Berge Meere und Giganten

Part 3

Chapter 33,560 wordsPublic domain

Ravano della Carceri erlebte eine feierliche, sicher ihn durchsteigende Wut, als auf den Straßen nördlich Mailands Peitschen knallten, und Farbige aufrecht auf den Pferderücken stehend ihre Tiere jagten, die Arme warfen, die Pferde schnaubten. Wagerecht warfen sie ihre Beine, die braunen Rümpfe dicht über dem Boden hängend. Diese Menschen würden nicht die italienischen Menschen und Werke beherrschen; es ging alles seinen guten Weg. Er kniff dem jungen Guistiniani, schwarzhaarig und gelbblasses nervös zitterndes Gesicht, in den Arm, wie sie seitwärts in eine Pinienschonung umbogen, wies ihm schweigend die vorüberstürmende Jagd. Guistiniani bebte, blickte weg: „Das muß ich mit ansehen. Ich schäme mich. Ich werde nicht lange leben, um dies anzusehen.“ „Du bist jung. Blick mein Gesicht an. Hast du das heute morgen noch für möglich gehalten. Weine nicht. Weine ich denn. Wie sie mich auf den Boden geworfen haben. Wer war es eigentlich, der mich mit dem Fuß getreten hat.“ „Ich weiß nicht.“ „Hätt es gerne gewußt. Ein tüchtiger Mann. Möchte ihn weniger einen Kopf als einen Fuß kürzer machen.“ Der junge schlug den linken Arm um Carceris Brust, klammerte sich mit seinem rechten an ihn an, stöhnte: „Dann weine ich für dich, weil es meine Art ist. Und ich sage dir, Carceri, du magst von mir denken, was du willst, weil ich weine; ich werde aber gewiß nicht stille halten. Ich stand mit den andern im Gedränge, als sie dich anpackten und das Gräßliche losging. Wir waren alle ja – hilflos. Nein, ich war nicht hilflos. Aber von den anderen ging dieses Gefühl, dieses niederträchtige auf mich über; ich hätte allein stehen können neben denen, ich hätte mich auch nicht für dich bewegen können. Aber: ich bin bestraft genug worden, daß ich zusah. Es ist einmal geschehen, wird nicht wieder geschehen.“ „An mir wird es nicht wieder geschehen, Guistiniani. Danach haben sie auch keinen Appetit mehr. Sie werden annehmen, ich habe fürs erste genug. Aber da sind ja noch andere, an denen sich allerhand versuchen läßt. Was meinst du zum Beispiel, Guistiniani, zu einem schlanken jungen Mann mit schwarzem Haar und unruhigem unzufriedenem Ausdruck, der den verdammten Ravano della Carceri nach Hause begleitet. Sie werden dir dein Gesichtchen, das dein Mütterchen immer gewaschen gepudert gesalbt gestrichen hat noch einmal salben und streichen. Ein feines Pulver haben sie, afrikanischer Wüstensand, Kieselsteine aus dem Atlasgebirge, das wirst du erleben. Soll ich dich küssen, Bübchen Guistiniani, auf dein zartes Gesicht. Ich glaube, morgen tue ich es nicht mehr.“ Sie gingen; Guistiniani, den Kopf gesenkt, den Blick auf das Gras, strenge Stirnfalten: „Du bist ein so unbändiger Mann, Carceri. Du mußt mir Farbe bekennen. Du mußt sagen, was du meinst. Ich bin aus dem ältesten Geschlecht unseres Landes, du mit mir. Ich gebe nicht nach. Den stinkigen Afrikanern. Dem Gesindel, dessen Kraft worin liegt? In den Lenden. In den Hoden der Männer, im Bauch der Weiber. Diese Plapperaffen Fettwanste Papageien. Ich schäme mich, von Menschen zu sprechen. Sie sind von den Bäumen gekrochen und spucken auf uns.“ „Und mein Gesicht? Und der Arm von Sanudo?“ „Ich will nicht, Carceri. Oh lieber Carceri, höre auf und sprich nicht so.“

