Berge Meere und Giganten

Part 2

Chapter 23,051 wordsPublic domain

Langsam war in zwei neuen Jahrhunderten der westliche Völkerkreis unter das Imperium London-Neuyork gekommen. Das angelsächsische Imperium war es, in dem sich die Ströme dunkler grauer schwarzer brauner weißer Menschen miteinander langsam mischten. Dann zermorschten die politischen Gewalten. Als die Apparate und Erfindungen sich häuften, wuchs der allgemeine Reichtum. Eine Erleichterung, Abkürzung fast aller Tätigkeiten trat ein. Zugleich zeigte sich die Gefahr dieser Menschheitsperiode, deren Ungeheuerlichkeit sich erst nach weiteren Jahrhunderten entfalten sollte. Man bedurfte nicht vieler Menschen für die Apparate. Der Krieg früherer Zeiten ernährte sich selbst; jetzt konnte man die Menschen nur in Bewegung erhalten durch immer neue Erfindungen, die den Niederbruch alter Industrien, den Aufbau neuer mit sich führten. In einer Erschlaffungsperiode, als man von den Entdeckungen der vergangenen Jahrzehnte lebte und sie sich ungehindert auswirken ließ, setzte die erste große, nicht lärmende Katastrophe ein. Die Besitzer der Werke Erfindungen, denen die Reichtümer zuströmten, streckten zuerst, um die Menschen festzuhalten, die Arbeiten, fügten Zwischenarbeiten ein, ja legten wichtige Maschinen still, um Arbeit zu schaffen. Sie entwickelten für Aufsicht, Berechnung eine ungeheure völlig luxushafte Bureaukratie. Aber all diese krampfhaften ängstlichen und hilflosen Maßnahmen genügten nicht. Die Betriebe wurden fast erdrückt, aber noch stärker war der Zustrom der Menschen, die sich in den Städten versammelten. Die Beherrscher der Apparate wußten nicht mehr, wie sie den Schein der Arbeit aufrechterhalten sollten. Sie wußten nicht, ob sie ihre technischen Gefährten und Wissenschaftler zu neuen Erfindungen anspornen sollten oder nicht vielmehr selbst ihre Betriebe demolieren. Mit Grauen sahen sie die Reichtümer auf sich zufließen; ein sonderbares Schuldgefühl drängte sie, die Güter von sich abzulenken. Sie kämpften entsetzt mit der Technik, die über sie hergewachsen war, und mit den Menschen, deren Zahl und Furchtbarkeit wuchs. Es gab eine Zeit, wo die Industrien erst selbständig, dann mit Hilfe des Staates ein riesiges alle umspannendes System der Geld- und Warenverteilung organisierten. Das waren die freiwillig von den Industrien abgeworfenen Güter. Die Industrien ernährten den Staat, aber versteckten sich. Es war, als wollten sie Entscheidungen aus dem Weg gehen und sich loskaufen. Dann wuchsen sie in ihre Rolle hinein. Als Gelder und Waren aus ihren Becken wegschwammen, fühlten sie, wer sie waren und was sie hatten. Eine kleine Anzahl Industrieherren warf, unfähig die Verantwortung zu tragen, die Werke dem Staat in die Hände. Die Mehrzahl aber griff in die schon automatisch laufende Verteilungsmaschinerie. Mit zwei drei Zügen kämmten sie ihre gewaltigen Anlagen fast menschenleer. Sie wollten eine Regelung der Zuwanderung, selbständige Bestimmung über die Verteilung der Güter. Da auch der Staat und die politische Regierung nur durch sie lebte, wollten sie Macht über die Regierung. Während Hungersnot Menschenflucht einsetzte, stapelten die Maschinenherren Geld und Waren auf. Die Regierungen traten hervor. Sie wollten sich der gefahrdrohenden fluktuierenden Massen annehmen. Diesen Augenblick hatten die Industrien erwartet. Sie lehnten das alte Almosensystem ab. In allen Staaten näherten sich die politischen Machthaber den Industrieherren. Wie einen abgemagerten Fuchs hatten sie die Regierung aus ihrem Bau aufgestöbert. Es gab, wie man sich offen, der Besitzende und der Ausgehaltene, gegenüberstand, kein Halten mehr. Im Belgischen, in Brüssel, wurde zuerst der Schlag geführt, der längst erwartet war. Im Parlament erklärte zynisch ein Vertreter der Werkherren, den man geladen hatte, er lehne es ab, zu verhandeln oder die sogenannt öffentlichen Institutionen anzuerkennen. Dies Parlament sei vom sogenannten Volk gewählt; er kenne nur Werkherren und ferner Arbeiter und Ausgehaltene. Man möge den Ministern untersagen, vom öffentlichen Wohl zu reden; das seien Dinge, von denen ein Minister nichts verstehe.

