Part 4
Wir waren so weit heraufgegangen, wie nur möglich, und lagen ganz schön versteckt hinter den Palmen, als die Schießerei losging. Die großen Schiffe hatten ja öfters schon von See aus auf uns gefeuert, aber die Granaten waren alle über uns weggeflogen. Hättest mal sehen sollen, wie der Schlick hochging, wenn ein dicker Brummer mitten hineinflog.
Mit unseren Kanonen konnten wir auch nicht viel machen. Da haben wir sie an einer Seite abmontiert und an Land geschleppt. Das war eine Arbeit! Soweit wie möglich haben wir sie ja auseinandergenommen, dann ging es tagelang durch den Schlick und den Urwald nach der Mündung, ohne daß die Engländer etwas merkten. Bis zum Bauch sackten wir oft ein, aber es mußte geschafft werden, und unsere Offiziere haben uns fix herangekriegt. Immer wieder rissen wir uns hoch und keuchten weiter. Das schlimmste waren die Nächte in dem Gestrüpp. Kaum daß wir ein Plätzchen hatten, wo wir uns hinlegen konnten. Und dann die verfluchten Moskitos! Unser Doktor hatte uns aber ordentlich Chinin mitgegeben, und das aßen wir. Nach ein paar Tagen hatten wir aber auch unsere Kanonen schon aufgebaut, und als die Engländer wieder herankamen, ging’s los. Die haben ja Augen gemacht, als wir in ihrem Rücken zu ballern anfingen. Damit haben sie nicht gerechnet.
Dann nahmen sie uns auch von See wieder unter Feuer. Das war ja wohl nicht ganz so schön. Die Granaten von den großen und kleinen Schiffen heulten nur so um uns herum. Äste, Zweige, ganze Baumkronen kamen von oben herunter. Trotzdem haben wir uns lange gehalten. Bis wir nicht mehr konnten. Darfst aber nicht glauben, daß vielleicht einer von uns schlapp gemacht hätte! Das gab es nicht! Die Tage wird wohl keiner von uns vergessen. Mitunter hatten wir achtundvierzig Stunden nichts zu essen. Nachts fand keiner durch den Urwald, nur die Neger, die die Wege genau kannten, brachten uns das Nötigste. Freilich, fett konnten wir dabei nicht werden. Aber wir freuten uns trotzdem, daß wir den Engländern doch ihre Geschichte mächtig versalzen haben. Als sie dann landeten und wir auch nicht recht mehr Granaten hatten, haben wir unsere Kanonen abgebaut und in Sicherheit gebracht. Nachgekommen sind sie uns nicht, dazu hatten sie viel zu viel Manschetten vor uns.
Böse wurde der Kram, als die englischen Flieger kamen. Einen haben wir heruntergeknallt, zwei andere aber konnten nachher das Feuer doch so leiten, daß die arme »Königsberg« einen Treffer nach dem andern kriegte. Im Juli haben sie uns an zwei Tagen vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein beschossen. Viel ist nicht übrig geblieben. Die Geschützmannschaften des Vorschiffes waren alle tot, der Kommandant auf der Brücke schwer verwundet, das ganze Oberdeck brannte. Im Achterschiff ging die Gebrauchsmunition an den Geschützen hoch, und schließlich fing alles Feuer. Dann ließ unser schwer verwundeter Kapitän die Munitionskammern fluten. Zweimal haben sie an Bord noch geschossen und mit dem letzten Schuß den einen von den beiden Fliegern heruntergeholt. Dann war es aus. Alles an Oberdeck war tot oder verwundet, auch der Klaus Mewes von Nachbars ist geblieben. Die noch lebten, nahmen die Verwundeten mit an Land, und dann hat unser Erster Offizier mit einem Torpedokopf unser schönes Schiff gesprengt, daß es in zwei Stücken auseinanderbrach. Die Flaggen wehten noch an den Masten, und eben vor dem Dusterwerden haben wir sie ganz zerschossen heruntergeholt und geborgen.
