln Zweifel mehr noch rege machten, und mich auf den Standpunkt eines jetzt freieren Ueberschauens sezten.
Doch Sie erlauben mir Einiges hier nieder zu schreiben, nicht um Ihre Gründe und Ansichten, die auch beinah ganz die meinigen sind, zu bestreiten -- nein! ich will Ihnen nur herzlich mittheilen, was Sie auch als ein Sündenbekenntnis an- und aufnehmen mögen. -- Im Mai v. J., als ich mich, frei von aller Weltverbindung, mit heißem Eifer zu den Musen hinwandte, las ich das erste Mal die Nibelungen mit ganz freiem Gemüth, und so begeistert und unfreiwillig ergriffen sann ich nicht lange hin und her, und nur zu rasch war der Plan -- oder vielmehr nur ein Umriß eines Planes in einigen Stunden entworfen, die erste Szene noch an demselben Tage und das Ganze in noch nicht vollen 6 Wochen gefertigt. Rastlos war ich beschäftigt, mußte mir die Kenntnis der verwandten Sagen doch auch verschaffen. -- Dies und das Lastende des überwältigenden Stoffes drückte mich nieder, nicht frei beherrschte ich die ganze Idee, sondern ließ so mich von ihr beherrschen. Nur meine unwandelbare Liebe für die Herrlichkeit der Fabel konnte mich bei all den unsäglichen Schwierigkeiten, mit denen ich zu kämpfen hatte, ermuthigen. Hiezu kam auch noch, daß die verworrene Idee der Gestaltung des Ganzen gegen den Schluß hin immer mehr sich aufklärte, -- aber ich war zu weit vorgeschritten -- alles hätt’ ich über den Haufen werfen müssen -- und nun -- wie und was dagegen aufstellen? -- Dies war ein peinigender Gedanke und in ihm ging nun vollends die Freiheit meines Gemüths unter.
Und wie ich denn das Ganze gefertiget hatte, sah ich wohl hier und da manche Gebrechlichkeit -- aber doch ward es mir nicht klar, wie ich den Stoff in theatralischer Beschränkung anders wenden und handhaben sollte. Dies Eine hielt ich immer fest im Auge -- nehmlich die stäte Hinsicht auf die theatralische Darstellung, die mich freilich sehr beschränkte, und die ich nach Ihrem Winke, um das Ganze mit größeren und freieren Formen zu umschließen, hätte aufgeben sollen. Aber ich weiß nicht, ob ich mich täusche, wenn ich glaube, daß durch zu weite Ausdehnung die drastische Kraft des Drama’s wohl erschlaffen dürfte, die in gegebenen Grenzen sicherer und schöner sich bewegt. Auf der Bühne tritt das Drama eigentlich wieder in’s Leben -- ja wird da erst zum Leben. Wohl weiß ich es, welche Forderungen das schaulustige Publikum an seine Dichter macht. Deßhalb haben Sie und Göthe sich von der Bühnendichtung zurückgezogen, aber wie mich däucht mit Unrecht. Sie würden eine Nazional-Bühne haben schaffen können, wenn Sie nur wollten. Sind nicht die griechischen Dramen selbst aus der ersten Epoche, sind nicht fast alle des Shakspear’s und Calderon’s für die Bühne gedichtet?
Im Liede war die Katastrophe gegeben und gewiß mit einer Tiefe des Gemüths wie sonst nirgends in einer der verwandten Sagen -- konnte ich mich hier wie überhaupt bei der ganzen Fabel so frei und mit unbeschränkter Willkür fassen, wie etwa Shakspear es mit einer Novelle that? -- Ich glaube, die Würde der Sage, ein heiliges unverletzliches Erbe der Nazion, ließ es nicht zu. -- Und nun war der Catastrophe so viel vorausgegangen, was ich damals für Pflicht hielt in Erzählungen (mithin episch) einzuflechten -- den fürchterlichen blutigen Ausgang mußt’ ich hinter der Szene halten, und so trat denn natürlich die Wechselwirkung zwischen Drama und Epos wieder ein. Aber eben weil das schreckbare Grausen hinter dem Vorhange schwebt, ergreift es nicht minder unser Gemüth, und wird es nicht mehr zu einer Luftspiegelung in duftiger Ferne? -- Wenn auch in den ersten 2 Akten meines Trauerspiels weniger äußere Handlung ist, als in den folgenden, so habe ich dagegen eine ruhigere Entwickelung der Karaktere beabsichtigt. -- Der Strom schwillt allmählig an, und bricht überwallend und durchreißend erst später die Ufer, und dieses ruhige Fortschreiten neigt sich denn zum Epischen hin, und da war es, wo vielleicht das Urbild zu kräftig in mich herüber wirkte.
