Bingo und andere Tiergeschichten

Part 10

Chapter 103,579 wordsPublic domain

Ihre Bildung machte gewaltige Fortschritte, und die Mutter begann nun, ihnen ein neues Kunststück beizubringen, das »Schwirren«. Wenn ein Fasan will, kann er sich ganz leise auf seinen Schwingen erheben, aber zuzeiten ist das Schwirren so wichtig, daß es alle lernen müssen, wie und wann man sich mit sausendem Flügelschlag erheben muß. Mancher Erfolg wird durch das Schwirren gesichert. Es warnt alle Fasanen vor nahender Gefahr, es macht des Schützen Hund unsicher, oder es zieht die Aufmerksamkeit des Feindes auf den Schwirrer, während sich die übrigen still davonmachen oder der Beachtung entziehen, indem sie sich zusammenducken.

Ein altes Fasanensprichwort sagt: »Die Feinde und das Futter wechseln mit dem Mond.« – Der September kam mit kräftigen Samen und Körnern an Stelle der köstlichen Beeren und Ameiseneier, und mit gefährlichen Jägern an Stelle der schleichenden Skunks und Sumpfottern.

Die Fasanen wußten recht gut, wie ein Fuchs aussah, und daß er leicht zu prellen war, indem man sich in den nächsten Baum flüchtete; doch einen Hund hatten sie nie gesehen. Als nun im Jägermonat Alt-Cuddy mit seinem schmutziggelben, kurzschwänzigen Köter die Bergschlucht durchstreifte, erspähte ihn die Mutter und rief ihren Kindern ein lautes »Kwit, kwit« (Flieht, flieht) zu. Zwei der Hühnchen konnten nicht begreifen, weshalb die Mutter so ängstlich zur Flucht mahnte, und glaubten ihren Mut dadurch beweisen zu müssen, daß sie ungeachtet des ängstlich wiederholten »Kwit, kwit« sich im nächsten Baum niederließen.

Inzwischen war der kurzgeschwänzte Hund bis unter den Baum gekommen und kläffte sie an. Dies sowohl als auch das sonderbare Benehmen ihrer Mutter und Geschwister belustigte sie derartig, daß sie ein Rascheln in den Büschen gar nicht bemerkten, bis ein lautes »Bäng, bäng« erscholl und zwei kleine, blutige, flatternde Fasanen herabfielen, um von dem gelben Köter ergriffen und hin und her gezerrt zu werden, bis der Schütze aus dem Gebüsch heraussprang und sich die traurigen Überreste sicherte.

III.

Cuddy wohnte in einer armseligen Hütte in der Nähe des Schlammbachtales, nördlich von der kanadischen Stadt Toronto, und lebte so, daß griechische Weltweisheit es ein vollkommenes, beneidenswertes Dasein genannt haben würde. Er hatte weder Eigentum, noch eine gesellschaftliche Stellung, bezahlte keine Steuern und machte keinerlei Ansprüche ans Leben. Er brachte seine Tage dahin in Spielerei und Nichtstun und möglichst wenig Arbeit und hielt sich die meiste Zeit im Walde auf. Er glaubte, ein wahrer Sportsmann zu sein, weil er ein Freund vom Jagen war, und weil es ihm Freude bereitete, wenn das Wild, auf das er es abgesehen, sich, zu Tode getroffen, am Boden wälzte. Die Nachbarn behandelten ihn als rechtlosen und vogelfreien Eindringling und sahen in ihm weiter nichts als einen Landstreicher. Er schoß und stellte Fallen das ganze Jahr hindurch, und man hatte ihn sagen hören, daß er die Monate am Geschmack der Fasanen erkennen könnte, wenn er sie nicht zufällig aus dem Kalender wüßte. Dies bewies ohne Zweifel eine scharfe Beobachtungsgabe, war aber leider auch zugleich der Beweis für etwas, das ihm weniger Ehre machte. Die gesetzmäßige Schußzeit für Fasanen begann am 15. September; es war jedoch nicht zu verwundern, wenn Cuddy schon vierzehn Tage vor der Zeit dieser Jagd oblag. Dennoch wußte er sich Jahr für Jahr der strafenden Gerechtigkeit zu entziehen.

