Part 5
Bei uns waren ununterbrochen neue Verstärkungen und Geschütze eingetroffen, so daß wir den kommenden Ereignissen recht ruhig entgegensehen konnten. Unser Kommandeur, Oberstleutnant von Lettow-Vorbeck übernahm den Befehl über unsere Streitmacht. Sie müssen nun nicht etwa glauben, daß wir Gott weiß wie viel hier zusammenhatten. Was sich in den nächsten Tagen abspielen sollte, das haben ganze tausend Mann vollbracht. Einige Kompagnien Schutztruppe, Abteilungen der Polizeitruppe, fast nur Schwarze, zu denen wehrpflichtige eingezogene Deutsche und einige Mannschaften vom Vermessungsschiff »Möwe« traten. Im ganzen waren es rund zweihundertfünfzig Europäer und siebenhundertfünfzig Schwarze.
Am 4. frühmorgens erschienen zunächst die Kriegsschiffe vor der Stadt und schossen hinein, was der Deubel wollte. Sogar 15-Zentimeter-Granaten waren dabei. Gegen das Feuer der Schiffsgeschütze konnten wir natürlich nichts ausrichten. Es hatte auch gar keinen Zweck, es mit unsern kleinen Feldkanonen zu beantworten, weil wir dadurch höchstens unsere Anwesenheit verraten hätten. Wie das erste Mal, kamen auch diesmal die Transporter näher, und die Leute wurden ausgeschifft. Nur ein kleiner Unterschied war jetzt dabei: Es waren bedeutend mehr, fast an zehntausend Mann. Hauptsächlich Inder. Wie wir nachher feststellten: Acht Regimenter Infanterie und Artillerie. An weißen Truppen hatten sie außer Marinemannschaften acht Kompagnien des North Lancashire-Regiments, also eine Übermacht, die den Engländern von vornherein schon den Erfolg sichern konnte. Das große Aufgebot bewies, wie sie uns fürchteten. Wir ließen sie auch diesmal wieder ruhig landen. Teilweise gelangten sie bis in die Stadt hinein, wo ihr Hauptziel der Bahnhof war. In der Zwischenzeit funkten die Kriegsschiffe ununterbrochen weiter. Heftige Kämpfe entspannen sich bald in der Nähe der Landungsbrücken und an dem dicht an der See liegenden Hospital. Wir hatten ihnen das Vordringen natürlich nicht ganz leicht gemacht, und als weitere Verstärkungen für uns eintrafen, nahmen wir sie hauptsächlich mit Maschinengewehr dermaßen in die Klemme, daß sie bald nicht aus noch ein wußten. Wir pfefferten auf die Kerle los, die auf dem verhältnismäßig schmalen Strich angesetzt waren, daß sie reihenweise sanken. Darauf waren sie wohl nicht im entferntesten gefaßt. Sonst hätten sie den Deubel getan, so geschlossen in dichter Masse anzurücken. Überdies muß auch wohl die Führung versagt haben.
Sie taten, was sie konnten, hoben an einer Stelle sogar Schützengräben aus. Das half ihnen aber nichts. Durch das Buschwerk gedeckt, gelang es uns, ihnen in die Flanke zu kommen und die Maschinengewehre zur vollsten Wirkung zu bringen. Eine Weile noch versuchten sie, sich zu halten, immer wieder aber drängten wir vor; unsere Geschütze und Maschinengewehre machten tadellose Arbeit. Sie wichen, gingen mehr und mehr zurück, bis wir sie gegen Abend gänzlich geworfen und auf eine kleine, schmale Stelle in der Richtung auf Ras Casone an der Küste gedrängt hatten.
