Bilder der Wunderkunst und des Aberglaubens

Part 6

Chapter 63,599 wordsPublic domain

Freilich ist ein gebratener Hase in der Schüssel besser! – Was sollte aber der arme Hase Schuld haben, wenn einem etwas Unangenehmes begegnete!

=Wenn man aus dem Hause geht oder verreis’t, soll man nicht wieder umkehren, sondern das Vergessene durch Andere bringen lassen.=

Wenn man umkehrt, sollen die Verrichtungen nicht gelingen. – Es ist zwar besser, man vergißt gar nichts; aber wenn es geschehen und man unterweges auf jemand warten soll, bis er das Vergessene nachbringe, so verliert man Zeit und hat oft Schaden davon.

=Wenn einem am Morgen beim Ausgehen ein altes Weib begegnet, ist es nicht gut.=

Dieser Aberglaube ist daher entstanden, daß man vielen alten Weibern Hexerei Schuld gab. Es mag einem aber ein altes oder junges Weib begegnen, die Geschäfte werden nie anders.

=Wenn ein Frauenzimmer in der Christnacht geschmolzenes Blei ins Wasser gießt, erfährt es durch die Figuren, was der künftige Gatte für ein Geschäft treibt.=

Diese Narrenpossen werden noch jetzt in vielen Ländern getrieben, und manches gute Mädchen hat sich sehr betrogen gefunden, denn wer leicht glaubt, wird leicht betrogen; sie sieht in den zerrissenen Stücken Blei immer gern das, was sie wünscht. – Auch ziehen die abergläubischen Mädchen in der Christnacht rückwärts ein Scheit aus einem Holzstoß, um zu erfahren, ob ihr Zukünftiger lang oder kurz, krumm oder gerade sein werde.

=Helle Christnacht, finstere Scheuern; finstere Christnacht, helle Scheuern.=

Dies ist wohl eine alte Bauern-Regel; wenn der Mond in der Christnacht hell scheinet, so soll das Jahr fruchtreich und die Scheuern voll und finster sein; wenn aber Neumond und trübes Wetter ist, sollen die Scheuern nicht voll werden. – Der alte Julianische und der neu verbesserte Kalender weichen von einander ab, folglich, da diese und andere Bauern-Regeln schon alt sind, kann es auch jetzt mit der richtigen Zeit nicht eintreffen, welches also die Unrichtigkeit schon darin beweiset, denn einige Erfahrungen machen noch keine bestimmte Regel.

=Zwischen Todten und Lebendigen soll eine Sympathie herrschen.=

Wenn man dem Todten etwas von einem Lebendigen in das Grab legt, soll Letzterer nicht lange leben. Dieser Aberglaube ist noch nicht erloschen, und sonderbare Beispiele werden davon erzählt. Aber es geht wohl natürlich zu. Derjenige, dem die Sache gehört, welche in das Grab gelegt worden, und an die =Fabel= glaubt, wird durch seine Einbildung sich selbst bald in das Grab bringen, ohne daß der faulende Todte daran schuld ist.

=Wer auf dem Acker etwas säen will, der soll den Saamen nicht auf den Tisch legen, er geht sonst nicht auf.=

Wenn man Korn oder Waizen, das man zum Saamen bestimmt hat, aus Noth mahlen und backen läßt, so kommt er freilich auf den Tisch, und die Aussaat ist gehindert. Dies mag ein Spaßvogel gedacht haben, und andere nahmen es ernsthaft auf.

=Wenn die Kinder schwer reden lernen, soll man ihnen Bettelbrod zu essen geben.=

Dies ist wahrscheinlich dadurch entstanden, daß die meisten Bettelkinder große Fertigkeit im Sprechen haben, um ihr Brod zu erbetteln, und dies Brod soll nun die Eigenschaft erhalten, andere wieder bald reden zu machen!

=Ein Fremder soll, ohne sich gesetzt zu haben, nicht aus der Stube gehn.=

Man glaubt, es nehme den Kindern die Ruhe. Der Ursprung dieses Aberglaubens ist schwer zu suchen. Vielleicht mag es daher kommen: Jemand, welcher im Zimmer steht, ist oft der Hausfrau hinderlich, und macht mehr Geräusch, als der Sitzende, wodurch das schlafende Kind gestört wird.

