Chapter 7
Ich habe nun das empfangene Heft Ihrer Lebensbeschreibung mit großer Sammlung und sehr großem Vergnügen gelesen und wiederhole Ihnen meinen wirklich recht herzlichen und aufrichtigen Dank dafür. Ich habe die Zeiten gewählt, wo ich am freiesten war, mich in die geschilderten Lagen zu versetzen, und habe also langsam und mit großem Bedacht jedes Einzelne erwogen. Einige der Schilderungen sind mir ungemein anziehend und reizend vorgekommen. Es muß Sie das nicht wundern. Wenn man den Inhalt dieser Bogen in seinen Resultaten erzählt, so kann das Leben eines Kindes nur höchst unbedeutend scheinende geben. Aber wenn man eine sehr ausführliche Schilderung vor sich hat, ist es durchaus anders. Es ist dann nicht mehr die Sache, das Resultat, es ist die Veränderung, die dabei in der Seele vorgeht, die innere Entwickelung der Ideen und Empfindungen, und die ist bei einem Kinde nicht bloß ebenso anziehend als bei Erwachsenen, sondern im Grunde mehr, da das Kind zu mehr Vergleichen Stoff darbietet. Wie Sie zum Beispiel sich als Kind zeigten, vergleicht man gern mit der Natur Ihrer beiden Eltern, und mit Ihrem eigenen späteren Wesen. Diese drei Punkte haben mir beim Lesen immer gleich deutlich vor Augen gestanden. Es ist vollkommen offenbar, daß, was Sie als Kind charakterisiert hat und was sich überall in Ihrem künftigen Leben wieder finden wird, wenn Sie in Ihren Schilderungen fortrücken werden, eine gewisse Innerlichkeit Ihres Wesens ist. Sie scheinen zwar auch in jenen Jahren der früheren Kindheit sehr aufmerksam auf dasjenige gewesen zu sein, was um Sie herum vorging, allein doch nicht sowohl, um darin nun wirklich zu leben, als um sich daraus eine eigene, innere Welt zu bilden. Es ist ebenso unverkennbar, daß Sie diese, mehr innerliche Natur Ihrem Vater verdanken, in dem sie nur auf eine andere Weise vorhanden und aus anderen Quellen entsprungen war. Über Ihre Eltern und ihre gegenseitigen Vorzüge zu urteilen, ist nicht leicht. Wie beide da in der Welt standen, ist man sehr geneigt, sich doch mehr für Ihre Mutter zu erklären. Sie ist praktisch tätig, mutig, besonnen, verständig und doch nicht von tändelnder, aber doch von sehr wahrer Liebe und Wohltätigkeit. Der größere Charakter unter beiden ist sie gewiß. Bei dem Vater vermißt man das recht ins Leben Eingreifende, das einem Manne noch mehr als einem Weibe geziemt. Allein man hütet sich mit Recht abzuurteilen. Es ist sichtbar, daß man in sein eigentliches, inneres Wesen nicht gehörig eindringt. Es ist auch höchst wahrscheinlich, daß er nie Gelegenheit fand, dies ganz und ohne Rückhalt aufzuschließen. Mit seiner Frau konnte er in einem solchen Verhältnis nicht stehen. Er hätte es späterhin mit Ihnen gekonnt, und vielleicht ist es auch in der Folge bis auf einen gewissen Punkt geschehen? Das werden in der Folge Ihre Blätter zeigen. Allein es ist selten und schwer, daß ein Vater sich über sich selbst erwachsenen Töchtern vollkommen öffnen kann. Dann war auch die innerliche Natur Ihres Vaters (ich meine darunter nämlich die Neigung, vorzugsweise vor allem andern, sich mit sich selbst zu beschäftigen) mit etwas, das, wenn man es auch nicht körperlich allein nennen mag, doch vom Willen und selbst vom Bewußtsein unabhängig und getrennt ist, vermischt. Diese Träume, dieser gewissermaßen natürliche Magnetismus, haben in sich etwas Geheimnisvolles, von dem sich weder Ursachen noch Folgen berechnen lassen, und das immer wie eine unbekannte Größe dasteht, und etwas, das das Urteil über den ganzen Menschen, in dem es sich befindet, ungewiß macht.