Am Tage drauf wurden die Minister dieses Landes beiseite geschleppt. Das Heer war längst in der Hand der großen technischen industriellen Gruppen. Es bestand, wie überall in Europa, aus jungen Menschen, die aus den Fabriken Werkstätten stammten, in denen sie die Herstellung und Bedienung ihrer Waffen erlernt hatten. Sie hatten nur Ehrfurcht vor den Männern und Frauen in den Werken, faßten nicht, was die sogenannten Politiker taten. Die Massen in den Städten rebellierten nicht; wurden rasch beruhigt. Sie waren alle selbst innigst nur an die Maschinen gebunden, verlangten Luxus Brot und freie Bahn für die Kräfte der Maschinen. Die politischen Ministerien wurden zur Durchforschung ihrer Arbeit von den technischen und Industriezentralen beschickt. Dann wurden die Baulichkeiten für andere Zwecke verwandt. Die Wohlfahrtseinrichtungen wurden der Arbeitsüberwachungs- und Verteilungsstelle der großen Verbände angegliedert. Der Verkehr mit anderen Staaten war schon vorher im angelsächsischen Imperium vertrauliche Sache der großen Verbände.

Ungeheuer wirkte der in Belgien fast lautlos sich abspielende Vorgang auf die Nachbarstaaten. Es verlief kein Jahrzehnt, da hatten freiwillig oder unfreiwillig, zum Teil dem Druck Englands folgend, die politischen Regierungen, die nur hemmende und dekorative Rudimente waren, den Industriekörpern Platz gemacht. Scheinparlamente, bedeutungslose ordnende Selbstverwaltungskörper liefen neben ihnen her. In den großen Reservoirs der Menschen, den Stadtreichen Stadtschaften, bildeten sich Senate, deren Hauptsitz die Menschen der Apparate einnahmen.

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Die Stadtschaften lagen frei da. Aber unsichtbar umgab sich jede mit einem System von Verteidigungsanlagen. Die Peripherie der unübersehbaren Gebiete von Bergen und Niederungen Flüssen Seen Sümpfen, überrieselt wie mit einer Zuckerglasur von flachen Häusern, kilometerlangen Werken, dichten und lockeren Menschensiedelungen, war überall unscheinbar umzogen mit Reihen von Masten aus Holz. Sie standen ohne Verbindung miteinander im Gelände, glichen abgeästeten sehr hohen Pappeln. Sie schienen Wegweiser zu sein, trugen Tafeln von Straßen, maskierten sich als Telegraphenstangen. Im Innern waren die Masten hohl und als Eingeweide trugen sie Bündel meterlanger zusammengebogener elastischer Metalldrähte. Die Masten waren auf Granitplatten montiert, welche das Endstück eines Kabels enthielten. Die Metalldrähte waren verschieden geformt. Das Drahtbündel konnte durch eine Schalterbewegung in der Stadt aus dem Mast heraus in die Höhe geschnellt werden. Wie ein lebendiges Band konnte es sich steif in die Höhe strecken, und im Moment, wie es aufrecht stand, warf es einen tötenden Wirbel von Strahlen um sich.

Die Stadtlandschaften hatten, was wenige wußten, Verteidigungswerke und Abwehrgürtel schon in der Zeit vor dem Uralischen Krieg.

Die Beherrscher der stärksten Industrieanlagen und Riesenwerke hatten sie in geheimer Gemeinschaft mit den Senaten angelegt, als die einzelstaatliche Gewalt in dem europäisch-amerikanischen Völkerverband erlosch und in Südamerika, in dem ehemaligen Griechenland, in Kapland Südfrankreich, zuletzt in Dänemark militärische anarchische Gebilde hochschossen. Die Rebellionsschläge ängstigten die Kontinente.

