Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band
Part 30
Raumer glaubte nun das Andenken an Ihren Mitgebornen, den edlen Staatskanzler nicht länger verschieben zu dürfen, und sprach mit bewegter Stimme die Worte, deren Abschrift auch in der Mappe liegt. Man stimmte mit ernster Begeisterung ein.
Hier muß beiläufig bemerkt werden, daß der Dichter und Maler August Kopisch den glücklichen Gedanken hatte, dem Pokal, als er bei ihm vorbeizog, einen poetischen Seegen- und Wander-Spruch mitzugeben, von dem ich leider keine Abschrift erbeuten konnte, weil das Durcheinander zu groß wurde. Mein Festlied wurde nun von mir gesungen, vom Chore begleitet, und sehr lebhaft aufgenommen.
Die Bratenschüsseln fanden jetzt eine andre Generation. Man war jubelnd laut geworden. Die Lust tobte aus Gläserklang und fröhlichem Geschwätz von allen Seiten her.
Ich brachte die Gesundheit und das Lebehoch des Bruders des Gefeierten, des edlen Künstlers, des Bildhauers Friedrich Tieck!
Haering bat um die Erlaubniß, einen demagogisch-loyalen Toast zu sprechen. Es galt: das Gedeihen eines _Aufruhrs_ und auch sein baldiges _Ende_! „des Aufruhrs in den Cevennen!“ -- Lauter Jubel. Mit mir stieß der Buchhändler _Duncker_ an. Ich suchte nach _Reimer_, konnte ihn aber im Gedränge nicht finden. Denn nun waren die Bande der Ordnung gelöst.
Raumer flog wie ein Schmetterling von einer Schauspielerin zur andern; meine Frau und die Hähnel schienen ihm in dieser Stimmung zu gesetzt. Alte Geheimeräthe winkten nach Champagner, junge Schriftsteller rezitirten Stellen aus Genovefa -- ich murmelte in den Bart, wie Böttiger.
Baumkuchen stürzten ein wie Throne, und als der Oberkellner mich fragte: wer hier im Saale Tiecks nächster Verwandter wäre, denn der Aufsatz des Hauptkuchens müsse nach altem ~ritus~ vor jenen Verwandten gesetzt werden, und der Aufsatz sei ein Tempel -- -- da verleugnete ich Ihren Bruder und schrie: der _Tempel_ muß vor Madame _Steffens_ gestellt werden! Aber Gott im Himmel, was hatte ich gemacht? Es war ein veritabel heidnischer Tempel. Kaum daß ich noch in der Eile einen zuckernen nackten Amor beim Fittig packen und ihn herausschmeißen konnte. -- So spielt das Schicksal.
Was sich nun weiter begeben, weiß ich nicht genau. Ich finde mich erst wieder, als ich der Hähnel in den Wagen helfe, ihr die Mappe und tausend Grüße für Sie mitgebe und ihr glückliche Reise wünsche. Da schlug es _zwei_ vom Thurm; der Sommermorgen dämmerte durch die Mondnacht, und die Nebel des Weines zogen aus meinem Haupte. Ich sagte still vor mich hin: „der Mai und Tieck, sie werden ewig leben!“ und schlief in den ersten Juni so tief hinein, daß ich fast erschrack, als man mich weckte.
Eben las ich durch, was ich geschrieben, und finde es matt und erbärmlich. Aber ich weiß gewiß, daß ich nichts Besseres zu Stande bringe; deshalb mag es so abgeben, wie es ist. Vergebens wird man sich bemühen, die Stimmung noch einmal hervorzurufen, die bei einer solchen Gelegenheit eines fühlenden Herzens sich bemächtigt. Was man darüber sagt, scheint kalt und schwach, mit der innern Erinnerung verglichen.
Aber es war ein schöner Abend!
