Chapter 8
Ich habe Ihre Blätter vom 21. v. M. erhalten und danke Ihnen auf das herzlichste dafür. Es hat mir aber leid getan, zu sehen, daß Sie sich wieder vergebliche Besorgnis und Unruhe gemacht hatten. Sie müssen das möglichst vermeiden, liebe Charlotte, und darin eine größere Herrschaft über sich gewinnen. Ich sage Ihnen das gewiß nur zu Ihrem Besten und zur Beförderung Ihrer inneren Ruhe. Es ist so vielen Zufälligkeiten unterworfen, ob ein Brief einige Tage früher oder später geschrieben wird, ob er länger oder kürzer geht, daß, wenn eine solche Erwartung gerade einmal nicht zutrifft, Sie darum sich nicht beunruhigen müssen. Ich erkenne gewiß den ganzen Wert der Gesinnungen, die Sie gerade für mich besorgt machen, allein ich bin vollkommen wohl, und Sie brauchen auf keine Weise für mich zu fürchten. Ich lebe den ganzen Tag mit ernsthaften und mir wichtigen Dingen beschäftigt, ich verlasse kaum mein Zimmer als in den späten Abendstunden und bin ruhig, tätig und heiter. Bei solcher Stimmung würde sich selbst eine schwächliche Gesundheit erhalten. Die meinige aber ist bisher sehr gut gewesen. Ich weiß freilich, daß sich das sehr leicht und von einem Jahre, ja Tage zum andern ändern kann, indes für jetzt ist kein Anschein dazu. Wenn es kommen wird, bin ich auch darauf vorbereitet. Auf meine Stimmung wird selbst Kränklichkeit keinen Einfluß haben, ich habe mich von früher Jugend an gewöhnt und geübt, gegen mich selbst hart zu sein und meinen Körper als etwas meinem eigentlichen Selbst Fremdes anzusehen. Meinen Beschäftigungen werde ich schon eine Wendung geben können, daß ich sie nicht aufzugeben brauche, wenn sie auch gestört werden, und so dürften Sie sich wirklich mich auch dann nicht unglücklich denken, wenn einmal der Fall käme, daß ich wirklich leidend würde. Es freut mich sehr, aus Ihrem Briefe zu sehen, daß auch Sie im ganzen leidlich wohl sind, und der sonderbare Winter Ihnen nicht geschadet hat, wie ich zuweilen fürchtete. Ich liebe im Grunde die Abwesenheit von strenger Kälte so, daß ich die andern Unannehmlichkeiten, die ein so gelinder und wechselnder Winter allerdings mit sich führt, leicht übersehe. Die recht eigentliche Kälte hat etwas mehr als bloß physisch Erstarrendes, es kommt einem ordentlich vor, daß Menschen ihr nie ausgesetzt sein sollten, sie gibt der Natur selbst ein so einförmiges Ansehen und hat etwas wahrhaft Unbarmherziges für die Armen. Das niedrige Volk, das nur wenig Mittel herbeischaffen kann, ist schon darum viel glücklicher in südlichen Ländern, weil es wenigstens von dieser Plage befreit ist. -- Sie haben mir, liebe Charlotte, sehr lange nichts von Ihrer Lebensschilderung geschickt, vermutlich ist der Winter mit seinen Geschäften und kürzeren Tagen daran schuld. Wenn Sie aber Muße und Stimmung haben, so ist es, wie ich Ihnen oft und immer sagte, mein Wunsch, daß Sie fortfahren, wenigstens bis zu Ihrer Verheiratung. Hernach will ich Sie dann weder bitten noch bereden.
Ich war heute einige Stunden in Tegel, und so wenig günstig das Wetter war, so hat es mir doch Vergnügen gemacht. Die Annäherung des Frühjahrs spürt sich immer und bringt auch in den Menschen eine Art von Erneuerung. Man ist lebendiger, man glaubt einem neuen Lebensabschnitt entgegen zu gehen und vergißt gewissermaßen, daß die schöne Gestalt, die die Natur nun wieder annimmt, nur wenige Monate dauern und dann dasselbe wiederkehren wird, dem man sich jetzt entgangen zu sein freut. Wenn das aber auch eine Art von Selbsttäuschung ist, so bleibt es das ganze Leben hindurch eine immer und immer gleich freudig wiederkehrende. Seit meinen Kinderjahren erinnere ich mich des gleichen oder wenigstens ganz ähnlichen Gefühls. Da Sie in einem Garten wohnen, werden Sie diese Gefühle auch gewiß teilen. Denn in der Stadt gehen freilich die Jahreszeiten in traurigem Einerlei an einem vorüber.
