Bilder der Wunderkunst und des Aberglaubens

Part 7

Chapter 73,718 wordsPublic domain

Als zu Ende des vorigen Jahrhunderts in Rostock der Professor der Mathematik und Hauptpastor an der Jacobikirche, =Becker=, in Gesellschaft verschiedener guter Freunde, die er bei sich bewirthete, in einen theologischen Streit gerieth, indem er behauptete, daß ein bestimmter Gottesgelehrter in seiner Schrift eine gewisse Meinung hegte, welche ein Anderer leugnete, so entfernte er sich und ging in seine Bibliothek, um das Buch zu holen. Daselbst sieht er sich selbst auf dem Stuhle am Tische sitzen, auf dem er gewöhnlich zu sitzen pflegte. Er ging näher und sah über die rechte Schulter des Sitzenden, bemerkte auch, daß dieses sein anderes Selbst mit einem Finger der rechten Hand auf eine Stelle der vor sich liegenden aufgeschlagenen Bibel wieß, und fand, daß es die Stelle war: Bestelle dein Haus, du mußt sterben. – Voll von Gedanken ging er zurück und kam mit einigem Tiefsinn zur Gesellschaft, der er den Vorgang erzählte; und ob man ihm schon die Sache auszureden, auch alle nachtheilige Bedeutung kraftlos zu machen bemüht war, so blieb er doch standhaft bei der Meinung, es würde diese Erscheinung seinen Tod bedeuten, daher er auch von seinen Freunden Abschied nahm. Und siehe, den andern Tag Nachmittags gegen 6 Uhr endigte er sein Leben, obschon im hohen Alter. –

Gewisse Stellen des Gehirns giebt es, die, wenn sie auf diese oder jene Art angegriffen werden, welches durch die Bewegung des Nervengeistes geschieht, das Bild eines Gegenstandes, der außer uns nicht wesentlich da ist, in uns erwecken, und machen, daß der Mensch, dessen Gehirn also beschaffen ist, einige Schritte von sich ein Phantom zu erblicken glaubt.

Becker hatte vielleicht kurz vorher die Bibel wegen einer Leichenpredigt aufgeschlagen und sich jene Stelle lebhaft eingeprägt, die er aber nachher wieder vergessen, weil er ein Mann von hohem Alter war. Da er nun, wie Andere in ähnlichen Fällen, eine Vision seiner selbst erhielt, so war es natürlich, daß ihm beim Nähertreten jene Stelle wieder einfiel und auch diejenige Stellung wieder darstellte, in der er sonst, wenn er studirte, zu sitzen pflegte. Er hatte kurz vorher so gesessen und mit dem Finger, wie alle Leute von schwachem Gesichte es häufig thun, die Schriftstelle gehalten. Die allzugroße Lebhaftigkeit und Stärke seiner Aufmerksamkeit auf den wichtigen Inhalt dieser biblischen Stelle mußte nothwendig eine sehr lebhafte Bewegung des Nervengeistes, die der Stärke der Vorstellung entsprach und gemäß war, zum Begleiter haben, so wie die vergesellschaftete Idee von seinem ehemaligen Sitzen und Weisen des Fingers, durch Hilfe der lebhaften Einbildung, sich seiner Seele in einem großen Lichte darstellte, womit ebenfalls derjenige Grad, in der Bewegung des Nervengeistes, in den Gesichtsnerven verbunden war, der sonst zu sein pflegt, wenn man außer sich ein Weisen mit dem Finger, an einen Ort zu sehen, denket. Becker war nun in banger Erwartung; Furcht und Angst ergriffen ihn, und sein alter schwächlicher Körper wurde zerrüttet.

=Vom Doppelsehen.=

Diese Seher sollen Mordthaten, Ersäufungen, Heiraten, Begräbnisse, Streitigkeiten, Schlachten u. s. w. sehen. Auch sollen sie Geister sehen können. Diese Art Menschen müssen also nebst dem ordentlichen Gesicht noch ein außerordentliches Nachgesicht haben, und solche Doppelseher soll es besonders in Schottland gegeben haben.

