Part 4
Der Fall Mailands im Beginn des dreiundzwanzigsten Jahrhunderts löste zuerst in Rom, dann in den angeschlossenen Zentren Südeuropas eine Bewegung aus zur Verschärfung der Bestimmungen für die Verbreitung von Herrschaftsmitteln und Kenntnissen, die die Bildung von sehr kleinen Herrenklassen und einer riesigen beherrschten Schicht nach sich zog. Die Leichen der hunderttausend Farbigen und Mischlinge in der Poebene waren noch nicht in der stummen Erde verwest, da begegneten sich vor der brausenden Nordsee bei Dünkirchen die Männer und Frauen der Länder und Stadtschaften, die London hergefordert hatte. Heimlich kamen sie an der stürmischen herbstkalten Küste zusammen. London wußte, was es vorhatte, die Delegationen wußten es auch bald. Herumgehend in den Spielhäusern, bei Segelfahrten, in Dünenwanderungen, Lagerungen in Picknickzelten kamen sie zu den Resultaten, die sie nicht den Ferntönern anvertrauten. Alle waren in kurzer Zeit von dem furchtbaren Ernst ergriffen, den die Haltung Londons und Neuyorks ausströmte. London pessimistisch wie immer, sah das Ende der westlichen Welt voraus.
Die Männer und Frauen dieser Regierung, die sich hier fordernd bewegten, trugen die Zeichen einer sehr westlichen Einwanderung. Nord- und südamerikanische Indianerstämme hatten sich im vorletzten Jahrhundert bei dem rapiden Nachlaß der weißen Fruchtbarkeit über Kanada und Brasilien ausgedehnt. Als arbeitende Hilfsvölker traten sie vornehmlich bei der angelsächsischen Durchdringung Südamerikas in die Dienste Londons, wogten dann zum Teil nach dem westlichen europäischen Kontinent, zum Teil nach Schottland. Eigentümliche dünne schwarze Bärte, nach vorn stehende runde Backenknochen sahen die südlichen Europäer bei den Herren aus London, straffe Gestalten, die einen trüben schwarzen Blick warfen und an Menschen, mit denen sie redeten, vorbeisahen. Sie sprachen mit sanften hohen Stimmen, ihre Sprache spanisch verwelscht. Sie gaben, die die Erben der Weltbeherrscher waren, zu erkennen, daß sie nicht beabsichtigten, die Fähigkeit der Nationen und Landschaften durchzuprüfen; verlangten Aufschluß darüber, was man getan hätte, um seine Nachbarn und das Reich nicht zu schädigen. Als im Laufe der Besprechungen am Dünkircher Strand Guistiniani auftauchte, kam es zu der heftigsten Auseinandersetzung zwischen ihm und der Londoner Gruppe. Wie Mailand und die südlichen Städte, die eben erst gerettet seien, es wagen könnten, einen Mann wie diesen aus den unfähigsten Kreisen Mailands herzuschicken. Guistiniani hielt sie mit scharfen Worten nieder. Sie erkannten seine Gefährlichkeit, lernten den Mann bald genauer kennen. Die Londoner Herren gaben ihren weiblichen Kameraden nicht nach, die von Mailänder Freundinnen angestachelt, die Beseitigung des geschmeidigen und eisigen Mannes verlangten. Der Mensch aber war es selbst, der hier Carceris Plan der Sklaverei vortrug. Der Plan war unwiderstehlich. Er schlug bei London augenblicklich ein. Die Kommissionen machten sich den Plan rasch zueigen.