Mit den Ihnen bekannten unveränderlichen Gesinnungen der Ihrige. H.
_Berlin_, im April 1824.
Allerdings gehört das vollkommene Gelingen unserer Unternehmungen der ursprünglichen Kraft wohl größtenteils an, die der Mensch nicht in seiner Gewalt hat. Ich teile ganz Ihre Meinung, daß es noch mehr von einem nicht zu erklärenden höheren Segen abhängt, der einzelne begleitet, und wohl, wie Sie sagen, auf der Lauterkeit Ihrer Gesinnungen beruht. Ihr Ausdrucke, daß es scheine, als ob die Gottheit ihren Segen nur in reine Gefäße ergieße, hat mir ungemein gefallen. Der Mensch vermag diesen Segen, wenn er ihm entsteht, nicht herbeizuzaubern. Daß dieser Segen wirklich mit den Menschen zusammenhängt auf unsichtbare und geheimnisvolle Weise, das glaube ich mit Ihnen. Aber die Begriffe von Glück und Unglück sind selbst bei denen, die richtige Ideen zu haben pflegen, so unbestimmt und so irrig, daß ich von früh an immer gestrebt habe, mir darüber ganz klar zu werden, und wie ich dahin gelangt bin, habe ich gefühlt, daß man des Glückes, bis auf einen gewissen Grad wenigstens, immer sicher ist, so wie man sich von den äußeren Umständen unabhängig macht, so wie man lernt, Freude aus allem Erfreulichen in Menschen und Dingen zu ziehen, aber in Menschen und Dingen nichts eigentlich zu bedürfen.
Gewiß hat man seinen Lohn dahin, indem alles Verdienst aufhört, wenn man der Folgen wegen etwas tut.
Was ich beitragen kann, Ihr Leben zu erheitern, werde ich immer mit Freuden nach meinen Kräften tun. Erlauben Sie mir den Rat, sich einmal einige Erholung zu gönnen in der schönen Jahreszeit; sollte Ihnen nicht eine Badekur zuträglich sein? Antworten Sie mir vertrauend, liebe Charlotte, niemand als Sie und ich weiß von dem, was Sie mir und ich Ihnen sage. H.
_Tegel_, im Mai 1824.
Sie haben mir durch das mir übersandte neue Heft Ihrer Biographie eine viel größere Freude gemacht, als Sie es wohl geglaubt haben mögen. Ich habe es mit dem größten Anteil gelesen. Zuerst und hauptsächlich aus Anteil an Ihnen. In dieser Hinsicht ist es ein sehr erfreuliches Heft, weil es eine Zeit schildert, die Sie glücklich und froh verlebten und unter interessanten Menschen zubrachten. Es hat mich lebhaft in die Vergangenheit und in jene Zeit zurückversetzt. Wenn auch die verschiedene Lebensart, in von einander entfernten Provinzen Deutschlands, Sitten und Lebensweise sehr verschieden gestaltet, so spricht sich doch auch wieder der eine Geist der Zeit gleichmäßig in allem aus.
