Part 42
Delvil flüsterte: „Sag ja, Ten Keir. Ich warte auf dich.“ „Sprich lieber nichts. Spitz die Ohren, was über uns geschieht. Vielleicht bewegen sich die Wände. Man weiß nicht was geschieht.“ „Sag ja oder sag nein. Ich bin fünfzig Jahr alt. Jahrtausende haben für uns gearbeitet. Gedacht. Du hast es mir einmal klar gemacht. Ich habe es nun sehen gelernt. Ich bin ein Mensch. Ich gebe nicht auf, es zu glauben. Und du?“ „Ich auch nicht.“ „Dann gib mir deine Hand.“ „Was soll das.“ „Das ist deine Hand. Jetzt wirst du rasend grimmig heiß kalt wie ich werden. Laß sie mir. Laß nur. Du fühlst es schon. Jetzt wirst du in der Nacht auch nicht schlafen können wie ich, vor Wut und Verzweiflung! Du wirst bald röcheln in der Nacht. Ten Keir, hörst du! Du wirst mir Wut und Scham kennen. Du wirst dich verfluchen, wie ich mich, daß die Bestien das können, Städte verwüsten, unsere Städte, in unsere Anlagen fallen, daß die Siedler uns auslachen. Ich verfluche mich. Verfluche mich aber nicht lange.“ Delvil zog seine Hand zurück, schüttelte sie als wenn sie zu schwer wäre, blickte Ten Keir an, wich gegen die Wand, wo das Lichtauge blickte.
„Was habt Ihr vor. Was hast du vor, Delvil?“ „Du hast meine Hand berührt. Du weißt es. Es gibt nur zweierlei: die Bestien und wir. Die Bestien will ich nicht.“ „Und?“ „Nicht: und sie werden nicht sein.“ Die Fäuste hob Delvil über seinen Kopf, atmete: „Ich will sie nicht. Aus tiefstem tiefstem Herzen sag ich dir: ich will sie nicht. Sie sind schon jetzt nicht mehr da. Sie sind weg. Sie sind schon – vernichtet, von mir, weil ich es will. Ich flüchte nur zum Schein vor ihnen und verstärke mich. Sie leben nicht mehr, Ten Keir. Wir haben sie besiegt. Laß ihnen eine Gnadenfrist von ein paar Tagen, ein paar Wochen. Gönn ihnen das. Sie sollen sich diese Welt noch anschauen. Unsere Welt. Dann ist es aus für sie. Aus! Delvil sagt es. Dann hat er genug. Der Tisch wird rein. Glatt. Blank. Spiegelblank. Hauchblank. Kein Stäubchen darauf!“ Ten Keir in dem Lichtkegel; ganz weiß die Vorderseite des blinzelnden Manns: „Ich will es glauben.“
Der Brüsseler suchte den starken Delvil in der Stadt zurückzuhalten. Der kehrte auf die britischen Inseln über den Kanal zurück. In die Kellerräume stürzten die Menschen. Man hatte gesehen, daß die weiche Erde, die offene Luft gefährlich waren; auf die schweren Betonplatten, Höhlen in sehr massiven Felsgründen erstreckte sich die Wirkung der Bestien nicht. In das Innere der Insel flüchteten Haufen von Menschen. Delvil sah sie mit Hohn und Gram. Es war sein erster Akt, als er von Brüssel zurückkehrte, daß er den Westrand der Londoner Stadtschaft mit schweren Waffen bestückte. Feuer und Strahlen ließ er in die chaotische Menge schleudern. Seine Megaphone schrien über sie: Er sei der Drache, der Drache käme. Und schon war der heiße Atem über ihnen, nicht aber aus den Mäulern der Riesenlurche, sondern aus seinen Maschinen. Und sie wurden angeglüht gebrüht gebrannt. Delvil ließ sie zu Kohle werden. Seinen Haß richtete er auf die Siedler, die Triumph über die Städter sangen; was hätten die westlichen Senate in Grönland erreicht, wo sei der neue Erdteil, welche Wüste sei geschaffen, schlimmer als die im Uralischen Krieg. Und wie fiele es jetzt auf die Städte zurück: kein neues Land, aber sogar das alte werde vernichtet. Die Wut Delvils schwang Peitschen über sie. Sie hatten vor den Drachen und Delvil zu flüchten. Er verband sich eine Schar von Männern und Frauen, die er fanatisiert hatte und die zu der Sache der Städte hielten. „Erretter“ nannten sie sich. Im Bereich der britischen Städte trieben sie die Menschen in die Keller und Höhlen, zwangen die Senate den Boden überall zu unterwühlen, die Betonblöcke zu schaffen, in denen die Menschen hausten. „Erretter“gruppen formierten sie in allen Städten hinter sich, sobald sie abzogen.