Die Dünkircher Begegnung, für das Geschick des westlichen Völkerkreises von entscheidender Bedeutung, endete nach zwei Wochen mit dem Anspruch der erschienenen Kommissare an ihre Regierungen Senate und tatsächlichen Machthaber, die vorhandene Zivilisation mit allen erdenklichen Mitteln und um jeden Preis zu verteidigen. Sie stellten die Gefährlichkeit des Erliegens irgendeiner örtlichen Machtgruppe, sei sie Nation oder Stadtschaft, fest. Folgerten daraus das Recht der Nachbarstaaten und weiter der London-Neuyorker Zentralgewalt, die überall bereitgestellten Verteidigungsmittel und Maßnahmen nachzuprüfen. Die Londoner langbärtigen Herren erklärten, im Interesse der Gesamtheit gezwungen zu sein, zu der aufgegebenen Einrichtung der örtlichen Kommission und Beobachtungsposten zurückzukehren. Die einzelnen Machtgruppen möchten dies nicht auffassen als ein Bestreben Londons seine Gewalt zu erweitern, sondern als Sicherheitsmaßnahme im Interesse aller. Man hatte damit das, was man in langen Jahrzehnten, ja in mehr als einem Jahrhundert abgeschüttelt hatte, wieder. Man konnte nicht widersprechen, denn der schwere Ernst Englands schien berechtigt; eine Möglichkeit der Durchführung der kommenden Maßnahmen ohne Zusammenschluß war nicht gegeben.
Von Dünkirchen strömte auf Europa Afrika Amerika der Geist der Helotenwirtschaft. Die Delegationen und Senate hatten sich verpflichtet in ihren Ländern Staaten Stadtschaften Wissenschaft Technik und alle denklichen konkreten Kenntnisse abzuriegeln. Die Vernachlässigung dieser Verpflichtung war mit dem Verlust der Selbständigkeit für das Staatswesen verbunden. In allen Zentren galt es nach Dünkirchen geheimste Pläne auszuarbeiten zur Feststellung der wichtigsten Dinge, betreffend Krafterzeugung Lebensmittel Beförderung Angriffs- und Abwehrwaffen, Feststellung der nötigen Zahl von Personen an den arbeitenden und ausführenden Stellen und an den zusammenfassenden. Unter Verzicht auf allzu stürmischen Fortschritt, ja bei voller Klarheit über eine mögliche Stagnation wurde die Zahl der Personen gefunden, ihre Herkunft war auf einen Kreis beschränkt. Die Senate bezeichneten die zuverlässigen Familien. Überall waren Machthaber ihnen zu entnehmen. Bei der Strenge des anfänglichen Vorgehens taten sich in den meisten Staatskörpern sehr kleine Gruppen zusammen, die in Fühlung mit den Londoner Beobachtungsposten eine Art Wohlfahrtsausschuß bildeten und dauernd das öffentliche Leben und die herrschenden Familien kontrollierten.
Dies alles geschah geheim und niemand im Volk bemerkte sogleich etwas. Man übte in der Tat nur gesteigert streng die alte Methode. Den Fragenden wurde die mit Beispielen zu belegende Gefährlichkeit der Situation vorgehalten. Aufdrängende wurden hingehalten abgeschoben. London Berlin Paris Mailand Marseille Neuyork sah einen neuen Adel, der sich um die furchtbaren technischen Einrichtungen gruppierte.
