Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band
Part 25
Geb. am 2. Mai 1772, gest. 1801 als Amtshauptmann zu Weißenfels.
Leider haben sich nur vier Briefe von seiner Hand in T.’s Nachlaß vorgefunden, die wir unverkürzt geben.
Ihnen folgen deren _sieben_ von seinem jüngeren Bruder _Karl_, dessen Dichterberuf Friedrich lobend erwähnt, und welcher Freunden der Poesie unter dem Namen Rostorf erinnerlich sein wird, wenn gleich sein edles Streben keinen so hohen Flug nahm, daß er neben Novalis noch genannt würde.
Das Schreiben eines dritten Bruders, Anton, bildet den Schluß.
I.
_Weißenfels_, den 6ten August. (Ohne Jahreszahl.)
So gern ich Dich, liebster Tieck, noch einmal besucht hätte, so wird mir doch dieser Wunsch durch eine plötzliche Reise unmöglich gemacht. Ich bringe einen meiner jüngeren Brüder nach Dresden -- Du kannst übrigens denken, daß ich nicht böse bin, da ich so meine Julie besuchen kann -- bey der ich Morgen Abend hoffentlich zu sitzen denke. Unterdeß hätt’ ich gewünscht, _Dich und_ sie sehn zu können -- doch weiß ich nicht, ob dies angehn wird, da ich wahrscheinlich über die Mitte des Monats in Dresden bleiben muß -- und dann bist Du ja fort. Auf Michaelis hoff’ ich Dich hier zu umarmen. Mutter und Schwester laden Deine liebe Frau auf das freundlichste ein -- und grüßen Sie herzlich im voraus. Auch mich empfiehl Ihr herzlich. Auch Deinen übrigen Verwandten sage, daß ich mich mit Liebe jenes frohen Abends erinnern werde, den ich unter Ihnen zugebracht habe -- der so reich an mannichfachen Genüssen war und durch den schöne Art noch schöner ausgehoben wurde. Eine einfache Beschreibung gäbe ein liebliches romantisches Bruchstück.
Deine Bekanntschaft hebt ein neues Buch in meinem Leben an. -- An Dir hab’ ich so manches vereinigt gefunden -- was ich bisher nur vereinzelt unter meinen Bekannten fand. -- Wie meine Julie mir von allen das Beste zu besitzen scheint, so scheinst auch Du mir jeden in der Blüthe zu berühren und verwandt zu seyn. Du hast auf mich einen tiefen, reitzenden Eindruck gemacht. -- Noch hat mich keiner so leise und doch so überall angeregt wie Du. Jedes Wort von Dir versteh’ ich ganz. Nirgend stoß ich auch nur von weiten an. Nichts menschliches ist Dir fremd -- Du nimmst an allem Theil -- und breitest Dich leicht wie ein Duft gleich über alle Gegenstände und hängst am liebsten doch an Blumen.
Gehe ja Weißenfels nicht vorbey -- ich freue mich mit der Ernsten jezt recht weitläuftig von Dir sprechen zu können.
Lebe wohl. Dein
treuer Freund _Hardenberg_.
An Grieshammer leg ich hier ein Briefchen bey.
II.
(Ohne Datum. Oben ein Streifen weggeschnitten. Auch keine Unterschrift und kein Schluß.)
