Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band
Part 26
Ihnen, mein guter Tiek, intressirt das Schicksal Ihres Freundes zu sehr, als daß ich nicht mit Gewißheit voraussehen sollte, daß Ihnen die Nachricht einer wichtigen und freundlichen Veränderung meiner Lebens Weise angenehm seyn würde. -- Ich bin versprochen, und zwar auf eine, mir selbst kaum begreifliche, zufällige, schnelle Weise versprochen; Meine liebe Braut, ist eine Frl. v. Uttenhoven von hier; Ihr Vater ist Geh. Kammerrath; -- Meine Caroline ist ein liebes, einfaches, weibliches Wesen; der heilige Ernst fehlt Ihr nicht, und Ihre zärtliche Liebe macht mich so glücklich, als ich hier auf dem Boden der Prüfung noch werden konnte. -- Es kömmt mir noch mannigmal vor, als träumte ich, und kaum wage ich es, die frohen Stunden fest zu halten; Werde ich glücklich, so ist es nur der Seegen meines Friz, der mich ewig umschwebt; er war und ist mein Genius des Himmels; und was ich genieße, habe ich nur durch ihn. -- Wahrscheinlich werde ich nun den Winter hier zubringen; -- In Weissenfels sieht es noch trüb und traurig aus; dort ist der Frieden entflohen; Meine gute Schwester wird wohl bald ausgelitten haben. -- Desto theurer ist mir mein jetziges Verhältniß; ich hätte das Alles nicht ertragen, hätte mir der Himmel nicht auf einer andern Seite frohe Aussichten gezeigt; -- Sollte ich noch länger auf der Erde bleiben, so mußte ich wieder gefesselt werden; für mich war Alles locker und lose geworden. -- Mit F. Schlegel habe ich bey meiner Durchreise nur wenige Worte gesprochen; ich bin ganz mit Ihnen, wegen der Herausgabe der nachgelassenen Schriften, einverstanden; machen Sie es ganz nach Ihrem Sinne; Sie guter Tiek, kannten unsern Friz am tiefsten in Hinsicht seiner litterärischen Arbeiten, und Sie können auch am Besten urtheilen, was dem Druck kann übergeben werden; Nur eine kleine Auswahl unbedeutender Aufsätze aus frühern Jahren behalte ich mir vor; Wie? und Wann? Ihnen die Papiere schikken? kann ich zwar noch nicht genau bestimmen, doch denke ich, in einigen Monaten gewiß. -- Haben Sie die _Lehrlinge von Sais_? es ist das einzige Manuscript, das mir fehlt. -- Für die Aenderungen in dem Liede in Ihrem Musen-Almanach, der mich unendlich freut, den herzlichen Dank; ich fühle jetzt wie nothwendig sie waren. -- Haben Sie Zeit, guter Tiek, so schreiben Sie mir doch einmal hierher; können Sie mir dann vielleicht einige meiner Lieder corrigirt mitschikken? Adjeu; Ewig
Ihr
_Carl Hardenberg_.
IX.
_Meiningen_, d. 18ten Januar 1802.
