Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band
Part 27
Erst am nächsten Tage ward der Irrthum aufgeklärt und Clauren stattete dem unschuldigen Stuttgarter eine Deprecations-Visite ab.
_Stuttgart_, 30ten März 1827.
_Mein sehr verehrter Herr!_
Sie erinnern Sich vielleicht, wenn Sie die Unterschrift dieses Briefes lesen, meiner noch als eines jungen Mannes der Sie während seines Aufenthalts zu Dresden zuweilen besuchen durfte. Wie gerne ich immer kam, haben Sie vielleicht gesehen; war es mir doch als ich von Dresden wegging, als sey ich nur in Ihrem Hause gewesen. Ich mache die alte Erlaubniß geltend, Sie an diesem Abend wieder zu besuchen: o daß ich den kleinen heiteren Zirkel wiedersehen, die Stimmen alle hören könnte, welchen ich so gerne lauschte! Doch eine Stimme möchte ich vor allen vernehmen: es ist die Ihrige -- über mich.
Sie haben mich beym Abschied wohlwollend aufgefordert fleißig zu seyn; ich habe es versucht und wieder versucht, aber ich fand, es fehlt mir der Muth. Als ich unbekannt mit der Welt in Schwaben lebte, war ich muthig, unverdrossen; als ich Länder und treffliche Männer gesehen hatte und an Erfahrungen reicher heimkehrte, begann der Muth, das Selbstvertrauen mir zu mangeln. Nun ist der Frühling wieder über unsern Bergen aufgegangen und ich fühle mich kräftiger, wenn nicht vertrauensvoller. Doch ehe ich mich an die Arbeit wage, will ich zuvor Sie fragen, ob Sie glauben, daß es räthlich sey zu beginnen?
Ich möchte nemlich die Kämpfe in Tyrol im Jahre 1809 in den Rahmen eines Romans fassen. Ich liebe Gegend und Volk jener Berge und in neueren Zeiten scheint mir kein Bild so intereßant, als dieser Streit zwischen reinem Patriotismus und dem Ehrgefühl einer stolzen Armee, zwischen redlichen, einfältigen Sitten und den Erfindungen und Künsten der Menschen.
Ich fühle nun in mir ein Bedürfniß nach Trost und Ermunterung zu diesem Werk, und lieber laße ich das Bild in seinen ersten Umrißen, als daß ich es ohne Ihre Zustimmung beginne. Diese Bitte um ein Paar Zeilen guten Rathes könnte sonderbar und lästig erscheinen, wenn es nicht von alten Zeiten her Sitte gewesen wäre, daß die Jünger ihre Meister um Rath fragten. Auf das Urtheil öffentlicher Critik, wie sie _gewöhnlich_ heut zu Tage betrieben wird, darf ich umsoweniger hören, da sie mir zuweilen ohne Grund schmeichelte, mich zu verwunden suchte, ohne mir meine Blößen anzudeuten.
Sie wohnen zu hoch über dieser Region, als daß die Stimmen zu Ihnen drängen; Sie vernehmen sie wie ein sonderbares, undeutliches Murmeln; ob für eine einzelne, bittende Stimme aus der Ferne Ihr Ohr geöffnet sey, habe ich versucht auch auf die Gefahr hin, für unbescheiden zu gelten.
Ich wünsche Sie möchten versichert seyn, daß mich zu diesem Briefe, welchen ich zu schreiben einige Tage zauderte, nur ein offenes, redliches Herz und jene Bewunderung, jenes ehrfurchtsvolle Zutrauen bereden konnten, womit ich bin
Mein sehr verehrter Herr!
Ihr ganz ergebener ~Dr.~ _Wilhelm Hauff_.
=Hebbel, Friedrich.=
Geb. zu Wesselburen in Dithmarschen am 18. März 1813, gest. in Wien am 13. December 1863.