Was Sie als Kind von sich erwähnen, daß Sie Bilder in der Phantasie getragen, für die Sie Wesenheit wünschten, ersehnten, erwarteten, ist mir genau ebenso und von der frühesten Kindheit an gewesen, ich glaube gewiß vom sechsten Jahre an, was doppelt früh bei mir ist, da ich erst im dritten sprechen gelernt habe. Bei Ihnen war es die Sehnsucht nach einer Freundin, und zum Teil entstanden durch das Lesen der Clarisse. Bei mir hatte es keine äußere Ursache oder Veranlagung, wenigstens ist mir durchaus keine erinnerlich. Die Gegenstände, ich meine nicht eingebildete Personen, sondern die Sachen überhaupt, die sie betraf, waren allerdings verschieden, aber eine blieb von dieser Zeit der ersten Kindheit bis jetzt und wird vermutlich bis an meinen Tod bleiben; denn noch jetzt, wenn ich einmal eine schlaflose Nacht habe, oder allein im Wagen sitze, oder spazieren gehe, oder sonst eine Zeit habe, die man in bloßer Beschäftigung der Einbildungskraft zubringen kann, beschäftigt mich dieselbe Vorstellung noch immer, wie die in meiner Kindheit, aber natürlich in anderer, oft wechselnder Gestaltung. Da es ein Gegenstand ist, der garnicht in das Leben übergehen, sondern nur auf die innere Denkweise einwirken kann, so berührt es mich auch im Leben nicht, sondern geht wie eine Dichtung neben der Wahrheit fort; allein im Innern verdanke ich, im besten Sinne des Worts, dieser Selbstbeschäftigung sehr viel. Es ist ja überhaupt die natürliche Folge aller inneren Tätigkeit und jeder recht lebendigen Regsamkeit der Einbildungskraft und des Gefühls, daß dadurch die wirklichen Ereignisse des Lebens mehr in Schatten treten, und das zu große Gewicht dieser, ihr zu helles Licht zu vermindern, ist immer heilsam, das Unglück schadet und drückt dann weniger, und das Glück fesselt nicht an seinen Genuß, und macht den Gedanken erträglich, daß es immer leicht beweglich, vielleicht nicht immer bleiben wird. Sie werden mir große Freude machen, wenn Sie fortfahren, an Ihrer Lebensbeschreibung zu arbeiten. Ganz der Ihrige. H.
_Herrnstadt_, den 9. Juli 1824.
Nehmen Sie nicht übel, liebe Charlotte, daß ich Ihnen mit lateinischen Lettern schreibe. Aber meine Augen sind schon seit geraumer Zeit so, daß ich sie sehr schonen muß, und da habe ich jetzt die Entdeckung gemacht, daß die kleinen deutschen Buchstaben sie mehr angreifen als die größeren lateinischen. An Deutlichkeit gewinnen auch Sie im Lesen bei dem Tausch. Es gibt aber Personen, welchen die lateinische Schrift mißfällig ist, und die wenigstens, weil sie ihnen fremd vorkommt, sie nicht gern im Briefwechsel mit Personen gebraucht sehen, die ihnen wert sind. Ich halte Sie, nach Ihrer übrigen Art zu sein, von solcher gewissermaßen eigensinnigen Ansicht frei. Wären Ihnen indes doch diese Buchstaben weniger angenehm, so sagen Sie es mir ja, ich kehre dann zu den andern zurück. -- Wenn ich Ihnen nicht einmal geschrieben habe, daß meine zweite Tochter hier verheiratet ist, so dürfte Ihnen der Ort der Überschrift dieses Brief es wohl kaum auf irgendeine Art bekannt sein. Ich denke aber, daß ich es Ihnen einmal aus Berlin, als ich Ihnen über die Meinigen schrieb, gesagt habe, so wenig es mir sonst eigen ist, über das, was mich umgibt, oder mir begegnet, in Briefen zu reden. Dieser Ort, eine kleine, sehr unbedeutende Stadt, liegt kaum eine Tagereise von Breslau entfernt, ich bin seit einigen Tagen hier, gehe aber in wenigen andern von hier nach Ottmachau auf mein Gut, wohin ich Sie bat, mir zu schreiben. Es hat, dünkt mich, immer etwas die Phantasie und das Gemüt angenehm Ansprechendes, wenn man weiß, daß an einem Ort und in einer Gegend, die einem sonst ganz und gar fremd ist und die man gar nicht oder kaum dem Namen nach gekannt hat, mit freundschaftlicher Teilnahme an einen gedacht wird. Diese Empfindung wünsche ich, daß die Überschrift dieser Zeilen auf Sie machen möge. Von Ottmachau habe ich Ihnen