Berge Meere und Giganten

Part 32

Chapter 323,343 wordsPublic domain

Der Krabla, der träge, bekam Beine. Sein Steinmantel überrieselte schon den schmutzigen Jakutse, der von dem Askjagletscher abschmolz und heranfloß. Die Steine und Laven, die schwarzen porösen Auswürflinge tanzten noch eben über die Wasserfläche, wühlten die sprühende Fläche auf, und schon hatten sie den Fluß in Kilometerbreite überlaufen, ihn bedeckt, schon wulsteten die Steinmassen aus dem Flutendrang empor, war der Fluß verschüttet, verbarrikadiert, vom Meer abgeschnitten. Im Norden und Westen umging der Steinschleier die Bergwände. Westlich des Krabla rauchten die Wände des Leirhukr. Die Löcher in den alten Schuttfeldern stopfte der Steinregen aus, drückte und trümmerte nieder die mannshohen Tuffhöhlen.

Da knickte die Spitze des Krabla, stürzte ab. Keinen Laut hörte man davon unter dem gleichmäßigen Brüllen und Rollen der sich dehnenden Berge. Und zugleich erlosch der steile Feuerstrahl des Krabla. Schwarzer Qualm wirbelte an seiner Stelle, der sich heftiger und heftiger ballte, in rauschenden Stößen hochschnellte, meilenhoch den erstickten Krabla überlagerte. Da waren zugleich die Wände des Vulkans, die wachsenden, immer höher sich hebenden, von neuem abstürzenden, hinter den Steinschleiern schattenschwarz in ein Wiegen und Rollen gekommen, wie ein Laken, an das der Wind schlägt. Diese Berge wandernd waren keine Berge mehr. Wuchsen in die Höhe, rückten in das Land, über die splitternden Lavafelder, an die Ufer des Myvatn. Dampften und flammten. Flämmchen, bläulich und grün, erschienen zauberhaft verstreut auf ihnen. Das blitzte wie Bergmannslampen auf, erlosch, blitzte wieder. Darunter wogte rollte die Wand des Vulkans, des wolkenhohen Riesenschiffs, das in das schwarze Land einbrach. Häufiger, massenhaft, während die Berge sich dehnten, züngelten die Flämmchen; oben neigte sich von neuem die aufgetriebene aufgetürmte Bergmasse, stürzte in den Krater, den qualmbrodelnden, lautlos ab.

Urplötzlich mischte sich in das ungeheure Dröhnen und Murren ein tiefurtiefes abgrundtiefes bodenentstandenes Schnauben Hauchen. Ein Schmauchen Blasen wie aus einem Kessel. Langsam ließ es nach, lähmend schwoll es an. Dabei flammten ununterbrochen die grünblauen Lichter auf den schreitenden Bergwänden. Gelbe Flammen brachen zwischen den grünen hervor, zuckten stachen geradeaus, drehten sich um sich selbst. Ungeheuer schwarz wirbelte der Rauch über den verschütteten Vulkanen.

Da Riß Schlag Schlag Knall.

Zerschleudert die Bergmasse, zerstäubt Krabla und Leirhukr.

Glühendes erdweites Auflohen, feuriges Anblaffen des Himmels.

Fliegende Basalt- und Granitblöcke, auf- und abschießende Lavabomben. Unter Tosen Absinken der Bergmassen.

