Berge Meere und Giganten

Part 43

Chapter 433,645 wordsPublic domain

Ihre Augäpfel waren größer als ein lebender Mann; sturmartig blies der Atem aus ihrem Mund, den sie offen hielten, als wenn sie schrien. Die Kiefer waren ihnen im Anfang zu schwer und hingen. Wenig und selten wurde Nahrung in ihren Mund, über die hängenden Kiefer gefahren und gestürzt; die Riesenwesen, mühselig gurgelnd und schluckend, wurzelten in dem Tier- und Pflanzenboden. Ihre Beine waren von den Hüftgelenken, dem Becken an knollig versteift; breit standen die Beine, verbreiterten sich massig nach abwärts, gingen in Stränge aufgelöst, ihren Fleischcharakter verlierend, in die Bodenmasse über. Von da strömten Säfte und Nährmassen in ihren Leib. Durch ihre Bauchdecken, in die Weichen wucherten Baumstämme und Tierrümpfe in sie, breiteten sich in dem Gekröse aus, brachen in die Därme ein, verlöteten mit ihnen. Tierblut, Pflanzensäfte ergossen sie in die Därme, die sich langsam hoben senkten, wurmartig zusammenzogen und streckten. Dies war die Bewegung, die man in halber Höhe der Menschentürme sah: das langsame Hin und Her der Därme, die sich versteiften hoben und ihren Krampf lösend wieder herunterstiegen. Mit sich zogen sie jedesmal den schwankenden lockeren Abhang an sich, den aufklimmenden Wald, die hingedehnten, aus dem Wald sprießenden Tierleiber: die übergroßen Pferde, die aufrecht standen, die Vorderbeine in den Leib des Tiermenschen vergraben, mit ihren Hälsen sich aus seinem Leib windend und bewußtlos an den Blättern, dem weichen Baumholz kauend. Die Rinder, die aus der Bauchhöhle des Menschenriesen zu springen schienen, ganz wie wollüstig im Freßdrang in die Gräser des Waldbodens unten gewühlt; aber ihre Körper bogen sie nach hinten hoch auf; was sie fraßen, fraßen sie nicht für sich; ihre Hüften und Hinterschenkel sah man nicht mehr; sie waren im Bauch der Turmmenschen verschwunden und mit ihm verbacken. Sie waren mahlende Rinder und ein Mund, den der Riese über ihnen öffnete, eine Röhre aus der er sog. Die Hoden der Männer verschmolzen mit Baumwipfeln und Blüten; die strömten ihren Saft in die runden Körper, die sie wie Beeren trugen. Oft sah man die Riesen unter der Überfülle der Säfte sich biegen, stöhnen und ihren Samen vergießen. Immer wieder dämpften die Leiter die gefährlichen traumhaft ausfahrenden Bewegungen. Über die nackte Haut der Rümpfe, die erstarren konnte, warf man Hühner Schwäne. Schafe mit dicker Wolle breitete man über die Arme. Man wagte es an einer skandinavischen Insel, zwei starkmähnige Löwen, die an der afrikanischen Nordküste gefangen waren, aus Käfigen lebend auf die Schultern des Turmmenschen springen zu lassen. Sie bissen sich, krallten sich, während der Riese – es war einstmals Quick Baker, ein Sohn der Siedlerin White Baker – zwinkerte, an seinem Hals fest. Das war der Ort, den man ihnen zugedacht hatte, den sie decken sollten. Sie zogen die Zähne nicht mehr aus der bluttriefenden Haut. Die Tatzen ließen sie los; aber schlaff hingen die gelben Körper über dem rotüberrieselten Nacken; ihr Fell schmiegte sich an den Riesen; ihre Beine waren nur Wülste auf der Menschenhaut. Über ihnen pulsierte der meterhohe Kopf des Turmwesens, von langen buschigen Haaren überschaukelt. Dumpfe fast stumme Wesen, unbeweglich luftschnaufend waren sie. Unendlich träge ihre Bewegungen. Nach Menschenart die Bildungen des Mundes der Nase der Ohren, aber verstrichen wie mit Stein und Holz gemauert. Das Blut der Steine und Pflanzen wallte auch in ihnen.

