Blockade-Brecher

Part 7

Chapter 73,537 wordsPublic domain

»Mann über Bord!« Gellend klingt der Ruf vom Achterdeck und wird auf der Brücke aufgenommen. Mit einem Satz springt der wachhabende Offizier an die Backbordnock. Achteraus, dort, wo soeben in hohem Schwunge ein Ring auf die Oberfläche aufklatscht, treibt ein Mann im Wasser. Grell leuchtet der weiße Ring in der blendenden Sonne.

»Stopp!« »Äußerste Kraft rückwärts!« »Wer ist da über Bord gefallen?« Vier Stimmen antworten gleichzeitig: »Der alte Eilers.« Eben als der Name erklingt, springt eine Gestalt unter die an der Backbordreeling stehenden Leute, die achteraus zeigen. Ein in der Aufregung halberstickter Schrei: »Mein Vater? ... Wo?« ... Seine Augen folgen den ausgestreckten Händen, und bevor noch jemand ihn halten kann, saust er mit einem Satz über die Reeling hinweg, über Bord ... Sekunden später ist er im Schraubenwasser.

Unter dem Druck der Schraube, die sich mit äußerster Kraft dreht, wirbelt und strudelt die Oberfläche. Weiß schäumt das Wasser am Heck, reißt Trichter, in die sich brausend das Wasser stürzt, um sich an anderen Stellen wieder zu krausen Buckeln zu wölben .... Dreißig Meter hinter dem Schiff erst kommt der Körper wieder hoch ... auch ihm ist sofort ein Rettungsring nachgeflogen ... faßt er ihn? ... Wieder wirbelt es den treibenden Mann hinab ... stößt ihn hoch ... er greift zu ... er hält ihn ... Sekunden nur sind verflossen seit dem Augenblick, da der alte Mann über Bord stürzte und sein Sohn ihm nachsprang.

Der Dampfer hat gestoppt und dreht auf die beiden im Wasser Schwimmenden zu. Das einzige noch heil gebliebene Boot wird schnell besetzt und gleitet gleich darauf mit langen Schlägen zunächst auf den alten Eilers zu. Jetzt sind sie dicht bei. Die Riemen werden eingenommen, kräftige Fäuste packen den Alten und ziehen ihn ins Boot. Er ist sichtlich erschöpft. Zum Glück hat er gleich den zugeworfenen Ring gefaßt und ist mit dessen Hilfe noch glimpflich davongekommen. Dann geht es zu dem näher am Schiff treibenden Jungen hinüber.

Das Boot nähert sich. Die beiden Leute der vordersten Ducht rufen ihn an. Keine Antwort. Gleichmäßig heben die Wellen den Körper im Ring ... jetzt sind sie heran ... Ein dünner Blutstreifen sickert aus dem Haar über das blasse Gesicht. Jede Welle wäscht ihn weg, immer wieder aber zeigt sich der rote Faden von neuem ... er ist verletzt. Die Schraube muß ihn gefaßt haben. Vorsichtig wird er ins Boot gezogen. Schwer, wie leblos gleitet der Körper aus den Händen, die ihn fürsorglich ins Boot legen, neben den Alten hin. Der hat sich inzwischen auf die achterste Ducht gesetzt. Unendlich behutsam, wie man es den harten Seemannsfäusten gar nicht zumutet, bettet er den Kopf des Ohnmächtigen auf seinem Schoße. Hilfsbereit hat ihm der Bootssteuerer ein Taschentuch gereicht. Ununterbrochen wischt er das immer neu nachsickernde Blut seinem Jungen aus der Stirn. Ganz leise, schüchtern fast, als sollten es die anderen nicht hören, flüstert er ihm ins Ohr: »Willem ... Willem ... min leve Jung.« ... Er rührt sich nicht ... Die Augen in dem bleichen Gesicht bleiben geschlossen ... keine Antwort ... und wieder dringlicher jetzt, ängstlicher ... »Willem ... hörst du mi nich? ... Willem.« ... Bis die Stimme des Bootssteuerers ihn aufblicken läßt:

»Lassen Sie man, Eilers, den kriegen wir an Bord schon wieder heil, dat is all nich so schlimm!«

Das Boot ist beim Dampfer längsseit. Die Talljen werden eingehakt, langsam kommt es hoch. Was überflüssig ist, klettert an Deck. Jetzt ist es geheißt, wird eingeschwungen und eingesetzt. Die beiden Kapitäne und der Erste Offizier haben schon von Deck aus gesehen, daß der junge Eilers anscheinend verletzt und bewußtlos ist. Eine Matratze und Decken sind bereit gelegt, um sofort Wiederbelebungsversuche anzustellen. Sorgsam wird der regungslose Körper gebettet, und alles bemüht sich um ihn. Kein Lebenszeichen .... Eine Viertelstunde vergeht .... wächsern bleich bleibt das junge Gesicht, das mit einem Male ein seltsam strenges Aussehen bekommen hat, dicht geschlossen die farblosen, festaufeinandergepreßten Lippen ..... Nicht einen Blick verliert der Alte von den Leuten, die sich um seinen Sohn bemühen .... immer ratloser werden die Augen, hilflos, wie bittend .... bis er die ganze furchtbare Wahrheit erkennt .... tot .... sein Jung, sein Willem tot .....

Eine Hand legt sich ihm auf die Schulter, eine milde Stimme, die ihm Trost zuspricht. Er hebt den Kopf nicht. Als ob das Gesagte gar nicht von ihm erfaßt würde, schüttelt er wieder und immer wieder den Kopf. Kein Seufzer; ein so tiefer Gram aber spricht aus den faltigen Zügen, daß darüber jedes Trostwort verstummt.

Die Nacht mit ihrem Sternenhimmel liegt über dem Dampfer, der gleichmäßig seinen Weg zieht. Oben auf der Brücke geht der Offizier die Mittelwache, am Ruder steht der Rudergänger, sieht auf den Kompaß und dreht ab und zu das Rad, um das Schiff auf dem befohlenen Kurs zu halten.

An der Seite, querab vom Schornstein liegt die von sorgender Hand eingenähte Leiche des jungen Eilers. Auf einem Klappstuhl sitzt der Vater. Gebückt, den Kopf tief in die Hände vergraben, Stunde um Stunde.

»Eilers!« Der Offizier ist an ihn herangetreten und klopft ihm leise auf die Schulter. »Eilers, lassen Sie sich nicht unterkriegen! Ist keiner von uns allen an Bord, der es Ihnen nicht nachfühlen würde, wie schwer diese Stunden für Sie sind und wieviel lieber Sie Ihr Leben hätten hingeben wollen für Ihren Jungen. Denken Sie aber daran, wieviel Väter in Deutschland heute um ihre Söhne trauern, wieviel täglich ihr Leben hergeben müssen ... Sie haben doch wenigstens Ihren toten Jungen bei sich, haben ihn in der letzten Stunde seines Lebens noch lachen sehen dürfen .... Wir alle haben ihn ja gern gemocht und uns gefreut an seinem frischen, lustigen, vergnügten Wesen. Denken Sie mal, mit welchem wunderschönen Gedanken der Junge sterben durfte: um seinen Vater zu retten. Und dann müssen Sie auch bedenken: Er starb ebenso den Tod fürs Vaterland wie alle drüben .... im Kampf um die Heimat.«

Ein Augenblick ist Stille. Dann spricht der Alte. Schwer, wie gequält kommen zuerst die Worte: »Ja, ich weiß, Sie meinen es gut mit mir, Sie und alle ... aber ... is ja mein einziges Kind .... Wir beide sind lange allein gewesen ... Die Mutter ist ja früh gestorben, und da hab ich mich mehr um ihn quälen und sorgen müssen als manch anderer Vater. Er war noch so lüttjet damals, und es ist mir bannig schwer gefallen, ihn bei fremden Leuten zu lassen, wenn ich dann mit meinem Schiff auf lange Reisen wegging. Und wenn ich nach vielen Monaten erst binnen kam, da hätten Sie uns mal sehen sollen! Die ganzen Tage saß er bei mir an Bord. Ueberall kletterte er herum, jedes Tau und Segel hat er gekannt, bald besser als ein Vollmatrose. Er wollte ja auch nach See zu, da gab’s kein Halten. Ja, wenn ich noch so an denke, wie wir seine Schiffskiste packten und er als Junge mit ’n Hamburger Viermastbark nach der Westküste abging ..... Und wie er vergnügt als Leichtmatrose wiederkam. So schlank und rank und immer vergnügt .... und jetzt liegt er da und muß für mich alten Kerl sterben.«

