Bingo und andere Tiergeschichten
Part 12
Wullys neue Heimat lag auf dem Hochland, östlich von dem Tal, und über Jos Wirtshaus. Dorley besaß ein kleines Bauerngut und in den Triften auch eine große Herde Schafe. Diese hütete Wully mit seinem angeborenen Scharfsinn, bewachte sie, während sie weideten, und brachte sie am Abend in den Stall. Er war für einen Hund zurückhaltend und argwöhnisch und leicht geneigt, Fremden die Zähne zu zeigen, aber er war so aufmerksam beim Bewachen seiner Herde, daß Dorley in diesem Jahr nicht ein einziges Schaf verlor, obwohl die Nachbarn Geiern und Füchsen den gewöhnlichen Tribut zahlen mußten.
Die Täler dort sind eine ungeeignete Gegend für Fuchsjagden; die zerklüfteten Züge, die hohen Steinwälle und Anhöhen sind zu zahlreich, der Schlupfwinkel zwischen den Felsen sind zu viele, und es war zu verwundern, daß die Füchse in Monsaldale nicht überhand nahmen. Man hatte wenig Grund gehabt, über sie zu klagen, bis sich im Jahre 1881 ein schlauer, alter Fuchs, wie eine Maus in einem fetten Käse, in dem reichen Kirchspiel niederließ und aller Nachstellungen von edlen Jagdrüden und gemeinen Dorfkötern spottete.
Verschiedene Male wurde er mit Hund und Pferd verfolgt, und immer verschwand er im Teufelsloch, einer Höhle von unerforschter Ausdehnung – dort war er sicher. Die Landbevölkerung fing an, etwas mehr als Zufall in der Tatsache zu suchen, daß er stets ins Teufelsloch entwischte, und als einer von den Hunden, der diesen Teufelsfuchs beinahe erwischte, bald darauf verrückt wurde, stand die Teufelsabstammung besagten Fuchses außer Zweifel.
Er setzte seine Räuberlaufbahn fort, bis er schließlich aus Vergnügen am Blutvergießen zu morden begann. Digby verlor zehn Lämmer in einer Nacht, Caroll sieben in der nächsten; später wurde der Ententeich des Pfarrhofes vollkommen verwüstet, und es verging kaum ein Tag, an dem nicht irgend jemand einen Mord von Geflügel, Lämmern oder Schafen und schließlich selbst von Kälbern zu berichten hatte.
All dieses blutgierige Verwüsten wurde diesem einen Fuchs aus dem Teufelsloch zugeschrieben. Es war nur bekannt, daß es ein außerordentlich großer Fuchs sein müsse; wenigstens einer, der eine breite Spur hinterließ; doch niemand, selbst kein Jäger, hatte ihn je in der Nähe gesehen. Auch hatte man bemerkt, daß Donner und Doria, die besten Hunde der Meute, sich geweigert hatten, auf der Hetze seiner Spur zu folgen.
Die Bauern von Monsaldale beschlossen, sich beim ersten Schnee unter Jos Leitung zu versammeln und die ganze Gegend abzuklopfen, um auf irgendeine erlaubte oder unerlaubte Art das »unschuldige« Füchslein loszuwerden. Aber der Schnee kam vorläufig nicht, und der rothaarige Ehrenmann lebte ungekränkt weiter. Niemals kam er zwei aufeinanderfolgende Nächte nach dem gleichen Bauernhof, niemals fraß er, wo er gemordet hatte, und niemals hinterließ er eine Spur, die den Weg, den er genommen, verraten hätte.
Ein einzigesmal lief er mir in den Weg. Ich ging spät in der Nacht den Pfad von Bakewell nach Monsaldale entlang, während eines heftigen Sturmes, und als ich um die Ecke eines Schafstalls bog, fuhr plötzlich ein heller Blitzstrahl hernieder. Bei seinem Lichte erblickte ich ein Bild, das mich zurückschrecken ließ. Neben dem Wege saß in geringer Entfernung ein riesiges Tier, das mich mit glühenden Augen anstarrte und sich bezeichnend die Schnauze leckte. Dies war alles, was ich sah, und ich würde es wohl vergessen oder für einen Irrtum gehalten haben, hätte man nicht am nächsten Morgen in jenem Stalle die Leichen von dreiundzwanzig Schafen gefunden.