Man hatte, als man die Türme errichtet, die Gerüste abgebrochen hatte, auf den Schiffen, die eigentlich verankerte Flöße waren, noch nötig, das Meerwasser durch die untersten Steinmassen aus Röhren laufen zu lassen, von Zeit zu Zeit neue Erde und Pflanzenhaufen über den Fuß des Turmes zu schaufeln. Dann konnte man den Riesenmenschen sich, dem Wind, dem Regen, der Wärme Kälte überlassen. Die Wesen auf den Bergspitzen Schottlands speiste man mit Quellen.

Eine Zahl dieser Türme wurde schon während des Baus von den Untieren vernichtet. Die Gründung der Seetürme nahm man dann an versteckten Stellen der Irischen See vor. Fast hundert stellte man her, dann noch zweihundert. Die schleppte man nach Norden vor die schottische Küste. In ihrem Rücken, unter ihrem Schutz vollendete man den Bau der Bergtürme. Eine Verteidigungslinie wurde mit den Giganten vom Sognefjord nach Süden um die jütische Küste über die Nordsee zu den Britischen Inseln gezogen. Im Ozean, auf den Gebirgen standen die Menschentürme. Ihre Arme hingen schlaff herab. Vor der Brust, die man geschützt hatte, trugen sie lose weiße Netze bis herab zum Nabel; das war ein Stück des Turmalinschleiers. Und wie die Lurche, die Riesenvögel mit den bezahnten Kiefern, die schwimmenden Drachen, wandernden Gallerten sich ihnen näherten, fühlten sie sich von den Menschentürmen gelockt. Wonne ging von dem Schleier aus. Was im Umkreis an gejagtem und verendendem grönländischen Getier sich bewegte, drängte auf sie, lechzte gegen das Floß, schob sich schnuppernd schlurfend gegen die Brust des Menschenturms. Von der Seite zuckten rascher und rascher die Arme des menschlichen Gebäudes vor. Die trüben Augen oben zwinkerten, die Stirnen legten sich in finstere Querfalten. Da konnten die Arme die Lurche Vögel Quallen Gallerten fassen. Hungrig war immer das Turmwesen. Dumpf stöhnte es. Quetschte mit der Kante des Ellbogens das anklimmende Tier. Das Maul sperrte es. Der Kopf bog sich herunter. Das japsende Tier zergriffen zerpflückten die Finger, die Hände wühlten in dem Sud, stopften triefende Stücke in den Abgrund des Rachens, der dampfte. Und die Lippen Wangen Halswampen zitterten dem Unwesen, dem Menschenbaum, als wollte es lachen. Seine Augen schloß und öffnete es rasch einigemal.

Der Turm in den Bergen schmetterte die Lurche, die gierigen Drachen unter sich. Unten wuchs sein Boden, neue Säfte stiegen in ihm auf; er zwinkerte, das Wasser troff aus seinem Mund. Traurig dumpf brüllte das Wesen.

* * * * *

Sehr eng und fest schlossen sich unter dem Unheil in den Stadtschaften die Menschen zusammen. Die Senate, schon während der Grönlandexpedition sehr auf der Hut und fast Bündnissen genähert, machten sich keine Sorge mehr um die Menschen. Die Stadtschaften waren ihnen gleichgültig. Sie waren kindisch gewesen, daß sie sich um das Auslaufen der Städte, um die Siedler bekümmert hatten. Angst, daß die Menschen über sie fallen würden, kannten die Senate nicht mehr. Sie waren bis auf die Zähne bewaffnet, die Maschinen konnten nur sie bauen; die Anlage, den Sinn, die Bedienung der feinen Apparate, der Elementumsetzer Kraftverwandler Kraftspeicher kannten nur die Männer und Frauen ihres Kreises; sie konnten die Mekifabriken still legen und alle verhungern lassen. Und nun ragten die Menschentürme!