Diese Männer und Frauen waren die eigentlichen Machthaber der westlichen Erde, waren mißtrauisch unter sich, immer gejagt, Vergnügungen verachtend, durchweg einsam. Keiner von ihnen ging ohne die leichten Waffen, die sie nur für sich reservierten. Sie erschienen überall überraschend. Der Wohlfahrtsausschuß der Einzelstaaten, die Beobachter, waren wie sie ausgestattet, mit Lampen, deren Licht durch einen Spiegel- und Blendmechanismus so reflektiert wurde, daß die Menschen faktisch unsichtbar waren. Sie waren wie eine Wand, die man mit Spiegeln bekleidet; man glaubte in sie hineingehen zu können. So konnten sie scheinbar durchsichtig auf offenen Straßen, oft auch in Häusern sich bewegen. Sie ritten fuhren flogen ungesehen. In den Massen ging das Gerücht von ihnen. Denn sie beseitigten ungewünschte oder gefährliche Personen, die eine Zusammenkunft verließen, ebenso wunderbar wie sie selbst erschienen. Die Toten waren nicht auffindbar, wie man die Lebenden auf ihrem Wege nicht hatte verschwinden sehen. Es trat vielleicht ein Mann, ein junges Weib an einen Baum, ging um eine Häuserecke, bückte sich, faßte sich an die Brust, griff nach seinem Rücken, machte einige sonderbare Bewegungen, als ob etwas juckte oder kniffe, und war weg. Nichts war an der Stelle, als ein stärkeres Blitzen des Sonnenlichts, ein Staub wie von einem Windstoß. Öfter wurden ähnliche Vorgänge beobachtet, man munkelte davon, Gerichte befaßten sich damit, Aufklärung erfolgte nie, da die Verschwundenen nie gefunden wurden. Die Klagesteller hatten schon Recht mit ihrer Behauptung, die Verschwundenen seien beseitigt oder gut verborgen worden. Sie wurden noch in dem Spiegelkleid, das über sie geworfen war und in dessen Mantel sie neben dem Entführer und der Entführerin gingen, gezerrt und rasch gelähmt, an die geheimen Stellen der Laboratorien getragen, wo sie nicht einmal den Blitz sahen, der aus der Wand, an die man sie mit dem irr lächelnden Gesicht lehnte, fuhr. Zusammensinkend, weiche Massen, lohten sie auf dem sprühenden Boden. Dessen Funken nicht aufhörten, bis weiße Asche wie Flugsand auf ihm tanzte.
Früh sahen die Machthaber die Gefährlichkeit ihrer Waffen für sich selbst ein. Suchten über das Mißtrauen, das sie gegeneinander hegten, hinwegzukommen. Niemand konnte wissen, wohin den einen Eifersucht plötzlicher Zorn Erbitterung treiben konnte. Man sah sich und den andern seinen Trieben wehrlos ausgesetzt wie einen Träumer seinen Einfällen. Wie sie oft finster vor Wäldern standen, auf einem Balkon die hellbestrahlten Wipfel der Bäume betrachteten; diese tiefgrünen Nadelhölzer, die in riesige schweigsame Höhe ihre gelbbraunen Zapfen streckten, ruhig hinwuchsen: und der Mensch in sich wühlt, bewegt sich, wühlt.
Furchtbar wurden Annäherungsversuche unter ihnen erschwert durch das Zusammendrängen der Frauen zueinander, durch den nicht nachlassenden Kampf der Frauen um die Vorherrschaft. Die Männer der Staatskörper, die Überwachungsausschüsse konnten sich nicht verhehlen, daß sie ihres Lebens nicht sicher waren. Es war nicht ruchbar geworden, was die Mailänder Frauen bei der großen Farbigenrevolte den Fremden vorgeschlagen hatten; es war aber klar, daß überall verräterische Gedanken bei den Weibern umliefen. Keine Möglichkeit bestand, die Frauen aus den Senaten auszuschließen, ja die Männer dachten nicht daran. Kraftvoll sicher zäh waren die Frauen, ihre Stärke ihr Wille Geist waren unentbehrlich. Bei zahllosen Männern dieser Periode bestand schon voll die Neigung vor den Weibern den Rückzug anzutreten. Aus den mächtigsten Familien zogen sich Männer von Ämtern und wichtigen Dienststellen zurück, um nicht mit Frauen zusammenzustoßen. Die Überwachungsausschüsse waren der gefährlichste Ort; hier durfte man einer Auseinandersetzung nicht ausweichen. Man machte offen einen Burgfrieden. Im geheimen blieben beide Parteien auf der Hut, sannen darauf sich Waffen zu reservieren.