Es war niemand mehr von den Menschen in der Nähe. Die Züge zurückgerasselt, die Brücken abgeschwenkt. Der Krabla und Leirhukr waren noch eben zwei Vulkane; der Erdboden zwischen ihnen war verschwunden. Ein Feuersee lag zutage. Ein Spalt war in der Erdhaut. Der Feuersee lief in den Myvatn, ihn auszudörren. Aus dem Riß der Erde ergossen sich Glutströme, geschmolzenes Gestein aus dem Erdinnern, dazu der brennende Leib der zerrissenen Vulkane. Brüllend nahmen die Flammenströme ihren Weg ins Land. Im Süden standen noch schwankende angestrahlte Wände der Vulkane, zerklüftet verstümmelt. Sie bröckelten stürzten über, legten sich in das heiße saugende Bett. Nach Süden überrannte der Feuerstrom das Land bis zum Fuß des mächtigen Blaffjal. In den schwarzen Myvatn wälzte sich der Feuerstrom; drang in das Wasser bis auf die Tiefe des Sees, die er entlang kroch, ohne zu erlöschen. Das Wasser faßte er mit seinen Zähnen an, verschluckte es. Es siedete und verdampfte auf seinem Rücken. Er sprang am Boden des Sees herum. Zerschleuderte zerfaserte zerpaffte sengte, was ihm in den Weg kam. Blutrot sein langer Schlangenleib. Er raste durch die ganze Seenbreite an das südliche Ufer.

Während an dem verfinsterten Himmel der Glutschein sich ausbreitete, weißer und weißer wurde, sammelten sich die Führer auf dem Schiffe De Barros’ an der Nordküste im Axarfjord. De Barros grunzte vor Freude, umarmte Kylin, den blonden schweigenden: „Kylin, die Welt wird von dir reden. Die Erde redet schon von dir. Hör diesen Dialekt. Bist du noch traurig über die Weiblein und Kindlein?“ Das harte glatte Gesicht des Schweden: „Ich bin nicht traurig, De Barros.“ De Barros tanzte mit dem dicken Prouvas: „Kylin, was ist mehr: ein Mensch oder ein Berg? Ein Mensch oder ein Vulkan? Ist ein Vulkan nichts? Wir klagen dich an des Mordes! Haha! Des Mordes an zwei Vulkanen. Alsdann an einem niedlichen schwarzen See, ferner an einem ausgewachsenen Fluß.“

„Laß das, De Barros.“ „Ich bin für Ordnung und Gerechtigkeit. Und wieviel Tiere hast du geröstet erstickt erdrückt verstümmelt und läßt sie unbeerdigt und bringst ihnen keine Hilfe. Da sind die Spinnen, die in den Bergritzen saßen, eine halbe Million an der Zahl. Sechsunddreißigtausend junge und erwachsene Fliegen, nebst ihrer noch lebendigen Vor- und Nachkommenschaft. Familien, Mütter. Hingemordet, erloschen. Wie konntest du das, wer konnte das! Und in den Flüssen die Lachse, die Mücken auf dem See, und der Farn, Moos, das Gras auf dem Boden: vorbei. Ruchlosigkeit, Ruchlosigkeit. Haha! Kylin, vor dem Gott der Mücken wirst du einst erscheinen, vor dem Gott der Lachse der Fliegen der Spinnen.“ „Ich lach’ ja gar nicht, De Barros“, Kylins Schwester blickte glückselig auf den flammenden Himmel, nach rückwärts sich überbiegend. Sie lachte, ohne Kylin anzusehen, stolz: „Ja, was ist mehr, ein Vulkan oder ein Mensch?“ „Ein Vulkan.“

Den Tag über quollen die weißen heißen Massen aus dem Leib der Erde in Bächen und überschwappenden Katarakten. In wütendem Rasseln übergossen sie die alten starren Lavafelder am Skalfandafluß. Die kurze fauchende Nacht verging. Das fahle Sonnenlicht war wieder am Rand der schwarzen und braunroten Wolken. Durch die rote und schwarze Finsternis der Insel schlugen die brennenden Aschen, rieselten durch die heiße schwefel- und ammoniakgeschwängerte Luft. In den Eyjafjord versteckten sich die menschlichen Angreifer. Von den Felswänden begannen Lawinen zu rutschen, das Meer aufzupeitschen. In die Luft mit Masken aufsteigend warfen die Angreifer Böen vor sich, unter sich gegen die verstümmelte heulende Erde. Weggerissen wurden die trägen Rauchwolken vom Boden; sie sahen und maßen die Weite der nackten Feuerschlote unten, der zackigen Riesenschlünde, die senkrecht in die Tiefe des geborstenen Bodens führten.

