Part 44
Und er hatte sie schon, die zappelte, gepackt. Sie warf sich einen Augenblick widerspenstig, weil er nicht zürnen wollte, auf die Seite, aber bald brannten sie zusammen.
Und es gelang ihr nicht ernst zu bleiben, wenn sie ihn abends anleuchten sah. Ja, sie bemerkte, daß sie fröhlich und fröhlicher wurde. Und auch er wurde von Tag zu Tag fröhlicher. Sie verbargen sich voreinander. Ibis sagte zu Laponie: „Wir lieben uns zu sehr. Wir müssen uns eine kleine Zeit trennen.“ Sie hielten es nur ein paar Tage aus. Sie wußten nicht, daß der Lichtstoff sie lustig und lustiger machte. Eine himmlische Fröhlichkeit erfüllte beide. Und so erging es den Frauen, die Ibis berührt hatte, und die sich nicht mit dem grünen Wasser wuschen. Sie konnten sich in ihrer Fröhlichkeit nicht lange behaupten. Fünf Monate, und dann lebte er nicht mehr und sie nicht mehr. Und all die Zahllosen, die sich von dem Lichtgemisch nicht getrennt hatten, die Mädchen die Schauspieler die Giftschlucker waren hingegangen. Das Flimmern Glimmen Glühen der bestrichenen Organe ließ nach, die Spannung verblieb. Und während die Menschen gelb und unsicher wurden, wurden sie ausgelassen. Trieben Possen von morgens bis abends. Es kam zur Tanzwut und Liebesraserei. Und wenn diese Menschen, das wußte man, anfingen zu tanzen und den Schemel unter sich nicht ertrugen, dann war ihr Ende nahe. Im wörtlichen Sinne tanzten sie ins Grab, in das Grab, das sie sich oft in Übermut selbst hatten schütten und schmücken lassen. Man warf die Toten damals aus der Erdstadt auf die Oberfläche zwischen die Schuttmassen. Diesen Tanzenden wählte man in einer besonderen Ergriffenheit in der Unterstadt einen Platz; es war ja fast ein Spiel, was da ablief. Es schien, als ob sie im Tanz die letzte Spur des Lichtstoffs verbrauchten. Nach einer Stunde Raserei, allein oder zu zweien –, so endeten Ibis und die Laponie –, konnten sie hineinstürzen, glücklich schreiend, und schon lagen sie ganz still, ohne Farbe fast ohne Fleisch. Und die Leute, die herumstanden, konnten staunen, welches Nichts diese wilden Bewegungen ausgeführt hatte. Nur bei einzelnen verschwand das Licht nicht völlig. Man sah über ihren Gräbern in der tiefen Finsternis ein zartes Leuchten. Besonders bei denen erschien es, die sehr früh verstorben waren. Da war auch der Fliederduft deutlich, der sich immer bei dem Licht fand; die Toten spendeten noch Heiterkeit um sich.