Ihren Brief vom 26ten Dezbr. erhielt ich in den ersten Tagen meines Glücks, da ich meine Caroline ganz mein nennen konnte, und sie zum 1sten Mal als mein liebes Weib umarmte; Sie können denken, wie unendlich werth mir nun des Freundes Gruß war, da ich mich ohnehin so lange nach einem Brief von Ihnen gesehnt hatte; -- doch zuerst die herzliche Bitte, alle Entschuldigung wegen Nichtschreibens, oder verzögerter Beantwortung auf immer aus unserer Correspondenz zu verbannen; Freundschaft, wie die unsrige, ist nicht an Buchstaben gebunden: unsere Seelen sind inniger, als durch Briefe verbunden; die Freunde meines ewig geliebten Friz, sind für mich ein Vermächtniß für die Ewigkeit, und wohl mir, wenn Sie einen Theil Ihrer Freundschaft für den Verklärten, auf mich übertragen; doch, auch davon bin ich bey Ihnen, lieber Tiek, den ich den ersten _seiner_ Freunde nennen kann, überzeugt; also dieses Capitel wäre geschlossen. -- Wie seltsam ich in den ersten Tagen des völligen Besitzes meines lieben, lieben Weibes gestimmt war, kann ich nicht ausdrükken; in meinem Innern wogte Alles in wilder Verwirrung; die trübe Vergangenheit, und freudige Gegenwart beengten mich auf eine wunderliche Weise; das Schicksal hatte mich mit so eiserner Hand angegriffen, daß ich es nicht begreifen konnte, wie mich auf einmal so milde Frühlingsluft anwehte, und ich wie durch einen Zauberschlag aus tiefer Nacht, in den himmlischen Glanz eines neuen Morgens versezt war. -- Erwacht bin ich jezt zu frischem Leben und Thätigkeit, und dankbar bin ich wenigstens für diese köstlichen Augenblikke; die Erde mit ihren Bewohnern ist mir nicht mehr fremd, und ich gehe wieder mit neuem Muthe dem bunten Labyrinthe entgegen. -- Der 1ste Januar war mein Hochzeits-Tag; mein guter Vater überraschte uns den Tag zuvor; meine Zufriedenheit stärkt auch meine guten, so tief gebeugten Eltern; den herzlichen Dank für ihr Andenken an sie. -- Meine wenigen Gedichte sind ganz zu Ihrer Disposition lieber Tiek, nur bitte ich den Namen _Rostorf_ nicht zu vergessen; der Name wäre mir gleichgültig, aber mein guter Friz hat mir selbigen noch gegeben; Alles, was Sie daran ändern, ist mir Recht; Sie guter Tiek sind und werden mein Führer auf dem Wege der Poesie, der ich ewig treu bin, bleiben; -- Mit den Gedichten in dem Musen-Almanach haben Sie mir viel Freude gemacht, und neue Lust ins Herz gebracht; und ich freue mich, sehr bald wieder etwas von Ihnen zu lesen; Jezt habe ich zwar keine fertigen Gedichte, aber vielleicht kann ich Ihnen bald einige zusenden; ich habe wieder zu arbeiten angefangen, und denke vor der Messe noch etwas Ganzes fertig zu liefern. -- Von den Mspt. unsers Friz kann ich Ihnen nur jezt die beykommenden geistlichen Gedichte senden; das übrige muß bis auf meine Rükkunft nach Weissenfels beruhen, und leider kann ich vor Ende Februars nicht dahin kommen; dann denke ich Fr. Schl. dort zu sehen, und die Auswahl zu machen; Ueber die Lehrlinge bin ich wirklich in Sorge, doch können sich selbige wohl noch bey den Mscpt. in Weissenfels finden; Ihnen beyden bleibt ohne Frage ganz allein die Auswahl und Redaktion.
Meine Frau grüßt Sie und Ihre liebe Frau sehr herzlich, und freut sich unendlich auf Ihre Bekanntschaft, Ihre Schwägerin, die Ernst und Dora Stok bitte ich von mir bestens zu grüßen; ich versetze mich oft in den Zirkel meiner geliebten Freunde. -- Ueber Jean Paul, der hier hauset, hätte ich Ihnen noch manches närrische zu schreiben; aber er verliert nachgerade das Intressante, und die Post eilt; Leben Sie wohl, theurer bester Freund; Habe ich zur Oster-Messe vielleicht Hoffnung, Sie in Leipzig zu sehen? Auf immer
Ihr
_Carl_.
Die Manuscpt. darf ich mir wohl zurück erbitten.
X.
_Weissenfels_, d. 6ten May 1802.
