Blockade-Brecher

Part 6

Chapter 63,522 wordsPublic domain

Zwei Uhr morgens. Voraus tauchen Lichter auf. Dicht über dem Wasser leuchten die roten und grünen Seitenlaternen von zwei Schiffen herüber. Es können nur kleinere Fahrzeuge sein, die anscheinend in die Bucht einlaufen wollen. Verraten! Ein unbemerktes Entweichen ist nicht mehr möglich, jeder Augenblick muß die Entdeckung bringen. Fünfzehnhundert Meter etwa noch stehen sie ab, als es drüben an mehreren Stellen zugleich aufblitzt. Heller Knall dringt durch die Nacht, zischend spritzen kleinkalibrige Geschosse heran. Der Feind. Noch weiß er nicht, wen er vor sich hat, ob nicht im nächsten Augenblick sein Feuer beantwortet wird. Nur zu bald haben die beiden Kanonenboote erkannt, daß ihnen keine Gefahr droht, daß es ihnen trotz der kleinen Geschütze, die sie an Bord haben, ein leichtes ist, den Wehrlosen vor ihnen zu vernichten. Sie kommen näher heran, um das Ziel unter sicheres Feuer nehmen zu können. Ununterbrochen blitzt es auf. Näher und näher heulen und zischen die 3,5-Zentimeter-Granaten heran, wie Fliegen umsurren sie das Schiff. Die ersten Schüsse gehen vorbei, bald aber sitzen sie. Schornsteine und Aufbauten werden getroffen, es kann nicht lange dauern, bis das Schicksal sich erfüllt ... Da ... ein dumpfer Schlag übertönt plötzlich das helle Hämmern der englischen Revolverkanonen, ein fahler Blitz erhellt sekundenlang das tiefe Schwarz unter Land. Wieder leuchtet es drüben auf, ein drittes- und viertesmal. Die deutsche Batterie an Land hat die Not des schwer bedrängten Schiffes erkannt und ist ihm zu Hilfe gekommen.

Die Stimmung, die eine Sekunde vorher mit der sicheren Vernichtung vor Augen verzweifelt war, schnellt mit einem Ruck wieder empor. Beim dritten Schuß schon zeigt sich der Erfolg. Sofort verlangsamt sich das Feuer, vereinzelte Schüsse fallen noch, dann drehen die beiden nach See und bringen sich in größerer Entfernung in Sicherheit. Die Blitze zeigen noch, daß der Gegner schießt, längst aber erreichen seine kleinen Granaten das Ziel nicht mehr. Wie wenn zwei Köter vor dem drohend geschwungenen Stock ausrücken. In sicherem Abstand machen sie wohl noch einmal kehrt, kläffen, um ihren Mut zu zeigen, wütend, bringen sich dann aber schleunigst mit eingezogenem Schwanz in Sicherheit.

Für den Augenblick ist die Gefahr beseitigt. Für den Augenblick nur! Das Tageslicht aber bringt den beiden Kanonenbooten gewiß Verstärkung, gegen die auch die Batterie an Land nichts ausrichten kann.

Der Dampfer hat gedreht, um sich stromaufwärts dem Gegner zu entziehen. Kaum graut der Tag herauf, als das Auftauchen einer Rauchwolke in See gemeldet wird. Zwei dünne Masten und mehrere Schornsteine verraten, daß den beiden Kanonenbooten ein Kreuzer zu Hilfe kommt. Um acht Uhr morgens etwa ist er heran. Signale gehen auf den Schiffen hoch, unmittelbar hinterher blitzt es auf dem zuletzt angekommenen, das etwa fünf Kilometer absteht, auf, und der dröhnende Schall eines Schusses kommt herüber. Weißer Pulverqualm legt sich in dichten Schwaden um das graue Schiff, zieht im leichten Morgenwind langsam achteraus. Drei, vier Flammen spritzen gleichzeitig aus der Wolke, heulend fegen die Granaten heran. Über das Schiff hinweg schlagen sie in das Wasser ein, das sich zu hohen Säulen hebt. Aber näher, immer näher kommen sie. Dazwischen schwirren die kleinen Geschosse der beiden Kanonenboote, die sich jetzt, im Schutz des größeren, wieder heranwagen.