Im Zirkus sah man, in der ganz finsteren Arena, die Stiere stürmen, Menschen, Männer und Weiber mit ihnen kämpfen. Blut spritzte aus dem Nacken, den Flanken der Stiere. Es war ein Feuerwerk, ein brennender Strahl. Man sah das Eindringen des Lichtstoffs in den Leib, seine innige Vermischung mit dem Blut. Die Kämpfer und Kämpferinnen suchten dem Strahl zu entgehen, um im Dunkel zu bleiben. Übergoß sie der Stier oder geiferte sie an, so waren sie geliefert und nur die anderen konnten ihnen helfen. Nicht das Einwühlen in den Sand half ihnen: sie strahlten das hellste Licht. Waren dazu selbst geblendet, tappten in der Sonnenflut um sich herum. Sie waren das Gaudium des Zirkus, aus Kämpfern zu Clowns geworden. Und es lag ganz in der Hand der Mitspieler, wie das Spiel weiter geführt wurde. Verloren waren in jedem Fall die Übersprühten. So trieben sie im Finstern mit dem Stier und dem strahlenden Mann, der strahlenden Frau ihr Spiel. Es war ihre Geschicklichkeit, das Spiel lang abwechslungsreich spaßhaft und spannend hinzuziehen und nach Laune zu beenden mit Niederrennen des Menschen oder zum brüllenden Gelächter des Zirkus mit Abstechen des Stiers kurz vor seinem Ziel. Das Hänseln der überlebenden strahlenden Menschen, der Glühwürmer, folgte nach, die sich nicht zurechtfanden und zwischen Trauer und der schon anbrechenden Heiterkeit schwankten. Es gab keine Zirkusvorstellung, wo nicht die lustigen Glühwürmer sich zeigen mußten, die von früheren Kämpfen übrig geblieben waren. Mit ihnen verfuhr man später, als man jede Furcht abgelegt hatte, toll und unmenschlich; die Glühwürmer selbst ließen mit sich tun. Es gab eine Zeit, wo in der Londoner Messingstadt der Weg zum Zirkus und der Zirkus vor dem Beginn nicht von den Riesenscheinwerfern beleuchtet wurde. Die glühenden Männer und Frauen, die lebendigen Lämpchen ließ man zucken tanzen locken; wie mit Kerzen war der ganze Umfang des Zirkus durch sie illuminiert.
Bei den Massen, die in die Ton- Kalk- Mergelschichten, in die Felslager der britischen Inseln einströmten, war die Erinnerung an die Grönlandexpedition nicht verraucht. Aber kein Gefühl einer Niederlage lebte mehr in ihnen. Als die Urtiere über sie fielen, hatten sie geschauert. Dann tobte schon der eisige Delvil unter ihnen; sie wurden unter die Erde getrieben, von jedem Schwächegefühl befreit, als sichtbar vor ihnen die Turmmenschen errichtet wurden, die Flotte der Turmmenschen an der Südküste entlang den Kanal herauf nach Norden fuhr. So tief verachtet waren die Siedler noch nie. Delvil hatte wahr zu Ten Keir gesprochen: die Sache der Marduks und Siedler war grausam geschlagen.
Mit London hatte es begonnen. Mit Brüssel Hamburg ging es weiter. Stadtschaft um Stadtschaft verlegte ihre Anlagen unter die Erde. Die Menschen folgten. Kleine Kolonien blieben auf der Oberwelt zurück. Grenzenloser Stolz trieb die Ingenieure; in grenzenlosem Stolz tauchten die Menschen hinab. Hier hatten in den Anlagen bei dem Herabstoßen und Ausbreiten neuer Stollen und Schächte mehr Menschen zu arbeiten als auf der Oberwelt. Die Maschinen für Sauerstofferzeugung und Luftreinigung, für die Beleuchtung erforderten bei der Ausdehnung der unterirdischen Gebiete zahllose Menschen. Aber sie wurden mit vielen Lüsten bezahlt. Die Anlagen für die Physiker Techniker Biologen breiteten sich in abseits gelegenen Gebieten, den erdnächsten, bald über das Areal einer kleinen Stadt aus. Hochmütig zornmütig wie nie waren diese Männer und Frauen der Wissenschaft. Sie hatten die letzte Scham abgelegt. Die Massen wußten das; doch gaben sie sich an alle Dinge hin, die diese Herren ihnen boten.