=Aus dem Korn der zuerst ausgedroschenen Garbe kann man sehen, wie das Korn das folgende Jahr alle Quartale steigen und fallen werde.=

Die Landleute machen folgendes Experiment: Wenn sie anfangen zu dreschen, nehmen sie die erste Garbe aus der Scheuer (Andere nehmen auch die erste Garbe, die auf dem Felde gebunden worden ist), dreschen das Korn aus, und nehmen dann ein Gefäß, machen solches voll Korn, streichen es ab und schütten es auf den Tisch, welches das erste Vierteljahr bedeutet. Dieses Gefäß messen sie vier Mal. Wenn dieses geschehen, nehmen sie den ersten Haufen und schütten es wieder in das Gefäß und streichen es abermals ab. Wenn nun etliche Körner abfallen, so bedeutet es ein wohlfeiles Vierteljahr; streichen sie aber nichts ab, so wird das Korn aufschlagen. Auf diese Weise machen sie es mit den übrigen drei Haufen. – Kann sich aber bei Messung des Korns nicht zutragen, daß man nicht immer =gleich= abstreicht? daß man an den Tisch stößt, und bald etwas mehr oder weniger hat? Man mache nur den Versuch zur Ueberzeugung und lasse noch Einige dies Experiment machen, – wie verschieden wird die Weissagung ausfallen!

=Wenn das Jüdel die kleinen Kinder nicht ruhen läßt, soll man dem Jüdel etwas zu spielen geben.=

Viele Weiber werden nicht einmal das =Jüdel= kennen, und doch treiben sie damit Aberglauben. Kleine Kinder von wenig Wochen thun oft während des Schlafes die Augen halb auf, und die Augenäpfel wenden sie in die Höhe, fangen an zu lächeln und schlafen dann wieder fort, oder schreien. Wenn dieses geschieht, sagen die Abergläubischen: »das Jüdel spielt mit dem Kinde.« Um dem Kinde Ruhe zu geben, machen sie Folgendes: Sie kaufen, ohne zu handeln, einen kleinen, neuen, irdenen Topf mit einem Quirl, darein wird etwas von des Kindes Badewasser gegossen und auf den warmen Ofen gesetzt, damit soll das Jüdel spielen und das Wasser herausspritzen. Nach einigen Tagen finden sie kein Wasser mehr im Töpfchen und glauben, das Jüdel habe es herausgespielt, ohne zu untersuchen, daß es durch den warmen Ofen eingetrocknet ist. Ferner blasen sie Eier in des Kindes Brei und in die Suppe der Mutter aus, und hängen dann die hohlen Eierschalen mit einigen Kartenblättern mit Zwirn an des Kindes Wiege, daß alles frei schwebet. Wenn nun die Stubenthür aufgeht, oder es bewegt sich Jemand rasch in der Stube, daß die leichten Sachen sich bewegen müssen, da rufen die alten Weiber: Seht, wie das Jüdel mit den Sachen an der Wiege spielt! – Welche Albernheiten! und doch geschehen sie! Das Kind aber wird fort die Augen verdrehen und lachen und weinen, ohne das Spiel des Jüdels. Man gebe dem Kinde, welches Krämpfe hat, eine dienliche Arznei, und das alberne Jüdel verschwindet gewiß.

=Eisenkraut öffnet verschlossene Thüren.=

Man soll es, wenn der Sirius sich sehen lasse, so daß Mond und Sonne einen nicht bescheinen, und zwar mit der linken Hand aus der Erde mit einem eisernen Instrumente graben. Die Griechen nennen dies Kraut _Peristecon_, die Römer _Verbena_, und wurde für ein heiliges Kraut bei den Opfern gehalten; doch unser Eisenkraut ist es nicht, daher wir auch das Experiment nicht machen können.

