Part 5
Es waren die starken Männer, die schönen schlanken weißen, Gatten und braune Jünglinge, üppige strotzende Mädchen und Frauen, die sie zu sich nahm und von der Erde verbannte. War eine tiefe Seligkeit, die Melise empfand, ihr Zepter zur Seite der Priesterin gebend, wenn sie den Mann, das Weib empfing, umarmte. Wie es sich wand, warm weich; sie wußten nicht, waren sie begnadigt oder verurteilt. Aber sie waren begnadigt. Die Königin zog sie an sich, war aufgestanden. Drückte die Gesichter an ihre Arme, die offenen schweren Brüste. Ihre Hände glitten an den Gesichtern Schultern Leib Schenkeln entlang. Sie berührte liebkosend die Heimlichkeiten der Leiber. Die Priester und Priesterinnen hingefallen auf die Knie sangen abgewandt Lieder. In dem Menschen, den sie umschlang, entstand eine sanfte Verwirrung. Träumend wild griff das an den Hals, der sich ihm bot, wühlte sich gegen den festlich grausigen Kopf, die starken Schultern. Da war sein Schicksal da. Der Kopf, der eben noch nach dem Mund Melisens gesucht hatte, bog sich leicht stöhnend beiseite. Der nackte Leib wogte hin und her, wie auf der Suche nach einer Bewegung, die er nicht fand. Während Persephone sich in ihren Stuhl fallen ließ, trunkene Augen, das Gesicht in schluchzender Verzückung, unter der düsteren und wimmernden Musik, die wellenartig aufquoll und toste, rollte von ihr der Mensch ab, der einer gewesen war und den sie jetzt beherrschte, in sich trug. Ein Leib in sie eingegangen, hergerissen von den Äckern, der Erde.
Melise quoll auf von Wesen, die sie in sich aufgenommen hatte. Nicht mehr Persephone war sie, sondern Hades, die Unterwelt selbst. Ihr Gebiet, von Bordeaux bis über Toulouse reichend, hatte noch Bestand und England unterstützte die wachsende Kraft dieses Staates, als sie übersättigt ungesättigt hinschmolz. Die zarte kindliche feine, die sie zuerst gepeinigt hatte, die weiche Betise war die letzte, die sich ihr zu opfern hatte. Und die sich der Königin lange hingegeben hätte, wenn Melise, die wilde rastlose, sie gewollt hätte. Melise spielte mit ihr, schützte sie, ging um sie herum. Betise durfte auf keinem ihrer Züge zugegen sein, saß in einem schloßartigen Haus bei Bordeaux, bewacht von Frauen der Königin. Lange Monate suchte die Königin sie nicht auf. Auf abwesende liebevoll zerstreute halbstumme Stunden kam sie dann. Das zarte Wesen wußte, wenn Melise kopfsenkend verträumt vor ihr stand, daß sie nicht sprechen fragen durfte. Obwohl sie sie anbetete.
Die Königin trat bei Betise ein, die auf einem Kissenbündel am Boden lag, schlafend von der Sonne bestrahlt wurde. Erst wie die mächtige stark ausschreitende Frau an die Kissen stieß, fuhr Betise hoch. Kicherte reckte sich süß, hielt inne erstarrend. Daß die Frau, ein brauner fast nackter Leib, von Blutströmen Blutkrusten bedeckt war. Die Arme voll Blut, die Finger von schwarzer Borke überzogen, Brüste und Schenkel überrieselt, die Augen ausgegossen leer; trübe das Gesicht. Persephone sah das Kind an, verzog das Gesicht. Greinte, während sie dastand, die Hände schlaff an ihr herunterhingen, die Finger zuckten zitterten. Mit Blut von den Menschen, die sie umfaßte, berieselt. Unauslöschlich in ihr der Drang mehr zu tun; sie war in tiefe Verzweiflung gesunken, hatte schon Priesterinnen neben sich zu Göttinnen erhoben. „Man muß die Erde entvölkern“ sagte sie; griff die Priesterinnen, die Göttinnen, die schrien, sich wehrten, nahm sie selbst zu sich. Da stand sie stöhnend vor Betise, die sie nie gesehen hatte, ließ sich, während das Kind aufsprang, auf die warmen duftatmenden Kissen. „Ich werde dich abwaschen“, streichelte Betise, hinter ihr knieend, ihre Haare. „Warum willst du mich abwaschen. Siehst du mich. Ich bin Persephone“, sie zerbiß die Kissen, „ich bin nicht Melise. Nicht Melise.