Da zog Carceri den jungen Menschen beiseite, setzte sich mit ihm unter einen Baum, fragte ob jemand in der Nähe sei. Und dann, dicht an Guistiniani gelehnt, murmelte er, gestikulierte. Es sei gut, nicht zu laut zu reden. Der Junge solle sich vorsehen. Vor den anderen Männern und Frauen ihrer Kreise. Wenn die hörten, was er von Blut, altem Geschlecht und so weiter gesagt habe, so würde er etwas bemerken. „Wie viel altes Blut gibt es. Wer hat nicht ein Tröpfchen Afrika in der Ader. Nicht drüber reden. In ein zwei Generationen sind wir hops. Sind Nachspeise, Dessert, Schokolade, Käsebrötchen im Lande; das Hauptfutter sieht gelb und schwarz aus. Vom Tiber zum Po werden Kamele getrieben. Ich wollte auch, sie wären grün wie Gras und ich könnte sie zertrampeln; sieh mal, so. Aber deine Freunde, die Schufte geben schon nach. Ihr Blut taugt nichts. Es ist ihnen gleich, ob sie morgen noch da sind, wenn sie nur leben. Die Schufte, ja, die mit der Hilflosigkeit von vorhin. Ein Segen, daß sie dem Sanudo den Arm zerschmettert haben. Das merken sie besser als mein Gesicht, das ist für sie dickere Galle. Unsere Brüder, unsere Freunde! Mutloses Gesindel, Pack, das sein Los verdient. Weißt du, was ich täte, jetzt, wenn ich nicht das Gesicht schon hätte?“ Er schrie; der junge neben ihm im Gras hielt ihm ängstlich den Mund zu. „Ich ginge zu den Kannibalen. Stellte mich auf ihre Seite. Ja. Ich zeigte diesem Stinkvolk, was sie tun müßten. Tu dus doch! Ratzekahl alles! Das sollten sie tun! Schwamm drüber. Ein Volk, ein Pack.“ „Still“ schmiegte sich Guistiniani an, „nun ist gut. Nun hast du gesprochen. Nun ist alles gesprochen. Du darfst nichts mehr sagen. Nun will ich dir etwas von dem Gras erzählen. Sieh mal, ich bitte dich, sieh her, Carceri, das Moos an der Rinde. Und hier wieder Gras. Es ist ganz hellgrün, du kannst es wohl nicht sehen. Ich will es dir genau beschreiben. Es sind, fühle, ganz lange kurze mittelgroße Halme. Man kann sie zwischen den Fingern ziehen, ja nimm nur, nimm doch nur, ich will dir alles sagen. Zieh sie ganz lang zwischen den Fingern aus, bis zur Spitze, aber nicht daran schneiden, sie haben einen scharfen Rand. So, das ist lauter Grashalm. So sind alle Grashalme. Und weißt du, wo ich sie herhabe, die du eben da hältst? Alle? Ein paar von den Füßen, wo du eben draufgetreten hast, die Afrikaner, die du zuerst zertreten wolltest. Sie sind noch glatt, sie haben sich wieder aufgerichtet, einige sind geknickt, es sind ganz wenige. Und hier die – sind von deinem Kopf: da hast du doch, Carceri, wütend mit dem Kopf gegengedrückt; sie haben eins abbekommen, sind aber noch lebendig. Was glaubst du, sind das Afrikaner? Vielleicht. Aber vor allem: ich bin es auch und du bist es auch, Carceri. Ich geh nicht zu den Farbigen den Kannibalen. Denn warum sollte ich nicht auf das Grashälmchen hören, das unter dem Fuß ruhig weiter wächst. In den alten Liedern, die die Frommen haben, heißt es immer vom Gras, es hätte Ähnlichkeit mit dem Menschen, oder der Mensch mit dem Gras. Und wenn der Wind über sie weht, verschwindet ihre Spur. Ist schon richtig. Aber das Gras ist auch immer wieder da. Was ist mehr: das Weggehen oder das Wiederkommen? Ich halte mich an das Wiederkommen.