Chapter 6
Daß eine geliebte Person im Augenblick ihres Abscheidens, oder auch nachher, den Elementen und der Sinnenwelt die Kraft abgewinnt, zu erscheinen, läßt sich zwar auch nicht weiter begreiflich machen, allein die menschliche Seele empfindet doch selbst Dinge in sich, welche die Möglichkeit, wenn auch nur in einem Schleier, durchblicken lassen. Wer je Sehnsucht in sich getragen hat, begreift, daß sie eine Stärke gewinnen kann, die von selbst die gewöhnlichen Schranken der Natur durchbricht. Es mag aber auch bei dem, der etwas sehen soll, eine Empfänglichkeit notwendig sein, die Geistergegenwart zu vernehmen, und wir mögen manchmal von Geistern umgeben sein, ohne es zu wissen oder zu ahnen. Warum man weniger Geister sieht, weniger von Erscheinungen hört, läßt sich eher erklären. Unter den Geschichten von ehemals waren wohl viele falsch, nicht gerade erfundene, aber ununtersucht gebliebene, oder nicht verstandene, natürliche Ereignisse. Man hatte mehr Glauben überhaupt und auch an diese Dinge, man war mehr zur Furcht vordem Übernatürlichen geneigt; die Meinung von einem bösen Geist, der quäle und verführe, wurde sinnlicher und materieller genommen. Indes mag auch außerdem richtig sein, daß doch auch wahre Erzählungen, wirklich übernatürliche Wirkungen, wie die von Ihnen beobachtete, häufiger waren, und wenn das ist, ist die Erklärung freilich schwierig, zumal wo so eine Wirkung von mehreren sehr verschiedenartigen Menschen beobachtet wurde, wie es in Ihrem Hause der Fall war. Denn Erscheinungen und Gesichter einzelner würden sich eher erklären lassen. Ich sagte schon erst, daß eine gewisse Empfänglichkeit auch zur Wahrnehmung des Übersinnlichen gehöre. Diese mochten die Menschen in jener Zeit mehr haben, wo sie weniger weltlich zerstreut lebten, ihr Gemüt innerlicher gesammelt, frommer und ernster auf eine Wesenreihe außerhalb der irdischen Welt gerichtet war. Gerade bei einem Manne von so würdigem, tief religiös gestimmtem Charakter, wie Ihr Vater war, konnte das füglich der Fall sein. Wie es sei, so hat er die Sache trefflich aufgenommen, zugleich ohne Furcht und Unglauben. Die Erzählung hat mich ausnehmend interessiert, ich danke Ihnen herzlich dafür, und sehe es als einen lieben Beweis Ihrer Bereitwilligkeit an, mir Freude zumachen, daß Sie so bald meinen Wunsch in dieser Sache erfüllt haben, und zu einer Zeit, wo Sie durch Ihr Umziehen auch sehr gestört waren. -- Da das Wetter so rauh ist, bin ich noch mit meiner Familie in der Stadt, und gehe auch vorerst nur auf mein nahegelegenes kleines Landgut Tegel. Nachher vermutlich nach Ottmachau in Schlesien, auf sechs bis acht Wochen. Leben Sie herzlich wohl und verwahren Sie sich ja in Ihrer Wohnung gegen die Einflüsse der äußeren Lust, die noch garnicht frühjahrmäßig ist. Ihr H.
_Tegel_, den 15. Mai 1823.