Was der zweite dieser Briefe an Innigkeit des Gefühls -- bei einem so exclusiven und zurückhaltenden Manne wie Hebbel zweifach bedeutsam -- kund thut, das kam aus wahrem, aufrichtigsten Herzen. Zwei verschiedenere Menschen kann es auf Erden kaum noch geben, als Tieck und Hebbel ihrem Seyn, Wesen und Dichten nach gewesen sind. Dennoch erkannten sie sich und waren gerecht gegen einander. Mit tiefer Rührung pflegte Hebbel von seinem letzten Besuche bei Tieck zu erzählen, wo dieser ihm aus dem Krankenbette heraus die Hand gereicht, ihn „vor seinem Abscheiden von der Erde“ noch einmal begrüßt, und ihm _Lebewohl_ zugerufen hatte: „für _dieses_ Leben!“
I.
_Hamburg_, d. 21ten April 1839.
_Hochverehrter Herr!_
Im Julymonat vorigen Jahres war ich so frei, Ihnen von _München_, meinem damaligen Aufenthaltsorte, aus ein Manuscript, enthaltend einen komischen Roman, eine Erzählung und ein Märchen, zu übersenden. Ich bin inzwischen nach Hamburg zurückgekehrt und habe Aussicht, bei einem hiesigen Buchhändler meine Arbeit anzubringen, befinde mich aber leider nicht im Besitz einer Abschrift. Ich muß Sie daher angelegentlichst ersuchen, mir das vorgedachte Manuscript gütigst sogleich remittiren und die Mühe, die ich Ihnen aus Anlaß einer sehr bedrängten Lage durch die Sendung machte, entschuldigen zu wollen.
In der Ueberzeugung, daß ich diesmal keine Fehlbitte thue, bin ich
mit der vollkommensten Hochachtung, hochverehrter Herr,
Adresse: Stadtdeich Nr. 43 bei Herrn _Ziese_.
Ihr ganz ergebenster _Friedrich Hebbel_, ~Literat~.
II.
_Hamburg_, d. 17. Febr. 1840.
_Hochverehrter Herr!_
Wenn ich meine hohe Freude über den Empfang Ihres Briefs vom 23. Juny v. J. nicht sogleich aussprach, so werden Sie den Grund leicht errathen haben. Ich mogte Ihnen mit Versicherungen, die sich von selbst verstehen, keinen Ihrer Augenblicke rauben, und je höheren Werth ich darauf legte, daß Sie mich auch für die Zukunft zu einem für mich so ehrenvollen Vertrauen ermunterten, um so weniger konnte ich mich entschließen, Ihnen leere Allgemeinheiten zu schreiben. Nur auf Einen Punct, den Sie, widerlicher Erfahrungen gedenkend, in Ihrem Briefe anregten, hätte ich Ihnen Etwas zu erwiedern gehabt; ich hätte Ihnen aus voller Seele zurufen mögen, daß die Verehrung, die ich Ihnen zolle, durch persönliche Rücksichten so wenig verringert, als noch erhöht werden kann, und daß ich, einer schnöden Parthei gegenüber, die ihre Furcht und ihr Zittern hinter eitler Arroganz zu verstecken sucht, ewig meinen Stolz darin setzen, ja, meine Pflicht darin sehen werde, einem Mann, der aller Zeit angehört, so viel an mir liegt, den ihm gebührenden Tribut darzubringen.
Jetzt erlaube ich mir, von dem Vertrauen, zu welchem Sie mich aufforderten, Gebrauch zu machen. Ich habe ein Trauerspiel geschrieben, das ich zur Aufführung zu bringen wünsche, und ich nehme mir die Freiheit, Ihnen hiebei ein Exemplar desselben zu übersenden. Ich ersuche Sie um freundliche Vermittelung bei der dortigen Bühne, vor Allem aber bitte ich Sie um Ihr Urtheil, das mir bei diesem Werk, welches mir ganz aus Geist und Herzen floß, und welches ich, bei klarer Erkenntniß vieles Tadelswerthen und Mangelhaften in den Einzelheiten, dennoch in seiner Totalität nicht für mißlungen halten kann, von der höchsten Wichtigkeit ist. Ein einfaches Wort von Ihnen, es sey günstig oder nicht, ist mir mehr, als ein Trompetentusch der gesammten deutschen Journalistik, den ich leicht hervorrufen könnte, wenn ich nur zu Gegendiensten bereit wäre. Eine lyrische Fontaine werden Sie nicht finden; ob ich aber nicht auf der entgegengesetzten Seite zu weit gegangen und in der dramatischen Concentration hie und da zu starr geworden bin, das ist es, was ich von Ihnen zu erfahren wünsche. Ich selbst erlaube mir über mein Stück nur die eine Bemerkung, daß es in sehr kurzer Zeit entstanden ist.
