Berge Meere und Giganten

Part 41

Chapter 413,545 wordsPublic domain

Verwüstend brachen durch die Wälder die Riesentiere. Die aus den Seen auftauchenden wandernden Gallerten, die sich an Küsten ansiedelten, Bäume und Wiesen verschlangen. Wäßrige Geschöpfe, die ganze Flußläufe überbrückten, den Fluß durch ihren Leib laufen ließen, sich zusammenkrampfend ihn absperrten und von sich spritzten. Teiche wurden aufgehoben und wanderten samt Reptilien und Pflanzen in ihnen; sie schaukelten im Wanst eines keuchenden schluckenden augenlosen Riesenwesens, das sich drehte tastete sich lang flaschenartig auszog nach dem Licht.

Die grönländische Insel, von dem Rosenlicht begossen, in der tropischen Wärme, war kaum mehr Land, das dalag und Wesen erzeugte. Die Inseln glichen, wie sie zum Licht schäumten, einem langsam aufdrängenden halb erstarrten Meer, das bald grüne, bald purpurne Wellen übergipfelten. Durch die Wellen schoß manchmal eine Flamme; dann sank das Meer schwarz und qualmend ab. Die Flammenbrunst lief in irren Linien über die Inseln, übersprang die Meeresstraßen. Ganze kleine im Meere lagernde Landmassen hüllte sie ein; wie der Dampf verblasen war, wallte die Erde schon wieder bunt auf. Dieses Feuer war oft nicht von außen in die Berge Waldungen, herangetragen worden. Es brach, wenn das Wüten dieser lebendigen Wellen zu hoch gestiegen war, die Baumkronen himmelhoch über dem Boden aufgewuchert waren, aus den rastlosen Leibern selbst aus. Aus Ästen Knospen stachen züngelten die kleinen Flammen. Die Lianen reckten sich im Licht auf; aus ihren Stielen warfen sie keine schweren Blüten, sondern zischelnde Flammen, die den Leib der Pflanzen nicht angriffen, sondern von unten wurden die Flammen genährt, brausten weiter und länger aus. Bis ein furchtbarer Streit zwischen der Flamme und dem Pflanzenwesen Baumwesen entstand. Heftiger wütete der Baum, bissiger trieb die Flamme abwärts. Die Wut des Baumes speiste die Flamme. Weg mußte der Baum und die Pflanzen um ihn mit. Ihr Rasen nährte die Flamme. Die Bäume verkeuchten sich in Feuer. Wüteten Flammen in Flammen, verbrausten in die Luft.

Eine Flucht kleiner Vögel und Insekten machte sich aus den Steinlagern, den uralten Kreidemassen auf. Die Papageien grellbunt und üppige Fasane flogen hin, schnappten schrieen. Kopffüßler Schwämme Schnecken erhoben sich neben ihnen aus der Erde, glitten in die Wasser, mischten sich mit anderen Wesen, die über sie kamen.

Straßenlange Schlangenleiber ringelten Echsen über die Felsen, stürzten sich ins Wasser, die erst blassen, dann schwärzlichbraun anlaufenden Wesen, denen Stacheln aus den schmalen bezahnten Schädeln wuchsen und die unten im Wasser brünstig grunzend mit ihren breiten Schwimmschaufeln wateten. Wie diese Tiere das Wasser durchschwammen, kämpften sie mit anderen, mußten sich in dem Wust des aufkommenden, sie selbst durchrieselnden, über sie zusammenschlagenden Lebens behaupten. Von Felsenplatten, von der kochenden umdunstenden Erde lösten sich die abenteuerlichen Wesen ab, die sich zuerst nicht entschieden, ob sie mit dem Schwanz und den Füßen in der Erde wurzeln wollten, die dann ihre Glieder vom Boden wie von einem Teig abzogen und schon dumpf um sich blickten, die Bäume betrachteten, mit ihren Riesenkiefern in die weichen Stämme hieben. Schwer standen sie auf der wühlenden Erde, den muskulösen Schwanz angestemmt, mit den beiden Stirnhörnern Bäume rammend und fällend. Die Bäume nahmen sie wie Gräser in die Mäuler, zermahlten sie mit den Kronen Gastpflanzen und hängendem Getier.

