Berge Meere und Giganten

Part 40

Chapter 403,577 wordsPublic domain

Grönland, zwei Millionen Quadratkilometer Fläche bedeckend, vom Pol in den Atlantischen Ozean ragend, lag unter dem Schleier, den die Menschen ausgespannt hatten. Der Strom aus dem atlantischen Kabel der Menschen schoß über das Netz. Es rauschte aus den tragenden Ölwolken hoch, in deren Buchten und Beulen es sich verschoben hatte. Steif und starr wagerecht in der Spannung stand es. Schwang und zitterte wie ein Tier, das zu dem Bändiger mit der Peitsche und den scharfen Blicken aufsieht. Abschnitte des Netzes zuckten unter Pulsschlägen. Barsten. Funken sprangen aus ihnen. Um die aufgebrochenen Stellen spritzte knatterte es. Stichflammen meterhoch schenkeldick, blau dann weißer, rötlich surrten spiralig auf, jäh sanken sie zusammen nach allen Seiten abfließend. An allen Stellen schmolz das Netz. Die Flammen dehnten sich aus. In Kreisen, die sich schußschnell erweiterten, flog das Feuer nach außen. Überrieselt von einer dünnen Flammenschicht war der hundert Meilen weite Erdteil. Ihr Licht durchdrang die schwarzen Ölwolken kaum; schwach waren die Gebirgskuppen beleuchtet. Da begannen sich die Platten unter dem umsponnenen Turmalinschleier zu biegen. Sie schmolzen. Meter über Meter nach oben und unten vertiefte sich die Lichtmasse, verstärkte sich die Glut. Plötzlich schwoll brünstig haushoch eine Flammenflut von Meer zu Meer über Land und Gebirge, schwoll und wuchs wie eine Mauer in sich zusammen. Die Gaswolken wurden zerrissen, die hängenden Wetterwolken verdunstet. Tagesheller fremdartiger Schein. Tausendfacher Donner schlug in die Lichtzone ein. Durch die rosaweiße Luft zackten Blitze. Die Luft schüttete ihre Wassermassen zur Erde. Sturm fuhr in die Feuersglut ein; den schwellenden Brand konnte er nicht umfassen; er prallte von ihm zurück, rieselte warm, besänftigt auf. Über dem Meer lagen die Stützpunkte des Schleiers, Netzteile, die den Gluten widerstanden. Auf den Ölwolken dieses schmalen Randes ruhte das ganze Netz.

Die Hitze, das ungeheure losgelassene Wesen, tauchte in den Abgrund des Eislandes. Hauchte das Land an wie der Atem eine Glasscheibe. Die Luft unten trübte sich neblig, Dunst erhob sich. Das Land wogte unter grauen und weißen Wolken, die unmerklich dann wrasenartig vom Boden aufstiegen, in Schwaden über die Schnee-Ebenen, an den Berghängen sich hinkrümmten, ringelten brodelten. Wirbelnd schwollen sie, in ganzen Strudeln sich drehend, milchig verdichtet, das Land verbergend, ein aufsteigendes gasiges Meer. In Fäden tastete der Dunst nach der Glut. Die blanke Platte des Inlandeises beschlug sich mit Nässe. Auf dem Eis wollte das hintropfende Wasser wieder gerinnen, aber die Hitze hielt es, hielt es weich. Mehr mußten die Eisplatten die Höcker hergeben. Wasserrinnsal über die Ebene hin. Der Schnee der Wüsten sinterte. Die meilenweite Schneebreifläche wurde von der Glut geschoren. Sie plattete ab. Ihr reines weißes Gesicht, ihre duftige Weiche verschwand. Dunkler färbte sich das Land. Die Bäche verbreiterten sich, die Klüfte des Eises, in denen Ströme mit Tosen zogen. Es knatterte knarrte dumpf in der ungeheuren Platte des Islandeises. Es surrte auf, schoß. Spalten taten sich auf.