Sie werden verzeihen, daß ich mein Trauerspiel, statt es direct bei der Direction des Theaters einzureichen, an Sie zu schicken wagte; auch werden Sie mir, wie ich hoffe, in Berücksichtigung des Dringlichen einer solchen Angelegenheit eine möglichst baldige Antwort zu Theil werden lassen.
Ich bin und verbleibe, hochverehrter Herr,
mit vollkommenster Hochachtung
Ihr aufrichtigster Verehrer _Friedrich Hebbel_. ~_Addr._: Stadtdeich Nr. 43.~
=Hegner, Ulrich.=
Geb. 1759 in Winterthur, gest. am 3. Jan. 1840 in Zürich, als Regierungs-Mitglied. --
Dessen 1812 erschienene Erzählung: die Molkenkur hat wohl die meiste Verbreitung gefunden. Ueber „Saly“ gingen die Urtheile sehr auseinander; Solger z. B. stimmte mit Tieck’s günstiger Meinung wenig zusammen.
Seine „Gesammelten Schriften“ sind in fünf Bänden (1828) ausgegeben worden.
I.
_Winterthur_, 17. August 1831.
Ihr Brief, mein verehrter Freund, (wer meine Kinder liebt, ist mein Freund, und verehrt war mir der Name Tieck schon lange) hat mir große Freude gemacht; ich hab ihn erst den 28. Juli erhalten, und seitdem einige kleine Reisen unternommen, die mich an der Antwort hinderten. Aber was soll ich Ihnen antworten, lieber möchte ich Sie sehen und sprechen, da wollten wir uns bald verstehen! Denn wenn ich Ihnen jetzt von dem wohlthätigen Eindruck schreibe, den Ihre Schriften, besonders Sternbalds Wanderungen, vor Jahren auf mich gemacht haben, so sieht das aus, wie ein schuldiges Gegencompliment, weil unsre nähere Bekanntschaft erst angeht und wir einander noch persönlich zu fremde sind. Und doch ist es wahr, ein köstlicher Fund war mir damals jenes Buch, so wie die Phantasien über die Kunst und Phantasus. Die schöne, einfache Sprache, echte Empfindung, der zarte originelle Sinn, und die menschliche Schätzung des Höheren, die ich darin fand, waren mir tröstende Erscheinungen in einer düstern Lage, wo ich mich gerade von dem Gegentheil jener schönen Eigenschaften umgeben glaubte. Daher ist mir der Handschlag, den Sie mir bieten, höchst willkommen, und an mir soll es nicht fehlen, denselben auf das freundschaftlichste zu erwiedern.
Sie verlangen einige Aufschlüsse über die Entstehung von Saly. -- Bis zu unserer Revolution bekleidete ich eine Stelle, die schon seit bald dreyhundert Jahren auf meiner Familie beruhte, und mich mit Hohen und Niedern bekannt machte, die Landschreiberey der Grafschaft Kyburg. Durch die politische Veränderung hörte dieß sogenannte aristokratische Privilegium auf, ich kam von der Stelle weg, und nach Zürich in das Appellationsgericht, das damals wie beynahe alle andre Behörden größtentheils mit Revolutionsmännern besetzt war. Da lernte ich nun alle politischen Partien (ich war von keiner, weil beyde extravagirten) und ihr geheimes Treiben ziemlich genau kennen, um so viel besser, da ich drey Jahre im Hause und am Tische Lavaters lebte, dessen thätiger Geist und Vielwirksamkeit von allen Seiten in Anspruch genommen ward. So drängte sich in mir ein klares Bild jener merkwürdigen Tage zusammen, und ließ mir keine Ruhe, bis ich es auf’s Papier warf, als einen Spiegel jener Menschen und Zeiten, wobey ich aber, alle Porträte sorgfältig vermeidend, es in den Roman einkleidete, der, wie seine Anlage zeigt, weiter ausgeführt werden sollte. Allein als ich bis zum wirklichen Ausbruche der Umwältzung und der neuen stürmischen Organisation kam, fiel mir