Selten schoß Cuddy einen Vogel flügellahm; er zog es vor, sein Wild sicher zu erlegen. Dies war nicht leicht, wenn das Laub noch auf den Bäumen hing und mag auch der Grund gewesen sein, daß unsere Familie in der Bergschlucht solange unbehelligt umhergelaufen war. Jedoch es gab noch andere Schützen in der Umgegend, und aus Furcht, daß ihm diese zuvorkommen könnten, hatte er sich nach einem Fasanenbraten auf den Weg gemacht. Er hatte kein Flügelrauschen vernommen, als die Vogelmutter mit ihren sechs überlebenden Kindern davongeflogen war, er steckte seine zwei kleinen Opfer in die Tasche und kehrte nach seiner Hütte zurück.

So lernten die kleinen Hühner, daß ein Hund kein Fuchs ist, und daß man ihn anders zu behandeln hat, und die uralte Weisheit prägte sich ihnen tief ein: »Gehorsam bringt langes Leben.«

Den Rest des Septembers hatten sie genug damit zu tun, umherstreifenden Jägern sowohl als auch alten Feinden aus dem Wege zu gehen. Wie zuvor nächtigten sie auf den langen, dünnen Zweigen zwischen den dichtesten Blättern, die sie vor Gefahren aus der Luft beschirmten, während die Höhe der Bäume sie vor Feinden von unten beschützte und ihnen nichts zu fürchten übrigließ als Waschbären, deren langsamer, schwerer Tritt auf den biegsamen Zweigen sie stets zur rechten Zeit warnte. Aber die Blätter begannen nun zu fallen, und »die Feinde und das Futter wechseln mit dem Mond«. Es war die Zeit der Nüsse, aber auch die Zeit der Eule. Die Steineule kam von Norden und verdoppelte oder verdreifachte die Gefahren. Die Nächte wurden kälter und die Waschbären ungefährlicher; deshalb verlegte die Mutter das Nachtquartier in das dichte Nadelgewirr einer Tanne.

Nur eines der Jungen mißachtete der Mutter warnendes »Kriet, kriet«; es blieb auf seinem schwankenden, nun nahezu blätterlosen Ulmenzweige sitzen, und eine große Eule mit gelbglitzernden Augen trug es davon, noch ehe der Morgen graute.

Mutter und fünf Kinder waren nun übriggeblieben, doch die Kleinen waren ebenso groß wie die Alte, ja, der Älteste, der auf dem Blatt gesessen hatte, war sogar größer. Ihre Halskrausen fingen an sich zu zeigen, zunächst nur die Spitzen, um anzudeuten, wo sie einst prangen sollten, wenn sie ausgewachsen wären, und man glaubt nicht, wie stolz sie darauf waren. Die Krause bedeutet für den Fasan dasselbe, wie der Schweif für den Pfau – seine Schönheit, seinen Stolz. Die Krause einer Henne ist schwarz mit einem leichten, grünen Schimmer, die eines Hahnes bedeutend dunkler und schwärzer und glänzt in lebhaftem Grün. Zuweilen taucht ein Fasan von ungewöhnlicher Größe und Kraft auf, dessen Krause nicht nur üppiger ist, sondern auch durch ein wunderbares Naturspiel ein tiefes Kupferrot aufweist, schillernd in violetten, grünen und goldenen Tönen. Ein solcher Vogel ist sicher ein Wunder, und der kleine, der auf dem Blatt gekauert hatte und stets getan, was ihm befohlen, prangte, noch bevor der Eichelmonat begonnen, in der vollen Pracht einer golden- und kupfernschillernden Krause – das war Rotkrause, der berühmte Fasan aus dem Schlammbach-Tal.

IV.