Es thut mir herzlich leid, daß Du noch immer Dein Kniereißen nicht los bist. Hoffentlich hast Du alles gebraucht, was in solchen Fällen versucht wird -- als warme Bäder, Bandagen von Wachstaffent, Elektricität, Guajac, und Tafia, Säuren und Mercurialmittel. Gern hätt’ ich Dich besucht -- aber bis jetzt war es nicht möglich -- Du mußt im Frühjahr nach Töplitz gehn, wenn es sich nicht verliert. Ich kann mir denken, daß Du sehr gelitten hast. -- Mich wundert, daß Du dabey so heiteren Sinns geblieben bist, um so schöne Sachen auszudenken. Ich höre, daß Du eine wundersame Melusine gedichtet hast. Auf alles bin ich gespannt -- besonders auch auf Dein Gedicht über Böhme. Fridrich (Schlegel?) verharrt in Müssiggange, und hat nichts, als einige Gedichte, von denen ich mehr zu wissen wünschte, zu stande gebracht. Du hast Dich mit Wilhelm zum gemeinschaftlichen Angriff des Cervantes verbunden, welches eine angenehme Aussicht eröffnet. Ich bin würklich sehr fleißig. -- Wenn Du die mannigfaltigen Zerstreuungen, Zeitverluste und Geschäfte meines Berufes kenntest, so würdest Du mir ein gutes Lob ertheilen, daß ich soviel nebenbey gemacht habe. Mein Roman ist im vollen Gange. 12 gedruckte Bogen sind ohngefähr fertig. Der ganze Plan ruht ziemlich ausgeführt in meinem Kopfe. Es werden 2 Bände werden -- der Erste ist in 3 Wochen hoffentlich fertig. Er enthält die Andeutungen und das Fußgestell des 2ten Theils. Das Ganze soll eine Apotheose der Poesie seyn. Heinrich von Ofterdingen wird im 1sten Theile zum Dichter reif -- und im zweyten, als Dichter verklärt. Er wird mancherley Aehnlichkeiten mit dem Sternbald haben -- nur nicht die Leichtigkeit. Doch wird dieser Mangel vielleicht dem Inhalt nicht ungünstig. Es ist ein erster Versuch in jeder Hinsicht -- die erste Frucht der bei mir wieder erwachten Poesie, um deren Erstehung Deine Bekanntschaft das größeste Verdienst hat. Ueber Speculanten war ich ganz Speculation geworden. Es sind einige Lieder darin von meiner Art. Ich gefalle mir sehr in der eigentlichen Romanze.
Ich werde mannigfachen Nutzen von meinem Roman haben -- der Kopf wimmelt mir von Ideen zu Romanen und Lustspielen. Sollt ich Dich bald sehn, so bring ich eine Erzählung und ein Märchen aus meinem Roman zur Probe mit.
Jacob Böhm lese ich jetzt im Zusammenhange und fange ihn an zu verstehn, wie er verstanden werden muß. Man sieht durchaus in ihm den gewaltigen Frühling mit seinen quellenden, treibenden, bildenden und mischenden Kräften, die von innen heraus die Welt gebären. -- Ein ächtes Chaos voll dunkler Begier und wunderbaren Leben -- einen wahren, auseinandergehenden Microcosmus. Es ist mir sehr lieb, ihn durch Dich kennen gelernt zu haben. -- Um so besser ist es, daß die Lehrlinge ruhn -- die jezt auf eine ganz andere Art erscheinen sollen. -- Es soll ein ächtsinnbildlicher Naturroman werden. Erst muß Heinrich fertig seyn -- Eins nach dem Andern, sonst wird nichts fertig. Darum sind auch die Predigten liegen geblieben und ich denke sie sollen nichts verlieren. Wenn die Litt. Zeit. nicht so jämmerlich wäre, so hätt’ ich Lust gehabt, eine Recension von Wilh. Meist. L. einzuschicken -- die freylich das völlige Gegenstück zu Fridrichs Aufsatze seyn würde. Soviel ich auch aus Meister gelernt habe und noch lerne, so odiös ist doch im Grunde das ganze Buch. Ich habe die ganze Recension im Kopfe. -- Es ist ein Candide gegen die Poesie -- ein nobilitirter Roman. Man weiß nicht wer schlechter wegkömmt -- die Poesie oder der Adel, jene weil er sie zum Adel, dieser weil er ihn zur Poesie rechnet. Mit Stroh und Läppchen ist der Garten der Poesie nachgemacht. Anstatt die Comödiantinnen zu Musen zu machen, werden die Musen zu Comödiantinnen gemacht. Es ist mir unbegreiflich, wie ich so lange habe blind seyn können. Der Verstand ist darin wie ein naiver Teufel. Das Buch ist unendlich merkwürdig -- aber man freut sich doch herzlich, wenn man von der ängstlichen Peinlichkeit des 4ten Theils erlößt und zum Schluß gekommen ist. Welch heitre Fröhlichkeit herrscht nicht dagegen in Böhm, und diese ist’s doch allein, in der wir leben, wie der Fisch im Wasser. -- Ich wollte noch viel darüber sagen, denn es ist mir alles so klar und ich sehe so deutlich die große Kunst, mit der die Poesie durch sich selbst im Meister vernichtet wird -- und während sie im Hintergrunde scheitert, die Oeconomie sicher auf festem Grund und Boden mit ihren Freunden sich gütlich thut, und Achselzuckend nach dem Meere sieht.