Nur eine Herde ließ der Mörder in Frieden, das war die Dorleys, und es schien dies um so wunderbarer, als Dorley doch mitten in der gefährdeten Gegend und nur eine Meile vom Teufelsloch entfernt lebte. Der treue Hund bewies seine Überlegenheit über alle Köter der Nachbarschaft; Abend für Abend brachte er seine Herde heim, und niemals fehlte auch nur einer seiner Schützlinge. Der wilde Fuchs mochte um Dorleys Hof herumstreifen, aber Wully, der schlaue, tapfere und aufgeweckte Wully, war ein unüberwindlicher Gegner für ihn und rettete nicht nur seines Meisters Herde, sondern entwischte auch stets selbst mit heiler Haut. Jedermann bezeugte eine wahrhafte Hochachtung für ihn, und er wäre gewiß ein Liebling aller gewesen, wenn seine Laune sich nicht von Tag zu Tag verschlechtert hätte. Dorley und dessen älteste Tochter Hulda, ein aufgewecktes, hübsches, junges Mädchen, schien Wully gern zu haben; die übrigen Glieder der Familie waren ihm gleichgültig, aber er duldete sie; den Rest der Welt, Menschen und Hunde, schien er zu hassen.
So mürrisch und bösartig Wully sich auch der Welt gegenüber benahm, er zeigte sich stets gut geartet gegen Dorleys Schafe. Viele wunderbare Geschichten über ihn waren im Umlauf; manch armes Lamm, das ins Wasser oder in eine Kluft gefallen war, würde elendiglich ohne Wullys rechtzeitige, tatkräftige Hilfe umgekommen sein. Sein kühnes Auge entdeckte jeden Adler, der über dem Moor seine Kreise zog, und Wullys tollkühne Tapferkeit trieb ihn auf Nimmerwiedersehen davon.
III.
Als der Schnee endlich kam, spät im Dezember, zahlten die Monsaldale-Bauern wie zuvor ihren nächtlichen Tribut an den gierigen Fuchs. Die Witwe Gelt verlor ihren einzigen Besitz, eine Herde von zwanzig Schafen, und am nächsten Tage beim Morgengrauen zogen die männlichen Bewohner des Dorfes aus, auf die Suche nach dem Wüterich. Die Gewehre offen zur Schau tragend, folgten sie den verräterischen Spuren im Schnee, den Spuren eines außergewöhnlich großen Fuchses, zweifellos die des mörderischen Gesellen. Eine Zeitlang war die Spur leicht zu erkennen, bis sie im Flusse verschwand und die angeborene Schlauheit des Fuchses bewies. Das Tier war in der Richtung stromabwärts auf das Wasser zugelaufen und dann in den seichten Fluß hineingesprungen. Doch auf der andern Seite führte keine Spur heraus, und nach langem Suchen fanden die Bauern endlich eine Viertelmeile stromaufwärts die Stelle, wo er das Wasser verlassen hatte. Dann führte die Fährte nach einem hohen Steinwall, von dem der Sturm den Schnee heruntergefegt hatte und wo folglich keine Spuren zu erkennen waren. Die beharrlichen Jäger ließen sich nicht irreleiten, aber als die Spuren den weichen Schnee zwischen der Mauer und der Fahrstraße gekreuzt hatten, war die Meinung geteilt; einige behaupteten, der Fuchs sei nach links, andere wieder, er sei nach rechts gelaufen. Doch Jo, der Führer, entschied die Streitfrage, und nach langem, erfolglosem Suchen fanden sie schließlich die gleiche Spur, die von der Straße in einen Schafstall hineinführte. Ohne den Bewohnern ein Leid zuzufügen, hatte der Fuchs das Gehöft wieder verlassen, war genau in die Fußtapfen eines Bauern hineingetreten und geradeswegs auf Dorleys Farm zugetrottet.
