Part 3
Glühendheiß brennt die Tropensonne herunter. Längst schon sind die Sonnensegel gesetzt. Noch vor vierzehn Tagen lag der deutsche Blockadebrecher im hohen Norden, wo die Spritzer, die über die Reeling schlugen, sofort zu Eis gefroren. Langsam fiel, je mehr die deutschen Seeleute nach Süden kamen, eine Hülle nach der anderen. Längst sind Mäntel und Schals verstaut und die leichten weißen Tropenanzüge hervorgeholt. Unten im Heizraum, besonders aber in der Maschine ist die Temperatur fast bis ins Unerträgliche gestiegen. Nur mit dünner Hose und Holzpantinen bekleidet, ein Schweißtuch um den Hals gewickelt, arbeiten die Leute unentwegt. Sind doch die Breiten erreicht, in denen auf der anderen Seite Afrikas die Kolonie liegt, für deren Verteidigung die Ladung der »Marie« unumgänglich notwendig ist. Allerdings droht unmittelbar vor dem Ziel noch große Gefahr. England hat die enge Blockade der Küste erklärt, nicht das kleinste Fahrzeug soll unbehelligt von einem Hafen zum andern gelangen. Ununterbrochen streifen die Kreuzer die Küste herauf und herunter. Das kann einen deutschen Seemann nicht schrecken. Ist das schwierigste Stück, der Durchbruch durch die Sperrlinien im Norden glücklich gelungen, dann muß es schon mit dem Teufel zugehen, wenn es deutschem Seemannsgeist nicht glücken sollte, den Engländern auch hier ein Schnippchen zu schlagen. Es ist nicht so leicht, eine Blockade wirksam zu gestalten, wenn deutsche Schiffe sie brechen wollen. Mit englischer Großmäuligkeit allein ist es sicher nicht getan.
Einzelne von Süden kommende Dampfer gleiten vorbei. Nur Masten und Schornsteine erscheinen oft über der Kimm, um nach wenigen Minuten wieder zu verschwinden, oder eine verwehte Rauchfahne zeigt, daß in der Ferne ein Dampfer seinen Weg zieht. Ruhig hält Sörensen seinen Kurs durch; wird hier doch niemand ein deutsches Handelsschiff vermuten. Auch feindliche Kriegsfahrzeuge dürften sich um den harmlosen Trampdampfer, der wahrscheinlich nach dem Kap oder nach Australien geht, wenig bekümmern. Kameruns Küste mußte längst durch schurkischen Verrat der Dualaneger dem übermächtigen Ansturm von allen Seiten weichen. Was sich an feindlichen Kriegsfahrzeugen jetzt noch hier herumtreibt, können höchstens kleinere oder ältere Kriegsschiffe sein, die der Vierverband kreuzen läßt.
Der nächste Tag schon bringt eine Begegnung mit einem würdigen Vertreter des Feindes. Auf der Höhe von Dakkar taucht von Süden kommend ein Fahrzeug auf, dessen Takelage von weitem schon verrät, daß es sich um ein Kriegsschiff handelt. Eine geraume Weile vergeht, bis es ganz über der Kimm steht; nach einer halben Stunde erst ist es auszumachen. Ein uralter Pott mit hohen Masten und einem dünnen Schornstein. Kaum eine Seemeile ab schiebt er sich vorbei. An seiner Gaffel hängt fast bewegungslos ein Lappen. Die Nationalität wäre gar nicht auszumachen, wenn nicht die roten Pompons auf den Mützen verrieten, daß hier ein Vertreter der »Grande Nation« herumschwabbert, die sich zu Kriegszeiten nur, wenn es unbedingt sein muß, auf die See wagt. Ebenso dreckig wie die Flagge ist das ganze Schiff. Große Rostflecke am Rumpf und Schmutzbahnen unter den Ausgüssen verraten, daß Kommandant und Offiziere sich um das Aussehen des Schiffes nicht bekümmern und daß es ihnen völlig gleichgültig ist, welchen Eindruck es macht ... Eine unappetitliche Gesellschaft treibt sich drüben an Bord herum.
