Part 45
Die Giganten von Tel el-Habs lachten darauf. Er solle sehen, was er schaffe. Vielleicht machten sie zwischendurch auch das; es sei nicht sehr reizvoll. Ten Keir suchte in einer schweren ihn erwürgenden Trauer und Bangigkeit zu Delvil durchzudringen. An den kam niemand heran. Grausige Gerüchte gingen von ihm, über Dinge, die er trieb. Tagelang lief Ten Keir mit seiner Begleitung durch Keller Straßen dieses erdversenkten blitzenden London. Auf Stunden ließ er sich ein Zimmer in einem Haus freimachen. Da saß er im Finstern, weinte. Und kam nicht weg von London. Er lief mit seinen Männern weiter herum. Sie mahnten ihn, er würde sich erschöpfen, sahen seinen Jammer. Er konnte sich aber nicht von der Stadtschaft loslösen. Dreimal versuchte er zu Delvil vorzudringen. Bettelnd lag er vor Kuraggara; sie möchte ihm Zutritt bei Delvil verschaffen, er sei sein Freund. Die wunderte sich über die Wildheit des Mannes, konnte nichts durchsetzen. Zweimal war Ten Keir schon in der Oberstadt, zweimal fuhr er wieder die Schächte abwärts. In sich sagte er: „Ich muß weinen. Ich muß weinen. Viel mehr muß ich weinen. Ich muß mich brühen wie eine Taube, der man die Federn ausziehen will. Ich will alles sehen. Ich verdiene es.“
Aber wie er dann noch einmal die Sklavenmärkte den Zirkus die Arbeitsstädte Versuchsorte begangen hatte, nahm er sich an der westlichen Grenze der Stadt, wo Erde in den Tunnel einbrach, eine Handvoll knirschender Kiesel. Stopfte sie sich in die Tasche. Während er auffuhr, die Augen gepreßt geschlossen, drückte er die Kiesel, sie mit der Hand umschließend, flüsterte: „Ich will mich erinnern.“
Oben blickten ihn seine Begleiter an, dachten, er würde wieder anordnen, zurückzufahren. Aber er ließ sich ins Meer fahren. Sein Flugzeug ließ er zurück. Auf einem kleinen Schiff fuhr er über den Kanal an die flandrische Küste. Schwarz und grau waren die Gesteinstrümmer, die er mit sich genommen hatte aus dem westlichen Grund Londons. Er betrachtete sie tränend oft in der flachen Hand während der Überfahrt. Schloß die Faust, wenn einer ihn zu beobachten schien, stopfte die Hand in die Tasche.
* * * * *
Auf den Shetlands und Färöer saßen die letzten Grönland- und Islandfahrer. Die Senate hatten gefürchtet, schon während der Expedition, die Seefahrer würden sich gegen sie richten. Aber sie kamen nicht, stürmten nicht gegen die Stadtschaften. Man wußte, sie waren vor den Urtieren nach ihrem Sammelplatz, den Shetlands und Färöer, geflohen. Unter den Katastrophen des Tierüberfalls, dem Machttaumel bei der Versenkung der Städte vergaß man sie völlig. Wenn man später an sie dachte, wünschte man, sie möchten kommen, zum Kampf. Sie kamen nicht.
Das war eine stumme leidende Gesellschaft, die sich auf dem felsigen Boden dieser meerumheulten Inseln versteckte, von dem Rest des Schiffsproviants lebte, einzeln, manchmal in Horden nach den schottischen Bergen herüberkroch. Als ein seelenversteinerndes Grauen waren die Urtiere über die westlichen Stadtschaften gekommen. Wie über die Fahrer in der Zone des Rosenlichts die wüsten Gebilde fielen, Nachbarschiffe Menschen Balken Bleche verwandelten, sank schlagartig ihre Wonne, klagte durch alles Entsetzen schon das Gefühl: „Es ist gut. Endlich! endlich!“ Über das Wasser schießend, in die Tageszone eintauchend erlag die Hälfte des großen Geschwaders den Tieren. Die überlebten, waren in dem Gefühl über das Meer getaumelt: „Nun nimmt es ein Ende. Nun sind wir erlöst.“ Wurden auf die steinigen Inseln hingestreckt, dachten wenig, atmeten gegen die Erde.