“ Der unten hatte die Arme unter den seitlich gesunkenen Kopf verschränkt. „Und so denkst du, Guistiniani, mit den Bunthemdigen fertig zu werden. Sehen möchte ich dich einmal, wenn die Angst aus dem Gedränge kommt. Sehen werde ich dich einmal.“ Carceri kroch auf allen vieren hoch; der andere half, während der mächtige Mann knurrte: „Ihr seid alle nicht viel wert. Was meinst du“, er wankte vorwärts, sprach, die Hand vor dem Mund, „du glaubst, mir machen die Bunthemden angst. Weil sie die Werke haben. Ich habe schon noch abseits für alle Notfälle ein paar kleine Waffen, und Sanudo hat welche; schöne Geräte. Sieht aus wie nichts, und wenn du sie ansiehst, bist du schon nichts. Der beste Spiegel für gewisse Menschen: sie blicken hinein und finden nichts. Wir könnten damit so in der Nacht oder spät abends, wenn das Gedränge groß ist, auf den Senat spazieren. Magistrat sagen sie; sie halten das glaub ich, für eine nordische Suppe. Wir könnten ihnen eine Einlage in die Suppe machen. Nur den Sanudo und Morosini und unsere anderen lieben Freunde möchte ich von der Suppe nicht ausschließen. Du bist von der Partie? Sag ja. Bist doch von der Art der Grashalme; unvergänglich aber naiv.“

Sie saßen Meilen weg vom Zentrum Mailands in einem unterirdischen kühlen Haus. Eine Marmorsäule stand auf dem Treppenpodest des gewölbeartigen ganz mit Rankenblumen bewachsenen und behangenen Zimmers. Die Marmorsäule leuchtete mattweiß sonnenartig gelb. Bald leuchteten nur die Augen im Kopf, bald silbern und golden der Schulterschal und die Hände, die ihn hielten. Während alles im Dunkel lag, überlief eine rosa Röte die Brüste; ihre Kugeln versendeten das Licht auf das weiche Kinn, das von unten angestrahlt wurde, auf den schalverhüllten gewölbten Leib, die bloßen im Dämmer tretenden Füße. Der über sich gebeugte tücherbedeckte weißhaarige Sanudo schlug seinen stummen Gästen, die auf bettartigen Lagern ruhten, vor, sich der Waffen zu bedienen, die man hätte, und freies Feld um sich zu machen. „Wir müssen es“ stöhnte er, „ich tu es nicht leicht.“ Man fragte nach der Art der Waffen, lag wieder dumpf da. Sanudo, gezwungen lächelnd stand auf, während er hinwarf: „man muß ihnen noch danken, daß sie uns die Zeit dazu lassen“, wankte zur Tür, um durch einen Griff an den Ranken ein leises Weben am Gewölbe herauf zu erregen, fern verschwebendes Kindersingen. Sanudo: „Es sind, wie ich weiß, noch Herren hier, die ihre Meinung zurückhalten und denen man vielleicht etwas Zeit lassen muß, sich zu äußern. Es wäre schade, wenn man sie schweigen ließe. Ich wüßte gern zum Beispiel, was Carceri verschweigt.“ Carceri grob lachend: „Was denkst du, mein Süßer?“ „Daß du lauerst und abwartest, was wir machen werden. Ich bin so gut mit im Spiel wie du. Du machst dir nichts aus mir und den andern, aber allein wirst du auch nicht stehen können.“ Carceri knurrte, mit beiden Armen sich von seinem Lager hochstemmend: „Ich mach mir nichts aus den andern. Machen sie sich etwas aus mir? Hab ich nicht vor Jahren gewarnt, als Schiff nach Schiff von Algier von Senegal von Tripolis kam und jedes warf wie eine Kloake diese Menschen über uns aus. Hab ich Euch nicht in diesem selben Raum gewarnt. Da kam dasselbe: im äußersten Fall haben wir Waffen! Davon weiß niemand! Die geheimen Geräte! Oh Eure geheimen geheimnisvollen Geräte. Ich weiß schon nicht, ob es unter den Bunthemden nicht Leute gibt, die noch andere haben; Gott schenkt sie ihnen im Schlaf, Ihr werdet Eure Entdeckungen machen.