Ein schmetternder Schlag. Rötlicher Feuerschein flammt auf, bräunlich weiß ballt sich Qualm auf dem Achterdeck. Ein Treffer. Sprengstücke schwirren umher, das Wasser zischt unter glühenden Splittern, zerrissene Holz- und Eisenteile wirbeln losgerissen durch die Luft .... Da, wieder ... ein zweiter Volltreffer auf das hilflose Schiff. Die Granate reißt eine schwere Eisenplatte wie ein Stück Papier aus der Reeling, krümmt sie zusammen und schmettert sie krachend auf den achtern Aufbau.

Eine Stunde schon dauert die Beschießung und nimmt an Heftigkeit noch zu. Nicht nur dem Schiff gelten die schweren Geschosse, überall streuen sie das Land ab. Bald hier, bald da hebt sich aus dunklem Grün weißer Qualm, wie ein ragender Baum wächst er über die Umgebung hinaus. Der Wind faßt ihn und reißt Fetzen von ihm herab, die wie graue Nebelschleier über die Wipfel hinwegziehen. Dort peitschte die einschlagende Granate den weißen Sand hoch, drüben gräbt sich eine in den graubraunen Modder des Watts ein, daß die schweren Brocken klatschend hochjagen. Und näher tasten sie heran .... Ein dritter Treffer. Diesmal gilt es der Ladewinde am achtersten Luk. Die nächste Granate schlägt Sekunden darauf in die Wohnräume. Beizender Brandgeruch quillt aus den Seitenfenstern, das Holz, die Vorhänge, die ganze Einrichtung brennen.

Die Besatzung hat untätig die Beschießung über sich ergehen lassen müssen. Vergebens hatte sie versucht, sich in einem Boot an Land in Sicherheit zu bringen. Kaum ist es gefiert, als es von Geschossen durchsiebt wird und sinkt. Und noch ist kein Ende abzusehen. Wieder fegt eine Fünfzehn-Zentimeter-Granate heran und schmettert auf einen schweren eisernen Ventilator auf. Als formlose Masse fliegt er zehn Meter weit gegen die Reeling. Andere Treffer durchschlagen die Bordwände über und unter der Wasserlinie. Wie ein Sieb ist das ganze Achterdeck durchlöchert, ein grauenvolles Durcheinander von zerrissenen und verbogenen Eisenteilen.

Zwei Stunden dauert die Beschießung. Dann, mit einem Schlage, verstummt das Getöse, das ununterbrochen die Luft erfüllte. Als sich die Pulverschwaden, die in dichten Wolken fast bis zur Höhe der Masten auf dem Wasser lagern, allmählich verziehen, werden die Gegner, von denen man während der Beschießung nur den fahlen Blitz der Mündungsfeuer sah, wieder deutlich erkennbar. Der Kleine Kreuzer, der bisher in einem Abstand von fünf Kilometer gestanden hatte, hält in voller Fahrt nach See zu, die beiden Kanonenboote folgen. Drüben glauben sie offenbar, das Vernichtungswerk gründlich getan zu haben. Was vom deutschen Schiff nach der Beschießung mit achthundert Fünfzehn-Zentimeter-Granaten und tausenden kleineren Geschossen noch übrig ist, kann ihrer Ansicht nach nur zerbeultes und zerschmettertes Eisen sein, über das längst das Wasser der Bucht hinwegrauscht. Auch von der Besatzung kann längst nichts mehr leben, was an Bord blieb und nicht die rettende Küste zu erreichen vermochte. Selbst dort aber haben die englischen Geschosse alles abgestreut.