Nach den Außenlinien kann es sich nur um das französische Kanonenboot »Surprise« handeln, das da in träger Fahrt vorbeizieht. Das kann nicht gefährlich werden. So unordentlich wie außen, sieht es sicherlich auch im Innern des Schiffes aus. Kessel und Maschinen sind wahrscheinlich so heruntergewirtschaftet, daß sie der »Surprise« alles eher als eine »überraschende« Schnelligkeit zu geben vermögen. Auf dem Papier zwar ist sie der »Marie« an Geschwindigkeit überlegen. Wenn sie aber die angegebene Fahrt wirklich je gelaufen hat, so ist das doch lange her. Sollte sie sich zur Verfolgung aufmachen, dann würde der deutsche Dampfer ihr sicherlich bald aus Sicht kommen können. Drüben kümmert sich aber kein Mensch um das Schiff, das da fast in Rufweite vorbeizieht.
Die Linie wird passiert, die Fahrt führt allmählich wieder in gemäßigtere Breiten. Weit aus Sicht wird die Südspitze Afrikas gerundet, dann wieder geht es nordwärts auf das Ziel zu, fern vom Land ab, um nicht etwa von Kriegsschiffen gesichtet zu werden, die zufällig vom Blockadegebiet nach Kapstadt oder umgekehrt fahren sollten. Nichts aber zeigt sich, und unbehindert kann der Dampfer seinen Weg fortsetzen.
Fast zwei Monate sind verstrichen, seit das Schiff aus dem deutschen Hafen auslief. Das Ziel liegt nah. Jetzt heißt es, wie damals im Gebiet der Sperrlinien, äußerste Vorsicht beobachten, um nicht im letzten Augenblick noch das ganze Unternehmen zu gefährden.
Querab, nicht viel mehr als hundert Seemeilen, liegt deutsches Land, zählt die so lange schon von der Heimat abgeschnittene und nur auf die eigene Kraft angewiesene kleine Schar wohl schon die Tage und Stunden, bis die so wertvolle Ladung eintrifft. Wieviele Augen mögen nach See zu spähen, ob der Ersehnte nicht bald auftaucht. Mit blendendem Glanze strahlt die heiße afrikanische Sonne auf das tiefblaue Wasser des Indischen Ozeans. Leichte Dünung verläuft auf weißem Sande oder brandet donnernd gegen kahle, zerrissene Korallenriffe. Einsam, verlassen liegt die See. In weiter Ferne nur tauchen dann und wann die Umrisse eines Blockadekreuzers auf. Das deutsche Schiff, auf das sie warten, kommt nicht. Und doch ist seine Ankunft nötig, wird dringender von Tag zu Tag, soll die letzte Kolonie sich halten...
Mit Westkurs dreht Sörensen auf Land zu. Kaum dreißig Seemeilen entfernt liegt die Küste, dazwischen aber die englischen Schiffe! In wenigen Stunden kann das Wagestück gelingen. Scharfer Ausguck späht von den Masten. Unter möglichst geringer Rauchentwicklung, damit nicht die aus dem Schornstein strömenden Wolken zum Verräter werden, schiebt sich der Dampfer näher und näher an Land heran. Hoch türmt sich unter den Kesseln die rote Glut, heißt es doch in dem Augenblicke, wo ein feindliches Schiff gesichtet wird, abdrehen und mit äußerster Geschwindigkeit wieder nach See zu laufen. Zwei Stunden noch, und die Küste muß in Sicht kommen.
»Schiff ein Strich Steuerbord!« Noch ist der Ruf vom Ausguck des vorderen Mastes nicht verhallt, als das Schiff auch schon mit Backbord Hartruder und äußerster Kraft dreht und von Land abhält. Im nächsten Augenblick meldet der Ausguck zwei Masten, drei Schornsteine. Also ein Kriegsschiff! Es kann sich nur um einen englischen Kreuzer der Städteklasse handeln, der seinen Patrouillendienst im Blockadegebiet versieht. Welchen Kurs läuft er?
Eine kurze Spanne Zeit verrinnt, dann kann der Ausguck aus der Neigung der Masten und dem bei der Windstille südwärts stehenden Rauch feststellen, daß der Kreuzer nach Norden fährt.
