Berge Meere und Giganten

Part 38

Chapter 383,522 wordsPublic domain

Aber das überstürzende Grauen, wie sie sich auf kleinen Schiffen den bunten schwirrenden Inseln näherten. Keine Umrisse von Schiffen waren zu erkennen. Wale erschwerten die Annäherung an die Inseln. Man mußte Sprengstoffe gegen sie werfen; das Wasser rötete sich gräßlich; die dunklen Leiber schwammen eine Weile auf dem Wasser. Wie das Fangnetz eines Schleppers hingen Tangmassen um die Inseln. Man mußte sich schneidend hauend brennend durch sie arbeiten. Boote zogen die abgelösten Stiele und Geflechte ins offene Meer. Schritt für Schritt rissen sie das wuchernde Kraut los; Schicht auf Schicht mußten sie abtragen. Die Boote wechselten stundenweise; es gab immer wieder Menschen, die den Trieb nicht überwanden sich hinzugeben und mit Gewalt zurückgeführt werden mußten. Man drang schließlich, nach Sprengung der Algenbrücken und Reinigung des Wassers, an die Schiffsrümpfe heran. Wie sonderbar sie verändert waren. Die Außenhaut der Frachter legte man oben bloß; man sah schon, wie die Brücken und schwersten Tangmassen beseitigt waren, daß die Frachter wie befreit heftig zuckten, sich langsam von der Stelle bewegten, ruckweise zerrende Bewegungen nach oben machten. Schon glitten die Schiffe leicht, die Boote hinterher; man mußte fürchten, daß sie sich über das Wasser, aus dem Wasser herausheben würden. Oben am Bordrand waren alle Bleche gelöst, die Verschalungen geborsten. Von außen, von innen trieben Sprossen Äste dünne Balken durch die Schiffswand. Die wenigen Kabinen des Oberdecks waren von einem Dampf erfüllt; aber das schien nur so, als man die Türe öffnete. Sie waren ausgefüllt von einer Art Spinngewebe. An ihrem Rand, den Aufhängseln der grauweißen Gewebe hatten sich die wuchernden Hölzer der Wände, die Äste der Türen Luken selbst beteiligt, mit einem Flechtwerk von Fasern. Man sah aber keine Spinnen in den Räumen. Und wie man das dünne Gewebe mit der Hand und Stöcken zerriß, erkannte man es als feinste haarartige grasartige Austreibung der gequollenen Blätter, Röhren Stränge der Hölzer der Spinde der Decken des Bodens. Außerhalb der Hölzer und weit von ihnen entfernt hatten die Pflanzen mauerartige Organe gebildet. Jede Kabine war hauchdünn wie Mark aufgelockerter Stämme; in längerer Zeit mußte der Raum zuquellen verholzen. Man ging auf schaukelnden Lagen. Wie man den Boden aufschlug, um in die Speicher zu kommen, schlugen stickige Gase heraus. Schwammartig erweicht und verwoben waren die Decken. Aus den tiefen Knorren der Masten sprangen frische wulstige Äste hervor, die sonderbar behaarte samtene Blätter trugen; sie schlossen sich oft dicht blütenartig zusammen. Wimmelnde Käfer und Ameisen. Man brauchte nicht nach den Speichern suchen. Von ihnen aus den Tiefen der Schiffe ging das intensive ruckweise sich verstärkende Leuchten aus, das oft blendende Aufglimmen, das in der allgemeinen gleichmäßigen Dunkelheit das Kabellicht überflüssig machte. Die Decke zu den Hallen schlugen sie ein, mit Beilen Sägen Feuer brachen sie durch; seitlich rissen sie die Wände des ganz verfilzten Gebäudes ein. Ins Wasser wurden Balken und Bleche geworfen, die Fische schwammen hinter den Hölzern her, bewegten sie mit den Mäulern vorwärts, kauten an ihnen, trugen sie auf ihren Rücken in See.