Über acht Monate haben sich die Engländer an uns gequält, und glaub’s mir, Vater, wenn es nicht so viele gewesen wären, hätten sie uns überhaupt nicht gekriegt. Nur die Flieger und die Haubitzen haben’s gemacht. Wir haben aber auch ein paar Gefangene mitgebracht von dem Flugzeug, das wir vor Weihnachten abgeschossen hatten. Die Kerls mußten heruntergehen und trieben an Land. Da sind wir fix losgelaufen. Sie wollten wieder ausrücken, aber wir ihnen nach, in den Modder hinein. Schön sahen wir ja nicht aus, dafür aber hatte uns unser Oberleutnant belobt und auch dem Kapitän von uns erzählt.
Dann wurden wir überall hin verteilt: ein paar kamen auf die großen Seen, andere sind bei der Schutztruppe, und auch wir an Land haben hier schon allerlei erlebt.«
»Na, Gott sei Dank, daß nur dir nichts passiert ist, mein Jung! Das ist ja die Hauptsache!«
»Ja, Vadder, jetzt geht’s uns ja tadellos. Wir haben ordentlich Schakulla gemacht. Weißt du, so sagen die Schwarzen hier, die sich am liebsten den ganzen Tag den Bauch vollschlagen möchten. Aber es ist man gut, daß du uns nicht gesehen hast, als wir vom Busch zurückkamen. Das schlimmste war die Regenzeit. Wochenlang hat es Tag und Nacht gegossen, daß wir mitunter kaum hundert Meter weit gucken konnten. Wir hatten uns wohl ein paar Hütten aus Schilf und Stroh gebaut, aber da ging das Wetter glatt durch. Unser Zeug wurde überhaupt nicht mehr trocken. Wir hatten es im Gestrüpp und an den Dornen kaputt gerissen und sahen aus, wie die Vagabunden. Dann hinterher die verfluchten Moskitos! Hungern haben wir auch manchmal dürfen. Alle paar Tage mußten wir den Hosenbund enger nähen, sonst wär’ uns die Bux weggesackt. Dann ist’s man schlecht mit dem Laufen, und das haben wir doch manchmal gemußt!«
»Da kann ich auch einen Ton mitreden«, fällt einer der älteren Obermatrosen ein, der bisher ruhig neben dem alten Eilers saß und seine Freude daran hatte, wie der junge Kamerad die Mühseligkeiten im Busch und das Ende ihres Schiffes beschreibt. »Nu verklar deinem Vater man auch die Geschichte von unserer Prise!« »Donnerwetter ja, das hätte ich beinah vergessen! Das war ’n feinen Kram, Vadder, da haben wir die Engländer belurt! Mit ihren Kanonen konnten sie uns von See aus nichts tun, dichter heran ließ sie die Sandbank nicht. Und da hatten sie nun auf einen kleinen Schlepper ein paar Kanonen gestellt und versuchten, uns mit dem auf den Pelz zu kommen. Wir hatten unser Geschütz an einer andern Stelle aufgebaut, wovon die Kerls natürlich keine Ahnung hatten. Als sie nun an uns vorbei waren, haben wir ihnen einige Granaten hineingepfeffert. Versaufen wollten sie nicht, und in ihrer Angst jagten sie auf Land zu. Kaum hat unser Bootsmaat das gesehen, als er auch schon ruft: »Jungs, das ist ja unser alter Dampfer »Adjutant«, den kitschen wir uns!« Wir raus aus dem Busch, ins Wasser hinein, und in dem Augenblick, wo er aufläuft, haben wir ihn auch schon geentert. Die Engländer kamen überhaupt nicht zur Besinnung. Unser Kommandant machte ja nicht schlechte Augen, als wir mit unserem Schlepper längsseit kamen. Das schönste war ja, daß das Boot früher einmal uns gehört hatte. Es hatte auszubrechen versucht und war dabei abgefaßt worden. Sechs Kanonen mit der ganzen Munition haben wir erbeutet und einen Offizier und einundzwanzig Mann gefangengenommen.«
Einige Male schon will der ältere dem jungen Eilers in die Rede fallen. Jetzt, als er geendet hat, wendet er sich an den Vater. »Stimmen tut ja nun woll die Geschichte, aber der Junge hat ganz zu erzählen vergessen, daß er der erste oben war und gleich den Führer an der Gurgel zu fassen kriegte. Und dabei brüllte er, daß die ganze andere Bande vor Schreck gar nicht mehr an Widerstand dachte. Mit Ihrem Jungen dürfen Sie woll zufrieden sein, das is ’n fixen Kerl.«
Der Alte strahlt. Er spricht nicht, aber seine Augen leuchten, als er die Geschichte hört. Ist ja sein Junge, sein Einziger ....