Die nach Schottland herüberkrochen, kehrten zurück: Schottland sei nach Süden zu abgesperrt. Man wußte finster: „Gegen die Grönlandtiere. Und gegen uns. Sie sperren sich gegen uns ab.“ Bitter und trostreich. Und die Seefahrer versteckten sich tiefer in die Klüfte der Inseln. Niemand ging zu den Schiffen. Den eisigen Winter verbrachten die Seefahrer auf den Inseln, immer nach Schlaf verlangend, wenig zueinander findend. Das Rauschen Schnattern der Urtiere ging noch oft über ihre Inseln. Wie von einem Sturm angefaßt erbebten die kauernden liegenden Menschen. Die Gesichter bedeckten sie mit ihren Armen; lagen und brüteten. Daß alles so unwirklich war. Sie beschauten sich in den Höhlen Zelten alten Häusern: daß der andere noch da war. Man lag selbst da, bewegte sich, aß, trank. Dachte und fühlte. Man fühlte endlos, mochte nicht sehen. Fühlte vergeblich, konnte sich nicht erreichen. Wie war man? Als wenn einen ein Orkan gefaßt hätte und man wäre in die Ecke einer Höhle geblasen. Da hing man an, ein Stäubchen an einem Spinnwebansatz, konnte nicht hervor. Sie gingen herum, schluckten, suchten nach ihren Stimmen. Öfter schwamm eine Beängstigung über sie, die ganze Haut befallend und ausweitend, die Brust und Kehle bedrückend: Oh was ist uns. Sie seufzten, ließen ihren Speichel laufen.
Einer verschwand, ein anderer verschwand. Ins Wasser, nach Schottland. Auf Mainland verbrannte der Unterführer Good Luck die nächsten Schiffe. Ausgemergelt wie die anderen schlenkerte er zwischen den Klippen, steckte den rothaarigen Kopf in die Höhlen, rief hinein, suchte Menschen. Knurrte: „Wer ist da? Ist wer da? Ha! Ich bin Good Luck.“ „Was will Good Luck.“ „Nichts. Will euch ansehen. Wißt ihr, was ich gemacht habe?“ „Du bist heiser.“ „Vom Rauch. Ich habe die Schiffe angesteckt.“ „Wen kümmerts.“ „Alles weg. Ihr habt recht. Ach was tue ich. Was tu’ ich.“ Und er irrte in den Höhlen herum, setzte sich ans Meer. Er lief eines Tages wieder vor die Hütten, rief mit seiner heiseren Stimme alle, die er traf, zusammen. Rasch sollten sie kommen. Hastete: „Schnell. Kommt ans Wasser.“ Da setzte er sich an den Strand, nahm zwei glatte große Steine zwischen die Knie, fing an zu reiben. Er knirschte die Menschen an, die mit ihm gekommen waren: „Hinsetzen. Nehmt Steine. Macht wie ich. Mahlen.“ Einige taten es. Er knirschte: „Mahlen, mahlen. Bis es Staub ist.“ Dann ließ er die Steine fallen, hetzte: „Was machen wir jetzt? Kiesel werfen. Übers Wasser.“ Und fing an zu schleudern. Die anderen fluchten, zogen sich dumpf zurück. Er hängte sich an den, an den: „Mich nicht allein lassen, mich nicht allein lassen. Was soll ich tun.“ „Steine werfen.“ Sie liefen fort, warfen sich hin: „Ein dumpfes Vieh.“ Ließen ihn knirschen schlucken.