Wie es in Wirklichkeit aussieht, wissen sie freilich nicht. Die beiden Kanonenboote haben bereits am frühen Morgen erlebt, daß die deutschen Geschütze tüchtig zu beißen verstehen. Die bitteren Erfahrungen, die sie mit den Deutschen an so manchen anderen Stellen auch gemacht haben, lassen ihnen Vorsicht als das bessere Teil der Tapferkeit erscheinen. So dünkt es ihnen also auch jetzt nicht geraten, sich durch einen Vorstoß von der wirklich erfolgten Vernichtung des Dampfers zu überzeugen. Ihrer Ansicht nach haben die beobachteten Treffer, die das Ziel dauernd in den Qualm der berstenden Granaten hüllten, vollauf genügt. Sahen sie doch selbst zum Schlusse, wie schwelender Rauch und züngelnde Flammen aus dem Wrack hervorbrachen. Beruhigt gehen sie in See und nach ihrem Stützpunkt, um dort die Ausführung des erhaltenen Auftrages zu melden.

Noch haben sich die Nerven von der Beschießung, in der während zweier qualvoll langer Stunden die Luft vom Heulen der Granaten und dem berstenden Krachen der aufschlagenden Geschosse erfüllt schien, nicht beruhigt, als Kapitän Sörensen bereits Leute nach allen Stellen des Schiffes schickt, um vorerst festzustellen, wie schwer die Beschädigungen sind und ob überhaupt die Möglichkeit besteht, den Dampfer hier, wo man nur auf Bordmittel angewiesen ist, wieder instand zu setzen.

Zum Glück ist von der ganzen Besatzung, so unglaublich es auch scheint, niemand verletzt. Ein Granatsplitter nur ist einem Matrosen gegen den Oberschenkel geprellt und hat ein Geldstück in seiner Tasche verbeult, um dann kraftlos an Deck zu fallen. Das ist aber, bis auf den blauen Fleck, den der Besitzer der rettenden Münze jedenfalls davongetragen hat, alles. Desto böser sieht das arme Schiff aus. An mehreren Stellen ist die Reeling durchschlagen, zackige Eisenfetzen starren binnenbords. Die achteren Aufbauten mit ihren Unterkunftsräumen sind wie weggeblasen, die Lukensülls verbogen und durchlöchert. Ein wirrer Haufen von zerschmettertem Eisen starrt, wie zu einem unlösbaren Ganzen zusammengeschweißt, vom Oberdeck empor, und mühselig heißt es darüber hinwegklettern, um nach dem Heck zu gelangen.

Fast alle Boote sind zerschossen und unbrauchbar, die Davits sind krummgebogen oder gänzlich abrasiert. Die über Deck führende Ruderleitung ist zerrissen, wirr hängen die Ladebäume an den Masten.

Stickig dunkler Rauch quillt aus den Wohnräumen der Offiziere und Mannschaften. Matratzen, Decken und Vorhänge haben Feuer gefangen und glimmen unter den Trümmern weiter. Schnell werden einige Leute abgeteilt, um den Brand zu löschen, dann geht es unter Deck. Zum Glück kann der leitende Maschinist melden, daß Maschine und Kessel nach oberflächlicher Untersuchung unversehrt sind. Zwar sind einige Splitter durch die Heizräume und Bunker gedrungen, sie haben aber keinen Schaden, der den Betrieb stören könnte, angerichtet.

Die meisten Treffer haben die Bordwände des Achterschiffes abbekommen. An der Backbordseite sind sie an mehreren Stellen glatt durchgeschlagen, anderwärts wieder eingebeult. Am bösartigsten aber sind einige Treffer in und unter der Wasserlinie. Hier schwabbert das Wasser langsam durch ein Leck herein, dort strömt es in dickem Strahl in das Schiffsinnere. Das Plätschern verrät, daß noch mehr lecke Stellen vorhanden sein müssen und daß schon erhebliche Mengen in die untersten Räume eingedrungen sind. Hier vor allem muß eingegriffen werden, um das Schiff nur überhaupt schwimmend zu erhalten.