Bei den Afrikanern
Tag für Tag geht es so in rastloser Arbeit dahin. Kaum ist die Sonne hochgekommen, als auch schon die Dampfwinden zu rattern beginnen. Tiefer und tiefer müssen die stählernen Läufer in die Laderäume hinuntergefiert werden, immer höher taucht das Schiff aus dem braunen Flußwasser. Die großen Leichter stoßen von Land ab, kommen längsseit und füllen sich. Andere treten an ihre Stelle, ohne Unterbrechung. Sengend brennt die Sonne, die Luft flimmert und flirrt, in blendendem Glanze strahlt die Oberfläche des Wassers. Noch nie haben die Schwarzen die Bana Kubas so schaffen gesehen. Daß die ihr Werk auch während der glühenden Hitze nicht unterbrechen und sich in den Schatten zurückziehen, um der Ruhe zu pflegen, ist ihnen noch nicht passiert. Das hetzende, unermüdliche Vorwärtsstreben, das keine Ermüdung zu kennen scheint, steckt schließlich aber auch sie an. Wie ein Heuschreckenschwarm stürzen sie auf die an Land aufgetürmten Kisten. Der ganze Betrieb ist wohlorganisiert. Aus den Dörfern der Umgebung sind alle Hilfsmittel aufgeboten, und willig haben sich die Schwarzen dem Befehle gefügt. Der größte Teil der Ladung geht auf Karren nach der weit ab liegenden Bahn. Knarrend und ächzend setzen sich die schweren Fahrzeuge in Bewegung und verschwinden im Dämmer des Waldes, aus dem eine Zeitlang noch das anfeuernde Geschrei der Treiber herüberdringt. Ein anderer Teil der Kisten aber wird geöffnet und der Inhalt zu Trägerlasten geteilt. Dann marschiert die lange Reihe der Schwarzen ab, das schwere Gewicht auf dem Kopfe balancierend. Das uralte System der Beförderung auf den schmalen Buschwegen, das sich noch immer bewährt.
Das schwierigste Stück aber ist der Transport der Geschütze. Was zu Hause der riesige Kran spielend in einem Augenblick bewältigte, dafür gilt es hier mit Aufbietung aller vorhandenen Kräfte Mittel zu schaffen. Glücklicherweise stehen Hände genügend zur Verfügung. Sie müssen ersetzen, was sonst nur Maschinen leisten, und es ist geradezu verblüffend, wieweit die Erfindungsgabe reicht, die schweren Gewichte zu bewegen. Zwar geht stets fast ein ganzer Tag darauf, bis eines der Rohre vom Verlassen des Laderaums auf dem Landwege weiterrollt, aber es wird geschafft. Ein Glück nur, daß die Engländer nicht ahnen, was sich hier in so geringer Entfernung trotz ihrer »wirksamen Blockade« abspielt.
Kapitän Sörensen hat bisher nicht einen Augenblick sein Schiff verlassen, trotzdem er wiederholt schon von den Besitzern der umliegenden Pflanzungen eingeladen wurde. Sie alle wollen den Mann kennenlernen, dessen kühnes Draufgängertum die Mittel herbeigeschafft hat, die Kolonie auch weiter mit Erfolg gegen die von allen Seiten herandrängenden Feinde zu verteidigen. Auf der naheliegenden Station will heute ein Offizier der Schutztruppe eintreffen. Der Ausguck von der Küstenwache meldet, daß vom Gegner nichts in Sicht sei. Der Kapitän kann also beruhigt von Bord gehen, da für den heutigen Tag eine Überraschung von seiten der Engländer ausgeschlossen ist.