Was bei Good Luck begonnen hatte, nahm bei andern seinen Fortgang. Bis der verwilderte Kylin mit einem Boot bei Mainland erschien in der Sankt Magnusbucht und in einer steinigen Ebene alle zusammenführte, die sich aufbieten ließen. Von einem zum andern ging Kylin, betrachtete die Männer und Frauen, hielt ihre Hände. „Die Vorräte sind bald zu Ende. Der tolle Good Luck hat die besten vollsten Schiffe verbrannt. Es ist kein Schade. Wir müssen uns nun früher entscheiden.“ Ein Gequälter höhnte, ob er sie wieder führen wollte, vielleicht nach Grönland. „Nein. Ich spreche den Namen des Landes, das du eben genannt hast, nicht aus. So gewiß nicht mehr, wie Fromme früherer Zeit den Namen eines Gottes, an die sie glaubten. Ich will euch auch nicht führen. Ja. Ich bin schuld an diesen Dingen. Nicht am Turmalinschleier und dem letzten Unglück. Aber an dem vorher. Das hab ich getan. Die Vulkane hab ich aufgerissen.“ Er stand flüsternd neben einem Felsen: „Tut mit mir, was ihr wollt.“ Sie standen herum. Kylin setzte sich auf den Boden, bedeckte sein Gesicht, schluchzte. Keiner rührte ihn an. „Was wird nun geschehen. Ich habe mir genau alles überlegt und alles vorher gewußt. Ihr werdet mir nichts tun. Obwohl es mir in manchen Augenblicken lieber wäre, einer täte mir etwas an. Aber ich bin schon darüber weg. Und darum bin ich ja hergekommen.“ Viele blickten auf. „Es kann sein, daß wir noch einen Monat, zwei Monate auf den Inseln bleiben können. Aber ich will weg. Liebe Freunde, ich bin auf dem Weg, von hier zu gehen und wollte es euch noch sagen. Good Luck ist verrückt. Es werden noch manche von euch verrückt werden, wenn ihr euch nicht entschließt und wenn nicht etwas geschieht. Ich geh weg. Ich geh weg. Das weiß ich.“ „Und warum, Kylin. Wohin.“ „Ich spreche nicht aus, was geschehen ist. Bleibe ich noch lange hier, so brauchen keine Drachen zu kommen, ich werde verschlungen. Ich will nicht. Soll ich euch sagen? Die Stadtschaften sind nicht mehr mein Feind.“ Dichter drängten sie sich um ihn. „Die Stadtschaften haben ganz überflüssig einen Ring um sich gegen uns gezogen. Ich werde gewiß nichts gegen sie unternehmen.“ „Wir auch nicht.“ „Freunde, wißt ihr, was ich tue? Ich, Kylin? Ich geh meine Wege. Was soll ich hier, vor den Stadtschaften, an der Türe? Ich geh in die Welt. Die Erde ist groß.“
Da wimmerten höhnten lachten noch manche. Aber Kylin blieb auf der Ebene an der Sankt Magnus-Bucht. Die Verstörung verließ sie. Hunger trieb sie. Noch rauschten Schwärme der Ungeheuer durch die Luft. Nicht in die Höhe schauten die alten Grönland- und Islandfahrer. Auf den letzten Frachtern drängten sie sich zusammen. Mit Seufzern und stumpf schoben sie sich auf die Decks. Ihren Weg nahmen sie in kleinen Trupps durch die ruhige Irische See.