Die große Kraft saß oben. Ein Funken des Kabelstroms hatte sie gerufen. Für die Augen war sie kenntlich: strömte rötliche Helle, die sich nicht mehr steigerte. Die Berge, die reißenden Flüsse, die blauen Firnen, Schneewüsten, Gletscherläufe, augenlos ohrenlos gefühllos, nahmen sie im Innersten wahr. Die große Kraft, die Glut, saß nicht oben, sie drang nach oben, unten, den Seiten, schob sich in Starres und Loses ein. Wie eine Krankheit und Liebe fiel sie die Dinge an; sie erlagen und sanken. Das Größte Kleinste Festes Flüssiges griff sie an, war wie ein Ruf ins Tal: von allen Seiten hallte es wider. Wie die große Kraft sich auf das Land herabließ, lief sie in die Adern der Dinge, erweichte sie, blähte sie auf. Kein Wesen war stärker als sie. Sie wußte nichts von Fjorden Gletschern Küstengebirgen Eisplatten Bächen Schneeflächen, war blind für das Riesige Ausgedehnte; an das Feinste wandte sie sich und da fand sie den Zugang. Erkannte im Store Karajak Gletscher das Wasser, das Dunst werden konnte. Die Breite der schwer schiebenden Assatak Tuarparsuk Atlaksoak machte ihr nichts. Blau war das Eis der Firne, die Spalten der Räume spielten grünlich, die Schneebreiebenen zogen weiß durch das Inland: dies war Wasser. Und konnte Dunst werden. In die Spalten des Eises der Berge der Gletscher, in die unsichtbaren Spalten des fließenden Gewebes der Ströme Seen Bäche Brunnen senkte sich die Hitze. Jagte sie auf zu Gas Dunst Wolke.

Ein Massiv aus Granit und Gneis lagerte Grönland, von kalten Meeresströmungen umflossen, über den siebzigsten Breitengrad, zwischen der zwanzigsten und achtzigsten Länge. Die Wesen, die glühend aus dem Erdkern stiegen, Kieselsäure Magnesium Aluminium Sauerstoff, hatte die finstere Urgewalt, die Kälte, angefaßt und nicht losgelassen. Sie war die größte Macht, Herrin der Unermeßlichkeit, erfüllte den Äther. War Formerin, Gebärerin der Gestalten, die das Feuer verlodern ließ. Ungeheuer trug die Finsternis und Kälte die Gestirne, die nur Strudel in ihr waren.

Das Flackerlicht des Schleiers über Grönland nahm mit ihr den Kampf auf. Über das Ruhende Milde kam das Tosende Rasende. Hohes Singen des flammenbrünstigen Netzes; die Flamme schien alle Dinge, Luft Eis Gebirge, zu ihresgleichen zu machen. Wasser liefen über dem Gesicht des Eises. Die Felsklippen im Eis, die Nunataks, gaben ihre dünnen Schneelagen her, enthüllten bis zum Fuß ihre schwarzen Wände. In die Fugen des steinartigen Baus der Firne und Gletscher stieg die Hitze. Überrieselt wurden die Eislager, die langsam drängenden Ströme. Wie Wein einem Betäubten wurde den Bergen die strahlende Kraft eingeflößt. Sie nahmen sie mit verklemmtem Mund auf. Aber die Hitze rieselte in ihre Eingeweide. Durch die lastenden eisigen Kolosse lief die Wärme, und alles was in ihnen war, fühlte sich angefaßt. Zum Aufbeben waren sie gebracht, wie die neue Gewalt über sie kam, die sie von Urzeiten kannten. Die Firne stemmten sich auseinander, Luft saugten sie auf. Ihre Hohlräume, von Wasser plätschernd, erweiterten sich wie Lungen. Von Röhren Gängen wurden sie durchlöchert, Gewölbe unterminierten sie. Es floß von ihnen ab, Wasser, zu dem sie sich verwandelten erweichten. Das lustige weiße klingende Wasser. Schäumende Läufe in den Leibern der Firne; Schellen und Schlittenfahrt. Aus weiten Gletschertoren stürzten die Gewässer entbunden hervor. Nagend umspülten sie die blauweißen Säulen der Gletscherhallen, erwärmte schmelzende drängende Wasser. Gewölbe Firne zitterten unter der hebenden Wucht. Lechzend wühlten sich die Quellen durch das Eis, schnitten in die weißen Gemäuer ein. Von den gedehnten sturzsüchtigen Säulen troff weißes Wasser, immer neues Wasser. Im Klingen Klirren des Wolkenschleiers das Puffen Erdröhnen der sterbenden hinsinkenden Gletscher und Firne. Durch ihre Leiber, in den Eisfelsen wirbelte ein unregelmäßiges Auf und Ab von Trommelschlägen, bohrendes erregtes Wasser. Der Dunst lag bergehoch über dem Land.