Eines Tages im Eichelmonat, das heißt ungefähr Mitte Oktober, als sich die Fasanenfamilie mit vollen Kröpfen neben einem umgestürzten Fichtenstamme in den wärmenden Strahlen der Mittagssonne badete, vernahm man plötzlich den entfernten Knall eines Gewehres. Da sprang Rotkrause, einem inneren Drange folgend, auf den Stamm, stolzierte ein paarmal auf und ab, erhob sich dann hoch in die helle, klare und würzige Luft und schwirrte laut und herausfordernd mit den Flügeln. Gerade wie ein Füllen seinem Wohlbehagen durch ein helles Wiehern Ausdruck verleiht, schwirrte er im Vollgefühle seiner Kraft lauter und lauter, bis er schließlich, ohne es zu wollen, »trommelte«. Stolz auf seine neue Kunst, schlug er die Luft wieder und wieder sausend mit den mächtigen Flügeln und erfüllte die Waldung mit dem weitschallenden Trommeln eines erwachsenen Fasanen. Seine Geschwister hörten und sahen es mit Bewunderung und Erstaunen; auch seine Mutter gewahrte es, und sie behandelte ihn von diesem Tage an mit einer gewissen ängstlichen Scheu.

Der Anfang des Novembers bringt einen unheimlichen Feind. Einem seltsamen Naturgesetz folgend, verlieren alle Fasanen im November ihres ersten Lebensjahres den Verstand. Sie sind von einem wahnsinnigen Verlangen besessen, irgendwohin zu fliegen, ohne ein bestimmtes Ziel im Auge zu haben, und selbst die Verständigen unter ihnen benehmen sich in dieser Zeit albern. In Scharen durchziehen sie in schnellstem Fluge zur Nachtzeit das Land, werden von Drähten zerrissen oder stürzen sich in die flammenden Lichter der Leuchttürme oder in die blinkenden Augen der Lokomotiven. Bei Tage findet man sie dann an den absonderlichsten Orten, in Gebäuden, auf weiten Sumpfwiesen, auf den Telephondrähten der großen Städte hängend oder sogar an Bord der Küstenschiffe. Dieser Wahnsinn scheint das Überbleibsel einer uralten Gewohnheit des Wohnungswechsels zu sein und hat schließlich ein Gutes, er löst die Familien auf und verhindert das Untereinanderheiraten, das am Ende der Rasse verhängnisvoll werden würde. Im ersten Jahre überfällt er die Jungen immer am schlimmsten; und im zweiten Herbst können sie ihn wieder bekommen; denn er ist sehr ansteckend, aber im dritten Jahre sind sie erfahrungsgemäß frei davon.

Rotkrauses Mutter wußte, daß er kommen mußte, sobald sie die Weinbeeren sich schwärzen sah und der Ahorn sein goldenes Laub fallen ließ. Doch da war nichts zu tun, als für die Gesundheit der Kinder zu sorgen und sie in dem stillsten Teil der Wälder zu halten.

Das erste Anzeichen kam, als ein Volk wilder Gänse über ihren Köpfen hinweg südwärts zog. Solche langhalsige Habichte hatten die Jungen vorher nie gesehen, und sie fürchteten sich vor ihnen. Aber da sie sahen, daß ihre Mutter keine sonderliche Angst zeigte, faßten sie Mut und beobachteten die über sie dahinziehenden Auswanderer mit regem Interesse. War es der wilde, kreischende Schrei, der sie erregte, oder war es nur der innere Drang, der sich Bahn brach? – Ein heißes Sehnen, den wilden Vögeln zu folgen, ergriff die Jungen. Sie beobachteten die schnell im Süden verschwindenden Trompeter und suchten sich höhere Sitze, um sie noch weiter mit den Augen zu verfolgen. Von diesem Tage an waren sie wie umgewandelt.

Der Novembermond nahm zu, und als er voll war, brach der Novemberwahnsinn aus. Die Schwächlinge der Brut wurden von der Krankheit am ärgsten befallen, und die kleine Familie war bald in alle Winde zerstreut. Selbst Rotkrause machte lange, ziellose Nachtreisen. Es trieb ihn südwärts, doch dort glänzten ihm die tiefen Wasser des Ontario-Sees entgegen, und er kehrte um. Ende November zog er wieder in die Schlucht am Schlammbach ein, aber er war jetzt allein.