“ Sanudo schüttelte den Kopf; Michieli und Faskarini, zwei stolze schnauzbärtige Gesichter, richteten sich von den Lagern auf neben Carceri, warfen sich Blicke zu. „Wir sollten“ Sanudo streichelte resigniert seinen kranken Arm, „keine Schiffe mehr zulassen, vielleicht die Schiffe versenken? Du hattest sonderbare Pläne, von denen du nicht deutlich sprachst. Wir leben schließlich nicht im alten Mittelafrika. Wir haben es mit Menschen zu tun.“ Carceri sprang auf, die Arme hoch: „Da ist es! Wir haben es mit Menschen zu tun. Seid mir recht zahm. Caressiert sie, damit sie Euch Zucker aus der Hand fressen. Seht, nicht mal das tun sie. Wir füttern sie genug. Sie wollen mehr. Sie wollen uns gar nicht. Sie wollen einfach nichts, als uns weghaben. Nun tut ihnen doch den Gefallen. Sie sind Menschen. Man wird ihnen doch ihren Willen nicht nehmen. Und wir sind doch Klügere. Der Klügere gibt nach.“ „So gehts nicht weiter.“ Michieli, der kleine Schwarzbärtige, sprang auf: „Wohin soll das. Sprich was du meinst. Warum sollen wir nicht die Mittel anwenden, die wir haben.“ „Das sag ich ja auch“ der dicke prustende Mann mit dem verschwollenen Gesicht. „Das sagst du nicht. Du sagst, die Waffen seien lächerlich, sinnlos. Du willst nicht auf den Busch klopfen.“ „Das werde ich auch nicht. Den Gefallen tue ich ihnen nicht.“ „Also“ Michieli brüllte vor ihm, die Hände fuchtelnd vor der Stirn, „was ist denn das für ein Hin und Her. Die Waffen, die du hast, wendest du nicht an. Die Mittel, die du hast, willst du anwenden. Was ist das für ein Unsinn, Carceri. Wir sind hier keine Kinder.“

Nach einem Schweigen, während er den springenden Schwarzbärtigen fixierte, hob der listige Carceri die breiten Schultern, seufzte offen apathisch, ließ sich seinen langen Mantel raffend auf sein Lager fallen, flüsterte mit Guistiniani. Die Säule strahlte sehr weiß, gab Tageslicht. Sanudo blickte zu Carceri hinüber: „Ich sehe, Carceri ist seiner alten Ansicht, dies und das hätte geschehen müssen. Einen Vorschlag, was jetzt geschehen soll, macht er nicht. Ich bin ein alter Mann, Carceri. Ich bin nicht aus europäischem Geschlecht wie du. Es ist noch nicht gar so weit her, einige Handvoll Jahrzehnte, da waren meine Väter Läufer Kameltreiber Dattelpflanzer Brunnensucher wie die draußen, die uns in der Hand haben. Mir würde es leichter sein, müßte es doch leichter sein, vor ihnen zu kapitulieren. Es wäre nicht einmal eine Kapitulation. Ich könnte mir den Weg zu ihnen leicht machen. Aber so geht es doch nicht. Etwas hab ich inzwischen gelernt. Es ist mir einiges ins Blut übergegangen. Ich bin entschlossen, ihnen nicht zu überlassen, was wir und die vor uns geschaffen haben. Und wenn ich sie zwischen den Fingern zerreiben müßte.“ Carceri widerwillig und scheinbar schlafsüchtig: er wolle nicht weiter diskutieren. Er hätte gesagt, was er sagen könnte. Guistiniani schwieg auf die Blicke, die ihm Carceri zuwarf. Carceri wollte ersichtlich mit den andern nicht mitmachen. Sanudo wurde aufgefordert, alle Zuverlässigen rasch mit den Waffen vertraut zu machen. Man wollte noch in der Nacht, die Verwirrung bei dem siegreichen Gesindel bringen werde, vorgehen. Sanudo beschwor den liegenden Ravano della Carceri sich an dem Werk zu beteiligen. Der lehnte stumm wie Guistiniani ab.

