Part 39
In geschlossener Runde wie Kinder, die sich an den Händen fassen, schaukelten die Kolosse. Am Vordersteven die saugenden beißenden speienden Kraniche. Im Rücken das hauchartige Netz, wie ein feines Lächeln vor dem eisernen gebannten Meer, dem schwarzen wallenden stöhnenden, in allen Fugen krachenden Wogenberg. Der Ozean hing bald wie ein Gebirge über ihnen, über den freudigen Menschen. Die Wassermassen stürzten schräg abwärts. Schäumend weiß standen sie vor dem Netz hoch, wie Pferde vor dem Stallmeister; vor dem Netz, das unberührt unbeweglich höher und höher geschoben wurde, schon häuserhoch über dem Deck der zweiundzwanzig Schiffe. Und so hoch umgab sie der schwarzanspülende sich beulende stöhnende Berg des Wassers. Nach fünf Tagen hatten sie Platz in dem luftstillen Kessel. Das wonnige rosafarbene Licht füllte ihn. Die Menschen lachten. Da setzten sie Boote aus. Mutumbo gab das Zeichen, Brücken auf die Sandlager herüberzuschlagen.
* * * * *
Von den Führern getrieben steuerte das Erkundungsgeschwader zurück, südlich. Man mußte einer Schwäche, dem Zusammenbruch entfliehen. Die Menschen bettelten die Führer an, fielen in sich. Sie drängten: man hätte doch die Aufgabe nach Grönland zu fahren; man mußte nördlich. Aber die Führer hatten Furcht und nur soviel Besinnung, um kehrtzumachen. Da ging die Fahrt wieder in die Dämmerung, das Grau hinein. Das Grau, dieses schimmernde staubige, oft stumpfe schwarze des Südens, näherte sich, wurde höher breiter tiefer. Es kam gewaltig wie eine Höhle auf sie zu. Die Erde, die sonderbare, war wieder da. Sie blickten ächzend nach Norden, in Flammen schaukelte das Meer; wie grell das Rosenlicht brannte. Wie es labte, sie nicht losließ. Die Führer selbst stellten sich an die Maschinen, überwachten die Steuerung. Die Schiffe fuhren schleppten die widerstrebenden Seelen mit. In die Dämmerung war man schon eingesunken; tiefer und ohne nachzugeben drangen die Schiffe in den weißlich schwebenden fremden Dunst ein. Kälter wurde es. Die Fahrer staunten: hier waren sie zu Hause. Es gab Expeditionen, sie gehörten zu der Expedition, die Grönland angegriffen hatte. Es gab die Shetlands Eisberge Färöer Kontinent Stadtschaften. Was war das für eine wonnige Gewalt, in deren Bereich sie gekommen waren. Die im Norden leuchtete. Sie trieben klagend hin. Das Meer war heftig bewegt. Das große Feuer brannte über Grönland. Tief überschauerte es sie; das heilige Feuer, das sie aus der Vulkaninsel gehoben hatten. Es war der Brand der Vulkane, der dies gekonnt hatte: sie entzücken, fast bis zur Verwandlung. Die Flammenberge hatten gestampft, schrecklich die Lohe, die sie über das ferne Grönland hinhauchten –, aber diese Wonne. Diese Wonne. Verstrickt träumten sie, sehnten sich; ließen sich nach den Färöer und Shetlands schleppen.
Bebend sahen die Massen sie da kommen. Mit einem Schreck, einer ins Herz zuckenden Angst und Süße, wurden sie gewahr die freudigen stillen Gesichter, erfuhren von Mutumbo, der seine Reiher und Pelikane dazu verwandt hatte, um sich einen Platz auf dem Meeresboden zu schaffen und nicht, niemals, bis zu seinem Tod nicht fortzugehen von diesem Licht.