In das offene Land, auf die schottische Hochfläche aber drangen sie ein mit doppelter Inbrunst. Delvil hatte ihnen das mitgegeben: „Die Bestien, die scheusäligen Lurche und Drachen sind ein Unglück. Wir haben sie nicht gerufen. Man hat uns gezwungen nach Grönland zu gehen. Wir wußten keinen Ausweg. Man wollte eine Barbarei aus unserm Land machen. Wir waren schon am Erliegen. Jetzt kommen die Reptilien, die Untiere, verderben uns. Rache an denen da, die sie uns geschafft haben. Rache an den Verbrechern. Tötet sie! Säubert unser Land!“ Und mit Lachen, mit schwingendem seligen Zwerchfell sah er sie zu Haufen fallen, die Hetzer, die großartigen Lehrer neuer Weisheit, diese Erretter der Menschen. Es gab noch wirkliche Erretter. Nach dem Kontinent und nach Amerika gab Delvil diese Meinung: man möge den Augenblick benützen, um sich das Gesindel vom Hals zu schaffen, das ihnen allen das Leben schwer gemacht habe. Man möge den Ausgang der Grönlandfahrt richtig verstehen. Sie sei glücklich ausgefallen. Sie habe es ermöglicht, die westliche Menschheit neu zu befestigen und die Parasiten von ihr abzuschlagen. Man habe freie Ellbogen gesucht; jetzt habe man sie.
Inzwischen blickten er und seine Freunde darauf, Waffen gegen die Untiere zu finden. Sie waren von einem kalten Haß aufgerührt. Alle Strahlen durchbrachen die Tiere. Das Zerreißen der Mißgeschöpfe nutzte nichts; ihre Teile übten mehr Schaden als ihr unversehrter Leib. Wer diese Wesen anfassen und hinmachen könnte. Es war eine heftige und unerträgliche Scham, die Delvil und seine Mitkämpfer erfüllte, daß sie wie ein Urvolk, wie ein Buschmann vor einem Tiger dastanden und keine Rettung wußten.
Es war nicht Delvil, sondern ein unbenannter Mann aus Christiania, der Hilfe brachte. Der, aus einem Sturz der Reptilien gerettet unter Verlust des rechten Armes und der Schulter, fand einen überraschenden Weg. Unter ein sterbendes schon erstarrendes Tier war er geraten. Der vom heißen Blut angespritzte Arm war ihm gewuchert; keinen Schmerz hatte er empfunden, nur ein sonderbares Fluten und Zucken durch den ganzen Leib, ein Blitzen von Lichtern vor den Augen, besonders ein rosa Leuchten, das ihm Wohligkeit und Süße eingab und fast wehrlos machte. Aber das Wallen und Zucken im Rumpf, in der Wirbelsäule, an den Knien und Hüftgelenken nahm plötzlich eine furchtbare drängende Stärke an. Er sagte: so müsse wohl eine Frau fühlen, die gebäre, in den Wochen liege und das heraustreibende Kind stemme ihr den Leib auseinander. Unter dem dumpfen grausamen Schmerz hatte er sich, schon träumend, in der schwimmenden Süßigkeit verloren, hatte seinen Körper nicht frei bekommen. An einem entsetzlichen Stiel hing sein Körper, es war sein Arm, ein Riesenarm, eine weiße geblähte Fleischmasse. In Ekel griff er nach seinem Messer, schnitt hinein, wo er konnte mit dem Arm. Hieb in sich, um die gräßliche Fleischmasse von sich abzutrennen. Die Schnitte und Stiche schmerzten nicht, er hieb wie in ein fremdes Wesen, dicht an seiner Schulter. Und plötzlich stürzte er ab und war bewußtlos. Dieser Mann aus einer Mekifabrik war nach zwei Tagen von einer Rettungskommission gefunden worden, wurde da er noch atmete nach Christiania transportiert. Wo man ihm unter den größten Vorsichtsmaßregeln die Schulter entfernte, die