Ich schreibe Ihnen, liebe Charlotte, von meinem kleinen Landsitze aus, der Ihnen schon bekannt ist. Ich bin mit den Meinigen seit einigen Tagen hier, das Wetter aber begünstigt uns sehr wenig. Es ist ein ewiges Stürmen, Regnen, oder wenigstens ein mit Wolken bedeckter Himmel. Den letztern liebe ich zwar wohl im Sommer. Wenn die Wolken leicht sind und nur wie ein zarter Schleier das helle Blau verhüllen, und es dabei windstill und warm ist, so hat es etwas Wehmütiges, was einer gleichgestimmten Seele sehr wohl tut. Das Grün ist noch sehr zurück, die Eichen im Walde fangen erst an, Laub anzusetzen, und nur die frühesten Bäume, Kastanien, Flieder und solche prangen schon in vollem Laube. Dagegen sind die Blüten der Obstbäume reich und schön. Ich denke mir täglich, daß Sie das alles nun auch in Ihrem Garten genießen und bin nur bange, daß der Wind und das schlimme Wetter, da Ihre Wohnung, wie Sie schreiben, gar nicht dicht genug verwahrt ist, Ihnen darin lästig sein werden. Die Anwesenheit meines Bruders in Berlin und eine Reihe anderer kleiner Umstände hatten gemacht, daß ich den ganzen Winter über in der Stadt geblieben war und gar keinen Aufenthalt hier gemacht hatte; so ist mir das Land wie neu und ich genieße es doppelt. Es ist eigentlich wunderbar, daß gerade die freie Natur und die Einsamkeit einen so großen Reiz für mich haben, da mein Leben nicht dazu beitragen konnte. Wenn man immer daran gewöhnt gewesen ist, oder wenn man es in sehr langer Zeit nicht genossen hat, in beiden Fällen kann man eine solche Neigung leicht erklären. Die Neuheit tritt im letzten Fall an die Stelle der Gewohnheit. Bei mir war keins von beiden der Fall. Ich bin weder ganz von Land und Einsamkeit, auch nur auf mehrere Jahre entfernt gewesen, noch habe ich beide so viel genossen, daß sie mir gleichsam zur andern Natur geworden wären. Als ich viele Jahre lang noch nicht in Geschäften war, reiste ich, oder war sonst unter Menschen, hatte nicht einmal ein Gut, und wohnte aus eigener, freilich durch andere Dinge bestimmter Wahl in kleinen Städten. Die Geschäfte zogen mich in große und vielfache von aller ländlichen Einsamkeit entfernte Zirkel. Doch auch dann fand ich Mittel, mich zu isolieren, und war oft mitten in der Gesellschaft einsam. Man lernt das sehr gut, wenn man nur ein innerliches Interesse hat, das genug die Seele einnimmt. Ich habe es aber immer als eine wahre Wohltat des Himmels angesehen, für die ich dem Geschick nicht genug danken kann, und empfinde es noch jeden Tag ebenso, daß es mich gerade in meinem Alter in die Lage versetzte, in der ich, wie es auch sonst immer sein möge, dieser Lieblingsneigung frei nachhängen kann. Die meisten legen es mir noch als eine Anspruchlosigkeit und Philosophie aus, daß ich nicht bloß im Augenblicke, wo es geschah, die Geschäftswirksamkeit mit Gleichmut aufgegeben habe, sondern auch seitdem ruhig, beschäftigt und glücklich lebe, ohne Plan wieder in dieselbe zu treten und mit sichtbarer Abwesenheit aller Zeichen, daß ich auch versteckt irgend eine Sehnsucht danach habe. Ich mache mir nicht das mindeste Verdienst daraus, weil ich weiß, daß ich keins dabei habe. Was geschehen ist, entsprach meiner Neigung, die sich auf Grundlagen meines innern Charakters stützt, so ist es kein Wunder, daß sie dauernd ist. Sie wird nie geschwächt werden. Es ist mir überhaupt immer eine widrige Idee gewesen, so bis zum Ende des Lebens an Verhältnissen teilzunehmen, die mit dem Moment des Todes alle gleichsam zu nichts werden, von denen man nichts jenseits mit hinüber nimmt. Und doch ist in Geschäften alles in dieser Art. Ganz anders ist es mit der Beschäftigung mit Ideen und Kenntnissen. Auch wenn die letztern ganz ins Einzelne eingehen, hängen sie doch zuletzt immer mit Ideen zusammen, die, wenn man sie recht verfolgt, ihren Mittelpunkt nicht mehr in dieser Welt haben.