Das drei- und vierundzwanzigste Jahrhundert brachte die große Veränderung Afrikas: den ostwestlichen breiten Durchstich der Küste südlich der Kanarischen Inseln in der Linie Cap Blanco und Bojador, die Wasserüberflutung der tiefliegenden Wüsten von Igidi Tamesruft Afelele bis zum Westrand des Tümmogebirges. Der schwere afrikanische Kontinent wurde aufgelockert und getrennt durch das Saharische Meer.
Schon waren die Weltmächte auf zwei reduziert, die Londoner und die indisch-japanisch-chinesische. Die Stadtschaften waren Wesen geworden, durch die die Sonne scheint; an dem Boden liegt das Licht überall um sie, aber sie haben nicht aufgehört zu sein. Wie die Stadtschaften sich ausdehnten, erhöhte sich überall der nationale Glanz. Prunkhaft erhöhte er sich unter dem abgestorbenen absterbenden politischen Leben. Die Mächte der Landschaften und Staatskörper wandten überall dieselbe Methode an, zu der sie getrieben wurden durch den Drang sich zu behaupten und die Apparate, um die sie sich gruppierten: die Methode des Erregens Sättigens Mästens Überfütterns. Die Fette nach der Kastration, die Gespreiztheit Sanftmut Huld und Süße der Eunuchen stellte sich ein, der fratzenhafte ohnmächtige Impuls. Man schonte die Eigenliebe der Massen. Die Überwachungsausschüsse gingen geheimnisvoll durch die Völker, aber schon aßen die strengen herrscherischen Familien selbst von dem Gift, das sie auslegten. Die Fülle der Erfindungen ließ nach, man lebte vom Überkommenen, ordnete unter sich zukommende Rechte Aufgaben. Und am raschesten entarteten die Frauen. Gigantische Figuren gab es um diese Zeit unter ihnen, großartig in Wollust und Herrschsucht. Was früher in phantastischer Weise aufkommende Negerschläge leisteten, wurde jetzt ihr Werk: Staaten der willigen kapaunenhaften Menschen zusammenschließen, rasch und hitzig sie aufbauen, sich in Glorie wiegen, um früher oder später von einer Kleinigkeit, etwas Übersehenem sehr Sichtbarem, von einem Nachbarstaat oder von London beseitigt zu werden.
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Wie ungeheuer hat Melise von Bordeaux gewütet. Das Weib, in dessen Adern Nigritierblut floß, gemischt mit dem der italienischen und westfranzösischen Landschaft, übersprang alle Abkommen, die ihre marklose kindische Umgebung unter sich schloß. Sie beobachtete, wie man sich Genüssen überantwortete, dabei weich und weicher wurde und zog eine Gruppe Menschen um sich zusammen. Sie war von wildester sinnlicher Leidenschaft, zugleich kalt und abstoßend, selber leidend. Wie eine Riesenschlange umfaßte sie ihre Liebhaber und Liebhaberinnen, zerknirschte sie gesättigt, ließ sie geängstigt liegen. Man wußte nie, womit es ihr ernst war, die kraushaarige dicklippige mit dem glänzenden schwarzen Blick, die viel und heftig weinte, sich und ihr Schicksal beklagte. Ihr Weinen war von der Art der Betrunkenen, sehr tonreich und ohne Hintergrund, mit Ungnade und ärgerlichem Lachen endend. Sie bewog alle Familien ihrer Stadtschaften die wichtigsten Waffen und Anlagen ihr und ihrem Anhang zu übergeben. Sie legte eine Zahl Anlagen nieder, weil sie nicht wußte, wie sie sich ihrer bedienen sollte und hielt sie daher für überflüssig. Sie unterschied bald eine Reihe Landschaften mit ihrer Herrschaft überziehend, Lieblingslandschaften und Dienerlandschaften. In die Dienerlandschaften legte sie die ernährenden und unterhaltswichtigen Einrichtungen; ihre Residenzen machte sie zu Leitern und Genießern dieser Arbeit.