noch nach der Selbstamputation des Mannes zu einer sackartigen Geschwulst gewuchert war. Der Mann war wie ein Kind klein geworden, seine Glieder gummiartig weich; ungeheuer hatte noch nach der Selbstamputation der parasitäre Stummel an ihm gezehrt. Sehr schwer war es ihn zu ernähren, die richtigen Stoffe in ihn zu werfen; der braungelb bis schwärzlich gefärbte Mensch schien ein völlig verändertes Blut zu haben. Sogar seine Augen, die Iris seiner früher blauen Augen hatte einen grauschwarzen Ton angenommen. Soviel er auch in einem Heißhunger verschlang und soviel er trank, er gedieh schwer, fror in seinem Bett, dieses Wunder eines Wesens, das die Urtiere nicht vernichtet hatten. Da erzählte er, dessen Geist nicht verworren war, aber immer unter einer Betäubung lag; von Blitzen die durch ihn gegangen wären, von dem Wallen und Zucken im Rumpf, als ihn das Untier berührte, dies Recken und Reißen und Schneiden in den Finger- und Kniegelenken, in den Wirbeln. Er hatte es jetzt nicht mehr. Noch wie der Stumpf an ihm sog, hatte er es gefühlt. Der träumende, mit dem Gespenst der Tiere ringende Mann meinte, ihm fehle etwas. Er wolle nicht mehr essen, es hätte keinen Sinn. Man müsse ihm das geben, was die Tiere hätten. Dann würde er gesund. Immer wieder drang er, halb bewußtlos, darauf. Die Ärzte, mit Elektrizität und vielen Strahlen arbeitend, konnten den Zustand nicht ändern. Als der Mensch immer trieb und bat, man möchte ihn nach Grönland bringen, an das rosa Licht, von dem die Schiffer berichteten, verfiel man darauf nach den Schleiern zu forschen, die die westlichen Senate für sich von Grönland geholt hatten. Es war ganz still von ihnen geworden. Sie waren in unterirdischen Riesengewölben an der belgischen Nordseeküste und in walisischen Bergen vergraben; niemand kümmerte sich um sie. Von zwei abenteuerlustigen Männern begleitet flog der Skandinavier über die Nordsee. An den flämischen Bänken fauchten Riesenlurche unter ihnen. Fast wonnig atmete der dem Tode nahe Skandinavier schon hier. Und als man ihn auf die grüne Wiese an der flandrischen Küste setzte in der Nähe des Tunnels, der zu den Turmalingewölben führte, veränderte sich sein Blick; er lächelte, suchte sich aufzurichten. In Eile schoben ihn die beiden Männer mit einem Speisevorrat an den Eingang des Tunnels, dem sie sich nicht zu nahen wagten; sie selbst schwirrten vor den nahenden Lurchen nach Osten.
Vor den belgischen Senat wurde nach zwei Wochen dieser Skandinavier geführt. Ein Schwarm von Menschen, aus ihren Kellern gelockt, begleitete ihn. Er predigte von dem Wunder der Turmalinnetze. In ihnen stecke die Seele des Lebendigen. Er war fast so groß wie ein Mann seines Alters, schwankte aber, war übermäßig erregt, blickte frisch; die Haut vorher schwärzlich, war durchsichtig blaß; man sah fast das Blut darunter fluten. Die Haut schilferte, die Haare waren blond, übermäßig lang, auf die Schultern heruntergewachsen. Ten Keir hörte im Keller des Rathauses von Brüssel nur kurze Zeit den sonderbaren phantasierenden einarmigen Skandinavier an, ordnete an, ihn nach Hause zu befördern. Er brachte im Augenblick die entsetzlichen Lurche mit den Schleiern zusammen: ob man gegen die Bestien mit dieser Waffe vorgehen könnte. Am selben Tage war sein Bericht in Delvils Händen.