Langhalsige gebuckelte Ungeheuer zogen sich einzeln und in Gruppen durch die lärmerfüllten Täler, über das Flachland. Vor ihrem donnerartigen Gewieher erschraken sie selbst. Von einer Doppelreihe hoher Knochenplatten war ihr Rücken bestanden, ein Knochenkragen schützte den Hals, aber vorn bewegten sie menschenähnliche trübe gewaltige Häupter langsam hin und her. Wasser lief aus ihren Augen. In Wälder brachen sie ein. Aber sie zitterten, standen still, warfen sich um sich, als sie von fuchsartigen roten Tieren in Scharen überlaufen wurden, die sich in ihre Augenhöhlen Ohren zwischen ihren Zähnen festzusetzen suchten, die sie abschüttelten zertraten. Aber immer liefen die Füchse von rückwärts und über die Füße an, stürzten von den Bäumen herunter, in deren Seilgewirr die Ungeheuer sich verstrickten. Sie wieherten in Schmerzen. Ganze Haine verwüsteten sie, sich hinwälzend. In Flußläufen suchten sie sich zu kühlen. Da zerschellten viele. Aber die Erde blieb in einer einzigen Erregung. Und wie sie zerschellten, strömte und ballte sich schon das Leben wieder um ihre Glieder und trieb durch das Land.

Von den Felsen der höchsten Berge stürzten sich Vogelwesen in die lebendige Brandung. Mit Hälsen wie Giraffen, die Flügel breit werfend, trugen sie auf ihren langen Krokodilsköpfen ganze Wiesen und Bäume mit sich. Maulwurfsartige Wesen, die zwischen ihren Flügelfedern nisteten, verließen sie auch im Fluge nicht. Diese zähnefletschenden Vogelechsen brauchten keine Hörner zum Rammen und Spießen. Die Hügelteile, die sie auf ihren Köpfen mit sich trugen, trieben Spitzen hervor, die die Härte der Steine hatten. Die großen Meuchler erschienen, diese schlagenden krallenden stürzenden Wesen über der Brandung Grönlands. Sie wüteten schlimmer als die Flammen, schlitzten die wandelnden Gallerten auf, zerquetschten sich senkend Tiermassen.

Nach oben zuckte das Leben der Inseln. Nun begann es bedrängt überquellend nach außen zu fluten. Der Schwall der Vögel setzte sich in Bewegung. Die Lauftiere flüchteten vor den schwirrenden zerschmetternden Unwesen. Sie suchten das Wasser zu überschwimmen. Liefen über die Tangwiesen. Nach Süden Osten Westen quollen die Tiermassen.

Achtes Buch.

Die Giganten

Über der Westküste Skandinaviens erschienen die Untiere gegen Ende des Jahres. Etwas später befuhren sie die britischen Gewässer, tauchten vor Jütland und der Bretagne auf. Die Stadtschaften, die noch in der Hand starker Senate waren, hatten beim Zurückfluten des großen Expeditionsgeschwaders die Grenzen gegen Norden und Westen gesperrt. Von dem Expeditionskorps lief nur ein versprengter, rasch gefangengesetzter Teil die europäische Küste nördlich Stavangers am Bukafjord an; die Hauptmasse stürzte nach Süden an den alten Sammelplatz der Färöer und Shetlands. Britische Kommissare hatten schon im Herbst durch Schottland eine Verteidigungslinie gegen das verdächtige Geschwader gezogen, von der Lorne zur Moraybucht südlich des Kaledonienkanals; Vorpostenschiffe deckten die Nordsee und den Zugang zur Irischen See. Von niemandem gehindert, von niemandem erwartet brachen die grönländischen Untiere ein, diese abenteuerlichen, den Menschen gräßlichen Wesen, Mißschöpfungen einer unmäßigen Kraft, die über Grönland aus dem schrecklichen Flammenschleier blies.