Die Küstengletscher glitten rascher hin. Sie drängten in die Fjorde; von rückwärts, aus dem Inland wurden sie gestoßen. Über ihre Köpfe, ihre Rücken herauf stiegen Eismassen. Ein brandendes Eismeer war im Inland entstanden. Schollen und Schichten drängten sich zusammen, türmten sich aneinander auf, rannten sich splitternd fest. Das Inlandeis, die Firne hatten sich auf die Wanderschaft begeben. Sie schwammen auf dünnen Schichten des leckenden Wassers. Die Gewölbe unter sich hatten sie zerknickt, das Wasser aber hatten sie nicht pressen können. Das lief vor ihnen her, und wie es quoll, trug es sie. Unterschmolzen wurden die Massen; sie mußten gleiten schwimmen. Auf dem sanften biegsamen Wasser schwammen sie. Ihre Wucht war in Jahrtausenden gewachsen, in der Finsternis, zwischen langen Wintern, kurzen Sommern. Schnee auf Schnee war über sie gefallen, von Stürmen zugetragen, war geschmolzen vereist. Der Wind hatte den Schnee nicht mehr abgeblasen, immer mehr Schnee wurde an das Eis geheftet, das Gebirge konnte ihn nicht abschütteln, die Eismassen umschnürten die Felsen, wuchsen von den Hügeln auf, belagerten sie. Dann war das Land nichts als eine Fußbank unter ihnen. Sie quetschten es breit, zerrieben seine Fältelung. Jetzt waren sie erschüttert. Unsicher ließen sie ihren Sitz los. Und sie waren nicht allein. Hinter sich fühlten sie es sich schieben. Sie wurden gehoben, von ihrem Platz geschleudert, von unten herauf gehebelt. Unsichtbar noch die Bergwände Täler, die versunkenen stillen, die die Erde hochgetrieben hatte und die das umwallende Meer nicht hatte übersteigen können. Aber die Last über ihnen schwand. Die Talmulden wurden von dem wandernden Eis ausgefüllt, die Grate erklettert übertürmt. Da wogten die Gletscher aus dem Inland gegen die Küsten heran. Wie eine Frau, die die Kleider anrafft und den Straßenstaub aufrührt, peilten die trägen Grundlawinen den Boden aus, zerschrammten Felsen, mischten sie in ihre Masse. Ihre drängenden Haufen umflossen die Nunataks, knickten sie, rollten; zerrieben ihre Trümmer.

Wasser, das große Element, am wildesten von der Hitze und Kälte umkämpft, war auf dem Plan. Triefende weiße trübe Massen; dieses Schwemmen Lösen Schleppen Hinstürzen Zerplätschern. Das Wasser sprang zehnmal an, glitt ab, warf zuletzt um, eilte weiter. Es drang mit der Hitze in die Gletscher die Erde, lockerte auf. Die Nebelschleier, gasige feuchte Meere stürzten nieder. Erst regnend, dann in Flüssen kamen die Wassermassen auf das Land zurück. In der Nässe zergingen die letzten Schneefelder. Die Firne und Gletscher, die nicht ihre Lawinen ins Meer gestürzt hatten, blieben schwer liegen. Zersprangen zerflossen, vom weichen Wasser geschaukelt.

Die Berge Hügel Ebenen des zerdrückten uralten Landes zeigten, überschwemmt, von meilenweiten Seen bedeckt, katarakterfüllt, ihr verwüstetes Gesicht. An den Küsten drängten sich noch die Gletscher, die Gebirge übersteigend; ruckten sackten ins Land zurück. Blind dröhnend rannten noch Gletscher vorwärts, mit zerknisternden Decken, dann schon überflutet, von der Nässe gelähmt, standen vor Felsen, taumelten, mauerten sich an ihnen hoch, sanken ab, schnurrten, wurden kleiner grauer, wogten als Schollen.