Von seinem Verwüstungsfeldzug unter den Siedlern heimgekehrt saß der in London. Am Abend dieses Tages waren die beiden Männer einig, daß die Gewölbe der Turmaline besonders zu schützen seien; niemand war an sie heranzulassen, es durfte auch nichts nach außen gelangen von den Kräften der Turmaline und daß die Schleier noch wirksam waren. Den Skandinavier ließ Ten Keir in der Nacht fassen und einsperren. Die schon auftauchenden Gerüchte, von der sonderbaren Wiederherstellung des Mannes, den die Lurche fast getötet hatten, ließ er als Phantastereien zerstreuen. Eine Kommission von Physikern und Biologen prüfte die walisischen Netze. Delvil gehörte ihr an. Ein wütender Gedanke hielt ihn fest: in diesen Netzen waren die Kräfte, mit denen man Bestien Widerstand leisten konnte, und nicht nur den Bestien! Delvil war innerlich verhakt. Er haßte diese Welt, die Erde, die ihm dies antat, die phantastische blöde schreckenlose Macht, die sich vor ihm aufstellte und ihn wie ein wilder Bulle umwarf. Man hatte nicht dazu die Äcker verachten gelernt, das Korn weggeworfen, das der Boden gab, das Vieh, das sich selbst fortpflanzte, um dies zu erdulden. Es steckte eine Rache der Erde dahinter, die ihr aber nicht bekommen sollte. Wie hatten die Berge in Island dagestanden, wie hatten die Vulkane sich mit Donnern und Lava-Ausbrüchen gebärdet, man hatte sie aufgerissen. So hatte man sie behandelt wie die stolzen Flieger, die man segeln ließ, aber die Luft riß man unter ihnen weg – was nutzte das große starke Flugzeug; und wie die Schiffe, die mit einmal nicht mehr fahren konnten, weil kein Meer da war. Das waren Erlebnisse für Schiffe und Flieger.
In die unterirdischen Arbeitsräume ließ Delvil Schleier der Turmaline bringen. Die Physiker, obwohl den herrschenden Familien angehörig, ließ er unter Todesdrohung an die gefahrvolle Arbeit treiben; alle Gewalt war bei ihm. Den Männern und Frauen blieb nichts übrig, nachdem sie dem Schicksal oberirdischer Vernichtung durch die Urtiere entgangen waren, sich den Netzen zu nähern, den eigentlichen Gebärerinnen des Unglücks. Delvil, in wenigen Wochen ganz ergraut, mit magerem Gesicht, forderte sie täglich vor sich. Sie berichteten. Von seinem Haß auf die Urtiere war in allen; aber sie grollten ihm auch. Sie wußten nicht, wie er sie täglich rufen ließ, daß er sie beobachtete prüfte, ob sie nicht schon etwas gefunden hätten, womit sie sich zum Herrn über ihn aufwerfen könnten. Er sprach nur von seiner Wut auf die Tiere, von der Notwendigkeit, die Städte die Einrichtungen die Menschen zu schützen. Kein Wort sagte er davon, daß er auf Rache und Vernichtung aus war. Vermöchte er zu tun, wie der Skandinavier Kylin an den Bergen getan hatte: sie erschüttern, anschwellen machen, bis sie platzten. So Grönland von der Wurzel bis zur Spitze, kreuz und quer aufreißen. Einmal hatte ein persischer König das Meer peitschen lassen, weil es seine Brücke zerbrach: wie gut er den König verstand.