Hier kam es am nächsten Tage noch zu mehreren kleinen Gefechten, das Schicksal war aber längst entschieden. Die Inder waren überhaupt nicht mehr zu halten. Gänzlich demoralisiert waren sie, unfähig, überhaupt noch Widerstand zu leisten. Wo immer wir auf sie stießen, hoben sie die Hände hoch, schrien und wollten sich ergeben. In der brutalsten Weise wurden sie von den Engländern mit Gewalt in die Boote gejagt und auf die Schiffe zurückgebracht. Diese Truppen waren für England vorläufig sicherlich gänzlich ausgeschaltet. Der Rest der Europäer schiffte sich am gleichen Abend in großer Eile ein. Unsere Geschütze nahmen es jetzt sogar mit den Kriegsschiffen, die nicht weit vom Land auf der Außenreede lagen, auf. Der Kreuzer »Fox« bekam ein tüchtiges Loch, im Hafen wurde ein Transportschiff in Brand geschossen und zum Überfluß dann noch durch zwei andere Fahrzeuge, die eiligst flüchteten, gerammt. Es sah wirklich heiter aus, wie ängstlich sie sich bemühten, aus dem Bereich unserer Geschütze zu kommen.
Wie schwer die Verluste waren, die der Gegner erlitten hatte, konnten wir beim Absuchen der Plätze, an denen der Kampf mit besonderer Heftigkeit getobt hatte, feststellen. Auf dem Festplatz der Eingeborenen, dem sogenannten Ngomaplatz, wo unsere Maschinengewehre besonders gutes Schußfeld gehabt hatten, sah es furchtbar aus. Die Leichen lagen zu Haufen. Hier allein konnten wir über hundert Weiße zählen, die Farbigen gar nicht mit eingerechnet. Ebenso war es dort, wo die Engländer ihre Schützengräben ausgehoben und längeren Widerstand zu leisten versucht hatten. Überall lagen die Verwundeten umher, eine ganze Anzahl Schwerverletzter war darunter. Zwei Oberstleutnants und mehrere andere Offiziere konnten wir feststellen. Die Gesamtverluste betrugen nach unserer ersten Schätzung eintausendzweihundertfünfzig Mann. Verwundet und gefallen waren hundertfünfzig Weiße und siebenhundertfünfzig Inder, der Rest war gefangen.
Dank des Angriffsplanes, den unser Kommandeur, Oberstleutnant von Lettow-Vorbeck, gemacht hatte, waren unsere Verluste glücklicherweise nur gering, in gar keinem Verhältnis zu denen der Engländer. Wollten wir alle verwundeten Engländer verbinden und weiter in Behandlung behalten, so wäre wahrscheinlich ein großer Teil unseres Sanitätsmaterials, das wir doch für uns selbst bitter benötigten, draufgegangen. Man konnte ja nicht wissen, wie lange der Krieg dauern würde.
Wie überraschend den Engländern diese Niederlage gekommen war, bewies der nächste Tag. Da leiteten sie nämlich Unterhandlungen ein, um doch wenigstens einigermaßen eine Übersicht über die Zahl ihrer Toten, die Verwundeten und deren Schicksal zu bekommen. Auf den Schiffen mußte überdies eine heillose Verwirrung herrschen. Die Hals über Kopf in die Boote geflüchteten oder mit Gewalt hineingeprügelten Menschen hatten sich natürlich nicht mehr Zeit genommen, auf die eigenen Schiffe zu klettern, sondern waren eben zu demjenigen fahrbaren Untersatz gepullt, der gerade am nächsten lag. Von Land aus konnten wir beobachten, wie die Kerle ohne jede Ordnung unter Zurücklassung von Waffen und Gepäck, wie die Katzen an den Schiffswänden hochkletterten. Schade, daß wir nicht ein paar fünfzehn Zentimeter hatten, um da hineinzufunken. Das hätte ja einen schönen Schlamassel gegeben!
Durch uns erfuhren also die Engländer zunächst mal die Höhe ihrer Verluste. Die Gefangenen und leichter Verletzten behielten wir selbstverständlich. Konnten wir unserer Bevölkerung im Innern doch gar keinen besseren Beweis des glänzenden Sieges bei Tanga geben, als durch diese lebenden Zeugen. Dagegen gingen wir bereitwilligst auf die Bitte ein, den Engländern die Mitnahme ihrer Schwerverwundeten zu gestatten.