In London, wo die Glühwürmchen aufgekommen waren, traten zuerst Menschen verschiedener Rassen auf, die sich den Herren und Herrinnen in den Anlagen als Sklaven, Leibeigene, anboten. Die Senate brauchten für die Mekifabriken und viele Versuchseinrichtungen Menschen, die sie immer unsichtbar sich aus den Siedlungen oder Städten selbst holten. Jetzt aber gaben Männer und Frauen von selbst jede Verfügung über sich auf. Sie waren in dem gepeitschten Zustand und der rauschartigen Gehobenheit der meisten in diesen Erdschichten. Sie wollten nur noch tieferen Rausch und wußten nicht, was mit sich anfangen. Es kamen auch schlaffe und leise Wesen vor die Häuser und an die Türen der Senatoren. Diese brauchten dieselben Worte wie die andern; aber man sah: sie waren hereingeirrt, hatten an vielem teilgenommen, weigerten sich an mehr teilzunehmen, liefen an die Schlachtbank. Hilflos sahen diese sonderbaren Menschen, besonders Weiße des Kontinents, aus. Die Männer in den Anlagen hörten sie an, ließen ihnen Ketten an die Füße legen und sie entfernen. Das waren Bösartige, man sah es; sie ließen sich nur in Verzweiflung und aus Widerwillen gegen ihre Ohnmacht versklaven. Wie in der Zeit vor dem Uralischen Krieg die Selbstmordepidemie kam hier der Verknechtungswahn auf. Auf Plätzen der Stadtschaften unter der Erde standen Tag um Tag kleine Menschenhaufen an Stellen, die man bald kannte und die diese Menschen selbst abzäunten. Dies waren die Männer und Frauen, die sich verkauften. Sie selbst bestimmten, wen sie annahmen. Einige gaben ein bestimmtes Geschenk an, das man ihnen zu geben hatte und betrachteten ihren Käufer nicht. Zum Bau von neuen Menschentürmen, zur Ernährung der alten nahm sich der Senat wöchentlich einen Haufen von diesen. Zu den Experimenten und laufenden Arbeiten in der technischen Stadt wurden viele verbraucht. Zahlreiche wurde von trägen Arbeitspflichtigen für sich an die Maschinen geschickt.
* * * * *
Die Menschenmassen, die sich wie schäumendes Wasser in die Abgründe der Riesenstädte gossen, wußten nicht, was die starken Männer und Männinnen, deren Werk das alles war und von deren Hand sie lebten, über sie verhängten. Delvil war in seinen finsteren und ungeheuren Rachegedanken, seinen Kampfideen gegen die Gewalt, die die Urtiere geschickt hatte, ganz versunken; er nahm an den Zusammenkünften der Senate wenig Anteil. Ten Keir, der vierschrötige Belgier, hatte sich in den Hintergrund gestellt; die Gespräche mit Delvil hatten erschütternd auf ihn gewirkt. Der tapfere gesunde Mann war von Delvils Raserei abgestoßen worden. Mit Widerwillen hatte er dem Beginn des Baus eines Riesenmenschen zugesehen, dann sich abgewandt. Er war nicht wieder nach London geflogen. Als man ihm von den Erfolgen der Turmriesen erzählte, war ihm Ekel den Hals heraufgestiegen. Er konnte nicht weiter zuhören; man durfte ihm nicht davon erzählen. Es schien, als ob ihm der Angriff der Urtiere lieber gewesen war als diese Abwehr. Ten Keir spannte sich, als auch in Brüssel der Drang, sich in die Erde einzugraben, wuchs. Aber er konnte es nicht aufhalten. Erreichte nur, daß die ekstatische aus den Erdschächten zurückquellende Masse nicht die alten Oberflächenbauten vernichtete. Er selbst mit einer kleinen Anzahl Menschen blieb in einer unklaren Vergrämung auf der Oberfläche; wie er sagte, um die Siedlerbewegung zu beobachten.