Die Lenzpumpen werden angestellt. Ihr taktmäßiges Schlagen und gleich darauf ein Wasserschwall, der sich aus dem Lenzrohr nach außenbords ergießt, zeigen, daß sie heil geblieben sind und das Schiff über Wasser zu halten vermögen. Dann geht es nach kurzer Besprechung an das Dichten der zahlreichen Leckstellen. Pfropfen aus Holz werden mit Aexten und Sägen hergerichtet und in die Löcher getrieben, Zementpackungen davorgelegt, um das Wasser auch sicher abzuschließen. Tag und Nacht heißt es durcharbeiten, um das Abdichten möglichst schnell zu vollenden. Die Anwesenheit des Schiffes ist dem Feinde bekannt. Nur Tage kann es dauern, bis die Engländer erfahren, daß der Dampfer schwimmt, daß Rauch aus seinem Schornstein steigt; und kommen sie ein zweites Mal, dann ist es zu Ende. So schnell wie möglich also muß die Bucht verlassen werden.

Wieder einmal senkt sich die tropische Nacht mit ihrem leuchtenden Sternenhimmel über die Ssudibucht. Heute gibt es keine Ruhe an Bord. Dumpfes Hämmern und Pochen dringt aus dem Innern, eine Säge kreischt, die Pumpen schlagen, in dickem Schwalle fließt das aus den Bilgen gesogene Wasser. Todmüde sinkt die Mannschaft auf notdürftig hergerichtete Lagerstätten zum kurzen Schlummer nieder, der erste Sonnenstrahl aber findet sie schon wieder an der Arbeit.

Was unter Deck nur einigermaßen entbehrlich ist, muß helfen, das Oberdeck herzurichten, daß es wenigstens so weit gangbar wird, um die Sicherheit des Schiffes nicht zu beeinträchtigen. Ein schweres Stück Arbeit ist mit den teilweise ungenügenden Werkzeugen zu vollführen; die verbogenen Teile sind dort, wo sie den Verkehr stören, zu richten oder, wo das nicht mehr möglich ist, gänzlich zu beseitigen. Starrende Zacken werden mit schweren Hämmern zurückgeschlagen oder abgestemmt, zerfetzte Planken abgesägt. Zerschossene Stagen werden erneuert, andere nachgesetzt. Was nicht mehr herzustellen ist oder vom Feuer zerstört wurde, fliegt über Bord.

Fieberhaft wird an allen Stellen gearbeitet. Ein jeder weiß, daß nur äußerste Anspannung die Rettung bringen kann. Jede Minute ist kostbar. Gerade nur die Zeit wird erübrigt, um in aller Hast die Mahlzeiten einzunehmen. Ein verlorener Augenblick kann das »Zu spät« bedeuten ... und dann scheint es, als ob all die furchtbare Anspannung dennoch vergeblich gewesen wäre: Der Feind!

Mitten in die Arbeit klingt plötzlich der Ruf, die Engländer! Mehrere Rauchwolken werden gesichtet, Masten und Schornsteine kommen über die Kimm hoch, in schneller Fahrt nähert sich der Gegner. Zwei Kreuzer, zwei Kanonenboote und ein Wachfahrzeug gegen einen wehrlosen deutschen Frachtdampfer. Das Ende ...

Und wieder, wie vor fünf Tagen, blitzen die Mündungsfeuer, rauscht die Luft unter den heranjagenden Granaten, wallt der Pulverdampf auf. Salve auf Salve wird gefeuert ... hoch stiebt an Land der Sand auf ... eine Lage dicht neben der anderen. Wie eine Wolke breitet sich ein Vorhang von Staub und Rauch. Prasselnd fahren die Geschosse in das Grün hinein, brechen Zweige, knicken und zerschmettern Kronen und reißen Lücken in den Wald.

Der erste Schuß hat der Arbeit ein jähes Ende gemacht. Wozu jetzt noch die Anstrengung? Was sie mühevoll in fünf Tagen aufgerichtet haben, schmettert der nächste Treffer doch in Trümmer ... in sein Schicksal ergeben, starrt jeder auf die Stelle, wo er den nächsten Aufschlag erwartet ... er kommt nicht. Unaufhörlich feuern sie drüben und setzen ihre Schießerei fort. Bald auf diesem, dann wieder auf jenem Schiffe blitzt es auf, ohne Unterbrechung fast fegen die Granaten heran ... über das Schiff weg ... in den Sand ... als ob eine unsichtbare mächtige Hand die deutschen Seeleute beschützte ... zweieinhalb Stunden ... nicht ein einziger Treffer ... nur immer wieder das Getöse in der Luft und der jäh auseinanderstiebende Sand.