Was man in dieser Art erwirbt und ausbildet, behält man wahrhaft und trägt es mit sich, so lange noch überhaupt Dasein währt. Es hat mir immer unmöglich geschienen, daß, was einmal in mir denkt und empfindet, je aufhören könnte zu denken und zu empfinden. Wenn auch Zwischenräume mangelnden Bewußtseins eintreten, wenn die verschiedenen Zustände des Seins nicht verknüpft sein sollten durch zusammenhängende Erinnerung, so wirkt die einmal gefaßte Idee darum nicht minder auf das Wesen und den inneren Gehalt der Seele. Ganz anders ist es, wenn man die, an äußern Verhältnissen, wirklichen Geschäften teilnehmende Arbeit, nicht aus ganz freier Wahl, nicht aus unmittelbarer Liebe zu ihr, sondern aus andern Rücksichten und als einen Erwerb treibt. Auf diese Art würde ich sie ohne Mühe so lange fortsetzen können und fortgesetzt haben, als nur die Kräfte es zulassen. Darin sind Frauen besonders gut daran, daß die Arbeiten, die sie auf diese Weise machen, wenn auch nicht immer ganz, doch größtenteils mechanischer Art sind, den Kopf wenig, die Empfindung gar nicht in Anspruch nehmen, und also den bessern, zartern und höhern Teil des Menschen viel mehr sich selbst überlassen, als das bei Männern der Fall ist. Daher werden Männer so leicht einseitig, trocken, hölzern durch ihre Arbeit, Frauen nie, wenn sie auch durch Umstände und Widerwärtigkeiten bestimmt werden, einen Erwerb darin zu suchen, wenn in ihrem frühern Leben sie noch so fern von einer solchen Notwendigkeit waren.
Was mir aber weniger angenehm ist in meiner Lage, ist, daß ich nicht gut vermeiden kann, auch in demselben Jahre mehrmals den Aufenthalt zu wechseln. Ich gewöhne mich zwar leicht an einen neuen Ort, aber ich bleibe lieber an einem alten, und es hat vorzüglich einen großen Reiz für mich, so in demselben die Reihe der Jahreszeiten vorübergehen zu sehen. Die bloßen regelmäßigen Veränderungen der Zeit haben einen Reiz für mich, den ich mir oft selbst vergebens zu erklären versucht habe. Sie werden sagen, daß bei der völligen Freiheit, die ich genieße, ich leicht auch hier mein Leben nach meinen Wünschen einrichten könnte. Allein es gibt doch immer auch für den Freiesten Umstände, die ihn mit einer gewissen Nötigung bestimmen, und so geht es auch mir. Leben Sie nun herzlich wohl und verzeihen Sie, wenn ich in diesen Zeilen viel von mir sprach. Ich rede zu Ihnen, wie zu mir selbst, und habe es auch gern, wenn Sie mir von sich erzählen. Mit der herzlichsten Anhänglichkeit der Ihrige. H.
_Tegel_, den 26. Mai 1823.
Unsere Briefe haben sich gekreuzt, liebe Charlotte, ich hatte Ihnen geschrieben, ohne einen Brief von Ihnen abzuwarten, und Sie haben den Ihrigen früher als gewöhnlich abgehen lassen.