»Stopp!« Längst ist einer der Offiziere zum Ausguck heraufgestiegen. Mit äußerster Spannung starrt alles zum Mast empor und wartet auf die Meldung, die die Entscheidung bringt, ob der Durchbruch heute noch möglich ist. Wenige Stunden nur noch ist’s Tag; die Einfahrt ist nicht so leicht zu finden. Zahlreiche Riffe liegen unter der Küste, keinerlei Seezeichen oder Leuchtfeuer weisen den gefährlichen Weg. An ein Einlaufen zur Nachtzeit ist nicht zu denken. Es bleibt nur übrig, wieder weit in See hinauszugehen und am nächsten Tage den Versuch erneut zu wagen. Hält der Kreuzer seinen nördlichen Kurs durch, dann ist die Luft rein. Ist doch damit zu rechnen, daß er allein ist, da er zur Sicherung des ihm zugewiesenen Gebietes vollauf genügt. Der nächste Augenblick bringt eine böse Überraschung. »Kreuzer stoppt, geht anscheinend vor Anker!« Wahrscheinlich will das Schiff in Sicht von Land liegen bleiben, um da die Nacht abzuwarten. Was nun?
Ein Blick auf die Karte zeigt, daß der Weg zur Einfahrt in die Sudibucht kaum fünfzehn Seemeilen am Feinde vorbeiführt. Kapitän Sörensen schwankt nicht lange. Der Kreuzer hat sicherlich keine Ahnung, daß ein deutscher Blockadebrecher so dicht bei ihm steht. Wie gewöhnlich werden nach Abstellen von Kessel und Maschinen Offiziere und Mannschaften sich vor der heißen Sonne zu bergen trachten und ein schattiges Plätzchen aufsuchen. Nur auf die Wachsamkeit des Brückenpersonals kommt es an. Ist sie mangelhaft, dann kann das Wagnis glücken, und gerade damit rechnet der Kapitän.
Die Feuer sind gereinigt, gleichmäßig hoch liegt die Glut unter den Kesseln, so daß der Dampfer rauchlos fahren kann, solange der Kreuzer in Sicht ist. Wie ein dumpfes Zittern geht es unter der hohen Spannung des nicht verbrauchten Dampfes durch den ganzen Schiffskörper. Der Maschinentelegraph schlägt an. »Äußerste Kraft voraus!« ... Wirbelnd dreht sich die Schraube, weißer Gischt quillt am Heck hoch ... in rasender Hast blitzen die schweren Eisenteile der Maschine, gleiten die Schieber in den Kulissen auf und ab ... in einer Minute schon hat das Schiff äußerste Fahrt aufgenommen und jagt auf Land zu... Näher und näher kommt der Kreuzer ... liegt querab ... gehen drüben Signale hoch, blitzt ein Schuß auf? ... Nichts rührt sich... Voraus die Küste ... Brandung .. Palmen... Dicht an Backbord ragen nur eben aus der See leicht umspülte Korallenriffe ... eine Bucht öffnet sich ... an beiden Seiten Land... Das Ziel... Die Blockade ist durchbrochen.
Am Ziel
»Donnerwetter, haben Sie einen Dusel gehabt, so ungeschoren hier hereinzukommen! Uns haben die Hosen geflattert, als wir Sie so dicht am Engländer vorbeijagen sahen!« meint Kapitän Schaap nach den ersten Worten der Begrüßung. Er hat lange Zeit einen kleinen Dampfer hier an der Küste gefahren und kennt jedes Loch wie seine Westentasche. Er ist der »Marie« in einem kleinen Boote entgegengefahren, um sie durch die gefährliche Einfahrt so weit aufwärts zu bringen, daß sie gegen Sicht von See aus geschützt ist und auch ohne besondere große Vorbereitungen löschen kann. Das blaue Wasser des Ozeans, das bei den geringeren Wassertiefen bereits eine zartgrüne Farbe angenommen hatte, macht jetzt trübem Braun Platz. Die Regenzeit herrscht noch, es gießt täglich mehrere Stunden vom Himmel herunter, alle Flußläufe führen Wasser, das in starkem Strom Schwemmland mit sich nach See zu reißt.
