Bingo und andere Tiergeschichten

Part 11

Chapter 113,559 wordsPublic domain

Das Unglück wollte es, daß auch Cuddy gerade auf die Brut loskam; die Mutter gab ihren Kindern das Zeichen »Krr, krr« (Versteckt euch!) und lief dem Mann entgegen, wie ihr Gatte dem Hund. Erfüllt von wahrer Mutterliebe und erfahren in der Waldeskunde, schlüpfte sie geräuschlos dahin, bis sie dicht vor ihm stand, dann schwang sie sich mit sausendem Flügelschlag in die Höhe, taumelte aber wieder in das Laub zurück und stellte sich so flügellahm, daß sie den Wilddieb für einen Augenblick irreführte. Als sie aber dann, einen Flügel hinter sich herschleifend, langsam davonkroch, wußte er genau, was dies bedeuten sollte – er wußte, daß es nur ein Kniff war, um ihn von den Jungen hinwegzulocken, und holte zum furchtbaren Streiche aus. Die kleine Mutter war behend, sie wich dem Schlage geschickt aus und hinkte hinter ein Bäumchen, um dort das gleiche Spiel von neuem zu beginnen. Wieder versuchte Cuddy, sie mit einem Stocke niederzuschlagen, aber noch zur rechten Zeit sprang sie beiseite, und tapfer und standhaft kletterte sie vor ihm her, um ihn von ihren hilflosen Kleinen hinwegzuleiten. Cuddy, wütend gemacht durch die wiederholten verunglückten Versuche, sie zu erschlagen, erhob sein Gewehr, feuerte eine Ladung ab, die genügt hätte, um einen Bären zu töten, und die arme, tapfere, aufopfernde Mutter war nicht mehr.

Der Wilddieb wußte genau, daß die Jungen irgendwo in der Nähe versteckt sein mußten, und suchte umher, um sie zu finden, aber nicht eins regte sich oder piepste. Er konnte sie also nicht entdecken. Aber wie er so umhertrampelte mit seinen großen, tölpischen Füßen, kreuzte er ihr Versteck und trat mehr als einen der stillen, kleinen Dulder zu Tode. Doch was kümmerte es ihn?

Rotkrause hatte den gelben Köter weit hinweg stromabwärts geführt und kehrte nun zu der Stelle zurück, wo er seine Gattin verlassen hatte. Der Mörder war inzwischen gegangen und hatte die blutigen Überreste der armen Mutter mitgenommen, um sie dem Hunde vorzuwerfen; Rotkrause suchte und fand die blutbefleckte Stelle und ringsumher verstreute Federn seiner Gattin. Nun wußte er, wem der Schuß gegolten hatte.

Wer kann sein Entsetzen und seine Trauer beschreiben? Äußerlich war ihm nicht viel anzumerken, stumm starrte er einige Minuten lang mit niedergeschlagenem, traurigem Blick auf die Stelle, aber bei dem Gedanken an die hilflosen Jungen kam er schnell wieder zu sich. Er lief hinüber nach dem Versteck und rief das bekannte »Kriet, kriet«, aber nur sechs kleine Flaumbällchen öffneten ihre glänzenden Äuglein und liefen ihm entgegen, denn für vier der kleinen gefiederten Körperchen war das Versteck zum Grab geworden. Rotkrause wiederholte seinen Ruf, bis er sicher war, daß alle, die antworten konnten, gekommen waren, dann führte er sie von dem schrecklichen Platze weit, weit hinweg stromaufwärts, wo Stacheldrahtzäune und Brombeerdickichte einen zwar wenig anmutigen, aber zuverlässigen Schutz boten.