Ich gestehe, daß ich keine Vorliebe für diese innere Gemütsstimmung habe. Ich bedarf Klarheit der Gedanken und des Bewußtseins, daß nichts in mir ohne meinen bestimmten und wohlgeordneten Willen vorgeht. Ich besitze, teils von Natur, teils durch die sehr früh begonnene Übung eines langen Lebens, eine große Gewalt und Stärke über mich selbst, und mir würde daher schon in der Idee ein Zustand peinlich sein, wie der war, wo in dem Traum, den Sie von Ihrem Vater erzählen, er von einem fremden Geiste in seiner unmittelbaren Existenz scheint beherrscht zu werden. Ich bin daher noch viel behutsamer, über Ihren Vater mir das mindeste Urteil zu erlauben, als ich es immer bei jemanden sein würde, der Ihnen so nahe steht. Sie fragen mich, ob ich die Umgegend von Preußisch-Minden und die Porta Westphalica kenne. Nein, ich bin in jener Provinz immer im schnellen Durchreisen gewesen, und in diese Gegenden auch nicht einmal gekommen. Ich halte sie aber für sehr anziehend, außerdem, daß sie geschichtliche Wichtigkeit haben. Nun werde ich indes schwerlich mehr reisen und mich anders als in dem Kreise bewegen, in dem ich mich herumdrehe, und werde ich sie also auch wohl nie sehen. Auch sehe ich eben, daß Sie meinen Rat über etwas wünschen. Schreiben Sie mir nur ohne Rückhalt, wenn ich Ihnen raten kann, tue ich es gewiß mit Freuden. Es ist aber wahr, daß ich nichts davon halte, Rat zu fragen, noch zu erteilen. Gewöhnlich wissen die Fragenden schon, was sie tun wollen, und bleiben auch dabei. Man kann sich von einem andern über mancherlei, auch über Konvenienz, Pflicht aufklären lassen, aber entschließen muß man doch sich selbst. Leben Sie herzlich wohl! Unwandelbar der Ihrige. H.
_Berlin_, den 18. Oktober 1823.
Den für den Augenblick nötigsten Teil Ihres letzten Briefes, liebe Charlotte, habe ich schon neulich beantwortet, und bin begierig, aus Ihrem nächsten zu sehen, ob Sie meinen Rat befolgt haben werden. Der Ausgang bleibt allerdings immer zweifelhaft, indes kann der Schritt nicht schaden, und man weiß doch nicht, was geschieht. Ich halte immer sehr viel davon im Leben, die Anlässe, die sich zu etwas darbieten, was dem gewohnten Gange eine veränderte Richtung geben kann, nicht zu versäumen, sie vielmehr zu benutzen, und was sich daraus irgend entspinnt, in das übrige Leben zu verweben. Vorzüglich ist aber dies der Fall bei Dingen, die schon zu einer gewissen Reife gediehen sind, und das war doch Ihre Bekanntschaft mit dem verstorbenen Herzog. Er hatte Ihnen einmal so günstige Äußerungen gemacht, daß es schade wäre, auf diesem Wege nicht weiter fortzugehen. Es ist immer auch zugleich eine Prüfung der Menschen, und neben dem, was man etwa handelnd und redend ausrichten kann, ist doch im Leben das Anschauen, Versuchen und Sammeln von Erfahrungen das Nützlichste und wenigstens bei weitem das Unterhaltendste. Es kann zwar sein, daß das nicht so in jeder Natur ist, aber der meinigen ist es, sogar mehr als billig ist, eigen, das Leben wie ein Schauspiel anzusehen, und selbst wenn ich in Lagen war, wo ich ernsthaft selbst mithandeln mußte, hat mich diese Freude am bloßen Zusehen der Entwickelungen der Menschen und