Schon eine kurze Zeit vorher sehen sie, was geschehen wird: z. B. einen Mann ohne Kopf, welcher bald enthauptet wird. – Erblicken sie einen Menschen mit einem Tuch um den Kopf gewickelt, so bedeutet es dessen unverhofften Tod. Soll jemand erstochen werden, so erblicken sie einen Dolch in seiner Brust. – Man sieht diese Doppelseher, wenn die Sache wichtig ist, schwitzen, zittern und schreien; andere Zeit lachen sie wieder.

»Aber,« bemerkt der Autor, =Joh. Beaumont=, in seinem historisch-psychologisch- und theologischen Traktat von Geistern, Hexereien u. s. w. – »die Personen, welche diese Gabe besitzen, sind, wie man angemerkt, mehrentheils =lasterhaft=.« – Ueberhaupt sind die Doppelseher leichtgläubige, melancholische Menschen, oftmals Betrüger. –

Die =Pferde= und =Hunde= sollen auch die wandelnden Geister, Hexen und Gespenster sehen und – riechen. –

=Beaumont= erzählt folgende zwei Geschichten von Doppelsehern:

Eine Person von großer Gelehrsamkeit und vornehmen Stande reis’te einst mit vielen Dienern auf den Highlands oder Gebirgen. Einer von ihnen ging etwas voraus, und indem er in ein Haus treten wollte, prallte er mit einem Schrei und Lärmen plötzlich wieder zurück, daß er über einen Stein fiel. Sein Herr fragte ihn, was es gäbe? Da entgegnete er mit ernstem Gesicht: Man solle nicht in das Haus gehen, weil in kurzem ein Todter herausgetragen werden würde, denn verschiedene Personen, die solchen trugen, wären ihm in der Thür begegnet. – Der Herr lachte über diese Geisterseherei und ging in das Haus, erkundigte sich aber doch, ob eine kranke Person vielleicht im Hause wäre. Aber es war keine da. Der Wirth war ein starker, gesunder Highländer. Aber nichts destoweniger starb er am andern Tage am Schlagfluß, ehe der Reisende das Haus verlassen hatte.

Die zweite Geschichte ist folgende:

Verschiedene Personen, die sich in einer gewissen Familie befanden, erzählten dem Autor, daß sie bei ihres Herrn Tochter oft zwei Mannspersonen zur linken Hand stehen gesehen hätten. Sie nannten die Herren und zweifelten nicht, da diese gleichen Standes wären, die Tochter werde einen davon zum Manne erhalten, und vielleicht den andern nach des Ersten Tode. Endlich erschien noch ein Dritter, der der Tochter am nächsten stand, aber die Seher kannten ihn nicht, ob sie ihn schon genau beschreiben konnten. Nach einigen Monaten erschien der Dritte in wirklicher Gestalt, wie er mit der Beschreibung der Seher übereinstimmte. Er heirathete auch kurz darauf die Tochter, und beide leben auf der Insel Skye (nämlich im 16. Jahrhundert).

=Der Poltergeist.=

Manches Gespenster-Blendwerk würde sich in der wahren Gestalt zeigen, wenn ein unerschrockener Muth, dasselbe genau zu untersuchen, sich demselben näherte.