Mein Bruder grüßt Dich herzlich -- auch meine Eltern und Sidonie nehmen den wärmsten Antheil an Deinen Widerwärtigkeiten, und lassen auch freundschaftlich grüßen. Wegen meiner Lieder hast Du nicht ganz Unrecht. Fridrichen sage, daß es gut sey, wenn er das Wort Hymnen wegließe. Ueber das Gedicht selbst mündlich mehr. Grüße die ~(weggeschnittener Streifen)~.... gern das Frühjahr zu unserer Zusammenkunft erwarte -- entschuldige mich, daß ich nicht selbst Fridrichen... ~(andere Seite des Streifens.)~
III.
_Weißenfels_, den 5ten April. (Ohne Jahreszahl.)
Nur einige Zeilen heute, lieber Tieck -- Deine Idee mit Severin ist vergeblich -- denn er hat kein Geld. -- Doch hab ich ihn auf jeden Fall sondirt, aber er sagte mir, daß er gar nichts unternehmen könne.
Sollte denn Dein Schwager nicht die Oper am füglichsten übernehmen können. Er kann den meisten Profit darausziehn, wenn er sie komponirt.
Mein Buchhändler Grieshammer hat auch kein Geld, und Göschen ist ein Narr, der auch noch überdem einen Groll gegen Dich hat, und selbst die Flügel einziehn muß. Doch Du kennst ja mehr Buchhändler, als ich, und hast mit vielen schon in Connexion gestanden, die für Sie nicht unvortheilhaft gewesen ist. Du kannst Dir auf alle Weise besser rathen, als ich. Meine Geschäfte haben mir noch nicht erlaubt, die Reisen zu machen, auf denen ich Gelegenheit finden könnte Dir zu helfen. Sobald ich nur wegkommen kann, will ich fort. Indeß verlasse Dich nicht auf meine Spekulationen. Mancherley Umstände können mir in den Weg treten und es den Männern, an die ich mich wenden will, vor der Hand unmöglich machen, meinen Wunsch zu befriedigen. Ich will auch noch einen Mann zu Rathe ziehn, der mehr Menschen kennt und vielleicht eine gute Gelegenheit weiß.
Das Schlimmste, lieber Tieck, ist, daß Du keinen bestimmten Aufenthalt hast. Du könntest viel leichter Geld kriegen, wenn Du an einem Ort einheimisch wärst und mit vielen Leuten auf einem vertraulichen Fuße. Sähen sie dann Deine genaueingerichtete Wirthschaft und Du hättest Geldbedürfnisse, so würden Sie Dir ohne große Umstände borgen. Aber so steht es nicht zu ändern, daß die Meisten nicht dran wollen, einem Unbekannten, einem Schriftsteller, ohne festes Einkommen, auf sein bloßes Wort etwas vorzuschießen. Es ist dies eine Unbequemlichkeit Deiner Lebensart, die schwer zu vermeiden ist. Ich versichre, wenn Du nur eine kleine Stelle hättest, so wüßt’ ich eine Menge Leute, die Dir Kredit geben würden, aber so darf ich nicht dran denken. Wenn ich zu Dir komme, welches bald geschehn wird, wollen wir weitläuftiger darüber sprechen, vielleicht, daß uns dann noch ein guter Rath beyfällt. Ich denke mit der Ernsten euch zu besuchen, die diese Woche hoffentlich hier durch geht.