Ereignisse nie verlassen. Ich habe darin zugleich eine große Zugabe zu meinem innern Glück und eine nicht geringe Hilfe bei jeder Arbeit selbst gefunden. Das Erste ist leicht begreiflich und entsteht auf doppelte Weise. Zuerst hat man die positive Freude am Anblick der wirkenden Kräfte, am Weiterrücken der sich in uns unbekannten Ursachen verflochtenen Dinge und Ereignisse, und dann wird man gleichgültiger gegen den Ausgang, insofern dieser nämlich uns selbst betrifft. Denn der Anteil an andern kann dadurch auf keine Weise geschwächt werden. Im Handeln selbst aber gewinnt man dadurch Ruhe, Kälte und Besonnenheit. Besonders bei großen Angelegenheiten gibt diese Ansicht gerade die Überzeugung, daß sie, wenn sie auch gegen unsere Neigungen ausschlagen, einen Gang gehen, der tief in den einmal feststehenden Plänen des Schicksals liegt, und auch nur das Mindeste dieses Plans zu ahnen, ist schon an sich ein über jedes andere gehendes geistiges Vergnügen. Bei eigenen Lebensbegebenheiten ist es, wenigstens bei mir, anders. Es würde mir immer nur Eitelkeit und Selbstsucht scheinen, die ich mir nie erlauben würde, wenn ich, was sich mit mir und meiner Persönlichkeit ereignet, gewissermaßen tiefen Plänen im Weltlaufe zuschieben wollte. Es gehört freilich auch zum Ganzen, aber wie ein Atom, es interessiert mich geistig dabei nur, wie ich mich selbst betrage, wie ich die Ereignisse aufnehme, ob mit Fertigkeit im Widrigen, mit Bescheidenheit im Günstigen, ob ich tue, was ein Mann seiner Pflicht und seinen Gefühlen schuldig ist, das Übrige mag auf- und abstürmen, ich suche mich darein zu finden, so gut es nun einmal gehen will. Aber auch bei den, von höherem Gesichtspunkte aus betrachtet, unbedeutenden Ereignissen meiner selbst und meiner Familie bleibt doch jenes Vergnügen der Beschauung der ins Spiel kommenden Personen, der Umstände u. s. f., was oft für so vieles auch wirklich Widrige entschädigt. Es versteht sich jedoch von selbst, daß diese Beschauungslust des Lebens nie aus bloßer Neugierde entstehen muß, daß sie nicht sein darf, wie vergnügungssüchtige Leute in die Komödie gehen. Sie muß entstehen aus dem lebhaften Interesse, was man an der Menschheit, nicht bloß an ihrem Glück, denn das Glück ist bei weitem nicht das Höchste, sondern an ihrem innern Wert, ihrem Wesen und ihrer Natur nimmt, aus dem immer unermüdlichen Streben, eben diese menschliche Natur tiefer in ihrem Innern zu erkennen, und so viel es möglich ist, die Räder zu erahnen, welche die Schicksale der Menschen, oft unauflöslich scheinend, ineinander treiben, und sie dann doch wieder so schonend auseinander rollen, daß wahre, nur nicht gleich eingesehene Harmonie daraus hervorgeht. So wie alles im Menschen nur auf die Höhe des Gesichtspunkts ankommt, auf den man sich stellt, so ist es auch hier. Ist der Gesichtspunkt der rechte, edel und gut, so kann nichts als wieder Gutes und Edles daraus hervorgehen. -- Ich bitte Sie, mir die Fortsetzung Ihrer Lebenserzählung sobald zuschicken, als Sie den Abschnitt erreicht haben, zu dem Sie kommen wollten. Leben Sie herzlich wohl; mit dem innigsten Anteil der Ihrige. H.
_Burgörner_, den 29. November 1823.