Die üppige afrikanische Vegetation umfängt ihn an Land. Längst ist hier durch die Hand des Europäers der Urwald zurückgedrängt, die Axt hat Lichtungen geschaffen, um den Boden trocknen zu lassen und die so gefährlichen Ausdünstungen nach Möglichkeit zu beseitigen. Eingeborenen-Dörfer, deren Bevölkerung sich allmählich an die Arbeit, die ihnen reichlichen Unterhalt bietet, gewöhnt hat, liegen im Busch verstreut. Längst herrscht geordnetes Leben. Überall ein Bild deutschen Fleißes. Weit dehnen sich die Felder, dann machen sie fast undurchdringlichem Wald Platz, dazwischen wieder Negerdörfchen mit Eingeborenenkulturen im kleinsten Maßstabe. Ein gesegnetes Land. Mehr und mehr wird das Bestreben der Engländer erklärlich, ihre Hand auf dieses Gebiet zu legen und ihre Gier, sich festzusetzen, um ihre Kap-Kairo-Bahn dann durch rein englisches Gebiet zu führen. Am liebsten freilich schluckte es ja ganz Afrika und würfe auch seine braven Ententegenossen, die Franzosen, hinaus, denen es ja schon bei Faschoda einen derben Riegel vor den Sudan legte.
Aus tiefem Grün leuchten voraus helle Mauern und Dächer, die Gebäude der Pflanzung, auf. Mitten in wohlgepflegten Gärten erhebt sich das Wohnhaus mit der rundherumgeführten überdachten Veranda, darüber hinaus, als Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen die ragenden Kronen hoher Palmen, dichtes Laub der Gummi- und Bananenbäume. Die Ankommenden werden schon erwartet. Weiß leuchten die Kleider der Europäer von weitem herüber. Wenige Minuten später begrüßt die Frau des Hauses die Gäste. Der Krieg mit seinen Schrecken ist bis hierher noch nicht vorgedrungen. Einige Male war es wohl so, als dränge dumpfer Kanonendonner vom Rufidji herüber, das war aber auch alles. Eine Anzahl der Plantagenarbeiter ist in die Schutztruppe eingereiht worden, die militärpflichtigen Weißen sind längst eingerückt und stehen seit langen Monaten im Felde, trotzdem geht auf den Plantagen der Betrieb seinen geordneten Gang.
Die Sonne sinkt. Das Grün des Waldes färbt sich dunkler, bläuliche Abendnebel fallen ein. Es wird ruhig. Das Zirpen der Grillen und die Laute der Vögel verstummen allmählich. Noch weitere Gäste finden sich ein. Angestellte der benachbarten Plantagen, ein Missionar und der Kapitän eines der Dampfer der deutschen Ostafrikalinie, der sein Schiff in Daressalam liegen hatte und es auf Strand setzte, damit es den Engländern nicht in die Hände fiele. Ein Rufen draußen, Stimmengewirr. »Hallo, Fritz, ist der Bana Kuba zu Hause?« Rasche Schritte kommen die Treppe herauf, eine schlanke Gestalt in Schutztruppenuniform erscheint. Der letzte erwartete Gast.
Alles ist wie daheim in Deutschland. Die weißgedeckte mit Blumen geschmückte Tafel, das Geschirr, die blitzenden Gläser. Nur die zahlreiche schwarze Bedienung verrät, daß die Heimat weit, weit ab ist. Die Gäste werden einander bekannt gemacht.
