Part 33
Sie wollten von dem Vorgebirge Langanes, der nordöstlichen Ecke der Insel mit einem schwachen Kabel, das sie hinter sich zogen, Funkzeichen und Worte nach dem Festland geben. Da merkten sie, daß das Entsenden der Sprachzeichen durch die veränderte Luft nicht gelang. Antwortzeichen trafen nicht ein; schon bei Proben auf wenige Kilometer verstanden sie sich selbst nicht. Die Luft war nahe den heißen Ascheausbrüchen, den vulkanischen Feuerstürzen von Strahlen durchwirbelt. Sie mußten Flieger aussenden aufs offene Meer, die viele Meilen ostwärts flogen, ehe sie die rings die Insel umflutende Spannungszone durchbrachen und Standorte für Meldungen nach dem Kontinent ermittelten. Die Schiffe suchten die gebrochenen großen Energiekabel ab. Jenseits des Ozeans ließen die Menschen Kraft in die Kabel einlaufen. Langsam mußten von Süden die Sucherschiffe das Kabel abtasten; sie stießen, im Norden es ergreifend, auf die Sandbank, die sie umfahren hatten. Ohne Zeichen verströmte die eingeworfene Kraft jetzt in die Bodenwelle. Eingeklemmt gewürgt gebrochen lag das große Kabel zwischen den Tiefengesteinen, glühte zerfraß den Sand. Die Sucherschiffe, von Süden vordringend, brannten mit eigener Kraft das Kabel aus dem Gestein, daß das hochsteigende Wasser sie von der Bruchstelle abtrieb. Zogen dann in weiten Bogen um die Insel, das Kabel verlängernd, bis sie westlicher des Langanesvorsprungs in den ruhigen Thistillfjord kamen, wo De Barros den Rest des Geschwaders massiert hatte.
Die neuen Schiffe hatten erwartet, man würde ihnen entgegenfahren. Einsilbig fanden sie Führer und Mannschaften bei der Ausbesserung von Schiffen und Maschinen, bei der Zählung der Vorräte; sachliche Worte wurden gewechselt. Die Gesichter dieser Islandfahrer waren völlig schwarz, verschwollen. Das kleine pulverförmige Steinpigment, das die Vulkane von sich gaben, hatte sich in die bloßliegende Haut der Arme Hände Gesichter wie Tusche an tätowierenden Nadeln eingebohrt. Heftige Entzündungen waren davon ausgegangen. Am furchtbarsten waren die betroffen, die in den ersten Angriffstagen ungeschützt durch den Staub geflogen waren. Sie lagen und standen in den Schiffsbäuchen, stöhnend im Finstern; Backen Stirnen Lippen wulstig dick, Augenlider zugeschwollen. Und wo einige die Lider offen hatten, war die Hornhaut schwarz wie das Gesicht; die Bindehaut mit dem Steinstaub gespickt. Sie wagten nicht zu zwinkern, rissen sich mit dem Lidschlag das Innere der Lider wund; in den Augenwinkeln standen ihnen Blutstropfen.
Das zweite Geschwader erfuhr, daß die Insel in ostwestlicher Richtung von der Heraldsbucht bis zum Kyarkfjöll, dann in südwestlicher von der Vopnabucht bis an das Vulkanfeld des Dyngja aufgerissen war. Das dazwischenliegende keilförmige Stück war überflutet. Die Vulkane hatten im Zentrum der Insel um das Odadahraun herum das Grundgebirge durchbrochen, mit Spalten Sprengtrichtern Explosionsgräben ihre Schlote riesenhaft erweitert. Die alten Krater waren eingeebnet. Neue Lavenkegel entstanden und versanken unaufhörlich. Die Kundschafter des alten Geschwaders hatten festgestellt, daß schon dickere Lavakrusten sich über das bloßgelegte Feuer breiteten. Wie Blut aus spritzenden Gefäßen gerann das Feuer. Aber aus der Tiefe der Insel und dem benachbarten Meer wurden immer wieder brennende losbrechende Massen ausgeschleudert.