In Pausen, die sonderbar und unverständlich waren, kamen die Bestien von Norden. Das Meer verseuchten ihre Leichen. Unter der Erde arbeitete in London Delvil mit seinen Gehilfen. Sie brauchten Tiere und Menschen zu ihren Versuchen. Delvil war glücklich, als man so weit war, ohne Schaden die Schleier zu zerkleinern, und sie in kleinen Ausschnitten Kreisen Blättern auf Lebewesen tat. Er brüllte: „Die Bestien! Die Kreidezeit! Die ganze Kreidezeit! Was machts aus. Sie sollen kommen. Je mehr, desto besser. Sie sollen es fühlen.“
Ten Keir wagte sich über den Kanal. Delvil empfing ihn zwischen den Physikern, umarmte ihn wild; flüsterte: „Ich schäme mich nicht mehr. Die Krise geht vorüber. Gott, was war das für eine Zeit. Ich habe nicht gelebt, Ten Keir. Sieh mich an, wie mein Gesicht ist: zwanzig Jahre in zwei Monaten. Sie sollen es büßen. Ich werde wieder gesund. Gesunder als ich gewesen bin.“ „Ihr seid schon weit, Delvil?“ „Wir wollen Brüder werden“; er zog den Brüsseler beiseite; sie gingen durch die straßenähnlichen unterirdischen Anlagen; „ich vergesse dir nichts. Weißt du, Ten Keir, wie du mich behandelt hast, als ich einmal bei dir war, vor der Grönlandexpedition? Nein, es war gut. Du hast mich gut behandelt. Ich hatte ja noch mit den Siedlern geliebäugelt. Du hast mich zurecht gestaucht. Gut, Ten Keir. Ich vergesse es dir nicht. Ich war im Begriff mich zu verlieren. Ich war im Begriff mich unter die Hunde zu begeben. Wie hätte ich jetzt geheult über Lurche und Echsen. Ich brauche mich nicht mehr zu schämen. Du auch nicht, Ten Keir, Bruder Ten Keir. Wir wollen Brüder sein. Es kommt der Tag. Glücklich, daß ich dafür aufbewahrt bin. Ich habe Grönland auf dem Gewissen, Island. Ich will noch mehr auf dem Gewissen haben. Sie sollen mich fürchten.“ „Wer denn, Delvil. Wir werden sie bezwingen. Und gut.“ „Nein, nicht gut. Das sagst du, nicht ich. Was mir geschehen ist –“ Delvils Augen blickten starr; Ten Keir erinnerte sich seiner Worte in Brüssel, wie er die Fäuste hob, auf dem Schemel saß und stöhnte: „Ich will sie nicht. Aus tiefstem tiefstem Herzen sage ich dir: ich will sie nicht. Sie sind schon jetzt nicht mehr da.“ Delvil zwang die Dinge. Er haßte sie. Durch Ten Keirs Kopf zuckte einen Augenblick der Gedanke: dieser Delvil hatte selbst etwas von den grauen und grauenhaften Urtieren an sich. Wie sein Gesicht sich wirklich verändert hatte, seit er ihn gesehen hatte; die Züge schwer beweglich, tief eingetragen, die Haut von der Aschfarbe des Betons, zwischen dem er lebte, die Bewegungen langsam und drängend, kein Zucken; seine Stimme selbst ohne Modulation. „Es kann mir nicht genug sein, Ten Keir, daß ich die Lurche besiege. Wir werden sehen, was die Versuche ergeben. Ich will sie an dem Ort aufsuchen, wo sie entstehen. Ich gehe ihnen entgegen. Sie werden nicht leben. Der Boden, der sie geboren hat, wird nicht leben.“ Ten Keir suchte ihm in die Augen zu blicken. Delvil ging weiter: „Wir werden sehen. Unsere Arme werden wieder frei, Bruder Ten Keir. Mein ist die Rache, spricht der Herr.“ Er merkte nicht, daß der Belgier mit gekreuzten Armen unbeweglich dastand.