Die Stelle in Ihrem Briefe über das Pfingstfest hat mich sehr gefreut und spricht ganz Ihr tiefstes Gemütsbedürfen aus. Auch mir ist es eigentlich das liebste unter den großen Festen. Seine heilige Bedeutung, das Herabsteigen göttlicher Kraft auf menschliche Wesen, hat etwas zugleich Tröstendes und Erhebendes, und das doch nicht über der Fassungskraft unsers Geistes liegt, da man wohl zu begreifen vermag, wie sich geistig Göttliches und Menschliches mischt. Irdisch genommen aber ist es ein gar liebliches Fest, weil es den Winter recht eigentlich beschließt und man nun dem heiteren Sommer entgegengeht. -- Was Sie über Schmerz sagen, begreife ich sehr wohl, nämlich, daß Sie nicht dahin gekommen wären, Glück und Unglück, und besonders den Schmerz, nicht sehr zu achten. Es hat mir schon öfter geschienen, als wäre Ihnen nicht gerade viel Stärke darin verliehen, und dies ist wohl das Zeichen einer schönen Weichheit einer weiblichen Seele, wo es unnütz und unrecht zugleich wäre, sich abhärten zu wollen. Ich will es daher auch nicht unternehmen, Sie das zu lehren, sondern vielmehr von innigem Herzen wünschen, daß Schmerz und Unglück, so wie jeder Kummer von Ihnen fern bleiben mögen. Ich will gern und mit Freuden, wo ich kann, dazu beitragen. Aber bei einem Manne muß das anders sein. Wenn ein Mann dem Schmerze Herrschaft über sich einräumt, wenn er ihn ängstlich meidet, über den unvermeidlichen klagt, flößt er eher Nichtachtung als Mitleid ein. So vieles muß in einer Frau anders sein als im Manne. Einer Frau geziemt es sehr wohl, und scheint natürlich in ihr, sich an ein anderes Wesen anzuschließen. Der Mann muß gewiß auch das Vermögen dazu besitzen, aber wenn es ihm zum Bedürfnis würde, so wäre es sicher ein Mangel oder eine Schwäche zu nennen. Ein Mann muß immer streben, unabhängig in sich dazustehen.....
Ihre Frage, ob ich je wirklich Schmerz gefühlt hätte, war sehr natürlich. Sie können aber überzeugt sein, daß ich immer von dem zu reden vermeide, was ich nicht aus eigener, wohlerprüfter Erfahrung kenne...
Indem ich von Herzen wünsche, daß es bald besser und recht gut mit Ihrer Gesundheit gehen möge, wiederhole ich Ihnen die Versicherung meiner herzlichsten Teilnahme und Anhänglichkeit. Ihr H.
Glück und Unglück verliert von seinem Wert, wenn es den Kreis der innern Empfindung verläßt. So wie die Wirklichkeit in der Tat immer armselig und beschränkt ist, so vermindert sich auch der Reiz jedes angenehmen Gefühls, wenn man es in Worte kleidet. Im Herzen, wo es entstanden ist, muß es bleiben und wachsen, und wenn es vergänglich ist, wieder vergehen und sterben. Mit dem Unglück ist es nicht anders. Der im eigenen Busen erhaltene Schmerz enthält etwas Süßes, von dem man sich nicht gern mehr trennen mag, wenn ihn die eigene Brust bewahrt...
Trost wüßte ich bei einem andern, als mir selbst, nie zu finden. Es würde mir ein zweites, noch unangenehmeres Gefühl, als das widrige Schicksal durch sich einflößt, geben, wenn ich nicht selbst Stärke genug besäße, mich selbst zu trösten. Dies mag indes bei Frauen billig anders sein. Wenn es bei einem Manne anders ist, ist es nicht lobenswürdig. Ein Mann muß sich selbst genug sein...
Mitleid ist gar eine widrige Empfindung, und Teilnahme zwar eine sehr schöne, aber nur in einer gewissen Art...