“ „Du bist Melise. Melise, du bist es. Ich werde dich abwaschen.“ „Nicht. Du wirst es nicht tun. Laß es.“ „Weg soll es. Ich will dir doch zeigen, Melise, ma douce Melise, Melise, ma pauvre fille, – wie süß, daß du zu mir kommst –, ich will dir zeigen, was du unter dem Blut hast. Was sich da versteckt hat. Sieh den Schwamm. Es ist nur ein Schwamm. Es ist Wasser daran. Paß auf, du Schöne, was die alles machen können, der gelbe Schwamm, das weiße Wasser. Das nehmen wir alles herunter, das Rote das Schwarze das Schmierige das Borkige. Das gehört nicht zu meiner dunklen schönen Königin. Sieh, was eine Königin für eine blanke glatte Haut hat, da kommt sie schon hervor, braun, wie meine, nein, noch dunkler. Sie hat nur gewartet. Wie das spiegelt in der Nässe, ei. Lieg nur ruhig. Alles nehme ich dir weg. Du brauchst kein Glied bewegen.“ „Betise, du dumme, weißt du, was hier liegt? Hast du von dem gehört.“ „Ja. Aber lieg still. Ich habe von dem gehört. Daß du die schönste braune Haut hast, die besser als meine ist. Daß du meine Königin bist und – Späße machst wie du darfst. Komm, tu die Füße voneinander. Bis über die Knie ist es dir gelaufen. Sie haben dich eingewickelt, damit man dich nicht sehen kann. War das so schön, Melise?“ „Solange, oh solange ich es fühle, Betise. Solange ich das Lebendige der Menschen umfasse, ist es schön. Solange mich das Blut berieselt, ist es schön.“ „Und mein Wasser? Schön?“ „Dein Wasser, dein Wasser“, Melise richtete sich müde auf, „bin ich jetzt fertig?“ „Dein Gürtel ist noch ganz schmierig. Und jetzt nehm’ ich dir auch deinen Gürtel ab.“ „Das tust du nicht.“ „Warum nicht. Schämst du dich vor mir. Bin ich nicht eine Frau. Jetzt bist du ganz sauber. Ich trockne dich ab. Eins nach dem andern, Betise.“ Betise lachte: „Zu dir hab ich Betise jetzt gesagt. Ja jetzt sag ich zu dir Betise.“ „Und du wirst Melise.“ „Ja, ich bin selber _ma pauvre fille_ Melise. Ich diene, weißt du wem? Der armen Betise, die in einem Zimmer sitzen mußte, immer auf Kissen schlafen mußte, trauern und warten, bis einer kam, der ihr etwas erzählte. Von der großen Königin. Hätte sie nur gewußt, was die Königin tut. Hätte die Königin sie einmal mitgenommen.“ „Ach, Betise.“ Langsam hob sich Melise, die braune schwere Frau auf, stellte sich an die blaßblauen Vorhänge neben dem Fenster. Der warme Sonnenschein fiel auf ihre Haut. Sie hielt den haarbehangenen Kopf, das leere tote Gesicht abwärts, befühlte mit den Handflächen ihre eigenen Schultern ihre Arme die Hüften den Leib, ließ sich bescheinen. Zitternd nahte ihr die Zarte: „Jetzt führe ich dich in meinen Garten. Da sollst du unter meinen lieben Ulmen gehen. Sie warten schon lange auf dich.“
Und wie sie sie um die Hüften faßte und durch die Fenstertür ins Freie auf den Sandweg führte, erzitterte das junge Geschöpf noch heftiger: „Ich schäme mich, daß ich ein Kleid neben dir trage.“ Und hatte, nachdem sie einen Augenblick das Gesicht in den Händen verborgen hatte, ganz hoch winselnd, ihr Kleid fallen lassen, die Strümpfe abgestreift und Melises Hüfte umfaßt: „Hier gehen wir; ich zeige es dir. Es ist niemand in meinem Garten. Die Frauen passen gut auf.“ „Wohin führst du mich, Betise?“ „Es ist mein Garten. Fürchte dich nicht. Die Sonne ist noch wärmer hier als drin. Wie waren doch unsere Voreltern gut daran, die im heißen Land liefen und sich nur von der Sonne anziehen ließen.