Rudel der keuchenden blasenden Wesen ruderten flogen über den Ozean, straßenlange Reptilien, schwarzbäuchig, manche schillernd beschuppt, manche mit scheckiger Haut und breiten stumpfen Mäulern, manche wie Krokodile gepanzert. Dann Vogeltiere mit langen spitzen Zähnen, die in Doppelreihen standen. In Haufen zogen sie an, einzeln wie Festungen und Schiffe, eine Masse von Felsen Baumwaldungen Tieren mit sich schleppend. Sie schwärmten an, verhüllt unter den Waldungen auf ihren Rücken; mit den Füßen rissen sie sich die Moose und Schachtelhalme ab, die über ihre Augen wucherten. Bisweilen stürzten sich fliegende Echsen in die See, um die Flammen zu löschen, die an ihren Hälsen, auf ihren Rücken entstanden. Mit der Angst gejagter Wesen flohen sie. Zwischen ihren Zehen, auf ihren rollenden aderdurchzogenen Flughäuten wurden Schlachten zwischen den Geschöpfen geschlagen, die sie mitschleppten. Sie klammerten sich an die Krallen der Ungetüme an, hingen an deren geblähten Halswampen in Reihen Ketten Girlanden. Tauchten die Tiere in See, so wurde der größte Teil der Bevölkerung von ihnen abgeschwemmt, schwamm an der Oberfläche, suchte die großen Tiere wieder zu fassen, wenn sie hoch kamen. In die See tauchend spülten sich die wandernden Tierriesen die zerfallenden Leichen ab. Aber mit sich selbst, unter sich schleppten sie Leichen. Sie kämpften miteinander, sobald sie sich berührten, schlangen zerrissen sich. Und je mehr sie sich von Grönland entfernten, um so größer wurde ihre Not. Über See erschlugen sie sich; hungrig, aber oft konnten sie sich von den Besiegten nicht losreißen, die sich an ihren Rüsseln Borsten Hornplatten verklammert hielten. Mit der triefenden Masse wankten sie weiter, die Sprossen in sie hineintrieb. Und wie die Untiere die offenen, von dem rosenfarbigen grönländischen Licht nicht beschienene Meere befuhren, die Kälte über sie kam, wurden sie unsicher. Zuckten zwischen Meer und Himmel auf und ab, flüchteten vom Meer in die Wolken, die sie nicht wärmten. Sie konnten wenig sehen unter dem trüben Sonnenlicht. Verwirrt kehrten viele um. Aber die Geschwader der neu abfliegenden Tiere kamen über sie; diese Tiervölker zerrissen sie, schleppten sie nach Süden weiter. Unaufhörlich wie ein Blütenbaum seinen gelben Sonnenstaub warf Grönland seine lebendigen Massen von sich.

Auf Skandinavien schmetterten sie nieder; dies war das erste Land, auf das sie stießen. Fjorde mit Granitklüften, wenige Wiesen, Schneeberge im Hintergrund. Hunger Beklemmung trieb die wandernden Untiere von Tag zu Tag stärker. Da prasselten sie über die Klippen, bedeckten kleine Menschensiedlungen. Im Sturz zerschellten viele, die sich über das Land warfen, als wären es Wellen. Die lebend herunterkamen, fingen an am Boden, an den Klippen zu beißen zu kauen zu schlingen. Zerrissen sich die Gaumen, ihre Zähne splitterten. Dröhnend drohend erhoben sie sich von ihren felsigen Opfern, schlugen mit den Klauen auf ihnen herum, schluckten mit blasenden Nüstern Steinbröckel Kiesel, griffen sich nach dem Rücken, stopften sich Farne, die sie abknickten, hinterher. Die Steine zerschrammten schlitzten ihnen den Darm. Speiend drehten sie sich im Kreise.

Nach Bergen kam ein Rudel vogelartiger Echsen mit den Rückenhöckern von Dromedaren, langen Hälsen, zweifüßige beflügelte Unwesen, die ein helles Schreien bei ihrer Annäherung ausstießen, das sich wie Kichern anhörte. Sie zerdrückten eine Zahl von Straßen und Anlagen. Mit den Haustrümmern stopften sie sich Menschen in den Schlund. Brände brachen um sie in der Stadtschaft aus. Die Waldungen von Farnen Bärlappbäumen auf den Tierrücken wurden ab und zu von dem Feuer ergriffen. Zerstörend warfen sich die flammenden Tiere um, wälzten sich durch die Stadt.