* * * * *
Als im Sommer der Schwall der grönländischen Urtiere nachließ, war den Helfern Delvils das erste gelungen. Vor die Südspitze von Skandinavien, Jütland, über die Nordsee, auf die schottischen Berge südlich des Moray Firth legte man die neuen Waffen. Das war das Sonderbarste Schrecklichste, was die Erde bisher gesehen hatte. Man errichtete im Ozean auf den stärksten Schiffen, im schottischen Gebirge auf dem tausend Meter hohen Carrin Gorm, dem Meall Thonail, Creay Meaghaidh, hohe turmartige Gebilde. Von weitem waren es schlanke Felsen mit unregelmäßigen Auswüchsen. Aber wer sie lange Zeit beobachtete, bemerkte, daß sie ihre Umrisse veränderten, hier breiter wurden als da, dort einen Auswuchs höher trugen als vorher, unten einsanken, in die Höhe sich streckten. Dunkel waren die Gebilde wie großflockiger Porphyr, Partien schienen runzlig wie eine Haut, andere warfen die Lichtstrahlen zurück, glänzten wie Fell.
Auf dem Boden der Schiffe, den Kuppen der schottischen Berge hatte man diese Unwesen errichtet, mit Hilfe der Turmalinschleier. Man hatte Steine und Stämme zusammengehäuft und sich vermählen lassen. Wie sie unter dem Feuer der Strahlungen ins Wachsen gerieten und bevor sie erloschen, schüttete man wie auf glimmende Kohlen Schichten Tierleiber Pflanzen Gräser auf sie. In diesen Boden trug man zuletzt Menschen ein. Die Biologen und Physiker der Mekifabriken waren mit den Techniken am lebenden Organismus vertraut; sie hatten rasch gesehen, die Strahlungen der Schleier stellten unbändige zuerst gar nicht dosierbare Reizstoffe für die lebende Substanz dar. Die Trieb- und Wachstumskraft, die in dem einzelnen geformten Tier- Pflanzen- Steinkörper begrenzt war, die die Tierkörper reifen, dann aber altern und sterben ließ, strömte massiv und wie ein Katarakt aus den Gefäßen der Turmalinkristalle und ohne Ende. Man hatte rein in Händen dieses im Feuer der Erde und Gestirnen hausende Urwesen. Sie konnten die Nähr- und Reizlösungen entbehren, die noch Glossing und Marduk für ihre Versuche an Pflanzen und Bäumen verwandt hatten. Das fürchterlich Zerstörende dieser Gewalt wurde bei den Versuchen klar: sie zersprengte jeden Zusammenhang, trieb Teile hervor, unter Vernichtung des Organismus. Sie war wie eine Flamme gleichgültig gegen Bewegtes Ruhendes Hartes Weiches. Es gelang in Pflanzen-, dann in Tierversuchen, die strömende Reizmasse auf die Drüsen und Strangsysteme zu richten, die den Organismus von sich aus zum Wachsen bringen. Die Jugend der Organismen wurde verlängert. Der Körper wurde nicht zerstört. Dann hatte man Siedler aufgegriffen und zu Menschenversuchen verwandt. Die Menschen, die man jetzt auf den Stein- und Baumfundamenten einpflanzte, waren Anhänger der Senate selbst. Delvil hatte sich angeboten, man hatte ihn zurückgehalten. In den Scharen, die mit ihm auf die Vernichtungszüge gegen die britischen Siedler gezogen waren, fanden sich dann genug, die sich hergaben.