Von beiden Seiten tritt das Land näher heran. Bis weit in das Wasser stehen an einzelnen Stellen üppige Mangrovebüsche, die in ihrer tropischen Fülle kaum einen Durchblick gestatten; dahinter breitet sich die Höhen hinan Urwald. Eine undurchdringliche grüne Mauer, durch die sich Lianen und Schlinggewächse ziehen, und durch deren Dunkel sicherlich noch kein Sonnenstrahl gedrungen ist. Den Boden bildet ein wirres Durcheinander gefallener Stämme, aus deren Moder in unerschöpflicher Fülle neues Leben emporsprießt. Die Erde hier trocknet nie aus und wehrt sich erfolgreich gegen jeden Eindringling.
Hart arbeitet die Schraube gegen die Strömung an, die hier mehrere Meilen läuft. Der Dampfer muß unbedingt noch vor Anbruch der Nacht seinen Liegeplatz erreichen, um sich nicht am nächsten Tage durch aufsteigenden Rauch den Engländern, die draußen kreuzen und die Küste scharf beobachten, zu verraten. Eine vorspringende Huck wird gerundet. An Steuerbord öffnet sich der Busch, helle Häuser, Negerhütten, mit Stroh und Schilf gedeckt, treten an das Wasser heran, wo eine Aufschüttung das Anlegen von Leichtern ermöglicht: Ssudi. Querab rasselt zuerst der Steuerbord-, dann der Backbordanker in den Grund. Zweimal noch wird Kette gesteckt, bis genügend von ihr aus ist, dann liegt der Dampfer still.
Mit einem Schlage, fast ohne Uebergang, bricht die Tropennacht herein. Kaum hundert Meter ab liegt das Land. Nichts ist zu sehen, tiefe Dunkelheit lagert gleichmäßig über der Bucht und den Ufern. An Land flackert ein kleines offenes Feuer. Mehrere Gestalten zeigen sich mitunter in seinem Scheine, huschen hin und her und verschwinden im Innern einer Hütte.
Tiefe Stille breitet sich nach den Aufregungen des Tages. Kein Laut unterbricht sie. Das eintönige Rauschen des Flusses nur, der sich am Bug teilt, ist zu hören. Nach mehr als zwei Monaten die erste Nacht, in der das Stampfen der Maschine verstummt, in der nicht von Bord aus unablässig die Dunkelheit durchforscht werden muß. Kein Spähen nach dem Feinde. Wohltuende, völlige Entspannung aller Nerven. Auch heute liegt der Dampfer dicht abgeblendet, kein Lichtschimmer dringt nach außen. Diesmal freilich gilt die Vorsicht weniger dem Gegner als den Moskitos, die zu Tausenden längs des Flusses schwirren. Zum erstenmal auch seit langem sitzt die Mannschaft, bis auf die paar Leute, die in Heizraum, Maschine und an Oberdeck Wache halten, zusammen auf der Back. Helle Freude herrscht überall über die gelungene Fahrt. Besonders schmeichelhafte Urteile werden über den Engländer gefällt, der so liebenswürdig war, ihr Schiff ungestört seines Weges ziehen zu lassen. Was die nächsten Tage und Monate bringen werden, wie sich das weitere Schicksal der »Marie« gestalten wird, bekümmert sie heute nicht. Ist’s bisher gut gegangen, wird es auch ferner glücken.