die Feder aus der Hand, weil ohne individuelle Bezeichnungen, und dadurch unausbleibliche Störungen meiner Ruhe, das Geschichtliche nicht weiter hätte fortgeführt werden können. So blieb das Bruchstück mehr als zehen Jahre lang liegen, und kam nur in die Hände weniger Freunde, bis es endlich, nachdem die erste Molkenkur schon lange erschienen war, den Weg unter die Presse fand. In der Schweitz wurde es häufig gelesen, in Pallästen (hätte ich bald gesagt, wenn wir welche hätten) wie in Hütten; aber nie wäre mir ein Gedanke daran gekommen, (weil es so ganz örtlich und vaterländisch ist) daß es auch auswärts theilnehmende Leser fände. Desto besser, weil unerwartet -- und eine große Ehre und Freude für mich, daß selbst ein Tieck dem Werklein seinen Beyfall gibt. -- Meine Absicht war, und spuckt mir noch zuweilen im Kopf herum, den alten christlichen Weltweisen in Brem (weggerissen).... aus der aufgestörten Schweitz hinweg und mit einigen (abermals weggerissen)... nach Holland ziehen zu lassen, und Klara sollte ein Tagebuch darüber führen. Aber wie es geht, wenn man eine Arbeit lange beyseits gelegt hat, man fängt unterdessen andre an, und kann und mag nicht mehr an die alte gehen.
So viel von mir. Jetzt wünschte ich aber hinwiederum auch etwas von Ihnen zu hören, das heißt, von Ihrem Leben und Treiben. Ich glaubte, Sie lebten in Berlin, jetzt sehe ich, daß Sie in Dresden sind; wollen Sie mich nicht auch etwas von Ihrer persönlichen Lage wissen lassen? Ich lebe hier in einer kleinen Handelsstadt, wo ich (ich weiß nicht, soll ich sagen leider oder nicht) gar keinen litterarischen Umgang habe, und nichts von vorzüglichen Menschen erfahre, als was ich aus Journalen herausbringe. -- Gibt es kein gestochenes Bild von Ihnen, damit ich mir auch eine leibliche Vorstellung von Ihnen machen könne? Begreift der angekündigte Shakespear seine sämmtlichen Schauspiele und eine ganz neue Uebersetzung? Sind die Gedichte schon heraus? -- Kurz wenn Sie mich mit einem Briefe erfreuen wollen, so thun Sie es bald, und lassen mich auch so genannte Kleinigkeiten von Ihnen wissen, denn diese sind von Männern, die man schon lange im Großen kennt und schätzt, nie unbedeutend.
Herzlich grüßend
der Ihrige _U. Hegner_.
Addr.: _V. Hegner zum Frieden_ (denn es giebt hier noch mehrere meines Geschlechts -- ohne weitern Titel).
Hrn. Brekling bitte zu grüßen. Er schreibt mir zuweilen, gibt mir aber seine Addresse nie, so daß ich nicht antworten kann.
II.
_Winterthur_, 17. Febr. 1829.
Ich habe, Verehrtester, etwas auf dem Herzen, das ich abladen muß. Schon Herr Reimer schrieb mir aus Dresden, daß Ihr Aufenthalt allhier Sie nicht nach Erwartung befriedigt habe, und Hr. Follen hat mir dieß neulich noch des weitern bestätigt. Da es mir nun schmerzlich wehe thäte, mein liebevoller Tieck, etwas von Ihrer Achtung zu verlieren, so fühle ich mich zu einiger Erklärung meiner _scheinbaren_ Zurückhaltung gedrungen.
Von Kindheit an war ich ein sehr einsamer Mensch, wodurch ich mir eine anfängliche Verlegenheit unter Fremden zugezogen habe, die ich mir nicht mehr abgewöhnen kann. Sie hingegen sind ein in Gesellschaft verbreiteter Mann, von leichtem Umgange. Sie sprechen sehr gut; ich kann gar nicht sprechen, das macht mein Reden mir selbst langweilig, (weggerissen)... andern. Und so geht, ehe ich zum vertraulichen Worte komme, gewöhnlich die Zeit verloren.