Mit Bangen erfuhr man von der geradezu höhnenden Leichtigkeit, mit der der Franzose Bourdieu, ein einfacher Techniker, sich des Mittelmeerzentrums Marseille bemächtigte. Im Nu waren Tausende, aus dem Dunkel der Städte auftauchend, wie magisch gerufen um ihn versammelt gewesen. Er hatte nichts getan als eine Anzahl krafterzeugender Fabriken und Sammelstationen mit einer Handvoll trotzigen Gesindels besetzt. Aus den Stoffen, die die Zeit lieferte, verstand er im Augenblick furchtbare Abwehr- und Angriffswaffen zu schaffen, die herzustellen man bisher keine Veranlassung gehabt hatte. Er gab das erste Beispiel einer systematischen Störung der den Erdball umlaufenden Verständigungsapparate. Schlag um Schlag hatte er nun, im geheimen arbeitend, die Siedlungen und Wirtschaftsanlagen der Provence, ganz Südfrankreichs bis vor Bordeaux besetzt. Vor Bordeaux kam der flinke Mann durch seine eigenen Waffen um, indem er einen der Blitze, die seine Maschinen erzeugen konnten und die Brand auf Kilometer in das getroffene Objekt warfen, statt im Winkel nach oben tief auf den Boden richtete. Der Blitz, ohne durch den schon abgesandten zweiten wolkenhochlaufenden Strom nach unten reflektiert zu werden, funkelte breit vorwärts, veraschte den blassen Bourdieu und eine Anzahl seiner Leute, die vor seinem Lager schlenderten und in deren Rücken das heiße Ungetüm kam. Es verlohte auseinander rauschend an einer Zypressenwaldung. Dies war bei Begles in der Garonne. Der Kerntrupp Bourdieus ließ kostbare Zeit verstreichen; das rückwärtige eroberte Land, aus dem Wirtschaftsverband mit der übrigen Welt gerissen, lag wartend kritisierend lachend. Bis von Marseille selber ein unbeobachteter Trupp junger Einwohner, die von Kampfstimmung angesteckt waren, dazu eine Schar gemieteter überfalldurstiger Marokkaner von der Küste aufbrach, die Fernsprüche und Weisungen der Truppe Bourdieus täuschend aufnahm, die fünfhundert Menschen, aus denen Bourdieus Korps bestand, zu einer bestimmten Morgenstunde auf ein Feld südlich Begles lockte und während jene da warteten, ihre Flammen-Wurf- und Verteidigungsmaschinen vernichteten, sie selbst mit dem Rest der Apparate massakrierte. Der siegreiche Trupp, der den Handstreich verübt hatte, kam aber nicht vollzählig in Marseille an. Man hatte dort beim Anrücken der Schar vor ihr nicht weniger Furcht wie vor dem beseitigten Bourdieu. Unterwegs kam die Weisung an den Führer der Mannschaft, sich der Marokkaner, soweit sie in den Besitz gewisser Geheimnisse oder gar Apparate gekommen seien, rasch und lautlos zu entledigen. Er ließ sie nach einigen Tagen vor sich her die schöne starkfließende Loire in sechs bewimpelten, freudig musikschmetternden Schiffen in großem Abstand fahren. Während der Fahrt setzte er wie Blutegel die kleinen Versenkerkasten unter der Wasserlinie an die Schiffe an. So daß einem unwiderstehlichen Antrieb folgend Schiff auf Schiff sich ins Wasser drängte, gezogen von den lautlos neben sie geführten, rasend neben sie niedergehenden, dicht an sie geschmiegten Unterwasserbooten, die sich mit Ketten Saugern Tastern an sie hängten. Die leeren biegsamen gläsernen Gehäuse, abwärts gestoßen durch den wütenden mit Hammergewalt einsetzenden Druck komprimierter Gase, der von rückwärts auf ihre Deckplatten niederfuhr, zwängten im Nu die Marokkanerschiffe unter den Wasserspiegel, ihre Kraft von Sekunde zu Sekunde steigernd, angeklammert und die Umklammerung nicht loslassend, bis Schiff und Boot, die aufgerissene weiß zusammenklatschende Wasseroberfläche verlassend sturzartig auf den Grund des dunklen Stromes stießen, verkrampft den Sand aufrührten, sich ruckweise warfen zuckten strudelten. Die restliche Führerschaft sah ihr eigenes Schicksal voraus. Sie riet den übrigen Truppen sich zu zerstreuen. Sie selbst erschienen unaufgefordert einzeln auf den Hügeln vor Marseille, vernichteten im Freien von Apparaten, was sie besaßen, vor den Augen des zugezogenen Senats. Entgingen dadurch dem Tode, nicht aber dem Schicksal, in der Stadt sogleich aus ihrem Arbeitsbereich gedrängt zu werden. Der Senat war wachsam geworden.