Die Geschwader teilten sich. Gruppen der alten und neuen Islandfahrer wurden unter neu gegliederte Züge gemischt. Eine Möglichkeit das zentrale Inselfeuer nach Westen zu erweitern bestand nicht. Der im Thistillfjord zurückbleibende Schiffstrupp übernahm die Aufgabe, die stärkere Verkrustung des ausgeworfenen Magmas zu verhüten, durch Aufsprengung das Feuerfeld zugänglich zu machen, das flammende Land zu überwachen zwischen Myvatn Odadahraun und Vatnagletscher.
Anfang Juni verließ das Südgeschwader, geführt von dem strengen Kylin, den ruhigen Thistillfjord, ostwärts, dann südlich umbiegend. Hart und stumm war der blonde Kylin wie die andern. Hätte man ihn nach seinen Worten und Klagen bei der Beseitigung der Eingeborenen gefragt, er hätte sich nicht darauf besonnen. Die Wimpel, bunten Kostüme, mit denen die neuen angefahren kamen, waren abgelagert. Still waren die Transporter. Auf den technischen Schiffen fauchten die Maschinen. Maskierte rußbedeckte Menschen gingen herum auf dem ruhenden und fahrenden Geschwader. In Schlamm verwandelte sich das Wasser, das sie im Freien trinken wollten. Wenn einer ein Stück Brot im Freien in den Mund steckte, war es mit den spitzen Nadeln der Vulkane besetzt. Sie spien beim Essen. Aus den Schiffsbäuchen wimmerte es; die Blinden Hautkranken, dann die, die von den Schwefeldämpfen und der Einatmung des Staubes erkrankt waren, sich schmerzvoll die Brust faßten, husteten, husteten, Blut unter Räuspern und Winden aus sich warfen. Niemand sprach vom Kontinent. Man hielt stumm, sich verhärtend zusammen.
Die Schiffe des Südgeschwaders passierten in langsamer Fahrt weit außerhalb der Rauchlinie der Vulkane die Höhe der Heraldsbucht. Sie sahen – die Masken nahmen sie nicht ab – die glühende Sonne am Horizonte aufstehen, von einem Ring umgeben. Mit blendendem Gold stieg sie hoch. Wolken loderten unter ihr in wilden Farben. Die Menschen schwebten über dem unermeßlichen stahlgrauen Meer. Und erkannten es nicht wieder. Es war nicht das Wasser, das sie auf der Herfahrt genommen hatten, das sie unter die Kiele ihrer Schiffe geworfen hatten. Sie spannten ihre Blicke auf das Wasser, das riesengroße wellige Ungetüm, suchten seine Tiefe zu durchbohren. Und schwiegen. Wenn die Nässe sie anspritzte, lachten sie nicht. Wischten sich ab, zogen sich zurück. Im Innern der Schiffe hockten sie, Männer und Frauen, die mit den furchtbaren Kräften der Maschinen umzugehen verstanden, träumten spielten schliefen. Ein aufschnellender Fisch erschreckte sie, machte sie nachdenklich, böse.
Von Osten her umringten sie die Insel. Das Tosen hatte sich abgeschwächt. Es war, als ob sie hinter einer großen Schutzmauer liefen. Eine weiße Masse schimmerte Island herüber, in die wagerecht hinziehenden Wolken verlief es, das Meer trug diese weiße hingedehnte Masse. Dies war das Eisgebirge des Vatna; es hielt alle Schwärze und den Schall der Vulkane ab, der Staub überschritt seinen Grat nicht. Die Fahrzeuge der stummen Menschen westwärts steuernd näherten sich im aufschäumenden Wasser der Küste. Die Luft fing wieder an zu vibrieren. Aus den Schiffsbäuchen stiegen die Menschen. Die Zähne beißend hörten sie das entfernte Grollen.