Eine eigentümliche Art Fischwesen war gleichzeitig bei Bergen aus dem Meer aufgestiegen, Wesen von außerordentlicher Länge, die noch die der Echsen übertraf. Sie waren übermäßig wurmartig schmal gewachsen, hatten ein Wirbelskelett, das mit Schädel Rippen Wirbelkörper deutlich an dem fleischlosen Leib sichtbar war. Diese Tiere schienen sinnlos vor Hunger zu sein, waren halbblind. Wie Schlangen ringelten sie tonlos die Klippen vom Meer herauf; ihre Leiber nahmen kein Ende. Sie schnauften mühsam, paßten sich der Luft an. Aber eine ganze Zahl schnellte zu rasch aus dem Wasser hoch; ihre schmächtigen Leiber schwollen plötzlich an, zuckten hingen über den Klippen; die Därme quollen ihnen aus den Schnauzen. An ihnen schlangen die Vogelechsen.

Sie kamen alle nicht weit. Flogen etwas, senkten sich wieder auf den Boden. Es schien, als ob der Rest ihrer Kraft sie bei der Berührung mit den kalten Steinmassen der Erde verließ. Keines der skandinavischen Tiere, obwohl von niemandem verfolgt, kam über den sechzigsten Breitengrad auf dem Landweg nach Süden. Sie fraßen Bäume Ackererde. Dann lagen sie lahm. Warfen sich, schnellten wie in einem Anlauf hoch, verkamen. Die Waldungen Gärten Vögel Weichtiere hatten sie schon verschlungen, oder sie waren verbrannt. In die Erde fraßen sich die grönländischen Untiere ein, wie sie starben. Wuchsen dann sonderbar in ihre Gräber. Wo sie reglos lagen, wucherte die Erde, die sie verschlungen hatten, in ihren Mäulern, zwischen ihren Vogelkiefern, in den Schlundröhren, Eingeweiden aus, durchdrangen die Weichteile in langen spitzen Kristallen, sogen die Weichteile nach. Und um die Leiber herum, in den Bodenhöhlungen zitterte die Erde, ließ feine Kristallbündel sprießen, so daß die Riesenleichen in zackigen Nestern lagen. Die Körper der Untiere selbst aber vom Boden verschlungen, waren nichts als eigentümliche Bodenerhebungen, die sich wie Tierrümpfe über den Berghängen, über Ackerflächen hinzogen, von blitzenden Steinen begleitet.

Die Untiere, die weiter den Süden erreichten, Jütland bestiegen, sich nahe Hamburg zeigten, waren Quallen und Medusen mit Armen, die sich untereinander zu starken Schwimmflossen verbanden. Auf das flache Land, über die sandigen Küsten wälzten sich in einem wilden Trieb, in zitternder Verwirrung die riesenstarken gallertigen Wesen. Ihre Körper, unter dem grönländischen Licht blühend durchsichtig, hatten in der Kälte der Meere die Gelbröte des Dotters angenommen; blutige geschwollene Stränge durchliefen sie. Sie rollten fauchten; dellten sich krampfhaft zusammen, sprangen flogen vorwärts. Sie spritzten Schleim um sich, sanken mehr in sich zusammen. Über Flüssen hingen sie, pumpten Wasser in sich. Aber dies Wasser war nur eine Erinnerung an das Wasser, in dem sie gediehen waren; war schweres kaltes liebloses Wasser. Sie soffen mehr, spien es im Wirbel aus. Ihre Arme hangelten nach Blöcken an den Wegen, würgten sie sich in die Mundöffnung. Diese Blöcke konnten sie nicht zerknirschen; die stürzten ihnen durch die Darmwindungen. Über die Landschaften sanken die schattenhaften Wesen hin. Bräunlich und violett tröpfelte Blut von ihnen; sie fielen wie mächtige Spinngewebe über die jütischen Ebenen.