Kylin schwankte, beriet mit De Barros und den Unterführern. Dann kam man zu dem Entschluß, sich nicht voneinander zu trennen, das ganze Geschwader, wie es Island und Grönland erlitten hatte, nach Norden zu werfen und gemeinsam das Neue zu bestehen, was es auch sei. Die Besatzung des ersten Erkundungsgeschwaders sollte mit einem Rest der Flotte bei den Inseln zurückbleiben. „Habt keine Furcht“ trauerten die Zurückbleibenden, „wie gern kämen wir mit. Ihr habt Angst von hier zu gehen; nachher werdet Ihr nicht zurückwollen. Ach, was Ihr sehen werdet. Denkt an uns.“
Das große Geschwader in die wachsende Helle hinein. Tag und Nacht verschwunden. Leises Schwingen, Erzittern der Luft, fernes Brummen. Dann immer deutlicher eine weit schwebende Musik, hohe Töne, mit Klirren Schmettern untermischt. Die eigentümliche süße Freude, die alle überkam, je nördlicher sie fuhren. Diese Glätte des rosig angestrahlten Wassers. Was waren das für himmlische Dinge. Sie fuhren Boot, kleideten sich aus, seufzten, waren glücklich. Man möchte zu Mutumbo, der bei Jan Mayen saß. Wie klug dieser Mutumbo war, man mußte zu ihm, ihn umarmen. Wärmer wurde die Luft, sie fuhren nördlicher. Weißrosa der Himmel und die Luft um sie. In der Richtung Grönlands war das Licht und seine Farbe stärker, mit Rot und Blau gemischt. Man sah ein Blitzen, Auf- und Abschwellen der Helligkeit wie unter Flammen, kupferrotes Aufglühen, bläuliches Verdunkeln, Schwälen Flackern. In dem warmen Wind heiße Luftfäden. Strich- und rauchartig zogen die Luftfäden über das Geschwader, ringelten das Meer. Sie brachten dann und wann einen schweren bittern Qualmgeruch mit.
Bald traten erstaunliche Dinge vor die Augen der Seefahrer. Federn von Möwen Sturmtauchern wurden von Windzügen auf die Decks der Schiffe und in die Boote getragen. Die Federn waren von ungewöhnlicher Weiche, als wenn sie von ganz jungen Tieren stammten, aber ihre Größe und ihr Bau war der der ausgewachsenen. Sie waren meist verbogen, wie von Hitze geschrumpft und gekräuselt. Dann flogen Blattreste durch die Luft, stark gerippte behaarte Blätter, die man nicht kannte, auch unverständliche kleine Pflanzenteile, die vielleicht Flugapparate von Samen waren. Der tiefe Wind riß unverändert nach Grönland hin, die Meeresströmungen schien er aber nicht abzulenken. Auf dem Wasser schwammen neben den Booten farbige, grüne braune rote Massen, über die man sich freute. Man hielt sie für flottierende Algenkolonien, losgerissenen Tang, in den sich Medusen verfangen hatten. Wie sie aber an einigen Stellen mit den Rudern dazwischen stießen, die Lagen fischten, glitten bunte Federn die Ruderstangen herunter. Man griff nach dem paketartigen gleitenden Gewebe. Es war Tang mit lebenden Moostierchen, Nacktschnecken, aber auf ihm lagen Vögel, unversehrte tote Tiere, groß und ausgewachsen, die mit den Füßchen wie Beeren aneinanderhingen. Und wie man sie noch betrachtete, waren auf die Schiffe selbst lebende Vögel gefallen; ineinandergekrampfte Scharen schlanker und runder Vogelkörper. Meist waren sie erschöpft, starben rasch, wenn man sie nur aufhob. Bisweilen kamen so viele, daß es um die Schiffe regnete. Die Federn der Tiere waren wie die einzelnen, die die Luft hergetragen hatte, von merkwürdiger Weiche; schillerten in Grün Gold Violett Braun. Manche Vögel glühten in Farben wie Schmetterlinge; trugen blendendes Blau an den Flügeln mit goldener Sprenkelung; Rumpf und Hals über den weißen glatten Beinen purpurbehaucht. Die Schwingen der Tierchen waren meist versengt, ja an einzelnen Flächen völlig verkohlt; diese Vögel mußten fast nur durch den Luftstrom hergetragen sein.