V.

Mit dem Einzug des Winters war das Futter spärlich geworden, und Rotkrause hielt sich wieder zu der alten Bergschlucht mit ihren fichtenbewachsenen Hängen. Jedoch die alte Fasanenweisheit lehrte: »Futter und Feinde wechseln mit dem Mond.« So hatte der Irrmonat Wahnsinn, Einsamkeit und Weintrauben gebracht, der Schneemonat Hagebutten, und der Sturmmonat kam mit Birkenschößlingen und Schneestürmen, die die Wälder mit Eis überzogen und es ungemein erschwerten, beim Abbeißen der erfrorenen Knospen einen festen Sitz zu behalten. Rotkrauses Schnabel wurde durch die harte Arbeit derartig abgenutzt, daß, selbst wenn er ihn geschlossen hielt, hinter dem Haken eine Öffnung sichtbar wurde. Die Natur hatte ihn für den glatten, schlüpfrigen Boden wohl ausgerüstet; denn seine Zehen, die noch im September zart und weich gewesen waren, wurden nun scharf und spornbedeckt und wuchsen mit der zunehmenden Kälte, bis ihn der erste Schnee mit starken Schneeschuhen und Eissporen ausgerüstet fand. Das kalte Wetter hatte die meisten Habichte und Eulen davongetrieben und machte es den vierfüßigen Feinden der Fasanen unmöglich, sich ungesehen zu nähern. Die Vorteile und Nachteile des Winters waren so beinahe ausgeglichen.

Die Suche nach Nahrung führte Rotkrause aber täglich weiter und weiter, bis er schließlich die Rosdaleschlucht mit ihren Silberbirken und Castle Frank mit seinen Weintrauben und Vogelbeeren entdeckte und gründlich erforschte. Ebenso durchstreifte er die Waldungen von Chester, wo die vollen Trauben der Waldrebe im Winde schwankten und verlockende rote Beeren unter dem Schnee glühten.

Bald hatte er herausgefunden, daß die Menschen aus irgendeinem Grunde in die hohe Einzäunung von Castle Frank nicht mit Schießgewehren hineingingen, und dort brachte er nun seine Tage zu, entdeckte neue Schlupfwinkel, neues Futter und wurde klüger und schöner von Tag zu Tag.

Zwar war er ganz allein, aber das betrachtete er als kein Unglück. Wohin er sich wendete, überall hüpften die munteren Schwarzmeisen umher, und er erinnerte sich der Zeit, da sie ihm noch als große, wichtige Wesen erschienen waren. Sie waren die komischsten und fidelsten Bewohner der Wälder: ehe noch der Herbst verflossen, hatten sie ihren berühmten Kehrreim zu singen begonnen:

»Bald Lenz, bald Lenz«, und sie wiederholten ihn mit frohem Mut selbst bei den schaurigsten Stürmen den ganzen Winter hindurch, bis schließlich das Ende des Hungermonds, unseres Februars, herannahte. Jetzt konnten sie mit verdoppelter Kraft ihre lebensfreudige Weltanschauung verkünden, und sie taten es mit einem Nachdruck, der klang wie: »Ich sagt’ es euch ja!« Die Sonne gewann an Macht, schmolz den Schnee vom südlichen Abhang und legte breite Beete voll duftenden Wintergrüns bloß, dessen Beeren ein festliches Mahl für Rotkrauses ausgehungerten Magen waren. Mit der harten Arbeit hatte es nun ein Ende; Rotkrause brauchte nicht mehr die erfrorenen Schößlinge mit vieler Mühe abzubeißen, und sein Schnabel hatte Ruhe und Zeit, seine ursprüngliche Gestalt wiederzugewinnen. Bald kam auch die erste Bachstelze vorübergeflogen und zwitscherte dabei: »Der Frühling naht!« Die Sonne schien wärmer von Tag zu Tag; eines Morgens in der Dämmerung ertönte ein lautes »Caw, Caw!«, und Silberfleck, ein alter, weiser Rabenvater, kam an der Spitze einer Truppe schwingend daher, um öffentlich bekanntzugeben:

»Der Frühling ist da!«

Die ganze Natur schien darauf zu antworten. Es war die Eröffnung des »Vogel-Neujahrs«, und der Frühling zog ein in jedes Vogelherz, die Schwarzmeisen wurden geradezu verrückt, sie sangen ihr: »Der Lenz ist da! der Lenz ist da!« mit einer solchen Beharrlichkeit, daß man sich nur wundern mußte, wie sie noch Zeit zum Futtersuchen fanden.

Auch Rotkrause fühlte, wie es ihn durch und durch erschütterte. Er sprang auf einen Stumpf und ließ mit frischer Kraft ein donnerndes: »Dum, dum, dum, donner – rrrrr« wieder und wieder in das enge Tal hineinschallen. Dort weckte es ein gedämpftes Echo und verbreitete seine Freude über die Ankunft des Frühlings durch die Wälder.

Weit unten im Tale stand Cuddys Hütte. Er vernahm den Trommelruf in der stillen Morgenluft und vermutete, daß droben ein Fasanenhahn zu holen wäre. So kam er die Schlucht mit seiner Donnerbüchse heraufgeschlichen, aber Rotkrause schwebte lautlos davon und ruhte nicht, bis er wieder im Schlammbachtale anlangte.

Dort ließ er sich auf einem alten Baumstumpf nieder und trommelte wieder und wieder seinen lauten Zapfenstreich, bis ein kleiner Junge, der im Wald herumgebummelt war, entsetzt nach Hause lief, um seiner Mutter zu erzählen, daß die Rothäute sicher auf dem Kriegspfade wären; denn er hätte ihre Kriegstrommel im Tale schlagen hören.

Warum gibt wohl ein glücklicher Junge seine Freude durch Jauchzen kund? Warum seufzt wohl die vereinsamte Jugend? Sie wissen es ebensowenig, wie Rotkrause es wußte, warum er jeden Tag auf einen alten, abgestorbenen Baumstumpf kletterte und seinen Ruf trommelnd und rollend durch die Wälder schallen, oder warum er seine prächtige, schillernde Krause im Sonnenlicht glänzen ließ. Woher kam ihm dieses fremde Sehnen nach einem Genossen, der seine glitzernden Federn bewundern konnte? Und warum war ihm solch ein Wunsch nicht schon viel früher vor dem Eintreten des Kätzchenmonds gekommen?

»Dum, dum, donner – rrrrr dum, dum, donner – rrrrr«,

rollte er wieder und wieder.

Tag für Tag besuchte er seinen Lieblingsplatz, und eine neue Zierde, ein rosenroter Kamm, wuchs ihm über jedem seiner klaren, kühnblitzenden Augen. Die alten, schwerfälligen Schneeschuhe verschwanden von seinen Füßen, die Krause wurde majestätischer, das Auge klarer, und seine ganze Erscheinung war ein prächtiger Anblick, wie er sich spreizte und im Sonnengold glitzerte. Aber er war so einsam.