Wegen des Schneefalls hatte Dorley die Herde an jenem Tage nicht hinausgetrieben, und Wully lag unbeschäftigt in der Sonne. Als die Jäger sich dem Hause näherten, knurrte er wütend und lief um die Ecke herum nach dem Schafstall. Jo Greatorex kreuzte den Hof, warf einen Blick auf Wullys Spur im frischen Schnee und rief, auf den sich entfernenden Schäferhund zeigend:
»Jungens, den Fuchs haben wir nicht, aber dort läuft der Schafmörder.«
Einige stimmten Jo bei, andere äußerten Zweifel und meinten, man solle zurückgehen und die Fährte von neuem verfolgen. Im selben Augenblick trat Dorley aus dem Hause.
»Tom,« sagte Jo, »dein Köter hat vergangene Nacht der Witwe Gelt Schafe gemordet, und ich glaube kaum, daß dies sein erster Mord war.«
»Was?« sagte Tom, »bist du verrückt? Ich habe niemals einen besseren Hund gehabt – er geht für die Schafe durchs Feuer.«
»Ja, ja,« meinte Jo, »das hat er letzte Nacht gründlich bewiesen.«
Die Bauern erzählten ihm ausführlich von ihrer Suche am Morgen, doch alles war vergeblich, Tom schwur, daß das ganze eine eifersüchtige Verschwörung sei, ihn seines treuen Hundes zu berauben.
»Wully schläft jede Nacht in der Küche und kommt nicht heraus, bis er die Herde auf die Weide treibt. Es ist alles Unsinn. Das ganze Jahr hindurch ist er bei den Schafen, und nicht einen Huf habe ich verloren.«
Tom ereiferte sich über diese ungeheuerliche Verschwörung gegen Wullys Ruf und Leben. Jo und seine Anhänger wurden schließlich aufgeregt, und es war ein Glück, daß Hulda aus dem Hause trat und sie beruhigte.
»Vater,« sagte sie, als man ihr alles erzählt hatte, »ich will heute nacht in der Küche schlafen. Wenn Wully den Versuch macht, davonzuschleichen, werde ich es bemerken, und wenn er ruhig bei mir bleibt und dennoch Schafe gemordet werden, so haben wir den Beweis von Wullys Unschuld.«
Hulda streckte sich am Abend auf einer Bank in der Küche aus, und Wully schlief wie gewöhnlich unter dem Tisch. Einige Stunden verrannen, und der Hund wurde unruhig, er wälzte sich auf seinem Lager, stand auf, streckte sich, beobachtete Hulda und legte sich wieder nieder. Ungefähr um zwei Uhr schien er einem innern Drängen nicht mehr widerstehen zu können. Er erhob sich leise, schaute nach dem niedrigen Fenster und dann auf das scheinbar schlafende Mädchen. Hulda lag still und atmete ruhig, wie im Schlafe. Wully kam langsam näher und schnaufte ihr direkt ins Gesicht, doch sie rührte sich nicht. Er leckte ihr vorsichtig die Wange und beobachtete dann, seine spitzen Ohren aufrecht und seinen Kopf zur Seite geneigt, ihr unbewegliches Antlitz, aber sie schien ruhig zu schlafen. Da lief der Hund nach dem Fenster, sprang geräuschlos auf den Tisch, schob seine Nase unter den Rahmen und hob das Fenster so hoch, daß er durch die Öffnung hinauskriechen konnte. Darauf ließ er es leise über seinen Rücken und Schwanz herniedergleiten, und seine Gewandtheit dabei verriet eine lange Übung. Dann verschwand er in der Dunkelheit.