»Um Sie Eilers? Glauben Sie denn, daß er nicht jedem andern ebenso nachgesprungen wäre? Der hätte sich keinen Augenblick besonnen! So sind sie, unsere deutschen Jungs! Ohne Bedenken, wenn es gilt, ihr Leben herzugeben, ganz gleich, ob für den einzelnen Menschen oder für die große Sache. Denken Sie doch bloß an unsere Leute in der Flotte und auf den U-Booten! Glauben Sie denn, daß die sich vor dem Auslaufen große Gedanken machen, ob sie zurückkommen? Was quälen die sich um das harte Leben und die Gefahren, die ihnen in jeder Minute das Ende bringen können! Da denkt sicher keiner dran! Vom Admiral bis hinunter zum jüngsten Matrosen gehen sie drauf. Ran an den Feind und wenn sie mit ihm zusammen versinken. Und sehen Sie, so ein Kerl, auf den wir alle stolz sein dürfen, war Ihr Junge. Um solchen Sohn dürfen Sie nicht trauern. Das hätte der sicher selbst nicht haben wollen. Um den Tod werden ihn zu Hause viele beneiden. Einen schöneren konnten Sie selbst ihm nicht wünschen.« ...

Der Tag bricht an. Sieben Uhr morgens. Die Mannschaft steht um die Leiche versammelt. Das Schiff hat gestoppt. Wenige schlichte, ergreifende Worte, ein Vaterunser, unter der deutschen Flagge weg gleitet die Leiche langsam in die See hinab. Leichte Kreise ziehen, streben auseinander, verebben ....

Der Maschinentelegraph rasselt, die Maschine stampft, weiter zieht das Schiff nach Osten.

Der Tod hat einen aus den Reihen der Besatzung weggeholt. Bald aber tritt das Leben mit seinen Anforderungen wieder in seine Rechte. Der Vormittag findet alles emsig beschäftigt. Es klingt und klopft, dröhnend schlagen die Hämmer auf Eisen, Sägen kreischen, Holz splittert. Immer weiter geht die Fahrt, näher heran rückt der sichere Hafen. Und Tag für Tag steigt die Sonne in gleicher tropischer Pracht aus dem tiefblauen Ozean, der bald spiegelglatt, bald unter den Aequatorialwinden leicht gekräuselt ist, brennt tagsüber auf weißschimmernde Sonnensegel, auf das Schiff, das noch immer aussieht, als sei es eben mit knapper Not einem schweren Sturm entgangen, und taucht abends mit roter Glut hinab in die See.

Ohne Zwischenfälle verrinnen die Tage, werden zu Wochen, bis eines Morgens Backbord voraus niedrige tiefdunkelblaue scharfumränderte Wolken sich über der Kimm aus dem Wasser zu erheben scheinen: Land. Näher kommt der Dampfer heran, deutlicher heben sich jetzt die Bergketten Sumatras ab. Kapitän Sörensen hält dicht unter Land. Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß hier plötzlich ein feindlicher Kreuzer oder ein Hilfskreuzer auftaucht und der Fahrt, die bisher glatt verlaufen ist, noch jetzt in letzter Stunde ein vorzeitiges Ende bereitet. Hier ist es ein leichtes, beim Auftauchen eines verdächtigen Fahrzeuges die holländische Hoheitsgrenze zu erreichen.