Die Insel zitterte, schüttelte sich angstvoll, gepeinigt. Zwischen dem ausgedörrten Myvatn und dem atemlos hintosenden von Schmelzwasser überladenen Skalfanda tat sich, während sie flogen, plötzlich ein meilenlanger, das alte Seebett durchquerender Spalt auf, neben dem niedrige Kegel in Reihen hochstiegen, wie von einer Faust aufgetrieben. Braunen Schlamm und Dampf keuchten sie. Das Wogen Stoßen des Bodens ließ nicht nach. Knarren und Knistern rollte die Spaltenränder entlang. Sie sanken wie schmollende Lippen ein. Die Kegel gaben minutenlang keinen Atem von sich. Und während die Spalte sich wurmartig warf, wuchs geräuschlos an ihr ein Kegel auf, breit, breiter, nahm an seinen steigenden Wänden die anderen mit, überstieg mit seinem Fuß die ausgefüllte Spalte. Das Land zog der unaufhörlich getriebene Kegel rechts vom Ufer des Salmflusses mit. Und hundert Meter, tausend Meter ansteigend, schwefeldampfumhellt, zerriß die Spitze des neuen Vulkans, wie ein Kanonenrohr zerreißt. Der Himmel heulte, gelb und schwarz, mit einem viertelstundenlangen Schrei, von Laven- und Feuerauswurf in mächtigen senkrechten Strahlen angespritzt. Der Salmfluß verdampfte in den Lavaströmen, wie der Jökulsa östlich vom Myvatn verdampfte. Der gewaltige Skalfandafluß, von den ewigen Gletschern des Trölladyngja genährt, warf seine breiten eisigen Massen gegen die neuen Feuerläufe: auflohte der Strom zu weißem Dampf. Das Feuer lief sein Bett entlang; sie fuhren dem gewaltigen Strom in den Rachen und machten ihn hin. Er staute sich, vom Meer abgesperrt, nicht auf zu einem See. Als Luft jagte er in die Höhe; die unauslöschliche Hitze trieb ihn, er mochte stürzen wie er wollte, kilometerhoch über sich; der eisige Sturm oben trug ihn nach Westen an die ungeheure See.

Island war verschwunden vom Jökulsa bis zum Skalfanda. Vor den beiden tobsüchtig anzüngelnden Strömen aber war das heiße Erdinnere hochgestiegen. Hatte wie ein Riese erst einen Fuß auf die Treppe gesetzt; die tastende Hand war sichtbar, er war im Begriff höher zu steigen, durch die Luke zu treten, sich sprengend nach allen Seiten Platz zu machen.

Noch war nicht ein Tag vergangen, seit die kleinen fleischernen Angreifer die Berge Krabla und Leirhukr zusammengestürzt hatten. Da lohte Island auf Meilen im Geviert aus zwei strahlenden Riesenbecken, östlich und westlich des Skalfanda.

* * * * *

Das Odadahraun, das Lavafeld der Missetaten, lag zwischen den strahlenden Becken. Es war hundert Quadratmeilen groß, zog sich im Süden des schwarzen Myvatn zwischen dem Skalfanda und Jökulsa hin. Kohlschwarze Lava war sein Boden. Schwarzer vulkanischer Sand überflog ihn. Die Brandschlacken waren wie Eisschollen übereinander verschoben. Stumm standen in seinem Süden die Krater des Dyngjafjölls und das weite Gebirgstal Askja mit einem dunkelgrünen See. Die Krater des Dyngjafjölls murrten schon längst; das Tal Askja hatte seinen See verschluckt. Dafür war Feuer aus seinem Boden getreten, der Schein erlosch manchmal, in das wüste Odadahraun zischten dünne Aschen herunter.