Flaches tiefbuchtiges Land. Das gelbe Sonnenlicht trübe umflossen. Ein eigentümliches fremdes Rot, das die Herzen der Menschen mit Trotz und Wildheit erfüllte, mischte sich, ohne zu weichen, im Nordwesten in die wechselnde Farbe der Wolken. Und wie die Dunkelheit einsetzte, stand allein dieses düstere erregende Rot am Himmel, das alle Menschen auf das Deck lockte, immer größer weiter heller, je westlicher sie fuhren. Die Fäuste ballten sie, wie sie das Rot sahen. Mit Triumphgefühl betrachteten sie das Wasser; sie zitterten, spannten sich, hatten die Zähne aufeinander. Ein wirbelnder Landwind jagte Wolken nach Süden, die Rauch von den Feuerherden schleppten.
Nacht. Da scholl das tiefe Murren und Rollen an ihr Ohr, das sie seit dem aschenverhüllten Thistillfjord nicht gehört hatten. Brustbeklemmend, daß sie aufhörten zu lächeln, klein herumgingen, den Atem langsam entließen und einnahmen, so fiel sie das Murren an. Sie hatten es fast vergessen. Sie wurden herumgetragen durch die Kraft der schraubendrehenden Schiffe und ihren eigenen Willen. Und wollten näher heran. Da war es schon kein Rollen mehr. Es sprang knallend an, fiel polternd hin. Rummste an unsichtbaren Orten am roten Horizont. Aber von Zeit zu Zeit verschwand es hinter einem erstickenden, alles überschattenden, Schiff Meer Meer Feuerschein in Nichts verwerfenden Aufkrachen, hinter einem aufwühlenden grundgeborenen Getose, das nicht aufhörte, Meer und Land minutenlang rüttelte. Und wie es abbullerte, ließ es Meer und Land in Betäubung. Tobsüchtiges Klatschen der Brandung, grauer zuckender Himmel. An Deck geklammert, neben Masten Drähten Maschinengittern, sahen sie das Zusammenziehen der Küste, sahen, wie das Land aufhörte, Land zu sein. Die Ufer, langgestreckte Hügelreihen, der flache Strand tauchten in das anrasende Meer ein, das sich turmhoch aufhob, in einer schnurgraden schwarzen Flutlinie über sie herschmetterte, unter Johlen der fortgerissenen Luft. Dann war das schwarze nackte Land wieder da; die Hügel rollten von seinem Rücken herunter; der Boden zuckte, glättete sich gegen das Wasser hin.
Die Schiffe drehten stärker seewärts. Als die Nacht vorüber war, waren sie in die Zone der Hekla und Katla getreten, der Feuerberge des Südwestens. Sie wurden ihrer nur angesichtig, wenn ein Seewind die Schwärze des Rauchs zerteilte. Heimvayz hieß eine von den vierzehn klippigen Westmannsinseln; vor dem seenartigen Erguß des Markerflusses ins Meer lag sie. Heimvayz war die größte der Inseln, eine halbe Quadratmeile im Umfang. Sie war früher von Menschen bewohnt; unter Schutt, zwischen den Lavabomben lagen zerschmetterte Hütten, eine Kirche stand weit offen da, die Türen unversehrt, der Dachstuhl eingebrochen, das Innere von Geröll wie ein Kasten erfüllt. In den Buchten Heimvayz’, einige Meilen vor der isländischen Südküste, schoben sich die hohen schweren Transporter obdachsuchend, in stickiger Luft.
Dann stießen leichte Angriffsschiffe gegen die Küste vor. Der Myrdalsjökull stand ihnen gegenüber, das Sumpftalgebirge, achtzehn Quadratmeilen bedeckend, einstmals unter einer Eisschicht verborgen. Mächtig stand der Myrdal da, eine erwachte Vulkanmasse. Seine Rippen klafften, nach allen Seiten war der Bergblock aufgerissen. Dampf und Aschesäulen spie er und verhüllte sich. Die Katla hinter ihm im Land flammte düster; oft versank sie in ihrem Qualm. Sie brauchten nicht viele Brücken zu schlagen. Die Küste entlang schwärmend, von den heiß aschigen schwelenden Ufern drangen sie vor. Nahmen sich zum Ziel die feuerbrünstige Reihe der Vulkane am Skaptarfluß, vom Rand des Vatnaeises bis zum Thjorsar, wo die achtkuppige Hekla ihre Mauern und Terrassen, Schlund bei Schlund aufbaute. Der Herkules, der nahte, kam nicht um den Drachen zu ersticken, ihm anspringend nicht ermüdend Kopf um Kopf abzuschlagen, ihn unter die Füße zu nehmen, zu zerschlitzen, die geblähten Eingeweide in die Luft zu streuen. Er wollte das Untier reizen, Mäuler um Mäuler aufzusperren, Hals um Hals hochzustrecken. Seine Wut sollte es zeigen für ihn, seine Kraft wollte er ihm entlocken. Er hielt es an einem Band fest, zog es hinter sich her. Und eines Morgens machten sich die Transporter von der kleinen Heimvayzinsel los, setzten sich meerwärts in Fahrt. Zugleich richteten sich die stillen Augen von Kylins Apparaten auf die Gebirge.