Für einige Zeit war seit dieser Epoche jedes Zentrum der afrikanisch-europäisch-amerikanischen Erde vor bestimmten Bedrohungen sicher. Wenige feste, geheim gehaltene Hauptstellen für die Verteilung der Energie hatte man überall eingerichtet. Man war immer im unklaren darüber, ob man zu viel oder zu wenig Menschen mit dem Vorhandensein der stärksten Kraftanhäufung vertraut machte. Man hatte keine Furcht mehr wie in früheren Zeiten vor Fernbeschießungen Bomben- und Kanonenkugeln. Die eisernen Geschosse konnten mit voller Wucht in die energiegeladene Luft stürzen. Sie war verdichtet wie die Luft des Erdballs für den Meteor, der aus dem dünnen Äther saust. Schon kilometerweit vor den Städten verlangsamte sich unter dem entgegentosenden elektrischen Orkan der Masten der Lauf des Geschosses, um zuletzt zerrieben, glühend pulverförmig abzufallen. Die Schwäche dieser größten Anlagen bestand darin, daß der Stromwirbel sich geradeaus pflanzte, mit einer Schicht die Städte von oben her abschloß, aber in der Tiefe bis zur Häuserhöhe kein weitreichender Dauerschutz möglich war. Denn diese ausgeworfene Energie wirkte zerstörend und verbrennend auf alles was in seinen Bereich fiel. Eine Sekunde nach Anschalten der Masten in Höhe der Häuser wäre alles, Stein Holz Fleisch Metall in einen glühenden Brei verwandelt verkohlt verkrümelt, als hätte sich Ätzlauge über die Stadt geworfen.

Von einer leisen, spielerisch abgelehnten, innerlich nie verhehlten Furcht wurden seit den Rebellionen alle Länder und Kantone durchzittert, es könnten im geheimen Menschen die Wissenschaft auf gefährliche Dinge durchstudieren und zähere ernstere härtere Männer als Bourdieu möchten darauf zu Entschlüssen kommen. Langsam bildete sich in den Städten eine Herrenklasse heraus. Sie kannten alles; saßen über Zeichenbrettern konstruierten standen vor Modellen arbeiteten mit Gasen erdigen Stoffen in den Laboratorien. Aus ihnen stammten die Errichter der Anlagen und Werke, Besitzer der Werke. Sie begannen, mit der Verbreitung bestimmter Kenntnisse anzuhalten. Fremde, ihnen nicht Sichere mühten sich vergeblich in den Spezialschulen Zugang zu gewinnen. Lächelnd wurden sie mit alten Kenntnissen abgespeist, mit Teilarbeit beschäftigt. Der Besitz der angeschwollenen gefahrvollen Kenntnisse konnte nicht allen gestattet werden. Mathematik Ingenieurwissenschaft Chemie Elektrotechnik Biologie Radiotechnik waren nur Ausgewählten gestattet, deren Zahl man von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verringerte. Diese standen unter strenger Aufsicht. Die politischen Behörden übten die Aufsicht selbst aus. Mit einem Geheimnis umgab man die theoretischen Wissenschaften. Man zerstückelte die Disziplinen, um keinem, der nicht bestellt war, eine Übersicht zu gestatten.