Die größte Freude machte unsern Leuten das Sammeln der Beute. Dabei stellte es sich erst heraus, wie umfangreich die Kämpfe waren, und in wie übereilter Flucht uns der Gegner das Feld überlassen hatte. Wir zählten allein acht Maschinengewehre, ungefähr fünfhundert Gewehre, eine halbe Million Patronen und Ausrüstungsstücke jeder Art. Das sind Ziffern, die Ihnen, Herr Kapitän, nach europäischem Maßstabe lächerlich gering vorkommen müssen. Sie dürfen aber nicht vergessen, daß das, was drüben ein Gefecht gewesen wäre, hier eine Schlacht bedeutete und zwar die größte, die bisher auf dem Boden unserer afrikanischen Kolonien geschlagen worden war. Der Stoß, den das englische Ansehen hier erhielt, wirkt noch heute auf das schwerste nach und hat nicht zum wenigsten dazu beigetragen, daß unsere Askaris zu uns ein felsenfestes Vertrauen faßten und in den späteren Gefechten wie die Deubels drauf losgingen. Der eine Sieg hier hat Unternehmungen reifen lassen, die denen in der Heimat an Schneid sicher nicht nachstehen.
Eine recht angenehme Ueberraschung gab es für uns einige Tage nach dem Abzug der Engländer bei Ras Casone. Dort fanden wir nämlich einen angetriebenen Leichter, den der »Pegasus« seinerzeit gestohlen hatte. Die Engländer waren aber so liebenswürdig gewesen, ihn uns bis oben hinauf zu füllen. Da gab es über tausend wollene Decken, Material für Telegraphenlinien, dreißig Feldtelephonapparate, Hacken und Spaten, kurz, alles Sachen, die wir sehr gut gebrauchen konnten und die uns später noch gute Dienste leisten sollten.«
Das Klirren und Klappern der Teller ist längst verstummt, die Mahlzeit ist beendet. Die Boys öffnen die Türen, die nach der Veranda führen. Bequeme Korbstühle sind dort aufgestellt, ein paar kleine Tischchen, auf denen bereits Getränke und Zigarren warten. Es dauert eine Weile, bis alles in angeregtem Geplauder seinen Platz gefunden hat und der Hauptmann der Schutztruppe in seiner Erzählung fortfahren kann.
»Bei uns waren fünfzehn Deutsche gefallen, darunter unser alter Afrikaner, Hauptmann von Prince. Ein schwerer Verlust für unsere Kolonie, in der er einen großen Teil seines Lebens zugebracht hatte. Sein Adjutant, Leutnant von Hoffmann, hatte neben ihm den Tod gefunden. Am 7. fand eine feierliche Totenfeier für die Gefallenen statt, nachdem die englischen Schiffe am Abend zuvor mit Nordkurs in See gegangen waren. Fünfzehn brave Deutsche haben wir in die afrikanische Erde gesenkt, für die sie so wacker kämpften und gefallen sind. Seither ist ihnen noch so manch einer gefolgt.«
Einen Augenblick herrscht Schweigen. Ein jeder denkt an die Freunde, die er im Felde weiß, die vielen Bekannten, die ihre Treue zum Vaterland bereits mit ihrem Blute bezahlt haben. ... Durch das Dunkel huschen die weißgekleideten Gestalten der Dienerschaft über den Kies ... leise rauscht der Wind durch die Kronen der Palmen und Brotbäume ... Das Zirpen der Heimchen dringt herauf, Glühwürmer schweben durch die Nacht ... wie aus weiter Ferne klingt das Kreischen einer aufgeschreckten Affenschar herüber. Schwer, wie traumverloren gleitet der Blick über den rauschenden Wald ... ein schönes Land, für das es sich schon lohnt, zu sterben ... Dann, als ob er sich von der Erinnerung an die toten Kameraden losrisse, wendet sich der Offizier wieder seiner Erzählung zu.