Bedeutend ernster ist die Stimmung unter den Offizieren, die im Salon versammelt sind. Der gefährlichste Teil des Auftrages ist allerdings ausgeführt, und was der geglückte Durchbruch bedeutet, welchen Einfluß die Ladung auf den Fortgang der Operationen haben wird, das erzählt ihnen jetzt Kapitän Schaap, der die Nacht über an Bord bleibt. Seit Stunden schon ist die Meldung über das unbemerkte Einlaufen abgegangen. Welche Freude mag sie auslösen! Freilich noch lange nicht ist die Gefahr geschwunden, immer noch ist es möglich, daß die Engländer den Dampfer nachträglich aufspüren. Wie leicht kann es ihm dann gehen wie dem Dampfer, der ein Jahr vorher schon mit ähnlicher Ladung unter Kapitän Christiansen die Blockade brach. Auch er war glücklich in die weiter nördlich gelegene Mansa-Bucht hereingekommen. Dabei aber spürte ihn der englische Kreuzer »Hyacinth« auf und eröffnete das Feuer auf ihn. Stundenlang wurde er beschossen, bis er brennend sank. Ein glückliches Geschick ließ ihn allerdings so wegsacken, daß keine Explosion erfolgte und die Ladung geborgen werden konnte. Unendlich mühselig war die Arbeit, monatelang dauerte es, bis die letzte Kiste an Land geschafft war.
Vor allem gelten die Besprechungen dem Löschen der Ladung. So leicht und selbstverständlich die Befrachtung mit Hilfe der zahlreichen Einrichtungen in der Heimat durchzuführen war, so schwer gestaltet sich hier das Löschen, wo jede Hafeneinrichtung fehlt und wo menschlicher Geist für die Maschinen Ersatz suchen muß. Glücklicherweise ist ein Teil der Besatzung der »Königsberg« dazu bestimmt, mit Hand anzulegen und hat auch bereits Vorbereitungen getroffen.
Frühzeitig begibt sich alles zur Ruhe. Der morgige Tag erfordert alle Kräfte. Draußen kreuzt der Feind, jede Stunde kann die Entdeckung bringen. Was dem Schiff selbst geschieht, ist zunächst gleichgültig, die Ladung aber muß in Sicherheit gebracht und so schnell wie möglich aus der gefährlichen Nähe des Gegners weg an die Front geschafft werden. Vorn und achtern in den Logis ist längst alles zur Ruhe gegangen. Auch im Salon verstummt allmählich das Gespräch. Einer nach dem andern sucht seine Kammer auf. Das Licht erlischt. Kein Laut mehr. Nur das gleichmäßige Auf und Ab der Wache klingt durch die Nacht.
Die ersten Sonnenstrahlen schießen im Osten hoch. Der nachtdunkle Himmel erhellt sich, wird grau, heller und heller, geht für Sekunden in flammendes Rot über, bis die Sonne über den dichtbewaldeten Höhen erscheint. Die bläulichen Morgennebel, die über Fluß und Wald lagern, scheinen in sich zu zerfließen. Eine Weile noch haften sie am Grün, dann verschwinden sie und geben den Blick frei. Das Leben erwacht. Längst sind die Ladeluken geöffnet, der Dampf für die Winden wird zur Probe angelassen. Ratternd beginnen sie sich zu drehen, die Ladebäume neigen sich zum Hieven. Gleichzeitig fast mit den Vorbereitungen an Bord stoßen von Land mehrere Leichter ab. Von Weitem schon klingen fröhliche Zurufe herüber. Leute der »Königsberg« kommen mit zahlreichen Eingeborenen, um mit Hand anzulegen beim Löschen der Ladung.