Hier wuchs die Brut auf und wurde von ihrem Vater erzogen, gerade wie seine Mutter ihn erzogen hatte, und sein weitgehendes Wissen und seine Erfahrung boten ihm dabei große Vorteile. Sie wuchsen und gediehen, und als der Jägermonat kam, fand er eine stattliche Familie von sechs erwachsenen Fasanen mit Rotkrause, strahlend in seinen kupferschimmernden Federn, an der Spitze. Nach dem Verlust seiner Gattin hatte er aufgehört zu trommeln; aber das Trommeln bedeutete für den Fasan dasselbe wie der Gesang für die Lerche; es ist sein Liebeslied und der Ausdruck strotzender Kraft und Gesundheit. Als die Mauserzeit vorüber war und der September ihm seine prächtigen Federn wiedergebracht und ihn gekräftigt hatte, lebte sein Geist wieder auf, und als er sich eines Tages in der Nähe des alten Stumpfes befand, bestieg er ihn, von einer inneren Macht getrieben, und trommelte wie in alten Tagen.

Von jetzt an trommelte er oft und seine Kinder saßen um ihn herum, oder eins bekundete seine edle Abstammung, schwang sich auf einen nahen Baumstumpf oder Stein und machte die Luft von einem lauten Zapfenstreich erzittern.

Die schwarzen Trauben und der Irrmonat kamen, aber Rotkrauses Junge waren ihres großen Vaters würdig. In dem gesunden Körper wohnte ein starker Geist, und obgleich sie vom Wahnsinn befallen wurden, hatten sie ihn bereits nach einer Woche überwunden, und nur drei waren davongeflogen auf Nimmerwiedersehen.

Als der Schnee kam, hauste Rotkrause mit seinen drei Kindern, die ihn nicht verlassen hatten, im alten Heimatstal. Es war nur ein leichter, flockiger Schnee, und da das Wetter nicht übermäßig kalt war, nächtigte die Familie unter den niedrigen, flachen Zweigen einer Zeder. Am nächsten Tage fiel der Schnee dichter, es wurde kälter und die Schneewehen türmten sich hoch auf. Zur Nacht hörte es auf zu schneien, aber der Frost setzte mit aller Härte ein. Rotkrause führte die Familie zu einer Birke, vor der sich eine tiefe Schneebank erhob, kroch in die weichen Himmelsfedern, und die andern folgten ihm. Der Wind deckte sie mit reinen, weißen Bettüchern zu, und so schliefen sie wohlgeborgen die ganze Nacht. Am nächsten Morgen fanden sie eine Eiswand vor sich, die vom warmen Atem zusammengefroren war, aber sie schoben sie mit Leichtigkeit zur Seite und erhoben sich auf Rotkrauses Morgenruf »Kriet, kriet, kwit!« (Kommt, Kinder, fliegt!).

Dies war ihre erste Nacht in einer Schneewehe, für Rotkrause war es natürlich eine alte Geschichte, und am nächsten Abend tauchten sie wieder vergnügt in ihr warmes Bett hinab, und der Nachtwind deckte sie sorglich zu. Der Wind drehte sich nach Osten, und das Wetter schlug um, der Schneefall machte einem heftigen Schloßenwetter Platz. Die weiten Wälder wurden mit Eis überzogen, und als die Hühner erwachten, um ihre Betten zu verlassen, waren die Eingänge verschlossen mit einer dicken, unbarmherzigen Schicht von Eis.

Der tiefere Schnee war noch ganz weich, und Rotkrause bohrte sich einen Weg nach oben, aber dort trotzte die harte, weiße Decke seiner Kraft. Er konnte hämmern und sich abarbeiten, soviel er mochte, er gelangte zu keinem Ergebnis und zerschlug sich nur Flügel und Kopf. Aus Freude und Ungemach hatte sein Leben bestanden bis auf diesen Tag, aber dies schien der härteste Tag von allen. Die Stunden schlichen langsam dahin, und er schwächte seine Kräfte durch fruchtlose Bemühungen, doch dem Ziele kam er nicht näher. Dazu mußte er das verzweifelte Kämpfen seiner Kinder hören oder zuweilen einen langgedehnten, klagenden Hilferuf: »Piet, piet!«

Vor ihren Verfolgern waren sie geschützt dort unten in ihrem traurigen Gefängnis, aber nicht vor den Qualen des Hungers. Zuerst hatten sie gefürchtet, der Fuchs würde kommen und sie, seiner Gnade preisgegeben, dort finden. Als aber die zweite Nacht der Morgendämmerung wich, war auch dies ihnen gleich, und sie wünschten sogar, er möchte kommen, die Kruste brechen und ihnen wenigstens die Gelegenheit bieten, für ihr Leben zu kämpfen.