Wegweiser der Senate war der gigantische haßgetragene Delvil. In London Brüssel Paris Lyon Hamburg Christiania Kopenhagen standen die Senate: „Laßt sie verkommen, die Stadtschaften. Machen wir uns Platz.“ Die Ereignisse vor der Grönlandexpedition hatten schon an den Senaten wie an einem Sieb geschüttelt. Jetzt fielen die letzten schwankenden nieder. Sicherheitskonvente nannten sich die Senate. Die Worte, die sie gebrauchten, waren die alten: „Errettung der Stadtschaften“, aber sie waren jetzt nicht mehr passiv für ihre eigene Sache wie vor der Expedition. Escoyez in Barcelona sagte: „Autonom sind wir. Niemandes Diener. Niemandes Sachwalter. Wer in unserem Schatten ruhen will, gut. Wer nicht, nicht. Wer die Macht hat, hat die Freiheit. Wir haben die Freiheit. Wir wissen, wem wir Verantwortung schulden. Niemand wird uns bewegen, anderen Zwecken zu dienen als unseren. Verrucht ist, wer etwas anderes mit uns vorhat.“ Wie in längst vergangenen Jahrhunderten gingen Mitglieder der Senate verschleiert und unsichtbar unter den Menschen der Stadtschaften. Was Delvil nördlich Londons im großen übte, das Verjagen und Vernichten der Siedlertruppen, wurde im kleinen überall geübt. Die einzelnen Männer und Frauen in den Senaten waren von großer Wildheit Raschheit. Es gab Spannungen unter ihnen; man wußte auch, daß eine kleine Gruppe hinter Ten Keir stand, der von Delvil an die Wand gedrückt wurde, – hinter Ten Keir, der den alten Weg der Ausbreitung der Stadtschaften gehen wollte. Aber die neue revolutionäre Schicht der Herrengeschlechter ließ ihn nicht aufkommen.

Von dem Boden unter die Erde wurden die Massen der westlichen Stadtschaften getrieben; unter der Erde konnte sich die ganze und alleinige Kraft der Herren entwickeln. Nachdem die Fliehenden die einfachen Wohnsitze vorläufig unter den Boden verlegt hatten, legten die Herren, stolz und freudig, Fabriken Apparate Waffen unter die Erde. Die Mekifabriken waren in Hamburg und Christiania von Bestien vernichtet worden: das war das Stichwort, alles an Anlagen unter die Erde zu werfen. Jubel der Herren überall, wo dies geschah; man konnte zeigen, was man war.

In die Erde wühlten sich die Menschenmassen ein, vor den verderbenden Untieren und getreten von den stolzen Männern und Männinnen. Wie ein Baum, ein Wald mit den Wurzeln nach oben wuchsen die Städte in die Tiefe. Meterdicke Beton- und Felsplatten bedeckten die Stellen der früheren Plätze und Straßen, oder sie lagen wüst. Als die Mekifabriken vor Jahrhunderten aufkamen, hatte man Äcker und Wälder verlassen, sie ihrer menschenlosen Wildnis zurückgegeben, sich in den Stadtreichen zusammengezogen; wie Fliegen an der Honigstange hingen die Menschen an den Apparaten. Jetzt gab man noch den Platz der Stadtschaften frei. Wohnte, wie man konnte, nicht wie ein Ameisenhaufen, der sich nach dem Boden richtet. Man konnte die Erde aufreißen, schuf Stück für Stück von dem, was man brauchte, mit eigener Hand. Nistete sich in die Erde ein wie eine Käferfamilie in tiefer Baumborke; wühlte sich tiefer und tiefer ein.