schon öfter geschrieben. -- Wir haben hier eine warmnasse oder wenigstens feuchte Witterung, die leicht etwas Melancholisches haben kann, die ich aber sehr liebe. Die Natur hat dann eine doppelt wohltätige Stille und ist wie mit einem nebeligen Schleier überzogen, der indes doch die Gegenstände nicht verdunkelt, sondern nur ihre Formen und Farben sanfter hervortreten läßt. Ich bin immer und doppelt auf Reisen auf die mannigfaltigsten Modifikationen aufmerksam, welche die Verschiedenheit der Luft- und Wolkenbeschaffenheit dem Charakter der nämlichen Gegend gibt. Man kann eine Gegend immer ihrem Charakter nach, nach Art eines Menschen betrachten, und jene Modifikationen entsprechen dann den verschiedenen Stimmungen des Gemüts und sind, wie sie, ruhig und bewegt, sanft und hart, fröhlich oder traurig, ja auch wohl launen- und grillenhaft. Danach machen Sie denn auch ihren Eindruck auf den, der auf sie zu achten versteht, und ich kann wohl sagen, daß ich das Glück habe, diesen Eindruck nur immer so zu erfahren, wie er für die Seele Reiz hat, sie angenehm und lebendig spannt. Unangenehme Wirkungen macht das Wetter nie auf mich, und wenn es schwermütig oder schauerlich ist, empfinde ich es ungefähr nur ebenso, wie man auf dem Theater schwermütige oder schauerliche Szenen aufnimmt. -- Beim Theater fällt mir ein, daß Sie es vermutlich auch garnicht, oder doch höchst selten besuchen. Mein Fall ist das ganz und gar, vorzüglich seitdem meinen Augen der Glanz der vielen Lichter zu widrig und mein Gehör auch nicht mehr gut genug ist, um die wenigstens nicht sehr gut und deutlich redenden Schauspieler zu verstehen. Hier ist jetzt gerade eine herumziehende Truppe, und ob man gleich hier vor allem Glanz und blendendem Lichte sicher und auch bei der Nähe der Sitze eher in Gefahr wäre, überschrieen zu werden, so bin ich doch noch nicht dazu gekommen, sie spielen zu sehen. An einem guten Schauspiel entbehrt man wirklich viel, wenn man darauf, freiwillig oder durch Umstände genötigt, Verzicht leistet. Selbst wenn die Schauspieler nur mittelmäßig sind, hat das Vortragen eines guten Stücks (denn darauf kommt freilich alles an) durch Personen, die als selbsthandelnd auftreten, immer etwas mehr Ergreifendes und Belebendes als selbst ein viel besseres, einzelnes Vorlesen. Auf der andern Seite aber liegt ein besonderer Reiz darin, sich von allen Gelegenheiten größerer Versammlungen zurückzuziehen. Schon jung, dann in männlichen Jahren hatte ich mir das lebhaft gedacht und gleichsam den Reiz vorher genossen, in den Jahren eine hinreichende Rechtfertigung zu finden, der Gesellschaft immer mehr und mehr zu entsagen, und jetzt, wo ich diesen Zustand wirklich erreicht habe, finde ich, was ich damals empfand, vollkommen bestätigt. Ich hatte mir das Alter immer reizend und viel reizender als die früheren Lebensepochen gedacht, und nun, da ich dahin gelangt bin, finde ich meine Erwartungen fast übertroffen. Daher mag es auch kommen, daß ich eigentlich in der Seele gewissermaßen älter bin als körperlich und an Jahren. Ich bin jetzt 57 Jahre alt, und wer ohne große körperliche Ermüdungen und meist gesund und immer höchst regelmäßig und ohne Leidenschaften gelebt hat, welche die Gesundheit untergraben, kann da noch keine merkliche körperliche Abnahme fühlen. Allein die Ruhe des Geistes, die Freiheit von allem, was die Seele unangenehm spannt und aufreizt, die Unabhängigkeit fast von allem, was man sich nicht selbst durch innerliche Stimmung und Beschäftigung geben kann: diese Dinge sind alle in früheren Jahren schwerer zu erreichen, sind alsdann oft nur dann vorhanden, wenn, was noch viel schlimmer ist, sie aus Kälte und Unempfindlichkeit entstehen. Dennoch sind sie es vorzüglich, welche ein innerlich glückliches Leben geben und sichern. Es ist daher nicht ganz richtig, wenn man glaubt oder sagt, daß das Alter abhängiger von anderen Umständen und