Doch was konnte er tun – er mußte seinem Sehnen durch tägliche Trommelkonzerte Luft machen, bis eines Morgens früh im schönen Monat Mai, als er sehnsüchtig getrommelt und wieder getrommelt hatte, sein scharfes Ohr ein leises Rascheln im Gebüsch vernahm. Er erstarrte zur Bildsäule und lauschte; er wußte nun, man hatte ihn beobachtet. Und war es möglich? Da stand eine zarte Gestalt, ein scheues, kleines Fasanenfräulein, das sich schämig zu verbergen suchte, und im Augenblick war er an deren Seite. Über ihn kam ein neues, fremdes Gefühl, wie ein brennender Durst, der nach einer kühlenden Quelle sucht, und er stolzierte einher und trug seinen stolzen Putz gefällig zur Schau. Woher wußte er, daß ihr das gefallen würde? Er blies seine Federn auf und verstand es, sich so zu stellen, daß die Sonnenstrahlen sich glitzernd darin brachen, und ließ ein sanftes Glucksen hören, das wohl das gleiche bedeutete, wie das süße, nichtige Geplauder höherer Wesen; denn das war offenbar: ihr Herz war gewonnen. Gewonnen, und zwar schon lange vorher, wenn er es nur bemerkt hätte. Volle drei Tage war sie seinem lockenden Trommeln gefolgt, hatte ihn sittsam von weitem bewundert und sich ein wenig gekränkt gefühlt, daß er sie noch nicht entdeckt hatte, obwohl sie doch so dicht bei ihm gewesen. So war dieses leichte Rascheln im Gebüsch vielleicht nicht ganz Zufall gewesen. Doch jetzt neigte sie demütig ihr Köpfchen mit süßer, hingebender Huld – die einsame Reise durch die öde Wüste war überstanden, der durstgequälte Wanderer hatte die kühle Quelle am Ende doch gefunden.

Das war eine glückliche, herrliche Zeit im lieblichen Tale mit dem häßlichen Namen. Niemals hatte die Sonne so klar geschienen, und die Luft war mit balsamisch süßem Fichtenduft erfüllt. Tag für Tag kam der große, edle Vogel zu seinem Lieblingsplatz, zuweilen mit ihr, zuweilen auch allein, und trommelte und rollte vor lauter Freude am Leben. Doch warum zuweilen allein? Warum kam er nicht immer mit seiner kleinen, braunen Gattin? Stundenlang blieb sie bei ihm zum festlichen Mahle und süßen Liebesspiele, dann plötzlich entschlüpfte sie ihm und war verschwunden bis zum nächsten Tage, wenn der laute Kriegsgesang vom alten Baumstumpf herüber erschallte und ihr gebieterisch befahl, zurückzukehren. Ein tiefes Waldgeheimnis schwebte zwischen dem liebenden Paar, das Rotkrause nicht zu durchdringen vermochte. Was war wohl der Grund, daß sie von Tag zu Tag länger ausblieb, bis sie schließlich eines Morgens seinem Rufe nicht folgte? Der zweite Tag verstrich, ein dritter ging zur Neige, doch sie war nicht gekommen, und Rotkrause, wild vor Erregung, durchmaß sausenden Fluges die Wälder, ließ seinen Ruf vom alten Stumpf erschallen, flog stromauf, stromab, hinüber zum Hügel und hinunter ins Tal und trommelte und rollte voll Sehnsucht – aber vergeblich. Als am vierten Tage sein Locken durch die Forste klang, hörte er plötzlich wie beim ersten Zusammentreffen ein Geräusch in den Büschen; da stand die Vermißte, und unter ihren schützenden Flügeln und um sie herum piepsten zehn kleine niedliche Kücken.

Rotkrause ließ sich ihr zur Seite nieder und erschreckte die helläugigen Flaumbällchen ganz furchtbar durch sein plötzliches Erscheinen. Die Brut scharte sich um die Mutter, um ihm zu zeigen, daß sie nun ein größeres Anrecht hatten als er. Zuerst schien ihn das etwas zu verwundern, aber bald gewöhnte er sich an die Veränderung, blieb von dieser Stunde an bei den Kleinen und sorgte für sie, wie sein Vater es niemals für ihn getan.

VI.

Gute, fürsorgende Väter sind eine große Seltenheit in der Fasanenwelt. Die Mutter baut ihr Nest und brütet die Kleinen ohne Hilfe aus, ja sie verbirgt sogar das Nest vor dem Vater und trifft ihn nur am Trommelstamm und auf der Futtersuche oder vielleicht im Staubbad, das der Versammlungsort für das Hühnergeschlecht zu sein pflegt.