Am Spätnachmittag des dritten Tages gelang es Rotkrause endlich, ein Loch in die glasige Decke zu picken; neues Leben erfüllte ihn bei diesem Erfolg, und er arbeitete und arbeitete, bis er kurz vor Sonnenuntergang den Kopf und den Hals mit der schillernden Krause durch das Loch stecken konnte. Die Schneekruste bröckelte von dem Druck seiner breiten, kräftigen Schultern, und er sprang heraus, aus seinem eisigen Kerker befreit. Doch was war aus den Jungen geworden? Rotkrause flog zum nächsten Busche und stillte seinen nagenden Hunger mit einigen Hagebutten, dann kehrte er hastig zur Schneewehe zurück und gluckste und rief, aber nur einer der armen Gefangenen antwortete. Ein schwaches »Piet, piet« spornte ihn zu wütendem Scharren mit seinen scharfen Krallen an, und als die Eisdecke brach, kroch Grauschwanz als einziger ans Tageslicht, doch das war alles. Als der Schnee im Frühling schmolz, kamen zwei kleine Leichen zum Vorschein: Haut, Knochen und Federn – weiter nichts.

VII.

Es dauerte wohl einige Wochen, bis sich Rotkrause und Grauschwanz vollkommen wieder erholt hatten, doch gutes Futter und Ruhe im Überfluß sind sichere Heilmittel, und an einem schönen, klaren Tage um die Wintersonnenwende saß Rotkrause wie in verflossenen Tagen auf seinem Baumstumpf und machte die Luft mit majestätischem Trommeln erzittern. War es das Trommeln, oder waren es verräterische Spuren im Schnee, die Cuddy ihren Aufenthalt verrieten? Tag für Tag durchstreifte er mit Hund und Gewehr die Schlucht mit der festen Absicht, die Fasanen von der Bildfläche hinwegzufegen. _Sie_ kannten ihren beharrlichen Verfolger schon lange, doch jetzt machte _er_ Anstalten, sie näher kennen zu lernen. Der prächtige Fasan mit der kupferfarbenen Krause fing an, im ganzen Tal berühmt zu werden. Manch einer versuchte während des Jägermonds ihm das Licht auszublasen, doch Rotkrause war zu vertraut mit den Lehren der Waldeskunde.

Cuddy aber ließ nicht ab, ihn mit seinem Gewehr zu verfolgen; manchen Schuß verknallte er vergebens, denn wie ein Wunder fand sich stets ein Baum, eine Moosbank oder irgendein sicherer Schutz, und Rotkrause lebte, gedieh und trommelte.

Als der Schneemond ins Land zog, wanderte er mit Grauschwanz aus nach dem Forste von Castle Frank, denn dort war Futter im Überfluß und mächtige, uralte Bäume. Am Südabhang stand inmitten kriechender, niedriger Kiefern eine schlanke Fichte. Ihr hoch über die andern Bäume hinausragender Gipfel beherbergte im Sommer den Eichelhäher und seine Braut. Dort oben außer Schußweite sang und tanzte der Häher an lauen Frühlingstagen vor seiner Gespielin, ließ seine glänzenden, blauen Federn im Sonnenlicht strahlen und wirbelte die süßeste Melodie, so süß und schmelzend wie aus dem Märchenland.