Und nun noch ein Wort von mir, ein Wort, welches mir schwer auf der Seele liegt, seitdem der Professor Löbell aus Bonn mich bei seinem letzten hiesigen Aufenthalte eingeschüchtert hat. Es wird bald von mir ein Band Erzählungen erscheinen, die ich gewagt habe, Ihnen zuzueignen. Nun sagte Löbell, dem ich das erzählte, es schicke sich nicht, eine solche Zueignung in die Welt gehen zu lassen, ohne die Erlaubniß dessen, dem sie gilt. Wenn Ihnen nun noch zum Ueberfluß die Erzählungen recht misfallen, dann sind Sie wohl gar böse, und ich habe einen dummen Streich gemacht?
Ich erwarte mit Zittern und Zagen die Ankunft der Exemplare, um Ihnen dann das erste zum Urtheilsspruche zu senden. --
Soll ich Sie diesen Sommer denn sehen? Ich beginne im August ein Gastspiel in Leipzig, und hatte sehr darauf gerechnet, auf ein paar Tage hinüber nach Dresden zu kommen. Da vernehm’ ich, Sie würden zu jener Zeit in Baaden sein? -- Das wäre denn eben auch mein altes Unglück!
Aber ich will Sie nicht länger quälen mit meiner Schreiberei. Lassen Sie mich nur noch sagen, wie ich bin und ewig bleiben werde
Ihr dankbar und treu ergebner _Holtei_.
~NB.~ Die _Liste_ wird mit andern Papieren nachfolgen.
II.
_Wien_, den 6ten Januar 1836.
Auf meinen, vor einem Jahre an Sie aus Wien gerichteten Brief, haben Sie mir nicht geantwortet, theuerster Meister, und dies hat mir sehr wehe gethan. Nicht weil ich an jene Zeilen den Wunsch geknüpft hatte, in Dresden zu spielen, und weil Ihr Schweigen diesen Wunsch vereitelte; sondern mehr deshalb, weil ich daraus ersehe, daß ich Ihnen wenig gelte. Ich habe freilich nichts, was mich berechtigte, Ihre Liebe zu fordern, als etwa meine immer an den Tag gelegte Liebe für Sie -- und so mußte ich mich schon bescheiden, ohne deßhalb in meinen Gesinnungen irre zu werden.
Jetzt habe ich eine gewisse Verpflichtung, an Sie zu schreiben, weil ich Ihnen Nachricht von einer meiner neuen Arbeiten geben muß, die ohne _Sie_ nicht entstanden seyn würde. Ich hatte nach längerer Pause wieder einmal Ihres Dichterlebens zweiten Theil gelesen und mich dadurch angeregt gefühlt, daß ich mich unmittelbar daran machte, ein Schauspiel zu beginnen, welches denn nun auch unter dem Titel: _Shakspeare in der Heimath_, oder _die Freunde_, über die Bretter gegangen ist. Es war erst mein Wille, auf dem Anschlagezettel dies Drama _als ein nach Tieck’s Novelle_ gebildetes zu bezeichnen. Aber nach näherer Berathung wagte ich es doch nicht, dieses für Wien lockende Aushängeschild zu benutzen, weil ich mich im Feuer des Gefechtes gar zu weit von dem Gang Ihrer Dichtung entfernt hatte. Ich habe Manches aus S.’s Leben aufnehmen zu müssen geglaubt, was Ihre Novelle ignorirt, und habe anderseits gar vieles unbenützt lassen müssen, was für ein Schauspiel, wie wir es brauchen, zu bunt, zu reich gewesen wäre. Auch mußte ich, um zwischen Stratford und London gewissermaßen eine Brücke zu bauen, eine Figur erfinden die in der Person des Sir _Lucy_ von Charlescotes an Sh.’s Wald- und Wildfrevel erinnert, und zugleich jenen Stutzer bezeichnet, den Sie Franzis nennen. Die gute Rosaline ist nun gar etwas ganz anderes geworden, denn um der _Censur_ Willen, (von der Sie keinen Begriff haben, wie dieselbe