Einige Monate nach den ersten betäubenden Überfällen war, getrieben von den Racheausbrüchen Delvils, der nächst dem Kanal gelegene Teil Londons, die Gegenden Colchester Ipswich, später die südlichen Vorstädte Hastings Ramsgate Dover von der Erdoberfläche verschwunden, auf der sie viele Jahrhunderte gestanden hatte. Zwischen den gesprengten Häusern bewegten sich die Wildnis und der Wald. Die Betonplatten ließ man frei liegen unter dem Licht; Moos und grüne Flechten überzogen sie. In den Platten waren verdeckte Öffnungen gelassen für Luft und die Einfuhr der Rohstoffe. Zwischen die wechselnden Schichten der Erde trieb man Schächte wie in ein Bergwerk. Man baute an einem Korallenstock. Von vielen Stellen zugleich stieß man vor, dann berührte man sich in der Tiefe. Die Sande Schotter des Alluvium und Diluvium durchsetzte man; tiefliegendes Grundwasser drängte man ab, in die Lagen undurchlässigen Tons schnitt man sich ein. Ruhig gewaltig dehnten sich abgrundtief unter der Erde die neuen Städte mit den Menschen, das Lebendige von London Oxford Reading Colchester Hastings Ramsgate Luton Hartford Aldershot. In den Boden eines alten abgeschwemmten Meeres ließen sie sich herunter, zwischen Mergel und Kalke, rumorend zwischen den stummen Resten der dünnschaligen Muscheln einer vergangenen Erdperiode, den Trümmern jahrtausendalter Kopffüßler. Sie bogen Erdwände auseinander, wo einmal mit der Hochflut Myriaden Flügelschnecken, Generation auf Generation, gespielt hatten, kristallklare Wesen mit starken Ruderfüßen, die sie beim Schwimmen durch das schäumende Wasser wie Flügel auf und ab bewegten.

Als Stockwerk auf Stockwerk in die Tonmassen gestoßen waren, immer größere Höhlen aufgerissen, die Erdmassen, gesprengten Felsen zwischen den oberirdischen Häuserreihen zu Schutthalden aufgestapelt, hatte niemand mehr ein Furchtgefühl. Sie flohen nicht vor den Urtieren. Sie waren auf einer neuen gewaltigen Expedition. Die Senate riefen: „Von der Erde weg“ und sie gruben sich wonnig ein; das Wunder des menschlichen Könnens, das die Grönlandfahrer erlebt hatten, erlebten sie jetzt selbst.

Noch einmal übten damals die westlichen Stadtschaften Europas ihre ungeheure Saugkraft aus. Das von Furcht eingeleitete, von Rachegefühl befeuerte Vorgehen der Westlichen faszinierte die anwohnenden Menschenmassen. Man hatte nicht mehr daran gedacht, Rücksicht auf die Siedler zu nehmen; keine Wirkung hatte man mit der großen Polarexpedition erzielt. Jetzt, im Haß gegen die Siedler gekehrt, verführte man sie. Von Westen und Norden waren Menschen auf der Flucht vor den anwandernden sterbenden Tierscharen, vor der Tierlava, die der grönländische Vulkan um sich schüttete. Zugleich wallten Massen von Süden und Osten an die Küsten, Haß, heiße Freude über das Verderben der stolzen Stadtschaften in ihnen, dann die Lust, den Kampf zu sehen. Aber zuletzt wurden sie betört, selber eingestrudelt. Die Riesenstädte, vor die sie kamen, waren wie von Bränden Erderschütterungen zerwühlt. Die schrecklichen, sich über sie erhebenden zusammengewachsenen Reste der Leiber von Urtieren Häuserbalken Wäldern Menschen, die verfaulenden Stadtteile, ein einsinkender Morast von Verwesung, der seine grünschwärzliche Brühe, ammoniakalischen und schwefeldunstenden Wust durch leere Straßen rieseln ließ. Auf diesen schwärzlichen kilometerlangen haushohen Morasten, die absanken, wie Gletscher troffen, ihre Lachen vergossen, hockten schwarze Schwärme von Raben ein, geschwollene starke Tiere. Weit hörten die aufziehenden Menschen das Geschrei der nistenden Vogelvölker. Die Menschen, die von Süden heraufzogen, glaubten Gas Rauch zu sehen; wie sie sich näherten, wirbelten die Vögel auf, die sich mästeten. Die Urtiere, über den Stadtlandschaften der Nordseeküste, der Ostsee, des westlichen Frankreichs und Deutschlands liegend und zerfallend, hatten über die Häuser Anlagen Plätze den grünbraunen quellenden Boden eines Sumpfes getragen. Sie hatten, sich bewegend wachsend zerschnitten und auseinanderrollend, Häuser Erde und Lebendiges ineinander gemahlen; ein neuer Boden war gebildet; der Wind rührte schon daran, Waldtiere rückten gegen ihn vor. Ein Schwall östlicher Menschen trieb über die deutsche Tiefebene hin; durch Süddeutschland bewegten sie sich, die starkbewehrte Mark berührten sie und lösten Menschen aus den Hordenverbänden. Asiaten waren unter ihnen, Mischlinge aus den russischen Steppen. Sie setzten sich auf die Trümmer der alten Städte. Fuhren in die Schächte ein.