Hulda hatte den ganzen Vorgang mit Erstaunen beobachtet, und nachdem sie eine Zeitlang gewartet hatte, um sicher zu sein, daß der Hund nicht mehr in der Nähe wäre, erhob sie sich in der Absicht, ihren Vater zu rufen. Jedoch nach einigem Überlegen beschloß sie weiteres abzuwarten. Sie warf Holz aufs Feuer und legte sich wieder nieder. Über eine Stunde lag sie ganz munter, dem Ticken der alten Wanduhr lauschend und beim geringsten Geräusch zusammenfahrend. Was mochte der Hund jetzt anstellen? Hatte er wirklich der Witwe Schafe gemordet? Die Erinnerung an seine aufopfernde Anhänglichkeit an ihre eigene Herde ließ es ihr unglaublich erscheinen.
Eine zweite Stunde ticktackte langsam vorüber. Da vernahm Hulda plötzlich ein leises Geräusch am Fenster, und ihr Herz klopfte in gespannter Erwartung. Das Fenster öffnete sich, und Wully sprang in die Küche zurück.
Beim flackernden Lichte konnte Hulda einen fremdartigen, wilden Glanz in seinen Augen erkennen, und seine schneeweiße Brust war mit frischem Blut besudelt. Der Hund hörte auf zu schnaufen und beobachtete das Mädchen. Dann, als er sah, daß sie sich nicht regte, legte er sich nieder, leckte seine Pfoten und seine Brust und knurrte einigemal leise, wie in der Erinnerung an ein jüngst vergangenes Abenteuer.
Hulda hatte genug gesehen, da war kein Zweifel mehr, Jo hatte recht, und der gefürchtete Fuchs von Monsaldale lag vor ihr. Sie erhob sich, sah Wully in die Augen und rief: »Wully! Wully! So ist’s doch wahr? Du entsetzlicher Wüterich!«
Ihre Stimme zitterte durch den stillen Raum, und Wully erstarrte, wie vom Blitz getroffen. Er warf einen verzweifelten Blick auf das geschlossene Fenster, seine Augen glitzerten, und seine Mähne sträubte sich, aber er kauerte sich unter dem festen Blick Huldas zusammen und kroch auf dem Boden auf sie zu, als ob er um Gnade betteln wollte. Langsam kam er näher und näher, wie um ihre Füße zu lecken. Als er aber dicht vor ihr war, sprang er mit der Wut eines Tigers, aber ohne einen Laut von sich zu geben, nach ihrem Halse.
Der Angriff kam dem Mädchen unerwartet, aber noch zur rechten Zeit hob sie ihren Arm empor, und Wullys lange, weiße Zähne bohrten sich in ihr Fleisch und knirschten auf den Knochen.
»Hilfe! Hilfe! Vater! Vater!« schrie sie.
Wully war eine leichte Last, und für einen Augenblick schleuderte sie ihn weg, aber seine Absicht war nicht mißzuverstehen. Der Kampf hatte begonnen, es galt sein Leben oder das ihre.
»Vater! Vater!« gellte es durch die Stille der Nacht, als die gelbe Furie, in der Absicht, Hulda zu morden, die Hände, die sie so oft gefüttert, zerbiß und zerfleischte.
Vergeblich suchte das Mädchen den Hund von sich abzuwehren, und eben wollte er sie am Hals packen, als Dorley noch im rechten Augenblick herbeigeeilt kam.
Gerade auf ihn los, lautlos wie zuvor, sprang Wully und biß und zerfleischte ihn, bis ein tödlicher Schlag mit der Axt ihn kampfunfähig machte. Ein zweiter Hieb schleuderte ihn mit zerschmettertem Schädel vor den Herd, wo er so lange geehrt und geachtet mit Dorley gehaust hatte – und Wully, der kluge, tapfere, treue und – verräterische Wully tat einen tiefen Atemzug, streckte sich und lag still für immer.
Der Paßgänger.
I.
Jo Calone warf seinen Sattel auf den staubigen Boden, koppelte die Pferde los und schritt sporenklirrend in das Farmhaus. »Bald Essenszeit?« fragte er.