Fertig bin ich mit dem ersten Theile meines Romans. Ich laß ihn eben abschreiben und bring ihn mit. Es ist mir lieb, einen Anfang mit der Ausführung einer größeren Idee gemacht zu haben. -- Ich habe viele Jahre nicht daran gekonnt einen größeren Plan mit Geduld auszuführen, und nun seh ich mit Vergnügen diese Schwierigkeit hinter mir. Eignes Arbeiten bildet in der That mehr, als widerholtes Lesen. Beym Selbstangriff findet man erst die eigentlichen Schwierigkeiten und lernt die Kunst schätzen. Der bloße Liebhaber wird nothwendig unendlich viel übersehn, und nur das Gemüth des Werks allenfalls richtig beurtheilen können. Deine Schriften sind mir seitdem viel lehrreicher geworden, und ich lese sie nie, ohne neuen Genuß und neue Entdeckungen. Am Schluß hab ich ein Märchen eingeschaltet, das mir vorzügliche Freude gewährt hat. Es sollte mich recht freuen, wenn es Dir gefiele.
Mein Bruder (Karl _Rostorf_) ist recht fleißig und es rührt sich in ihm unser gemeinschaftliches Band, die Poesie. Er dichtet und schreibt, und wie mich dünkt, nicht ohne Hoffnungen. Er hat in kurzer Zeit viele Schwierigkeiten der ersten Versuche überwunden und seine Versification bildet sich immer mehr. Ich habe ihn gebeten nur ämsig fortzufahren und sich von den Fehlern der ersten Versuche nicht abschrecken zu lassen. Er muß sich nachgerade von dem Einfluß seiner Lieblingsmuster los machen lernen. Man lernt nur nachgerade ohne Hülfe gehn und es ist gut, wenn die Muster auch ihren eigenen romantischen Gang gehn.
Du bist ihm noch hinderlich. Er hat sich in Dich hineingelesen und nun wird alles tieckisch. Ich suche, ihn Dir mit guter Manier abwendig zu machen -- Kann er erst selbst gehn, so mag er immer in Deine Fußtapfen treten. Es freut mich sein Eyfer, der ihm gewiß belohnt wird, und ich seh ihn gern in eine Beschäftigung vertieft, die auf alle Weise zur Reife befördert, und den anmuthigsten Lebensgenuß gewährt. Lebe wohl. Empfiehl uns Deiner Frau. Sidonie ist krank, indeß scheint es nicht von Bedeutung.
Dein
Freund _Hardenberg_.
IV.
_Dresden_, den 1ten Januar 1801.
Dein Brief hat mich herzlich gefreut. Wie lange wär ich Dir zuvorgekommen, wenn nicht seit dem August mich eine langwierige Krankheit des Unterleibes und der Brust völlig außer Thätigkeit gesezt hätte. Noch währt sie und kann noch lange währen. An Arbeit ist jetzt nicht zu denken. Der Winter legt meiner Genesung große Schwierigkeiten in den Weg und ich kann vor dem Sommer und vielleicht dem Gebrauch des Karlsbades auf keine gründliche Besserung hoffen. Ich schlendre so hin. Karl ist mein beständiger Pfleger -- Julie ist auch hier und ich habe bis auf Kräfte und Gesundheit alles was mir angenehm seyn kann. In die Zeit meiner Krankheit haben sich überdies die traurigsten Eräugnisse für meine und Juliens Familie gedrängt; die sich alle auf Krankheit und Tod beziehn -- so daß es eine trübe Zeit gewesen ist. Ich bin meist heiter gewesen.