Erst waren die Mekifabriken unter die Erde gestiegen neben die großen Laboratorien, die man schon seit langen Jahrzehnten in die Erde geschoben hatte. Die Apparate Fabriken folgten. Zuletzt kamen die Menschenmassen, die sich eine Weile in vorläufigen Betonhöhlen versteckt hatten oder nach Osten geflohen waren.

Sie waren abgetrennt von dem Himmel. In diesen meilenweiten warmen Bezirken in der Erdrinde gab es nicht Tag und Nacht. Keine Vögel sangen; Gräser Pflanzen Bäume wuchsen nicht. Man hatte keinen Schnee, keinen Hagel Regen Wind. Die Jahreszeiten wechselten nicht. Betonplatten sperrten die seitlich und von oben andrängenden Erdmassen zurück. In den Buchten Gewölben, den meilenweiten Gängen die Häuser Fabriken Plätze Alleen. Die Schächte und Höhlen waren in die Erde gebrannt. Den Sauerstoff der Luft stellten sie mit Maschinen her, trieben ihn in diese Gänge und Schluchten, die wie Blasen in der Erde waren. Das Wasser der Themse zwangen die Londoner in ihre Gruft herunterzusteigen; durch die Alleen ließen sie den Fluß ziehen, Brücken schlugen sie über ihn. In großem Bogen wand sich der Fluß durch die Betonstadt in dem Bett, das man ihm gezogen hatte. Zuletzt ließ man ihn anschwellen; er stürzte eine Betonwand herunter in ein Tal, das nicht ausgekleidet war. In diese Ton- und Kalkmassen sickerte er ein, konnte nicht zurückschlagen; seine schäumenden, immer wieder polternden Reste wurden um die Stadtanlagen im Kreis herumgeführt, bis sie sich in Sand und Schotter erschöpften.

Das Sonnenlicht kam nicht herunter. Aber die starken Londoner ließen es herabsteigen. Da stand der glühende Gasball, die Sonne, in abenteuerlicher Ferne im Äther, das gelbweiße Flammenmeer, das mit dem Eis des Äthers kämpfte; die Menschen auf der britischen Insel fingen sein Licht zum Hohn in Spiegeln auf, warfen es in die Tiefe über die lachenden herumvagierenden Massen. Da war es dünn bleich blutlos wie Mondschein am Tage, starb neben dem weißen brillierenden farbenspritzenden Lichtgewoge an den Decken der Gewölbe.