Ihren Brief, mein theurer Freund, fand ich bey der Zurükkunft von einer kleinen Reise, und eile Ihnen nur sobald als möglich zu antworten; -- die verlangten Papiere müssen nun schon in Ihren Händen seyn, da ich selbige noch den Tag vor meiner Abreise auf die Post gab. -- Die Lehrlinge will ich noch soviel als möglich suchen; ich zweifle aber sehr an dem Finden; da ich schon mehrmals vergeblich gesucht habe; unbegreiflich ist mir es, wo sie hin sind; da ich noch den Tag nach seinem Heimgang Alles unter meinen Beschluß nahm; eine einzige Möglichkeit wäre noch, daß sie Julie hätte, diese sehe ich zur Messe; dann kann ich Ihnen Nachricht geben. -- Daß ich den wärmsten Antheil an Ihrem Schicksal nehme, das, lieber Tiek, brauche ich Ihnen wohl nicht zu versichern; Sie sind einer der geliebtesten Freunde meines Herzens; und ich habe verlohren genug, um zu fühlen, wie der Verlust geliebter Menschen schmerzt; Aber kann der arme Mensch mehr geben als Theilnahme? -- doch ich muß schließen. In Leipzig sehe ich Sie gewiß; den 17ten bin ich auf mehre Tage dort, und im ~Hotel de Saxe~ zu erfragen. -- Fr. Schl. muß vor wenig Tagen einen Brief von mir erhalten haben. -- Auf den Sonntag sehe ich Ritter in Schlöben; die Mnscpt. die Sie jetzt haben, wollte ich ihm blos zum Ansehen geben, da er mich sehr darum bat. -- Dienstag Abend als den 11ten bin ich wieder hier und erwarte Fr. Schl. -- Grüßen Sie Alles; meine Frau grüßt Sie beyde herzlich; -- Auf ewig
Ihr
_Carl_.
XI.
_Meiningen_, d. 31. August 1802.
Mit wahrer Freude ergreife ich die Feder, Ihnen, lieber theurer Freund, zu schreiben, und Ihnen auch aus der Ferne mein Andenken, meine warme Anhänglichkeit zu zeigen und zuzurufen. -- Immer verschob ich den Brief, da ich erst das Mnscpt. erwartete, das nun in Abschrift beyliegt; -- Es war bey Julien, und diese bittet mich, das Mnscpt. selbst nicht aus den Händen zu geben, ich habe es Ihnen also abschreiben lassen, doch ohne seine eigenhändigen ~Annotationen a. m.~ zu vergessen, und freue mich um so mehr, es Ihnen jezt senden zu können, da es zum 2ten Th. seiner Schr. durchaus unentbehrlich ist. -- Es hat mich unbeschreiblich ergözt, da ich es jezt wieder mehrmalen durchgelesen, und diese wenigen Bogen bleiben eine Vorhalle voll unendlichen Reichthums; ich begreife jezt wohl, daß Er hat sterben müssen; Wir sind noch nicht reif zu den ungeheuern Offenbarungen, die durch ihn, zu uns gekommen wären. -- Ich lebe jezt sehr glüklich, und im eigentlichsten Sinne des Worts, der Liebe im Schooß! -- Sehr froh würde es mich freilich machen, Sie, lieber Tiek, und andere Freunde in der Nähe zu haben; aber darauf leiste ich auch noch nicht Verzicht, daß es wenigstens künftig geschieht. Seit ich verheirathet bin, werde ich täglich ruhiger und nüchterner, ohne jedoch an Fantasie zu verlieren, oder gleichsam erdigerer Natur zu werden; -- Ich kann es mit Worten gar nicht sagen, wie mir so alles anders, so vieles klar und hell erscheint, was vorher nur in trüben Nebel gehüllt war; Es ist, als hätten sich die Erfahrungen des reifen Alters mit dem Gefühl ewiger Jugend und glücklicher Kindheit verbunden; -- Ja oft fühle ich mich so unbeschreiblich und seltsam, daß ich meyne, ich sey nahe am Ziel des Lebens! Aber was ist denn auch Nah und Ferne? Die Zeit ist nur das