Der Schutztruppenoffizier preßt die Hand Sörensens, als wolle er sie gar nicht mehr loslassen. »Sie glauben gar nicht, Herr Kapitän, welche Freude Sie uns mit ihrer Ankunft gemacht haben. Wie haben Sie es bloß fertiggebracht, durch die englischen Linien zu kommen?«
Sörensen versucht sich zu sträuben, schließlich muß er aber doch berichten. Er macht nicht viel Aufhebens von seiner Fahrt, erzählt in einfachen Worten, wie sie im eisigen Nordwest herausgingen, berichtet das Abschütteln des Hilfskreuzers, die Begegnung mit dem vermeintlichen englischen U-Boot, die Hilfe in der Not und die gänzlich ungestörte Fahrt, bis der englische Blockadekreuzer hier ums Haar fast die ganze Unternehmung zum Scheitern gebracht hätte. So einfach und schlicht schildert er alles, als ob es die selbstverständlichste Sache von der Welt gewesen wäre, als wenn die ganze See so rein wie im tiefsten Frieden gelegen hätte. Er erwähnt ja nicht, daß Tage und Nächte kamen, in denen der bis zum äußersten angestrengte Körper nicht eine Sekunde Schlaf finden durfte, weil der Führer jederzeit auf seinem Posten sein mußte, in denen wieder und wieder jede einzelne Minute das Ende bringen konnte. Er ist bald mit seiner Erzählung zu Ende. Und als wollte er die Gedanken, die mit ihm soeben die gefährliche Fahrt durch die Linien der Feinde machten, ablenken, beginnt er von der Heimat zu erzählen. Wie sie da noch immer nach eineinhalb Jahren wie ein Mann ständen, wie die Mauern im Osten und Westen, die nicht wankten und wichen, sondern sich unwiderstehlich weiter vorschöben. Erzählt, wie die U-Boote hinauszögen, um ein Schiff nach dem andern zu versenken, wie die englische Flotte sich in die äußersten Winkel der schottischen Buchten verkröche und nicht herauszukommen wage. Er berichtet von den U-Booten, die in Gallipoli die englischen Schiffe zum Rückzug zwangen und dadurch den Kampf dort entschieden. Kurz bevor er die Heimat verließ, seien die Engländer dort sang- und klanglos im Nebel abgezogen, nachdem Hunderttausende von ihnen gefallen waren. Was er als alt berichtet, das scheint den Leuten, die mit ihm an der Tafel sitzen, ein Märchen, zu schön fast, es zu glauben; und ist doch alles Wahrheit. Hier sitzt einer, der diese gefährliche Waffe, die Englands ganze Seemacht lähmt, kennt, der ihr Wirken selbst beobachtet hat, der die kleinen grauen Gesellen oft von ihren glänzenden Fahrten hat zurückkehren sehen und ihre Führer kennt. Unaufhörlich muß er sprechen, erzählen, berichten, bis er sich dann dem Schutztruppler zuwendet.
»Nun möchte ich Ihnen aber auch noch erzählen, wie stolz wir auf Sie sind. Es sind ja viele Nachrichten zu uns gekommen, und die Engländer haben das Blaue vom Himmel heruntergeflunkert, um der Welt weiszumachen, daß es nur noch Wochen dauern könnte, bis auch unsere letzte Kolonie in ihren Händen sein würde.« Der Schutztruppler lacht, daß die weißen Zähne nur so aus dem schwarzgebrannten Gesicht leuchten. »Na, so ganz einfach wollen wir ihnen die Sache doch nicht machen. Haare haben sie ja bisher schon mächtig lassen müssen!«
»Die glänzendste Geschichte«, fügt Sörensen ein, »war wohl die bei Tanga. Die Engländer haben ja versucht, die Sache zu verschleiern: Zuerst kamen etwas unklare Nachrichten zu uns nach Deutschland, die so schön klangen, daß wir sie gar nicht glauben mochten. Kaum waren sie aber in den Blättern erschienen, als die Engländer auch schon für sich selbst eine glänzende Waffentat herauszulügen suchten.«
Der Hausherr, der bisher geschwiegen hat, mischt sich in das Gespräch.