In Ardivilliers in der Picardie, nicht weit von Breteuil, bemerkte man ein oft wiederholtes Lärmen. Die Nacht hindurch schien es, als ob das ganze Schloß in Feuer stünde, wobei sich ein schreckenvolles Geheul hören ließ. Doch ereignete sich dieser ungewöhnliche Vorfall nur zu bestimmten Zeiten im Jahre, nämlich gegen den Tag Aller-Heiligen. Diese Beunruhigung erregte eine solche zaghafte Furcht, welche verursachte, daß Niemand den Muth hatte, diesen Ort zu bewohnen, bis auf den Pachter, der so glücklich war, von diesem Geiste nicht im Geringsten beleidigt zu werden, dahingegen Fremde, die dreist genug waren, daselbst zu schlafen, mit Schlägen so empfangen wurden, daß man die Wirkungen davon lange Zeit auf der Haut sehen konnte. Dieses Geisterspiel dauerte verschiedene Jahre, und that dem Besitzer, einem Präsidenten, beträchtlichen Schaden, weil er dem Pachter sein Landgut um einen sehr geringen Pacht überlassen mußte. Endlich bot er alle seine Kräfte auf, mit Standhaftigkeit dieser Betrügerei, wofür er die Sache mit vollem Rechte hielt, ein Ende zu machen. Daher reiste er um diejenige Zeit auf sein Gut, wo sich der unruhige Geist geschäftig zu beweisen pflegte. Er legte sich in seinem Schlosse zu Bette, und gesellte neben sich noch zwei Edelleute von seinen Verwandten, die den ernstlichen Vorsatz gefaßt hatten, beim ersten Lärm mit Pistolen auf den Geist Feuer zu geben. Allein nur in einer Kammer, die über des Präsidenten seiner befindlich war, erfolgte ein Getöse und Lärmen, das dem Herumschleppen mit Ketten ähnlich war. Zu gleicher Zeit liefen die Frau und die Kinder des Pachters zu dem Präsidenten und beunruhigten ihn mit eifrigen Bitten, er möchte ja nicht in die obere Kammer gehen, weil menschliche Stärke gegen Geister nichts vermöge. Ihre Erzählungen und ihre Bitten bewog die Freunde des Präsidenten, ihn abzurathen, sich nicht in Gefahr zu begeben, sondern die fernere Untersuchung ihnen zu überlassen. Sie gingen auch Beide hinauf, mit der Pistole in der einen und dem Lichte in der andern Hand. Anfangs sahen sie nichts, als einen dicken Rauch, nebst einem hier und da aufblitzendem Feuer, bis nach einiger Vertheilung des Rauchs der Geist in der Mitte sich in ganz schwarzer Gestalt darstellte und allerhand Sprünge machte, doch aber, wegen eines aufs Neue entstehenden Feuers und Dampfes, sich gar bald den Augen der Zuschauer wieder entzog. Dies Ungeheuer, um den Schauer der Anwesenden zu vergrößern, hatte Hörner auf dem Kopfe und einen Abscheu erregenden Schweif, so daß auch der eine Edelmann zur Retirade anrieth, weil hier nichts Natürliches vorhanden sei; der andere war jedoch beherzter und erwiederte, der Rauch sei von Stückpulver, und die große Unwissenheit und Ungeschicklichkeit des Geistes erhelle schon daraus, daß er nicht einmal die Kühnheit und Macht habe, die Lichter auszublasen. Zugleich rückte er auf das Gespenst zu, drückte auch die Pistole, ohne zu fehlen, auf selbiges los, mußte aber dennoch mit einiger Verwunderung wahrnehmen, daß der Schuß ohne Wirkung blieb und das Gespenst vielmehr sich gegen ihn setzte, wodurch der Edelmann beinahe aus seiner Fassung gekommen wäre. Doch ermannte er sich und ging dem Gespenste näher auf den Leib, um durch den Sinn des Gefühls mehreren Aufschluß in seiner Kenntniß zu erhalten, zumal, da er bemerkte, daß der Geist seinem Annähern und Berühren auszuweichen suchte. Da er nun zu nahe anrückte, sprang das Gespenst – hinaus und eilte eine Wendeltreppe hinunter. Man kann leicht denken, daß diese Flucht des Edelmannes Muth stärkte und ihm von dem zu hoffenden Siege Gewißheit gab, daher er muthvoll seinem Feinde nachsetzte, und der mannichfaltigen krummen Wege im Garten ungeachtet, die das Gespenst durchlief, ihn nicht aus den Augen verlor, bis der Geist an einen Maierhof kam, den er offen fand und darin seine Zuflucht suchte. Doch stürzte er erst gegen die Mauer, wo der Edelmann selbigen zu erhaschen glaubte, obschon vergebens; vielmehr sank das Gespenst verschwindend nieder. Hierauf rufte der Edelmann Leute herbei, die an dem Orte, wo das Gespenst verschwunden zu sein schien, nachgraben mußten, wo er dann bald eine Thür zu einem verborgenen Gange gewahrte. Er stieg hinunter und fand seinen Feind nebst guten Matratzen, die verursachten, daß man nicht hart fallen konnte, wenn man übereilt hineinsprang. Nun jagte er das Gespenst heraus und nöthigte es, mit der Wahrheit heraus zu gehen. Und siehe, es war der Pachter, der durch eine derbe Ochsenhaut, die gehörig auf seinen Leib paßte, Pistolenschüsse wirkungs- und kraftlos machte. Er wurde hierauf mit der Bedingung entlassen, daß er seinem Herrn allen verursachten Schaden ersetzen mußte.