traumerregende Prinzip! Wir träumten nicht, wenn wir keine Zeit hätten. Ich freue mich sehr, Sie, lieber Tiek, bald zu sehen, und sollte denn dies auf der Michaelis-Messe nicht möglich seyn? Dann bin ich wieder in Weissenfels und bleibe den ganzen Winter daselbst; -- Sie haben gewiß herrliche Dinge in der Zeit gearbeitet, und die Aussicht zu diesem Genuß macht mich sehr lüstern. -- Auch ich habe einiges in der Arbeit, und wie lieb würde mir es seyn, Ihnen so manches zeigen zu können, und wieviel habe ich mit Ihnen zu sprechen. -- Hier bin ich von mündlicher geistvoller Gesellschaft gänzlich abgeschnitten, und Heil mir! daß mein Glück und Leben jezt nur in mir und meiner Line ruht; die andern Menschen könnten einen toll für Lachen oder Mitleiden machen; sie sind in mancher Hinsicht viel dümmer als ich ahnden konnte; Jean Paul, der hier lebt, wird täglich armseeliger und natürlich auch übermüthiger; Es ist ganz spaßhaft, wie er oft unbewußt einige Rollen im gestiefelten Kater und Zerbino übernimt. -- Fr. Schlegel hat mir viel Freude mit einem Brief aus Paris am 31ten July gemacht; Er grüßt Sie und alle Freunde tausendmal, und sehnt sich in dem unpoetischen Clima sehr nach erfrischender Kost aus Deutschland; Er trägt mir auf Sie zu bitten, den 2ten Theil von N. Schr. bald herauszugeben; Verheyrathet ist er; so scheint es wenigstens nach seinem Briefe. -- Beyliegend erhalten Sie ein Gedicht von Fr. Schl., was er mir zugeschickt hat; theilen Sie es doch den andern Freunden auch mit; ich schikte es Ritter im Original zu. -- Vor seiner Abreise bewog er mich noch mehre Gedichte in Vermehren’s Almanach zu geben; das an Sie und Schlegels ist dabey. -- Schreiben Sie an Steffens, so grüßen Sie ihn herzlich von mir; ich habe ihn in Leipzig und Weissenfels sehr verändert gefunden und sehr liebgewonnen. Ist es wahr, daß er eine Ihrer Nichten aus Gibichstein heyrathet? Dann kömmt er ja wohl bald wieder nach Deutschland? -- Leben Sie wohl, theurer lieber Freund; Meine Frau grüßt Sie und die Ihrige herzlich, und ich bin auf ewig
Ihr
_Carl Hardenberg_.
~P. S.~
Ende des künftigen Monats reise ich nach Weissenfels zurück.
XII.
_Dresden_, den 2ten Decemb. 1803.
Es war mir durch einen unvorhergesehenen Zufall nicht möglich, Ihnen eher als mit der heutigen Post die Bücher zu überschicken, die ich Ihnen erstanden habe; recht leid thut es mir, daß ich nur so wenig erhalten habe, da Sie mir aber über die andern so bestimmte Aufträge gegeben hatten, so mußte ich sie gehn laßen. No. 135 oder ~Libri ChronicorumGeorgii Altenii~, und 1854, oder ~Braunii~ Abbildung und Beschreibung aller Städte, habe ich, da sie sehr groß und deßfals nicht gut zu transportiren sind, hier behalten und will sie, wenn ich noch weggehn sollte, der Alberti übergeben. Das Geld hat mir die Alberti gegeben. Wäre mir der verwünschte Doktor Petzold nicht in die Quere gekommen, so hätte ich den Percival sehr billig erhalten, doch hat er durch seine sehr große Reue, die er sowohl gegen die Alberti als gegen mich geäußert hat, wieder in etwas meine Vergebung erlangt. Wegen Burgsdorfs Buche, von dem mir die Alberti gesagt hat, weiß ich noch nichts, ich bin schon zweymal bey Heusinger gewesen, habe ihn aber nicht angetroffen, sobald ich ihn treffe, will ich Ihnen den Erfolg schreiben.