Nahe dieser Fichte lebte jetzt Rotkrause mit seinem einzigen noch übriggebliebenen Jungen; doch nicht die Krone hoch droben in der klaren Luft, sondern der Fuß des stolzen Baumes war es, der ihn interessierte. Fasanenwein und Wintergrün wuchsen unter den niedrigen Kiefern, und der Schnee barg körnerstrotzende Fichtenzapfen. Einen passenderen Futterplatz gab es nicht; der starke Fichtenstamm gewährte dazu Schutz vor dem tödlichen Blei, und wenigstens ein dutzendmal rettete er während der Jagdzeit den Fasanen das Leben. Hier war es, wo Cuddy, mit ihren Gewohnheiten vertraut, eine neue Falle legte. Lauernd lag er im Versteck, während ein Genosse die Anhöhe umging, um ihm die Vögel zuzutreiben, trampelnd kam er durch das niedrige Dickicht, wo Rotkrause und Grauschwanz beim üppigen Mahl saßen. Lange, ehe der Schütze in gefährlicher Nähe sich zeigte, warnte Rotkrause leise »Rrr–rrr« (Gefahr!) und lief schnell auf die große Fichte zu. Grauschwanz befand sich in einiger Entfernung oben auf dem Hügel und erblickte plötzlich einen neuen Feind, den gelben Köter, der gerade auf ihn loskam. Rotkrause hinderte das Dickicht, ihn zu sehen, und Grauschwanz geriet infolgedessen in begreifliche Aufregung.

»Kwit, kwit« (Flieg, flieg!) schrie er und kam den Hügel heraufgelaufen. »Kriet, rrr« (Hierher, verstecke dich!) rief der besonnene Vater, denn der Mann mit dem Gewehr kam jetzt in Schußweite. Er lief hinter den dicken Stamm, und als er dort einen Augenblick stillstand, um Grauschwanz nochmals zuzurufen »Hierher, hierher«, hörte er plötzlich ein leises Geräusch, das ihm das Versteck des anderen Schützen verriet. Grauschwanz erhob sich in die Luft, als der Hund auf ihn lossprang, flog hinter den schützenden Stamm und befand sich nun in der Gewalt des elenden Schuftes, der dort versteckt lag.

»Schwirr« und er erhob sich, ein herrliches, edles Wesen.

»Bäng« und herab stürzte er, zu Tode getroffen und blutend, in den weißen Schnee.

Rotkrauses Platz war gefahrvoll, denn es gab keine Möglichkeit, ungesehen aufzufliegen, darum duckte er sich flach nieder. Der Hund kam in gefährliche Nähe, und der Fremde ging dicht an ihm vorbei, aber Rotkrause rührte sich nicht, bis sich Gelegenheit bot, hinter den dicken Fichtenstamm zu schlüpfen. Dort flog er auf und schwebte lautlos davon.

Alle seine Lieben hatte das tödliche Blei dahingerafft, und vollkommen vereinsamt war er allein zurückgeblieben. Der Schneemond verstrich, Rotkrause entkam seinen Feinden oft nur mit knapper Not, denn da er der einzige Überlebende seines Geschlechts war, wurde er mit unbarmherzigem Eifer verfolgt.

Am Ende schien es Zeitverschwendung, ihm mit dem Gewehr nachzustellen; Cuddy heckte daher, als der Schnee am tiefsten war und das Futter am spärlichsten, einen neuen Anschlag aus. Über Rotkrauses Futterplatz verteilte er eine Menge tückischer Schlingen. Ein Hase, ein alter Freund, zernagte mehrere mit seinen scharfen Zähnen, aber einige blieben übrig, und Rotkrause trat richtig in eine hinein. Im Augenblick wurde er in die Luft geschleudert und baumelte hilflos an einem Bein. –

Haben die armen Tiere gar keine moralischen oder gesetzlichen Rechte? Und welches Recht hat der Mensch, seinem Mitgeschöpf solch lange, furchtbare Martern aufzuerlegen, nur weil dieses Geschöpf nicht seine Sprache spricht? – Den ganzen Tag hing der bedauernswerte Rotkrause in wachsender Pein und schlug mit seinen mächtigen, starken Schwingen in hilflosem Bemühen, sich zu befreien. Den ganzen Tag, die ganze Nacht schwebte er zwischen Himmel und Erde, bis er sich nur noch nach dem Tode sehnte. Aber er erlöste ihn nicht! Der Morgen brach an, der Tag verstrich, und noch hing er, langsam sterbend. Die zweite Nacht kroch heran, und eine große Steineule, die durch das schwache Flattern herangelockt wurde, machte der Qual ein Ende.