Von Osten und Süden fuhr man auf Grönland zu, näherte sich sehr langsam dem klirrenden Feuerherd. Der Wind, bisher wechselnd stark nach Norden und Westen auf den sonnenartigen Brand züngelnd, ließ nach. Sein Schlürfen Singen Stöhnen schlief ein; wie ein Gummiband erlahmte sein Zug; nur eine gelegentliche zuckende Anspannung fühlte man. Das Dröhnen und Hämmern trat ungehindert hervor. Unruhig blies es um sie. Sie mußten die spielenden schaukelnden Boote verlassen. In Schüben wurden weiße Wolkenmassen über den Himmel gestoßen. Öfter verdunkelte sich die Luft. Sanfter Regen. Während sich die Luft stärker verschattete, stürzten Wasserschauer über das Geschwader. Gossen, in Pausen nachlassend, bald so dicht, daß die Menschen blind herumgingen. Sie lächelten wie vorher; die Freude in ihnen war wie aus Erz gegossen. Sie durchfuhren die Regenwand. Windstille trat ein, der Himmel war aufgerissen vor Helligkeit. Aber von Grönland her, dort, von wo das weißeste Licht mit Blau und Rot gemischt über den Himmel floß, näherte sich ihnen, die sich in Kreuzseen bewegten, in einem strudelnden klatschenden Auf und Ab, näherte sich ihnen etwas. Eine Dunkelheit zwischen den bläulichen Flammen. Ein runder Fleck, der sich langsam ostwärts südwärts bewegte, sich her bewegte, sich um sich bewegte. Ein Buckel, von tiefer immer tieferer Schwärze, der im Norden anwuchs herwuchs, gegen sie herstieg. Lautlos die See. Lautlos die wasserdampfenden Schiffe. Die Dunkelheit, eben noch als Schatten heraufziehend, war aus einem Sack, einem Kellergewölbe über das stumme Meer entlassen. Und jetzt war im Süden, weit im Rücken der Schiffe ein Flimmern und Leuchten sichtbar, goldgelbes durchstäubtes Licht; es war Tag hinten. Dies war der sonst dunkle Tag über den Färöerinseln. Ganz klein erschien er wie ein Kindergesicht am Fenster. Sie nahmen es auf den Schiffen stumm mit Wundern an, wandten sich träumend dem Westen zu.
Der Wolkenschild, lichtverhüllend, von Grönland sich nähernd, hatte sich mit einem Glimmerschein umgeben. Am Rand der allerschwärzesten Nacht, die herantrieb, tanzte das Glimmerlicht. Rascheln, böiges Aufsausen, Wühlen, stoßweises Auftoben des Meeres. Durch die anlaufende eindeckende Schwärze zuckende Lichter, blendende Blitze. Donnermassen über dem Meer zerbrechend. Mit jedem Blitz neue Donner zerknisternd. Zwei Pauken: das Meer, der Himmel; hundert Schlägel auf und ab fahrend prallend. Der Himmel zottig schwarz über dem Wasser hängend, stöhnend am Meer. Brüllendes Ringen. In der Verfinsterung Verdampfung des Kampfes, nur ab und zu grelles Äugen. Wogende Seen. Sie hatten die Höhe eines Berges. Trugen in ihrer ganzen aufgesteilten Breite grünliche Kämme, als wären sie bemoost. Der Kamm stürzte nieder; das Grün glitt weiß zerschellend über den eingezogenen Bauch der Welle. Stürzend vergehend wuchs im Vorwärtsdonnern der Kamm. Grün schimmernd, mit ausgebreiteten Armen fuhr die See, das Wellengebirge über das Meer. Lief mit dem Orkan und ihm voraus. Der drehende Wirbel schob sich, das Glimmerlicht vor sich, über den Ozean. Der Körper des Wirbels, zwischen Meeresfläche und Himmelsschwärze donnernd, nahm seine Straße nach Süden. Mit zwanzig Kilometer Geschwindigkeit lief er. Er mähte. Seine Kraft war größer als irgendeine, die vor ihm erschien. Er wälzte den Ozean häusertief auf, schleuderte die Wasserlage vor sich in die Luft, zerriß zerstäubte sie.