Ich befinde mich hier sehr wohl. Es ist nicht bloß für diese Jahreszeit und den sonst oft so schlimmen Monat, sondern wirklich an sich immer leidliches und oft sehr gutes Wetter. Heute war es wirklich schön, und die Sonne kam sehr freundlich heran. Zwar erhob sie sich nur wenig über eine dichte und finstere Wolke, die den Abendhimmel bedeckte, aber der übrige Teil des Himmels war vollkommen blau. Da ich teils viele Geschäfte hier habe, teils die Zeit zu eigenen Arbeiten benutzen will, so ist es mir sehr lieb, ganz allein hier zu sein, ich bin so gar keiner Störung ausgesetzt und liebe an sich die Einsamkeit. Die Freude, mit den Meinigen zu sein, ist mir nur immer eine unendlich glückliche Zugabe zu meinem schon glücklichen Leben. Ich habe mir aber nie denken können, wie dasjenige eigentlich ein Glück zu heißen verdient, was eine Lücke ausfüllt, die einem Unglück nahe kommt, und es hat mir immer geschienen, als ginge der wahrhaft edle und hohe Glücksgenuß erst an, wenn man, sich selbst genügend im Gleichgewicht, seine Neigungen und Empfindungen mit sich verknüpft, die diesen, schon in sich befriedigenden Zustand dergestalt erhöhen, daß er, damit verglichen, wirklich mangelhaft erscheint. Heftige Begierden und leidenschaftliche Äußerungen sind mir daher immer fremd geblieben. Indes will ich das nicht eben loben noch in Schutz nehmen. Es könnte leicht auch in einem Mangel an Feuer liegen, dessen der Mann zu vielen der wichtigsten und ernsthaftesten Dinge bedarf, es ist auch nicht jene Fremdheit immer in gleichem Grade in mir gewesen. Jetzt ist sie meinen Jahren freilich natürlich. Die Jugend muß im Manne immer zuerst in der wirklich nur jugendlichen Lebendigkeit des Empfindens und dem, was leidenschaftlich ist, erlöschen; zum Entschluß und zur Anstrengung kann dann ihre Kraft noch lange ausdauern. -- Nun komme ich zu dem letzten Heft Ihrer Lebenserzählung zurück. Es hat mir wieder ungemein viel Freude gemacht, und ich habe es gestern abend ohne Unterbrechung hintereinander gelesen. Es schadet garnicht, wenn auch einiges, was Sie darin erzählen, in eine andere Periode gehört, wie Sie besorgen. Es ist unmöglich, in der Erinnerung so genau in der Zeitfolge zu bleiben, ich würde sehr verlegen sein, sollte ich von einem meiner Kinderjahre so ausführlich erzählen. Es ist merkwürdig, daß Ihnen so viel in der Erinnerung geblieben ist. Da in diesem Hefte gerade so viel vom Schreiben die Rede ist, so kann ich Ihnen mit Wahrheit sagen, daß diese Erzählung wieder ganz diesen Vorzug hat. Alles darin ist trefflich gedacht und empfunden, das ist das erste darin, und wie Sie selbst richtig bemerken, das unerläßliche Erfordernis jedes guten Schreibens; allein auch das letzte ist bei Ihnen damit verbunden. Die Art Ihrer Entwickelung hat mich ungemein interessiert. Sie bemerken sehr richtig, daß das, was Ihnen mehr durch Sie selbst, und zufällig durch Umgang mit Erwachsenen, an Unterricht zukam, gerade darum so stark und so dauernd wirkte, weil es wenig war, und in ein auf besseren und reichhaltigeren Unterricht begieriges Gemüt fiel, so möchte ich auch im übrigen weiter schließen. Es sollte mich aber nicht wundern, wenn doch gerade diese Erziehung mehr oder kräftiger beigetragen hätte, Sie so, wie Sie geworden sind, zu bilden, als wenn alles fein systematisch dabei ausgedacht worden wäre. Man muß sich die Erziehung ja nicht bloß und immer als eine direkte Leitung zu verständiger Haltung, gutem Charakter und hinlänglichem Reichtum