Ich habe jezt das Nibelungen-Lied wieder zu lesen angefangen und es hat mir aufs neue sehr gefallen, ich wünsche immer mehr Ihre baldige Ausgabe davon, da ich mir von der verständlichern Sprache manchen Aufschluß erwarte. Ich habe eben in dieser Zeit das gemeine Volksbuch den gehörnten Siegfried gelesen, der meiner Meynung nach eine bloße Parodie des Nibelungen Liedes ist; mir ist es so vorgekommen, als ob schon zu der Zeit, wo dieser der gehörnte Siegfried geschrieben, die Bedeutung der Nibelungen schon so unbekannt und unbegreiflich gewesen ist, daß man an ihre Stelle den König Egwaldus substituirt hat. Auf jeden Fall aber scheint es mir, als ob der Aufschluß davon blos im Norden zu finden sey, da wenn das südlichere Deutschland daran Antheil genommen hätte, wir auf jeden Fall bestimmtere Nachrichten davon haben müßten, da König Ezzel oder Attila den Römern und andern cultivirtern Völkern so nahe war. So der Kampf zwischen Dietrich von Bern und dem Riesen Eck, der auch unter dem Nahmen des gehörnten Siegfrieds in diesen vor sich geht. Weiß ich nur erst die Stäte, wo ich mein Haus künftig bauen soll und bin ich dadurch gewißermaßen erst in einen bestimmten Ruhestand versezt, so will ich mit rechtem Eifer die nordische Geschichte zu treiben anfangen, da ich ganz allein von Ihr nähere Aufklärung hoffe. Wie gern hätte ich gewünscht, mündlich mit Ihnen über diesen und so manchen andern Gegenstand, der mir am Herzen liegt, sprechen zu können, aber leider sehe ich in diesem Augenblick keine Aussicht dazu, da meine ehlige Verbindung mit der Welt mir immer näher tritt. So sehr ich mich auch freue auf diesen Augenblick der Verbindung, so kömmt es mir doch stets vor, als wenn ich wie einst die Töchter der Israeliten meine verlohrne Freiheit auf den Gebirgen beweinen müßte; das Eintreten in die vesten bürgerlichen Verhältniße, erscheint mir wie der prosaische Theil der Ehe, die nur erst durch die wirkliche Ehe zur reinen Poesie erhoben werden kann, die aber wie die Zahlen in der Mathematik oder die Noten in der Musik schlechterdings vorangehn müßen, ehe wir zum Abend oder zu der eigentlichen Ehe gelangen. Sie müßen eigentlich recht der Text oder der erläuternde Commentar zu jener großen Abendmusik seyn, und ich gestehe, daß sie mir nur aus dem Gesichtspunkt angesehn, erträglich werden. Mein jetziges Verhältniß habe ich nie als Verhältniß betrachten können, sondern immer nur als Kette, die ich entweder zerbrach oder deren drückende Last ich so viel als möglich geduldig ertrug. Es sezte mich mit den Menschen in gar keine Verbindung, und da mein künftiges mich schlechterdings dazu nöthigt, so ist mir dafür am meisten bange, und ich kann Ihnen wohl sagen, daß mich _die Brautnacht_ nicht wenig beunruhigt, und diese quälende Unruhe hat mich bis jezt von vielem abgehalten. Ich warte nun täglich auf bestimmtere Nachrichten, die mich in Hinsicht auf meine Reise zu Ihnen ebenfalls bestimmen werden. Wird binnen hier und Ostern nichts daraus, was ich Ihnen alsbald schreiben werde, so komme ich in der Zeit gewiß nach Ziebingen, und bitte Sie dann mir nur die Zeit zu bestimmen, im Fall ich aber zu Weihnachten von hier weggehe, so muß ich mich trösten, Sie auf einer Reise nach Franken wiederzusehen. Grüßen Sie Ihre liebe Frau und Burgsdorf auf das verbindlichste, vor Weihnachten erhalten Sie gewiß noch Briefe von mir. Klinkowström und Böhndoll lassen Sie sehr schön grüßen, ewig und unveränderlich
Ihr
Freund _Anton Hardenberg_.
=Hauch, Johann Carsten von.=
Geb. 1791 zu Fredrikshold in Dänemark, als Prof. der Aesthetik an der Kopenhagener Universität angestellt. Verfasser _zahlreicher_ Tragödien, unter denen sich auch ein Bajazet, Tiberius, _Gregor_ der VII., u. a. m. zum Theil vaterländische befinden. Seine Erzählungen werden in Deutschland gern gelesen. Tiecks Antheil gewann er hauptsächlich durch das episch-dramatische Gedicht: die Hamadryaden (1830), obwohl, wie aus dem Datum dieses Schreibens hervorgeht, sie schon lange vorher in persönlich-freundschaftlichen Beziehungen gestanden.
_Copenhagen_, d. 17. Decbr. 1827.