“ Aus Melise kam nach einer Weile, als sie auf einer Wiese mit rotem Klee gingen und das Zittern der angeschmiegten Jungen nicht nachließ: „Und wer geht da neben mir. Sieh da, Betise. Du hast keine Furcht vor mir?“ „Wie soll ich Furcht vor dir haben“, sie zog Melise, die folgte, auf das sanfte Grün. „Weißt du, was ich tue, weil ich, ich, Melise bin?“ „Du Melise?“ „Ja, ich.“ Es blitzte in den schwarzen Augen Melises; ihr Gesicht belebte sich: „Ja, sei nur Melise. Ich hab’ dich gern. Tu einmal, tu’s an mir“, sie schrie, „sei Melise.“ „Was soll ich tun?“ „Was du magst. Wenn dus kannst.“ Tränen stürzten aus dem Gesicht der Jungen: „Lieg still. Lieg still.“ Wie ein Blockstumpf legte sich die braune Frau um. Die Junge streichelte ihre Füße die Hände, um sie kriechend. Sie streifte, während sie das Gesicht der Frau beobachtete, einen Ring von Melises kleinem Finger, den Ring, mit dem Melise ihre Liebsten tötete. Schon hing sie an Melises Hals, küßte sie, rieb die Wangen an ihr: „Persephone.“ „Ich bin es nicht.“ „Seis noch einmal. Für mich.“ „Ich kann es nicht.“ „Noch einmal.“ „Ich kann nicht.“ „Ich will aber, Persephone. Ich muß zu dir.“ „Ich kann nicht. Ich bin nicht Persephone.“ „Komm doch. Sieh mich an.“ Melise öffnete die Augen, ließ sich hochrichten.
Die schwere braungelbe Frau ließ sich durch den Garten führen. Feistschenklig brustschaukelnd ging sie, von Betise umschlungen; der wilde schwarzhaarige Kopf schwankte vor der Brust. Sie seufzte im Gehen: „Es brennt. Die Füße brennen mich.“ „Die Sonne ist hier heiß. Komm zum Bach. Da ist die Brücke. Da willst du hin.“
„Melise“ die zarte hellere, wie sie am Wasser unter der Brücke saßen, klammerte sich an die prallen Arme, die die Frau neben ihr hängen ließ, preßte den Kopf an ihren Hals. Die dämmernd stöhnte brusttief: „Was willst du also?“ Betise fuhr fühlend, beglückt aufbebend, mit den Händen Gesicht über den Leib der Königin, die sich abwesend lang umlegte. „Ich lieb dich. Ich lieb dich, Melise. Ich will dir nur sagen, daß ich dich liebe. Daß ich dich so lange, ohne Anfang und Ende lange erwartet habe. Und daß du da bist. Gib mir deinen Mund, sag: du bist meine Freundin.“ „Deine Freundin“, murmelte die andere. Betise: „Deine Freundin, ich bin es, du Hals du Kopf und Haar du nasses Haar du Brust du Arm hier und da, du Leib. Kommt, liebe Augen beide, ich will euch wohltun. Ihr seid trübe. Ich muß weinen, schreien, wenn ich euch sehe. Geht nicht auf.“ Und schob, eine Hand über Melises Augen und Nase gelegt, an dem schweren Körper. Er regte sich nicht. Da kreischte sie: „Ich rolle dich, rolle dich, Melise.“ Und stach ihr drehend rollend die Nadel des Ringes zwischen die Rippen. Widerstandslos rollte der schlaffe Leib auf das Gesicht auf den Rücken auf das Gesicht, rutschte die graue Böschung ins Wasser ab. Der Kopf Melises hob sich schnappend noch im Wasser auf. Die andere drückte, ihr nachspringend, an ihr liegend, den Kopf zurück, überschrie Schmerz und Angst: „Nicht wieder aufgehen, Augen. Bist im Wasser. Bist im Wasser. Es ist ja gut. Ich singe über dir. Hör mich, Melise. Ich bin ein Hänfling. Du fliegst mit mir. Jetzt, jetzt, wir fliegen ganz hoch, so weit meine Stimme reicht. Höher. Ja, wir fliegen riesenhoch. – Süße Melise, ich bitte dich. Du machst mich nicht mehr weinen. Deine Augen gehen nicht mehr auf.“ Sie zog ihre Hand ab, aus dem Wasser, küßte sich die nassen Finger: „Genug, arme Hand. Zitterst so. Ich auch. Genug.“ Warf sich über die verschattete Böschung zurück, das Gesicht am Gras reibend, mit den Zähnen Gras mahlend: „Wir zittern allesamt. Meine süße Königin, ich habe dir das getan.