von Kenntnissen denken. Sie wirkt oft weit mehr als ein Zusammenfluß von Umständen, deren beabsichtigte Wirkung ganz vereitelt wird, die aber durch den Streit gegen die Individualität des zu Erziehenden in ihm bewirkt, was die direkte Einwirkung nie vermocht hätte. Denn das Resultat der Erziehung hängt ganz und gar von der Kraft ab, mit der der Mensch sich auf Veranlassung oder durch den Einfluß derselben selbst bearbeitet. Mit großem Vergnügen habe ich auch bestätigt gefunden, daß dasjenige, was Ihr Gemüt und Ihren Verstand noch jetzt auszeichnet, Ihnen auch in der Kindheit schon beiwohnte. Es ist immer meine Meinung gewesen, daß sich der Mensch, wenn man das Wesentliche seines Charakters nimmt, nicht eigentlich ändert. Er legt Fehler ab, vertauscht auch wohl Tugenden und gute Gewohnheiten gegen schlechte, allein seine Art zu sein, ob mehr nach der Außenwelt, oder mehr nach innen gekehrt, ob heftig oder sanft, ob in die Tiefe der Ideen eingehend, oder auf der Oberfläche verweilend, ob mit kühnerem und fettem Entschluß ins Leben eingreifend, oder Schwäche verratend, bleibt gewiß von der Kindheit bis in den Tod die nämliche. Das war für heute vorerst das Wichtigste, was ich Ihnen über dies Heft sagen wollte. Auf ein und anderes komme ich ein anderes Mal zurück. Immer aber wiederhole ich Ihnen aufs neue meinen herzlichen Dank für die Mühe, die Sie mir so liebevoll widmen.
_Berlin_, den 12. Januar 1824.
Ihr Brief, liebe Charlotte, vom 21. v. M. hat mir große Freude gemacht, und ich danke Ihnen von ganzem Herzen für alles Liebevolle, das er enthält. Nehmen Sie besonders meinen Dank für Ihre Wünsche zum neuen Jahr an, und seien Sie versichert, daß ich sie aus recht inniger Seele erwidere. Niemand kann innigeren Anteil an Ihnen nehmen als ich, niemand es besser mit Ihnen meinen; so kann auch niemanden die Erfüllung der Wünsche für Ihr Glück so sehr am Herzen liegen als mir, davon seien Sie mit unumstößlicher Gewißheit überzeugt. Sorgen Sie aber auch selbst, beste Charlotte, angelegentlich für Ihre Gesundheit und Ihre Ruhe. Mir kommt es immer vor, daß die Art, wie man die Ereignisse des Lebens nimmt, eben so wichtigen Anteil an unserm Glück und Unglück hätte, als diese Ereignisse selbst. Den eigentlich frohen heiteren Genuß kann man sich allerdings nicht geben, er ist eine Gabe des Himmels. Aber man kann viel dazu tun, das Unangenehme, dessen für jeden das Leben immer viel herbeiführt, ruhiger aufzunehmen, mutiger zu tragen, besonnener abzuwehren oder zu vermindern. Man kann wenigstens vermeiden, sich unnötige und ungegründete Besorgnis und Unruhe zu erregen. Wenn man das eine und das andere tut, sucht man sich damit gleichsam recht frei von der Abhängigkeit der höheren Mächte zu machen; man genießt ja dadurch noch lange kein Glück, man bewahrt sich nur vor zu unangenehmen Empfindungen. Man handelt aber gewiß im Sinne und nach dem Willen des Himmels, wenn man mit so viel Selbständigkeit, als die individuellen Kräfte zulassen, dem Geschick begegnet und sich seinen Einflüssen von innen heraus weniger zugänglich macht. Ich sage das, liebe Charlotte, um Ihnen vorzustellen, daß Sie sich nicht so um nichts beunruhigen müssen, wie neulich, wo Sie, geschreckt durch Träume, sich bangen Ahnungen überließen. Ihre Worte: »Nehmen Sie mir den ängstlichen Kleinmut nicht strenge auf, ach! nehmen Sie mir die Worte nicht so genau -- das Unglück macht abergläubig, man fürchtet überall, man sieht nur traurige Vorbedeutungen -- der