»Siebzehn Minuten,« antwortete der Koch nach einem Blick auf seine dicke Tombakuhr mit der Würde und Sicherheit eines Zugführers, obwohl er diese noch niemals durch Beweise gerechtfertigt hatte.
»Wie steht’s am Perico?« fragte er dann.
»Das Vieh ist in bestem Zustand, und Kälber gibt’s die Fülle.«
* * * * *
»An der Antilopenquelle kam uns eine Herde Mustangs in den Weg, mit einigen Füllen, darunter ein kleiner, schwarzer Teufel, ein geborener Paßgänger. Eine Meile oder zwei folgte ich ihnen; der Schwarze leitete und immer im Trab. Dann ließ ich mein Pferd ausgreifen und jagte sie nur zum Spaß vor mir her, und kein Tropfen soll wieder über meine Lippen gehen, wenn der Kleine nur einmal seinen Trott gebrochen hat.« So erzählte Jo, und die anderen lachten ihn aus.
Am Tage darauf waren die Hirten in einer anderen Gegend und die Mustangs vergessen.
Im nächsten Jahr kam man bei der Viehzählung wieder in jene Ecke von Neu-Mexiko, und wieder wurden die Mustangs gesehen. Das dunkle Füllen war jetzt zum schwarzen Jährling herangewachsen, mit dünnen, zarten Beinen und glatten Flanken, und mehr als einer von den Hirten sah mit eigenen Augen dieses wunderbare Naturspiel – der Mustang war ein geborener Paßgänger.
Jo war dabei, und der Gedanke kam ihm, daß es wohl der Mühe wert wäre, das Füllen einzufangen. Einem, der im Osten aufgewachsen ist, mag diese Idee nicht so originell und außergewöhnlich erscheinen; aber im Westen, wo ein rohes Pferd zwanzig Mark wert ist und ein gewöhnliches Reitpferd sechzig bis achtzig Mark kostet, kommt einem Hirten schwerlich der Wunsch, einen wilden Mustang als Eigentum zu besitzen. Mustangs sind ungewöhnlich schwer einzufangen, und wenn man sie schließlich doch erwischt, sind sie ungebärdige, wilde Gefangene, nicht zu zähmen, und daher selten brauchbar. Die meisten Besitzer von Viehherden pflegen alle Mustangs, die in ihr Gebiet kommen, abzuschießen, denn sie fressen nicht nur dem Vieh das Futter weg, sondern verwirren auch die Herden der zahmen Pferde, führen sie hinweg und bringen folglich nur Schaden.
Jo Calone kannte die wilden Pferde von den Ohren bis zur Spitze des Schweifes. »Niemals habe ich ein weißes gesehen,« meinte er, »das nicht leicht zu ziehen, noch ein braunes, das nicht nervös war, keinen Fuchs, der unbrauchbar, wenn gut gezogen, und niemals einen Rappen, der nicht hart war, wie Stahl, und den Teufel in sich hatte.«
Wenn nun schon ein gewöhnlicher Mustang ein wertloser Kadaver ist, so ist ein schwarzer zehnmal schlimmer als wertlos. Jos Freunde hielten seine fixe Idee, den Jährling zu fangen, deshalb einfach für Blödsinn; doch er schien entschlossen zu sein, es jedenfalls zu versuchen, wenn sich ihm auch im selben Jahr keine Gelegenheit bot.
Jo war nur ein einfacher Kuhhirt, mit einem kleinen Gehalt. Wie die meisten anderen, hatte er den sehnlichsten Wunsch, einst eine eigene Farm zu besitzen. Sein Brandzeichen, von guten Freunden gewöhnlich der »Schweinekofen« genannt, war dunklen Ursprungs und bereits in Santa Fé im Register eingetragen, obwohl es nur von einer alten Kuh getragen wurde.