hier waltet,) durfte ich jenes Weib und ihre Verhältnisse nur ganz oberflächlich nehmen. Auch so ist noch die gute Hälfte der Rolle total weggestrichen worden. Die größte Keckheit meiner Arbeit besteht in der Einführung der _Elisabeth_, welche bei Gelegenheit eines Maskenfestes den Dichter gleichsam heilig spricht. Auch den jungen Southampton habe ich seiner Mutter, und ihren Einwendungen gegen seinen Umgang mit einem Comödianten, sichtlich gegenüber gestellt. Beide Scenen machen jedesmal eine entschiedene Wirkung. Von den Sonetten habe ich das 81te:
„~Or I shall live your epitaph to make~“
in die Handlung verflochten und die Freude gehabt, es mit stürmischen Beifall aufgenommen zu hören. Die Umwandlung des Vaters (den nebenbei gesagt meine Wenigkeit spielt) lasse ich, -- und dies ist der einzige Punkt wo ich den epischen Gang Ihres Meisterwerkes rein dramatisch fand, -- auch durch ein Citat bewirken, und zwar durch die Rede Heinrich des fünften: „Wer wünschte so? mein Vetter Westmorland? &c.“ Ich wünschte _Ihnen_, und wünsche es nun seit 8 Abenden bei jeder Aufführung, daß _Sie_ den Jubel hören könnten, wenn Southampton am Schluße dieser Rede fragt: _Nun Alter was sagt Ihr dazu_? -- und ich ihm entgegne „_ja, sey er noch so niedrig! und wär’ ich dabei gewesen, ich hätte mein Blut auch für ihn vergossen und wäre auch sein Bruder geworden. -- Crispin, Crispinian! Mary, mein Schwerdt, meine Lanze! Ich will hinaus! Für unsern guten König Heinrich will ich sterben! Gott und Sankt Georg! Alt-England für immer!_“ Dann faßt mich Heinrich S. beim Arm und ruft: _Heh, Alter wo seyd Ihr_? Und ich sage: „_In Frankreich, Herr, in Azincourt!_“ und da bricht es los, daß wir nicht weiter reden können.
Diese Arbeit ist mein Schwanengesang für Wien. Denn das Theater, an das ich mich in blindem Vertrauen auf seinen Direktor gekettet hatte, ist (durch die Perfidie dieses Mannes, nachdem er, ein muthwilliger Bankerotteur, entflohen,) in Trümmer gesunken und wir spielen nur auf seinen Ruinen. Der Frühling löset es auf. Die Burg ist mir und meinem Genre verschlossen. Und fände sich bei den andern Vorstadttheatern Gelegenheit zu wirken, so hätte ich der Censur wegen, die mir eine Arbeit nach der andern untersagt, nicht mehr den Muth. Was hier verboten wird, ist eben so unglaublich, als das „_Warum?_“ unerklärlich bleibt. Am Ende herrscht reine Willkühr und ich staune wahrhaftig bisweilen eben so sehr über das _Stehengebliebene_, als ich mich über das _Weggestrichene_ verwundere.
So wird denn wieder ein Wanderleben beginnen und von Ihnen hängt es ab, ob ich mich mit meinen harmlosen Productionen auch nach Dresden wenden soll? Ohne Sie belästigen zu wollen, rechne ich doch mit Gewißheit auf eine _Zeile_ von Ihrer Hand, worin Sie mir einen freundlichen Wink geben.
Ich empfehle mich Ihnen und den verehrten Ihrigen mit alter Anhänglichkeit und Treue verharrend
Ihr _Holtei_.
=Ende des ersten Bandes.=
~Druck von Robert Nischkowsky in Breslau.~
Fußnoten:
[Fußnote 1: Die Verdienste, welche sich der Breslauer ~Stud. philol.~ Herr _Karl Schuler_ durch unermüdlichen Fleiß und eingehendes Verständniß um Herstellung eines brauchbaren Manuskriptes erwarb, sind dankbar hervorzuheben.]