Die Orkney- und Shetlandsinseln, so lange belagert von Menschenscharen, von den westlichen Geschwadern umringt, wurden entblößt, den Wogen und Stürmen wiedergegeben. Stumm wie sie Island verlassen hatten, gaben die Seefahrer die Shetlands und Orkneys frei. Hier waren die Ölwolken entstanden, Holyhead und Bou Jeloud, von hier waren die unzähligen Schiffe ausgegangen, beladen mit den Maschinen und der Gedankenmacht der westlichen Stadtschaften. Der Tod von Tausenden von Menschen war gefolgt, Island war zerrissen worden. Der eisige Kontinent mit den Gletschern tauchte auf, überwallt von Schrecknissen. Ihnen allen, die fuhren, war dies geschehen. Sie fuhren weg, aber sie wollten sich erinnern. Jetzt das Letzte von sich werfen, auch diese alten Ankerplätze, auch die Schiffe verlassen. Dann auf den Kontinent. Mit glühenden Augen hatte der so gealterte Kylin zu ihnen gesprochen: wieder leben. Was würde kommen auf dem Kontinent. Aber sie wollten hinein. Die Städte würden kommen.
* * * * *
Das Meer verwandelte sich während ihrer Fahrt. Der Nordkanal, die Irische See. Wellen warfen sich, spielten züngelten. Ein fernes Gestirn schien aus der Luft. Das Wasser spiegelte die Schiffskörper. Lautlos spiegelte es die Schiffswände. Stumm zogen Algenfäden hin. Lauer Wind legte sich an die Schiffe, drängte sie, ließ ab. Langsam fuhren sie. Um die Scillyinseln bogen sie östlich um. Eine dunkle Linie erschien über dem weiß glitzernden Meeresbogen. Da im Südosten, wo das Meer in das dämmrige schimmernde Himmelsweiß überging, zeichnete sich eine zerbröckelte Linie. Schwärzer klobiger wurden die unterbrochenen Striche. Auf den Schiffen schlossen sie die Augen, legten sich an Balken Geländer. Dies war der Kontinent. Rascher ließen die Führer die Schiffe laufen. Das Meer rauschte sanft gleichmäßig unter ihnen. Schon sahen sie die Kreidefelsen, die weißen Zacken, die Brandung davor. Da gaben sich die Schiffe Zeichen. Verlangsamten die Fahrt, hielten auf offenem Meer. Im Angesicht der Küste des Festlands hielten alle Schiffe. Eine stumme Stunde verging. Plätschern Ansingen Verklagen des Windes.
Mit rauhen Kreidefelsen begann der Kontinent. Dann bog er sich glatt hin. Einmal war ein Gebirge von Cornwall und Irland zum Festland herübergestrichen. Die Berge hatten sich gesenkt, das Meer über sie ergossen; das Meer umströmte jetzt die Inseln. Nach Süden und Osten streckten sich französische Landschaften, von dem atlantischen Wasser breit umfaßt, nach dem südlichen farbigen Meer quellend. Jahrhunderttausende hatten Mulden Becken Platten Anschwellungen diese Länder gebildet. Alte Meere im Norden waren abgeflossen, Vulkane erloschen, ihre Auswürflinge lagen auf den Hochflächen. In großen Strömen öffnete das Land seine Brust. Königlich schwollen sie zum Meer. Mit Gebirgen weiten Ackerflächen Flußebenen Weinbergen lag das Land, ruhte nicht bis es das Meer grüßte. Es hatte Matten Wiesen Wildbäche Gebirgsseen entwickelt. Grüne Laubwälder ließ es aus seinem Boden steigen, in ihren Wurzeln hob es sich zu schwarzen und silbrigen Stämmen auf, entfaltete unter dem luftdurchflossenen Himmel Blättermassen. Die zogen das Licht an, vermählten sich mit ihm. Mit grünen roten gelben Farben sahen Pflänzchen um sich. Gräser standen in dichten Scharen beieinander, spielten ließen den Wind gegen ihre Kanten pfeifen. Über Waldböden liefen Ameisen, verschalte braune und schillernde Käfer, betasteten Halme, drehten sie, suchten schleppten. Mücken schwammen mit feinen Tönen in der Luft, die sie trug. Große träge Tiere beschnupperten die Erde der Äcker und Wiesen. Schwerwampige Rinder kauten Gras; mit muskulösen Lippen schnappten rafften sie es, warfen es sich auf die nasse rauhe Zunge. An Pflügen von Siedlern kopfsenkende Pferde mit großen schwarzen Augen; sie peitschten sich die Schenkel mit langen Schweifen.