»Während wir in Tanga gegen zehnfache Übermacht siegten, hatten unsere Truppen nordwestlich des Kilimandscharo ein größeres Gefecht mit den Engländern, deren Vorgehen zweifellos in Verbindung mit dem Angriff auf Tanga stand. Dreihundertfünfzig Europäer – es mögen wohl schon Buren gewesen sein, da wir bereits früher dort südafrikanische Truppen festgestellt hatten – eine europäische reitende Batterie, eine Kompagnie freiwilliger Europäer aus Indien und acht Kompagnien von zwei indischen Eingeborenen-Regimentern griffen unsere Stellungen am Longidoberge an, wo die Engländer bereits Ende September empfindlich zurückgeschlagen worden waren. Bis tief in die Dunkelheit hinein, ungefähr fünfzehn Stunden dauerte der Kampf. Auch hier machten unsere Maschinengewehre, besonders unter den Reitern, ganze Arbeit. Der Gegner zog sich fluchtartig zurück und ließ fünfunddreißig tote Inder und einige Europäer am Platze. Eine ganze Reihe bereits geschlossener Massengräber verriet uns aber, daß das nicht sämtliche Verluste gewesen waren. Auch hier gab es, wie bei Tanga, reiche Beute: Pferde, Munition und Gewehre fielen in unsere Hände. Der englische Vorstoß auf deutsches Gebiet war auch hier völlig mißglückt.
Aber nicht nur an der Küste und an der Nordgrenze kam es zu Kämpfen. Von der Westseite rückten die Belgier beim Kiwusee und die Engländer weiter südlich zwischen Tanganjika- und Nyassasee vor. Alle Versuche aber, auf deutsch-ostafrikanischen Boden einzudringen, konnten von unseren Leuten, die natürlich überall in verschwindender Minderzahl waren, energisch zurückgewiesen werden. Dabei müssen Sie eines immer im Auge behalten, daß wir nur diejenigen Leute zum Militärdienst eingezogen hatten, die auf den Plantagen und in den Kontoren abkömmlich waren. Der ganze Betrieb in der Kolonie ging und geht seinen normalen Gang weiter.
Ein besonderes Kapitel für sich waren die Kämpfe, die sich auf den Seen abspielten. Unsere paar kleinen Dampfer hatten ein hartes Leben, aber sie wehrten sich bis zum äußersten gegen eine überwältigende Uebermacht, gegen die es schließlich kein Aufkommen geben konnte. Es war für uns ein großes Glück, daß wir die Besatzung von der »Möwe« freibekamen und daß es uns außerdem noch gelungen war, den auf der Heimreise befindlichen Ablösungstransport des in der Südsee stationierten Vermessungsschiffes »Planet« hierher zu lenken. Das bedeutete einen äußerst wertvollen Zuwachs für die Schutztruppe, durch den auch der so empfindliche Mangel an Unterführern ausgeglichen werden konnte.
Schon am 14. August ging die Schießerei auf dem Nyassasee los. Ein englischer Dampfer, der mit zwei Geschützen bewaffnet war, überraschte unseren kleinen Dampfer »Hermann von Wißmann« im Sphinxhafen. Kapitän und Steuermann hatten gar keine Ahnung, daß der Krieg ausgebrochen war. Sie wurden gefangen genommen und die Maschine des Schiffes unbrauchbar gemacht. Der kleine Dampfer hatte übrigens nur einen alten Böller an Bord, der wohl zum Salutschießen, aber nicht zur Verteidigung geeignet war; er konnte sich gar nicht wehren. Die Engländer freilich haben sich nicht gescheut, aus der Geschichte einen ungeheuren Seesieg zu machen.