Der Wind blies von Norden das Tal herab, der Sturmwind brauste über das runzelige Eis, über das unwirtliche Marschland in der Richtung nach dem Ontario-See und streute die zerzausten regenbogenfarben schillernden Federn über das Land, den Stolz des letzten Fasanen vom Schlammbachtal.

Denn keiner kommt mehr nach Castle Frank. Die Waldvögel vermissen den kriegerischen Frühlingsgruß, und der alte Fichtenstumpf im Schlammbachtal ist verfault und zerfallen.

Wully.

Ein Schäferhund.

Wully war ein kleiner, gelber Köter. Unter der verächtlichen Bezeichnung Köter versteht man gewöhnlich einen rasselosen Mischling und vergißt dabei, daß dieses verachtete Wesen meistens mehr Rasse in sich zeigt, als irgendeiner seiner aristokratischen Verwandten. Er ist schlau, beweglich und ausdauernd und weit besser für den harten Kampf ums Dasein ausgerüstet, als seine rasseechten Vettern.

Setzen wir den Fall, wir würden einen ganz gewöhnlichen Dorfköter, einen kostbaren Windhund und einen Bullenbeißer auf einer öden, verlassenen Insel aussetzen, welcher von diesen dreien würde wohl nach sechs Monden noch gesund am Leben sein? Zweifellos der verachtete Dorfköter. – Er besitzt weder die Schnelligkeit des Windhundes, noch die Kraft und die Kühnheit eines Bullenbeißers, aber etwas tausendmal Wertvolleres, einen _gesunden Verstand_.

I.

Auf den Bergen, hoch droben in Schottland, auf den Cheviots, war Wully geboren. Ihn und einen seiner Brüder hatte man am Leben gelassen; den Bruder, weil er eine große Ähnlichkeit mit dem besten Hund der Nachbarschaft aufwies, und ihn selbst, weil er ein niedlicher, kleiner, gelber Kerl war.

Seine Jugend verbrachte er wie ein richtiger Schäferhund in Gemeinschaft eines erfahrenen Collies, der ihn ausbildete, und eines alten Schafhirten, der fast ebensoviel Erfahrung besaß, wie sein gelehriger Hund. Mit zwei Jahren war Wully vollkommen ausgewachsen und er wußte mit den Schafen ebensogut umzugehen, wie Alt-Robin, sein Meister, der ein solches Vertrauen in seine Zuverlässigkeit besaß, daß er meistens die ganze Nacht im Wirtshaus saß, während Wully die wolligen Dummköpfe in den Hügeln bewachte. Der alte, einfältige Schafhirt, mit allen seinen Fehlern und dem fortwährenden Sehnen nach seinem Idealzustand – der Benebelung – behandelte Wully selten roh, und dieser vergalt ihm das durch abgöttische Verehrung, um die mancher Große und Weise im Lande den Alten beneidet hätte.

Wully konnte sich kein höheres Wesen vorstellen als Robin, und doch standen dieses Abgottes körperliche und geistige Kräfte für nur fünf Schilling die Woche im Dienst eines kleinen Viehhändlers, des eigentlichen Besitzers von Wullys Schutzbefohlenen. Als dieser Mann nun Robin befahl, seine Herde in Tagereisen nach den Yorkshire-Märkten zu treiben, war Wully von all den dreihundertsechsundsiebzig Wesen, die dabei in Frage kamen, der am meisten Betroffene.