Frei lagen die Berge der Netze. Zauberhaft ihr Anblick, wie sie sich durch die Buchten der Schiffe spannten. Mit glattem gewalzten Metall waren die Wände der Hallen bekleidet gewesen. Märchenhaft hatte sich das Metall bewegt. Seine ebene Glätte war verschwunden. Wellig hatte es sich geworfen, Beulen Wülste Kugeln vorgewölbt. Aus der Ebene der Wellen und Wölbungen stachen strahlige glitzernde Kristalle lang vor, die das Metall um sich aufzogen, so daß um sie die Platten rissig wurden. Das Eisen blühte von den Wänden den leuchtenden Schleiern entgegen. Der schreckliche Glanz der Schleier. Ihr Verdunkeln Aufstrahlen. Der Modergeruch, die anschwellende Wärme. Die Haken der Flieger griffen nach ihnen, die ruhig hingen, wie man sie aufgehängt hatte. Schleier um Schleier wurde durch die dunkle regentriefende Luft hochgetragen. Auf den Ölwolken lagen schon die Platten, die sie zum Glühen bringen sollten.

Von den Schiffen herauf wurden an Hunderten Punkten die Drähte auf das Wolkenlager gezogen, die das große Kabel mit den Schleiern verbanden. Man arbeitete stürmisch, war der Erschöpfung nahe. Anfang September waren die Turmalingebäude entleert. Die leeren Frachter waren schon wieder verfilzt; manche zerfielen.

Da rissen sich die Ölwolkenschiffe Menschentransporter von den Küsten des finsteren eisumlagerten eisdrängenden Landes, sausten süd- west- ostwärts. Stoben ab von Grönland, das sie in schwere Nacht geworfen hatten, das einsam mit seinen wimmernden unruhigen Tieren hinter ihnen lag unter der Ölwolkenbank und den glimmenden Schleiern. Scharen der Flieger und Luftschiffe rasten wild den Meeresschiffen voraus. So rasch mußte man den Ozean überqueren, wie man konnte. Zwei Tage fuhren die Meeresschiffe; die Küste des Baffinlandes streiften die westlichen, die im Osten hatten den zehnten Längengrad überschritten.

In der Nacht zum dritten Tag wurde der Kabelstrom auf die Isolierung der Schleier losgelassen. In diesem Augenblick verlangsamten alle Meeresschiffe ihre Fahrt, die Flieger ließen sich auf die Decks und auf das schäumende Wasser nieder. Erschauern Zittern ging durch die Menschen, die sich über die finsteren Decks scharten, aus den Kabinen rannten.

Es war zu Ende. Man hatte den Krabla Leirhukr Herdubreid Katla Hekla gesprengt. Island zerrissen, die Feuer der Erde geöffnet. Auf den beweglichen Brücken waren viele hundert Menschen, wie sie, die auf den Decks standen, verascht zerblasen über die Gletscher gestoßen ertrunken. Neue Schiffe Menschenmassen waren vom Festland hergestampft. Man hatte nicht geruht. Die Insel gab ihre Glut her. Die Schleier wurden gefüllt. Die schrecklichen Turmaline strahlten sangen. Die Fische Vögel Algen im Meer lockten sie und wollten fliegen. Zuletzt kam Grönland jenseits des Wassers. Man mußte Wolken über das Land legen, Planken auswerfen. Wie viele verkamen, stürzten ab. Als jetzt die Sirenen schrien, standen sie auf den Decks über dem rollenden Meer. Es bebte trommelwirbelte schleuderte sich hinter ihren Hälsen herum, daß sie ächzten und ihre Füße weich wurden. Ihre Lider wurden angstvoll aufgerissen, die Augen standen ihnen weiß barbarisch auf. Die Mundwinkel wurden krampfhaft heruntergezogen, die Lippen gespitzt. Sie bogen sich. Es wogte mit Hitze über ihren Leibern, schauerte über Rücken und Nacken. „Unglück. Welch Unglück. O, lieber Himmel, welches Unglück. Was haben wir geduldet. Was, was! Süße Nacht, süßes Leben. Liebe Stangen, liebes Geländer, Erbarmen. Liebe Menschen Bretter Seile Masten Bleche. Liebe Jacke, rauhe Wolle, Erbarmen. Meine Finger, mein Leib, lieber Arm, lieber Hals. Mein Hals, mein Hälschen, meine Haut, mein Kinn, Erbarmen. Ah, welches Unglück.“ Und dann wurden sie wie von einer Hand hingedrückt, zappelten in sich. Jetzt geschah es hinten.