[Fußnote 2: Daß sie dieses mehrfach geblieben sind, ist nicht meine Schuld; ich habe weder Zeit noch Mühe gespart, Aufschlüsse zu erhalten, welche kein Hand- und Hilfsbuch, kein Lexikon, keine Litteraturgeschichte gab. Um eine aus wenigen Worten bestehende Notiz über Geburt und Tod zu erhalten, habe ich oft Briefe geschrieben die eben so viele Seiten zählten. Und auch diese haben nicht immer Rath geschafft. H.]
[Fußnote 3: In ein paar Monate hoff ich doch das Buch mit die Zueignung senden zu können.]
[Fußnote 4: Nebst ein paar Schaumünze, über Geyer und Wallin.]
[Fußnote 5: Prof. G. Hermann übersandte mir bald nach meiner Ankunft das Diplom eines Ehrenmitgliedes der, von ihm gestifteten, ~Societas graeca~, so daß ich nun 3 Gelehrtenvereinen angehöre, diesem, der lat. Gesellschaft in Jena und der Ges. für deutsche Sprache in Berlin. Ehre genug, aber --]
[Fußnote 6: ~Dr.~ Fr. Hermann, der das Nibelungen-Epos in einige Dramen zwängte. Der Erste auf dieser seither öfters beschrittenen steilen Bahn. Er hat sein Leben mit fruchtlosen Versuchen hingequält, jene Versuche bei Bühnen anzubringen, und ist dann in Elend und Wahnsinn untergegangen. Es finden sich einige von ihm an Tieck gerichtete Briefe vor.]
[Fußnote 7: Diesem Propheten begegnen wir bald noch einmal auf umstehenden Blättern. Ist es möglich, möchte man fragen, daß derlei Unsinn Aufmerksamkeit erregte bei solchen Hörern?]
[Fußnote 8: _Anmerkung._ Die vielleicht ungerechte Härte dieser und ähnlicher, in anderen Briefen enthaltener Urtheile, geben wir mit gewissenhafter Treue, wie sie der Redaktion gebührt, wieder, indem wir unsere eigne Ansicht bescheidentlich im Innern vorbehalten. Leider steht die moderne dramatische Poesie nicht auf der Höhe, daß man Raupachs produktive Kraft so unbedingt verwerfen dürfte.]
[Fußnote 9: Wir verdanken diese umfassende Belehrung der Güte des Herrn ~Dr.~ Jos. Lehmann, Redakt. des Magazins für ausl. Literatur.]
[Fußnote 10: Mehrere hier durch Striche angedeutete Lücken sind (mit innigem Bedauern) gemacht worden, weil _wir_ uns kein Recht anmaßen, vertrauliche Mittheilungen in die Oeffentlichkeit zu bringen. Tiecks Wille scheint allerdings gewesen zu sein, den herrlichen Brief unverstümmelt abdrucken zu lassen. Er hätt’ es verantworten können.]
[Fußnote 11: Die erste Bearbeitung, (1845) die wir im Manuskripte genießen und uns an ihr ergötzen durften, erweckte im Leser ungleich günstigere Meinung, als hier der gegen sich strenge Dichter selbst ausspricht.]
[Fußnote 12: „Begleiten“ statt: _bekleiden_; so hat der Sekretair geschrieben. Das ist im Sächsischen und auch in Süddeutschland häufig. Wie man auch nicht selten „verleiten“ anstatt: _verleiden_ lieset.]
[Fußnote 13: Hat Hoffmann falsch gelesen, und ist vielleicht „Molbach“ gemeint?]
[Fußnote 14: Kühne, mit seinem Familiennamen _Lenz_, ein Enkelneffe des Dichters, der sich als Schauspieler zuerst Kühne genannt hatte, während der späteren Periode seiner Künstlerlaufbahn aber den ~nom de guerre~ wieder gegen den ursprünglichen Vaternamen umtauschte. Hoffmann muß das gar nicht gewußt haben. Wir bringen unter L. ein Schreiben von diesem Lenz-Kühne.]