Er kam über einen Teil des Geschwaders. Wie er die Schiffe nur mit dem anrollenden Saum seines eisernen Kleides berührte, drängte er sie unter die Meeresoberfläche, erschlug sie mit den aufgehobenen Wassermassen, wallte fluttoste über sie.
Das Glimmerlicht am Rande, Gewitter vor sich, fuhr der Wirbelsturm über das Atlantische Meer an der skandinavischen und britischen Küste entlang, bog nach Westen um, kreuzte den Ozean in seiner ganzen Breite, erreichte die amerikanische Nordküste, zerbrach, über Neufinnland fahrend, Gebäude zerstörend, Bäume wie aus Geschützen schleudernd, an den Randbergen Labradors. Auf seiner Zugstraße verbreitete sich Dämmerung, der Himmel färbte sich kupferrot.
Das grönländische Geschwader kämpfte sich durch. Zyklon auf Zyklon schickte der heiße Kontinent her. Dann traten sie in eine Gewitterzone. Immer von neuem brannte das rosafarbene Licht auf. Unter Katarakten der Regengüsse schlugen sie sich vorwärts. Das süße sehnsüchtige Gefühl erlosch nicht in ihnen. Sie nahmen die Wirbelstürme, Zerbrechen der Schiffe hin. So wenig Mutumbo die Gegend dieses Lichtes verlassen wollte, wollten sie es. Sie erinnerten sich ihres früheren Daseins. Wie störrisch hart sie gewesen waren. Sie weinten, hatten keine Furcht hier zu sterben. Wenn der dunkle Schleier am Firmament erschien, der einen neuen Zyklon anzeigte, – Ringe drehten sich in dem Schleier –, so rüsteten sie ihre Fahrzeuge. Aber im grausigsten Wirbel waren sie, die herumsprangen und lavierten, nicht geängstigt.
Die Gewitterzone überwanden sie. Sie waren schon nahe dem Land, in einer Meeresgegend, die sonst durch Eis versperrt war. Schwüle warme Luft. Blendende Helle, grelles Aufflackern Tag und Nacht. Grüne und braune Massen schwammen auf dem Wasser. Da hörten Schiffe öfter Schreien Schnauben Stöhnen vom Meer herauf. Einzelne Wachen berichteten: sie hätten eine zusammenhängende Bewegung unter dem Meeresspiegel bemerkt, die sich zögernd näherte und in der Nähe der Schiffe endete. Einmal wurde eine Gruppe Fahrzeuge alarmiert. Die Menschen sahen von den Decks eine abgegrenzte meterlange Strecke des Meers stürmisch aufgerührt. Ein Geräusch wurde vernehmbar zwischen dem Klatschen des Wassers: Schlingern Speien Ächzen. Sie ließen Boote herunter, stießen darauf los. Da ließ die Bewegung nach; sie fanden nur Schaum und zerrissenen Tang auf dem Meer. Nördlich der siebzigsten Breite in Höhe der Shemoninsel trieb das Gros des Geschwaders. Die Ostgrönlanddrift floß hier neben der östlichen Spitzbergenströmung. Große sonderbare Baumstämme von tropischem Charakter trug das Wasser. Ein- zweimal schwamm eine ganze offenbar losgerissene Bauminsel an ihnen dicht vorüber. Die Bäume darauf waren geknickt verbrannt; einige wie frisch angenagt. Man fand, sie umfahrend, Blattreste, die von palmenartigen Gewächsen zu stammen schienen. Lebhafter machte man auf den Schiffen Jagd auf die Wesen, die die sonderbaren Meeresgeräusche häufiger und häufiger verursachten. Es mußten unbekannte schnell schwimmende Tiere sein, Wale, die aber keinen Wasserstrahl warfen. An der Spitze des Geschwaders wurde einmal das Röhren und Schnauben ungewöhnlich heftig. Sechs Schiffe fuhren darauf zu. Motorboote wurden von von Deck gelassen, sausten nach der bewegten Meeresstelle. Dort stieg Wasser auf, jedoch nicht senkrecht wie aus Spritzlöchern der Wale. Sondern was