Die Hekla, den Kopf in den Wolken, machte einen Sprung, als wollte sie sich ins Meer stürzen. Ihre Wände, die sich getrieben aufgestellt hatten, die Mauern des Marklidar, die höheren Hilfall Grefjöll Malfall wurden zur Seite geschleudert. Über das brennende Land flog der Marklidar, der Bjölfall Grefjöll Malfall. Da versank der Torissee. Umgeschleudert wurde in derselben Stunde die Katla. Den Tjörsarfluß bedeckte der Tungna. Als am Vatnarand der Öräfaberg sich in seinem eigenen Feuer bog und drin verschmolz, stand keiner der Menschen, die das Geschwader um die Insel getragen hatte, mehr auf seinen Füßen, weder von denen, die jenseits der Westmannsinseln ins Meer flohen, noch von denen, die das Gestade entlang fuhren. Die auf den flüchtigen Schiffen wurden gegen Drähte Gestänge gestoßen, flogen über Bretter. Mit Masten Seilen Treppen, an die sie sich hielten schwirrten sie über die Böden. Die Schiffe machten plötzlich einen Satz nach vorwärts und dann noch einen, und einen zur Seite, wie ein Hund, der nach einem vorgehaltenen Bissen schnappt. Ihre Hinterleiber schnellten aus dem platten Wasser, die Schrauben surrten leer in der Luft, die Spitzen wühlten mit den Nasen in der See. Wühlten bei den landnahen Schiffen so tief in der See, daß die Leiber rückwärts sich schräg, fast senkrecht hochstellten, sich seitlich und nach vorwärts überschlugen, Menschen Tonnen Balken im Strudel hinterdrein. Die See hob sich auf den Druck der zerrissenen Luft langsamer, breit am Boden schleppend, schwer schwer über der Untiefe hängend. Die Schaumkämme der Wellen wurden angefaßt. Von den Ufern weggeblasen rollte sich die See wie ein Wurm zusammen, wulstete sich riesenhoch, lief, während es nächtig wurde, ein Schatten durch die Nacht auf das Land zu, loderte über Klippen, entblößten Strand, breite kochende Lavaströme, streckte sich über sie, zog sich entladen auseinander, gab alles frei, rollte sich wieder ein und, Trümmer Blöcke Geröll Aschen an sich nehmend, stellte sie sich auf, gebäumt höher höher wachsend, schlagprasselte in einem wallenden Sturz über das geifernde Land.