=Das Osterwasser=

wird geholt am heiligen Abend zwischen 11 und 12 Uhr, aber stillschweigend. Es soll sich lange aufbewahren lassen und, damit gewaschen, eine feine Haut machen. – =Jedes Wasser=, das im Frühlinge, und wenn die Sonne nicht scheint, geschöpft wird, hält sich länger und ist weicher, als das zur andern Zeit und im Sommer geschöpfte.

=Der Scharfrichter weiß vorher, ob ein Delinquent gerichtet werden soll.=

Das Richtschwert, welches gewöhnlich in einem Schranke an einem Nagel hängt, fängt an sich hin und her zu bewegen. – Der Scharfrichter erfährt schon eine zeitlang vorher, wenn auch nicht direct durch das Gericht, sondern durch Hörensagen, daß ein Gefangener zum Tode verurtheilt werde, und er und die Seinigen, welche von den Urältern her jene Sage glauben, werden auch, in ihrer Einbildung, das Schwert sich bewegen sehen oder hören. – So soll auch der Todtengräber und der Tischler, der Särge macht, zuvor wissen, wenn Jemand stirbt.

=Es soll gefrorne und eingeschlossene Worte geben.=

Welcher Unsinn! Kann man wohl glauben, daß Worte durch Kälte erhalten, oder in ein gewisses Behältniß eingeschlossen und zu seiner Zeit wieder gehört werden können! Was für eine Kälte müßte das sein, und sollte der Mensch nicht =zuerst= erfrieren? Wie sollte aber auch die Luft gefrieren können? – Man hat dieses Märchen vielleicht vom _Ovid. Metamorph. L._ II, 4. genommen, wo der Schilf die Worte hören ließ: Midas hat Eselsohren.

=Ein Hahnenei muß über das Dach geworfen werden, denn es bringt Unglück.=

Aus einem Ei, welches ein zehnjähriger Hahn legen und von einer Kröte im Miste ausgebrütet werden soll, soll ein monströses Geschöpf, der =Basilisk=, entstehen, welcher sich in alten Höhlen, Brunnen und Gemäuern aufhält. Es soll existiren, weil es die Bibel selbst sagt, Esaiä 59, 5. und Jeremias 8, 17. – Viele Gelehrte haben in den ältern Zeiten über dieses fabelhafte Thier geschrieben, nur Einige haben es verworfen.

Dieser Basilisk soll mit seinen Augen die Menschen tödten und alles um sich her mit seinem Hauche vernichten können; so bald er sich aber selbst sieht, stirbt er. – Er wird auf verschiedene Weise beschrieben, da ihn wohl Niemand lebendig oder todt gesehen haben wird, außer in einem Bilde, von Betrügern gemalt. Er soll die Größe eines Huhns haben, Kopf und Hals gleiche einem indianischen Hahne, Kamm und Hals sei gelbblau, der Leib und die Flügel gelb, blau, roth und grün gesprengt, habe lange gelbe Füße wie ein Hahn, und einen aufrecht stehenden, gekrümmten, gespitzten und gesprenkelten Schwanz.

So zeichneten auch die Alten ihre fabelhaften Thiere.

Im Jahre 1671 zeigte ein Herumstreicher einen Basilisken, der in Afrika mit Feuer getödtet worden sein sollte, und Gelehrte, wie Happelius und _Dr._ Wedel in Jena, beschrieben das Thier; aber nachher erfuhr Letzterer in Hamburg von dem Besitzer selbst, daß der Basilisk ein =gekünstelter= gewesen sei.

=Von der Todtenuhr.=

Wenn dieses Insekt hinter alten Tapeten oder Getäfel, gleich einer Uhr in abgemessenen Schlägen, pickt, dann denkt der Abergläubische an Unglück und Tod. _Linnæus_ nennt diesen Wurm _Termitem fatalem_, und ist die bekannte =Papierlaus= oder =Bücherstaublaus=.

=Von Vampyren und schmatzenden Todten.=

Unter den schmatzenden Todten versteht man gewisse todte Körper, weiblichen Geschlechts, welche, wenn Seuchen grassiren, ihre Grabtücher, Todtenhemde und andere Leichengeräthe belecken und dabei schmatzen und, so weit sie mit dem Munde reichen können, alles verzehren. Und dies soll geschehen, wenn man dem Verstorbenen den Daumen nicht aus der Hand gethan, oder den Mund nicht unbedeckt gelassen.