In die Felslager der großen Tiefe nahe dem Meer, an der Südküste im Gebiet der South Downs, öffnete man weite Hallen für Vergnügungen. In diesen Steinhöhlen wuchs die Messingstadt, so genannt nach dem Behang der Häuser Theater. Im Dunkel lagen große Teile dieser Stadt; mit Riesenscheinwerfern erhellte man sie. Der Ort hatte seine eigene Polizei wegen der außerordentlichen Zahl Verbrechen, die hier Tag um Tag verübt wurden. Hierhin fluteten dauernd Massen. Berüchtigt war besonders bei den Siedlern dieser Ort, der die Menschen verführte. Aber auch die Senate, so gleichgültig ihnen das Einzelschicksal war, sahen sich veranlaßt, von ihren Waffen an die Polizei der Messingstadt abzugeben, weil hier das Chaos drohte. Die Menschen der westlichen Rassen, die in die Erdstädte einströmten, waren bald von einer unerhörten Hitzigkeit. Sie lagen nicht mehr schlaff herum; die Wildheit und Spannung der Senate schien auch auf sie geflossen zu sein. Die fremden begierigen Haufen vermehrten die Erregung. In den Vergnügungsbauten und Gewölben, in denen Männer und Frauen umgingen, kam es zu strudelnden Kämpfen. Die Vergnügungen, die die Menschen sich boten, genügten ihnen nicht; Kampf war eine Steigerung. Die Männer des Senats mußten eingreifen; mit kleinen elektrisch geladenen Stäbchen schlugen sie im Gedränge auf die Hände Stirnen Ohren der Kämpfenden, betäubten sie. Oder machten sich mit ihren Silberreifen Platz. Auf einen starken Druck der geballten Faust schoß aus dem silbernen Fingerreif eine zungenartige Spitze, nicht länger als ein Nagelglied. Die Spitze war ein durchbohrtes Röhrchen, eine Kanüle. Die stießen sie während des Ringens dem Gegner in eine beliebige Stelle seines Leibes, Brust Schenkel Hals, lähmten ihn mit dem Tropfen, den die Kanüle entleerte. Zogen sie den Ring nicht rasch zurück, so töteten sie den Gegner mit einem Stich. Sonst erwachte der Betäubte nach Tagen, kam aber nicht mehr zum vollen Gebrauch seiner Glieder; der gestochene Arm blieb lahm, die getroffene Brust wurde kurzatmig. Die Polizisten waren mehr gefürchtet als die Senatoren, die nur ab und zu unsichtbar erschienen, sich nie einmischten, nur beobachteten. Man sagte, diese Männer und Frauen des Senats erschienen in der Messingstadt, um die Leidenschaften zu erregen, ihre Polizisten zu gefährden und sich an den Kämpfen zu delektieren.

In der Messingstadt war die große Arena Londons. Man führte Stier- und Löwenkämpfe ein. Bisweilen wurden auch von unsichtbaren Händen über die Zuschauer Menschen in die Arena geworfen, zum wonnigen Entsetzen der Zuschauer. Es hieß, dies seien Verbrecher oder Attentäter auf Senate; man erfuhr nie Sicheres, weil kein Mensch die Arena lebend verließ. Die Tierkämpfe fanden immer in völliger Dunkelheit statt. In völliger Finsternis ließ man die Stiere in die Arena, über die gelegentlich ein Licht huschte. Das starke Tier aber war blendend hell. Blendend hell stürmte es, sich selbst leuchtend, in den schwarzen Raum. Stirn Nacken Beine waren mit einem besonderen Lichtgemisch bestrichen. Das war ein Stoff, dessen sich Schauspieler bedienten und von dem man ein wunderbares Gerede machte. Der Stoff, sehr verschieden von dem Lichtgemisch, welches die Leuchtfarben der Wände und der ganzen Erdstädte erzeugte, übertrug sich leicht, blieb an Fingern Kleidern hängen. Mit Stillschweigen und Angst saßen die Zuschauer. Die tierischen Körper liefen leuchtend durch den Raum, der unter ihren Tritten phosphoreszierend aufdämmerte. Die Erinnerung an Geschichten, die man sich zutrug, wurde in den Massen wach. Von einem belgischen ehemaligen Siedler wußte man, der sich Ibis nannte und nach der britischen Erdstadt London sich hatte locken lassen.

Der war mit einer jungen Frau gekommen, Laponie, die er einem andern entrissen hatte. Sie war wie er lustvoll in die unterirdische Stadtschaft gestürzt, hatte von dem Lichtgemisch gehört, das die Schauspieler auf den Bühnen verwandten. Und hatte sich’s verschafft. Sie strich es sich nicht auf das Gesicht und die Hände wie der Schauspieler, dem sie es abgekost hatte. Sondern auf die Spitzen ihrer Brüste und über ihre geheimen Organe. Wollte ihren Mann berauschen. Und wie es Nacht war und er sich ihr nähern wollte im finsteren Zimmer, wich sie ihm aus und hatte ihre Freude, wie sie sein Entzücken sah und hörte und fühlte. Wie er nicht ihr nachstürzte und nicht sie sah, sondern immer nur den Schein ihrer Brüste und das Flimmern um ihre geheimen Organe. Sie ließ ihn nicht gar zu stürmisch an sich, damit nicht sein Gesicht von dem Lichtgemisch empfinge. Aber dann lag er und sie; und sie schliefen in einer unendlich wohligen Heiterkeit. Ibis aber trug an seinen Lustorganen den Stoff mit sich fort.