Dann ist die Schlacht geschlagen, der britische Sieg gegen den Sand an der Sudibucht glorreich vollendet. Stolz ziehen die englischen Schiffe in Kiellinie seewärts ab ...

Und wieder dröhnen Hämmer auf verbogenes oder zerfetztes Eisen, stemmen sich zum Zerreißen angespannte Muskeln unter schwere Platten ... ohne Ruhe ... ohne Pause ... tagelang, bis es geschafft ist.

Auf der Brücke ist Kapitän Sörensen mit seinen Offizieren und Kapitän Schaap versammelt. Schiffsrat. Jeder Tag, der hier länger verweilt wird, kann den Gegner zum drittenmal heranbringen. Rauchfahnen zeigen, daß er auf Wache ist und die Küste weiter blockiert. Die Wahl der Wege ist nicht groß, nur zwei stehen zur Verfügung. Es heißt, entweder hierbleiben und das Schiff preisgeben oder den Durchbruch wagen und versuchen, den Dampfer in Sicherheit zu bringen. Der erste Weg ist einfach, der zweite ungeheuer schwierig, voll der größten Gefahren.

Vor der Bucht liegen die englischen Kreuzer und Wachschiffe. Durch sie hindurch führt der Weg in die Freiheit. Da gibt’s kein Schwanken. Also, durch! ...

In die Freiheit

Dünner Rauch zieht aus dem Schornstein in die Luft, die unter der sengenden Tropensonne leicht flimmert. Die Seebrise faßt ihn und führt ihn landeinwärts, wo er verweht. Ruhig, wie in tiefstem Frieden liegt die Bucht. Am Ufer der weißleuchtende Sand, in dem sich deutlich noch die Krater, die englische Granaten hier eingewühlt haben, abzeichnen, dahinter der tiefgrüne Wald, der sich zu den Anhöhen hinaufzieht. Wattvögel stelzen über den Schlick, tauchen hier und da den Schnabel ein, um das Getier, das bei der Ebbe zurückblieb, zu haschen. Hoch oben kreisen zwei Bussarde. Langsam ziehen sie ihre Kreise, bis sie dann plötzlich in jähem Sturze herunterschießen auf ihre Beute.

Die Sonne sinkt hinter die Höhenzüge, die im bläulichen Dunst des Abends herüberschimmern. Die Dämmerung bricht herein, in wenigen Minuten ist die Nacht da. Der leichte Qualm, der die letzten Stunden kaum sichtbar aus dem Schornstein zog, verdichtet sich zu schwarzen Wolken, die in breiter Bahn achteraus treiben.

Bunkertüren klappen, gefüllte Eimer gleiten heraus, werden im Heizraum umgekippt, rote Glut strahlt aus geöffneten Feuerungen, in hohem Bogen prasselt eine Schaufel Kohle nach der anderen hinein. Dann wieder fahren lange Schüreisen über die Roste.

Auf der Brücke liegen Seekarten ausgebreitet. Die beiden Kapitäne sind über sie gebeugt. Flüsternd tauschen sie noch einmal die Gedanken über das, was die nächsten Stunden bringen werden, messen mit dem Zirkel nach, prüfen, überlegen.

Der leitende Maschinist meldet die Maschine betriebsklar, der Erste Offizier steht mit seinen Leuten klar zum Ankerlichten. Alles ist bereit.

»Anker lichten!« Zischend strömt der Dampf in die Spillmaschine, der Anker kommt aus dem Grund, der Maschinentelegraph schrillt. Die Schraube dreht sich, ein Zittern geht durch das Schiff. Leicht schneidet der Bug das Wasser, das Schiff gleitet in die Fahrrinne und strebt in tiefer Dunkelheit der Ausfahrt zu. Kein Lichtschein dringt nach außen, jedes Geräusch wird vermieden, nur das Klatschen der aus dem Wasser schlagenden Schraubenflügel ist zu hören.