_Mein edler Freund!_
Schon lange hatte ich beschlossen an Sie zu schreiben, nur daß ich plötzlich in eine Menge von Verrichtungen hineingeworfen wurde, die zum Theil meine übrigen Pläne durchkreutzten, hat mich davon bis jetzt abhalten können. Ich hoffte immer Ihnen meinen _Gregor_ überschicken zu können, muß aber jetzt die Uebersetzung aufschieben, jene Hoffnung aber ist auch ein Grund, warum ich nicht geschrieben. -- Wie alles was von einem Manne kömmt, dessen Ansehen bedeutend genug ist, um jedes von seinen Worten Gewicht zu geben, so war auch ein übertriebener Bericht Ihres Urtheils über meine Gedichte mir hier vorangeeilt. -- Er wurde von einigen Zeitungsschreibern aufgefangen, und hat für mich den unangenehmen Erfolg gehabt, daß eine schonungslose Reaction dadurch hervorgerufen wurde. -- Schiefe Aufnahme aber und ungerechten Tadel muß ein Jeder ertragen lernen, der öffentlich hervortreten will; tüchtigere Männer als ich, ja selbst die Besten haben es ertragen müssen, so kann ich es wohl auch.
Es that mir sehr leid, daß ich in Berlin Ihren Herrn Bruder nicht sehen konnte; ein unglücklicher Zufall, von meinem Beine verursacht, zwang mich in Berlin beynahe ohne Ausnahme das Zimmer zu hüten, Umstände riefen mich hernach schnell fort, so daß ich beynahe keinen Gebrauch von den freundlichen Briefen machen konnte, die ich Ihrer Güte verdankte. Ich schmeichle mir aber immer mit der Hoffnung Berlin und Dresden wiederzusehen. -- Es trifft sich so glücklich, daß ich mitunter ein halbes Jahr keine Vorlesungen zu halten brauche, diese Zeit werde ich gewiß nicht unbenutzt vorbeyschlüpfen lassen, sollten auch einige Opfer um einen Freund wie Sie wiederzusehen nöthig seyn, es verlohnt sich wohl die Mühe. -- Ich lese diesen Winter über zwey Wissenschaften, Physik und Zoologie. Das erste Mahl am wenigsten nimmt so Etwas die ganze Zeit in Anspruch. Anstatt zu dichten muß ich Physisch-mathematische Vorlesungen halten. -- Wenige Dichter sind vielleicht in der fatalen Lage gewesen.
Unsre kritische Litteratur geht in der späteren Zeit so ziemlich denselben Gang wie die Deutsche. Schiefe gezierte Recensionen, wo mit einigen Redensarten vornehm gespielt, wo Wahrheit und Natur als unanständig, prosaisch und gemein verschrien, und doch jede Aeußerung einer frischen Phantasie verspottet, jeder ernste Gedanke mit dem Nahmen Mystik verketzert wird; wo man keinen Ausdruck recht findet, bis er zur Geschrobenheit herausgedrechselt worden, wo der Cothurn so hoch verlängert wird, daß die Dichter auf Stelzen einhergehen, sind in der Tages-Ordnung. -- Rhetorische kalte Trauerspiele machen großes Glück. Wir haben einen Dichter, der drey oder vier Tragoedien jedes Jahr wie von der Kanzel herab predigt. An der Seite eines Andern steht ein Recensent, der bey jedem neuen Werke versichert, daß der Verfasser sich jetzt selbst überboten habe, oder daß der reinste Mondenglanz der Sittlichkeit dieses anmuthige Werk bekränze. Vom schmutzigen Sonnenlichte kann in solchen zarten Bildern nicht die Rede seyn. Wenn Jemand sein Gedicht einen geschichtlichen Roman nennt, meint der feine Recensent, es wäre doch besser, wenn der Verfasser es eine Romantische Geschichte genannt hätte. -- Es giebt wenige Dichter bey uns, die nicht von guten Freunden mit dem Nahmen genialisch geschmückt worden sind. -- Die besten Worte werden so gemißbraucht. In der That Oehlenschläger steht doch hoch und allein in unsrer Litteratur, wenn man ihn mit diesen