Das Schmatzen (vielleicht Pochen) im Grabe kann nur von einem lebendig Begrabenen oder von andern natürlichen Dingen, wie nachstehende Erzählung beweiset, herrühren.

In Angerburg ließ sich ein Schmatzen auf dem Gottesacker hören. Es kamen viele Menschen, um ihre Neugierde zu befriedigen, dahin. Sie hielten ihre Ohren nahe an ein Grab, aus dem das Schmatzen seinen Ursprung haben sollte, bis sich endlich zeigte, daß es eine Wirkung =junger Eulen= sei, die in einem Mauerloche der Kirche, welche nahe dabei war, befindlich waren.

=Die Vampyren oder Blutsauger.=

Sie haben mit den obigen Verwandtschaft. Man versteht darunter todte menschliche Körper, welche aus den Gräbern steigen, den Lebendigen das Blut zur Nacht aussaugen und sie dadurch tödten sollen. Unter den Raizen, Serviern ist dieser Aberglaube stark. Einem solchen Vampyr durchstößt man das Herz mit einem spitzigen Pfahl und verbrennt den Körper.

=Die ominöse Zahl =13.

Vernünftige Personen haben noch jetzt den Aberglauben, mit 13 Personen nicht an Einem Tische zu essen, aus Furcht, einer unter ihnen möchte in wenigen Monaten eine Beute des Todes werden. – Dies kann immer geschehen, ohne daß die arme Zahl daran schuld ist.

=Exorcismus.=

Ist es wohl glaubhaft, daß die sogenannten Exorcisten, namentlich die Jesuiten, Kapuziner u. a. m. ihre Worte, welche sie zu Beschwörungen herplauderten, verstanden, und daß dieselben eine Kraft haben sollen? – Man höre nur die barbarischen Worte: _Theos Patir Heminas per Archangelos Tuos Eliphamasi Gelonucoa, Gebeche Banai Grabiai Elomnit_ u. s. w.

=Mittel, wenn das Vieh beschrieen worden ist.=

Um die Hexe, welche das Vieh beschrieen hat, kennen zu lernen, macht der Abergläubische mit dem Pfahleisen ein Loch in den Kuhstall, melkt die Kuh, indeß er das Eisen glühend macht, gießt dann die Milch in das Loch, und buttert mit dem glühenden Eisen so lange, bis die Hexe kommt, welche, wie er glaubt, während diesem Buttern so sehr gepeinigt wird, daß sie nicht weiß, wohin. Dann soll sie in der Angst kommen, und etwas verlangen, um dadurch das Buttern zu verhindern. Man macht daher den Hof und die Thüren fest zu, damit sie nicht herein kann. Mancher ist dadurch in den Hexenverdacht gekommen, daß er zufällig gerade zu der Zeit an ein Haus kam, da dergleichen Alfanzerei getrieben wurde.

=Das Mutisheer.=

Es soll eine Menge Kinder sein, welche in den Wochen gestorben, ehe sie zur heiligen Taufe gelangen konnten, und daher unwürdig seien, im Himmel aufgenommen zu werden, und hielten sie sich bald da, bald dort unter vielem Winseln und Seufzen in der Luft auf. Sehr oft will es der Pöbel gehört haben. – Im Virgil _Aen._ VI. _v._ 435. steht etwas ähnliches.

=Wenn man einer wichtigen Sache Ausgang erfahren will, muß man die Bibel von ungefähr aufschlagen; was man zuerst erblickt, daraus entdeckt man das Gesuchte.=

Diesen Aberglauben mag nachfolgende Erzählung widerlegen.

Einst wollte ein Edelmann wissen, ob er eine mit Dornen und Stechbeeren bewachsene Haide urbar machen solle. Er ließ also die heilige Schrift den Anspruch bestimmen und traf auf die Stelle Jeremiä 10, 19: =Ich denke aber, es ist meine Plage, ich muß sie leiden.= So unterblieb das nützliche Vorhaben.