Es ist mir unendlich viel wert, zu wissen, daß Sie an allem, was mir begegnet, einen so innigen Anteil nehmen, allein diese Teilnahme wirklich zu erfahren, ihrer gewissermaßen zu bedürfen, könnte ich nicht zu den erwünschtesten Gefühlen rechnen. Überhaupt ist mir das _Bedürfen_ ungemein, nämlich für mich, nur für mich und mein Gefühl, zuwider. Von jeher habe ich gestrebt, nichts außer mir selbst zu bedürfen. Es ist vielleicht nicht möglich, je ganz dahin zu gelangen, aber, wenn man es erreichte, so wäre man erst dann, auf vollkommen reine und uneigennützige Weise, der höchsten Freundschaft und der höchsten Liebe fähig, sowohl sie zu gewähren, als zu genießen. Denn das _Bedürfen_ ist immer etwas Körperlichem im Geistigen ähnlich, und was dem Bedürfnis angehört, geht dem wahren Vergnügen ab. Befriedigung des Bedürfnisses ist nur Abhilfe eines Übels, also immer etwas Negatives, das wahre Vergnügen aber, körperlich und geistig, muß etwas Positives sein. Wer also z. B. am wenigsten der Freundschaft bedürfte, der empfindet die, die ihm gewährt wird, am vollsten und süßesten, sie ist ihm ein reiner und ungetrübter Genuß, ein Zuwachs, den er zu seinem, schon in sich geschlossenen und beglückenden Sein erhält; er gewährt sie dann auch am beglückendsten für den andern, denn es ist in ihm keine Rücksicht auf sich, nur einzig auf den andern dabei. Je stärker und sicherer zwei Wesen, jedes in sich gewurzelt, je einiger mit sich und ihrem Geschick sie sind, desto sicherer ist ihre Vereinigung, desto dauernder, desto genügender für jeden.
Fehlt es dem einen an dieser Sicherheit, so bleibt dem andern für beide hinreichend übrig. Nur was so die Alltagsbegriffe der Freundschaft und Liebe von gegenseitigem Stützen aufeinander sagen, ist schwach und nur für sehr mittelmäßige Menschen und Empfindungen gemacht, denn leicht stürzen dabei beide, indem keinem die Schwachheit des andern Gewähr der Sicherheit leistet. Nur auf diese Weise müssen Sie mich verstehen, wenn ich von männlicher Selbständigkeit rede, die ich wirklich für die erste Bedingung männlichen Werts halte. Ein Mann, der sich durch Schwächen verführen, hinreißen läßt, kann gut, in andern Punkten recht liebenswürdig sein, er ist aber kein Mann, sondern eine Art Mittelding zwischen beiden Geschlechtern. Er sollte daher eigentlich, obgleich dies manchmal sehr umgekehrt ist, nicht ausgezeichneten Beifall bei Frauen finden. Denn die schöne und reine Weiblichkeit sollte nur durch die schönste und reinste Männlichkeit angezogen werden.
_Ottmachau_, den 12. Juli 1823.
Die Güter, welche ich in diesem Augenblicke bewohne, besitze ich erst seit 1820. Sie sind sehr reizend belegen. Das alte Schloß liegt auf einem Hügel, von dem man einen Kreis der schlesischen, böhmischen und mährischen Gebirge übersieht, und zwischen diesen Hügeln, an deren Fuß die Neisse hinläuft, und dem Gebirge sind die anmutigsten Äcker, Wiesen und Gebüsche, zu denen auch meine Besitzungen gehören. Ich bewohne zwar dieses Schloß nicht, da es nicht ausgebaut ist und nur einige bewohnbare Zimmer für meine Kinder hat, aber ein recht bequemes und gutes Haus, ein wenig tiefer, dient mir zur Wohnung und hat auch größtenteils dieselbe Aussicht.