Hätte ich Sie nur ein paar Tage allein bey mir, so würden unsre ~opposita~, alsdann ~juxta se posita~, statt schroffer sich zu zeigen, wahrscheinlich bald in Einklang kommen; denn im Grunde sind wir doch Eines Geistes (wenn auch nicht quantitativ), und der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch äußerlicher Angewöhnung ist wenig nütze, ist Unkraut, das wenn es auch heute noch stände, schon morgen in den Ofen geworfen seyn würde.
Ich hätte freylich auch gewünscht, länger mich mit Ihnen unterhalten zu können, aber da Sie äußerten, daß Sie nach Tische verreisen wollten, so mußte ich doch vor Tische gehen; ich besorgte überdies die Frauenzimmer zu geniren. Hätten Sie mir nur ein Wort vom Bleiben gesagt, wie gerne wär ich geblieben!
Nehmen Sie diese Herzenserleichterung auf, wie sie gemeint ist, theurer Mann, als den Wunsch, nicht in Ihrem freundschaftlichen Andenken verloren zu haben, und lassen Sie mir dasselbe ferner gewähren!
_Ulrich Hegner_.
=Heiberg, Johann Ludwig.=
Geb. den 14. Decbr. 1791 in Kopenhagen, wurde 1849 Direktor des dortigen K. Theaters. Obwohl seine vorzügliche, anerkannt produktive Thätigkeit sich im Lustspiel und dramatischen Märchen bewegt, hat er doch auch verschiedene Erzählungen geliefert, die in deutscher Uebertragung verbreitet sind. Er ist in seinem Vaterlande sehr beliebt, und verdient es gewiß. Aus denjenigen seiner Arbeiten, die hier zu Lande bekannt wurden, ließ sich aber schwerlich errathen, daß er einer der eifrigsten Anhänger Hegel’scher Philosophie sei, was er jedoch wirklich ist, oder wenigstens war.
An Herrn Ludwig Tieck in Dresden.
_Kopenhagen_, den 5ten May 1827.
Zwar darf ich nicht hoffen, von Ihnen, auch nur dem Namen nach, gekannt zu seyn. Leider ist unser Land so klein, und unsre Literatur eben deswegen so wenig nach dem Auslande verbreitet, daß selbst derjenige, der zehnmal so viel für dieselbe gethan hätte, als ich mich gethan zu haben rühmen darf, dennoch eines besonderen literarischen Paßes bedarf, um seinen Namen über die Grenze unbehindert paßiren zu lassen. Auch bin ich nie in Dresden gewesen. Ich habe mich während drey Jahren in Paris aufgehalten, ging aber auf der Hinreise über London, und hatte auf der Rückreise durch Deutschland so große Eile, daß ich den kürzesten Weg nehmen mußte. Später bin ich während einiger Monate in Berlin gewesen, wo ich besonders mit den Herren Professoren Hegel und Gans in genauerer Verbindung stand; allein auch damals wurde mein Plan, von dortaus Dresden zu besuchen, vereitelt.
Die Veranlassung aber zu diesem Briefe ist ein Packet Bücher, das ich vor einigen Tagen so frei gewesen bin, Ihnen zu schicken. Ich habe es an unsere ~Chargé d’ affaires~, den Herrn von Irgens-Berg in Dresden adressirt, von dem Sie es binnen kurzer Zeit erhalten werden; und auch dieses hat wiederum eine Veranlassung, zu deren kurzen Erörterung ich mir Ihre Erlaubniß ausbitte.