Das Meer blieb glatt. Eine Welle von Licht schritt über den Horizont fort. Sie lagen auf den Gesichtern. Entsetzen Schmerz in den Brüsten. Alle Kehlen geklemmt. Winselten vor Schreck haltlos, als die Lohe am Horizont unbändig höher höher höher höher schritt. Zugleich zuckte in ihnen die Sehnsucht: Dahin! Sehnsucht nach dem Feuer! Das Feuer Islands! Das furchtbare geliebte Land! Leirhukr Myvatn Krabla: das war es. Das Feuer höher höher. Nach der Insel wollten sie. Ohne Maß ihre Sehnsucht: „Was ist das Leben. Unser Feuer. Unser Feuer.“

Und manche lagen, wollten nicht zu dem blendenden Licht aufsehen, wollten das Licht nicht sehen. Wenn es doch verschwände. Ihre fressende wahnsinnsnahe Angst. Wenn man es wegwischen könnte. Sie hatten schuld daran. Das furchtbare Lohen weg.

Auch die Führer, Männer und Frauen, wandten sich ab, standen zitternd, verfluchten sich. Kneteten sich die Brust: „Ich bin nicht daran schuld.“ Ihre Zähne klapperten knirschten, Ohren und Nasen kalt, sie fühlten ihre Finger nicht. Schluckten; schlenkerten die toten Füße über die Bretter, stampften, um sich nicht zu verlieren. Öffneten schlossen im hilflosen Takt die Augen. Aber dann hielten sie sie fest. Nach dem Licht hin. Das Licht, das Feuer höher höher höher über das unendliche Himmelsgewölbe. Das sollten die Augen sehen. Auf das blendend weiße hochtreibende Licht die Augen hin. Man mußte es einschlucken mit weitem Mund wie ein Ertrinkender das Wasser. Den ganzen Wasserschwall mit offenem Walfischrachen nehmen, und immer schlucken, schlucken. Muskeln festhalten, Augen hinhalten, den Boden mit den Beinen festhalten. Und sie konnten es ertragen, die Augen kniffen nicht zu. Es ging. Was da brannte, war der Turmalinschleier. Man mußte es benennen. Die Turmaline waren vom Festland herübergeschickt; es waren gegossene gesponnene Gesteine, eine geschickte Arbeit. Auf den Ölwolken lagen sie. Das war keine neue Erfindung. Schon Angela Castel hatte sie im Krieg verwandt. Das waren ihre Dampfbläser. Was man alles machen kann. Die Füße wurden fühlbarer, man konnte die Zehen bewegen, sich umdrehen, die Schultern herunterlassen. Die Aufgabe in Grönland war gelöst. Jetzt langsam Luft schöpfen, einatmen, einatmen, ausatmen. Sie blickten neben sich, ihre Köpfe hingen noch. Um sie lag man, die Hände vor dem Gesicht. Die Gelähmten Erschütterten. Jetzt nicht sprechen.

Die Schiffe trieben stundenlang in den erhellten Gewässern steuerlos. Dann regten sich die Menschen. Hoben die Köpfe von der Brust, als nähmen sie ein Urteil an. Die Maschinen schlugen von unten durch den Schiffskörper, es ging rhythmisch durch ihre Glieder. Finster blickte man an dem andern vorbei, prüfte zweifelnd das Wasser. Über dem Wasser lag ein nicht wegzulöschender, alles überschüttender Schein, von dem die Wellen flinkerten. Der Himmel, die nördliche Wölbung, wurde verschlungen von ihm. Was war geschehen. Man stampfte weiter, strich an den Kleidern, spie. Grimmiges Stieren. An die Arbeit.