Die Menschen, die von Europa aus den wimmelnden Stadtschaften herübergekommen waren und, um das Feuer aus den Vulkanen zu holen, auf den Angriffsschiffen die Küste entlang fuhren mit den zauberhaften Apparaten, in der Stille hergestellten listigen Maschinen, wandten sich ostwärts im Augenblick, als die Feuersäulen der Vulkanschlote erloschen. Da wurden ihre zarten Schiffe, Gebilde aus Stahl und Holz, während ein Urlaut vom Firmament herunterscholl, im Wirbel um sich gedreht. Auf die fluchtbereiten Flugzeuge warfen sich die kleinen taumelnden Menschenwesen, die der europäische Kontinent geschickt hatte. Sie flogen auf dem winzigen arbeitenden Gerät über den drehenden Schiffsrand seewärts, ostwärts, dem unbewegt stehenden Eisgebirge des Vatna zu. Sie fühlten noch über dem Wasser schwebend, wie sie etwas anfaßte, rückwärts seitwärts, an Hals und Nacken. Blitzrasch waren sie geknickt, wie Bälle in die Luft geworfen, hochgeweht zwischen die flirrenden knatternden heißen Gesteine. Von den rotglühenden Backen der Bomben zerdrückt, vom spitzen Sand zerknabbert durchlöchert. Auf den Vatnajökull, nach dem sie verlangten, wurden viele gesprengt, gebunden an ihre lustig laufenden Apparate. In das blauweiße Eis des Gletschers wurden die verschobenen verknäulten Leiber getrieben, fellgeschützte Hände, durch die noch ein Zittern lief, weitgeöffnete Augen Ohren, die nach jenem Urlaut nichts mehr hören wollten. Das Eis sprang unter dem schußartigen Anprall der ungestümen Menschengäste auf. Die Gäste, zu blutenden Kugeln zusammengepreßt, machten sich selbst einen metertiefen Gang, an dessen Ende sie ausruhten. Steine Aschen stopften sich neben sie. Auf Brücken hatten fünftausend Menschengeschöpfe, die Europa hervorgebracht hatte, den Lakivulkan, den Katlaberg, die Hekla wachsen, sich mit einem Steinregen umgeben sehen, wachsen, sich erweitern, wachsen, sich heben, zerbersten. Sie waren vom Feuer verschlungen worden. Sie lagen, als die Nacht um sie zerfetzt wurde von einem überweißen Schein, greller als nahes Sonnenlicht, sekundenlang rechts und links bei ihren Maschinen, gekrampft verschrumpelt, in sich geschlüpft. Brauchten dann ihre Muskeln nicht mehr. Schwebten wie Dampfsäulen auf mit Pfeilern Brückentafeln Rollenträgern Fahrgut Schienenwerk. Wurden von dem Feuer angenommen, ihrer Gedanken, menschlichen Natur, Leiblichkeit entkleidet, waren nach drei Sekunden nichts anderes als die gasende Lava: Wasserdampf Kohlensäure glühender Kalk.
Das Land war in dem Augenblick, den Himmel Meer Schiffe Brücken Menschenwesen mit Tosen und rasenden Verwandlungen erfüllt hatten, antwortend auf die Frage der großen Glut, zu einem Feuersee geworden. Der See floß von der Linie des Tjörsarflusses bis zu dem Lakivulkane im Osten, nach Norden zum flammenden Tröllardyngar. Eingesunken in Flammen die Hekla, siebenhundert Quadratkilometer bedeckend, das ewige Schneefeld, von schwarzen Schlackenmauern gefeldert, in fünf Hügelreihen, sechs Terrassen sich aufbauend, Felsmauern längs der Vestri-Ranga, der Marklidar, dahinter der höhere Bjölfall der Malfall Grefjöll der Hauptgrat, die braunen verwitterten Schlünde. Der Raudukambur am rechten Ufer der Tjörsar versunken. Das Haupt des Myrdalsjökull. Der schreckliche Eyafjallarjökull.
In die Katla hatte sich einmal eine Hexe geworfen. Da war der Vulkan ausgebrochen, hatte das Gletschereis zum Schmelzen gebracht. Das Land unter dem Katlagletscher war fruchtbar, Kühe weideten, kleine Pferdchen überschritten die Furten, schüttelten sich, warfen sich in den Sand. Der Berg hatte seine Sand- und Bimssteinmassen und die schwarzen toten Landschaften geschaffen, das Myrdalssandur, das Kötlisandur. Dann brodelten warme Schlammflüsse von ihm herunter, zuletzt löste sich das Eis selber, rasierte die grünen südlichen Hügel, schwenkte sie in die See. In Flammen eingesunken die Katla, Fjorde Buchten Seen verdampften, mit Schmelzfluß ausgefüllt.