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Es hatte eine Zeitlang den Anschein, als ob man zur Einführung der Sklaverei schreiten würde. Das schwallartige Heranwogen unermeßlicher Scharen Farbiger und Mischlinge aus den Ländern Afrikas, die sich mit der Aufnahme der freigestellten Kenntnisse und Genüsse begnügten, begünstigte die Neigung dazu. Bald kam es in spanischen und italienischen Stadtlandschaften, die den wildesten Andrang der Massen zu bewältigen hatten, die auch ein außerordentlich leidenschaftliches unduldsames Herrengeschlecht erzeugten, zu Vorfällen, die zu einer raschen Änderung in der Behandlung der Massen aufforderten. San Francisco wie London rieten schon längst den Herren von Barcelona Madrid Mailand Palermo zu größter Strenge und Aufmerksamkeit. Man könnte Fremde, sagten sie, denen der Mondgottesdienst noch im Blut steckte, die für einen Schluck kalten Biers ihre Habe und Arbeitskraft verkauften, nicht behandeln wie Menschen nördlicher Herkunft. Die westliche und nördliche Kultur war von ihnen aufzunehmen, nicht aber zu verschlucken. Ungestüm und aufdrängend, wie die Abkömmlinge der Berber und Haussa waren, waren sie geneigt im Grunde nichts zu achten.

Der wulstnackige schmerbäuchige Mailänder Ravano della Carceri, dessen Großvater noch Elefanten mit schwarzen Sklaven gejagt hatte, hatte in seinem Glaswerk den ersten von ihm provozierten Ausbruch der Arbeitermassen nur erwartet. Er ließ, um ein warnendes Beispiel seinen lauen Freunden in der Stadt zu geben, die Zügel schleifen. Man zertrümmerte, als er zwei Mulatten niederschoß, seinen Direktionssitz im Stadtzentrum. Er tat, als ob er erschreckt floh und alles im Stich ließ. Er hatte noch Zeit, unter Hohn die Verflutung seiner Werke mit dem erhitzten Volk zu beobachten. Die Revolte blieb in den Anfängen stecken. Bei dem Getümmel der Leute Carceris wurden die angegliederten Werke Sanudos und Horzis unruhig; dann die angrenzenden in der Landschaft Pisa. Fremdenviertel wurden alarmiert, die Massen wogten durcheinander, sie sangen ihre Heimatlieder, Landsmannschaften gliederten sich, in alberner Erregtheit rief man Frauen und Kinder. Das strahlte ahnungslos festlich. Glücklich sahen sie zu den endlosen niedrigen zauberhaften Werkfronten auf, die sie einst bestaunt hatten, an denen sie furchtsam wie unter Dämonenblicken gekrochen waren; dort liefen jetzt auf dem Dach schwarze Plattgesichter, machten Männchen.