sich bewegte, spie schwallartig wagerecht Ladungen Wasser von sich. Die Boote rannten gegen die sprudelnde Wassermasse. Da waren sie schon gekentert. Aus dem Meer aber wand sich der Rücken eines braungrünen schuppenglänzenden Untiers, eines Reptils mit langem Schnabel, seitwärts gestellten blicklosen Vogelaugen, das an seinen dünnen Vorderbeinen eine lappige schwere Haut schleppte. Auf dem Wasser rudernd schlug es die Vorderbeine über dem Rücken hoch. Die wampige Haut spannte sich. Der Schnabel fuhr schnappend hoch, der Rumpf ringelte sich aus dem Wasser auf, das Untier schlackerte mit seinen Flügeln. Stieg unbehilflich wie eine Gans, mit Ächzen und Speien, in die Luft, dicht über der gischenden Wasseroberfläche; verschwand gurgelnd über dem Meer.
Man zog die Verunglückten aus dem wieder glatten Wasser. Das Gerücht von den Tieren verbreitete sich über das Geschwader. Unsägliches Grauen lag auf den Menschen, die das furchtbare Geschöpf gesehen hatten. Es war sicher: man war von Wesen dieser Art umringt. Sie waren es, vielleicht noch andere, die seit Tagen das Geschwader beunruhigten, zwischen den Schiffen ruderten stöhnten verschwanden. Entsetzen fiel auf alle. Die Menschen hatten nicht mehr die Starre der Islandkämpfer. Sie waren in den Wochen, die sie unter dem wonnigen Licht fuhren, aufgelockert worden; Weinen und Lachen kam ihnen leicht. Jetzt wimmerten sie, das Schluchzen fuhr ihnen aus dem Hals, verkrochen sich an den Schiffen, wollten nicht weiter. Was sollte kommen. Jetzt in dem Entsetzen erinnerten sie sich Islands, der stampfenden tobsüchtigen Vulkane. Die waren es, die über Grönland brannten, diese Wesen erzeugten. Weg von ihnen, es war genug. Was taten die Stadtschaften; diese verruchten Stadtschaften, was machten sie mit ihnen. Sie umgingen zitternd die Führer, die sich selbst kaum aufrechthielten, drängten, daß man nach Süden drehe. Und doch war in die Angst vor den Untieren eine andere Angst gemischt: fort zu müssen aus diesem Meer, totes Leben sollte wieder beginnen. Sie fürchteten sich vor der Rückkehr. Die Führer wandten das Geschwader nicht. In wärmere und wärmere Luft ließen sie es treten. Stoßweise ergoß sich Glut über die Menschen, die wieder ganz von jener Furcht gebunden waren, die sie in Island stumm gemacht hatte. Sie suchten sich mühsam starr zu machen; aber das rosafarbene Licht zehrte an ihnen.
Das Wasser floß blaugrün unter ihnen. Ein Quirlen und Quellen, Wühlen und Spritzen überall. Abgerissene Bauminseln umgaben sie von allen Seiten, trieben zwischen den Schiffen hindurch, die ihnen auswichen, kein Boot mehr nach ihnen aussetzten. Zusammenfahrend, die Fäuste vor der Brust, sah man Vögel über sich fliegen, bunte singende tirilierende, in ganzen Scharen. Niemand dachte, sie zu jagen. Man stierte auf sie, ohne einen Eindruck zu empfangen, stand in Erwartung, halber Bannung. Das Wasser war von den grünen braunen Massen streckenweise so bedeckt, daß sie sie umfahren mußten. Manchmal mußten sie die dicken Schichten aufreißen. Tierische Körper waren eingesponnen, mit ihnen verfilzt: tote Ungeheuer, deren Köpfe über den Meeresspiegel traten, lammäßig ruhige Gesichter mit Bärten, blau überspült vom Wasser. Und auf Stunden, wie sich nichts ereignete, wurden die Menschen wieder von dem alten Glücksgefühl überflutet. Alles blieb still bis auf das helle Vogelgeschrei.