Überall auf Back, Vorschiff und Brücke spähen die deutschen Seeleute in die Dunkelheit hinaus. Auf der Back stehen zwei Schatten, die unverwandt vorausstarren. Der alte Eilers mit seinem Jungen. Während der langen Monate im Busch hat die Malaria den Sohn gefaßt. Infolge mehrerer Rückfälle darf er an Stelle eines der fünf an Land Gebliebenen einspringen.

Gespenstisch leuchtet aus dem tiefen Schwarz ein Streifen weißen Sandes herüber: das afrikanische Land. Eine Stunde lang dauert die Fahrt in die Nacht hinein, dann klingt es wie leises Rauschen herüber. Die Brandung. Das Schiff nähert sich der Ausfahrt. Frischer Seewind streicht über Deck, die leichte Dünung des Indischen Ozeans, die in die Bucht hineinsteht, läßt das Wasser stärker gegen die Bordwand klatschen.

»Licht voraus!« Fünf Seemeilen ab schimmern die Laternen eines Schiffes durch die Nacht. Deutlich hebt sich zuerst ein Licht ab, bis dann mehrere auszumachen sind. Eine stärker leuchtende Lampe, die an Deck brennt, gedämpfterer Schein, der aus einigen Seitenfenstern im Vor- und Achterschiff dringt. Ein feindlicher Kreuzer. Die Lichter verändern ihre Stellung nicht, das Schiff liegt ruhig vor Anker.

Durch das Sprachrohr geht der Befehl nach Heizraum und Maschine, daß kein Laut nach außen dringen darf. Flüsternd gibt Kapitän Schaap dem Rudergänger seine Anweisung. Leicht dreht der Dampfer nach Backbord, um dem Feind auszuweichen. Weiß leuchtet in nächster Nähe das Wasser, brandet die See gegen Korallenriffe, die eben nur über die Oberfläche ragen, hart an das Riff heran klemmt sich das Schiff. Dicht voraus wieder eine verräterisch brandende Stelle, auch dort sperrt eine Untiefe den Weg. Mit Steuerbordruder wird sie umgangen ... da ... voraus ein zweites englisches Schiff ... in nächster Nähe ... ein einziges kleines Licht nur brennt an Oberdeck ... wie in der Luft hängend ... vom Schiffskörper ist nichts zu sehen, er scheint eins mit dem Dunkel ....

An Steuerbord die Lichter des Kreuzers, an Backbord Korallenriffe, voraus das zweite feindliche Schiff. Nur ein Weg steht offen, unmittelbar an dem soeben gesichteten Gegner vorbei ...

Mit ganz langsamer Fahrt, lautlos schiebt sich der Dampfer heran. Hundert Meter noch steht er ab ... Der Schornstein ... zwei Masten ... der Rumpf ... die Brücke ... kein Mensch ..., und näher noch führt der Weg ... bis auf fünfzig Meter. Dann liegt er querab ... Deutlich treten drüben die Deckaufbauten hervor, fast greifbar nahe ... jede Sekunde muß die Entdeckung bringen ... Qualvoll ... Gellt nicht ein Schrei über Deck ... stürzen sie dort nicht aus den Niedergängen hoch ... ist denn keine Wache auf der Brücke ... kein Posten an Deck? ... nichts....

Langsam, geräuschlos schiebt sich der deutsche Dampfer vorbei ... die Aufbauten verschwimmen ... Masten und Schornstein verwischen sich ... der Rumpf scheint zu zerfließen ... mehrere hundert Meter achteraus liegt das Kanonenboot ... die Gefahr ist vorbei, voraus das schützende Dunkel .... Wie ein Aufatmen geht es durch die ganze Besatzung.... Die Maschine steigert ihre Umdrehungen, schneller mahlt die Schraube, immer größer wird die Entfernung.

Voraus schießt ein greller Lichtkegel in die Nacht hinaus ... ein dritter Feind, noch gefährlicher als der frühere ... der wacht ... tastend streift sein Licht über die See ... scheint sich in weiter Ferne zu verlieren ... sucht ... spürt ... schlägt herum ... näher heran ... steht fest, als hätte es etwas gefaßt, dann wieder löst es sich ... jetzt ... jetzt kommt es heran ... bis zum Halse hoch schlägt das Herz ... zum Äußersten gespannt sind die Nerven ... wie gebannt starrt alles auf die Lichtbahn ... näher ... näher ... es steht ... schlägt um nach der entgegengesetzten Seite ... erlischt ....