Gerüste wurden auf den Schiffen und Bergen errichtet; Türme aus lebenden Stoffen gebaut. Zum erstenmal standen Menschen da auf Gerüsten Galerien Plattformen um die Fundamente, dirigierten, dosierten Schleierteile, dämpften mischten arbeiteten das tierische und pflanzliche Leben aus dem Material heraus. Ihr Entzücken; Ingenieure Biologen Physiker blickten auf Delvil, der streng gespannt wie immer beobachtete und wanderte. Er hatte den Skandinavier, der den Urtieren entronnen war, gefragt, ob er von den Gewölben an der flandrischen Küste schweigen werde. Dieser Mann, der verneinte, war auf den Meall Thonail in Schottland geschleppt worden, in die unterste Masse der Steine und Balken eingebacken worden: „Es macht dir ja nichts aus“ lächelte den Mann Delvil an, wie man ihn aufs Gerüst brachte; „du hast schon einmal unter den Lurchen gelegen. Es wird dich nicht überraschen. Du lebst selber von Gnaden der Schleier. Du wirst einem nützlichen Zweck dienen.“ Der langhaarige Skandinavier heulte vor Entsetzen, auf den wuchernden Teig schauend, auf den rechts und links Moos Erde Bretter geworfen wurde. „Das geschieht, unser Freund, damit die anderen, die oben sind, unsere Männer und Frauen, euch verzehren. Willst du schweigen.“ Dessen Züge waren gequält, aber strahlend frisch wie vorher: „Wenn ich deinen Turm sehe, Delvil, so preise ich die Macht der Erde. Du wirst sie nicht besiegen. Ich preise die große Macht. Ich fühle mich in ihr. Es ist keine Grenze zwischen ihr und mir. Ich fürchte mich nicht. Ihr werdet mich auflösen. Laß nur. Ich will dahin.“ Und wie man ihn faßte, nackt, die Riesenzange aus Kristall ihn unter dem Rippenbogen packte, über den Teig hielt, sang er dämmernd und lallend sein Loblied auf die Erde. Dann wucherten seine herabhängenden Hände und Füße, von der aufdrängenden Bewegung gefaßt, wulstig klobig in den Teig. Die Zange ließ ihn. Er stand, fiel auf die Hand. Bog sich, als wolle er sich hochbuckeln, vom Boden losmachen; aber aus seinem Rücken stachelten die Wirbelfortsätze; wie eine Tonne wölbte sich sein Brustkorb. In die Bodenmasse versenkt sein Kopf; Balken, Äste treibend, schlossen ihn in ihren Filz ein.
Etagenweise wurde der Bau aufgerichtet. Dann wurde der Turm mit den ausgewählten Menschen, den Anhängern der Senate, beschickt. Wochenlang dauerte ihr Einpflanzen, das Zementieren eines einzelnen Menschen. Auf den erlöschenden Nähr- und Stützteig wurden sie gestellt, die noch armselig kleinen nackten Mannes- und Frauenkörper auf den knisternden begierigen Brei. Die Ausläufer und Zacken des Unterturms senkten sich langsam und immer wieder von den Leitern gehemmt in die Beine und Arme der Menschenkörper. Je mehr Ranken und Sprossen des Unterturmes sich an den Körper legten, mit ihrer Haut verschmolzen, um so stärker trieb man die Leiber der sich Opfernden auf. Man verständigte sich mit ihnen: Die Sprache der Opfer wurde schwerfälliger lallend, dem Wachsen der Zunge entsprechend. Man mußte warten, bis sich der Körper der Schädel die Kiefer angepaßt hatten. Man band mächtige Schalltrichter vor die Münder der Opfer; bald erwies sich, daß man sie nicht benötigte. Die Opfer auch fürchteten, die Trichter würden mit ihnen zusammenwachsen und rissen sie sich ab. Ihre Stimme dröhnte tief, klang dabei fern unklar verschollen. Die Errichter der lebenden Türme mußten alles daran setzen, die Opfer bei Bewußtsein zu erhalten. Das knochentreibende gehirnweitende Wachstum, wenn auch langsam mit Nachlaß und Pausen getrieben, gefährdete immer wieder die Besinnung der Turmmenschen. Sie waren oft im Begriff, ihren Geist und ihr Menschenwesen aufzugeben und ins bloße Wuchern und Wachsen einzudämmern. Bis man wieder ihre Stimme hörte, ihre Augen, deren quellende Lider zugefallen waren, sich öffneten, trübe fragende Blicke nach den Galerien gingen, wo die kleinen Menschen des Experiments standen und winkten, – mit grellen Fahnen, später mit Lichtzeichen, weil die Turmmenschen nahe und nackte Gegenstände nicht unterschieden.