Sie und ihre Umgebung nahmen großartige Manieren an. Sie spielten sich offen als Herrscher und Könige auf, erschienen, Erstaunen und Wut auskostend, mit kostbarem Gefolge und strahlend in den gemeinsamen Versammlungen der westlichen Stadtschaften. Wut erregten sie, aber auch ansteckend wirkten sie. Und sie waren, Melise von Bordeaux, die schwerlockige adlernasige gelbbraune Frau, und ihr Anhang der Anstoß zur Zertrümmerung vieler Herrschaftsgruppen, für gefährliche Umwälzungen in mitteleuropäischen Landschaften, die zwar den Willen zu ähnlichem Glanz und wilder Glorie hatten, aber nicht die Verteilung von Kraft dort und Schwäche hier. Es ging in diesen mitteleuropäischen Stadtschaften, wo ein Kapaun wild werden wollte oder eine Henne sich für einen Pfau ausgab, hart auf hart. Mit heimlichen Tötungen, tückischer Gewalttätigkeit zermürbten sich die Herrschaftskreise; gewaltsam mußte die Ordnung wiederhergestellt werden. Bisweilen tat dies London. London hatte immer die Gefahr der Massenrevolte vor Augen. Es ließ eine Weile das Spiel gehen, dann stieß es wie ein Geier auf die Streitenden nieder, zwang sie stille zu halten. Ja es kam im Herzen von Mitteleuropa, wo man nicht zur Ruhe kommen konnte, zum Zugriff von London: vor dem Ausbruch des Uralischen Krieges hatten sechs machtvolle Stadtlandschaften Mitteleuropas, darunter München und Preßburg, ihre Selbständigkeit verloren und duldeten das Dominat englischer Familien.
Melise war in Bordeaux Toulouse königinartig Alleinherrscherin, ließ sich eine Kathedrale an der Garonne südöstlich Bordeaux’ in der freien Landschaft anlegen, wo sie betete und sich verehren ließ. Denn es war nicht ganz klar, was sie und der Priester tat, den sie feierlich eingesetzt hatte, wenn sie sich neben dem Priester auf dem Altarraum hinsetzte, den Blick geradeaus schweifen ließ, die schwerberingten Hände nebeneinander, die fleischquellenden Arme bis zur Schulter bloß, Goldbrokat und elfenbeinernen Tierbehang vor der mächtigen langsam atmenden Brust. Sie war, wie ihr die süd- und ostfranzösischen Stadtschaften zufielen, niemals so vermessen, von selbst die Hand nach mehr auszustrecken. Erwies sich auch immer unterwürfig, ja kriecherisch gegen London. Ihre Macht verlockte sie nie, mit den Frauenbünden, die so üppig vegetierten, zu paktieren; sie liebte Frauen so wenig wie Männer und man konnte sie nicht auf diesen Boden herabziehen. Glorie und Unterwerfung war ihr Verlangen; darin konnte man ihr nicht genug tun. Sie tötete und entmannte Dutzende Männer, von denen sie annahm, sie wären ihr untreu. Zugleich getötet und geschlechtsunfähig gemacht wurden Frauen, die mit diesen Männern verdächtigt wurden. Sie schwankte einige Zeit in ihrer Stellung zu den Frauen hin und her; es schien als ob sie den Frauen in ihrer Eifersucht und Stolz feindlich werden würde. Da wurde diese Königin gebrochen durch ein Weib, ein Mädchen ihrer Sippe, die ihre Tochter sein konnte.