Die Mannigfaltigkeit der äußeren Form mit Hinsicht auf Sprache hat nicht Ihren Beifall. Aber darf sich denn nicht ein romantischer Stoff in reichen bunten Formen bewegen? Und haben nicht die altgriechischen Urtypen eine Ueberfülle von Mannigfaltigkeit und Abwechselung? Was soll ich von Calderon, Shakspeare in den romantischen Dramen, von Göthe im Faust, von Schiller in der Braut sagen? Und ist nicht diese Fülle auch Ihnen, freilich in einem reineren plastischen Ebenmaße, eigen? -- Der Nibelungen-Vers soll schleppend sein? Da er den streng beobachteten gleitenden Abschnitt hat, und so gewißermaßen in 2 Hälften zerfällt, so hat er wohl in sich schon Abwechselung genug, ohne das Ohr zu ermüden. Ich habe mich seiner selten, und nur da bedient, wo ein ruhiger Gang der Handlung eintritt. -- Einige Alexandriner sind unter die Trimeter eingeschlichen, und werden, schon lang wie Schlachtschöpfe roth bezeichnet, ausgeprakt werden. In dem antithesischen Dialog hab ich sie mit Willen beibehalten, was Sie auch billigen werden. -- Aber auch meine Lieder (Romanzen) sollen aus der neuen Zeit herüberklingen? Die eine -- _das Riesenweib_ -- ist im altnordischen Stil, wenn auch freie Dichtung; die zweite -- _Siegfrieds Tod_ -- nach der bekannten Sage; die dritte -- _Wolfdieterich mit den Geister-Recken kämpfend_ -- nach dem Heldenbuche gefaßt. Ein hiesiger Dramaturg und dann auch ein gewißer Kunstrichter machten mir bittere Vorwürfe, daß ich auch diese Lieder in veraltete Formen gebracht hätte. -- Diese Lieder können Sie doch nicht meinen. Aber keine anderen giebt’s nicht in diesem Trauerspiele.
Ueber die Zeichnung der Charaktere, und vorzüglich über mein Herzenskind _Dietlinde_, die ich mit vielem Bestreben rein und im Gegensatze zu Chriemhilden, durchzuführen gedachte, sowie über Hagen, Volker und _Attila_, der gewiß schwer zu fassen war, beliebten Sie auch gar nichts zu erinnern.
In Ihre vortrefflichen, wenn auch nur flüchtig hingeworfenen Bemerkungen über das _Nazionale_ stimme ich mit ganzer Seele ein, und von daher werden Sie den ersten gewagten Versuch an dem herrlichsten Denkmal des einst da gewesenen großen nazionalen Lebens theilnehmend entschuldigen, denn was stände sonst als Stoff für’s Nazional-Drama einladender da, als die reiche unerschöpfliche Quelle des Mittelalters und seiner noch früher vorangehenden Heldenzeit? -- Streng haben Sie gerichtet, aber ich verehre auch in Ihnen den Meister, und jedes Wort war mir ein lehrreicher Wink.