Als die Kleinen ausgekrochen waren, hatte die Mutter keine Gedanken für irgend etwas anderes; selbst den männlich schönen Vater hatte sie darüber vergessen. Am dritten Tage aber, als die Jungen stark genug waren, um ihre dünnen Beinchen zu gebrauchen, hatte sie die Kinder dem Vater zugeführt.

Viele Väter zeigen nicht das geringste Interesse für ihre Kinder, aber Rotkrause war eine rühmliche Ausnahme und half sofort die Brut großziehen. Die Kleinen hatten genau wie vor Zeiten ihr Vater essen und trinken gelernt und wackelten daher mit der Mutter als Führerin an der Spitze, während Rotkrause in der Nähe umherstreifte oder den Rückzug deckte.

Eines Tages, als die Familie in langer Linie, aufgereiht wie die Perlen an einer Kette mit einer dicken an jedem Ende, den Hügel hinab nach dem Flusse marschierte, beobachtete ein neugieriges Eichhorn von einem Fichtenstamm herab den feierlichen Zug mit dem hinterdreintrippelnden Rundi, dem Jüngsten und Schwächsten. Rotkrause, der sich auf einem hohen Stamm sein glänzendes Gefieder putzte und zurechtstrich, war dem Auge des Eichhorns entgangen, in dessen Herz sich ein seltsamer Durst nach Vogelblut bei dem Anblick der zarten, kleinen Dingerchen eingeschlichen hatte. Mit der mörderischen Absicht, dem dahinwackelnden Nachzügler den Weg abzuschneiden, sprang der rote Räuber hervor. Die Mutter war schon zu weit, um ein Unglück verhüten zu können, aber Rotkrause war zur Stelle. Er flog dem rothaarigen Halsabschneider entgegen und versetzte ihm mit seinen kräftigen Flügeln einen furchtbaren Schlag. Er traf das Eichhorn auf die zarteste Stelle, gerade auf die Nase, und warf es in einen Reisighaufen. Dort lag es nun, nach Luft schnappend, und rote Tropfen rannen an seiner bösen Schnauze herab. Die Fasanen ließen es dort liegen, und von diesem Tag an behelligte es sie niemals wieder.

Sie wanderten ihren Weg zum Wasser fürbaß; doch vor ihnen war eine Kuh gegangen und hatte tiefe Eindrücke im sandigen Boden zurückgelassen; in einen von diesen fiel ein unvorsichtiges Küchlein und piepste ganz jämmerlich in seiner Bedrängnis, als es nicht wieder herauskonnte.

Das war eine ganz verzweifelte Lage. Keins der Alten schien Rat zu wissen, und sie liefen ängstlich am Rande hin und her. Da plötzlich gab der Sand nach und bildete eine schiefe Ebene, auf der das Kleine heraufrannte; dann vereinigte es sich unter dem breiten Schutzdach von seiner Mutter Schwanz wieder glücklich mit seinen Geschwistern.

Die hübsche, kleine Mutter war von zierlicher Gestalt, aber sie besaß einen scharfen Verstand und war als echte Mutter Tag und Nacht auf das Wohl ihrer Lieblinge bedacht. Stolz schritt und gluckste sie durch die heimatlichen Wälder mit den zarten Kleinen hinterdrein. Ihren kleinen, braunen Schweif spannte sie fächerförmig auf, um den Jungen möglichst viel Schatten zu geben, und vor keinem Feind wich sie zurück, sondern war stets bereit, zu kämpfen oder zu fliehen, je nachdem es ihr das Beste für die Kleinen schien.

Ehe die Küchlein noch fliegen konnten, hatten sie schon eine Begegnung mit Cuddy: denn obgleich es erst Juni war, war er mit seinem mörderischen Gewehr draußen. Mit Tike, seinem Hund, kam er die Schlucht herauf, und der Köter kam der Brut so gefährlich nahe, daß Rotkrause ihm entgegenlief, um ihn mit Hilfe des alten, nie fehlschlagenden Kniffes weit in das Schlammbachtal hinabzulocken.