Das weißgelbe liebliche Persönchen wurde nach der Beseitigung ihres Liebhabers vor Melise gebracht. Melise trank viel. In ihrem heulenden Elend hielt sie die weiche Person bei sich fest, die verschüchtert stille hielt. Melise schlug mit ihrer stählernen Kopfbürste auf sie ein, auf die Arme, die jenen Mann umschlungen hatten, auf die Backen, die sie sich hatte küssen lassen, auf die Lippen, die sie mit den Fingern anzog, die sie mit der scharfen Bürste rasch klöppelte. Das Mädchen hielt weinend inne, kreischte, bat immer um Verzeihung und um Gnade. Sie hatte ja in der Tat nicht gewußt, wer der Mann war, der sie genommen hatte. Er hatte sie genommen, denn sie wollte von Männern nichts wissen. Melise, die Fäuste mit der Bürste und einer langen Nadel in die breiten Hüften stemmend, stand speichelnd, rot- und dickgesichtig vor dem über den Teppich gekrümmten halbnackten Mädchen, dem sie die Kleider abgerissen hatte, um zu sehen was an ihr war. Das blutende verängstigte Wesen, dem die Tränen schmierig auf den Teppich liefen über die zerstichelten Backen und aus der Nase mit den Blutstropfen, blickte hilflos und jammernd, speiend und sich verschluckend, am Teppich sich abtrocknend und hingewunden zu der rasselnden gewaltigen Frau auf. Plötzlich wurde diese Frau unter einem Blicke von dem Gefühl des Abscheus vor sich selbst getroffen. Sie nahm die Fäuste aus den Weichen, besah sich Bürste und Nadel, legte sie nachsinnend langsam auf einen Tisch. Seitlich blickte sie zu dem Mädchen herunter, das ihr aufmerksam, stärker verängstigt mit den Blicken folgte. Das Wesen, fühlte Melise, konnte für nichts, sie war nicht schuldig; der Mann hatte sie genommen, der Mann tat mit dem dummen Wesen, wie früher immer Männer mit Frauen taten. Der Mann schweifte herum, nahm die, morgen die, ein verfluchtes Geschöpf. Melise dachte keinen Augenblick an sich. Grollend kniff sie die Augen zu, schlug ein paarmal mit der Bürste auf das Mädchen ein, zog sie dann, die sich sträubte und zappelte, und stach sie mit der langen Nadel durch den Handteller, die Hand des Mädchens zwischen ihre Knie klemmend. Die Nadel ging durch die Hand der kreischenden wühlenden augenaufreißenden Person, ging in Melises Knie, die den Schmerz sich zusammenkrampfend einsog und wie das Mädchen stöhnte aus offenem Mund mit zurückgebogenem Hals. Die Nadel hervorziehend wegwerfend sank sie auf den Teppich, stöhnte. Nach dem jungen wegschnellenden Wesen hangelte sie ins Leere mit den Armen, schlüpfte ihr dann, sich am Boden hinziehend nach, drückte den zurückzuckenden Kopf, den sie an den Haaren erfaßte, unter ihren auf den nassen Teppich, heulte, ahmte das Wimmern des Mädchens nach. „Komm“ seufzte Melise „du bist mein. Es geschieht dir nichts. Sie sollen uns nichts tun. Es soll uns niemand etwas tun. Dir nicht und mir nicht. Es soll keiner etwas wagen. Oh tut das weh. Ich bin es satt. Hab ich dir weh getan. Bleib hier. Bleib bei mir.“ Und das zerschlagene gepeinigte Mädchen mußte das aufgelöste stöhnende bettelnde Weib hochziehen, sie an einen Sessel führen, wo Melise hinsank, sie an sich zog, auf die Knie an den Leib zog, das Gesicht an den zerstochenen kleinen Brüsten rieb: „Oh. Was ist das für ein Leben. Solche Mörder haben wir um uns. Wenn ich die Mörder beseitigen könnte. Sei mir nicht böse. Bist du mir böse, seid ihr mir böse, schlimme Lippen, armes Händchen. Heilt alles. Wir werden Rache nehmen.“ Und das Kind schlang einen Arm um die Frau. Die Frau fühlte eine Zärtlichkeit, die sie erstaunen machte, eine wohltuende erweichende Zärtlichkeit unter dem lächelnden Blick aus diesem zerschrammten hochgequollenen Gesicht über sich heraufziehen. Ein Kind, fühlte sie, das ist ein Kind. Was bin ich auch für ein Kind. Blieb das Gesicht andrückend an den Quell der aufsteigenden Zärtlichkeit.