Und so komm’ ich denn wieder, Ihrer gütigen Einladung zufolge, mit dem zweiten Versuch: _Der Nibelungen Hort_, und lege ihn wieder Ihrer geneigten und kritischen Prüfung vor. Ich bin der deutschen Sage ausschließend treu geblieben. Was ich erfunden, glaub ich, ist dem Geiste dieser Sage nicht entfremdet. -- Der Raub des Magdthums, wie er im Liede dargestellt ist, war doch nicht dramatisch aufzufassen, und ihn hinter dem Vorhange zu halten, wäre noch ärger geworden. --
Nach einiger Zeit, wenn ich mit _Siegfried_ fertig bin, was wohl in 5 Wochen sein dürfte, will ich Chriemh. Rache noch einer Revision unterwerfen, und in die ersten 2 Akte mehr dramat. Leben zu bringen trachten.
Da ich Siegfried mit dem Hort nach Wien senden will, um die Aufführung wenigstens des ersteren zu erringen -- wenn die Riesen und die Zwerge im zweiten wieder Umstände machten -- so bitte ich Sie, mir binnen 3 Wochen das beifolgende Manuscript nebst Ihrem Resultat gütigst zurückzusenden.
Nochmals empfehle ich mich Ihrer geneigten Aufmerksamkeit für mich, und wünsche nichts sehnlicher, als mich Ihrer Freundschaft in der Folge würdiger zu machen.
Mit der innigsten Verehrung
Ihr ergebenster
_F. R. Hermann_.
=Heumann, Georg.=
Archivrath H., dessen Geheimrath Hallwachs in seinen Briefen scherzend erwähnt, und der hier in den seinigen wiederum wohlbekannte, hervorragende Darmstädter Namen mit der ihm eigenen Pietät citirt. Heumann war für D. in gewissem Sinne, was der Kanzelar Friedrich von Müller für Weimar gewesen; besonders ausgezeichneten Fremden gegenüber. Nur daß Darmstadt nicht Weimar war, und daß Heumann keinen Goethe zur Seite und im Rücken hatte.
Dagegen besaß er unschätzbare Vorzüge in Wahrheit und Aufrichtigkeit einer liebenswerthen Natur, innerlichen Enthusiasmus und kindliche Naivetät.
Täuschen ließ er sich leicht -- doch er täuschte nie, und wen er lieb gewonnen, dem gehörte sein ganzes redliches Herz.
I.
_Darmstadt_, d. 7t Mai 1844.
Werden Sie die Hand noch kennen, welche sich Ihnen, verehrtester Mann, unvergeßlichster Freund unser Aller! in diesen Zeilen naht? -- Es ist lange, lange, daß kein äußeres Zeichen die unauslöschliche, innere Liebe und Hingebung an Sie bezeugt hat, noch länger, daß ich Sie nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen. Dafür ist das über meinem Schreibtisch hängende Bild, wie anredend und ähnlich auch, kein Ersatz, nur in diesem Augenblick regt es die Phantasie lebendiger auf und giebt die freundliche Täuschung größerer Nähe. Als Sie sich, bei letztem Hierseyn, bei der Familie Hallwachs einige Zeit verweilten, war ich abwesend; durch Briefe und Erzählungen ward der Verlust dieser Tage mir nur allzufühlbar gemacht. -- Nach meiner jetzigen Lage hätte ich ihn nicht mehr zu befürchten. An Dienst- und Urlaubzeit nicht mehr gebunden, bin ich zum _wahren Frei_herrn befördert. Bedenkliche Gesundheitszustände, welche die Anstrengungen des Geschäftes nicht mehr erlaubten, welchen ich hätte erliegen müssen, veranlaßten mich, nach einigem Kampfe, zum Austritt aus dem Staatsdienst; nach bald 40jähriger Dienstzeit, ward er mir endlich auf die ehrenvollste Weise gewährt. Hinderte mich nicht noch eine weitläufige Arbeit, welche erst vollendet seyn muß, so wäre ich schon bei dem herrlichen Frühling, zur Herstellung oder doch _einiger_ Erholung meiner sehr schwankenden Gesundheit, nach Baden abgereist. In vierzehn Tagen hoffe ich es zu können und benutze vorher eine Stunde der Muße, um, mit