Sie benutzten, etwa zweihundert der Herrenschicht, in der Nacht die Freudenfeiern der Farbigen, die sich im Besitz von ganz Mailand befanden, zu einem Angriff. Erlebten, wie sie sich um den ausersehenen Zentralbezirk der Stadt gruppierten auf abseits liegenden Plätzen, hinter Büschen von Parkanlagen, einen vollkommenen Mißerfolg. Die Apparate, verschiedener Konstruktion und mit verschiedenen Angriffspunkten, Fernwirker und Durchdringer auf geradem oder durch Zwischenlenker zackigem Weg, versagten. Der Gleichgewichtszustand der unteren Luftschicht war gestört durch Farbige, die halb verspielt, halb furchtsam hinter allen Energieumformern und Umschaltern standen, sinnlos alle Apparate spielen ließen. Heimliche Versuche des nächsten Tages ergaben dasselbe Resultat; es kam hinzu, daß die transportabeln Waffen, sehr empfindlich, durch die intensive Sonnenstrahlung des Tages gehindert wurden. Sie sollten lautlos strichweise Häuserreihen lähmen und arbeiteten leer.

Damals gehörten in den südlichen Landschaften Europas die Frauen zu den aktivsten Elementen. Sie waren durch den furchtbaren Wirtschaftskampf der vorangegangenen Epochen, der ein Überangebot von Menschenmaterial vorfand, stark gezüchtet. Überall waren die Ehen und Untertänigkeitsverbände zwischen Mann und Weib zerstört worden durch den Zwang, der auf die Männer ausgeübt wurde, Frauen und Töchter in den Wirtschaftskampf herzugeben. Grausam scharfe Jahrzehnte waren gewesen, in denen man in allen Ländern der ineinandergeflochtenen Völker Messer auf Messer sich gegenüberstand, während gleichzeitig die Erfindungen und die Bewältigung der Naturkräfte beispiellos vorwärtstrieben. Als die Spannung nachließ, die großen Entdeckungen kamen, die Güter auf breite Massen überflossen, waren Männer und Frauen verändert. Die weißen Männer fanden zu den hemmungslos zuströmenden und herbeigerufenen Farbigen Afrikas einen Stamm weißer Wesen neben sich, der sie waren und nicht waren. Von denen sie nicht wußten, ob sie mit ihnen zu kämpfen oder sich zu verbinden hatten. Es geschah nichts von beiden. Die Frauen taten was sie mochten, und mit geringerem Sentiment als die Männer. Sie hatten zur Wut der weißen Männer keinen Sinn für die weißen, sondern mischten sich unter die Fremden. Die Männer verpönten die in den Tropen gewöhnliche Verbindung mit farbigen, aber die Frauen entwichen ihnen, taten im Lande, was die Männer in den Tropen getan hatten. Taten es kaum anderthalb Jahrhundert. Dann war die Gefahr der neu aufgekommenen Typen klar. Irgendwie mußte man sich, um nicht zu ertrinken, abschließen. Damals mischten sich nur gewöhnliche Frauen mit den zuströmenden Fremden. Die stärkeren, die Organisatorinnen, die mächtigen Herrinnen und Schöpferinnen von Riesenanlagen, die geschickten und waghalsigen weiblichen Experimentatoren, die kräftigen großen muskulösen Menschen mit den langen Schritten und den prüfenden harten Zügen bildeten unter sich die Vorstellung aus, eine überlegenere Rasse zu sein. Sie zogen sich dahin zurück, wo sie vor einem erneuten Sturz sicher waren; sie wurden die Avantgarde des Kampfes für die aufgeblühte, riesenhaft entfaltete und sich entfaltende Technik. Wenig Mutterliebe sahen sie; wenig Mutterliebe konnten sie geben.