=Das Nasenbluten zu stillen.=

Eine Kornblume mit der Wurzel ausgezogen und diese in der Hand gehalten, bis sie erwarmt, stillt das Nasenbluten. – Dieses wird von selbst geschehen, wenn man so lange Zeit wartet.

=Der Haselstock thut Wunder.=

Wenn man einen kleinen Vogel, den Zaunkönig, oder ein kleines Stück Fleisch an einen Haselstock steckt und diesen als Bratspieß gebraucht, dreht sich der Stock von selbst über den Kohlen. – Dabei ist aber weder der Vogel, noch das Fleisch schuld, sondern das Holz zieht sich von der Hitze natürlich zusammen und – dreht sich.

=Vom Alpdrücken.=

Der Alp soll eine Hexe, wohl gar der Teufel selbst, oder irgend ein Gespenst sein. Er kommt durch das Schlüsselloch in das Schlafzimmer, wirft sich auf die Bettdecke, zieht sie auch wohl gar herab und peinigt den Schlafenden. – Lebhafte und schreckhafte Träume erzeugen im Körper ein Zusammenziehen der äußern Theile, krampfhafte Zufälle, Erstarrung u. s. w. Vollblütigkeit, das Liegen auf dem Rücken, das niedrige Kopfliegen, Ueberladung des Magens erwecken jene ängstlichen Träume und – das Alpdrücken. (S. Nicolai Pathologie, VI. Bd. S. 180 ff.)

=Heilung einer Fistel.=

_Dr. Joh. Dolæus_ erzählt in den Medizinisch-chirurgisch-anatomisch-chymisch- und botanischen Abhandlungen _Tom._ V. Wahrnehm. LXI.:

Da ich mich an dem Hofe der Durchlauchtigsten Fürstin von Nassau-Diez aufhielt, so erzählte mir der berühmte _Dr._ Geilfuß, es seie ihm jemand bekannt, der lange Zeit an dem Schenkel mit einer Fistel beschwert gewesen, woraus verschiedene Dinge, als Leinwand, Stückchen Papier, Haare u. s. w. hervorkamen. Man habe vielerlei Arzneien, aber vergeblich, gebrauchet; endlich habe sich ein Mensch, den der Pöbel für einen Zauberer hielt, angegeben, und das Geschwür in Kurzem zu heilen versprochen. Als man ihm nun die Cur anzufangen erlaubt, so habe er ein aschfarbiges Pulver in die Wunde gestreuet, und blos dadurch den Kranken in wenig Tagen geheilet. _Dr._ Geilfuß versicherte mir, es sei dieses Pulver nichts anderes, als =Asche von einer verbrannten Hexe= gewesen.

Solche Dinge glaubten damals auch =gelehrte Männer=!

=Dritte Abtheilung.=

Erzählungen von =Geister=- und =Gespenster-Erscheinungen=, mit hier und da eingestreuten natürlichen Erklärungen.

_Verba movent, Exempla trahunt._

Das Gespenst im Hause.

_Plinius Secundus Epistol. lib. 7. p. 252._ erzählt seinem Freunde =Sura= eine Geschichte von einem Hause in Athen, welches von einem Geiste auf eine erschreckliche Art wäre bewohnt worden, und hätte leer gestanden, bis endlich der Philosoph =Arthenodorus= hineingezogen, den Poltergeist erwartet habe, und ihm bis in den Hof gefolgt, wo er verschwunden sei. Den Ort habe er gemerkt, diesen der Obrigkeit angezeigt und aufgraben lassen, wo man denn die Gebeine einer Person gefunden hätte, welche in Ketten gelegen, und die er habe begraben lassen; worauf das Haus nicht mehr beunruhigt worden wäre.

Mehrere Schriftsteller haben Plinius nachgeschrieben, obgleich er selbst sagt, _ex ponam ut accepi_ (daß er das Erzählte =gehört= habe), und folglich bleibt die Geschichte ein Märchen!

=Anzeigen des Todes.=

I.