Deine Bitte wegen Faust wird Ernst vielleicht erfüllen können. Deine Schwägerin und die Ernsten sehn wir am liebsten und häufigsten. Erstere gefällt uns allen sehr. Beyde freun sich unbeschreiblich auf Deine Herkunft. Auch Körner wünscht sehr Dich kennen zu lernen.
Urtheile bitt ich Dich mir jezt zu erlassen. Gearbeitet hab’ ich gar nichts -- aber mich viel mit Poesie in Gedanken und im Lesen beschäftigt. Mündlich könnt ich Dir viel sagen. Sobald ich wieder etwas machen kann, bin ich zu jeder Theilnahme bereitwillig. Von Schlegels hab’ ich seit langer Zeit wenig gehört, und gesehn!
Beym Florentin bin ich ziemlich Deiner Meynung.
Die Sonette haben mir herrlich gefallen.
Ich bleibe noch längere Zeit hier. Deine Briefe werden mir äußerst lieb seyn, aber Du mußt mit magern Antworten vorlieb nehmen. Was mich sehr plagt, daß ich nicht viel sprechen darf und das war mir zum denken fast unentbehrlich.
Lebe wohl -- grüße Deine liebe Frau herzlich. Karl wird selbst an Dich schreiben.
Dein
treuer Freund _Hardenberg_ ~sen~.
V.
_Dresden_, den 2ten Januar 1801.
Ihnen, lieber Tiek, muß ich auch, wenn auch nur wenige Zeilen, schreiben. Ein jeder Freund, und nun besonders so ein seltener wie Sie, l. Tiek, ist mir jetzt doppelt willkommen, da Alles schwankend um mich wird, und auch das Liebste mir zu entfliehen scheint. Friz wird Ihnen schon das meiste geschrieben haben; leider geht es mit seiner Gesundheit noch nicht besser: -- Ich bin froh, Sie, lieber Tiek, noch kennen gelernt zu haben: Ich komme mir mit jedem Schritt mehr isolirt vor, und ich freue mich unendlich, in Ihnen, nicht allein einen solchen Freund meines guten Friz, sondern auch so tausend Aehnlichkeiten von ihm zu wissen. -- Ich lebe jetzt in den traurigsten Erwartungen, und nur die gewisse Ueberzeugung, daß unser jetziges Leben nur eine flüchtige Reise ist, und ein inniges Vertrauen auf Religion, die meine tröstende Freundin bleibt, erhalten mich in leisen Hoffnungen. -- Der Kunst und Poesie werde ich ewig treu seyn; ich bin es Friz und Ihnen schuldig, daß ich von dieser Stufe herab auf das gewöhnliche Leben blikke. -- Wären jezt nicht die trüben Zeiten, so hätte ich Ihnen vielleicht ein paar Gedichte von mir geschickt; vielleicht geschieht es noch. --
Wie sehr mich Ihre Genoveva erquickt und begeistert hat, kann ich Ihnen nur mündlich sagen. -- Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie vielleicht bald wieder an Friz, oder mich schrieben; den erstern, der durch seine Krankheit jezt in Allem gehemmt ist, macht ein Brief von Ihnen unendliche Freude. -- Zu Ostern sehen wir uns doch wohl? Gott weiß, wie es dann steht? Ich verlange nicht in die Zukunft zu schauen, in stiller Ergebenheit will ich tragen. -- Bleiben Sie nur der Freund Ihres Sie aufrichtig
liebenden _Carl Hardenberg_.
VI.
_Weissenfels_, d. 15ten Februar 1801.