Sie sprangen, als im Mailändischen die vernichtende Niederlage drohte, zuerst ein. Jene zögernden Bedenken, die von Männern, besonders den lahmen älteren geäußert wurden, Gleichgültigkeit gegen das Erliegen, kannten sie nicht. Sie hatten ein ungeheures Mißtrauen gegen die Fremden. Ein beinah nicht geringeres gegen die Männer ihrer Schicht und Volksart. Es war ihnen furchtbar, diesen Männern, gegen die sie als Gleichgestellte, aber doch als siegreiche Empörer öfter Haß, bisweilen Verachtung empfanden, Dinge zu überlassen, die für sie selbst verhängnisvoll werden konnten. In nicht wenigen Frauen stieg der schreckliche Gedanke auf, die Männer könnten sie aus Rache an die Fremden preisgeben und vermuteten, die Männer gäben nach, weil sie sich der Weibsherrschaft entziehen wollten, der Weibsherrschaft, die sie beschämt, noch immer im Herrengefühl, heraufkommen sahen. Die Frauen sprangen zu. Die Weiber, jetzt nicht im Besitz der tödlichen Angriffswaffen, gingen, wie sie waren, in den roten und blauen Togen, die vornehme Frauen trugen, an die Stätten, wo die lautlosen und doch tosenden Energiemassen erzeugt umgeformt weitergeleitet wurden, suchten, wie man sie vergnügt und hämisch an die feinen und gewaltigen Maschinen, die ihnen nicht mehr gehörten, heranließ, die Kundigen unter den Usurpatoren zu erstechen und zu erschießen. Das gelang in mehreren Fällen. Die Frauen wurden darauf an Ort und Stelle getötet; die Kraftstelle ruhte eine kurze Weile oder zerbrach; die Usurpatoren ließen es darauf ankommen, ließen keinen, dessen sie nicht sicher waren heran; der tiefe Argwohn, der den nomadisierenden Völkerstämmen innewohnte, wirkte sich aus. Darauf sich demütigend schickten die Frauen sehr junge verlockende Wesen ihrer Art zu Scheinverhandlungen zu den neuen Herren. Die Mädchen sollten bei Ablehnung aller Vorschläge zu den Farbigen übergehen, rasch die lüsternen Fremden gefügig machen, sie vor die Leitungen und Umformungen zu lassen. Die Herrinnen gaben ihnen den Spruch, mit dem sie ein halbes Geheimnis verrieten: die Frauen seien bereit den Siegern Dienst zu leisten, wenn die Fremden davon absähen sie zu knechten. Das Geschick Mailands, im Grunde ganz Südeuropas hing damals an einem Haar. Uneingestanden hatten die Frauen, die schon damals halb bundartig zusammenhingen, die Absicht, die Männer ihrer Farbe fallen zu lassen und sich der Fremden zu bedienen. Die jungen Wesen in Mailand gaben ihre gefährliche Halbwahrheit den braunen und bronzefarbigen Männern weiter, denen sie angenehm klang. Die abgesandten klugen Geschöpfe erlebten dann aber ein Schicksal, das sie in die grauste Zeit der weiblichen Vergangenheit zurückführte: nach Mißbrauch und Schändung vor vielen Männern und jauchzenden Weibern wurden sie alten Männern als Sklavinnen beigegeben.