Er war ein üppiger blonder Flame, der sich seiner neuen Kraft nicht genug freuen konnte. Mußte sie zu anderen Weibern tragen, denen er verheimlichte, von wo er sie hatte. Sie kamen mit der liebenden Laponie zusammen, sprachen nicht von Ibis, aber ihr Geheimnis behielten sie nicht. Da wurde Laponie von Eifersucht geplagt. Sie suchte das Gemisch von ihren Schamlippen zu entfernen, von ihren Brüsten; es gelang ihr nicht, so verzweifelt sie sich wusch und rieb. Und wie sich Ibis ihr nachts näherte, wollte sie sich verdecken verstecken. Er sah sie aber, sah ihre geheimen Organe und Brüste. Sie lief aus der Stube, in die finstere Straße. Und da sahen die Männer und Frauen die beiden laufen, Mann und Frau, aber nicht Mann und Frau, sondern hintereinander, bald getrennt, bald dicht zusammen, schimmernd die Muschel eines Weibes und Rute und Behang eines Mannes, zitternd, im Kreis herumlaufend. Laponie sah nur Ibis, wenn sie sich umdrehte und dachte nicht an ihre Scham, er sah nur sie und dachte nicht an seine. Sie flog in ihr Haus zurück, wollte ihm zürnen. Aber wie sie im Finstern so dastanden, lachte sie; sie konnte ihm nicht zürnen. Er merkte nur auf ihr Lachen. Sie fielen sich in die Arme.

Aber doch war etwas in der Seele der zarten Laponie stecken geblieben. Sie mochte ihren schimmernden Schmuck nicht mehr, ruhte nicht, bis sie von dem Schauspieler, der ihr für zehn Küsse das Licht geschenkt hatte, das Wasser erhielt, mit dem man es auslöschen konnte. Stolz lockte sie im Dunkel den kecken Ibis, der verblüfft sich drehte, sie nicht fand. Sie aber kicherte, schlug mit einem Stöckchen auf seine leuchtenden Geheimnisse, daß er schrie. Und wie ein Kobold lief sie um ihn, prügelte ihn klatschend. Er wollte sie fassen, um sie an sich zu drücken, diese Nacht und viele folgende. Aber sie hielt sich tapfer, ließ ihn die Schläge ihrer Eifersucht fühlen. Bis der Schauspieler, zu dem sie gern ging und dem sie ihr Leid klagte, ihr gute Worte gab und im Lauf der Unterhaltung ihr selbst wieder das Licht ansteckte. Zu Hause erst merkte sie, wie sie ihr Zimmer verfinsterte und den schönen Tag bedachte, was sie mitgebracht hatte. Konnte nicht zurücklaufen, um den Schauspieler, den schlimmen, um das grüne Salzwasser zu bitten; Ibis war schon im Haus. Da legte sie sich stracks in ihr Bett, ließ an sich leuchten, was leuchten wollte. Ibis polterte draußen, öffnete die Tür. Sie lag starr, hielt den Atem an; jetzt würde er es sehen. Und er sah es. Stand an der Tür, klatschte in die Hände: „Da bist du ja, Laponie. Da seh ich dich. Endlich.“ „Nein, ich bin nicht für dich da.“ „Für wen ist denn das, süße Laponie. Und warum diesmal nur die Muschel, die kleine Muschel? Warum nicht auch die Knospen an der Brust?“ „Es ist nicht für dich. Ich habe mich – gerächt.“ „Was für Rache! Laponie, du leuchtest. Wenn du mich prügelst, das ist schlimm.“