Aufträgen verschiedenster Art, eine Gedankenreise zu Ihnen vorzunehmen. -- Vor Allen hat mir das von Dalwigk’sche Haus aufgetragen: Den Tod des Hauptes der Familie, des allgemein hochverehrten Generallieutenants und Gouverneurs der Residenz, zu notificiren, mit der Bitte, auch der Frau Gräfin Finkenstein, im Namen der Familie, Mittheilung davon zu machen. Der ältere Sohn, Reinhard v. D., welchem die Notificationen obliegen, ist in Worms als Kreisrath angestellt, von hier abwesend, und der jüngere, Alexander, derselbe welchen Sie in seinen jüngeren Jahren, Ihren Leberecht nannten und damit gleichsam die Weihe für sein rechtes Leben gaben, (woran er sich noch gern mit kindlicher Verehrung für Sie, mit Genugthuung erinnert) hat mich gebeten, Ihnen ausdrücklich Folgendes zu sagen: „Seine Erschütterung und seine Wehmuth seyen zu groß, um selbst schreiben zu können; eben habe er, um anderen freundlichen Stoffs willen, Ihnen schreiben wollen, als dieses schmerzliche Ereigniß ihn, wie ein Blitz vom hellen Himmel, getroffen habe.“ Wirklich war die Erschütterung des großen, starken, bald 40jährigen Mannes, um so ergreifender, als, bei seinem durchaus natürlichen und wahren Charakter, (der doch so gern mit Festigkeit und Entschiedenheit, die er in seinen verschiedenen Aemtern, als Richter und Intendant, so nöthig hat, auftritt) der Schmerz das klarste Gepräge des kindlichen, unüberwindlichen Gefühls eines liebenden Sohnes hatte. -- Die tief betrübte Wittwe und bedenklich kränkliche Tochter empfehlen sich gleichfalls Ihrem und der Frau Gräfin Andenken. Eine große Genugthuung war den Hinterlassenen die feierliche, auf höchste Veranlassung mit größtem militairischen Glanz veranstaltete letzte Ehre des allgemein durch alle Stände beliebten ritterlichen, edlen Mannes. Prinz Emil übernahm selbst das Commando; -- die Prinzen des Hauses folgten, mit einem unübersehbaren Zuge. -- Die ergreifende Scene am Grabe werde ich nie vergessen. Von der Schwester der Frau v. D., -- W. Rehberg in Hannover sind die Nachrichten betrübend. Helene leidet an einer unheilbaren _Herzkrankheit_, wie es scheint. In dieser durch jede Eigenschaft des Geistes und Herzens so hochgestellten Familie endet es nicht glücklich!
Noch Einiges über unsere Theaterzustände und den neueren Intendanten, welcher wie ein ~deus ex machina~ hervorsprang. Alexander v. D. ist nun bereits seit zwei Jahren die Führung des Hoftheaters von dem Großherzog, -- welcher großes Vertrauen in seine redliche Gewissenhaftigkeit und unermüdliche Thätigkeit, seinen ehrenhaften Charakter setzt, wovon er ihm erst neuerlich aus eigener Bewegung durch Beförderung zur Oberfinanzkammer Beweise gegeben, -- übertragen worden. Wie bescheiden er auch Anfangs das ganz unerwartete abzulehnen suchte, als ohne Erfahrung und hinlängliche Einsicht, sollte der Kelch doch nicht an ihm vorübergehen, und er hat ihn bereits mit Standhaftigkeit bis auf den bitteren Grund geleert. Doch scheint auch für ihn, bei seiner Liebe für schöne Literatur (und Geschichte) und seiner Liebhaberei an Theatereinrichtungen und Vorstellungen von Jugend auf, ein Zaubertrank hineingemischt, denn eine _solche_ Beharrlichkeit und unermüdlich-thätige Ausdauer in so schwankenden Theaterzuständen wie die hiesigen, wo Hemmungen, Störungen, Quertreibereien und Einflüsse von allen Seiten, wie es namentlich bei Hoftheatern kleiner Residenzen unvermeidlich scheint, -- mit zufälligen, hindernden Umständen sich kreuzen, -- so