Die Reise nach Northumberland war für ihn bedeutungsvoll. Am Tynefluß wurden die Schafe auf ein Fährboot getrieben und am andern Ufer im rußigen Southshields gelandet. Die hohen Fabrikschornsteine kündeten den Beginn der Tagesarbeit an und hüllten die Stadt in schwere Nebel und bleigraue Rauchwolken ein, die die Sonne verdunkelten und wie Sturmwolken über den Straßen hingen. Die Schafe vermuteten das Heranziehen eines außergewöhnlich schweren Sturms, wurden aufgeregt und rasten ihren Hütern zum Trotz in 374 verschiedenen Richtungen durch die Stadt.

Das war für Robins schwachen Geist zu viel. Er starrte den Schafen einige Augenblicke lang stumpfsinnig nach und gab dann den Befehl: »Wully, bring’ sie!« Nach dieser Anstrengung setzte er sich nieder, zündete seine Pfeife an und begann an einem halbvollendeten Strumpfe zu stricken.

Robins Stimme war für Wully die Stimme Gottes. Davon lief er in 374 verschiedene Richtungen und brachte nach langen Mühen die 374 Ausreißer nach dem Fährhause zu Robin, der des Hundes Arbeit interesselos zusah.

Zum Schluß gab Wully – nicht Robin – das Zeichen, daß alle beisammen wären. Der alte Schäfer begann zu zählen: 370, 371, 372, 373. »Wully,« sagte er vorwurfsvoll, »da fehlt ja eins,« Wully sprang vor Scham zitternd davon, um die ganze Stadt nach dem Vermißten abzusuchen. Aber er war noch nicht lange fort, als ein kleiner Junge Robin bedeutete, daß alle 374 Schafe bereits zur Stelle seien. Der Alte befand sich in größter Verlegenheit. Sein Herr hatte ihm befohlen, so schnell als möglich Yorkshire zu erreichen, und anderseits wußte er, daß Wully nicht ohne ein Schaf zurückkommen würde, selbst wenn er es zu stehlen hätte. Derartiges war schon früher vorgekommen und hatte zu höchst unangenehmen Auseinandersetzungen geführt. Was sollte er nun tun? Fünf Schilling wöchentlich standen auf dem Spiele. Wully war ein guter, treuer Hund, und es war jammerschade, ihn zu verlieren; aber wenn er nun, um die Zahl vollzumachen, ein Extraschaf stahl, was dann? Robin entschied sich endlich, Wully im Stich zu lassen, und zog mit seinen Schafen von dannen. Wie er allein sein Ziel erreichte, das wissen wir nicht, und es kann uns auch gleich sein.

Inzwischen hatte Wully auf der vergeblichen Suche nach dem verlorenen Schafe die Stadt nach allen Richtungen durchkreuzt. Den ganzen Tag und die folgende Nacht suchte er, bis er schließlich ausgehungert und müde mit eingezogenem Schwanze nach dem Fährhause zurückkam, um dort zu entdecken, daß sein Herr mit den Schafen bereits seiner Wege gegangen war. Es war wirklich jammervoll, die Trauer und Verzweiflung des Hundes mit anzusehen. Wimmernd und heulend lief er umher, fuhr dann mit der Fähre nach dem anderen Ufer hinüber und suchte überall nach Robin. Später kehrte er wieder nach Southshields zurück und verbrachte die Nacht auf der Suche nach seinem Abgott. Auch den nächsten Tag setzte er das Suchen fort, beobachtete und beroch jedermann, der den Fluß kreuzte, und suchte mit großer Schlauheit unablässig in den umliegenden Wirtshäusern nach seinem Herrn. Am folgenden Tage begann er systematisch alle Leute zu beschnüffeln, die mit der Fähre herüberkamen.

Das Fährboot machte fünfzig Überfahrten an jedem Tag und beförderte durchschnittlich jedesmal hundert Personen. Wully war am Anlegeplatz stets zur Stelle und beroch jedes Bein, das herüberkam – zehntausend mochte er an diesem Tage auf seine eigene Weise untersucht haben. Den nächsten Tag und den übernächsten, die ganze Woche hielt er auf seinem Posten aus, und bald begannen mangelhafte Ernährung und Sorge ihre Wirkung zu zeigen; er wurde magerer und schlechtgelaunter von Tag zu Tag. Niemand durfte ihn berühren, und jeder Versuch, ihn von seiner täglichen Beschäftigung abzubringen, reizte ihn zur höchsten Wut.