* * * * *

Herr _Dr._ Jung tischt uns noch eine andere Geschichte eines =Poltergeistes= auf, wobei er, wie in seinem ganzen Werke, als =eifriger Vertheidiger= der Geister-Erscheinungen, Erklärungen giebt, welche dem gesunden Menschenverstand das Grab bauen müssen.

Ich komme nun zu den Geister-Erscheinungen, sagt er, die das ernste göttliche Gericht auf lange Zeit verurtheilt hat, den lebenden Menschen zum warnenden Beispiel, auf der Grenze zwischen dieser und jener Welt zu verweilen, bis ihr ewiges Schicksal entschieden ist (_sic!_).

Ein gewisser frommer und gebildeter Bürger und Handwerksmeister in einer Stadt schrieb mir vor ein Paar Jahren eine merkwürdige Geister-Erscheinung, die einem seiner Freunde begegnet, aber mit der es noch nicht ganz im Klaren ist, weswegen ich sie auch hier nicht ganz erzählen mag. –

Bei dieser Gelegenheit erwähnte er in seinem Brief einer Geschichte, die er selbst erlebt hat; ich bat ihn, mir diese ausführlich mitzutheilen; hier folgt sie mit seinen eigenen Worten:

Ich kam den 24. Februar 1800 zu meinem lieben unvergeßlichen Meister *** in *** in Arbeit, allwo ich zwei Jahre und sechs Wochen zubrachte, ehe ich mich in die Schweiz, und zwar nach Basel in Arbeit begab. Da ich nun von Jugend auf nichts von Gespenstern (außer einigen schwachen Spuren) gesehen hatte, so war ich Tag und Nacht nicht furchtsam, sondern jederzeit und auch da (in jenem ersten Ort) unerschrocken. Da geschah es nun öfters spät in der Nacht, daß ich in meiner Schlafkammer etwas zu thun oder zu holen hatte, welches ich auch jedesmal im Finstern, für mich und meine Nebengesellen, gern verrichtete, und ich kann wohl sagen, daß ich damals nie etwas gesehen, doch aber schon gehört hatte; das schrieb ich denn, weil ich von nichts wußte und von nichts wissen wollte, und wenn mir’s noch so verdächtig schien, den Katzen, Ratten oder Mäusen zu; und so mögen ungefähr fünf Wochen verflossen gewesen sein, als ich des Nachts ebenfalls einmal, ohne ein Licht mitgenommen zu haben, von meiner Schlafkammer wieder herunter in die Stube kam, daß unsere damalige Magd D.... von St.... zu lächeln anfing, und dabei sagte: der L.... fürchtet sich doch nicht; geht doch einmal kecklich auf die Bühne hinauf; aber ich steh’ dafür, es wird ihm anders kommen, wenn ihm einmal unser Sackträger begegnet, oder sich recht hören läßt. Ich stutzte über diese Rede, doch sagte ich weiter nichts; übrigens ging mir doch ein großes Licht über die Furcht auf, die man für den Hinaufgehen auf den Boden hatte: weil dies nämlich niemand einzeln, geschweige ohne Licht, außer mir, wagte. Daher merkte ich bald, daß man da ein Gespenst ahnen müsse.