In eine Wüste von Blöcken hatte sich das Land verwandelt. Die Seen dampften und schwenkten Eisbröckel. In den Tiefen wühlten die letzten Gletscherreste. Das Inland gleichmäßig glatt und ruhig unter der glutenden Luft, mit wenigen dunstenden Hügeln bestanden. Nach den Küsten stürzten Wasser; da hatte sich ein Wall gebildet aus den Trümmern und Erdlasten, die die Gletscher fortgetragen hatten; die Wasser mußten sie durchwühlen.

Es war an dem Tage, an dem die ersten Erkundungsschiffe der Menschen über den Ozean fuhren, da bewegte sich die Erde. In großer Ruhe stieg Grönland, das Erdmassiv, das vom Pol in das Atlantische Meer ragte, auf. Stieg wie ein Korken auf, der tief in das Wasser gedrückt ist und den der Finger losläßt. Von der gebirgsschweren Last der Firne Gletscher des Inlandeises war das Land befreit. Es hob sich leicht. Hob sich über der schweren flüssigen Masse des Erdinnern, die es trieb, bis an seinen neuen Ort. Das Land, Berge Ebenen Hügel Küsten, schob sich in die Höhe und zerriß von Norden nach Süden.

In wenigen Tagen war alles ausgeglichen. Grönland, noch eben ein Erdteil, war zu zwei großen Inseln geworden, die meilenweit durch ein flaches Meer getrennt waren. Rauchende Inseln wuchsen langsam aus dem Wasser. Inseln verschwanden wieder. In die westliche große ergoß sich eine tiefe Meeresstraße.

* * * * *

In dem riesigen Umkreis der Flammen, wo das Licht matter schien, die Glut nachließ, begab die Erde sich auf die Wanderschaft, um dem heißen Eiland näherzukommen. Die Welt um Grönland, als wollte sie das Feuer löschen, wucherte in die Flammenzone ein. Ein Wall bewegte sich auf die grönländischen Inseln hin, so dicht, daß das Meer fast abgemauert wurde. Aus dem Randgebiet kam ein Riesenlager von Lebendigen dem Glutenherd näher. War wie Flamme und Wasser, bereit alles zuzuschütten. Die Luft durchdrang es. Bald war es ein Rasen, eine meilenweite tiefe Wiese, bald ein Wald über dem Meer, ein grünes Meergebirge, das vordrang. Was unten nicht heftig genug wuchs, trieb oben vor, schickte ungefesselte Tiere, die liefen schwammen flogen. Kilometerdick waren die Pflanzenschichten, die purpurn grün braun das Meer überschaukelten. Wo sie sich den heißesten Strahlen näherten, waren sie so dicht, daß das Wasser sie nur in Kanälen durchdrang, daß sie oben trocken lagen, Sturzwellen sie nur gelegentlich überschlugen.

Im Westen wuchsen aus wallenden Laminarien Bäume auf; Lassonien mannsdick, mit scharlachroten Blattkronen geschmückt, ließen Zweige herabhängen. In diesen wasserdurchzogenen Wiesen, lustigen Wäldern wuchsen verkamen zahllose Tiere. Verstrickten sich in den Maschen der Pflanzenwelt. Es trieb sie in Scharen in die Lager. Die schwimmende Wiese hob und senkte sich, straffte sich, erschlaffte. Mit jedem Anheben wurden wie durch Ausatmung Tausende Keime und Tiere herausgepreßt, strudelten in das Wasser. Sie wurden geschnappt von denen, die eben anschwammen, gebannt lauerten. Zu einem einzigen hauchenden Wesen wuchsen Wälder und Wiesen des Meeres ineinander. Fische Würmer Krebse suchten sich durch die Blätter und Stengel durchzusägen; aber die Last der Wiese war ungeheuer. Die Tiere wurden zusammengepreßt, ihr Saft troff, mischte sich mit dem weißen der geknickten Stengel, ausgelaugten Blätter.