Wen die Fasern des Gewebes berührten, was von dem dampfenden blasenwerfenden Blut bespritzt wurde, veränderte sich im Augenblick. Schafherden leckten übergischt an dem Blut. Die Zunge quoll ihnen über die Zähne weg, fiel auf das Gras, sich verbreiternd verdeckend. Die Tiere standen da, zerrten an den fürchterlichen Organen, an denen sie sofort erstickten. Andere zogen glitzernd blökend an den roten Fleischmassen, die ihnen unaufhaltsam aus den Mäulern wuchsen; zugleich schwoll ihnen auch der Gaumen, Rachen, den der Saft berührt hatte. Die dehnten, wölbten sich. Riesenschädel, den ganzen Rumpf in Umfang und Gewicht übertreffend, trugen sie auf den Hälsen, die zu schwach für die Last waren. Die Schafe wurden auf den Boden hingezogen, zappelten mit dem kleinen Anhang ihrer Rümpfe. Rasch kamen eine Anzahl Tiere um, die gierig an dem Blut der Medusen geschluckt hatten und deren Leib Rippen Rückgrat von den anschwellenden Eingeweiden in Stunden zersprengt wurden. Bei Hamburg erfolgte das erste große Verderben der Menschen. Siedler und Einwohner der Stadtschaft wurden betroffen. In die Häuser hinein wurden im Bogen das Blut und der Schleim der verendenden Urtiere gesprenkelt. Menschen, die am Kopf oder den Gliedmaßen begossen wurden, verloren im Augenblick die Besinnung. Ihre wuchernden Organe erdrosselten sie selbst. In den Zimmern wurden Menschen, denen eine Hand bespritzt war, von den schweren wuchernden Fleischmassen aufgesogen; die Hand die Finger füllten den ganzen Raum, kleiner kleiner schrumpften Arme Beine der Rumpf dahinter. Das Herz schlug nicht mehr, die Menschen lagen weiß tot, nicht größer als eine Faust, manchmal wie ein Apfel, ein Karton einlaufend unter dem dunstenden Riesenorgan, dessen Haare wie Spieße aufrecht standen, die an den starren Wänden geknickt wurden. Die tolle Szene in der kleinen Bauernsiedlung, wo eine Bäuerin den Hahn gefaßt hatte, um ihn in den Stall zu tragen. Der Kopf des krähenden Vogels, seine bespritzten Füße jäh anwachsend machten sich nicht los von den Armen und der Schürze der Frau. Die Frau wurde von der Last hingeworfen; die Krallen des Vogels durchwuchsen die Arme der schreienden gellenden schlagenden bald ohnmächtigen. Das Tier lag auf dem Weib, wuchs auf ihm, über Menschengröße. Der Kopf und die Füße wuchsen. Der Rumpf aber hatte noch Leben, so dürftig er auch war; denn die Füße waren in das starke fette Weib verwurzelt. Aus der sogen die Organe ihre Stoffe. Das Weib rann in ihren Kleidern ein. War längst tot, ihr Kopf schon hinter ihrem Halskragen, unter dem Brustausschnitt verschwunden. Leere Hüllen der Ärmel; der Kalk der Knochen wurde aufgesogen. Nach langen Stunden erlosch an dem Vogel das schreckliche Wachstum. Das Tier war selbst schon tot, von seinen Gliedern aufgezehrt. Man sah Schweinsohren, Ochsenschnauzen durch die Dachsparren ihrer Ställe wachsen; noch kläglich brüllten die, dann verstummten sie. Es waren überall bewußtlose sterbende Wesen, die so wuchsen.