Die Geschwader verließen die Nordküste, gingen von Osten die Vulkane des Odadahraun an, in das die Feuerströme der geborstenen Krabla und Leirhukr sich entleerten. Der Vopnafjord schnitt tief ins Land; aus dem Vopnafjord warfen sich die ersten Brückenreihen vor. Die Brücken hatten einen ungeheuren Weg zu durchlaufen. Von Süden kamen andere hervor, aus dem Mjosifjord, aus dem Reidarfjord. Die Menschen drangen, während die Insel unter dem Schlagen der Vulkane erzitterte, über die Gletscher der Ostküste, deren Höhen von Aschen bestreut waren. Vulkan neben Vulkan zog sich in nördlich-nordöstlicher Richtung nach dem lebenden Lavafeld der Missetaten. Erwacht waren der große Dyngja Herdubreid Tögl. Der große Dyngja hatte einen Krater von sechzehnhundert Meter im Durchmesser, den sein eigenes Geröll verstopfte. Er brannte aus einem Schlot in der Mitte. Freistehend mit steilen dunklen Wänden der breitschultrige Herdubreid. Mit einem Schneedach war der Bergriese belegt; Flüsse rannten daraus hervor. Der uralte Skjaldbreidur; sein Krater schachtelförmig, maß zweihundert Fuß im Durchmesser; er war seit einem Erdzeitalter erloschen; Eis hatte sich über ihn gelegt, von dem waren Wasserfluten zu Tal gefahren. Der Berg schnob und gurgelte. Er hatte die Lava hergegeben, aus dem das schwarze gewaltige unheimliche Odadahraun geschaffen war. Er zischte, aus Rissen seiner östlichen Wände kamen lange Rauchfäden. Er rollte und stieß.

Die Angriffszüge überrollten die eisigen aschendurchwehten östlichen Bergketten. Die Brücken waren untereinander verbunden; alle Züge konnten, wenn Brücken hinter ihnen zerrissen oder verschüttet wurden, Nachbargleise suchen. Die Angreifer hatten einen Schutz der Wagen und kostbaren Maschinen vor den heißen Auswürflingen geplant. Aber man sah, daß auf dem wogenden flammenbergenden Boden weder Pfeiler noch Wagen ernsthaft zu schützen waren. Die Schiffe zentrierten sich nach Ablassen der Zerstörerzüge südlich des Vopnafjords hinter Gebirgsvorlagerungen in der Heraldsbucht. In diese Bucht wälzte sich schmutziggrau herunter der Brückenfluß. Aus drei Gletscherquellen gespeist zwang er sich durch die Klüfte; Bäche stürzten von rechts her in sein Bett, Sand häufte er neben sich auf; sandig glatt waren seine Ufer, wo er sich dem Meer im Osten näherte. Neben ihm lief der Lagarfluß, aus einem viertausend Meter hohen Gletscher quoll sein milchig weißes Wasser. In Katarakten ergoß er sich, seenbreit erweiterte er sich, schüttete, wie er in die Heraldsbucht trat, Gletscherkies und Lehm von sich. Vor die weiten Mündungen der beiden Flüsse legten sich die Schiffe der Geschwader, warfen nicht Anker; ihre Antriebsmaschinen blieben in voller Arbeit. Der Wind ging scharf vom Land her. Der feine Aschenstaub flog über das Gebirge an das Wasser.

Weit hinten in See dämmerte der Morgen. Mit Ruck und Stoß betraten die Wagen ihren gezeichneten Weg auf den Brückentafeln. Krachend zogen sie an, schmetterten Pfeiler auf Pfeiler ab. Die Schiffe in der finsteren Heraldsbucht steuerten langsam ostwärts in See hinaus.