Glückliche weiß nichts von Aberglauben« -- diese Worte haben mich sehr gerührt und in innigster Teilnahme bewegt, und nur aus diesen Empfindungen geht das hervor, was ich Ihnen sage. Sie haben einen viel zu klaren und bestimmten Verstand, haben über diese Dinge in dem, was Sie bei Gelegenheit der Stimmung Ihres Vaters in dieser Art mir geschrieben, so richtig geurteilt, daß Sie nicht durch so unbedeutende Zeichen, wenn man es nur überhaupt Zeichen nennen kann, sich sollten irgend bewegen lassen. Nehmen Sie, was ich da sage, ja nicht als einen Vorwurf auf. Ich würde mir gewiß nicht herausnehmen, Ihnen je einen zu machen. Ich wünsche aber dringend, daß Sie sich nicht vergeblich beunruhigen, nicht Ihrer Gesundheit schaden, sich in Ihren Beschäftigungen stören und sich Ahnungen hingeben, die entweder Kummer über Unglücksfälle rege machen, die nicht eintreten, oder die Träume über wirklich sich ereignende schon im voraus fühlen lassen. Ich halte es auch nicht für unangemessen, Ihnen so ausführlich darüber zu schreiben, da ich besorge, daß die Unruhe, die Sie darüber äußern, Sie nicht sobald verlassen möchte, und Sie mir sehr oft die wohltuende Versicherung geben, daß Ihnen meine Worte beruhigend und tröstlich sind. Nun leben Sie herzlich wohl und verscheuchen Sie jede bange Sorge. Vertrauen Sie den gütigen Mächten des Schicksals, und glauben Sie nicht, daß es solche gibt, die absichtlich das Herz mit Ahnungen plagen, sich nicht an dem Schmerz über wirkliches Unglück begnügend. Mit den Ihnen bekannten unveränderlichen Gesinnungen der Ihrige. H.
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Ergebung in das, was geschehen kann, Hoffnung und Vertrauen, daß nur dasjenige geschehen wird, was heilsam und gut ist, und Standhaftigkeit, wenn etwas Widerwärtiges eintrifft, sind alles, was man dem Schicksale entgegenstellen kann.
Sie erinnern mich an eine Stelle der Bibel und fragen mich, ob ich sie gelesen habe? Ich habe die Bibel von einem Ende zum andern mehrmals durchgelesen, das letzte Mal noch in London, und ich kannte daher sehr gut das Kapitel des Briefes an die Korinther, das Sie anführen. Es ist allerdings eines der schönsten im Neuen Testament, wenn es recht verstanden wird, allein auch eines von denen, in welche zu leicht ein jeder etwas von seinem eigenen Gefühl und seiner Individualität hineinträgt, und wenn diese auch recht gut und fromm sind, so können sie doch der ursprünglichen Bedeutung fremd sein. Im griechischen Urtext ist das weniger möglich. Wir haben im Deutschen nur das eine Wort _Liebe_, welches zwar sehr rein, edel und schön ist, aber doch für sehr verschiedenartige Empfindungen gebraucht wird. Im Griechischen gibt es ein eigenes für die ruhige, sanfte, leidenschaftlose, immer nur auf das Höhere und Bessere gerichtete Liebe, das niemals für die Liebe Zwischen den Geschlechtern, wie rein sie sein möchte, gebraucht wird, und dies Wort, welches mehr den christlichen griechischen Schriftstellern als den früheren eigen ist, steht gerade in diesem Kapitel. Ich möchte damit aber keineswegs die Lutherische Übersetzung tadeln, vielmehr leugne ich nicht, ist mir unser deutsches Wort lieber als jedes andere, gerade weil es so vielumfassend ist, und die Empfindungen in der Seele gerade bei ihrer Wurzel aufnimmt. Was sowohl den Inhalt dieses Kapitels vorzüglich würdig und groß macht, und auch den Begriff deutlich zeigt, der mit dem Worte der Liebe nach dem Sinne des Apostels verbunden werden soll, sind, wie