An der Westgrenze Hamburgs an der See verwüsteten die anwandernden Untiere ganze Stadtteile. Die starken Sicherungen des Senats nutzten nichts, sie fielen nur zum Verhängnis der Stadtschaft aus. Durch die brennenden Würfe, die Strahlen wurden die Tiere zerrissen, ihre Teile aber, Flüssigkeit spritzend, schleppten sich verendend und andere aufsprießende Wesen mit sich schleppend in die Straßen und Anlagen. Die grausigsten Mißformen wurden da sichtbar. Verbackene Bäume, aus deren Wipfeln lange Menschenhaare herausragten, übergipfelt von Menschenköpfen, toten entsetzlichen häusergroßen Gesichtern von Männern und Frauen. Die Schwanzflossen eines Seetiers in eine Siedlung vor der Stadt fallend sammelten um sich Haufen toten Materials, Eggen Wagen Pflüge Bretter. In die wandernde sprießende dampfende Masse gerieten Kartoffelfelder, laufende Hunde, Menschen. Das wallte wie ein Kuchen auf, quoll hoch, zappelte über die besäte Ebene, rollte sich wie eine Lavamasse verheerend langsam vorwärts. Und überall wuchsen aus der sich rundenden schlagenden Masse Stämme, stockhohe Blätter hervor. Die Arme Beine, die sich aus dem flirrenden dunklen Gewebe vorstreckten, waren aus Fleisch und Knochen, oft dunkel umborkt, mit Zehen und Fingern, die sich zu Blattfächern ausbreiteten. Lange Haarmähnen fluteten über die Oberfläche des weichtierartigen Wesens, der dünstenden schlingenden Schnecke; Ranken und Häuserbalken waren in die Haare verfilzt. Über den Tälern und Erhebungen der wallenden Masse rasten Gespanne, Pferde mit Wagen, abspringende Menschen. Sie liefen rissen sich los, bis sie einsanken festklebten, die Pferde an den Wagen, Menschen treibend daneben. Die Pferde wurden durchflutet, von den Hufen den Hinterbeinen hochwachsend, scheinbar sich aufbäumend, aber nur aufgespannt aufgerichtet. Ihr Wiehern Geifern erlosch, die Augen, die ängstlichen blutüberlaufenen Kugeln, sanken zurück. Sie zappelten mit den Vorderbeinen. Waren sie Stämme? Fraßen sie das Laub, die Halme Stauden, die ihnen aus den Mäulern wuchsen? Aus den Rippen quollen ihnen die Wagenbalken. Der Kutscher wuchs aus seinem Sitz, von den drängenden Stämmen getragen, mit ihnen verschmolzen. Dann erweichte alles, was das Urgeschöpf trug, verbreitete sich, quoll zusammen, ebnete sich in seine Decke ein.

Über das Wattenmeer der Friesischen Inseln drangen Einzeltiere, die noch kraftvoll waren. Sie stürmten gereizt gegen die Flammenmassen, die ihnen über den Jadebusen entgegengeworfen wurden. Das war ein vulkanisches Brausen, als die breiten springenden Reptilien das Feuer durchzogen. Aus ihnen selbst kam grünes Feuer, das das weiße Menschenfeuer zu dämpfen schien. Sie erreichten das Land, zerknickten die Maschinen am Land und kauten sie. Aber waren selbst zerbrochen. Sie tobten schleppten sich Meilen landeinwärts. Dann stießen aus den schwarzen plumpen vergeblich sich mühenden Leibern, aus den Augen Nüstern, zwischen den Schuppen des Leibes grüne steile Flammenbüschel. In denen verbrauste die Kraft der Tiere, die schnappten verzuckten. Von den brennenden puffenden Körpern, die sich wanden, machten sich Teile los. Unter den Flammen sprangen und spritzten von den Rümpfen ab die Zehen, Krallen der Zähne, Schuppen; die Flügel zerbrachen. Die Teile, Zehen Schuppen Hautfetzen rollten ins Land, die Weser entlang, mischten sich mit Grashalmen Birken Tannen. Riesenbäume wanderten da; die Erde unter ihnen wuchs mit ihnen, schwoll, als wäre sie flüssig gallertig und schäumte, an ihnen hoch. Die Bäume zogen ihre Wurzeln aus der Erde, schritten vorwärts, wackelnd, sich drehend, zogen im Zickzack hin, schlossen nahe Bäume in sich ein, rissen sie mit. Die Bäume schnaubten aus vielen Poren. Verlangsamten ihren Gang, standen gelähmt, schaukelten schwach ihre Kronen.