Im Herbst, wenn Jo ausgezahlt wurde, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, mit seinen Kameraden zur Stadt zu gehen und sich dort zu vergnügen, so lange eben das Geld reichte. Infolgedessen bestand sein ganzes Eigentum aus wenig mehr als aus einem Sattel, seinem Bett und der alten Kuh. Jedoch er baute Luftschlösser wie zuvor, hoffte auf irgendeinen glücklichen Zufall, der es ihm möglich machen sollte, als kleiner Farmer zu beginnen, und als er nun den Paßgänger zum ersten Male gesehen, hegte er die unbestimmte Hoffnung, sein Fang würde ihn sofort zum reichen Manne machen.
Die Hirten zogen hinab zum kanadischen Flusse und im Herbst zurück über den Don-Carlos-Hügel, und Jo sah nichts mehr vom Paßgänger, obwohl er des öfteren von ihm erzählen hörte, denn das Füllen, jetzt ein starkes junges Pferd, fing an, bekannt, ja beinahe berühmt zu werden.
Die Antilopenquelle liegt mitten in einer weiten, grasbewachsenen Ebene. Kein Baum und kein Strauch steht ringsumher. Ist das Wasser hoch, so dehnt es sich aus zu einem kleinen See, umgürtet von einem Kranz dürftigen Schilfes; tritt es zurück, so hinterläßt es ein weites schwarzes Moor, das stellenweise glitzert von weißem Salz und in dem die Quelle in der Mitte als ein Wasserloch erscheint. Sie hat keinen Abfluß, aber dennoch ziemlich klares Wasser und ist für viele Meilen im Umkreis die einzige Tränke.
Diese Ebene war der Lieblingsfutterplatz des schwarzen Hengstes, aber auch die Weide zahlreicher Herden von zahmen Pferden und Rindern, und besonders Fosters, eines unternehmenden Mannes Vieh, das mit einem ~L~ und gekreuztem ~F~ gezeichnet war, hielt sich dort auf. Foster hatte, um seine Pferde zu veredeln, zehn Halbblutstuten eingeführt, und neben diesen schlanken, zartfüßigen, rehäugigen Wesen nahmen sich die struppigen Ponys aus, wie erbärmliche, verhungerte Glieder einer entarteten Rasse.
Eine dieser Stuten wurde zum Gebrauch im Stall gehalten, während die neun anderen sich auf der Prärie herumtummelten. Pferde haben eine feine Nase, die besten Futterplätze zu finden, und die neun Stuten zogen denn auch zwanzig Meilen nach Süden, nach der Antilopenquelle. Als Foster im Spätsommer die edlen Tiere heimwärts treiben wollte, fand er sie richtig, aber mit ihnen, und sie mit etwas mehr als nur Kameradschaft bewachend, den kohlschwarzen Hengst. Stampfend trabte er um sie herum, wie ein Schäferhund, und sein schwarzes Fell bildete einen lebhaften Gegensatz zu den goldenen Häuten seines Harems.
Die Stuten waren lammfromm, und leicht hätten sie sich heimwärts treiben lassen, doch da trat ein unerwartetes Hindernis ein. Der glänzende Rappe wurde erregt, er schien seinem Gefolge seine eigene Wildheit einzuflößen und trieb die ganze Herde im Galopp dahin, wo es ihm beliebte. Davon flogen sie, und die kleinen Kuhponys, die die Reiter trugen, blieben weit zurück.
Die Verfolger waren wütend und zogen schließlich ihre Revolver, in der Absicht, den Teufelshengst niederzuschießen. Aber da war neun gegen eins zu wetten, daß nicht der Hengst, sondern eine der Stuten fallen würde. Den ganzen langen Tag verfolgten sie die Herde, aber der Paßgänger hielt seine Familie dicht beisammen und verschwand schließlich zwischen den Hügeln im Süden. Die Reiter auf ihren abgejagten Ponys aber mußten rachebrütend ohne die Stuten nach der Farm zurückkehren.