Mit höchster Fahrt jagt der Dampfer in die See hinaus. Die Maschinen stampfen, das Schiff zittert, in schnellen Schlägen peitschen die Schraubenflügel das Wasser. Zwei Stunden höchster Spannung noch, dann ist die Gefahrzone passiert. Kein Lichtstrahl der vor der Bucht ankernden Schiffe dringt bis hierher.

Der nächste Morgen muß die deutschen Seeleute so weit wie möglich vom Land ab sehen. Mit unverminderter Kraft jagt der Dampfer dahin. Im Osten dämmert der Tag. In Sicherheit. Mehr als fünfzig Meilen hat die Nacht zwischen Küste und Schiff gebracht; wieder einmal ist ein Durchbruch geglückt.

In märchenhafter Pracht blaut der Indische Ozean. Heiß strahlt die Tropensonne auf die vom Ostwind leicht bewegte Fläche herab. Nichts zeigt sich; einsam zieht der deutsche Dampfer seinen Weg nach den holländisch-indischen Inseln zu. Ein Bild tiefsten Friedens. Und die Stille und Ruhe in der Natur überträgt sich auch auf die Besatzung. Furchtbare Tage liegen hinter ihnen: Die aufreibende Arbeit des Löschens, das vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein währte, das Klarmachen, die Vorbereitungen zum Durchbruch, die Beschießung am 11. April, die darauf folgende am 16. April und die unendlich mühevolle Beseitigung der Beschädigungen, um das Schiff wieder nur einigermaßen seeklar zu bekommen.

Jetzt erst, wo die Nerven seit langem wieder einmal nicht ständig bis zum äußersten aufgepeitscht sein müssen, macht sich die furchtbare Abspannung fühlbar. Bleiern tief schlafen die Leute, die nicht auf Wache sind, und Kapitän Sörensen gönnt ihnen die Ruhe, die sie nach ihrem glänzenden Verhalten so wohl verdient haben. Von hier ab ist die Gefahr verhältnismäßig gering. Es gilt nur noch den Dampfertreck Kap-Indien, der infolge der Schwierigkeiten der Passage des Suezkanals jetzt mehr benutzt wird, zu kreuzen; voraussichtlich aber werden feindliche Kriegsschiffe nicht angetroffen werden. Alles, was auf den Ausland-Stationen nur irgendwie entbehrlich war, ist jetzt zur Sicherung der Schiffahrt um England, im Atlantik und im Mittelmeer dahin gezogen worden.

Ruhig und ohne Zwischenfälle gehen die Tage dahin. Was noch repariert werden muß, wird jetzt vorgenommen. Das Achterdeck, das besonders schwer gelitten hat, wird aufgeklart und die Beschädigungen nach außenbords möglichst verborgen. Die Löcher, die sich dort an einigen Stellen wie ein Sieb aneinanderreihen, werden notdürftig geflickt und übermalt, um vorbeifahrenden Schiffen nichts nach außenhin Verdächtiges zu bieten. Außer den fünf Fünfzehn-Zentimeter-Granaten haben über hundert Treffer kleineren Kalibers die Bordwände und das Oberdeck beschädigt. Mit Stemmeisen, Hämmern, Sägen und sonstigem nur irgendwie geeignetem Handwerkszeug wird gearbeitet. Das Klopfen und Hämmern hört nur auf, wenn alle Hände gemeinsam zufassen müssen, um schwere Gewichte zu bewegen. Freilich, der Unterschied zwischen der Arbeit jetzt und dem atemlosen Hetzen vor wenigen Tagen in der Sudibucht, wo nur die Schnelligkeit gleichzeitig auch die Rettung bedeuten mußte, ist groß. Mitten in das Klingen und Hämmern fliegen Scherzworte, die zeigen, wie vergnügt die Stimmung an Bord ist. –