In der technischen und Versuchsstadt Londons, die sich herausfordernd Grönlandeum nannte, über den Köpfen der Riesenmassen in den Ton- und Mergelschichten hängend, hatten sich die stärksten Herrenköpfe der Periode zusammengezogen und alle Stoffe um sich gesammelt, mit denen Menschen wirken können. Hier saßen in dem Bezirk Carthagon, der sich um die Pflanzenkräfte bemühte, Atkinson, ein kalter trüber Mann, wie es hieß Eunuch aus eigenem Willen und Weiberhaß. In Ozeana, das sich mit dem Wasser befaßte, der Berber und Spanier Escoyez, das Wasserwesen, der bei Beginn der Grönlandkampagne die Umleitung der Golfstromdrift geraten hatte und die Anlegung neuer Salzzentren im Meere geplant hatte. Die Hitze die Flammen das Feuer studierte Nadeja, eine Männin aus dem Hause Atkinsons. In dem Bezirk Tel el-Habs, Hügel des Gefängnisses, saßen mehrere senatorische Menschen, die man schon schwer mehr Menschen nennen konnte. Es waren jüngere und ältere Männer und Frauen, die am Bau der Menschentürme sich beteiligt hatten und wie Tiere, die Blut geleckt haben, ihre Gedanken von den Dingen, die sie gesehen und erprobt hatten, nicht ablenken konnten. Sie kehrten von den Schiffen und schottischen Bergen mit Widerwillen in die nüchterne und dürftige Landschaft der Menschenart, der zweibeinigen plärrenden nackthäutigen hinfälligen Geschöpfe zurück. Atkinson war Eunuch aus Weiberhaß, auch aus Menschenhaß geworden. Die Herren und Herrinnen von Tel el-Habs mochten sich, nach dem Anblick der Turmmenschen, selbst nicht mehr in ihren menschlichen Organen sehen. Was sie an den Sklaven ihrer Gefängnisse erprobten, das taten sie auch für sich. Tribord, vom Berge Glasmaol zurückkehrend, legte seinen alten Namen ab, nannte sich Mentusi. Er aß nicht mehr selbst. Wie ein Wagen stillsteht und nicht vorwärts kommt ohne das Pferd das ihn zieht, so machte er sich zum Wagen. Tiere und Pflanzen spannte er an sich. Mentusi sagte zu der Männin Kuraggara, die früher Frau Macfarlane gewesen war: „Meki und die Generation, die mit ihm lebte, hat recht daran getan, die Äcker Wälder Tiere preiszugeben. Was wir durch uns schaffen können, schaffen wir. Sie haben die großen Fabriken gebaut, die Anlagen. Wir schleppen uns seit Jahrhunderten mit diesen Anlagen herum. Sie erfordern Raum Bewachung. Was hängen wir nicht für Stolz an diese Anlagen. Sie sind jetzt überflüssig. Wir müssen den Angriffspunkt verlegen. Ich bin wieder für Äcker und Viehherden. Mag ein Hund für mich fressen, soviel er will, wenn er nur mein Hund bleibt. Hast du die Steine und die Eichen und Viehherden gesehen, die man den Türmen untergeworfen hat. Die haben für die Türme fressen müssen. Ein Hund will ich selbst sein, wenn ich noch lange in mich stopfe, was die Fabriken brauen.“
An ihm, der auf Tel el-Habs saß, hingen Polypen. Seine Bauchwand war durchbohrt. In die wüstliegenden Wälder hatte er seine Gehilfen geschickt; die brachten ihm Füchse Ottern afrikanische Zebras Schildkröten. Die uralte Schwierigkeit der Vermählung zweier Tierklassen war überwunden; Mentusi erkannte es beim Beobachten der Turmbauten. Die Netze mischten alle Arten zusammen. Wie er über Meki höhnte, höhnte er über Marduk, der Bäume auftreiben konnte: „Kuraggara, das waren Yogis und Fakire. Spaßmacher! Wir wollen sie gelten lassen. Bis zur Grönlandfahrt waren wir nichts. Der Mann, der das Feuer und die Strahlen aus den Vulkanen riß, ist mein Mann.“ Kuraggara hielt sich den Leib vor Lachen: „Ich will versuchen, eine Schildkröte zu gebären.“ „Warum nicht. Wer soll dich daran hindern.“ Sie trieben grausige unheimliche Dinge auf Tel el-Habs, dem Hügel des Gefängnisses.
Die Giganten, die Herren der westlichen Stadtschaften, hatten die Urtiere über sich gehen und sich nicht zerschmettern lassen. An dem Zauberschleier von Grönland hatten sie sich nicht ergötzt, wie die ersten Seefahrer und die Menschen der zweiten Erkundung, die in dem Rosenlicht aus den Schiffen stiegen, sich in Boote setzten und nackt – Wonne über Wonne – auf dem Wasser schaukelten. Die Herren und Herrinnen der Riesenstadtschaften waren kalt und gehässig hinter der Gewalt her. Wie Räuber sich in einem fürstlichen Park verbergen und hinter dem Gitter die geschmückten Schönheiten auf der Wiese sich bewegen sehen, unter leichten hellen Tüchern mit losen Haaren, die biegsamen Spielerinnen, und wie sie sie abschätzen, ihren Augenblick abwarten und sich auf sie stürzen, um sie zu fesseln und davonzutragen, so belauerten die unzähmbaren Menschen von Tel el-Habs das Geheimnis der Vulkane, ergriffen es, zwangen es unter sich.