Im September konnten wir auf dem Viktoriasee dafür den Spieß umkehren. Unser kleiner Dampfer »Muansa« von vierundzwanzig Tonnen, also nicht viel größer ungefähr als die Barkasse eines Großkampfschiffes, griff den englischen Dampfer »Sybell« an, der hundertfünfzig Soldaten und mehrere Geschütze an der Karungabucht landen wollte. Wir hatten die »Muansa« durch eine kleine Kanone zum Hilfskreuzer umgebaut. Ihre Granaten fegten als Volltreffer in die »Sybell« hinein. Eine Zeitlang wehrte sie sich, dann aber dampfte sie schleunigst nach Norden ab. Die Engländer hatten es anscheinend auf die Zerstörung unserer Funkenstation in Muansa abgesehen gehabt.
Auf dem Tanganjikasee arbeitete unsere »Flotte« im Verbande mit den Truppen in glänzender Weise. Die Belgier hatten am Südende des Sees unsere dortigen Stellungen angegriffen. Es war britisches Gebiet, wohin wir vorgedrungen waren. Anscheinend hatte der Gegner mit der zufälligen Ab- – – –[1] und »Kingani« gerechnet. Die »Hedwig« war der erste Dampfer auf dem See gewesen und schon 1900 da, die »Kingani«, die früher als Zollkreuzer an der Küste fuhr, hatten wir als Verstärkung zu Beginn des Krieges mit der Bahn hingebracht. Es waren also nur kleine Dinger. Eben als die Geschichte im schönsten Gang war, kam die »Hedwig« wieder zurück, grade zur rechten Zeit, um noch kräftig einzugreifen. Sie versenkte einen englischen Dampfer und sprengte einen anderen, der zur Reparatur auf Land gezogen war.
[1] Anmerkung des Bearbeiters: Hier fehlt Text, der nicht mehr reproduziert werden kann.
Zu Lande hatten wir inzwischen zahlreiche weitere Erfolge. Besonders übel erging es den Belgiern, die am Kiwusee vorgedrungen waren. Anfang Oktober waren sie in Stärke von vier Kompagnien herangekommen; sie erlitten schwere Verluste und mußten zurück. Ein anderer Posten wieder ergab sich nach einhalbstündigem Gefecht. Die Belgier haben sich nur Niederlagen geholt, wo immer sie es auch später noch versuchten. Genau so erging es den Engländern, die von Rhodesien her zwischen Tanganjika- und Nyassasee vorzudringen suchten. Anfang 1915 hatten wir auch im Norden bei Jassini einen schönen Erfolg, wo wir vier englische Kompagnien gefangen nahmen und ihnen außerdem noch einen Verlust von zweihundert Toten zufügen konnten.
Das sind nur einige Gefechte, die mir gerade so einfallen. In Wirklichkeit hört der Kampf an den Grenzen im Norden, Osten und Westen eigentlich nie auf. Ununterbrochen wird gekämpft, und Sie können sich kaum einen Begriff davon machen, mit welchem Heldenmut die Leute auf ihrem Posten ausharren, was für Taten da im stillen vollbracht wurden.
Mit was für einem Gegner wir es zu tun haben, das konnten wir gleich zu Beginn des Krieges bemerken. Völkerrecht und England sind Begriffe, die sich heute noch ebenso wenig vertragen wie seit jeher. Nur einige kleine Proben: Sie beschossen wiederholt ohne irgend welche Warnung oder Aufforderung zur Uebergabe offene Städte, wie Bagamojo und Kilwa, schreckten nicht einmal vor gemeinem Diebstahl zurück, plünderten und zerstörten verlassene Pflanzungen und enblödeten sich nicht, den armen Schwarzen ihr Geld und die paar Ziegen, die doch ihr ganzes Vermögen ausmachen, wegzunehmen.