Die Gelehrten sind sich nicht einig über die Ursache der Anziehungskraft, die Schönheit und Tapferkeit auf die Weibchen unter den Tieren auszuüben pflegen, aber es steht fest, daß ein Tier von ungewöhnlichen Gaben bald ein großes Gefolge aus den Harems seiner Nebenbuhler nach sich zieht. Der gewaltige Rappe mit der pechschwarzen Mähne, dem stolzen Schweif und den grün leuchtenden Augen durchzog die ganze Gegend, und sein Gefolge wuchs von Tag zu Tag. Die meisten waren nur einfache Kuhponys, die von der Weide davongelaufen waren, und die neun goldglänzenden Stuten blieben der Stolz seiner Herde. Ein Pferd, das sich einmal in diesem Haufen befand, war verloren, und die Züchter sahen bald ein, daß der Hengst ihnen mehr Schaden brachte, als alle anderen Unfälle und Verluste zusammengenommen.
II.
Es war Dezember 1893; ich war ein Neuling in der Gegend und zog vom Farmhaus auf den Pinavetitos aus, um zu Wagen den kanadischen Fluß zu erreichen. Kurz vor meiner Abfahrt bemerkte Foster: »Und wenn Sie eine Gelegenheit haben, dem Teufelshengst ein Lot Blei in den glatten Leib zu pusten, zielen Sie gut!«
Dies war das erstemal, daß ich von dem berüchtigten Mustang hörte, und als wir dahinfuhren, erfuhr ich von Burns, meinem Führer, die ganze Vorgeschichte. Ich war im höchsten Grade gespannt, den berühmten Dreijährigen zu sehen, und war nicht wenig enttäuscht, kein Zeichen vom Paßgänger oder seiner Herde zu erblicken, als wir uns am zweiten Tage der Antilopenquelle näherten.
Am folgenden Tage jedoch, nachdem wir den Alamosa-Arroyo gekreuzt hatten und langsam nach der Hochebene hinaufkommen, duckte sich Jack Burns, der vorausritt, plötzlich auf den Nacken seines Pferdes, kehrte sich nach mir um und rief:
»Heraus mit der Büchse, dort ist der Hengst!«
Ich packte mein Gewehr und eilte vorwärts nach einem Aussichtspunkt über die Ebene. Drüben in einer Niederung graste eine Herde von Pferden, und an einem Ende sah ich den großen schwarzen Mustang. Er schien eine Ahnung von unserer Annäherung zu haben und witterte Gefahr. Mit erhobenem Kopfe und weit aufgeblasenen Nüstern stand er dort, ein Bild der Vollkommenheit und Schönheit. Das edelste Tier, das je auf diesen Weiden gegrast hatte und der bloße Gedanke, dieses herrliche Geschöpf zu vernichten, war mir furchtbar. Trotz Jacks wiederholtem Zuruf: »Schnell schießen« zögerte ich, und er, erregt und hastig, verfluchte meine Langsamkeit und griff nach meiner Büchse; wendete dabei die Mündung nach oben, und _ganz zufällig_ ging der Schuß los.
Sofort war die Herde alarmiert, ihr schwarzer Leiter wieherte und kreiste um sie herum, und davon ging es mit klappernden Hufen, in eine dicke Staubwolke eingehüllt.
Jack machte anzügliche Bemerkungen über mich und mein Gewehr, aber ich hatte meine Freude an des Mustangs Kraft und Schönheit, und nicht um den Besitz der ganzen Herde hätte ich ihm etwas zuleide tun können.
III.
Es gibt verschiedene Weisen, einen wilden Mustang einzufangen. Die eine ist bekannt unter dem Fachausdruck »Kitzeln« – d. h. man streift des Tieres Nacken mit einer Gewehrkugel, so daß es für eine Weile betäubt ist; das erfordert jedoch einen außergewöhnlich sicheren Schützen und wird deshalb äußerst selten mit Erfolg angewandt.
Zuweilen, wenn die Bodenbeschaffenheit es zuläßt, kann man die Herde in eine Einzäunung treiben, oft werden die Mustangs auch mit besonders guten Pferden müde gejagt, doch für gewöhnlich pflegt man sie durch ganz langsame, aber unausgesetzte Verfolgung zu ermatten und dann mit der Wurfleine zu fangen.