Zwergen vergleicht. -- Auch Heiberg giebt eine Zeitung aus, wo viele gemischte Sachen stehen, aber nicht ohne treffende Bemerkungen. -- Wäre seine Seele so tief, als sein Geist leicht beweglich und gewandt, könnte er gewiß was Tüchtiges leisten. -- Sonst ist bey uns, wie gesagt, Plattheit und Versunkenheit wunderbar gemischt; ich weiß einen Fall, wo einer von unsern Autoren, der nicht unberühmt ist, angefragt hat, ob nicht das Licht aus den Augen einer Katze herlänglich wäre um einen Liebesbrief darin zu lesen. Mir scheint in der Erfindung etwas Herculisches zu liegen, man konnte wohl darunter ~non plus ultra~ schreiben. Wer kann so Etwas überbieten! Ein unglücklicher König, ein Held und Liebender ist so weit gekommen, daß er kein Licht hat, nichts, nur die Augen einer Katze. Was sind alle die Bettlerkönige des Euripides dagegen! kann Jemand sein eignes Bestreben naiver parodieren. -- Sie hatten recht: Nicolai war ein tüchtiger Mensch gegen diese. Lieber ein wirklicher consequenter prosaischer, als so ein poetischer Esel zu seyn. Der Erste bleibt doch in seinen Gränzen, schüttelt den Kopf, macht ein philosophisches Gesicht, begnügt sich mit seinen Disteln, und treibt sein Geschäft ganz erträglich. --
Von Oehlenschläger und Rahbek viele freundliche Grüße. -- Vergeben Sie, edler Freund, mein Stillschweigen zuvor und mein langes unnöthiges Schwätzen jetzt. Viele Grüße an Ihre liebenswürdige Familie, an den braven Dahl und an den Herrn v. Irgensberg, wenn Sie ihn sehen. Ich empfehle mich Ihrem freundlichem Andenken.
Der Ihrige _C. Hauch_.
~P. S.~ Ich bitte sehr den Herrn Grauhling zu grüßen, und mich bey ihm zu entschuldigen, daß ich ihm noch nichts für seine Zeitung geschickt habe. -- Künftiges Frühjahr bekomme ich Zeit, und werde dann das Versäumte einhohlen. --
=Hauff, Wilhelm.=
Geb. am 29. Nov. 1802 zu Stuttgart, gest. am 18. Nov. 1827. -- Von seinen Werken gedenken wir mit besonderer Verehrung an folgende: Lichtenstein, ein Roman, 3 Bde. -- Phantasieen im Bremer Rathskeller. -- Mittheilungen aus den Memoiren des Satans. -- _Märchen_ (viele Auflagen). -- H’s. „Sämmtliche Werke“ wurden in 36 Bändchen von Gust. Schwab herausgegeben. --
Der Mann im Monde, eine Parodie Clauren’scher Manier, und die Controvers-Predigt gegen diesen Modeschriftsteller gaben Veranlassung, erstere zu einem Processe, letztere zu einer komischen Scene. Hauff war, etwa ein Jahr vor seinem Tode, in Berlin gewesen, wo er eben besagte, zwar witzige, aber furchtbar grobe, stellenweise cynische Controverspredigt in der litterarischen („Mittwochs-“)Gesellschaft vorlesen ließ. Bald nach ihm fand sich Fr. _Haug_, der bekannte Epigrammatist, dabei aber der sanfteste, friedfertigste alte Herr, in Berlin ein. Geheimer Hofrath _Heun_ (Clauren) bewohnte zur Zeit im Thiergarten eine Villa; was der ehemalige Berliner „Sommerplaisir“ nannte. Vor dieser saß er eines schönen Abends mit seiner Nichte auf einer an die Straße herausragenden „Altane“ beim Thee, als Haug mit einem andern Herren des Weges kam, welcher Letztere den Gast unterrichtete, daß auf jenem Holzgerüste der Autor der Mimili throne. Haug verlangte vorgestellt zu werden, der Berliner beeilte sich solchen Wunsch zu erfüllen, Clauren (etwas harthörig) verstand _Hauff_, und schnaubte Beide von Oben herab zornig an, fragend: wie man sich eines so plumpen Scherzes zu unterfangen wage? Haug zog mit einer langen Nase, länger als die von ihm hundertfach bespöttelte „Wahl’sche“ davon.