Daß ich in einer glücklichen Lage bin, ist sehr wahr, und Sie bemerken mit Recht, daß das mehr die Sache des Glücks als meiner Anstrengungen ist. Das ist vollkommen wahr, und macht mir mein Glück, wenn ich so sagen soll, noch glücklicher. Eine Gabe, die mir nur durch das Glück zufällt, ist mir unendlich lieber, als etwas durch mein Verdienst Erstrebtes. Wer mit der ersten beschenkt wird, scheint für das Schicksal Wert und Wichtigkeit genug zu haben, um Gaben auf ihn zu häufen. Ich bin auch in vielen andern Dingen glücklich gewesen, die ein anderer nicht so, als diese Äußerlichkeiten, beurteilen kann, ja, ich kann wohl sagen, daß sich bis jetzt mein Glück ziemlich in allem bewährt hat, was ich unternahm. Manches in öffentlichen und Privat-Angelegenheiten, was nicht gerade sehr weise angelegt war, hat nicht die üblen Folgen gehabt, die daraus hätten entstehen können, anderes, das gar nicht sonderliche Mühe kostete, wurde mit ausgezeichnetem Erfolge belohnt. So bin ich gewohnt, mich als einen Glücklichen anzusehen, und habe Mut, aber nur immer wie einer, den das Glück auch in jedem Augenblicke verlassen kann. Daher macht auch dies Glück mich doppelt vorsichtig. Träfen mich große Unglücksfälle im Äußerlichen, oder moralisch, oder in meiner Gesundheit, so würde ich dadurch natürlich leiden wie ein anderer, aber sie würden mich sehr vorbereitet und gefaßt finden, ich würde doch mit Heiterkeit auf das lang Genossene zurückblicken, und meine innere Ruhe würde solche Zustände nicht zerstören oder nur bedeutend ergreifen. Eben jene Selbständigkeit, von der ich erst sprach, gibt Mittel, jedem Unglück so zu begegnen, daß für mich Glück und Unglück wenigstens ganz andere Bedeutung, als für andere Menschen haben. Und das ist mir immer eigen gewesen. Sie reden in Ihrem Briefe, liebe Charlotte, den ich hier die Freude hatte vorzufinden und wofür ich Ihnen noch nicht dankte, von der Sehnsucht und fragen mich, ob ich sie wohl je gefühlt habe? Ich glaube allerdings. Indes ist es freilich wahr, und ich sage das nicht eben als ein Lob, da es vielleicht eher eine Selbstanklage ist, daß ich früh eine große Ruhe gewonnen habe, die nicht leicht durch etwas gestört wird. Ich lernte früh mir in meinen eigenen Gedanken und meinen von keiner fremden Einwirkung abhängigen Gefühlen genügen, und jetzt paßt diese Ruhe und Zurückgezogenheit in sich selbst zu meinen Jahren und ist mir dadurch doppelt natürlich. Indes bin ich sicher, daß diese Ruhe und Bedürfnislosigkeit nie der Wärme meiner Empfindungen geschadet hat. Wenige Menschen aber können fassen, wie man auf der einen Seite nicht mit Unruhe wünschen und nicht schmerzlich entbehren und auf der andern Seite doch voll Dank empfangen und genießen könne. Dennoch kommt es mir äußerst natürlich vor. Sie müssen nun aber darum nicht denken, daß ich Sehnsucht und selbst unruhiges Begehren in andern tadle. Jeder hat und muß seine eigene Weise haben, und wenn ich auch in der meinigen bleibe und gewiß in keine andere hinüberzuziehen bin, so mißbillige ich die fremde nicht und bin Ihnen für jeden Ausdruck, jede erneute Versicherung Ihrer immer gleichen Gefühle für mich sehr dankbar, sie bleiben mir immer gleich wohltätig. Ich hoffe, Sie haben an Ihrer Lebenserzählung wieder gearbeitet und freue mich darauf. In zehn bis zwölf Tagen gehe ich von hier und hoffe, in Berlin Briefe von Ihnen vorzufinden. Mit herzlicher Anhänglichkeit der Ihrige. H.
_Tegel_, den 11. August 1823.
Ich bin vorgestern nach Berlin und gestern hierher zurückgekommen und habe mich ungemein gefreut, ein Paket und Briefe von Ihnen, liebe Charlotte, hier zu finden. Nächstdem danke ich Ihnen recht herzlich für das neue Heft Ihrer Lebensbeschreibung, das Sie mir geschickt haben. Ich habe es, wie Sie selbst ermessen werden, in diesen ersten Tagen noch nicht lesen können, indes habe ich schon hier und da darin geblättert, und bin mit dem, was ich angetroffen, ausnehmend zufrieden, ich bin also im voraus überzeugt, daß ich es mit dem Ganzen sein werde. Was Sie in der Vorrede sagen, daß man bei einem solchen Aufzeichnen des Vergangenen sein Leben noch einmal lebt, ist sehr wahr, allein der Eindruck, den die Wirklichkeit, und derjenige, den die bloße Erinnerung macht, sind notwendig sehr voneinander verschieden.