Von der Küste bis hinauf zu den Bergen, deren Kuppen und Kämme oft in den Wolken zu verschwimmen scheinen, ist das ganze Land ein ungeheurer Wald, aus dem sich nur an einzelnen Stellen dicht am Wasser typische Baumformen abheben. Mitunter, selten allerdings nur, schmiegen sich, halb verdeckt unter dichtem Grün, braune Dächer von Eingeborenenhütten. Kleine Fischerboote mit Auslegern und viereckigen Mattensegeln kreuzen unter Land. Malaiische Fischer. Nachts leuchtet es dann bald hier bald da auf den Bergen gelblichrot auf. Waldbrände, die auf Sumatra nie aufhören. Primitive Eingeborenensitte, die durch Feuer Kulturland schaffen will. Der Urwald widersteht Axt und Säge. Einem kleinen Fleck nur ist die Flamme zugedacht, gierig aber frißt sie sich bei der ausreichenden Nahrung weiter, wochen-, monatelang, brennt, schwelt und glimmt, bis tropischer Regen und die Feuchtigkeit des Waldes sie ersticken.

Die Ostspitze Sumatras ist erreicht, und mit nördlichem Kurs geht es in die Sundastraße hinein. Voraus an Steuerbord kommen die grünen Berge Javas in Sicht. Sechsunddreißig Stunden noch trennen die Deutschen von dem Ziel, dem sie nun seit bald drei Wochen zustreben. Über dem Wasser liegt leichter Dunst, der die Kimm verschwimmen macht. An Backbord achteraus schimmert ein kleines festes Feuer der Küste von Sumatra herüber, voraus an Steuerbord ein Blinkfeuer Javas. Zwischen beiden führt die Straße.

Und wieder verstreicht Stunde um Stunde, geht die Fahrt ohne Störung weiter. Mitternacht. Die abgelöste Wache ist eben zur Koje gegangen, als an Backbord voraus ein Licht aufschimmert. Gleich darauf wird ein zweites gemeldet. Sie stehen dicht beisammen. Anscheinend fährt dort einer der holländischen Küstendampfer, die den Verkehr von den kleinen Küstenplätzen Javas und Sumatras nach den großen Ausfuhrhäfen vermitteln. Noch liegt er nicht querab, als plötzlich aus der dunklen Nacht grelles Scheinwerferlicht heranflutet. Wie ein wildes Tier, das sich mit einem Satz auf die Beute stürzt, schießt es jäh auf das Fahrzeug zu und hält es fest. Weiße Signalsterne steigen hoch in das Dunkel, senken sich in weitem Bogen auf das Wasser, erlöschen. Ein Kriegsschiff hält dort den Küstenfahrer, der ihm verdächtig scheint, an. Deutlich tritt in dem hellen Lichtkreis jeder Aufbau des Dampfers einzeln hervor. Ein kaum tausend Tonnen großes Schiff, das die ihm bevorstehende Untersuchung ruhig herankommen läßt. Die Holländer sind an die Anmaßung englischer Seepolizei bereits gewöhnt.

Wie mit einem Schlage leuchten jetzt auf dem Kriegsschiff, das bisher abgeblendet lag, Lichter auf; gleichzeitig aber auch an zwei anderen Stellen unmittelbar voraus. Auch dort stehen Feinde. Schon beim Aufblitzen des Scheinwerfers hat der deutsche Dampfer gestoppt, um sich nicht durch das Aufleuchten der Bugwelle und des Schraubenwassers zu verraten. Kein Lichtschein dringt nach außen, in tiefem Dunkel liegt das Schiff, vom Gegner unbemerkt. Die Lichter voraus ziehen quer über die Straße hinweg nach dem angehaltenen Schiff zu. Dort mögen sie sich stundenlang beschäftigen.

Mit langsamer Fahrt halten die Deutschen auf das an Steuerbord liegende Land zu. Auf hoher See wäre ein Entrinnen unmöglich gewesen. Die überlegene Geschwindigkeit der Kriegsschiffe hätte jeden Versuch schon vereitelt. Hier aber, so nahe am Ziel denkt keiner daran, einem Befehl zum Stoppen Folge zu leisten. Lieber wollten sie ihr Schiff auf Strand setzen. Achtet der Engländer auch die Hoheitsgrenze nicht, ihnen an Land zu folgen, dürfte ihm doch nicht rätlich scheinen.