* * * * *

Vor den Färöer und Shetlands sammelten sich die Geschwader. Sie unternahmen tagelang nichts. Während sich die Menschen brütend um einander bewegten, kam die Weisung von den Flottenführern, ein Beobachtungsgeschwader zusammenzustellen. Man beschleunigte die Ausführung nicht. Man drängte die finsteren lethargischen nicht. Man beobachtete wie in Island und um Grönland, daß trotz der Erschlaffung, trotz des immer wieder aufschwellenden Entsetzens und der Erschütterung keiner auf das Festland zurückverlangte.

Nach zwei Wochen setzten sich dann leichte Fahrzeuge in Bewegung. Von wenigen Fliegern wurden sie begleitet. Sie steuerten den alten Weg nordwärts.

Der wachsenden Helle, vor der sich ihre Gemüter stumm neigten, fuhren sie entgegen. Von Breitengrad zu Breitengrad wurde die Helle stärker. Es war ein rosafarbenes, fast weißes Licht, das über den nördlichen Himmel und Ozean ausgebreitet war. Wenn der flammende Sonnenball hinter der westlichen Horizontlinie verschwand, war schon im Norden das rötliche Weiß aufgezogen, von Minute zu Minute strahlender, zu betäubender Helligkeit wie eine Blume sich öffnend. Und als sie in Höhe des fünfundsechzigsten Breitengrades fuhren, war das Sonnenlicht unsichtbar geworden. Es war vergangen unter der nördlichen Helle, wie die Sterne, die bei Tag unsichtbar sind. In dem neuen rosigen Licht schwammen sie auf dem angestrahlten Ozean. Ein Brausen nahm sie auf und umgab sie, eine gigantische Musik, fernes dumpfes und helles Durcheinanderschmettern, das von klirrenden klingenden hohen Tönen durchsetzt war. Über ihnen kein Himmel, nur das gleichmäßige rosigweiße Licht. Zuzeiten war Dämmerung und Dunkelheit hinter ihnen: das mußte Abend und Nacht auf der übrigen Erde sein. Zuzeiten teilte sich die Dunkelheit unter einem weichen Dunst auf, schleierartig, im Süden: diese dünne bläßlich graue Aufhellung mußte der Tag der Erde sein.

Sie standen auf den Decks. Auf Booten fuhren sie, frei ernst glücklich, von Stunde zu Stunde glücklicher. Dachten nicht, es war in ihnen ausgewischt, wie dies gekommen war, – was brannte, – was geschah. Sie fühlten sich in das Klirren hohe Singen Orgelbrausen hineingesogen. Beseligend das Licht, an dem sie sich weideten, sich nicht sättigten. Sie fuhren schon in der Region, die sonst mit Eisbergen gefüllt war. Es fiel ihnen nicht mehr auf, wie besänftigt das Wasser floß: die Luft ging kühl, oft kalt, wie immer. Aber als wenn sie in den Tropen wären, fuhren viele in Booten nackt bis auf den Gürtel, fühlten sich wohl, versagten es sich, in den Kabinen zu schlafen.

Über dem weiten Ozean geriet der Wind in eine sonderbare Bewegung. Der grönländische Feuerherd übte seine Wirkung. Alle Windrichtungen waren verändert. Der sonnenartige Brand am Pol zog wie ein Äquator die Luftströme an; sie wehten nach Norden in einem heftigen oft zu Böen gesteigerten Drang. Die auf dem Wasser schleifenden tiefen Luftmassen züngelten in den Schwelch der nördlichen Glut. Die Stärke ihres Dranges wuchs von Breitengrad zu Breitengrad. Zu dem auf und ab wiegenden Brausen Schmettern Klingen traten die sanften Geräusche des Verdehnens der Luft, das Stöhnen Rufen Singen. Die Luft schlürfte an der Meeresoberfläche hin, riß spielend den Wellen die Kämme ab, wühlte sich mit Stößen ein, Trichter in das Wasser bohrend, riß sich schreiend los, flutete toste hin und konnte nicht widerstehen. Rascher und rascher mußte sie fahren. Die Massen aller Windschichten wühlten ineinander; sie mußten hin. Senkrecht und schräg aufrecht fuhren sie, bogen aus. Sie streckten sich lang lang hin. Im Sturz, im Zug schwanden sie. Waren davongezischt, hart über die Fläche schießend, das Meer abplattend, niederdrückend, daß es eingedämmt hinter ihnen in häuserhoher Flut einherwallte und sich wieder zurechtfand.