Die Erde beliefen, ihre Rinde schrammten betasteten Menschen. Ihre Leiber trugen kein Fell wie die Rinder und Schafe; sie waren ohne Schuppen, nahmen das Licht der fernen Sonne mit nackter glatter Haut auf. Für die Gase der Luft hatten sie die zarten durchsichtigen Öffnungen der Münder und Nasen. Das Gewölbe ihrer Brust, von knöchernen Rippenbögen umspannt, machten sie zum Raum der Luft. Wie am Spinnrad hob und senkte sich die Brust, sog Luft ein, entließ sie. Unermüdlich sogen die Menschen sich an der Luft fest, durchtränkten sich mit unsichtbaren Kräften. In ihre Därme ließen sie die Säfte vieler Pflanzen und Tiere fließen, nahmen an sich und ließen sich durchlodern von den Gewalten, die sich auf dem Erdboden niedergelassen hatten. Aus dem Wasser waren die Tiere aufgestiegen; die Menschen ließen nicht von ihm und es ließ nicht von ihnen, strömte durch ihre Gewebe und Häute.
Zitternd und leicht flogen die Menschen über die Wiesen Ebenen Hochflächen, stoben unermüdlich zu den Dingen, die ihnen Leben gaben und ihr Leben verlängerten. Sie hatten Knie, die sie hintrugen, die sich biegen konnten mit dem Rumpf, dem Nacken, zu Quellen herunter, zum Jagen des Wilds, das ihnen Fleisch geben sollte. Harte Knochen hatten sie aus dem Kalk des Bodens entwickelt, mit denen sie stemmen und ziehen konnten, Gelenke, um sich zusammenzukrümmen, das süße Leben zu verstecken und beschützen. Sie schnalzten sogen an vielen Dingen; die schmeckten ihnen gut, es gab Bitteres Saures Brennendes. Wie die Zähne ihnen wohltaten, die gerne beißen krachen konnten. Das Zerrissene rutschte den Schlund und Magen herunter, tat ihnen wohl. Und immer neue Dinge lockten die Augen; es bewegte sich alles um sie, war Vogel Baumwipfel Wind Sand. Die Sonne brachte Farben zum Glühen, warf bunte Schatten; man hatte Augen; die Freude des Tages, die Wohltat der Vermählung mit dem Licht. Die Haut war fühlsam; Glieder die sich bewegen ließen, trugen den ganzen Körper; wohin. Wo Kühle war, Wärme, eine Rinde, die sich abblasen ließ, und Menschliches, eine Haut, eine Schulterplatte, eine Schenkelglätte. Mann und Weib zueinander. Dazu hatte man Füße und Knie, konnte gehen, sich nähern. Blicke zueinander, Hände zueinander, Münder zueinander. Und nicht nur Münder. Man hatte einen Leib; das einzige Wühlen. Was man tastete umfing: daß man nicht Wasser war, um mit ihm zusammenzuschmelzen. Daß man sich hielt, diese Beruhigung Besänftigung: dies Stieren und Vergehen im Feuerschein. Daß das Eine Brüste hatte, schweres Haar, weiche Haut, das Andere Härte und Rauhigkeit. Die haarumbuschten schwellenden Glieder der Vermischung: der Überschwang der Süßigkeit, den sie gaben. Fittiche, die in das andere Land trugen. Und das hing über dem Boden, Mensch und Mensch, der Same strömte, verdunkelt lagen sie, in Finsternis, das mütterliche Licht, eingeschlossen.