Wir sind wieder hier, lieber Tiek; die Aerzte riethen meinem Bruder Veränderung des Orts, und Ruhe, Bequemlichkeit, und gänzliche Lossagung von Geschäften und unruhigen Zerstreuungen; Alles dies fanden wir hier, und überdem sehnte sich mein Bruder sehr nach Hause. -- Ihren lieben Brief, theurer Freund, habe ich erhalten, und wie sehr mir Ihre herzliche Theilnahme wohlgethan, und mich tief gerührt hat, kann ich nicht mit Worten ausdrücken; Ach lieber Tiek, das ist ja das Einzige, was uns auf diesem dürren Boden übrig bleibt; Alles vergeht und verschwindet in dem lockern Sande, und wie dankbar können wir seyn, wenn nur noch Theilnahme geliebter Freunde uns bis zum lezten Schritte dieses wunderlichen Labyrinthes begleitet. Mein Schicksal hat viel ähnliches mit den Ihrigen; Meine liebsten Wünsche, meine schönsten Hoffnungen versanken im Augenblick der Erfüllung, plözlich, wie von einem Blitzschlag bey klarem Himmel; Wohl mir! daß ich schon oft Stunden habe, wo die Erde mit allen ihren räthselhaften Begebenheiten tief unter mir liegt, und ich aus der reinen Luft einer künftigen Welt, hell und klar herabsehe; dann bin ich glücklich, und danke dem Unendlichen für diese himmlische Offenbarung; Aber wer kann sich losreißen auf immer von seinen Geliebten? Wer sich der Thränen bey ihren Leiden enthalten? Ich nicht! und ich will auch nur dulden, und in Ergebenheit die Lasten dieser Welt tragen. -- Mit Friz geht es nicht gut; die Aussichten werden mit jedem Tage trüber; Wenn nur seine Leiden nicht gemehrt werden; denn jezt sind diese noch erträglich; Nun des Herrn Wille geschehe, er wird einst diese dunkeln Räthsel lösen. -- Sie sind auch krank gewesen, guter Tiek? und haben doch zu uns kommen wollen? Nein, Sie haben es recht gemacht, daß Sie nicht gekommen sind; Sie hätten nur Leiden gesehen, und vielleicht Ihrer Gesundheit geschadet, und diese sind Sie Ihrer Frau, Ihrem Kind und allen Ihren Freunden schuldig; ich suche mich nur vor eignen Vorwürfen, etwas versehen zu haben, zu hüten, dann wird alles leichter zu tragen. -- Die Abreise von Dresden machte uns nur der Abschied von Ihrer guten Schwägerin, die wir herzlich lieben, und der Ernst schwer; sie haben beyde viel zur Erheiterung meines guten Friz beygetragen, und wir haben besonders der ersteren manche freundliche Stunde zu danken. Mit meiner Schwester Sidonie, gieng es auch nicht zum Besten, doch ist sie jezt wieder besser, und lebt bey meiner ältern Schwester, die in diesem Frühjahr ihre Niederkunft erwartet, in der Ober-Lausitz. -- Leben Sie wohl, liebster Freund, grüßen Sie Ihre liebe Frau, auch von meiner Mutter, herzlich. Ewig
Ihr
_Carl Hardenberg_.
VII.
_Weissenfels_, d. 16ten Juny 1801.