“ Sie kauerte unter der Brücke, die Kniee angezogen: „Diese Brücke haben ihre Augen zuletzt gesehen. Ich bleibe unter der Brücke. Ich kann sie liegen sehen, der glatte braune Rücken, die blanken Beine. Das Wasser springt daran hoch. Da liegt meine süße Königin. Oh wohl habe ich ihr getan.“ Lange saß sie still da, manchmal ihre Finger betrachtend, die trockneten, sich die Haare streichend: „Sag nicht so. Sag nicht so. Warum soll ich mich ertränken. Ich lieb sie ja. Es muß einer da sein auf der Welt, der Melise liebt. Bleibe alles, wie es hier ist: Brücke Schatten Sonne Garten Melise. Bleibe alles, wie es ist.“ Die Schatten wurden tiefer, Betise saß noch im Gras zwischen dem Klee: „Sie werden mich greifen. Sie werden nach ihr suchen. Mich greifen sie nicht. Ich muß leben bleiben. Es muß einer leben bleiben, der Melise liebt. Sie sollen sie nicht töten.“
Sie schmiegte sich unten zärtlich an den braunen kühlen wasserüberrieselten Leib, warf den Ring in das Wasser, huschte unter der Brücke vor, über den Klee die roten Mehlprimeln und Enziane der Wiese. Durch die offne Fenstertür schlüpfte sie ein, rieb sich den Sand von den Fußsohlen. Legte sich über den zitternden feinen Körper die buntgestreiften Hosen, die ihr Melise zuletzt geschenkt hatte, das weite blaue lange Hemd, das hellgelbe seidene mantelartige Oberkleid. Aus einem weißen Baumwolltuch band sie sich um den Kopf eine Haube. Sie warf Handküsse um sich, in den abendlichen Garten. Und schritt ruhig aus dem stillen Haus, an den Haufen der Wächter Melises vorbei, denen sie sagte, sie ginge, weil die Königin sie schicke. Blieb verschwunden, obwohl Sichtbares und Unsichtbares gegen sie aufgeboten wurde. –
Zweites Buch.
Der Uralische Krieg
Die Massen wurden gesättigt verweichlicht. Man war auf der Suche nach neuen Bedürfnissen. Ließ neue Fremdenmassen heran, erweiterte die Stadtlandschaften. Wie die Strenge unter der Herrscherschicht nachließ, kam Verrat von Geheimnissen aus Leichtsinn Prahlerei, im Trunk vor. Häufiger zeigten sich wilde schreckliche und dumme schwerfällige lenksame Figuren unter ihnen. Weiber und Männer, in der Herrscherschicht verbündet, fielen sich heftiger an. Dann stürzten sie wieder zum gemeinsamen Schutz ihrer Hoheit und Apparate heraus.
Die gefährlichen großen grausamen Gestalten stiegen nicht nur aus der Herrenschicht, sondern nun auch aus der üppigen vielformigen Masse.
Es kam am Ende des vierundzwanzigsten Jahrhunderts zu den ersten Verzweiflungsschlägen gegen die Maschine. Noch ein Jahrhundert später erzählte man von den mächtigen Taten. Die Richtung war von der Peripherie des Völkerkreises auf das Zentrum: Timbuktu gegen Rom, Sidney gegen San Franzisko, Nordafrika gegen Messina Palermo. In den außenliegenden Landschaften gedieh der Übermut und seine Reaktion am heftigsten. Niemals wurde wie einmal in Mailand der Herrscherschicht, die von London gestützt war, die Macht entrissen. Aber es ging gefährlich gegen die Machtmittel selbst. Die Bibel erzählt von den Makkabäern. Die Namen Targuniasch, Zuklati sind ihnen gleichzustellen. Die Europäerreste an der nordafrikanischen Küste, dem Zugriff der Europäer entzogen, offenbarten ihre Kraft. In den dudelnden verträumten Städten trieben sich plötzlich hetzende Menschen herum. Die Wut wurde aufgepeitscht. Die Apparate, die man hatte für Belustigung, die Gestaltenentwickler, wurden benutzt zur höhnenden Darstellung des Lebens der Königin Melise und anderer. Da war die Kathedrale bei Bordeaux, ihre Priester und Priesterinnen, die Lanzen der Söldner. Die bestialischen Totengerichte spielten sich ab, Männer Frauen von den Straßen Äckern, aus den Häusern gerissen. Die stummen gewaltigen Apparate zerstören. Die Köpfe zerstören, aus denen sie kamen.