Tag für Tag, Woche für Woche wartete Wully auf seinen Herrn, aber er kam nicht. Die Fährleute achteten des Hundes Anhänglichkeit und Treue, und obwohl dieser im Anfang das dargebotene Futter und eine Unterkunft verschmähte, nahm er schließlich ihre Gaben an. – Wenn er auch verbittert war gegen alle Welt, so hing sein Herz doch wie zuvor an seinem treulosen Herrn und Meister.

Vierzehn Monate nach Wullys Ankunft in Southshields machte ich seine Bekanntschaft, und immer noch war er auf dem Posten. Sein gutes Aussehen hatte er zurückerlangt; sein scharfgeschnittener, kluger Kopf, von einer weißen Halskrause eingerahmt, und seine spitzen, lauschenden Ohren machten einen auffallend hübschen Hund aus ihm, der jedes Auge auf sich zog. Nachdem er meine Beine beschnüffelt und entdeckt hatte, daß es nicht die waren, die er suchte, beachtete er mich nicht weiter, und trotz meiner Versuche, seine Freundschaft zu gewinnen, schenkte er mir nicht mehr Vertrauen, als irgendeinem anderen.

Zwei volle Jahre hielt dieses treue Tier an der Fähre aus. Es war nicht die große Entfernung oder die Furcht, sich zu verlaufen, die ihn davon zurückhielt, nach Hause in die Hügel zurückzukehren, es war die Überzeugung, daß Robin, sein Abgott, sein Bleiben beim Fährboot wünschte, und er blieb.

So oft Wully es für nötig hielt, kreuzte er den Fluß. Der Überfahrtspreis für einen Hund betrug einen Penny, und man hat ausgerechnet, daß er der Gesellschaft Hunderte von Pfunden schuldete, bis er seinen Platz aufgab.

Von Robin hatte man niemals mehr auch nur das geringste vernommen, aber eines Tages betrat ein rüstiger Viehtreiber die Fähre, und Wully, der ihn seiner Gewohnheit gemäß beschnüffelte, wurde plötzlich aufgeregt, seine Mähne sträubte sich, er zitterte, und ein leises Knurren entfuhr ihm.

Einer von den Fährleuten, der nicht verstand, was vorging, rief dem Fremden zu: »Paß auf, Mann, daß du unserem Hunde nichts zuleide tust!«

»Was soll ich ihm zuleide tun, ehe könnte der Köter mir etwas anhaben.« Irgendwelche weitere Aufklärung war unnötig. Wully war wie ausgewechselt, er schmiegte sich dicht an den Fremden, und sein Schwanz wedelte leidenschaftlich, zum erstenmal seit Jahren.

Einige Worte machten alles klar. Dorley, der Viehtreiber, hatte Robin gut gekannt. Seine Handschuhe und sein Halstuch waren von Robins eigener Hand gestrickt und früher in dessen Besitz gewesen. Wully zweifelte, daß er je seinen verlorenen Abgott wiederfinden würde, verließ seinen Posten an der Fähre und gab deutlich die Absicht kund, dem Eigentümer von Robins Halstuch zu folgen. Dorley hatte nichts dagegen, nahm ihn mit heim in die Berge von Derbyshire, und Wully wurde zum zweiten Male ein Schäferhund.

II.

Monsaldale ist eines der bekanntesten Täler in Derbyshire. Es hat nur ein einziges, aber um so berühmteres Wirtshaus, und der Besitzer, Jo Greatorex, ist ein schlauer und handfester Yorkshireman. Die Natur hatte ihn zum Krieger bestimmt, aber die Umstände machten ihn zum Gastwirt, und seine Neigung zur – doch das sollten wir lieber verschweigen – Wilddieberei war in dieser Gegend an der Tagesordnung.