* * * * *

Der Einfall der grönländischen Untiere dauerte den Winter durch. Eine panische Flucht von den Küsten setzte ein. Die Ostsee war von Schiffen überladen. In wenigen östlichen Stadtzentralen verloren auch die Senate die Führung. Die Herren der großen westlichen Stadtschaften machten sich stark. Die einströmenden durchströmenden Massen der Siedler erhoben gegen sie ihr anklagendes Geschrei; der Boden der Stadtschaften zitterte unter dem Grauen vor den grönländischen Wesen. Gelähmt waren große Teile der Bevölkerung, auch der Führer. Und neben der Angst wütete unter den Menschen ein unbestimmtes finsteres Schuldgefühl. Ihm konnten sich auch die Wissendsten nicht entziehen unter dem Schauer der Dinge, die sie erlebten.

In London hatte Delvil mit Pember die senatorische Gewalt in Händen. Mit sechs anderen Männern und Frauen teilten sie sich in eine Diktatur. Von Brüssel rief Ten Keir, der kleine belgische Führer, sie herüber. Nichts wankte in den belgischen Stadtschaften. Aber der furchtbare Schwarm der Urtiere ließ nicht nach, die Brüsseler Vorstädte im Westen und Norden waren in Trümmer gelegt. Zu dem Entsetzen, das hier die Menschen zusammenballte, kam rasch Haß auf die Siedler, die zu der Grönlandexpedition getrieben hatten, und auf die englischen Führer.

In seiner unterirdischen Arbeitskammer empfing Ten Keir glühend den schmächtigen Delvil. Er dachte Zorn und Gift auf ihn loszulassen, schrie höhnisch, wie der nur die Tür öffnete: „Sieg! Sieg! Grönland ist enteist! Wir sind befreit! Wir laden Menschen auf die Schiffe.“ „Sieg!“ schrie Delvil entgegen, „wir haben gesiegt. Wer hat nicht gesiegt?“ „Wie sieht dein Sieg aus, Delvil? Du hast dich über den Kanal gewagt. Du bist nicht verschluckt worden. Ich wünsche dir Glück zu dem großen Sieg.“ Delvil schmetterte die Tür zu. Kalt und ruhig setzte er sich auf einen Schemel: „Wer die Nerven hat, hat gesiegt. Du siehst, ich bin über den Kanal geflogen. Ich habe die Bestien geifern sehen. Habe auf sie gespuckt.“ „Glückwunsch, o Held! Sieh dir Gent an. Hast du Kortryk gesehen? Kortryk im Westen, du mußt es gesehen haben; seit zehn Tagen verwest es.“ „Ten Keir, es scheint, wir spielen mit verkehrten Rollen. Mir kann es recht sein.“ „Und was tust du?“ „Ich bin Delvil. Ein Mensch. Glaubst du, Ten Keir, weil ich schwach bin, ich bin kein Mensch? Die Bestien mögen nur kommen. Jetzt, jetzt kann ich sie nicht besiegen. Im Augenblick nicht. Wir sind nicht darauf vorbereitet. Warte einen Tag, fünf Tage.“ „Das glaubst du, Delvil? Es sind ja nicht nur Tiere.“ „Es sind Tiere. Es sind Tiere; nichts weiter als das. Es sind schon andere Dinge an die Menschen herangetreten und sie haben sie bezwungen.“ Delvil stand. Er war blaß; sein Gesicht verbissen: „Ich bin ein Mensch. Du wirst mich nicht vom Gegenteil überzeugen. Ich kam her, mit Pember, um dich zu fragen, Ten Keir, welcher Meinung du bist. Gibst du es auf, so sag es mir. Ich muß wissen, woran ich bin.“ „Ich hab mir im Grunde keine Fragen stellen zu lassen. Wenn du erbittert bist und wir entsetzt sind und unsere Stadt schon zur Hälfte verwüstet ist, so weißt du, wer daran schuld ist.“ „Ich will wissen, woran ich bin. Hier ist kein Gericht. Ich habe die Tiere nicht gerufen.“ „Das ist Grönland. Das ist der Zug der Siedler nach dem neuen Erdteil. Unsere Befreiung. Unsere Rettung vor dem Untergang.“ „Das ist die Rettung vor dem Untergang. Ich habe es nicht gewollt. Aber es ist recht. Wir wissen, woran wir sind.“