Es fanden sich in den Landschaften, wie von einem Wind getroffen, Männer und Frauen, die gegen die Gehirne vorgingen, aus denen die Apparate wuchsen. In hinterlistiger Weise, durch Liebende Freunde Kumpane beim Trunk wurden in den gewaltigsten Stadtlandschaften Menschen der Herrscherschicht weggerafft. Der Mähende und seine Saat kam meist zugleich um: so wild war der Trieb die Apparate zu beseitigen, daß kein Angreifer an sich dachte. Oft schlummerte man unter Kokain und brasilianischen Giften ein, Angreifer und Angegriffene. Der Boden unter den Apparaten sank. Die Männer und Frauen, die sich so opferten, waren nicht zu zählen.
Targuniasch und Zuklati sind die Männer gewesen, die ohne Macht zu besitzen, ohne Menschenmassen hinter sich, an die Senate ihrer Staaten geradeaus die Forderung stellten, die Maschinen herzugeben und sich dem Volksspruch zu unterwerfen, welche Apparate zu erhalten seien. Die wandernden unsichtbaren Überwachungsausschüsse und Kommissare konnten sie nicht ermitteln. Denn beide Männer sprachen zu niemand, waren ihrer Umgebung selbst verhüllt.
Es kam die Zeit der schweren Erlebnisse für Antwerpen und Calais. Dort hielten die beiden sich auf. Eine Kraft, die man nicht kannte, arbeitete sich rasch in die gefährlichsten Geheimnisse ein. Die erschlaffte Herrscherschicht zuckte zusammen, merkte auf. Kein verdächtiges plötzliches Hinsterben beim Tafeln, kein fremder Zugriff; sie hatten Verräter unter sich. Die eintreffenden Kommissare Londons fanden nichts. In Antwerpen waren eines Tages alle Schalter der Zentralstadt zerstört, die Schutzwaffen der meisten Herren verschwunden. Die Stadt war wehrlos. Targuniasch rief zum Angriff. Die Masse hörte ihn erstaunt an, lärmte verlief sich. Als London erschien, war er untergetaucht. Targuniasch wühlte weiter. Vergebens. Die Oberen warfen neue Vergnügungen über die Menschen. Da stand eines Tages das Triebwerk Antwerpens still. Am Abend lief noch nichts. Zwei Tage nicht. Der Name Targuniasch war auf allen Lippen. Man fand den Mann verkohlt zwischen den Leitungen eines Hauptkraftspenders, den er damit zerstört hatte.
Zuklati endete ähnlich in Calais.
Die Besorgnis der Herrscher war aufs Höchste gestiegen. Man saß da, wußte keinen Rat.
Timbuktu spie Verzweifelte Attentäter auf Rom. Die zwei Frauen, die aufs tiefste erregend in Francisko am Großen Ozean erschienen, stammten aus dem kampfzerrissenen Sidney.
* * * * *
Der Umschwung erfolgte nach Jahrzehnten der Attentate und Repressalien durch die heraufsteigende Generation der Herrschenden. Die alten Köpfe, mißtrauisch traurig vergrämt unfruchtbar, waren schon auf Paktieren aus. Da warfen die Jungen sie um, setzten sich an ihren Platz. Die Jungen hatten das Gefühl der verlorenen verhängnisvollen Situation. Sie griffen ein, bundartig in den meisten Kapitalen zusammenhängend. Eng an die Massen schlossen sie sich an, die sie unfeindlich aufmerksam durchstreiften. Die Massen, gärend führungslos, nahmen enthusiasmiert den Wechsel hin. Erst wurden einige Stadtschaften von dem neuen Geist ergriffen, dann viele andere. In Europa vollzog sich der Bruch mit der Dünkircher Direktive in einer Schroffheit, die die ganze Spannung der Massen offenbarte. Die Überwachungsausschüsse mit ihren schrecklichen Geheimnissen verschwanden, die Abriegelung der Kenntnisse gab man preis, die Senate wurden geöffnet. Die aufrührende Kraft des Ereignisses war geheimnisvoll. Und dahinter fühlte man lockend fordernd in die Knie zwingend das Neue.