Zufällen mache. Körperlich und äußerlich ist es freilich wohl der Fall, allein auch nicht so viel, als man glaubt, da wenigstens bei gutgearteten und an Selbstbeherrschung gewöhnten Menschen die Begierden und selbstgeschaffenen Bedürfnisse noch viel mehr im Alter abnehmen als die Kraft, ihnen Befriedigung zu verschaffen. Auf der andern Seite aber gewinnt eben dadurch die viel wesentlichere und das Glück weit mehr befördernde Unabhängigkeit ungleich mehr. Mangel an Ergebung und Ungeduld sind eigentlich die Dinge, welche alle Übel, welcher Art sie sein mögen, erst recht empfindlich machen und sie wirklich vergrößern. Gerade von diesen beiden Übeln heilt das Alter vorzüglich, immer eine Gemütsart vorausgesetzt, die keine einmal eingewurzelten unartigen Gewohnheiten hat, die freilich ihr Gift sonst in jedes Alter hinübertragen. Der größte Gewinn aber, der aus dieser größeren geistigen Freiheit, aus der Begierden- und Leidenschaftslosigkeit, dem gleichsam wolkenlosen Himmel, den zunehmende Jahre über das Gemüt hinführen, entsteht, ist, daß das Nachdenken reiner, stärker, anhaltender, mehr die ganze Seele in Anspruch nehmend wird, daß sich der intellektuelle Horizont erweitert und das Beschäftigen mit jeder Art von Wissenschaft und jedem Gebiet der Wahrheit immer mehr und mehr, ausschließend das ganze Gemüt ergreift und jedes andere Bedürfnis, jede andere Sehnsucht schweigen macht. Das nachdenkende, betrachtende, forschende Leben ist eigentlich das höchste; allein in gewisser Art läßt es sich doch nur im höheren Alter vollkommen genießen. Früher ist es im Streit mit der Aufforderung und sogar mit der Pflicht zu handeln, und erfährt nicht selten Störungen durch sie. Es wäre aber sehr unrichtig, wenn man in dem Wahne stände, daß ein solches Vergnügen an einem garnicht mit dem Leben und dessen Weltlichkeit zusammenhängenden Nachdenken eine große Bildung oder viele Kenntnisse voraussetze. Wo diese gerade bei jemand zufällig vorhanden sind, da kann das Nachdenken vielfältige Gegenstände treffen, es ist da allerdings mehr Mannigfaltigkeit und ein wenigstens scheinbar weiterer Kreis. Allein gerade die dem Menschen notwendigsten, heiligsten und wahrhaft erfreulichsten Wahrheiten liegen auch dem einfachsten, schlichtesten Sinne offen, ja werden von ihm nicht selten richtiger und selbst tiefer aufgefaßt, als von dem, den großer Umfang von Kenntnissen mehr zerstreut. Diese Wahrheiten haben noch außerdem das Eigene, daß, ob sie gleich keines Grübelns bedürfen, um erkannt zu werden, vielmehr sich von selbst Eingang in das Gemüt verschaffen, daß immer in ihnen Neues gefunden wird, weil sie in sich wirklich unerschöpflich und unendlich sind. Sie knüpfen sich an jedes Alter an, allein doch am natürlichsten an dasjenige, was den endlichen Aufschlüssen über alle unendlichen Rätsel, die eben diese Wahrheiten enthalten, am nächsten steht. So stirbt zwar in höheren Jahren eine gewisse Lebendigkeit mehr ab; aber es ist dies nur eine äußere, oft sogar fälschlich geschätzte. Die viel wohltätigere, schönere, edlere, die sich immer in fruchtbarer Klarheit entfaltet, gehört vielmehr erst recht eigentlich dem wahren Alter an. Ich weiß, liebe Charlotte, daß Sie über alle diese Gegenstände auch sehr übereinstimmend mit mir denken, und schmeichle mir also, daß es Ihnen nicht unangenehm sein wird, daß ich mich gewissermaßen gehen ließ, darüber zu sprechen. Diese Dinge, über die sich nur mit wenigen reden läßt, sind ja wohl die natürlichsten Gegenstände für einen Briefwechsel, der, frei von Geschäften und äußeren einschränkenden Bedingungen, dann am meisten erfreut, wenn er ein recht ungezwungener vertraulicher Austausch persönlicher Stimmungen und Gesinnungen ist. -- In Ottmachau hoffe ich, unter der Ihnen neulich gegebenen Adresse, einen Brief von Ihnen zu empfangen. Mit der aufrichtigsten Herzlichkeit der Ihrige. H.
_Tegel_, den 12. September 1824.