Die Krone der Gemeinheit haben sie sich wohl in Daressalam geleistet. Am 21. Oktober beschoß ein englisches Kriegsschiff die im Creek liegenden deutschen Dampfer »Feldmarschall« und »König«, die dabei erheblich beschädigt wurden. Nun kam im November der Kreuzer »Fox«, um sich von der Betriebsunfähigkeit der beiden Schiffe zu überzeugen. Nach Abmachung mit dem stellvertretenden Gouverneur sollte nur eine englische Pinasse in den Hafen hineinfahren; statt dessen kamen sie mit drei Pinassen, die mit Maschinengewehren bewaffnet waren. Die eine legte im Hafen Bojen, die anderen gingen an den Dampfern längsseit, sprengten die Maschinen und führten die Besatzungen gefangen fort. Hinterher haben sie die offene Stadt, wiederholt sogar, mit 30,5 cm Granaten beschossen. Der Schaden war natürlich beträchtlich.
Nun stellen Sie sich mal diesen Kampf vor mit den wenigen Leuten, die wir zur Verfügung haben, mit den geringen Hilfsmitteln. Wer hat denn daran gedacht, daß der europäische Krieg nach Afrika übergreifen würde, daß man die Achtung vor den Europäern, die allein den wenigen ermöglicht, Millionen in Schach zu halten, so leichtsinnig aufs Spiel setzen würde? Mit unseren paar Menschen verteidigen wir ein Gebiet, das größer ist als Deutschland. Und über die ganze Grenze dringt von allen Seiten der Feind. Von Norden und Südwesten die Engländer, vom Westen die Belgier, die See ist blockiert, und im Süden dicht bei uns hier haben sich die Portugiesen endlich breitschlagen lassen, gegen uns vorzugehen. Sie sollen bereits Verstärkungen aus Europa erhalten haben. Das alles konnte uns nicht mürbe kriegen, uns nicht in die Enge treiben. So bietet England jetzt also noch die südafrikanischen Kolonien gegen uns auf, und wir haben bereits bestimmte Nachrichten, daß zwei Infanterie- und eine berittene Brigade, mit allen Hilfsmitteln des modernen Krieges ausgerüstet, sich im Norden sammeln.
Wir hielten und waren sicher, auch weiter gegen noch größere Übermacht zu halten. Von Tag zu Tag aber wurden unsere Vorräte geringer. Noch mehr als früher begannen wir mit der Munition zu sparen, weil wir uns sagten, daß jeder Schuß unbedingt ein Treffer sein müßte. Und dennoch war bald der Zeitpunkt abzusehen, an dem die letzte Patrone verschossen, an dem keine Granate mehr für die Geschütze vorhanden sein würde.
Vor einem Jahr hat uns der tüchtige Christiansen Luft geschafft. Jetzt aber, wo Sie da sind, sehen wir dem kommenden Kampfe mit neuem Vertrauen entgegen, und wenn wir heute mit Stolz sagen können, die beste und wertvollste Kolonie ist in unseren Händen, und wir haben die Möglichkeit, sie auch weiter noch zu verteidigen und so Gott will, auch uns zu erhalten, dann, Kapitän Sörensen, dürfen Sie einen großen Teil des Verdienstes für sich in Anspruch nehmen.«
Entdeckt
Es ist Spätnachmittag. Unter brausendem Hurra der Mannschaft stößt ein beladener Prahm vom Schiff ab und hält auf Land zu. Die schwere rastlose Arbeit der letzten Wochen, die ohne Unterbrechung vom frühen Morgengrauen bis in die Dunkelheit hinein geleistet wurde, ist beendet; die Aufgabe, die Kapitän Sörensen vor mehreren Monaten übernommen hatte, ist ausgeführt. Unter dem Schwarz der Bordwände taucht der rote Bodenanstrich aus dem Wasser, ein aufwärtsstehender Schraubenflügel ist deutlich zu sehen. Die Ladebäume werden aufgetoppt, das Rattern der Dampfwinden ist verstummt. Eine Weile noch zischt der Dampf wie verloren aus den Zuleitungsrohren, dann verraten nur noch die Schrammen und Kratzer an den Bordwänden unter den Luken, welch hartes Arbeiten hier gewesen ist.