Nun war aber meine Spannung, =so etwas= auch zu sehen, oder von der Art, gründlich zu hören, so angefeuert, daß ich des Nachts immer lauerte, bis ich gewissen Grund in der Sache erfahren hatte. Nun waren die Osterfeiertage vor der Thür, und ich schloß schon im Voraus, daß sich in denselben etwas zeigen könnte, und wirklich geschah es auch; denn als ich einmal mit meinen Nebengesellen des Nachts in die Schlafkammer ging, so fing es über derselben, also auf dem vierten Boden (denn unsere Kammer war drei, und dieser Boden vier Treppen hoch), also an dem Ort, wo gewöhnlich von jeher die meisten Unruhen gespürt worden waren, ganz subtil, von hinten her, an zu schlürfen, gerade so, als wenn einer ganz matt und mühsam in alten Pantoffeln einherschleicht, und in der Finsterniß gewisse Tritte sucht. Während diesem waren alle drei Gesellen im Bett, und mein Schlafkammerad schlüpfte indessen so unter die Decke hinunter, daß nichts von ihm bemerkt werden konnte, ich aber behorchte die Sache genau und athmete kaum hörbar. Da sich nun das Geschlürfe von hinten her bis über unsere Bettstellen gezogen hatte, so that es auf einmal einen so fürchterlichen Fall, daß die Fenster und unsere Bettstellen zitterten. Es war just ein Fall, als wenn einer, von der Last gedrückt, einen schweren Sack auf diesen freien Boden hätte fallen lassen. Ich muß gestehen, daß ich noch nie einen solchen schauerlich dumpfen Fall gehört habe; unterdessen dauerte das Schlürfen noch eine Zeit lang fort, ehe es ganz ruhig wurde; jetzt stieß mich mein Nebengeselle, der unter der Decke steckte, an, und sagte ganz leise: Du wirst verstehen, warum wir Dir von einem Sackträger sagten. Ja, antwortete ich laut, den will ich aber auch sehen, ehe ich nur so glaube. – Er versetzte: Pscht! sei doch still, Du machst uns alle noch unglücklich! Ich lachte, und war gerade im Begriff, aus dem Bette und hinauf zu steigen, aber er hielt mich und bat um alles willen, doch stille zu sein und bei ihm zu bleiben. Dies that ich ungern, doch nahm ich mir vor, es zu thun, wenn alle schlafen würden, und er sich wieder hören ließ. Endlich schliefen wir ein.

Des andern Morgens erzählten wir unserm Meister, was sich die Nacht zugetragen und was ich mir vorgenommen gehabt hätte. Dieser hörte es ohne Verwunderung an, und sagte mit einem besondern Nachdruck, der ihm ganz eigen war: Die Unruhen, die Ihr diese Nacht hörtet, sind in unserm Hause nichts Neues, und waren einst die Ursache, daß es mein Großvater kaufen konnte. Er war aus M... in H... und auf der Wanderschaft hieher gekommen, wo er dann einige Jahre zubrachte, ehe er sich entschloß, hier zu heirathen. Dieses Haus stand leer, und der damalige Eigenthümer, ein wohlhabender Mann, war deswegen ausgezogen, und gesonnen, es dem nächsten Besten zu verkaufen. Mein Großvater, ein religiöser und unerschrockener Mann, benutzte diesen Umstand und ging hin, es zu kaufen. Jener gab ihm sogleich die Schlüssel, daß er es selbst besehen konnte; aber er selbst ging nicht mit, sondern überließ es ihm sogleich käuflich um einen sehr geringen Preis und erzählte ihm, warum das Haus so ins Unglück gekommen und was ihm von den Vorfahren her gesagt worden sei, nämlich: es sei vor dreihundert Jahren ein Kapuzinerkloster gewesen, von denen einer noch diese Stunde im Hause umherschwebe und des Nachts, besonders auf jenem Boden, die Menschen beunruhige. Die Ursache, warum? habe bisher Niemand erfahren können; aber die Kennzeichen eines ehemaligen Klosters könne er in dem Hause selbst, so wie auch an den daran gebauten, wahrnehmen, z. B. Klostergemälde, Altäre, Kreuzgänge, ehemalige Zellthüren; und wenn er hinter dem Ofen in der mittlern Wohnstube nachsehe, so würde er die Jahrzahl 1550 sehen. Da muß aus einer Zelle erst diese Stube gemacht worden sein. (Dies alles ist auch noch so, sagte mein Meister, wie Ihr selbst seht.) Aber alle diese Kennzeichen hinderten meinen Großvater nicht; er zog ein und wohnte darin. Nun hörten wir zwar von ihm, daß sich von Zeit zu Zeit ein Gepolter und ein solcher Fall im Hause habe hören lassen, aber so öfters und so heftig sei es damals nicht gewesen, auch habe er und die Seinigen nie etwas zu Gesicht bekommen, und schon damals war dem Unruhmacher der Name =Sackträger= gegeben worden. Unter diesen Umständen starb mein guter Großvater, und mein seliger Vater bekam das Haus. Jetzt wurde die Unruhe etwas lauter.