»Sie glauben gar nicht, Herr Kapitän, wie sehr gerade dieser Sieg unser Ansehen bei den Eingeborenen gestärkt hat und wie die Schwarzen nachher mit uns durch dick und dünn gegangen sind.«
»War denn einer von Ihnen dabei?« Lebhaft gibt die Hausfrau Auskunft: »Aber natürlich, der Herr Hauptmann hier, der hat doch die ganze Sache mitgemacht, er spricht ja sonst nicht gern, aber wenn wir ihn alle recht schön bitten, läßt er sich vielleicht erweichen und erzählt.«
Der Offizier der Schutztruppe lächelt und verbeugt sich vor der Dame ihm gegenüber. »Ja, gnädige Frau, da wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als zu berichten. Den meisten von Ihnen sind die Ereignisse ja schon bekannt, aber Sie, Herr Kapitän, wird die Erzählung vielleicht interessieren.
Zuerst hatten es die Engländer auf Daressalam abgesehen, um uns vor allem die Funkenverbindung mit der Heimat abzuschneiden. Zwei kleine Kreuzer haben ihr Heil vergeblich versucht. Sie erreichten bloß, daß wir die ganze Anlage abbauten und weiter nach dem Innern transportierten. Damit war es also nichts. Zum Glück hatte die Marine ihr Vermessungsschiff, die »Möwe«, bereits vorher versenkt, und auch das kleine Schwimmdock hatte dran glauben müssen. Das gleiche Manöver wie in Daressalam wiederholten die Gegner nun in Bagamojo. Auch hier aber setzten sie bloß durch, daß unsere Dampfer, um nicht von den Engländern weggeführt zu werden, sich freiwillig auf Strand setzten und die Maschinen unbrauchbar gemacht wurden. Auch an verschiedenen anderen Punkten der Küste kam es zu Schießereien, bei denen die Engländer nicht gerade Lorbeeren ernteten.
Wir waren in der Zwischenzeit nicht müßig gewesen und den Engländern zu Lande bereits höllisch unangenehm geworden. Während sie ihre Zeit an der Küste vertrödelten und wohl annahmen, daß wir hilflos in unserer Abgeschlossenheit lahmgelegt wären und wohl längeren Widerstand gar nicht leisten könnten, hatten wir den Spieß bereits umgekehrt und waren ihnen in ihrem eigenen Gebiet auf den Pelz gerückt. Das war ja so’n Fressen für unsere Askaris. Die Kerls haben sich glänzend gemacht. An der Ostseite des Viktoriasees drangen wir gegen die Ugandabahn vor, um Missi zu besetzen, ebenso an der Westseite des Kilimandscharo, gegen die Zweigbahn, die nach Magadi führt. Die wurde vor allem durch Sprengung einer Brücke unbrauchbar gemacht.
Eine dritte Abteilung stieß zur gleichen Zeit vom oberen Ende der Usambarabahn über die Grenze vor und besetzte Tavete, wo sie von seiten der Engländer nicht den geringsten Widerstand vorfand. Diese letzte Geschichte nun war den Engländern besonders unangenehm, da sie Angst hatten, daß wir sie durch Besetzung oder völlige Zerstörung der Bahn von der Küste abkneifen würden. Sie haben dann schleunigst Verstärkungen von Indien und anderen Kolonien herangeschafft, um Tanga zu nehmen. Das ist nämlich der Ausgangspunkt der Usambarabahn, die für unsere Operationen dort oben den Rückhalt bildete. Wahrscheinlich hofften sie aber auch längs der Bahn weiter vordringen zu können und uns abzuschneiden.
Geschehen mußte von ihrer Seite unbedingt etwas, um ihr Ansehen bei den Schwarzen, den Arabern und Indern, die als Händler über das ganze Land verteilt sitzen, wieder herzustellen. Einen gehörigen Knacks hatte es schon weg, und unser Vorgehen hatte das englische Prestige bereits stark vermindert. Dazu kam noch die Furcht und die Wirkung, die unser weiteres Vordringen auf Indien ausüben mußte. Sie können sich nicht vorstellen, Herr Kapitän, wie schnell die Eingeborenen ohne Telegraph von solchen Geschichten Wind bekommen. Na, uns konnte das ja nur recht sein bei der schamlosen Verletzung der Kongoakte, die doch jeden Krieg zwischen Europäern und vor allem die Verwendung farbiger Truppen hier ausschließt. Das Tangaabenteuer sollte den Engländern sehr teuer zu stehen kommen.