Es gab in dem Grönland umziehenden Gewebe nicht zu unterscheiden Lebendes und Totes, Pflanzen Tier und Boden. Pflanze legte sich an Pflanze, hielt langsam schwimmende anschnellende Tiere mit Ranken, stützenden Blüten fest, die Tiere wurden ihre Teile. Diese Pflanzen hatten selbst Saugwurzeln Stützwurzeln von allen Stellen her. Ihre Blütenhaare Ranken bildeten sie zu Saugern Füßen Kiefern aus; waren Tiere und Pflanzen in eins.

Auf Blumen saßen krebsartige Wesen. Saßen ganz still. Mit ihren Schwanzfächern schlugen sie von Zeit zu Zeit Ranken ab, die sich um sie legten. Mit den beiden gekrümmten säbelartigen Raubfüßen bohrten sie in dem Blütengrund, rissen Wunden in den Schaft, schoben ihre Kauladen an, sogen. Manche Pflanzen trieben Röhrenblüten; in den Hüllkelchblättern saßen graue Krebse; in die Fruchtknoten hatten sie ihre feinen Kauladen getrieben; aus den Saftröhren des Pflanzenwesens floß ihnen Nahrung. Sie ließen manchmal auf freieren Wiesen den Blütengrund mit den Füßen los: als wären sie ein Pflanzenteil ragten und flottierten sie, mit wallendem Schwanzfächer, über dem Kelch im Wasser, um gleich, wenn sie verdrängt und abgerissen wurden, mit kurzen drehenden und wühlenden Bewegungen sich neu einzubohren.

Da saßen Geschöpfe an den Pflanzen, waren Spinnen. Unter den Blattachseln wuchsen sie hervor, schickten ihre Spinnfäden heraus, die sich fest um Nachbarstengel rankten. Tintenfische, ungeheure Leiber, mit vielen Armen, hatten ihre Augen geschlossen. Der muskelstarke Mantel hielt still, war straff gebläht, das Pflanzengewebe hatte seine Fortsätze in seine Höhlung getrieben, die großen Adern hatte es umwuchert, das Tier war nicht tot. Sein Herz schlug; in seinen Darm mündeten die Spalträume der Pflanzen; das Herz trieb träge den Saft anderen Tieren, anderen Pflanzen zu. Stengel Blätter Knospen wurden abgeschnürt, Glieder von Medusen Seesternen; die Teile wurden hier aufgesogen, dort waren sie schon wieder von einem Wesen gefangen, das sich dem losen Medusenarm anpaßte, ihn zu seinem Rüssel Stachel Deckblatt Saftröhre machte.

Feine Algen durchwuchsen Nacktschnecken, es war keine Schnecke mehr: ein Algenbusch schaukelte über dem weichen Bett.

Auf den rosig bestrahlten grönländischen Inseln hatte sich nach der großen Erderhebung alles verändert. Ihr Boden war gestaucht verworfen. Bloßgelegt waren Erdschichten und Gesteinsmassen einer uralten Erdzeit. Die Tiertrümmer Samen Pflanzen, Splitter einer jahrmillionenfernen Zeit waren wieder dem Licht preisgegeben, jetzt einem anderen Licht. Diese Sonne, die über Gebirge Ebenen Seen jetzt übertropische Wärme warf, war von wilderer Gewalt als der ferne alte Gasball. Unter dieser Sonne, die dicht über ihnen lag, erhob sich das Begrabene und Tote. Die Sonne riß es hoch. Wie die Maschinen, die die Islandfahrer auf den Brücken vorgeschoben hatten, die bröckligen Steinswesen bezauberten, Verbannten ähnlich, die man auf der Straße in ihrer Muttersprache anredet, einer Frau ähnlich, die verdorrt und eine Umarmung, ein sanftes Wort erfährt, oder wie Völker, die man unterjocht hat und die sich finden, – das Glück bringt sie zum Weinen, – so drang das heiße rosige Licht auf die Trümmer der alten Erde, umfloß umspülte bewältigte sie stürmisch. Schoß in ihr Herz.