Als noch Morosinis Lebensmittelwerk und zwei unterirdische Linien die afrikanischen Sprünge erduldet hatten, lief ein bunter Wirrwarr von Schreiern in langen Sätzen zum Senat der Stadt, um seine Demission zu erzwingen. Sie rannten, als käme es darauf an zu zeigen, wer der erste war. Ravano della Carceri war bei dieser Audienz anwesend. Die Hauptlärmer der Deputation, zwei Mulatten, schon im heimatlichen Hemd über dem europäischen Arbeitskittel, beachteten oder erkannten ihn nicht, den Herrn ihres Werks. Das versetzte ihn in große Wut und hinderte ihn, wie er sich vorgesetzt hatte, weiter im Hintergrund hinter dem hohen Lehnstuhl des Vorsitzenden zu bleiben. Er stellte sich stampfend vor die beiden, die er anfaßte, denen er das Hemd über der Brust lüftete; ob sie wüßten wer er sei. Und dann, was sie zu dieser Zeit hier zu suchen hätten. Auf ihre ungläubige schüchterne Lache und die kichernde Bemerkung, er solle sich nach seinem Werk umsehen, – was hinge zum Beispiel jetzt auf dem Dache? die Mulatten grinsten sich an und brüllten vor Spaß – griff er dem einen heiser an den Schlips auf dem Arbeitskittel, sie sollten sich ihrer Wege scheren. Da war er von dem starken Farbigen abgeschüttelt, lag am Boden. Im Nu auf den Beinen hing er sich dem Mann an den Hals, wurde mit einem Ruck an den Boden geschleudert, mit Fußstößen traktiert, von den anlaufenden Farbigen am Boden vor den Herren, die wegsahen, die Hände rangen, sich blaß auf die Lippen bissen, mit Riemen verwalkt. Die Riemen in der Hand, unflätig schimpfend, traten sie vor die Herren, denen niemand beistand; was sie nun dächten. Die erbaten sich nicht aufsehend Bedenkzeit, mußten auf das grobe Drohen der Farbigen das Zimmer räumen. Den halb besinnungslosen Carceri durften sie unter dem Gespött der Deputation, die sich auf den Senatssitzen, an den Sprechapparaten breit machte, aufheben. Ein fürchterlicher Stockhieb sauste noch über sie an der Türschwelle; der zerbrach dem grauen schweren Sanudo, der Carceri um die Hüfte führte, den Unterarm, so daß er den schwankenden Mann fallen ließ, den die Farbigen aus dem Zimmer rollten, um knallend die Tür hinter ihnen zuzuschlagen und ein prahlendes Fernsprechen in die Nachbarorte zu beginnen. Carceri kam in dem Erdgeschoßzimmer, in das sie sich auf einer Hintertreppe geflüchtet hatten, zur Besinnung. Er sah schrecklich aus; die Zähne waren ihm ausgeschlagen; er lallte, ein Zahn hatte seine Zunge durchbohrt; er lehnte luftschnappend mit fausthohen Stirnbeulen auf der Bank, spie Blut, schluckte einen Branntwein nach dem andern. Verfluchte sich innerlich, daß er sich für die anderen hergegeben hätte.

Der alte Sanudo saß auf der Erde. Sie schnitten ihm den Ärmel auf; er weinte. Carceri stöhnte aus seinem verschwollenen Gesicht zu den anderen, die ihn hielten: „Tut ihr nur, was ihr wollt. Ich tue was ich werde.“ Und dann, als sie flüsternd zu diskutieren anfingen, er steif zurückgelehnt: „Tut was ihr wollt. Was ihr wollt.“ Sie berieten, während es in den Gängen hinter der verriegelten Tür von Liedern hallte, wohin man sich zurückziehen sollte, um das Weitere abzuwarten. Sowohl die jungen wie die älteren waren einig, daß die Revolte noch rascher als die früheren militärischen abklingen werde. Man zuckte mit den Achseln; sie dachten, wie sie sich bleich ansahen und an den Wänden zusammendrängten: einmal werde sie doch ihr Schicksal erreichen; es sei im Grunde viel, daß sie sich bis jetzt gehalten hätten. „Und was kommt nachher?“ wimmerte Sanudo. „Wann?“ Carceri riß hinten die Augen auf, sie quollen ihm zu. „Wenn wir nicht mehr sind. Sie sagen doch, es sei schon viel, wenn wir uns so lange halten. Also was ist dann? Was werden sie können? Wir werden ihnen alles übergeben, den Säufern. Und was werden sie daraus machen?“ Carceri versuchte zu lächeln: „Ich kanns mir ausdenken. Wir werden dann auch noch ein paar Jahre leben, wofern sie uns nicht vorher zum Zeitvertreib totgeschlagen haben. Sie kehren vielleicht in ihrer Begeisterung wieder zu den heimatlichen Sitten zurück und fressen uns auf. Ich gratuliere euch allen zu dem warmen Wohnsitz, der euch bevorsteht. Neben Knoblauch und Sellerie und Branntwein.“ Sie machten sich, als der Lärm draußen verklang, heimlich davon. Erreichten den Platz vor dem Ratsgebäude. Man erkannte sie nicht. Das Tosen auf den nahen Straßen war ein Gemisch von Freude kindlicher Gutmütigkeit Blutrünstigkeit. Der Aufruhr war noch nicht über ganz Mailand ausgedehnt, aber man schlug sich schon auf den Straßen um Rang und Beute. Man sah schon schlaue Europäer, die zu den Farbigen hielten, auf und daran, sich der Bewegung zu bemächtigen, in den überall gebildeten Konventikeln horchen, die klügsten der Redner beiseite ziehen, den und jenen mit sich vor die gebrüllerfüllten Ratszimmer führen.