Während die Menschen auf dem Meer schwammen, die Schiffe starke Kräfte in die Maschinen warfen, um dem ziehenden Drang nach Norden zu widerstehen, oft rückwärts fuhren, den pfeifenden Wind zerteilten, verfinsterte sich gelegentlich die Luft unter einem Rauch. Eine Brunst unerhörter Hitze schnob um sie. Lachend nahmen sie sie an. So freudig waren die Menschen des Beobachtungsgeschwaders, daß sie unter dem siebzigsten Breitengrad nicht zu bewegen waren, weiter zu dringen. Der Küste Grönlands sollten sie sich nähern. Aber sie wollten nun nichts als in dem wonnigen Wasser ausruhen.

* * * * *

Zu dem Geschwader gehörte eine Zahl Schiffe, die für Gefahren besonders ausgerüstet waren. Sie waren mit Vorkehrungen gegen das ozeanische Wasser versehen. Sie sollten gewaffnet sein, in der Nähe Grönlands, nahe den niedergehenden Lawinen, dem Absturz des ungeheuren Islandeises, dem Schwall der Wasserberge zu widerstehen. Die Menschen dieser Schiffe gingen jetzt, von der Glückseligkeit des Wassers gelöst und benommen, vom rosigen Licht, dem sanft wühlenden Winde bezaubert, eigene Wege. Der gewaltigen Ausrüstung bedienten sie sich für ihre Zwecke. Sie wollten, beschlossen sie, hier bleiben, sich auf dem Meeresboden tummeln. Sie wollten nicht mehr, nie wieder zurückkehren. Sie wollten auch nicht nach Grönland fahren, die Schönheit des neuen Kontinents abwarten. Gleich auf der Stelle, hier im Augenblick hatten sie ihr Land. Kräftig und mutig fühlten sie sich. Der Mischling Mutumbo führte sie. Nach Jan Mayen unter der zehnten westlichen Länge, nördlich der siebzigsten Breite waren sie vorgestoßen. Sie loteten eine gebirgsartige Aufstufung des Meeresbodens. Hier in die Flachsee, unter dem beseligenden Licht, ließen sie sich nieder. Noch einmal, verkündete der Führer, möchten die verruchten Kräfte der großen Stadtschaften für sie arbeiten.

Mit zweiundzwanzig Schiffen und Beischiffen umschloß Mutumbo die Stelle, begann sich wie ein Stier mit den Hörnern in den Wiesenboden, in den flüssigen Ozean einzugraben. Umgeben waren die Vorderschiffe mit flammenfesten, aneinandergefügten Basaltmänteln, die die Kräne schnaubend aus den Laderäumen hochangelten, schiefrig grauen Platten, die sich wie starre Visiere vor die Schiffshaut legten. Die Platten legten sich um nach rückwärts, schoben sich balkonartig als Plattform über das Vorderdeck. Auf allen zweiundzwanzig Fahrzeugen waren Maschinen montiert, an die heran ein Gewirr von Kabeln aus den Schiffsbäuchen lief. Die Maschinen glichen Reihern und Kranichen. Lange magere Hälse, die sich auf den plumpen, festgenieteten Rümpfen drehten, streckten sie nach vorn über die Schiffsspitze, tauchten sie an den grauen Basaltmänteln herunter in die grün-weiße Meeresströmung. An ihren Hälsen hing ein dickes, meterlanges, kettenschleuderndes Gezottel von Seilen und Drähten, als wären es Mähnen. Tauchten die Mähnen in das salzige Wasser, berührten sie die spritzenden Wellenkämme, so schrie das Meer, als wäre es ein schlafendes Tier, dem ein Skorpion zwischen die offenen Lippen und die Zähne kneifend in den Rachen kriecht. Es warf sich, wachte auf, brüllte. Und im Moment gab es ein Brodeln; das Wasser stieg als warmer Schwall, weiße, zitternde, unruhige Wolke von der tosenden Fläche auf, jagte, wild um sich schlagend, blind wühlend hoch. Und immer neues, nicht nachgebendes Beißen und Herabstoßen der Reiher, Knallen und Aufklatschen der Mähnen, wütendes Brodeln Kreischen Spritzen, dampfendes Abweichen Keuchen, meterhohes Aufzischen, brüllende Gischt. Kilometerdick eine weiße Wolkenmasse, ein Wolkengebirge über dem Schiffskreis, bereit, auf das dampfende Loch unter sich herunterzustürzen.