Auf den Ackerflächen, den Gebirgen, in den Flußebenen, in den Wäldern die Menschen. In das Land zwischen dem kalten atlantischen Wasser und dem südlichen Meer quollen die Grönlandfahrer. Die großen Stadtschaften umgingen sie. Sie sahen Brüssel, das nicht mehr Brüssel war, sondern eine Häuserwüste, in der Ten Keir thronte, die er bewachte. Er war ein Spürhund. Die Grönlandfahrer zerstreuten sich, um ihm zu entgehen. Sie waren nach Norden gestoßen, in einem Verlangen, das Mardukreich zu berühren, von dem niemand mehr etwas wußte. Da kamen beim alten Amiens Männer des alten Ten Keir zu ihnen, die wie ein kleines Volk auf dem Wege nach dem zertrümmerten Valenciennes waren. Die Männer mischten sich unter die Grönlandfahrer, suchten sie zu erforschen. Die blieben verschlossen. Wie sie bei den Ruinen waren, zeigte sich Ten Keir selbst. Er nannte sich bei Namen, prüfte aufmerksam die auffällige Kleidung der Männer und Frauen. Ob sie zu Schiff gefahren wären nach Belgien, da sie Lederkleidung trugen. Er war, einen ganzen Tag zwischen ihnen herumgehend, beunruhigt. Und plötzlich stieß er auf Kylin, den Mann, den alle Senatoren dieser Landschaften kannten. Kylin saß auf einem Wagen, verteilte Brot, das ihnen Siedler gegeben hatten, betrachtete einen Augenblick uninteressiert den Mann, der sich vor ihm aufpflanzte. Jetzt war dem tief erschrockenen Ten Keir der Zug klar. Dies waren Grönlandfahrer, die die Sperre durchbrochen hatten. Aber man hatte die Sperre verfallen lassen. Er rief Kylin bei Namen. Der ließ, den Blick in Keirs Augen versenkend, ein Brot fallen. Ten Keir bückte sich: „Du bist Kylin.“ „Ten Keir.“ „Ja.“ Kylin mit dem langen grauschwarzen Bart nahm das Brot zurück: „Habe keine Furcht vor uns. Oder hast du Furcht.“ „Keine Furcht. Ich staune, Kylin. Du bist Kylin.“ „Wunderst du dich über meinen Bart? Deine Stadtschaft ist auch nicht jünger geworden.“ „Brüssel ist nicht meine Stadtschaft. Du siehst sie nicht. Brüssel ist unter der Erde.“ „Ich weiß. Ich habe gehört.“ „Warum blickst du immer um dich, Kylin. Hast du selbst Furcht vor mir?“ „Es ist schön im Land. Wir wollen weiter ziehen. Ich will dir viel Glück wünschen.“ „Wo geht es hin, Kylin.“ „Ich weiß nicht.“ „Sag mir doch.“ „Nach Norden. Nach Osten. Leb wohl. Ten Keir.“
Der unruhige Kylin war gleich aufgebrochen. Ten Keir beobachtete ihren Zug; seine Abgesandten waren an dem Weg, an dem. Der Belgier verheimlichte vor dem Senate seiner Stadtschaft seine Begegnung; besänftigte sich nicht: was ist mit den Grönlandfahrern, was haben sie vor. Fühlte sich erregt; konnte sie nicht loslassen. Waren das Siedler? Er war hilflos. Nach einigen Wochen konnten ihm seine Beobachter nichts mehr von dem Zug melden: er hatte sich aufgelöst. Wohl aus Hunger, tröstete sich, zweifelte Ten Keir. Die Giganten jenseits des Kanals strotzten und regten sich; er floß blaß zusammen. Saß über der Stadtschaft Brüssel. Die Kiesel vom Grund des schrecklichen London der Kuraggara und Mentusi knirschten in seiner Tasche. Er war getrieben, wußte nicht wohin.