Es kam ein Schmachten Wüten in die Dinge, daß sie sich bogen und streckten. Langsam regten sich die Gesteine. Die Ebenen des Landes hoben sich, überall wuchsen die Lager aus, drängten hoch, schoben sich übereinander. Rascher waren die Moose Algen Farne Gräser Fische Schnecken Würmer Eidechsen großen Säuger. Keine neuen Keime flogen über die See herüber. Die zermürbten Trümmer der Kreidezeit, Knochen Pflanzensplitter fanden wieder Leben. Dies wütende Licht backte zu Leibern zusammen, was es fand. Die Knochenwirbel, die zertrümmerten Skelette tranken in dem Lehm die Gletschernässe, zogen sich aneinander. Aus dem Lehm strömten ihnen Stoffe zu, die sie zu ihren Leibern machten, die sie um sich legten; Erde, quellendes Wasser, Salze. Es wandelte sich in ihnen und an ihnen schon um zur Art ihrer Körper.

Um alle Reste und Trümmer ballte sich die Erde zu Lebendigem, quoll auf. So wild war der Drang zu Leibern zu finden, zueinander zu fließen und sich zu bewegen, daß überall auf den Inseln das bloßliegende Land in ganzen Strichen barst, sich hier zusammenrollte zu einer wimmelnden Masse, dort wie vom Regen getroffen aufwucherte unter baumartigen Gebilden. Es waren keine Wesen, wie sie die Erde früher getragen hatte. Um bloßliegende Glieder, Köpfe Knochen Zähne Schwanzstücke Wirbel, um Farnblätter Stempelteile Wurzelstümpfe sammelten sich die Wasser Salze Erden; oft wuchs es sich zu Geschöpfen aus, die den alten dieser Erdzeit ähnelten, oft drehten sich sonderbare Wesen, sogen an der Erde, tanzten. Das waren Köpfe Schädel, deren Kiefer Beine geworden waren, der Rachen ein Darm, die Augenlöcher Münder. Rippen rollten sich als Würmer. Um eine Wirbelsäule strömte zusammen die lebendige Erde, befestigte sich. Es war, als wenn ein Adergeflecht nach allen Seiten ausschoß von den Knochenresten, als wären sie Kristalle Keimpunkte in der übersättigten Lösung. Und was um die Wirbelwesen lag, von den Adern berührt wurde, faßte es an, zog es zu sich her, ob es selbst Leib gewinnen wollte oder nicht. Die Würmer, die sich um die Rippen gebildet hatten, zog, wenn sie nicht flohen, das Wirbelwesen an seinen Mund, pflanzte sie sich neben seine Lippen ein; sie schluckten vorverdauten für ihn.

Kuglige Wesen rollten von Hügeln ins Land. Sie hatten die Art von Lawinen. Um sie spielte das Geäder unersättlich; wie sie rollten, backten sie an ihren Leib, was sie fassen konnten, versenkten die Adern in das Ergriffene. Auf Hügeln blieben manche dieser sich blähenden Wesen hängen; wuchsen in die Hügel ein, um sie herum. Unter ihnen hatte ihr spürendes Geäder ganze Lager kleiner Wesen erfaßt, die sich im Schneckengehäuse, um Korallenstäbchen geballt hatten; mit denen panzerten sich die Kugelreste. Die Felsen wurden von der wuchernden Kraft der Samen zersprengt. Es gab Geschöpfe, die sich riesengroß schwerfällig fortbewegten, ganze Hügel in ihrem Leib. Bröckel ungeformter und sich selbständig bewegender Erde schleppten sie mit sich, sie träufelten es von sich ab, zogen eine Bahn Lebens. Niemand war bedacht auf Angriff und Verteidigung; sie schleppten sich auf, trieben aneinander, rieben sich, verschlackten sich, wurzelten zusammen, über- und untereinander.