Die Böen jagten hinter ihnen her. Der Dampfschwall flutete in die Höhe der Stratuswolken; kaum fühlte er die Kälte, so brausten, mittschiffsentlassen, die Böen hinter ihnen. Aus dem Kreuzfeuer der explodierenden kopfgroßen schwarzen Inulitbomben, die donnernd aus winzigen Mörsern aufschossen und sprengend die Luft mit einem ungeheuren Ruck zerteilten. Die weichen zitternden Wolken fühlten sich im Rücken angepackt und im Nu meilenweit fortgeschleudert, davongeschoben wie ein Teller von einem Tisch, ein Hund von einem Napf, an dem er kläfft. Und dann schnoben sie, die weißen zerrissenen flattrigen Massen durcheinandergewirbelt in einem einzigen Regenguß, einem losen weiten unermeßlichen Regenguß, grau und schwarz in das hochspringende Wasser zurück. Stürzten rasch und unablässig, daß sie Scharen von Möwen fort- und herunterrissen, ihre nasse Hand auf die dünnen anstrebenden abschlüpfenden Leiber drückten; kein Flattern Hälserecken spitzschnäbliges Aufdringen half. Und selbst wenn die Vögel noch eben Kraft zum Flug hatten, so wurden sie erstickt von den blanken Quellen, die über sie aus der übersättigten Luft fielen. Der Himmel, sonst zum Fliegen geeignet, dünn leicht wonnig von Sonnenstrahlen und flimmerndem Nordlicht erfüllt, der Himmel von einem Vulkan zerrissen, ein wasserspeiender Krater, warf ausbrechend seine Massen nach unten, riß alles herunter auf die Meeresfläche.