* * * * *

Das Gestein der Berge jenseits der Küstengletscher, im Süden des schwarzen zitternden Odadahrauns, trank noch gierig die Säfte, die ihm der Schnee eingab, der mit Tonnengewichten auf ihm lag. Die Quellen der Ströme ließen sie über sich herlaufen; die Kraft, die aus der Erde kam, schüttelte an ihnen, tot lagen sie, verwitterten; unendlich lange Zeit hatten sie, dünne Dämpfe ringelten zwischen ihren Körpern hoch. Da war den Steinen, als wäre jeder von ihnen bei seinem Namen aufgerufen.

Basalt war die mächtige Decke, die über dem Boden des Atlantischen Meeres erstarrt war. Sie bedeckte fünfhunderttausend Quadratkilometer. Schottland Island Grönland erhoben sich auf ihr, tausend Meter war sie dick. In Treppen und Bänken lagerte sie hin, mit verkittetem zertrümmertem Tuff bestreut. Sturm und Wasser verwitterten ihre Oberfläche zu brauner gelber Wacke. Auf Island, der Insel des fünfundsechzigsten Breitengrades, hatte sie die Kegel und Kuppen der Berge gebildet, Gjaus, die Spalten gezogen, die von Süden nach Nordosten strichen, der steilwandige Spalt am Myrdalsjökull, die Lakispalten mit hundert Kratern. So standen die Berge da, Gemenge geknetet mit Gemenge wie eine Wiese, über die ein Sämann hundert Keime von hundert Arten wirft, die aufschießen, sich verfilzen. Die Gesteine waren zusammengeknirscht, zusammengeschauert, nachdem das Feuer sie losgelassen hatte. Nichts wuchs in dem wüsten Gemenge; sie wucherten noch unmerklich leise, das langsam lösende Wasser tat mit ihnen, Hitze und Kälte, der Druck der Schwere über ihnen, um sie. Chalcedon und Zeolith lag in den Blasenräumen des Basaltes. Seine dunklen Massen, meterdicke Kugeln Platten Fächer hielten fest die zerdrückten grünschwarzen Olivine, das Titaneisenerz, den eingewühlten Augit, Plagioklas. In den Bändern der tiefen Gesteinsgänge verschränkten sie sich glasig ineinander.

Jetzt kam über die geronnenen Wesen etwas, das von Art der Flamme war. Wie wenn ein Mensch, der jahrzehntelang in der Fremde herumgeworfen wurde, um die bittere Notdurft des Lebens Tag um Tag rang und nichts als das Ringen Rudern Schlagen unter den Fremden mehr kennt, eines Mittags einem unbekannten Mann begegnet. Der übergibt ihm einen Brief von Hause, spricht ihn in der heimatlichen Sprache an und fragt ihn, was er so lange getrieben habe, er möge doch wiederkommen.

Oder wie eine ungeliebt verheiratete Frau, die lange Zeit neben dem widerspenstigen rohen Mann lebt, ihm Kinder auf Kinder trägt, schon selber stumpf und gehässig ist, wie wenn sie sich plötzlich in einer Krankheit eines Jugendfreundes besinnt. Und er kommt, – es ist einer da, oh Wunder, der ihr die Bettdecke zurechtrückt, der ihr die Schnabeltasse an den Mund hält, während er mit der rechten Hand den schwachen Rücken stützt. Sie atmet stürmisch, und wie sie gesund wird, ist eine Stunde da, wo sie inmitten der kleinen Kinder in der Stube sich dem fremden Onkel an die Brust drückt, ihn küßt, ruhig küßt, und er führt sie mit den Kindern aus der Tür hinaus.