Die Trümmer der Gräser Laubbäume der Palmen Oleander Nadelhölzer wurden von dem Licht berührt. Sie zogen ihre Nachbarschaft an sich, die rollte auf sie zu, wie ein Blatt, das sich unter der Flamme kräuselt. Reste verdorrter und erstickter Lorbeerbäume lagen auf geöffneten Sandsteinplatten, zwischen dem Schutt der Felsen, die die Sonne zersprengt hatte. In ihre Blattrippen, zwischen ein Netzwerk der Nerven wurde die lebendige Erde gesogen. Von den Blattrippen, den Nerven ging die Lockung aus; zwischen Blattrippen und Nerven senkte sich, gerissen, die Erde ein, schichtete sich um Spalten, wurde durchädert, farbige Pflanze. Blätter erhoben sich von den Felsplatten wie Kuchen aus ihren Pfannen; breit und dick. Sich aufrichtend wuchsen sie zur Höhe von Büschen, immer im Wirbel von den Seiten den Erdstoff ansaugend, der wie schweres Öl floß. Prall standen die Blätter, die riesigen gemästeten Gebilde. Oft fingen sie an sich zu bewegen. Denn unter ihnen wuchsen gepanzerte Schildkröten, auf deren Rücken sie verankert waren. Und auf dem Rücken der Tiere wandelten sie ins Land.

Und weithin die Landschaften der Schopfbäume mit dichtgedrängter Belaubung. Überall wuchsen sie auf den Spuren von Tieren, die die Samen der Bäume mit sich vergossen. Baumartige Gräser schossen hoch, in dichten Gebüschen, undurchdringliche Klumpen, Stamm auf Stamm aus einer Wurzel; die Spitzen der Gräser hingen bogenförmig über wie hohe Trauerweiden.

Oft rissen sich Bäume und Tiere nicht ganz aus dem Boden, blieben drin stecken, waren ein Mittelding zwischen wuchernden Erdstoffen und lebendigen Wesen.

Oft schleppten sie wie einen Eidotter Erdmasse mit sich fort, Beutel, ganze Säcke, an Strängen wie Nabelschnüre und fielen hin, andern zum Opfer, wenn der Dottersack leer war.

Oft fuhren Gebüsche drohend wie Arme gegeneinander, schienen sich ersticken zu wollen. Dann brachen ihre Äste bei der Berührung; sie schmolzen zusammen; gemeinsam flutete ihre Nahrung in alle; ein großes Wesen erhob sich.

Zwischen den Gingko Tulpenbäumen trieben Lianen auf. Sie nahmen sich keine Zeit zur Ausbildung von Blättern. Matt an die Bäume gelehnt, um sie herumklimmend wuchsen sie über die Stämme hinaus. Die fremden Blätter umwickelten sie mit ihren Windungen. Sie waren gefräßige und strenge Wesen. In die Bäume wuchsen sie heimlich ein; die waren ihr Mutterkuchen. Den Saft der Erde bekamen sie vorverdaut. Während die Bäume unter ihnen verdorrten, ließen sie ihre Blüten bunt wie Fahnen über sie hängen.

Schweigsames Düster der Wälder. Säulen völlig grade astlos aufstrebender Stämme, ununterbrochenes Laubdach; Linien rosigen Lichts durchfallend. Korkzieherartig umwanden sie die Holzseile der Gastpflanzen. Von Stamm zu Stamm zogen sich die Drähte, über die tierische Geschöpfe krochen, von denen sie wie Fledermäuse herabhingen. Die Tiere rissen sich von den Bäumen und dem Boden los, schrien durch die Wälder.

Platanen der heißen Ebenen, Mangroven Brotfruchtbäume. Die Riesenfarne, die wie unerschöpfliche Mütter und Väter dastanden und zeugten. Ihre Blätter strahlenförmig im Kreis wie Speichen eines Rades. Lebendig gebaren diese Pflanzen; der Keimling entwickelte sich schon an der Kehrseite der starken Blätter; seine Sprossen hingen in Fäden von den Blättern herab.

Das unaufhörliche Niederpreschen der Stämme. Sie brachen oft ganz mit Belaubung und tierischer Last zusammen und quollen über den Boden. Zum Teil vermochten sie nicht zu fallen; Leichname standen rechts und links; kräftigere Wesen verschlangen sie. In der Dämmerung und Dunkelheit wuchsen neue auf, trugen ihre Schirme über die Wipfel und Baumkronen, breiteten neues raschelndes Blattwerk aus.

Die Wälder, Tiere beschützend, schoben sich wie Schilde hoch. Unter der Glühhitze flammte die bunte Holzmasse oft auf. Sie krümmte sich brennend am Boden. Schlürfte und schlüpfte schon wieder auf, warf neue Dunkelheit unter sich.