Längst bevor der Tag graut, ist der alte Eilers an Deck gekommen. Schon am Abend hat ihm Kapitän Sörensen mitgeteilt, daß Mannschaften der »Königsberg« hier an Land seien und morgen an Bord kämen. Seither hat er auch nicht einen Augenblick Ruhe gefunden. Während die andern im tiefen Schlummer der Erschöpfung noch gleichmäßig atmen, hat er sich erhoben und ist an Deck gehuscht. Ob sein Junge dabei sein wird? Sicher ist, daß er von den Kameraden Näheres über sein Schicksal erfährt. Seit dem Anbruch des Tages spähen seine Blicke ununterbrochen hinüber nach Land. Er sieht die vielen Gestalten der deutschen Seeleute, die dort an den Prähmen herumhantieren, aber die Entfernung ist zu groß, um die Gesichter erkennen zu können. Sie gleichen einander vorläufig alle. Dann endlich, viel zu langsam für seine Ungeduld, setzen sie ab und kommen bei der Strömung heran. Näher und näher. Jetzt sind Gesichter auszumachen. Tiefbraun, sonnenverbrannt. Die Stimmung unter ihnen scheint überaus vergnügt; leicht begreiflich. Gibt’s hier doch wieder seemännische Arbeit nach dem langen Einerlei der letzten Monate. Nicht eine Sekunde läßt sie der Alte aus den Augen, auf jedem einzelnen Gesicht haftet sein suchender Blick. Vorn der Junge, der könnte es wohl sein, wenn er nicht so breit und kräftig wäre, aber das Gesicht? ... Zitternd, als wenn ihm der Laut nicht aus der Kehle wollte, klingt es von der Reeling zum Boote hinunter: »Willem!« ... Und ein zweitesmal, lauter, kräftiger, als hätte er nun die Befangenheit überwunden. Mit einem Ruck fährt der Junge hoch, erstaunt sucht sein Blick nach dem, der ihn gerufen. Ein kurzes Stutzen, ein jauchzender Laut: »Vadder! Wo kumst du her? Büst du dat würklich?« Und ebenso die Antwort: »Jo, Junge, jo, ick bünt! Oh, wat’n Glück, dat ick di wedder seg!« ...
Leinen fliegen hinunter auf die Leichter, sofort werden sie belegt, und nach Minuten sind die plumpen Fahrzeuge längsseit festgemacht. Der erste, der sich über die Reeling schwingt, ist der junge Eilers. Mit einem Satz ist er bei seinem Vater. Keine Umarmung. Nur fest umschließen sich die Hände, als wollten sie sich niemals loslassen. Lange blickt der Alte dem Sohn in die Augen, dann gibt er ihn frei. Kein Wort weiter wird gewechselt. Der Junge ist noch derselbe, wie er von ihm ging, nur gehärtet noch durch die fast zwanzig Monate Krieg. Kein Kind mehr; der da vor ihm steht, ist ein Mann geworden, mit dem er wohl zufrieden sein kann. Die Arbeit ruft. Was die beiden einander sich zu sagen haben, soll bis zum Abend aufgeschoben werden.
Die Winden rattern, eine Kiste nach der andern wird geheißt, schwebt Sekunden über dem Deck und gleitet in die Leichter, die bald gefüllt nach Land zu streben, um anderen, leeren, Platz zu machen. Glühendheiß brennt die Tropensonne herunter. Längst arbeiten die Leute nur mit Troiern und Hosen bekleidet, während der Tropenhelm mit dem Nackenschleier sie gegen die sengenden Strahlen schützt. Unaufhörlich rinnt der Schweiß vom Körper. Ein flüchtiges Wischen mit dem braungebrannten Unterarm, und angespannt geht die Arbeit weiter. Sie wissen alle, worum es sich handelt. Nicht eine Sekunde darf verloren gehen, bis zum Aeußersten muß das Tageslicht ausgenutzt werden. Kaum daß die Leute sich Zeit zum Mittagessen gönnen. Lange schon haben sie handfeste deutsche Kost entbehrt und mit dem vorlieb nehmen müssen, was das Land ihnen bot. Noch aber ist der letzte Bissen nicht hinunter, als alle Hände schon wieder zugreifen. Hoch oben im Ausguck sitzt ein Matrose. Er lugt nach der Ausfahrt, um das Nahen eines Feindes zu melden. Zum Glück aber zeigt sich nichts, und ungehindert nimmt die Arbeit ihren Fortgang.
Der Abend naht, und mit einem Schlage macht die Dunkelheit dem Treiben ein Ende. Ein Teil der »Königsberg«-Mannschaft bleibt die Nacht über an Bord, um beim Morgengrauen gleich zur Stelle zu sein ... Sie sitzen an Deck, hauen in die langentbehrten Speckerbsen ein und suchen dann den Moskitos durch mächtiges Qualmen entgegenzuwirken.