Der Brand überlief zwei Breitengrade, rauchte von der Skalfandabucht bis zum südlichen Vorgebirge am Myrdalsjökull. Die feurigen Massen gluteten im Osten den gewaltigen Vatna an, stießen ihren Hauch an die Ostküste, wo der Brücken- und Lagerfluß im Meer ertrunken war.
* * * * *
Als die Stöße der Luft nachließen, die Wasser gurgelten und richtungslos pendelten, warfen die nach Süden vorgestoßenen Führerschiffe Flammen und Farbensignale über das Meer. Durch den Hagel der Steine, die schweren Schatten der Aschengüsse leuchteten die Zeichen. Vergeblich. Weiter in See sausend, ihre Schiffe suchend, die farbigen Rufe in aufhellender Luft wiederholend, sahen sie eine Gruppe von Schiffen sich ihnen von Süden her nähern. Sie wurden aufgeklärt von der Flottille, daß weiter westlich nur ein kleiner Haufen Schiffe zu sichten sei, schwer durch Blöcke verletzte Gefährte, die mit den Wellen kämpften. Die Führer gaben Weisung, mit ihnen in Fühlung zu bleiben, stürzten südwärts, entsetzt über die Verluste. Sandten Flieger vor sich. Die berichteten nach kurzem Suchen: eine ganze Abteilung Schiffe fahre in Kiellinie ihnen voraus, biege eben westsüdwestlich um. Eine zweite Meldung lautete: es sind unbeschädigte Schiffe des Geschwaders, Transporter und technische Schiffe. Mit Flammensignalen Sirenenrufen suchten Führer und Flieger das wildfahrende vordere Geschwader zu verständigen, daß es zu halten habe, um in Fühlung mit den Führern zu treten. Das Geschwader antwortete nicht, raste gejagt mit höchster Kraft vorwärts. Da warfen die Führerschiffe ihre geübtesten Flugzeuge aus, die nach wenigen Minuten das vordere Geschwader kreuzten, sich in laufender Fahrt auf Schiffe niederließen. Die Flieger, die Weisung hatten nach erfolgter Erkundung und Abgabe von Befehlen Bericht zu erstatten, kehrten nicht zurück. Die Schiffe wandten nicht. Das Tempo der Fahrt verringerte sich nicht. Ein Einzelflieger, ein Kapitän, von den bestürzten Führern bestimmt, ein Raketensignal zu geben, wenn ihm irgend etwas bei der abgesprengten Flotte rätselhaft oder verdächtig erschiene, gab eine lange Stunde nach seiner Ankunft kein Zeichen; dann brannte das Signal auf. Die Flotte vorn war auf der Flucht.
Die Führer versammelten sich auf De Barros’ Schiff. Der schwere De Barros erfuhr vom Zustand seines eigenen Geschwaders. Die Menschen, Männer und Frauen, vom Entsetzen betäubt. Sie standen herum, weinten, lagen apathisch, krochen in die Kabinen, zitterten sperrten die Münder auf. Eine kleine Anzahl war frisch, beriet sich überall flüsternd. Sie erklärten, als der Verdacht der Flucht der Südflotte bekannt wurde, sie gingen nicht davon; sie würden die Fliehenden zurückholen. Prouvas, still wie die anderen Führer, vernahm Wendungen wie nach dem Unglück in der Heraldsbucht und noch gesteigert: man werde die Arbeit verrichten, man ließe davon nicht los. Er hörte sie einen nach dem andern an; er prüfte sich selbst; ihre Worte kamen ihm übertrieben und nicht ganz richtig vor. Er zitterte nicht, fand sich gewillt nicht loszulassen, aber etwas war nicht ausgesprochen. Besser war der Satz eines der Männer: er ginge nicht von dem Feuer, er wolle zurück. Das war etwas. Ingrimmig bestimmte De Barros: die südliche Flotte wird nicht nach Europa entweichen. Man war weit in See, hatte die Rauch- und Aschenzone verlassen. Es war möglich über den östlichen Verbinderschiffen, dem Standort