Wie ein Volk, das vor Jahrhunderten besiegt und zerschlagen wurde, dessen Männer und Frauen sich zerstreuten, die Sprache wurde verboten, der Volksstamm verhöhnt, seine Sitten lächerlich gemacht; als Sklaven gingen die Männer in fremde Dienste, ließen sich in fremde Kriege führen. Und eine Anzahl fiel ab, glänzte in den fremden Völkern, die sie verachteten. Wie in einem solchen Volk heimlich junge Männer und Frauen auftreten, halbe Kinder; die treten zornig leidenschaftlich den Alten ihres Volkes unter die Augen in geheimen Zimmern und sagen: sie hätten genug von ihrer Feigheit, von den Beschwichtigungen, womit man sie füttere, von dem Beschimpftsein und Getretensein. Sie würden ihr Leben gegen die Schande einsetzen. Und sie wandern herum, verteilen Blätter, reden heimlich. Ein Rauschen geht durch das Volk, durch alle kleinen Familien, durch die Mädchen, die fremde Stuben sauber machen müssen und den fremden Männern zum Opfer fallen. Und eines Tages ist ein Krieg da. Und eines Tages sind die Straßen frei. Und eines Tages weht eine Fahne von den Dächern, eine neue Fahne. Und durch die Straßen jubeln Züge in einer Sprache, – in welcher Sprache, – in der verspotteten siegreichen Sprache. Und alles weint hinter den Fenstern und auf den Straßen. Dies ist eine Stunde, wo die Toten der vergangenen Jahrhunderte ein Zittern befällt. Und sie flattern zu den Lebenden aus ihren wüsten unbezeichneten Gräbern in ungeheuren Scharen und sie ziehen mit in dem singenden Zug. Tausende, Tausende singen mit, fliegen den Fahnen voran und halten die Fahnenbänder und küssen den jungen Marschierenden die schmutzigen Stiefel und die Mützen.

Wie diese, Männer und Frauen und Volk, wurden die Felsen Bergkämme Krater Höhenzüge die todesstummen eisbedeckten riesigen Häupter ergriffen. Wurden angefaßt wie das Schloß von dem Schlüssel und mußten gehorchen. Folgten summend und alles wurde im Bersten licht um sie.

Erweicht wurden der große Dyngja Herdubreid Tögl Skjaldbreidur.

Und wie murrend der Einsturz der Berge begann, die Angreiferzüge die Berge losließen, Brückenweite auf Brückenweite überflogen, war es auch schon zu spät. Die Luft, noch schwarz und eisig hauchend, wurde rot aufgespalten. Glut und Blockauswürfe. Finsternis von tiefster Schwärze legte sich über die Hochflächen. Rütteln Rollen Wallen der Erde. In der Schwärze unter sich sahen die fliehenden Züge noch die braun überschütteten Schneefelder vor dem Senorfjall sich heben und senken, von Wasser schäumen wie einen schlammigen See. Dann zerriß die Insel vom Fuß des Herdubreid nach Osten bis zur Heraldsbucht. Das Sandtal zwischen Brücken- und Lagarfluß sank. Das Meer durchsetzte die meilenweite Fläche von der Heraldsbucht bis zum Kyarkfjöll vor dem Angesicht des gewaltigen Vatnagletschers, begrub sie in einem einzigen Schwall. Verschlungen die Züge, die von den Kyarkfjöll und Askja die Heraldsbucht erreichen wollten. Mit Brücken Pfeilern Trommelträgern Fahrbahntafeln ins Meer gefahren.

Das Beben lief über die Heraldsbucht hinaus. Lief, eine mauerhohe meilenweite Flutwelle hochbäumend, einen Orkan vor sich drängend, über die springende eiskäuende See. Zwanzig Längengrade lief es nach Osten, drang in die aufdonnernden skandinavischen Fjorde ein. Das Wasser stürmte schwarz in Bänken mit ungeheurer Geschwindigkeit. Lautlos versanken in dem Schäumen und Rasen Teile der Fär Öer. Die häuserhohe Flutwelle schlug an die schottische und irische Küste, brüllte gegen Dänemark, staute in den Kanal laufend die Elbe auf. Sie rollte um Jütland durch das Kattegatt. Die flache Ostsee schwankte bis in die Finnische Bucht. Der schrille aschenwerfende Wirbelwind strandete vor den skandinavischen Bergen.