War es neben der Tüchtigkeit der Schiffsführung schon ein besonderer Glückszufall, daß beim Durchbrechen der Sperrlinien und während der Fahrt kein feindliches Schiff das Unternehmen zum Scheitern brachte, dann bedeutete es vollends eine ganz unerwartete, große Gunst des Schicksals, daß die »Marie« hier, sozusagen unter den Augen der Engländer, so lange unbehelligt liegen und, was das Wichtigste ist, ihre ganze wertvolle Ladung löschen konnte. Jede Minute aber muß die Entdeckung bringen. Vor dem nicht weit nördlich liegenden Lindi ankern sicher häufig englische Schiffe. Bei den zahlreichen zweifelhaften Elementen unter den indischen Händlern ist es sehr leicht möglich, daß das hier im Lande arbeitende englische Gold seine Wirkung tut und sich ein Verräter findet. Wird der Dampfer aber entdeckt, dann gibt es kein Entrinnen mehr. Es heißt daher, so schnell wie möglich auslaufen und die hohe See gewinnen. Wohin es gehen soll, wird sich draußen schon finden; groß ist die Wahl ja nicht. Für die Heimfahrt langen die Kohlen nicht, ein abermaliger Durchbruch durch die Sperrlinien wäre überdies jetzt, wo der Sommer mit seinen langen Tagen und Nächten naht, ein fast aussichtsloses Wagestück. Es muß also ein neutraler Hafen gewonnen werden: Holländisch-Indien, das noch am nächsten liegt und mit seinen zahlreichen Häfen auf Sumatra und Java schon irgendwo Unterschlupf gewähren wird. Fünf Mann der Besatzung gehen von Bord, um in den Reihen der Schutztruppe an der Verteidigung der Kolonie mitzuwirken. Sie werden durch stämmige Suahelis ersetzt.
Der Proviant ist wieder aufgefüllt, Frischwasser an Bord genommen. Dann wird von den in den letzten Wochen so lieb gewordenen Menschen Abschied genommen. Hüben wie drüben ist die Zukunft ungewiß. Dort dringt von allen Seiten der Feind heran, wer weiß, wie lange Widerstand noch möglich sein wird, hier geht es hinaus in See, wo der Gegner jeden Augenblick auftauchen kann. Auf Gnade und Ungnade ist ihm das wehrlose Schiff preisgegeben.
Alles ist klar. Seit Stunden schon brennen die Feuer unter den Kesseln; der Anker ist kurzstag gehievt, so daß er jeden Augenblick aus dem Grunde geholt werden kann. Die Nacht liegt über Land und Fluß. Das mit der Flut in die Bucht einströmende Wasser gluckst und plätschert an den Bordwänden längs, dunkel wölbt sich der Himmel. In tiefem Schwarz breiten sich die Ufer, hinter denen in scharfen Umrissen die bewaldeten Höhen ragen. Schwacher Lichtschein schimmert aus dem Zollamt in der Ferne.
»Anker auf!« Polternd gleitet die Kette durch die Klüse auf das Vorderschiff, in wenigen Minuten ist der Anker aus dem Grund.
»Langsame Fahrt voraus!«
Zum erstenmal seit Wochen wieder mahlt die Schraube das Wasser, und ohne jeglichen Lichtschein gleitet der Dampfer der Ausfahrt zu. Ein schwieriges Manöver! Dank der sachkundigen Führung des Kapitäns Schaap aber, der hier jede Strömung und Untiefe genau kennt, hält das Schiff in sicherem Fahrwasser. Der Mond geht auf. In bleichem Schimmer leuchtet das in der Strömung leicht gekräuselte Wasser, klarer tauchen die Höhen an Land aus dem dunklen Waldmeer heraus. Die Huck, die solange einigermaßen Schutz gegen Sicht geboten hat, wird gerundet, gerade führt der Weg nach See zu.