Und das Neue kam so rasch wie die junge Generation. Begrüßt von den Massen bewegten sich jetzt durch die Straßen Anlagen Werke Regierungsgebäude blühende Männer und Frauen. Ritten durch die Länder, erregten durch ihr Erscheinen maßlose Freude. Sie waren sachverständig wie die Alten.
Zum ersten Male seit vielen Jahrzehnten tauchten in Städten Frankreichs Deutschlands Italiens Fahnen auf, an Häusern Flugzeugen Wagen. Wie aus dem Dunkeln stiegen diese Zeichen mit den Jungen auf. Die noch lebenden Alten staunten, waren hingerissen, fürchteten sich, warnten.
Etwas Mächtiges war im Begriff auf dem Kontinent zu werden. Die Fahnen der neuen Demokratie, die in London Paris Calais Berlin und rasch über allen Landschaften erschienen, sehnsüchtig begrüßt, so daß die Frauen sich in sie hüllten, die öffentlichen Gebäude wie die Fabriken und Wohnhäuser ihre Fassaden dahinter versteckten, waren nicht von gleichen Farben. Oft üppige Zusammenstellungen, die an die alten Nationalfarben anklangen. Aber überall silbern weiße und goldene Sterne Sonnen und Monde. Die blühenden jungen Männer und Frauen der Herrscherschicht trugen die Fahnen über die Landschaften. Die Massen fielen der Sonne dem Mond den Sternen zu. Diese Sterne und der Mond blitzten an dem alten Himmel. Von der Erde schlugen jetzt Millionen Herzen heftiger bei ihrem Anblick. Dies waren keine Frühlingsträume Liebeslieder, was sie bewegte. Es legte ihnen nicht den Kopf auf die Seite, formte ihre Lippen nicht zum Seufzer, machte ihr Gesicht schmal, die Beine schwer. Hingezogen hinkrampfend: sie wußten nicht, was sie wollten. Aber aufs Innigste wußten sie: das waren ihre Zeichen. Die Wühlereien Insulte Attentate auf die Senate hörten auf. Die Menschen verschworen sich den Zeichen. Begehrten sich für sie zu zeigen.
Im Momente, wo die himmlischen Abbilder auf den Fahnen der Kontinente erschienen, brausten die Wasserstürze, die fern von den Zentren die Dynamos antrieben, heftiger siegreicher. Die Sonderturbinen der alleenlangen Werke sangen hoch und tief wie in Chören. Die Transmissionen die Drähte, rasselnd schnarrend, dumpf stöhnten kreischten. Etwas Lächelndes Freches blitzte aus den Kabelwerken den Rohrleitungen der Werkstätten.
In die Menschen der Städte, die um diese tonnenschweren Untiere von Maschinen liefen, ihre Hebel und Gestänge angriffen, über die Gestänge sich zogen, war eine Liebe zu diesen eisernen Wesen gefahren. Ihr Dröhnen Schnattern Einschnappen tat ihnen wohl. Es labte erregte sie wie eine Liebesbegegnung.
Es war nach dem Mißtrauen und Eigenbrödeln des vergangenen Jahrhunderts, dem Wuchern Vorsichhocken der Städte und Landschaften eine Verbindung hergestellt über Europa und bald über die großen drei Kontinente. In die Senate traten zu den Jungen der Herrscherschicht kraftvolle Männer und Frauen der fremden Massen der Völker der Versklavten. Die Massen waren Hände der anderen gewesen, genießende Münder gestreichelte gewärmte Haut. Über sie brauste der Geist so wild, daß sie, wie sie ihn fühlten, zu zerstörerischen Angriffen auf die getrieben wurden, die sie so lange davon zurückgehalten hatten. Die von den Alten vieler Stadtschaften befürchtete Ausrottung der Herrengeschlechter erfolgte an vielen Orten; das waren belanglose Vorgänge, die den Verlauf der Dinge nicht änderten. Die Menschen, die sich jetzt neu an die Apparate warfen, die Mysterien der Kenntnisse aufnahmen, waren heißer, als die sie ablösten. Kosend, in stürmischem Überschwang, glückschwellend krochen Männer und Frauen an die Maschinen, die jetzt ihre waren. Das Eisen erschien ihnen beseelt wie ihr eigenes Fleisch.