Über Island aber war die Finsternis vergangen. Der Feuerstrahl, der aus den Herzen der Dyngja Herdubreid Askja fuhr, ließ es sich nicht genug sein, das weite nördlich hingedehnte dem Skalfanda angelagerte Odadahraun zu verbrennen. Die westlichen Gletscher des Hofjoküll und des Langjoküll hauchte er an. Und wie ihr Eis zu Tal fuhr, riß, durch Dämpfe gelockert, der schwere Basalt über ihnen. Sie lohten wie der Krabla und Leirhukr. Ihre schwer wankenden Köpfe stürzten ab in die vom Meer aufberstende Spalte.

* * * * *

In der Stunde, wo die Insel vom Fuß des Vatnagletschers bis zur Heraldsbucht aufriß, wußten die Männer und Frauen auf dem europäischen Kontinent, daß etwas Ungeheures Vernichtendes geschehen war. In dieser Stunde liefen plötzlich die Maschinen, die Kraft in die untermeerischen Kabel warfen, leer. Die Kabel, die die Expedition versorgten, zerbröckelten auf Kilometer unter dem aufkommenden Tiefengestein der See, von untermeerischen Lavamassen zerrieben. Wie ein Stier mit aufgeschnittener Kehle, mit peitschendem Schwanz daliegt und noch fürchterlich röchelt, so hauchten die Kräfte aus den Kabeln über die kantigen Steine und das Wasser. Milchig quoll vom Boden das Wasser hoch. Pflanzen Quallen Fische lähmte der Strahl. Es röchelte in der Tiefe aus dem Kabel, beruhigte sich nicht.

Einen Tag war Totenstille in den festländischen Stadtschaften. Da wurden in Höhe Kopenhagens die ersten Flieger gesichtet. Sie kamen, schwarz von dem vulkanischen Staub, der in großer Höhe über Europa getragen wurde, forderten neue Schiffe Flugzeuge Menschen. Angst hatte sich der Senate und städtischen Völker bemächtigt, wie das See- und Erdbeben anlief, der finstere Staub unablässig aus großen Höhen herabrieselte und es nicht Tag werden wollte. Die Boten schlugen die Furcht nieder. Kaum berichteten sie von den Vorgängen. Sie sprachen für Kylin De Barros Prouvas, die alle drei noch lebten. Die Senatoren waren verblüfft von der strengen verschlossenen Art der Boten. Sie waren selbst kampfgierig; der kalte Ernst der Boten beunruhigte sie leise.

Ein neues Geschwader verließ die Shetlandsinseln. Das schlackenschwemmende Meer überfahrend, in die Schwefeldünste einlaufend längs der Ostküste Islands, – eine dampfende, grün und gelb zuckende Masse im Ozean, – gerieten sie in eigentümliche neue Strömungen und Strudel. In der Höhe des fünfundsechzigsten Breitengrades, bei der zwölften Länge wurde das Wasser flach, Riffe Klippen ragten über den Spiegel. Sie bogen östlich aus. Heiße Luftströme schlugen in die gleichmäßige Meereskühle ein. Meilenweit bogen sie aus, nach Norden dringend, schwankten unter ständigem Sandregen vorsichtig westlich, umfuhren eine unbekannte breite Bodenwelle, die ihnen bankartig den Weg sperrte. Mühsam tasteten sie sich nordwestlich vor. Der Sockel der Insel hatte sich unregelmäßig gehoben, dabei dünenartig ins Meer verbreitert. Nördlich der unglücklichen Heraldsbucht trieben sie. Vergeblich hielten sie Umschau nach Trümmern des letzten Angriffsgeschwaders. Der finsterrote Brand durchbrach den schweren Qualm, leuchtete ihnen die Nächte, die immer länger wurden. Obwohl der Mond schien, von dem die mitfahrenden Boten sagten, er leuchte auf Island fast so hell wie Sonnenlicht, war eine zum Schneiden dicke Finsternis um sie ohne die Vulkanfackel. Dünste zogen ohne Nachlaß von der Insel ab über das Meer.