Diese mißlungene Tötung besiegelte Melises Schicksal. Sie wurde jähzorniger herausfordernder als je. Hatte kein Gleichgewicht mehr zwischen Männern und Frauen. Unverändert lehnte sie die Lockungen der Frauenbünde finster ab; Männer mochte sie nicht.
Sie hatte die Laune sich aus einem dunklen Grunde Persephone zu nennen. Dies geschah lange Zeit bevor irgendeiner und auch sie wußte, was sie damit meinte. Persephone war sie, die Königin des Totenreichs, die ein schlimmes totes und todwürdiges Wesen von der Erde geraubt hatte und in die Finsternis zog. Sie wollte Persephone sein. Ihre Totengerichte in der Kathedrale bei Toulouse wurden berüchtigt. Die Priester waren erschreckt und konnten nicht mitmachen. Melise lachte, versteckte Frauen in die Priesterkleider, die mußten neben ihr stehen; aber doch konnte sie immer einige und gerade die mächtigsten der Priester neben sich sehen, die sich vor ihr fürchteten und die sie im Zaume hielt. Sie ließ Bauern Arbeiter auf der Straße in den Häusern auf den Äckern aufgreifen. Verlangte, violett und schwarz am Altar thronend, bunt geschminkt, blutrot grell beide dicke Lippen, blau umrandet die Augen, von ihnen Rechenschaft. Sie hatte wie ein mittelalterlicher Fürst eine gefürchtete Garde von Bewaffneten um sich. Die trugen Kappen und Masken, Stiefelschäfte bis an den Leib, waren Männer und Frauen. Tornister trugen sie auf dem Rücken, lanzenartige drahtumwickelte Stäbe in den Händen, standen an den Wänden und schienen keine Menschen zu sein. Die Königin hörte an, wer vor sie gebracht wurde. Wer sprach, mußte erzählen von sich, was er wußte. Darauf wurde er entkleidet und mußte weiter sprechen. Persephone besah und hörte die Menschen, Männer Frauen Mädchen Jünglinge, die vor sie gebracht wurden, von Schreck und Wut ergriffen waren, weinten, um Gnade flehten. Sie sagte: sie sei Persephone, die Königin der Unterwelt. Ob sie das Zepter in ihrer Hand nicht erkennten, ob sie nicht wüßten, daß man rasch erscheinen und da sein müsse, und daß zwischen jetzt und jetzt, Tod und Leben, Acker und Tod, Straße und Tod nur eine Sekunde liege. Die Sekunde sei übersprungen im Augenblick, wo sie die Kathedrale betreten hätten. Sie hätten ihre Arbeit zu lassen; die ginge weiter auch ohne sie; die sei ihre Hände nicht wert. Jetzt sei die Stunde für sie, die Königin Persephone, da. Ihr müßten gezeigt werden die Glieder, die Stimme, die Bewegungen; ob sie noch das Recht hätten zu leben oder herunterkommen müßten. Sie schrie, sich vom Sitz erhebend, das Zepter schwenkend, finster: „Es ist vorbei. Die Häuser Straßen Maschinen Äcker haben genug von Euch. Ihr habt ihnen genug gegeben. Jetzt ist meine Stunde.“ Aber wie sie sich setzte anhörte sah prüfte, nahm sie mit sich, was ihr behagte. Sie nahm aus ihrem schwarzen hochgetriebenen Haar die langen Nadeln, die zu beiden Seiten drin staken. Die warf sie zur Seite vor dem violetten Priesterwesen. Und vor wen die Nadel gefallen war, der wurde die Stufen hinaufgezogen vor sie.