Der Rektor Gottfried =Vockerodt= in Gotha, der 1727 starb, hinterließ einen Sohn, welcher in Halle studirte. Dessen Mutter und Schwester wohnten noch in Gotha. Einstmals, da beide in der Stube sitzen, hören sie, daß jemand mit starken Schritten die Treppe herauf kömmt. Die Mutter geht hinaus, und erblickt ihren Sohn, der sich vor sie stellt, aber zu ihrem Schrecken eine große Wunde in der Brust hat, aus der das Blut hervorströmt. Da sie ihn anreden will, sinkt er vor ihr nieder und verschwindet. Am folgenden Tage erhält sie durch einen Boten die Nachricht, daß ihr Sohn um dieselbe Stunde, da er ihr erschienen war, auf der Saalbrücke in Halle erstochen worden sei.

Diese Erscheinung ist wegen der dabei eingetroffenen Umstände, als wichtig für den Geisterglauben, anzusehen; jedoch ebenfalls, wie alle andern, wo historischer Beweis der Thathandlung und die Glaubwürdigkeit der Zeugen fehlen, widerlegbar. Auch sind vorhergegangene Umstände der Mutter nicht berührt worden, welche fähig gewesen sein können, diese Vision zur Wirklichkeit zu bringen. Konnte nicht ein Landsmann der Mutter kurz vorher von ihres Sohnes bevorstehendem Duell Nachricht gegeben haben, und sie sich mit gewissen Vorstellungen gequält, bis sie jene Vision hatte, zu welcher Zeit ihr Sohn zufällig erstochen wurde. – Warum erschien das Gespenst nicht sogleich in der Stube, und machte erst Geräusch eines Kommenden, das die Mutter dann allein sahe?

II.

_Dr._ =Jung=, genannt Stilling, erzählt in seiner »Theorie der Geisterkunde, Nürnberg 1808.« eine ihm merkwürdige Geschichte. Dieser sonst würdige Verfasser hat indeß mit seiner Theorie gezeigt, daß er ein Schwärmer und der =abergläubigste Kopf= sei; er hat alles =frischweg= geglaubt und so leider! dem Publikum wieder gegeben. – Seine Wahrheit sucht er besonders auf Glaubwürdigkeit der Personen zu stützen, die es erzählt haben, oder denen es selbst geschehen ist. Von vielen solchen abergläubigen und unsinnigen Erzählungen, die, wenn sie ein Leichtgläubiger und Ungebildeter liest, den größten Schaden nur bringen können, wollen wir die wichtigste herausheben, welche nach der Erzählung des ehemaligen kaiserlichen geheimen Rathes von Seckendorf hier notirt worden ist.

König Friedrich Wilhelm I. von Preußen, Vater König Friedrichs II., stand mit dem König August II. von Polen in so freundschaftlichen Verhältnissen, daß sie einander, wenn es möglich war, wenigstens einmal des Jahres sahen. Dies geschah auch noch kurz vor dem Tode des Letzteren. Derselbe schien sich damals ziemlich wohl zu befinden, nur hatte er eine etwas bedenkliche Entzündung an einer Zehe. Die Aerzte hatten ihn daher für jedes Uebermaas in starken Getränken sehr gewarnt, und der König von Preußen, welcher dieses wußte, befahl seinem Feldmarschall von Grumbkow (der den König bis an die Grenze begleitete und ihn dort in einem königlichen Schlosse nach Standesgebühr bewirthen sollte), daß er bei jenem Abschiedsschmauß alles sorgfältig vermeiden möchte, wodurch die dem König von Polen aus erwähnter Ursache von den Aerzten so sehr empfohlene Mäßigung im Genusse des Weines überschritten werden könnte.

Als aber König August noch gleichsam zu guter Letzt einige Bouteillen Champagner verlangte, so gab Grumbkow, der diesen Wein selbst liebte, nach, und genoß dessen auch seiner Seits so viel, daß er sich, indem er über den Hof des königlichen Schlosses in sein Quartier ging, an einer Wagendeichsel eine Ribbe zerbrach und sich daher in einem Tragsessel zum König August bringen lassen mußte, als dieser seine Reise des andern Morgens sehr früh fortsetzen und ihm noch einige Aufträge an König Friedrich Wilhelm geben wollte. Hierbei war der König von Polen, außer einem vorn geöffneten Hemde, nur mit einem kurzen polnischen Pelz bekleidet.