Ravano della Carceri, Guistiniani, Sanudo verließen eine Woche nach dem Ausbruch die Mailänder Landschaft, kamen zu Fuß wandernd unter Gefahren nach Alessandria, von da fliegend nach Genua. Riefen Genua Marseille Bordeaux um Hilfe. Guistiniani flog nach London, an den Zentralsitz der westlichen Regierungsmacht. London erklärte, wie vorauszusehen, daß an ein zentrales Eingreifen erst zu denken sei, wenn zugestandenermaßen die örtlichen Schutzmaßnahmen versagten. Böse Blicke bekam der sehr still berichtende Guistiniani zu sehen. Die Londoner hatten gesagt, man sei offenbar unfähig im Mailändischen; ob man wieder zur Einrichtung von London bestellter Magistrate zurückkehren solle; ob man nicht wisse, was man riskiere nicht für sich allein, sondern für alle, wenn man wichtige Dinge den Gegnern und Unbotmäßigen überließe oder ausliefere; wie einen Giftschrank einem verrückten Apotheker, der einen halben Ort damit umbringt; oder wie früher ein Regiment, das nicht aufpaßt und seine Artillerie vor dem Feind stehen läßt. Rom Marseille Bordeaux, selbst noch frei aber schon bedroht erklärten sich bereit zur Hilfe, verlangten aber zugleich Sicherung vor der Wiederkehr solcher Unfälle im eigenen Interesse. In Rom erregte der zurückgekehrte Guistiniani mit seinem Bericht aus London Aufsehen; der Tadel erschien berechtigt und machte wütend auf Mailand wie auf London. Rom, durch Mailand stark gefährdet, ebenso Genua und Bordeaux verlangten Kontrolle Mailands und seiner Adnexe. Die Mailänder Deputation mußte das zugeben und unterschreiben; sie wurde nur anerkannt als Stadtvertretung unter diesem Vorbehalt. Im übrigen gab es, was Mailand anlangte, angesichts der Kraftquellen, die die Revoltierenden in der Hand hatten, keine Möglichkeit als die Vernichtung des größten und wichtigsten Teils der Stadtschaft. Sie erfolgte nach weiteren vier Tagen, im ganzen zwanzig Tage nach dem Ausbruch der Revolte. Die verbrannte erstickte Stadt wurde ihren Herren wieder übergeben.

Der schwer leidende vergrämte Sanudo spielte im neuen Mailand dann keine Rolle mehr. Ein Kontrolleur, Emissär Londons, wurde neben den Senat Mailands gestellt. Carceris Augenblick war gekommen. Er suchte die Oberhand in Mailand zu gewinnen, stieß auf den Widerstand der Frauen, die ihm die Zähne zeigten. Der junge Guistiniani unterstützte erst den bärenhaften Carceri, der offen zugab, daß er die Sache auf die Spitze getrieben habe und nun zeigen werde, wie zu verfahren sei. Diese Zynismen machten ihn bei vielen Männern, durchaus bei allen Frauen unmöglich, die im ganzen enttäuscht, sich vor seiner Tücke und Gewalttätigkeit fürchteten. Ravano della Carceri hatte auf die folgende Entwicklung von Südeuropa nur kurze Zeit Einfluß; er geriet in Streit mit Guistiniani, der sich ihm nicht fügen wollte. Ein Mordanschlag Carceris auf Guistiniani, auf den er plötzlich seinen ganzen Groll richtete, mißlang. Am Tage darauf erlag Carceri den Verletzungen, die er beim Einsturz seines Hauses erlitt; die Sprengung hatten Frauen vorgenommen. Schneidig und kühn stellte Guistiniani, ein stählerner gelbblasser Mann, die Verdächtigen vor Gericht. Seine Hand, die die südlichen Stadtschaften nun zwei Jahrzehnte spürten, war nicht weniger hart als die seines erschlagenen Freundes Carceri, um dessen eingefallenes Haus er ein Gitter zog und das nicht berührt werden durfte. Er schlug den Ansturm der Frauen zurück, hielt sie lange im Zaum. Bis er verzweifelnd, in seiner Vereinsamung durchschauert sich zurückzog wie Hunderte seiner Zeit, nach den lockenden Abfallstätten Europas und Amerikas, an die Mittelmeer- und atlantischen Küsten. Es war die Zeit der Frauenbünde, der übermütigen unwiderstehlichen Verbände, der hinsterbenden Mannesgewalt. Die Wut der Frauen verfolgte Guistiniani nach Trabulus an der Großen Syrte.

* * * * *