Wo die Begebenheiten schmerzlich sind, ist die Wirklichkeit in ihrem schroffen und starren Wesen, und von der Ungewißheit dessen, was weiter erfolgen wird, begleitet, niederschlagend und zerreißend. Die Erinnerung dämpft diese Gefühle bis zur sanften Wehmut. Das Schmerzvolle ist nicht mehr ein einzelner, abgeschnitten dastehender Moment, sondern verschmelzt sich mit dem ganzen Leben, und erhält dadurch einen ungleich milderen Charakter. Und sehr wohltätig und heilsam ist dann gewiß ein solches rückwärts gehendes Vertiefen in die Vergangenheit, das zugleich ein Vertiefen in die mannigfachen Falten des eigenen Gemüts und Herzens ist. Wie gut man sich auch schon erkennen möge, so gewinnt das Bild, je öfter man es wieder zu zeichnen versucht, immer mehr Klarheit und Bestimmtheit, und wird auch wohl in einzelnen Zügen noch berichtigt und der Wahrheit nähergebracht. Die Furcht, daß Sie durch eine Selbstschilderung bei mir verlieren könnten, dürfen und können Sie eigentlich nicht haben. Sie brauchen auch darin nicht, liebe, gute Charlotte, sich an meine Nachsicht und milde Beurteilung zu wenden. Gerade ein so ausführliches, so das ganze Leben wie aus seiner ersten Knospe entfaltendes Verwahren bewahrt vor jedem Mißverständnis, jedem Irrtum, jeder falschen Beurteilung. Es kommt im Menschen, wie Sie auch gewiß denken, immer unendlich mehr auf das Wesen, als auf die einzelnen Handlungen an. Die gewöhnlichen Menschen richten allerdings nur die letzten, wie es auch die Gesetze tun. Aber die Macht, die die Herzen durchspäht, geht auf die Gesinnung, die Absicht, die ganze Beschaffenheit und Stimmung des Gemüts, und dasselbe tut auch die Geschichte. Jede zusammenhängende Erzählung aber, welche die Erfolge aus ihren Ursachen zu entwickeln strebt, ist Geschichte und bringt denselben Eindruck hervor, sie mögen Weltbegebenheiten oder die Schicksale eines einfachen Privatlebens zum Gegenstande haben. Überhaupt wünscht man ja nicht darum die Begebenheiten eines Menschenlebens zu übersehen, um sich gleichsam zum Richter darüber aufzuwerfen, am wenigsten ist ein solches Beurteilen je mir eigen. Die Anschauung eines interessanten Gemütszustandes, die Betrachtung seiner Ursachen und Folgen, zieht -- ohne daß man nur daran denkt zu urteilen oder zu richten -- das Gemüt des Beschauers an, wenn der Gegenstand ihm wert ist und seinen Anteil erweckt, ja, wenn das abgesondert werden könnte, so erblickt man in der einzelnen Gestalt die allgemeine, in dem einzelnen Menschen die Menschheit selbst. Dagegen bin ich überzeugt und habe es schon an den bisherigen Heften erfahren, daß Ihre Erzählung mir sehr oft, ohne daß Sie es wollen, ja, ohne daß Sie es nur ahnen werden, Veranlassung geben wird, die Meinung, die Sie mir vor einer langen Reihe von Jahren durch Ihren Anblick und Ihre Gespräche und nachher durch Briefe und Schilderungen einflößten, und aus der mein warmer, lebhafter und sich immer gleicher Anteil an Ihnen entsprang, zu bestätigen, mit neuen Beispielen zu belegen und selbst zu erweitern. Fahren Sie also ja, teure Charlotte, nur mutig und ohne einige Besorgnis, je mißverstanden zu werden, fort. H.
Den 10. September 1823.