In eben diesem Aufzuge, nur mit geschlossenen Augen erschien er am 1. Februar 1733 früh, ungefähr um drei Uhr, dem Feldmarschall von Grumbkow und sagte zu ihm:

_Mon cher Grumbkow! je viens de mourir ce moment a Varsovie._

Grumbkow, dem die Schmerzen des Ribbenbruches damals noch wenig Schlaf gestatteten, hatte unmittelbar zuvor, bei dem Scheine seiner =Nachtlampe= und durch seine dünnen Bettvorhänge, bemerkt, daß sich die Thür seines Vorzimmers, worin sein Kammerdiener schlief, öffne, daß eine lange menschliche Gestalt herein komme, in langsam feierlichem Schritt um sein Bett herumgehe, und seine Bettvorhänge schnell öffne. Nun stand die Gestalt König Augusts gerade so, wie Letzterer nur wenige Tage vorher lebendig vor ihm gestanden hatte, vor dem erstaunten Grumbkow, und ging dann, nachdem er obige Worte gesprochen hatte, wieder zu eben der Thür hinaus. Grumbkow klingelte, fragte den zur nämlichen Thür hereineilenden Kammerdiener: ob er den nicht auch gesehen habe, der so eben gerade da herein und hinaus gegangen sei? – Der Kammerdiener hatte nichts gesehen.

Grumbkow schrieb sogleich den ganzen Vorgang an seinen Freund, den damals bei König Friedrich Wilhelms Hoflager befindlichen kaiserl. königl. Gesandten und Feldmarschall Grafen von Seckendorf, und bat letzteren, die Sache dem König mit guter Art bei der Parade zu hinterbringen. Bei dem Gesandten von Seckendorf befand sich, als ihm das Grumbkowsche Billet schon früh um fünf Uhr zukam, dessen Schwestersohn und Gesandtschafts-Sekretär von Seckendorf, nachheriger Brandenburg-Anspachscher Minister, und zuletzt kaiserl. Geheimer Rath. Jener sagte zu diesem, indem er ihm das Billet zum Lesen darbot: sollte man nicht denken, die Schmerzen hätten den alten Grumbkow zum Visionär gemacht? Ich muß aber den Inhalt dieses Billets noch heute dem König hinterbringen.

Nach vierzig Stunden (wenn ich nicht irre) langte durch die von Warschau bis Berlin von drei zu drei Stunden unterlegten Polnischen Uhlanen und Preußischen Husaren die Nachricht in Berlin an, daß der König von Polen in der nämlichen Stunde, da Grumbkow jene Erscheinung gehabt hatte, zu Warschau gestorben sei.

Die Wahrheit dieser Geschichte, fährt der Verf. fort, beruht auf der Glaubwürdigkeit solcher Personen, an deren Kopf und Herz zu zweifeln Verbrechen sein würde. =Sie ist also gewiß!= –

Können denn große Herren nicht auch Visionen, wie ein anderer gemeiner Mann, haben und sich selbst täuschen? – Grumbkow konnte nicht schlafen, seine Schmerzen rührten von dem übertretenen Befehl her, keinen Wein dem König von Polen zu geben, welchen er selbst im Ueberfluß genossen hatte. Er dachte natürlich an den schon kranken König, welches Uebel ihn ergriffen haben würde. Diese Gedanken wurden zur fixen Idee bei ihm, die Einbildung wirkte mit, und die Erscheinung läßt sich durch die Sinnen-Täuschung, wie alle übrigen, natürlich erklären. Und des Königs Tod zur selbigen Zeit giebt blos der Erzählung einen Anstrich von Wahrheit, doch keine Ueberzeugung, da alle Nebenumstände des kranken Grumbkow fehlen.

Das Sehen seiner selbst.