Ich habe seit zwey Jahren einige _Vaudevillen_ für die hiesige Bühne geschrieben; ich sage: _geschrieben_, denn ich habe mich wohl gehütet, fremde Arbeiten dieser Art auf dänischen Boden roh zu verpflanzen, oder, wie man es gewöhnlich nennt, zu _bearbeiten_. Meine Absicht war, die Neuerungssucht, die jetzt im Publikum herrscht, indem sie ihm für das Alte den Sinn mehr und mehr benimmt, und so manches Abgeschmackte herbeigeführt hat, einmal, wo möglich, zu einem löblichen Zwecke zu benutzen, d. h. zur Wiedererweckung des unserm Volke tief eingewurzelten Sinnes für das Local-Comische, eines Sinnes, der aber seit Holbergs Zeiten kaum einige Nahrung erhalten hat. Wie ich nun zugleich gesehen hatte, daß eine höchst mittelmäßige Posse, _Die Wiener in Berlin_, von Demoiselle Pohlmann und deutschredenden Dänen nicht besonders gut ausgeführt, beym hiesigen Publikum Eingang finden konnte, so mußte ich mich überzeugen, daß selbst in den schlechtesten Stücken dieser Art ein gewisser Melodienzauber herrschen könne, und diesen beschloß ich daher zu einer wahrhafteren comischen Wirkung zu benutzen. Es schien mir nämlich, daß auch das Vaudeville zu einer dramatischen Kunstart herausgebildet werden könne, und daß eine solche Ausbildung, beym Stand der hiesigen Bühne, nicht ohne poetisches Verdienst sein würde. Meine sonstigen Ansichten dieses Gegenstandes habe ich in einer besonderen dramaturgischen Abhandlung, die in dem besagten Packete zugleich befindlich ist, weiter aus einander gesetzt. Wie gesagt, schrieb ich dann einige local-comische Vaudevillen, die aufgeführt und mit einem hier unerhörten Beyfall aufgenommen wurden. Jetzt aber entstand unter den Literaten die Frage, ob diese neue Richtung ein Schritt vorwärts oder rückwärts zu nennen sey. Es ist natürlich, daß ich der ersten Meinung bin; es ist eben so natürlich, daß Leute, die Ihre gerechten Aeußerungen gegen die jetzige Rohheit der Verfasser, welche, die Dichtarten und die Localitäten verwechselnd, dasjenige, das in einer gewissen Kunstsphäre gut ist, in eine andere ganz mechanisch überführen und verderben, und welche ferner nur auf das Aeußere und Zufällige in der Kunst bedacht sind; -- es ist natürlich, sage ich, daß Leute, die Ihren gerechten Eifer gegen diese Pfuschereien kennen, ohne ihn recht verstanden zu haben (denn daß Sie Müllner, Grillparzer und Houwald tadeln, und H. v. Kleist rühmen, das werden diese Leute nie verstehen) -- daß sie, sage ich, sich Ihrer, als einer schlecht verstandenen Autorität, bedienen, um die von Ihnen ausgesprochene Misbilligung nachgeäffter französischer Witzspiele auf meine Arbeiten anzuwenden, die doch in einem ganz anderen Sinne entworfen und ausgeführt sind, und wenigstens keine unverdaute Aufnahme fremdartiger Substanzen, sondern, wie ich mir schmeichle, eine nationale Assimilation sind. Ich darf glauben, daß ich Ihre dramaturgischen Schriften mit größerer Einsicht gelesen habe, als die meisten unserer Theater-Kritiker, und bin der Meinung, daß Sie meine Vaudevillen als recht lobenswerthe Bestrebungen nach einem richtigeren Geschmack anerkennen werden. Vielleicht aber, daß ich mich darin geirrt habe. Auf jeden Fall wünsche ich recht sehr, Ihr aufrichtiges Urtheil darüber zu vernehmen. Ich habe daher mir die Freyheit genommen, Ihnen alle diese Kleinigkeiten zu schicken. Sie verstehen die dänische Sprache, Sie sind ein berühmter Kenner von Holberg, und Sie sind beynahe der Einzige, der in jetziger Zeit für die Sache der wahren Kunst gegen Uebertreibungen, Mißverständniße und Thorheiten aller Art kräftig redet. Haben Sie daher die Güte, bey Gelegenheit meine kleine Bühnenstücke so wie die dramaturgische Abhandlung durchzublättern und mir Ihre Meinung darüber, wenn auch nur in aller Kürze, mitzutheilen. Sie werden mich dadurch, sogar im Falle eines ungünstigen Urtheils, ganz besonders verpflichten.