Um diese Zeit bekam ein Bäcker, Namens ***, das untere Stock zur Wohnung. Da dieser nun einstmals des Morgens vor Tage an seinem Ofen stand und gerade sein Brod eingesetzt hatte, hörte er endlich das schmale Gänglein herauf, das von der großen steinernen Kellertreppe in den Hausgang, wo der Backofen ist, führt, ein leises Schlürfen, das ihm die nahe Ankunft eines lebenden Wesens verkündete und auch wirklich nach einer langen Pause einen langbärtigen, ältlichen, mit einer Kutte und einer ziemlich schwarzen Schlafmütze gekleideten Kapuziner gegen ihn herauf kommen sah. Er aber, statt stehen zu bleiben und etwa sein Begehren anzuhören, erschrak so sehr, daß er in seine Stube hineinfloh, alles verschloß und verriegelte, sein Brod im Ofen stecken und, weil er vor hellem Tage nicht heraus ging, alles darinnen verbrennen ließ. Dies war das erste Gesicht von ihm im Hause. Hernach hat ihn in eben dieser Gestalt auch unser, auf diesem Boden wohnender Hausherr, der Weber gesehen, gerade als er die Steige des dritten Bodens auf den vierten hinaufschlich. Auch liegen des Webers Gesellen, die neben Eurer Schlafkammer lagen, um der öftern nächtlichen Beunruhigungen willen, nicht mehr droben, sondern sie schlafen lieber in ihrer auch noch so ungesunden Werkstätte. Und jene Kammer steht auch leer bis diesen Tag. Dieses ist es, sagte mein guter Meister, was ich von diesem Umstand zu reden weiß. Das war mir aber einstweilen schon genug, ich kannte ihn, daß er mit der Stange im Nebel zu fahren nicht gewohnt war, sondern wenn die Sache nicht bestätigt gewesen wäre, lieber nichts daraus gemacht hätte. Ich sagte daher: diesen Kapuziner möchte ich nun auch sehen. – Ja, sagten Alle, sei Er nur nicht frech, wir wollen Ihm gewarnt haben. Indessen konnte ich doch fast nicht erwarten, bis ich wieder Gelegenheit hatte, die Sache mit anzuhören, allein es geschah nicht alle Nacht, sondern sehr unbestimmt.