Auf dem Hügel des Gefängnisses arbeiteten die von Tel el-Habs zusammen mit den Menschen der Basaltstadt, die wie ein zerfallener Bergkegel aussah. Hier bemühte man sich um die Wesen, die man Steine nannte. Roten Rubin, violetten Apatit, Blöcke glasigen Gipses nahmen sie: Die Strahlen Kylins, mit denen die isländischen Vulkane gesprengt waren, stellten sie auf sie ein. Die rubintreibenden rubinformenden Kräfte richteten sie nicht auf den Rubin, sondern auf den verwandten Korund. Sonst hielt der still unter der Wirkung dieser Kraft, die für ihn keine Kraft war; jedes Ding bewegte sich unter seinem eigenen besonderen Drang. Die Basaltmenschen aber hatten die Vulkangluten selbst in den Händen. Das schwere Geschütz dieser Gewalt richteten sie auf die Stoffe. Wie ein Brei, ein Kuchenteig, in den man Hefe wirft, quoll die Steinmasse auf. Die Basaltmenschen legten um die Schleierteile Röhren aus Gläsern; durch Gase ließen sie die Urkraft laufen und sich abdämpfen. Da bewegte sich allmählich in langen langen Stunden der Rubin, wie ein Leintuch an der Sonne bleicht. Und immer brannte zugleich der Kylinstrahl auf ihn, noch ohne Einfluß auf die Masse, die nur gärte. Es gab einen Punkt, den die Basaltmenschen nach schweren Anstrengungen, unter Zuhilfenahme von Abschwächern Dämpfern Verzögerern allmählich festhielten, den Indifferenz- und Umschlagspunkt. Dies war der Augenblick, der im Leben des Steinkörpers alles bedeutete. Es war der Moment, wo seine stärkste und widerstandsfähigste Stoffverbindung gesprengt wurde, der Stein selbst, obwohl nicht glühend im Begriff war zu zerstäuben, und von jedem festen Nachbarkörper geschluckt und angegliedert werden konnte. Die Kylinstrahlen brannten auf dem Stein; der Umschlag war da. Die Nachbarkörper hatte man niederzuhalten. Wie in einer übersättigten Lösung das eingeworfene Kristallstäubchen die ganze Masse zum Erstarren bringt, so erstarrte der erweichte Körper, ließ sich führen zu dem Wesen, das ihm das Kylinlicht vorzeichnete. Man hatte mühsam gearbeitet. Einen Granitblock, den gesprenkelt der harte Quarz, dunkle Hornblende, Glimmer, rötlicher Feldspat bildeten, hatten sie gelernt in einen einzigen zusammenschmelzenden Block von weißem Quarz zu verwandeln.
Während noch die Menschen der Basaltstadt die Umwandlung der Urstoffe selbst betrieben – auf Schritt und Tritt sahen sie sie sich umwandeln –, rissen die Herren des Gefängnishügels davon an sich, was sie brauchten. Die Tiere, die früher nicht zusammenfanden, es sei denn: eins kaute das andere, stießen sie aneinander; auf die Mutterstoffe mußte alles herabgezwungen werden, ins Elementare heruntergetrieben. Sie dachten zornig und rasend, in ihre Erdfestungen versteckt, sich in Hasen Mäuse Löwen Panther Käfer zu verwandeln. Darum fingen sie Menschen über Menschen aus der Erdstadt und von der Oberwelt, nutzten die Sklavenmärkte aus, verwüsteten die Menschen.