In ein Meer von dunkelroter Färbung fuhren sie jetzt. Ganz langsam bewegten sich die Schiffe. Stundenlang ließen sie sich nur treiben. Die Wärme war groß; kein Wind bewegte sich. Über sich an dem strahlenden Himmel sahen sie in großer Höhe schattenhafte Wolkenmassen ostwärts schwimmen. Die Oberfläche des Meeres, burgunderfarben leuchtend, spritzte manchmal Schaum, aber zog sonst gleichmäßig als ein loser und dichter Rasenteppich nach Westen. Der Teppich, aus Meerespflanzen gebildet, war straffer als der braungrüne, den sie durchfahren hatten. Es waren Wiesen, die aus der Tiefe heraufwucherten, bisweilen glitzernd über dem Wasserspiegel hervorragten und Land vortäuschten. Die Wiesen lagen ruhig; bisweilen sah man sie wie Falten eines Kleides sich hochbauschen und wieder glätten. Mit leiser Bangnis blickten die Seefahrer darauf hin, immer in Furcht, daß da ein Riesentier das Meer aufwürfe. Die bunten Vögel, die die Masten besetzten, hockten und sprangen auf der purpurnen Tangwiese unten. Handgroße Steine und Eisenstücke, die man herunterwarf, blieben auf der Wiese liegen. Kleine Tiere, die sonst nicht das Meer bevölkerten, Fledermäuse, sah man sich auf den Rasen senken; leichte weiße Schmetterlinge, die über dem nassen Kraut sich schaukelten, in Scharen die Wiese weißfleckten. Dann lief und ruderte ein schwärzliches Gewimmel durch die Röte. Kleine Tiere, eine Art Ratten, mit bunten Schöpfen auf den Scheiteln. Sie pendelten im Wasser, schwammen dicht beieinander, hielten sich an den Stielen der Algen fest, blickten mit kleinen schwarzen Augen, den Schopf kammartig aufgestellt, um sich. Zwischen ihnen blaue glänzende Zikaden, die sprangen, aber auch Flügel zu entfalten schienen. Von ihnen stammte das feine durchdringende Piepsen, das, zwischen dem großen gleichmäßigen fernen Rollen und Wühlen, aus den Pflanzenmassen herkam. Auf die Schiffe kletterten die Tiere, vor den Menschen wichen sie aus. Die Menschen selbst flüchteten vor ihnen; sie schrien; ein Hauch von Entsetzen wehte sie an, aber sie lachten wieder, kamen sich wie Kinder vor.
Der rote Teppich zerteilte sich manchmal, dann quoll er wieder zusammen. Immer mehr kleine Tiere überschlüpften die Schiffe, Schmetterlinge und Vögel belagerten Decks und Masten. Im Wasser, wenn der Rasen zerriß, sah man größere gelbe und blauschwarze Wesen schwimmen. Sie ähnelten nicht Fischen, mehr mit ihren blanken glatten Leibern Robben; sie kämpften miteinander und mit mächtigen Weichtieren, Nacktschnecken, die an der Oberfläche des Wassers hingen und da atmeten. Die beiden vorderen Fühler dieser Schnecken waren zu starken warzenbesetzten Armen ausgewachsen; mit denen griffen sie nach unten hängend nach den gelben schwimmenden Tieren, drückten, während sie sie hielten, ihre Saugfüße den schnellenden robbenartigen Wesen an den Leib, die rasch die Farbe verloren. Das Wasser um die Schnecken schlierte immer bunt und trübe.