In demselben Packete finden Sie auch ein von mir, _auf Verlangen der hiesigen Direction_, bearbeitetes fremdes Vaudeville: Die 7 Mädchen in Uniform. Ich habe es nur deswegen beygelegt, damit Sie sehen mögen, daß Ihre kurzen Bemerkungen über diese Kleinigkeit bey meiner Bearbeitung nicht ohne Einfluß gewesen sind. Zugleich werden Sie die bis jetzt erschienenen Nummern eines von mir seit Neujahr redigirten Wochenblattes vorfinden.
Ich weiß nicht, ob meine deutsch geschriebene Nordische Mythologie nach der Edda und Oehlenschläger, die zur letzten Michaelismesse erschien, Ihnen zu Gesicht gekommen ist. Ich würde sie beygelegt haben, wenn ich nicht gefürchtet hätte, das Packet sey schon zu groß geworden.
Ihr Freund Oehlenschläger hat ein neues Trauerspiel „Vaeringernd i Myklegard“ geschrieben, und beschäftigt sich jetzt mit einer deutschen Uebersetzung davon.
Verzeihen Sie gütigst meine Zudringlichkeit.
Mit besonderer Hochachtung ganz ergebenst
_J. L. Heiberg_, ~Dr. phil.~
=Hensel, Wilhelm.=
Geb. den 6. Juli 1794 zu Trebbin, Professor an der k. Akademie der Künste in Berlin, und Historienmaler. Die geist- und tonreiche Schwester Felix Mendelssohns war seine Gattin. Als junger Mann trieb er auch Poesie, und mit glücklichem Erfolg. Sein Lustspiel: „Ritter Hans“ ward beifällig aufgenommen. Mit dem theuren Freunde Wilhelm Müller und Andern im Vereine gab er (1816) Gedichte heraus unter dem Titel: Bundesblüthen.
Für die hervorragendsten der von ihm gemalten Kunstwerke werden „Herzog von Braunschweig vor der Schlacht von Quatrebas“ und sein „Christus vor Pilatus“ (in der berliner Garnisonkirche) gehalten.
_Berlin_, den 11ten July 1829.
Dieser Brief ist kein Empfehlungsbrief, höchstens einer mich selbst wieder zu empfehlen nach so langer Zeit, und ich habe die freundliche Ueberbringerin gebeten, dies besser zu thun. Durch sie hoff’ ich auch recht viel zu hören von Ihnen, denn sie weiß was man gern hat, und kann es sagen auch. Jeden der aus Dresden kam hab’ ich ausgefragt, hier und in Rom, nie aber war mir genug was ich erfuhr. Neulich hatt’ ich die angenehme Ueberraschung Frau von L. zu sehen, und gleich waren wir bei Ihnen und Ihrem Kreis. Zu meiner Beruhigung hör’ ich, daß es mit Ihrer Gesundheit jetzt besser geht, was denn immer ein Vortheil für uns Alle ist; wodurch die Theilnahme an Ihrem Wohle allerdings egoistisch erscheint. Indessen wissen Sie doch auch wohl wer Sie nicht blos Ihrer Werke wegen liebt, und lassen sich auch von mir ferner die alte Doppelliebe gefallen. Die treuste Anhänglichkeit hab’ ich Ihnen und den verehrten Ihrigen gewiß stets bewahrt; möcht’ ich dagegen hoffen dürfen, daß auch in Ihrem Kreise noch mein Andenken lebt!
Ich gebe den Gedanken nicht auf einmal selbst nachzufragen, wollt’ es auch schon auf der Rückreise von Italien thun, mußte dann aber rasch meinen Bildern nach. Was sich seitdem in Leben und Kunst mit mir zugetragen, wissen Sie in den Hauptpunkten durch gemeinschaftliche Freunde bereits. Wollten Sie Näheres hören kann Fräulein Saling (Marianne?) meine liebe künftige Cousine, die beste Auskunft geben.
Diese Worte sind in Eil geschrieben, es ist ein Tag voller Sitzungen heut und morgen früh ist der Brief schon Dresden näher als ich. Dresden --! wieviel Erinnerungen knüpfen sich an den Namen in mir! Wehmüthige auch. Aber doch steht er leuchtend in mir, und ich möchte _Sie_ wiedersehn!