Mentusi und Kuraggara lebten in einer erwartenden Glut. Wie sie lachten. Mentusi prahlte: „Als es Religionen gab, gab es hundert oder tausend klare Menschen, die an den Teufel den Satan an den Himmel Gott die Engel die Unsterblichkeit nicht glaubten. Was haben diese hundert oder tausend klaren Menschen getan? Sie haben zeit ihres Lebens nicht geglaubt. Nicht geglaubt: das war ihre Beschäftigung. Es gab auch welche, die haben ihr Leben dafür hingegeben, gegen die Existenz des Satans des Himmels oder Gottes zu kämpfen. Tröpfe, Tröpfe. Wer Wahnideen hat, mag seinen Spaß daran haben. Ich kümmere mich um die Urtiere, die blöden Echsen nicht. Sie kommen nicht zu uns herunter. Was meinst du, Kuraggara? Sie können nur sterben und finden oben Platz genug. Aber – jetzt! Was meinst du?“ „Ja, ich habe auch keine Zeit für Lurche.“ „Wir wollen ihnen ein Aquarium bauen, damit sie nicht so rasch umkommen und wollen sie schön füttern. Es soll ihnen besser bei uns gefallen als auf Grönland. Ich geh einmal nach Grönland und seh mir an, was da geworden ist. Vielleicht nehme ich mir einen Drachen eine Echse mit Flügel und Schnabel, als Pferdchen und es muß mich hinreiten. Halleluja, süßes Land. Wir reisen nach Jerusalem.“ „Bist du nicht auch solch Kind wie die Kämpfer gegen den Himmel oder den Satan? Mentusi, was geht mich Grönland an? Vielleicht fahr ich auch einmal nach Grönland. Vielleicht noch lieber nach Island, zu den Vulkanen. Aber wenn ich reise, will ich schon reisen ohne Schiff, ohne Drachen, ohne Flugzeug.“ „Und ich!“ „Nun ja. Vogel sein, wenn ich will. Dampf sein, wenn ich will. Ja, das will ich auch, Mentusi. Und! Fisch sein! Und Feuer. Und nicht wie der arme Menschenturm, den ich neulich auf Schottland besuchte. Ich flog zu seinen Augen auf, ganz dicht und dann weiter weg, bis er mich erkannte. Er erkannte mich. Es war mein Freund. Aber was soll mir das –, er trauerte! Trauerte eine dunkle furchtbare Trauer. Wie er mit den Augen zwinkerte, hatte ich das Gefühl, ich muß rasch weg, er muß mich vergessen; ich bin ihm ein Alp im Traum. Er ist ein dumpfer schlafender Mann, der nicht aufwachen kann. Wenn ich noch lange vor ihm gezuckt wäre, hätte er mich wie ein Grönlandtier angefaßt und verspeist. Ist ein dummes Kind geworden; greift tapp zu, steckt in den Mund. Aber Fuchs sein vom Kopf bis zu den Füßen, wie ein Fuchs leben solange man will, sich fuchsig fühlen. Ja, Mentusi.“ „Wir haben schon zu lange in unserer Haut gesteckt. Es geht uns schließlich, Kuraggara, wie dem Hammelgetier von Menschen hinten in London, die sich für unsere Fabriken und die Versuche anbieten. Sie haben auch ihre Menschenhaut über. Ihnen ist gleich, was mit ihnen geschieht. Weißt du“ –, er brüllte lachend, „wo ich mit ihnen etwas mache. Weißt du was.“ „Ich denke mir schon.“ „Ja, ich mache sie zu Hammeln, allesamt. Wir schicken sie auf eine Wiese, putte putte putt. Wir machen immer hinter einem Baum putt putt. Dann kommen sie an, wir stecken sie in einen Sack und fragen: ‚Wollt ihr, wollt ihr gerne Hammel essen?‘ ‚Ja‘ antworten sie, ‚Hammelchen sehr gern.‘ ‚Schön‘, sage ich, ‚soll geschehen.‘ Mache den Sack zu. Putte putte putt. Ein Licht da, ein Dampf da ‚Ist euch gut?‘ ‚Jawohl.‘ ‚Habt ihr Angst.