Es ereignet sich aber nichts. Die drei Kreuzer sind so eifrig an der Arbeit, daß sie für nichts anderes Sinn haben. Mehr und mehr verschwimmen die Lichter, kommen aus Sicht. Die Straße ist frei.

Im Osten dämmert der Tag. Flammendes Rot leuchtet durch die Dunstwolken, die über den Bergen Javas liegen. Die Sonne steigt. Blitzend schießen ihre Strahlen durch den Schleier hindurch über grüne Wälder, auf die blauleuchtende See.

Voraus steigen Rauchwolken in die Luft, Masten, Schornsteine, Schiffskörper heben sich vom dunklen Hintergrunde, Schuppen und Hafenbauten tauchen aus dem Grün.

Im Morgengrauen steigt am Heck die deutsche Flagge hoch. Zwischen den Wellenbrechern hindurch, vorbei an einem holländischen Kriegsfahrzeug gleitet der Blockadebrecher in den Hafen von Tanjonk Priok hinein. Ein großer englischer Frachtdampfer, der sich, mit Zucker voll beladen, eben auszulaufen anschickte, hat schleunigst, als er die schwarzweißroten Streifen am Flaggenstock auswehen sieht, den Anker wieder in Grund geworfen. Hier, nach fast zwei Jahren Krieg, die deutsche Flagge? Das kann nur ein verkappter deutscher Hilfskreuzer sein. Längst schon sind ja die Taten der nach der Heimat zurückgekehrten »Möwe« nach Holländisch-Indien gedrungen. Wer weiß, ob hier nicht ein zweiter Vogel dieser Gattung naht. Da ist Vorsicht der bessere Teil.

Während vom Engländer ängstliche Gesichter nach dem so plötzlich aufgetauchten deutschen Schiffe hinüberstarren, ist das ruhig an ihnen vorbeigeglitten. Gleich darauf rasselt polternd die Ankerkette in die Klüse. Einen Augenblick noch wirbelt braunes Wasser durch die rückwärtsschlagende Schraube am Heck hoch, dann liegt die »Marie« zwischen den zwei deutschen Dampfern »Hohenfels« und »Uhlenfels«, an deren Schornstein das schwarze Kreuz der deutschen Hansalinie Bremen sich abhebt, still.

Schienen die beiden Deutschen einen Augenblick vorher noch in tiefem Schlaf befangen, so ändert sich jetzt rasch ihr Aussehen. Erregte Rufe schallen herüber, Leute stürzen aus den Niedergängen an die Reeling: Ein deutscher Dampfer! Fast unmöglich dünkt es ihnen. Und wie sieht er aus! Das Achterschiff zerstört, Decksaufbauten und Schornstein beschädigt, wo mag der wohl herkommen und welch schweres Wetter mag ihm so zugesetzt haben?

Noch sind kaum zehn Minuten vergangen, als von allen Seiten auch schon Boote herannahen. Deutsche, die ihre Landsleute begrüßen und Näheres hören wollen. An Bord darf noch niemand, da das Schiff noch nicht einklariert ist. Die vollbesetzten Ruder- und Segelboote aber umringen die »Marie«, und lebhafte Rufe klingen zu den an der Reeling Stehenden hinauf. Im Januar aus Deutschland abgefahren? Von englischen Kreuzern beschossen? Unglaubliches Staunen malt sich auf allen Gesichtern. Nur zu bald aber weicht es jubelnder Freude und ehrlichem Stolz über die glänzende Leistung, die Kameraden da vollbracht haben. Das erste Schiff liegt hier, dessen Besatzung erzählen kann, wie es wirklich in der Heimat aussieht, die Feldgraue ausziehen sah und die Siege in der Heimat mitfeiern durfte. Vergessen sind die qualvoll langen Monate, während deren man hier auf die Nachrichten angewiesen war, die Reuter in die Welt zu setzen beliebte.