Tagelang hoben und senkten sich die Reiherköpfe, brannte das Meer, jagte in weißem blähendem Schwall auf. Tagelang schlugen die zweiundzwanzig Schiffe wie Pferde mit den Hufen nach hinten aus, das wiedereinstürzende Meer zurückzuhalten. Als mauere man Balken in die Erde, triebe Eisenträger in Lehm, schaufle Sand aus Gruben, so hieben die Schiffe nach rückwärts, drängten das Wasser ab. Sie hatten ihre Flanken mit bloßem Stahl gerüstet. Doch über den Stahl, armweit entfernt, von Stützen gehalten, war ein Netz gebreitet, senkrecht von oben nach unten ins Wasser abfallend, den ganzen Hinterbug umgebend, von Schiff zu Schiff sich hinziehend, ein einziges riesenhaftes Netz, kaum sichtbar, nicht dichter und nicht schwerer als ein Haarnetz. Es hatte das stumpfe Weiß des Bleis, an einzelnen Maschen mit bräunlichen bis schwarzen Flecken. Die rührten von verbrannten Tieren und Menschen her, die dieses Netz geknüpft hatten. Substanzen, aus bituminösem Schiefer gewonnen, bildeten den Hauptbestandteil der Masse, die zu Fäden ausgespannt wurde. In den Anlagen hatte man erkannt, daß zur Fesselung dieser Stoffe, die der Schiefer aus früheren Erdperioden, aus zerfallenden schmelzenden Leibern hergab, lebende Organismen, ihre Berührung besser waren als tote Körper. Aus dem Boden gerissen, der Luft preisgegeben, auf Holz und Eisen ausgebreitet, sammelte sich die Substanz zu langsam, verpuffte. Pflanzen, saftreiche, fette Tiere und Menschen waren der beste Boden, auf dem sich der Stoff anreichern ließ. Die aber griff es schwer an. Es ätzte sie. Dann fühlten sie, die das Netz auf Armen Schultern und Knien trugen –, nachts legte man es auf Stiere und Pferde, deren Fell kahlgeschoren war – Verbrennungen. Die Verletzten ersetzte man durch neue. Die fünf letzten Tage des Maschenknüpfens, das in weiten Hallen in Mecklenburg geschah, waren das Opfern einer Hekatombe. Nur stundenweise konnten sich die Menschen dem weißen schrecklichen Gespinst nähern. Man sorgte dafür, daß aus entfernten Gegenden Arbeiter und Arbeiterinnen in Flugzeugen herankamen. Wer frisch ankam, unmittelbar in die Hallen gebracht wurde, erlag am raschesten. Ältere, die schon müde knoteten, hielten sich bis zu sechs Stunden. Dann lagen sie ohnmächtig da, mit kalten Händen, kleinen Pulsen, eingesunkenen Backen. Die Meister lösten sie mit mächtigen Glashaken von dem Gewebe, rollten sie heraus. Der letzte Tag war es, der in das Gewebe die braunen und schwarzen Flecken eintrug. Da war das Netz, das kilometerlange und -breite, aus seinen fünf großen Einzelteilen zusammenzuknüpfen. Und als hätte sich die Kraft des Netzes, seiner Ausdehnung folgend, verhundertfacht, geschah eine Vernichtung der Lebewesen in seiner Nähe von einer Intensität und Raschheit, die den Zusammenschluß des Netzes überhaupt unmöglich gemacht hätte, wenn es sich nur um einen Tag mehr gehandelt hätte. Es betraten morgens um sechs Uhr die ersten achtzig Menschen die Hallen. Um zwölf Uhr mittags lagen auf den Wiesen hinter den Hallen schon dreihundert Leichen. Aber um fünf Uhr nachmittags, als das Netz fertig war und von siebzig Kränen frei in die Luft gezogen wurde, lagen nicht viel mehr als diese dreihundert Leichen und Sterbende da. Denn von Mittag ab verließ keiner, der das Netz berührte, mehr lebend den Raum.

In einer Zeit, die sich von zwölf ab immer mehr verkürzte, zuletzt bis auf eine Viertelstunde, vergasten die Menschen, wie alles Feuchte an dem Stoff. Vergasten, nachdem sie einen kleinen Schrei von sich gegeben hatten. Ihre Finger griffen in das Gewebe, verkohlten da. Sechs Meister knüpften die letzten Maschen, hatten die trockenen heißen Pelzmäntel an, die dichten Pelzhandschuhe, die am sichersten schützten. Die starre Trockenheit ließ das Gewebe nicht knoten; sie mußten ihre nassen Fingerspitzen hergeben. Zu einem Griff. Und wollten sie den zweiten machen, so rieselte es schon durch sie. Beim dritten sanken sie in ihren Pelzpanzern um. Dunsteten verhauchten aus den Fellröhren. Leere Gehäuse am Boden, dampfende Halsöffnungen Rauchrieseln.

Man hatte armdicke Glasbalken wie Fahnenstangen schräg nach rückwärts in die Luft hinaus gebaut. Daran hing, leicht, auf zehn Schritt nicht mehr sichtbar, das bleiweiße Netz. Es hing straff herunter. Bildete um die zweiundzwanzig Schiffe eine Wand. Da, wo das Netz das Meer berührte, war – kein Meer. Sondern auf Meterweite leerer Raum. Von einer Luft erfüllt, die zu beiden Seiten des Netzes durchsichtiger war als die übrige und im Sonnenlicht stärker leuchtete. Weder Insekten noch Vögel konnten sich diesem leeren Raum nähern. Das Wasser, der unermeßliche Ozean, stand wie Stein, gierig die Lücke zu füllen, auf die Schiffsreihe zu stürzen, die sich langsam senkte.

Die Schiffsreihe senkte sich. Immer mehr Wasser baggerten die Verdampfer aus dem Innensee, schleuderten es hoch. Die Spitze der ozeanischen Bank, von mächtigen Salz- und Tanglagern bedeckt, stieg höher, je mehr das Kesselwasser sich verdichtete.