Ich bin seit einigen Tagen aus Schlesien wieder hierher zurückgekommen, liebe Charlotte, und eine meiner ersten Beschäftigungen ist, Ihnen zu schreiben. Meinen letzten Brief aus Ottmachau werden Sie bereits empfangen haben. Der Herbst verspricht sehr schön zu werden, und ich habe mich darum doppelt gefreut, wieder hier zu sein, die letzten Monate der scheidenden besseren Jahreszeit zu genießen. Ich liebe bei weitem mehr das Ausgehen als das Beginnen des Jahres. Man blickt dann auf so manches, das man getan oder erlebt hat, zurück, man meint sich sicherer, weil der Raum kleiner ist, in dem noch Unfälle begegnen können. Alles das ist freilich eine Täuschung, ein Augenblick reicht hin zu dem größten. Aber so vieles im Leben, im Glück und im Unglück sogar, ist ja nichts als Täuschung, und so kann man auch dieser stillere Momente verdanken. Ich bin zwar von Besorgnissen für mich sehr frei, nicht gerade, weil ich mich weniger Unfällen ausgesetzt glaubte, oder weil ich mich vor nichts Menschlichem fürchte, sondern schon früh das Gefühl in mir genährt habe, daß man immer vorbereitet sein muß, jedes, wie das Schicksal es gibt, durchzumachen. Man kann sich aber doch nicht entschlagen, das Leben wie ein Gewässer zu betrachten, durch das man sein Schiff mehr oder minder glücklich durchbringt, und da ist es ein natürliches Gefühl, lieber den kürzeren als den längeren Raum vor sich zu haben. Diese Ansicht des Lebens, als eines Ganzen, als einer zu durchmessenden Arbeit, hat mir immer ein mächtiges Mittel geschienen, dem Tode mit Gleichmut entgegen zu gehen. Betrachtet man dagegen das Leben nur stückweise, strebt man nur, einen fröhlichen Tag dem andern beizugesellen, als könne das nun so in alle Ewigkeit fortgehen, so gibt es allerdings nichts Trostloseres, als an der Grenze zu stehen, wo der Faden auf einmal abgebrochen wird.
Das Laub der Bäume fängt schon an, die Buntfarbigkeit anzunehmen, die den Herbst so sehr ziert und gewissermaßen eine Entschädigung für die Frischheit des ersten Grüns ist. Der kleine Ort, den ich hier bewohne, ist vorzüglich gemacht, alle Reize zu zeigen, welche große, schöne und mannigfaltige Bäume durch alle wechselnden Jahreszeiten hindurch gewähren. Um das Haus herum stehen alte und breitschattige, und umziehen es mit einem grünen Fächer. Über das Feld gehen in mehreren Richtungen Alleen, in den Gärten und dem Weinberg stehen einzelne Fruchtbäume, im Park ist ein dichtes und dunkles Gebüsch, und der See ist vom Walde umkränzt, sowie auch alle Inseln darauf mit Bäumen und Büschen eingefaßt. Ich habe eine besondere Liebe zu den Bäumen und lasse nicht gern einen wegnehmen, nicht einmal gern verpflanzen. Es hat so etwas Trauriges, einen armen Baum von der Umgebung, in der er viele Jahre heimisch geworden war, in eine neue und in neuen Boden zu bringen, aus dem er nun, wie unwohl es ihm werden mag, nicht mehr herauskann, sondern langsam schmachtend sein Ausgehen erwarten muß. Überhaupt liegt in den Bäumen ein unglaublicher Charakter der Sehnsucht, wenn sie so fest und beschränkt im Boden stehen und sich mit den Wipfeln, so weit sie können, über die Grenzen der Wurzeln hinausbewegen. Ich kenne nichts in der Natur, was so gemacht wäre, Symbol der Sehnsucht zu sein. Im Grunde geht es dem Menschen mit aller scheinbaren Beweglichkeit aber nicht anders. Er ist, wie weit er herumschweifen möge, doch auch an eine Spanne des Raums gefesselt. Bisweilen kann er sie garnicht verlassen, und das ist oft der Fall der Frauen, derselbe kleine Fleck sieht seine Wiege und sein Grab; oder er entfernt sich, aber es zieht ihn Neigung und Bedürfnis immer von Zeit zu Zeit wieder zurück, oder er bleibt auch fortwährend entfernt, und seine Gedanken und Wünsche sind doch dem ursprünglichen Wohnsitz zugewendet.