es mir scheint, zwei Dinge: Erstens, daß nicht bloß auf die Ewigkeit hingedeutet, sondern die Liebe selbst, als etwas Ewiges, mehreren andern, auch großen und schätzungswürdigen, aber dennoch vergänglichen Dingen entgegengesetzt wird, und daß die Liebe nicht als ein einzelnes Gefühl, sondern sichtbar als ein ganzer, sich über den ganzen Menschen verbreitender Seelenzustand geschildert wird. Die Liebe, heißt es, hört nimmer auf. Dies beweist zur Genüge, daß sie auf Dinge gerichtet sein muß, die selbst ewig und unvergänglich sind, und daß sie dem Herzen auf eine solche Weise eigen sein muß, daß sie in keinem Zustande des Daseins demselben entrissen werden kann. Es ist nicht sowohl von einer bestimmten Liebe, nicht einmal der des höchsten Wesens, die Rede, sondern von der inneren Seelenstimmung, die sich über alles ergießt, was der Liebe würdig ist und worauf sich Liebe anwenden läßt. Es ist auf den ersten Anblick nicht gleich zu begreifen, warum, da alles hienieden Stückwerk genannt wird, die Liebe allein zu dem, was ganz und vollkommen ist, gerechnet wird. Denn das übrige, welches der Apostel anführt, ist doch offenbar deshalb Stückwerk genannt, weil es in endlichen Wesen nicht vollkommen sein kann, und die Liebe, wie rein und erhaben sie sein möge, ist: doch auch nur in endlichen Geschöpfen nach der Art, wie sie in diesem Kapitel genommen ist. Es ist aber wohl deshalb, weil alles übrige, wovon als von Stückwerk die Rede ist, eine Kraft des Wissens und des Tuns voraussetzt, die sich in menschlichen und endlichen Wesen nicht befinden kann. Die Liebe hingegen geht selbst von einem bedürfenden Zustande aus, sie gehört rein der Gesinnung und dem Gefühle an und ist überall aufopfernd, gehorchend und hingebend. Sie wird daher durch die Schranken der Endlichkeit nicht so gehemmt. Allerdings könnte sie im Menschen nicht wohnen, wenn ihm nicht selbst eine Verwandtschaft mit dem Unendlichen im Innersten seines Wesens zugrunde läge, denn wenn ihr Odem ihn einmal beseelt, so kann er sich in ihm mehr, als irgend sonst, dem Höheren verwandt fühlen. Da aber, wie ich im Anfange sagte, wohl jeder, ohne auch irgend in Mißverständnisse zu verfallen, gerade diese Stelle der Bibel nach seiner individuellen Empfindung nimmt, so gestehe ich, daß ich den Ausdruck Liebe hier von aller und jeder einzelnen Empfindung für ein Wesen durchaus geschieden und getrennt halte, und darin nur eine Schilderung des an sich weit höheren Seelenzustandes finde, der, frei von aller Selbstsucht, fern von jeder Leidenschaftlichkeit, mit Wohlwollen auf allem verweilt, das günstige, wie das widrige Schicksal mit Ergebung und Gelassenheit trägt, und aus dessen Ruhe selbst die belebende Wärme in alles, was ihn umgibt, übergeht. Darum heißt es, daß die Liebe nicht eifert, sich nicht ungebärdig anstellt u. s. f. Darum werden ihr Glaube und Hoffnung zur Seite gestellt, sie aber über beide erhoben; darum besonders wird sie über die Werke gesetzt. Dies letzte kann augenblicklich sonderbar scheinen. Allein es ist sehr richtig, da, wenn die Gesinnung wahrer Liebe da ist, die Werke von selbst aus ihr entspringen. Diesem Seelenzustande ist das Fordernde, das Unruhige, Sorgende, auf Ausübung von Recht mehr als auf strenge Übung der Pflicht Bedachte, das sich selbst Lobende und mit sich Zufriedene entgegengesetzt. So nehme ich diese biblische Stelle, obgleich ich fern bin zu behaupten, daß nicht auch eine andere Ansicht statthaft wäre.
_Berlin_, den 12. März 1824.