Endlich aber wurde gegen Johanni hin meines lieben Meisters seliger Bruder, ein Zeugmacher, der unter unserer Schlafstelle wohnte, krank, und je mehr seine Krankheit stieg, desto heftiger ließ sich der Geist oben auf der Bühne hören, so daß ich über dem Anhören dieser übernatürlichen Bewegungen, Tönen und Fallen manche Stunde schlaflos zubrachte[28]. Dies sagten wir dann unserm Meister, dem ging es diesmal mehr zu Herzen, weil er die Ursache nicht reimen konnte, besonders aber, als vollends mein Nebengesell, der Schaden an seiner Gesundheit angab, gehen wollte. Ich flößte diesem Muth ein, so viel ich konnte, und er blieb dann auch wirklich bis folgende Weihnachten. Aber die Krankheit des lieben seligen *** stieg, und er nahete sich, im Glauben an Jesum dem Gekreuzigten, seinem seligen Ende und ging ein zu seines Herrn Freude. Ich war bei seinem Heimgang, und die Eindrücke sind und bleiben mir unvergeßlich; ich half seine Hülle tragen in die dritte Kammer von der Stube abwärts, wo sie lag bis an den dritten Tag, ehe dieses Saamenkörnlein auf Hoffnung unsern Augen entzogen wurde. Des Abends, da ich vorher manche Nacht gewacht hatte, ging ich mit meinem Nebengesellen zu Bette; aber was geschah? Jetzt ließ sich der Geist auf eine solche Art hören, daß es mich noch schaudert, wenn ich daran denke; denn kaum hatten wir uns niedergelegt, so fing es wieder an, von hinten schwer und langsam vorwärts zu schleichen. Meine zwei Nebengesellen verkrochen sich abermals unter die Decke, allein diesmal nützte es nichts, denn diesen Vorgang hörten alle, weil es gleich darauf einen solchen schrecklich schauerlichen Fall that, daß wieder alles zusammen zitterte. Ich behorchte es genau, und hörte, daß es nun eine Pause todtstill war, aber nun schauderte mich’s, als sich nach derselben ein Mark und Bein durchdringender hohler Seufzer hören ließ; diesen zu beschreiben, wäre vergeblich: denn ich darf behaupten, daß kein Mensch und keine Kreatur einen solchen kläglichen, trauer- und schauerlichen Ton von sich geben kann; und als dieses geschehen, war es, wie wenn ein schwer Gefallener sich wieder allmälig aufzuraffen suchte und doch nie zum Gehen kommen kann, sondern im Begriff des Aufstehens wieder unter der Last zusammenbricht und eine Pause wieder ohnmächtig da liegt. Denn nun fing es an sich aufzusteupern und dann wieder auszuglitschen, und darunter hinein die fürchterlichsten Seufzer hören zu lassen. Kurz, diese Scene war fast nicht anzuhören, und das Nämliche ließ sich auch in der zweiten Nacht hören.

[28] Der Erzähler vergißt, daß er bei der nächsten Gelegenheit auf dem Boden gehen wollte. d. H.

Glauben Sie ja nicht, daß dieses von boshaften Menschen hätte geschehen können, denn, wie gesagt, Keiner wär’ es im Stande gewesen, und aus dem Hause wäre um alles in der Welt Niemand auf den Boden gegangen, und von außen konnte Keiner herein. Nach der Beerdigung des seligen Mannes sagten wir unserm Meister nun, was sich in den verflossenen Nächten ereignet habe. Diesem ging der Schmerz bis an die Seele; er erzählte die Geschichte dem seligen Herrn Consistorialrath *** und dann auch dem Herrn Hofkaplan ***, besonders aber bezog er sich auf die letzten Unruhen. Allein diese ließen sich auf die Sache nur in so weit ein, daß sie den Schluß machten: es scheine, daß, da sein seliger Bruder so selig in jene Wohnungen übergegangen, es diesem noch unseligen Geiste sehr schmerzen müsse, daß er auf diese Weise noch hier schweben solle, das scheine sein Seufzen und Stöhnen und die außerordentliche Unruhe über den Heimgang seines seligen Bruders zu beweisen. Allein, daß er sich nicht sowohl sehen als hören lasse, daraus sei zu schließen, daß seine Erlösung noch ferne sein müsse. Diese Aeußerungen waren meinem lieben Meister theils erfreulich, theils betrübend, weil er auf diese Art so bald keinen Ausgang hoffen durfte.