Auf der Back hat sich um Eilers und seinen Jungen eine kleine Gruppe gebildet. Während des Tages haben die beiden kaum Gelegenheit gehabt, ein Wort zu wechseln. Jetzt tauschen sie, leise flüsternd, die Gedanken aus, die sie bewegen. Wie es mit dem Krieg geht, fragt der Junge, wie es in dem kleinen Häuschen zu Hause in Krautsand an der unteren Elbe aussieht, wer von den Freunden hinauszog und wer geblieben ist. Dann muß der Sohn dem Vater erzählen. Von seinen Erlebnissen, seit er Anfang Mai 1914 auf der »Königsberg« die Heimat verließ. Große Reden kann er nicht führen. Schlicht, wie sich eben alles in ihm abgespielt hat, berichtet er. Merkt nicht, wie das Gespräch um ihn mehr und mehr verstummt, wie sie alle an seinen Lippen hängen, gerührt von der Erzählung, die gerade so, wie der Junge sie wiedergibt, ein Bild des Heldentums der auf sich selbst angewiesenen und dem sicheren Tode geweihten Auslandskreuzer ist:
»Daß wir Anfang Mai von Wilhelmshaven abfuhren, weißt du ja, Vadder, und meinen Brief aus Port Said werdet ihr wohl noch bekommen haben. Dann ging die Geschichte los. Wir waren eben auf unserer Station in Tanga angekommen. Es war Ende Juli, als die Depeschen von zu Hause kamen, daß es wohl bald Krieg geben würde. Zuerst wollten wir das gar nicht glauben, dann aber nahmen wir soviel Kohlen und hatten auch einen ganzen Haufen von an Deck stehen, daß wir uns selbst sagen mußten, es würde doch ernst werden. Dann gingen wir in See, um feindliche Handelsschiffe zu jagen. Na, es hat auch gar nicht lange gedauert. Am 6. August hatten wir schon den ersten gekitscht. Ein großer Kerl war es, ein Engländer, hieß »City of Winchester«. Paar Tage behielten wir ihn bei uns, dann haben wir ihn doch versäuft, wir konnten uns nicht länger mit ihm besacken. Vater, das machte wohl Spaß. Das Schönste kam aber, als wir den englischen Kreuzer »Pegasus« zu fassen kriegten. Dieser Kerl hatte die offenen Städte an der Küste beschossen, wo sie sich doch gar nicht verteidigen konnten. Ein paar Tage haben wir den Burschen umsonst gesucht. An der Küste war er nicht mehr, er konnte nur in Sansibar sein. Wir also möglichst vorsichtig heran. Es war Sonntag morgen und noch pickeduster. Weit draußen trafen wir ein englisches Wachschiff. Drei Schüsse, und es sackte weg. Eben ging die Sonne hoch, da meldet auch schon der Ausguck, daß im Hafen, von dem wir ungefähr sechs Seemeilen ab waren, unser Kreuzer liegt. Bis auf achtzig Hektometer, weißt du, Vater, das sind acht Kilometer, gingen wir heran, und dann haben wir herausgejagt aus unseren Kanonen, was nur heraus wollte. Und ich kann dir sagen: das war fein! In einer Viertelstunde brannte der Pott lichterloh und sackte weg. Wir sahen bloß noch, wie die Boote haste was kannste nach Land pullten. Den haben wir ja fein hingekriegt!
Dann kamen aber bald böse Zeiten. Wir konnten schlecht Kohlen bekommen und waren schließlich in den Rufidji-Fluß hineingelaufen, wo einer von unseren Kohlendampfern lag. Ein halbes Dutzend Engländer ungefähr war uns auf dem Hals, und dort fanden sie uns. Herankommen an uns konnten sie nicht, weil sie zu tief gingen, aber sie wollten uns auch nicht wieder herauslassen; so haben sie einen von unseren Dampfern und einen Engländer in der Mündung versenkt. Da lagen wir nun fest. Es gab wohl noch ein paar andere Auswege nach See zu, aber da konnten wir nicht hinkommen, da es zu seicht war. Lange blieb uns auch gar nicht Zeit dazu. Sie hatten bald ein paar Kanonenboote mit Haubitzen von England geholt, die uns nun auf den Pelz rücken wollten. Das kannst du mir aber glauben, ganz leicht haben wir sie nicht an uns herangelassen.