Ich war selbst da. Am 31. Oktober kam plötzlich die Meldung von der Signalstation, daß eine große Rauchwolke über der Kimm auftauche und bald darauf die Nachricht, daß ein Schiff sich der Küste nähere. Der Bursche stoppte, fuhr einige Male hin und her, stoppte neuerlich, lotete auch wahrscheinlich, kurz und gut, es konnte sich nur um ein Ausmessen des Fahrwassers handeln. Na, die Herren sollten ja einen guten Empfang bekommen. Wir zogen von Moschi und anderen Plätzen heran, was an Truppen nur irgendwie verfügbar war. Die Leute waren noch nicht alle angekommen, als die Geschichte auch schon losging.
Am 2. November vormittags wurden abermals starke Rauchwolken gemeldet. Es war ein ganzes Geschwader, das da im Anmarsch schien. Voran ein Kriegsschiff, ein Kleiner Kreuzer, dahinter mehrere große Transporter. Alles in allem vierzehn Stück. Die Engländer gingen anscheinend aufs Ganze. Von unserer Anwesenheit durfte natürlich nichts verraten werden und der Gegner hatte auch sicher keinen Schimmer, daß uns das Erscheinen seines Schiffes tags zuvor schon alles mögliche berichtet hatte. Wir hatten außerhalb der Stadt Stellungen bezogen, hielten uns aber vor den Blicken der Engländer völlig verborgen.
Von einem der Kriegsschiffe stieß sofort nach dem Ankern eine Pinasse mit der Parlamentärflagge ab, kam in den Hafen und forderte in bekannter englischer Bescheidenheit nicht mehr und nicht weniger als die bedingungslose Uebergabe der Stadt. Die Antwort war selbstverständlich ein glattes »Nein«. Sie waren sogar so gnädig gewesen, uns eine Frist zu bewilligen. Unsere Weigerung muß ihnen wohl gänzlich unerwartet gekommen sein! Wahrscheinlich hatten sie sich eingebildet, daß wir, eingeschüchtert durch die große Menge der Schiffe, uns auf Gnade oder Ungnade ergeben würden. Sie saßen also ruhig auf ihren Schiffen, wir vergnügt in unseren Stellungen an Land; sie warteten und wir warteten.
Nach einer Weile wurde lebhaft signalisiert. Schon dachten wir, daß es jetzt mit Gewalt versucht werden sollte und trafen unsere Maßregeln; aber es war wieder nichts. Nach einiger Zeit ging zu unserem Staunen der ganze Schwarm Anker auf nach See zu und kam bald aus Sicht. Gegen Mitternacht aber kam plötzlich die Meldung von der östlich der Stadt direkt an der Küste liegenden Pflanzung Moehn, daß die Engländer landeten. Sie hatten sich vorsichtig der Küste genähert, die Boote zu Wasser gelassen, und versuchten nun mit den gelandeten Truppen, die etwa eineinhalb Bataillone Weiße und Farbige betragen mochten, die Stadt zu überrumpeln, indem sie quer durch die Pflanzung heranrückten. Die Sache dauerte gar nicht lange. Wahrscheinlich hatten sie wohl ein paar von diesen verfluchten indischen Halunken mit sich, die als Händler ins Land kommen, die Eingeborene in jeder Beziehung übervorteilen und aussaugen und dann, wenn sie ihr Schäflein im Trockenen haben, mit ihrem Raub wieder abziehen. Viel war ja nicht zu sehen, weil die Nacht dunkel war, so viel aber konnten wir doch erkennen, daß sie auf einen so herzlichen Empfang, wie wir ihnen da zuteil werden ließen, nicht gerechnet hatten. Im Gegenangriff gingen wir vor und trieben sie ans Wasser zurück. An dem Tage blieb es ruhig. Wir mußten aber damit rechnen, daß der Feind seine Absicht nur vorübergehend aufgegeben hatte und jetzt wohl über einen neuen Angriffsplan beriet.