Nach Süden in die Landschaft, die immer reicher aufblühte, bogen die Fahrer um. In kleinen Trupps wanderten sie, hielten Berührung miteinander. Als die schwarzen Argonnerberge vor ihnen auftauchten und sie anfingen in der Menschenöde zu hungern, wartete Kylin eine Woche, bis alle Trupps zusammen waren. Im Flußtal der Aire sammelten sich an dreitausend Menschen, auf Wagen Karren Mauleseln Pferden Ochsengespannen. Die Tannen in den Wäldern hatten hellgrüne Triebe; in einem Wäldchen junger Nadelhölzer sprach Kylin mit einer kleinen Zahl ehemaliger Unterführer: „Wir müssen uns trennen. Jetzt müssen wir uns wirklich trennen. Wir haben keine Nahrung, wenn wir beieinander bleiben. Man kann uns zusammen erschlagen. Ten Keir von Brüssel ist hinter uns.“ Er ging unter den zwanzig Männern und Frauen herum. Der junge Idatto, ein sehr magerer Mensch, der die eigentümliche Fettsucht der Städter überwunden hatte, hielt ihn am Arm: „Und was soll aus uns werden?“ „Du wirst nicht wieder krank werden, Idatto.“ „Ich weiß. So nicht. So werde ich nicht wieder krank werden.“ „Wir müssen uns trennen.“ „Aber ich will bei dir bleiben. Ich werde wieder krank werden, kränker als vorher.“ „Glaubst du, Idatto?“ „Wir wollen uns nicht trennen, Kylin.“ „Wir bleiben in kleinen Gruppen zusammen, das will ich ja auch. Aber so wie bis heut können wir nicht reisen. Du weißt selbst, wie viele hungern.“ „Ich will hungern und alle wollen lieber hungern als daß wir uns verlieren. Frage Bersihand und Magin und wen du willst. Sie wollen alle lieber hungern als voneinander gehen.“ Kylin ließ ihn los, stand stumm, auf den Boden blickend, bewegte die Lippen. Dann: „So sollt ihr reden.“ Und nacheinander sprachen die Männer und Frauen dasselbe wie der kranke Idatto. Sie umringten Kylin, der sich immer wieder zurückzog. Sie wußten nicht, und fuhren zurück, als Kylin die hellen Augen öffnete, warum er drohte und zu schreien anfing: „Aber so tut was ihr wollt. Verhungert, laßt euch erschlagen, bleibt zusammen. Ich hindere euch nicht. Ich hab keine Macht euch zu hindern. Ihr habt auch keine Macht mich zu hindern. Ich geh von euch.“ Idatto bettelte: „Warum?“ „Ja, du fragst. Du fragst. Und daß du schon fragst, ist schlimm. Du bist jetzt gesund, Idatto: wozu bist du gesund? Ich staune, was ihr alle aus eurer Gesundheit macht. Nein, ich bin entsetzt, was ihr daraus macht. Ich muß es aussprechen: ich schäme mich eurer.“
Kylin ließ sich wie müde auf den Boden, streckte sich, legte den Kopf stumm zur Seite, schob die Hände in die weiche Erde. Es war als wenn einige diese Bewegung verstanden. Die kraushaarige breite Damatile nahm den unsicheren Idatto beim Arm, sah ihm ins Gesicht: „Willst du jetzt still sein, kleiner Idatto.“ Und während sie schwiegen, stand Kylin langsam auf. Damatile faßte ihn bei der Hand. Sie wollte sprechen. Aber Kylin hob beide Hände, sah sie an und sah die andern an. Und jetzt wußten alle, daß er an Grönland dachte, an die Vulkane Gletscher Urtiere. Durch sie alle schwang und dachte es. Kylin kaute an seinen dünnen Lippen: „Wir müssen uns trennen, Damatile, Freunde. Damit wir nicht zugrunde gehen.“ Jetzt verstanden sie es. Der junge magere Idatto weinte an der Erde. Kylin hörte ihm eine Weile still zu. Man hörte nur das Weinen des jungen Menschen. „Was wollen wir weiter miteinander sprechen, Freunde, und uns erregen. Sagt es den anderen draußen. Sagt es ihnen deutlich. Aber sie werden schon verstehen, wofür wir leben müssen.“