viel Unverdrossenheit bei so vielem Verdruß und noch nicht überall hinlänglich gewonnener Ruhe, sie viel Uneigennützigkeit und Gewissenhaftigkeit bei keinem Lohn, als dem der sogenannten, mit Undank oft theuer genug erkauften, Ehre, ist mir noch nicht vorgekommen und wird mir nur begreiflicher, wenn ich bedenke, daß mich auch schon seit meinen Jugendjahren das Gelüste anwandelte, an dem Rande dieses Kraters herumzuspatzieren, und daß die Liebe zu Poesie und Kunst, namentlich zur dramatischen, auch bei mir oft Leidenschaft war, -- heimlich? (nein öffentlich!) noch ist. -- -- --
Weil Leberecht nun den Augiasstall der Mißbräuche, Anmaßung, Unordnungen, und Regellosigkeit mit scharfer Gabel gemistet, ökonomisch, polizeilich und conservativ verwaltend, mit etwas strenger Consequenz zu einem sicheren Standpunkt gelangt ist, sich über eigene, anfängliche Mißgriffe belehrt und das Ab- und Zuthun mehr gelernt hat, -- nachdem er den intriguanten, insolenten, unwahren Herrn Becker (er ist Ihnen wohlbekannt!) als _Regisseur_ beseitigt hat, ihn nur als gewandten, brauchbaren, beliebten Schauspieler tolerirt, ihm aber dabei beständig das Schwerdt des Dionys durch nur immer _ein_jähriges Engagement über dem Haupte schweben läßt, seit er die Primadonna-Wirthschaft abgestellt, -- gute Engagements geschlossen, an Erfahrung, Einsicht und Urtheil zunimmt, -- ist das Schwerste überstanden und zu erwarten, daß nächsten Winter sich das Theater sehr heben wird. -- Es stellt sich übrigens auch hier die Wahrheit heraus, daß ein Theaterregiment, mehr als ein anderes, Feinde macht und zwar desto mehr, je gewissenhafter es geführt wird. -- Der Intendant hatte die große Freude, seinen Eifer, den Sommernachttraum, ungeachtet aller Hindernisse, zur würdigen Aufführung zu bringen, glänzend belohnt zu sehen. Er wollte Ihnen seine Freude, -- Verehrung und Dank, -- durch einen kleinen Bericht darüber bezeugen, -- aber das plötzlich eintretende traurige Ereigniß hielt ihn ab. Ich thue es statt seiner nun mit Freuden. Welche Genugthuung empfanden namentlich Ihre vielen Verehrer und Freunde! Es war für die gewählte, mehr als je _einmüthig_ gestimmte Versammlung einer der interessantesten und heitersten Theaterabende der ganzen Saison. Mein Neffe Sartorius, welcher sich angelegentlichst empfiehlt, zieht die Darstellung in _manchen_ (selbst wesentlichen) Einzelheiten, namentlich in der Besetzung und zwar ausdrücklich in der _Rolle des Puck_, der Berliner vor. Der beiliegende Aufsatz von einem anständigen Litteraten (leider haben wir der unanständigen und unverständigen mehr als Musen sind) -- Herr August Schnetzler dürfte Sie interessiren und, wie ich auch noch Manches hinzuzufügen hätte, _mein_ Referat pleonastisch machen. -- In vielen andern Blättern wurde mit lebhafter Anerkennung davon gesprochen, in der Mainzer enthusiastisch. -- Ich habe es versucht, in einem kurzen Abriß, nur über den Erfolg, mein Scherflein beizutragen und Herrn von Küstner, um die Vermittlung des Einrückens unter die Kunstnachrichten der Pr. Staatszeitung gebeten. -- Wir sind voll Verlangen zu hören: „Shakespeares Sturm“ sey gegeben; stürmisch werden wir uns auch seiner bemächtigen! --
Noch habe ich die herzlichsten Empfehlungen von der Familie des Geh. Raths Hallwachs, von Höpfner und meiner Schwester auszurichten, auch an die Gräfin F., und die innigsten Wünsche für Ihr Wohlseyn, womit sich vereint Ihr ewig liebender
Freund und Verehrer _G. Heumann_.