Vom Pier naht in schneller Fahrt die Barkasse des Hafenmeisters. In wenigen Minuten ist sie längsseit und legt an dem inzwischen gefierten Fallrepp an. An Oberdeck empfängt Kapitän Sörensen den holländischen Beamten, dessen Blicke voll Mißtrauen das Fahrzeug mustern. Gott weiß, welche Geheimnisse und fürchterliche Absichten hier lauern, welch schreckliche Gefahr wieder einmal der holländischen Neutralität droht.

Vorsichtig begiebt sich der Hafenmeister nach dem Vorschiff. Stehen dort nicht unter Segeltuch verborgen Geschütze? Nichts Verdächtiges. Sein Mißtrauen erhält aber erst recht Nahrung, als er nach dem Achterdeck geht und dort die noch nicht beseitigten Verwüstungen bemerkt. Von Geschützen aber auch hier keine Spur. Was mag das unheimliche Fahrzeug in seinen Laderäumen bergen? Ob nicht dort die Kanonen und Torpedorohre lauern?

Kaum hat er den Wunsch ausgesprochen, als auch ohne das geringste Zögern die Luks geöffnet sind. Mit seinem Gefolge klettert der Holländer die Steigeisen hinunter. Gähnende Leere überall. Die Sache wird immer rätselhafter.

»Wo kommen Sie her?«

»Aus Deutsch-Ostafrika.« Ratloses Staunen verrät, daß dem Hafenmeister die ganze Angelegenheit immer schleierhafter wird.

»Ihre Ladung?«

»Ladung? Die haben wir längst gelöscht. Geschütze, Munition, Gewehre und anderes Kriegsmaterial. Aus Deutschland nach Deutsch-Ostafrika.«

Jetzt erst ermannt sich der Hafenmeister: »Aha, also wie die »Möwe« ausgebrochen! Ja, aber wie sind Sie denn durch die Blockadelinien an der afrikanischen Küste gekommen, wie über die Ozeane, die von englischen Kriegsschiffen wimmeln? Ihr Wort in allen Ehren, Herr Kapitän, aber das ist unmöglich!«

Nun endlich lüftet Kapitän Sörensen den Schleier. In wenigen Worten erzählt er von seiner Fahrt, von der zweimaligen Beschießung und vom Durchbruch durch die feindlichen Schiffe. Immer größer werden die Augen des Zuhörers, immer fassungsloser das Staunen, das sich auf seinem Gesicht ausdrückt.

»Unmöglich, Herr Hafenmeister? Nein, gehen Sie ruhig an Land und erzählen Sie dort, was Sie hier gesehen und gehört haben, und dann mögen Sie gleich noch eines hinzufügen: das Wort »unmöglich« kennt der deutsche Seemann nicht!«

Meldung der Manila Weekly Times

vom 3. April 1917.

Wir können unseren Lesern heute von einem unerhörten Wagestück deutscher Seeleute berichten. Kapitän Sörensen und die beiden Matrosen Iversen und Toft von dem in Batavia internierten deutschen Dampfer »Marie« beschlossen zu fliehen und zu versuchen, auf dem Wege über die Philippinen die Heimat zu erreichen. Mit den beiden Seeleuten Wells und Willer unternahmen sie es, die 1500 Seemeilen lange Fahrt nach Mindanao in einem nur sieben Meter langen offenen Segelboot anzutreten. Sechzig Tage lang kämpften die tapferen Männer mit Sturm und schwerem Seegang, der ihr gebrechliches Fahrzeug jeden Augenblick zu vernichten drohte, und während der ganzen sechzig Tage stand das Wasser stets knietief in dem Boote. In den beiden letzten Wochen gingen die Lebensmittelvorräte aus, so daß die Deutschen, als sie endlich in Celebes ankamen, dem Hungertode nahe waren. Trotzdem hielt es sie nicht. Nach einigen Wochen Erholung in Celebes wagten sie im gleichen kleinen seeuntüchtigen Boote die Weiterfahrt nach den Philippinen, und das Unglaubliche gelang. Nach unendlichen Mühseligkeiten glückte auch dieses Wagestück, und unversehrt liefen die wackeren Seeleute gestern in Manila ein.

Verlag August Scherl G. m. b. H., Berlin

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Die Aushungerung Englands.