‘ ‚Ein bißchen.‘ ‚Müßt gar keine Angst haben, Hühnchen. Gebe euch gleich Hammelchen zu essen. Sie kommen schon aus dem Stall.‘ Hätte bald gesagt: aus dem Sack. Ein Licht mehr, knack, zwei Dampfer. Immer Geduld. ‚Wie ist euch denn, Hühnchen?‘ ‚Öh, öh.‘ ‚Ja wie redet ihr denn. Ihr eßt wohl schon Hammel.‘ ‚Öh, öh!‘ Lach nicht, Kuraggara. Mach ich’s nicht richtig?“ „Richtig, Mentusi! Öh! Öh!“ „Mein Hühnchen. Bald mach ich den Stall auf. Ich will euch überraschen. Bald habt ihr die Hammel. Aber was zappelt ihr im Sack! Was strampelt ihr. ‚Öh, öh.‘ Was ist das. Ich habe mich vergriffen, Kuraggara. Die Hammel sind schon im Sack! Wie ist es möglich! Wie ist es möglich.“ „Ich ersticke vor Lachen, Mentusi, wenn du nicht aufhörst.“ „Da! Nein, Kuraggara! Hammel! Leibhaftige beinhaftige schwanzhaftige Hammel! Fellhaftige Hammelchen. Vier Stück, soviel ich Menschen hineintat. Und wo sind meine Menschen. Meine Menschen sind weg. Die Hammel müssen sie aufgefressen haben. Ich habe wohl irrtümlich Hammel mit hineingetan, die haben die Menschen aufgefressen. Ach war ich zerstreut. Menschenfressende Hammel. Was soll ich nun tun.“ „Nicht spotten, Mentusi. Wären wir so weit.“
Tief war die Verachtung der Giganten auf die Menschen ihrer Stadtschaften. Die Maschinen Fabriken Anlagen ließen sie arbeiten, nur um sich mächtig zu fühlen. Sie brauchten die Menschenmassen, um sich an ihnen auszulassen. Es war noch der gemäßigste Gedanke, der auf Tel el-Habs geäußert wurde, der Gedanke, den einmal Ten Keir in London aussprach. Ohne Ausdruck war das viereckige rote Gesicht des kleinen Belgiers; sein Entsetzen beim Betrachten der Arbeiten in den Versuchsstädten schlang er herunter. Daß er gebrochen und geweint hatte beim Überfliegen des Kanals, als er einen stummen Turmmenschen auf einem Floß sah, verriet seine Begleitung nicht. Schrankenlos sprachen sich die grauenhaft entstellten hochmütigen Wesen, Männer und Männinnen der Versuchsstädte, zu ihm aus. Sagten, die Zeit des wirklichen Menschentums nähere sich erst; sie ahnten sie selbst nur. Entsetzt sah er die schlangenartigen Arme der Polypen sich an ihnen bewegen; dies wäre der Beginn des wirklichen Menschentums. Von den Menschenwesen unter sich, Städtern Siedlern, sprachen sie nicht, oder mit dem Gefühl der Wollust und dem Gelächter. Ten Keir sah, was diese Giganten konnten. Sie würden eines Tages die Menschenmassen verklumpen, wie die Drachenscharen es getan hatten. Er sprach aus: man müsse sich hüten, daß nicht einer von ihnen Mißbrauch mit seinen Mitteln triebe zum Schaden der andern. Es sei gut, einen Blick auf die Menschen zu werfen; die schäumten und tobten zum Teil, zum andern Teil wüßten sie sich keinen Rat. Man müsse da eingreifen. Ein Versuch müsse gemacht werden, wie es die alte Wind- und Wasserlehre wollte: die wirren verzagenden Geschöpfe wie Tiere und Pflanzen zu vereinfachen. Vielleicht unter Verminderung ihrer Zahl. Man müsse sehen, zu menschlichen Dauerformen zu kommen. Zu unkomplizierten Lebewesen, die sich erhielten zeugten stürben, ihre äußere Lebensweise jahrhundertelang jahrtausendelang gleichmäßig forttrieben. Die Last des Einzeldaseins, die schreckliche Einzelbeseeltheit müsse ihnen abgenommen werden.