Erstickende wilde Hitze schlug durch die Luft. Gegen eine Benommenheit rangen die Menschen auf den schwankenden Schiffen. Sie hielten sich an den Masten und Geländern fest, stierten lächelten um sich. Sie waren am Hinsinken. Sie träumten: laß kommen, was will. Ihre Brüste beklemmt. Da zitterte vor ihnen die Luft auf. Das Zittern verschwand, stellte sich in anderer Richtung wieder ein. Es schien nichts weiter zu sein, als das Vibrieren der Luft in der Hitze; sie kannten es von Island her, von dem Hauch über dem Glutmeer und über den Lavaströmen. Das Vibrieren erschien bald neben ihnen, die Hitze wuchs aber nicht. Die Flächen der purpurnen Tangwiese, die dichten Büsche des Meerkrauts, barsten manchmal; das meterhohe Zittern der Luft erschien dann, wanderte; überall auf dem Wege dieses Schwirrens wich das Tangfeld auseinander, schnellte hinter ihm wieder zusammen.
Plötzlich stand einmal die zitternde Luftmasse vor einem seitlich auf der Wiese umherirrenden Schiffe, das verschlafen stand. Die Menschen auf seinem Deck betrachteten ohne Bewegung die sonderbaren Luftwellen. Ein Surren umlief die eigentümlich wallende Luftmasse. Da schnüffelten die Menschen verwundert: ein Geruch nach Teer und Salzlake wehte in Pausen stoßend über das Schiff. Sie sahen, wie sich die vibrierende Masse ihnen langsam näherte, daß sie aus dem Meer aufwuchs, daß sie geadert war, ja durchpulst. Sie schwankte in sich. Das Luftwesen –, nun sahen sie es, staunten und erschraken nicht –, schwamm wie ein Haus hoch im Meer. Von schwarzen kleinen Massen, die sich auflösten, war es erfüllt; es mußten Algen und Lebewesen sein, die es in seinen Darm aufgenommen hatte. Vögel, Schmetterlinge hatten bei Annäherung des durchscheinenden gallertigen Gebäudes das Schiff verlassen, pfeifend sprangen ihm abgewandt die blauen Zikaden und buntschöpfigen Mäuse ins Wasser. Das bergehohe Wesen aber blies stärker über das Schiff seinen tranigen Atem. Veränderte –, erstarrt standen jetzt die Menschen, fielen bewußtlos um –, wechselte seine Haltung, drehte sein Oberstes nach vorn. Da hatte es wie ein Pflanzentier, eine Mundöffnung, von einem Kranz flimmernder Bänder umgeben, eine wogende gläserne Wölbung, aus der der strenge Salzhauch in Stößen drang. Die Bänder rollten auf, über Deck, schlangen sich um Masten Balken Menschen. Die Bänder drehten das Schiff quer, zogen es hin vor den tief gesenkten Mund des Tiers. Vor dem tief gesenkten Mund des Tiers kenterte das Schiff. Es senkte sich ins Wasser, wurde von der gallertigen Wölbung aufgefangen, die sich über die Masten und die Decks schob, sich über ihnen schloß. Die Luftmeduse richtete sich auf. Ihre Bänder spielten aufrecht in der Luft. Die Schiffsbalken wurden von ihren krampfenden Eingeweiden, mit Eisenmassen Lebewesen hoch und sichtbar über dem Meer schwebend, aufgelöst, zerflossen in ihr. Schwarze Flecken rannen durch die feine Äderung; der Mantel warf heftig Falten. Das Flirren und Flimmern der Luft ließ nach. Das Tier senkte sich. Tauchte ins Meer ein, zur Seite gedreht, Wasser schlürfend. Die purpurne Tangwiese rollte über ihm zusammen.
Auf der roten heißen Fläche endeten fünfzehn Schiffe. Die Hauptmasse des Geschwaders floh. Ein Teil raste durch das Krautmeer, blieb von Getier erfaßt, im Pflanzenwust verbacken hängen. Ostwärts südwärts stürzten die Schiffe.
* * * * *