Endlich, lieber Tiek, kann ich Ihnen schreiben, und das Versprochene schikken. -- Mein Schicksal ändert noch nicht den seltsamen Gang, und ich kann nur um treuen Muth und Ergebung bitten, daß ich selbst nicht untergehe, auf dem stürmischen Meere, wo ich unter lauter Trümmern mich nur mit Mühe aufrecht erhalte; aber, Gott sey Dank, ich habe mehr Kraft und Stärke, als ich selbst glaubte, und ich kann heiter seyn, und andern noch Trost und Hoffnung zusprechen. -- Wundervoller und plözlicher werden wenig Menschen mündig und frey gesprochen, als ich; und nur Hülfe von oben herab, konnte mir dauernden Muth geben, nicht zu versinken auf immer in diesen bunten Getümmel. Mir ist schon oft zu Muthe gewesen, als könnte es nun nicht länger währen; als müßte ein Engel herabkommen und uns wekken aus dem düstern, traurigen Traum; aber der Engel ist ja schon da, es liegt nur an uns, ihn aus uns selbst hervorgehn zu lassen. -- Die Stütze des Harfners Augustin ist uns sehr angemessen; Mit dieser Ueberzeugung wären wir Alle auf einmal frey. -- Meine Schwester Sidonie ist sehr krank; Auch Julie lag gefährlich; doch geht es mit der leztern wenigstens etwas besser; ich darf nicht thun, als nähme ich Antheil daran; Bey uns ist natürlich stille Trauer, und im ganzen Hause fürchtet jeder einen neuen Verlust; Keiner will den andern seine trüben Ahndungen merken lassen, und doch wird nur das Gespräch der Erinnerung gewidmet; -- ich war selbst krank, und bin es zum Theil noch, und hatte mich lange für das Zusammentreffen der ganzen Familie gefürchtet; und nun da Alles noch schlimmer geht, nun kann ich den Andern Ruhe und Heiterkeit zeigen, und sie bedürfen meiner, um sich nicht ganz dem Trübsinn zu überlassen. -- Sagen Sie nichts in Dresden von Juliens Krankheit; Ihre Anverwandten mögten es zur unrechten Zeit erfahren. -- Andurch erhalten Sie die versprochene Fortsetzung von Heinrich; ich hatte mich in der Bogen Zahl, sowie auch in der Zahl der geistlichen Gedichte geirrt; Ich habe diese 2 Bogen, und besonders das Gedicht mit tiefer Andacht gelesen. -- Wenn Sie fertig sind, bitte ich mir das Manuscript wieder aus; eine Abschrift will ich Ihnen dann geben. -- Von seinen andern Papieren schikke ich Fr. Schl. nächstens einiges von den leztern Aufsätzen, aber mit vieler Auswahl; Sie mein guter Tiek sollen sie ohne Auswahl haben; Sie würden gewiß meine Gründe billigen. -- Zugleich erhalten Sie einige Gedichte von mir; die 3 geistlichen sind ganz nach der Zeit Ordnung aufgeschrieben; sie sind das lezte vollständige, was ich gemacht habe; Jezt nur fange ich an, wieder an Arbeiten und Pläne zu denken; davon mündlich mehr; ich sehe Sie gewiß noch dies Jahr, die 3 andern Gedichte sind schon früher gemacht; das eine, sind meine ersten Stanzen, und bedürften freilich noch mancher Ausbesserung; Ihr ächtes Urtheil versagen Sie mir gewiß nicht; In Ihnen mein guter lieber Tiek höre ich meinen Friz; Herzliches Lebewohl.
Ihr
_Carl Hardenberg_.
~N. S.~
Ihre liebe Frau und Schwägerin grüßen Sie bestens; Was meynt die Leztere zu dem Vorschlag, Friz zu mahlen? -- Das 1ste Buch von meinem Roman sollen Sie bei Gelegenheit erhalten. -- Ich nehme jetzt meinen Abschied; schon in diesen Tagen; Was dann aus mir wird, ist noch nicht ganz bestimmt; Wahrscheinlich Oekonom, oder Forstmann; mir ist am Ende jeder Stand recht; Nur muß ich jezt eine Lage wählen, wo ich im Anfange viel zu thun, und doch auch Gelegenheit meine Gesundheit zu schonen, habe. -- Wie geht es mit Ihrer Gesundheit? Grüßen Sie die Ernst.
Zum 1sten July gehe ich ins Bad nach Liebenstein; adressiren Sie aber nur an mich hierher.
Haben Sie doch die Güte, mir Ihre Wohnung zu bezeichnen.
VIII.
_Meiningen_, d. 12ten Novbr. 1801.