für Kontinentalmeldungen, sich mit dem Geschwader im Thistillfjord zu verständigen, beruhigende Aufklärung zu geben, zugleich um Hilfe beim Einfangen und Abriegeln des flüchtigen Geschwaders zu bitten. Wie man weiter vorwärtsstieß, lag vor ihnen eines der großen Transportschiffe der Flüchtigen, leck, im Begriff zu sinken. Der Kapitän dieses Fahrzeuges gab Zeichen: man solle sie nicht verfolgen; die Bemannung hätte selbst das Leck gebohrt. De Barros betrat das Schiff. Die Gebrochenen hatten die Oberhand. Die Menschen bewegten sich wie Betrunkene. Niemand weinte hier. Sie blickten von den neu Ankommenden weg oder stierten sie ausdruckslos an. Einige waren geneigt jeden, der sie fragte und berührte, anzufallen. Viele standen grinsend, manche gähnten. Es stank auf Deck und auf den Treppen: Überall lagen Haufen braunen und gelben frischen Menschenkots; die Menschen rochen nach Kot. Einige standen in Urintümpeln und hockten darin; aus ihren Hosen, über die Schuhe lief es. De Barros fragte, wer das Leck gemacht hätte. Der Kapitän schloß die Augen: „Ich. Mit anderen.“ „Warum?“ „Es ging nicht anders.“ De Barros trat näher an ihn: „Es ging nicht? Es geht. Sieh mich an.“ Der junge Mensch machte die Augen nicht auf. „Ich will, ich will nicht.“ De Barros wurde gedrängt ihn zu nehmen und zu umfassen: „Du willst doch.“ „Nein, ich will nicht. Ich ertrag nichts mehr. Nicht nochmal.“ „Wir ertragen es alle. Sag, ob du willst.“ Mit den Stumpfen fast Vertierten konnte De Barros nichts anfangen. Er mußte sich vorsehen, daß man ihn nicht niederschlug wie vorher seine Flieger. Er hielt den Kapitän am Arm: „Sie haben eins auf den Kopf gekriegt. Sie haben nichts ausgehalten. Sieh nicht hin.“ Der ging entsetzt mit ihm.
Das Gros der fliehenden Schiffe hatte inzwischen weiten Vorsprung und war im Begriff sich mit den Sprechstationen Skandinaviens und des Festlands in Verbindung zu setzen. Angriffsschiffe De Barros’ flogen hinter ihnen her. Die Angreifer warnten durch Zeichen: „Ergebt Euch!“ De Barros trieb die Angreifer in Wut vor. Neue Warnungszeichen. Und dann sahen die Todmüden Verwirrten auf den fliehenden Schiffen das ruhige Meer, das sie eben nach Frieden lechzend befuhren, sich gegen sie erheben. Es knatterte auf der Wasseroberfläche; der trübe Himmel erleuchtete sich hinter ihnen. Nach einer zuckenden Erhellung sahen sie, das Grauen der Vulkane noch im Blut, eine schwarze breite Wolkenmasse über dem Wasser begehrlich auf sich zu ringeln. Das Meer, eben ihre Zuflucht, war klirrend von De Barros aufgerührt; die Wolken auf das Meer heruntergebogen rasten schwarz und steinern, Schaum vor sich rollend an. Dieses Meer, das sie trug, schüttelte an ihnen. In der schweren Finsternis warfen sich die Flüchtlingsschiffe. Erduldeten das dröhnende kerzengrad in Strudeln um sie aufstehende Wasser. Durch die brausende Finsternis schlichen, Helligkeit um sich streuend, die Erkunderboote De Barros’. In einer knappen Stunde war das Geschwader besetzt. Scharen der Besatzung sprangen kopfüber in die See. Mehrere Schiffe sanken, bevor man sie erreichte.
Man wandte zurück nach Nordwesten. Das Winseln auf den gefesselten Schiffen. So brüllten die gebundenen widerspenstigen Menschen unter Deck, daß De Barros auf offener See halten ließ und mit einer Handvoll Männer und Frauen die tobsüchtigen Fahrzeuge betrat. Er mußte eine Anzahl erbitterter Menschen ins Meer stürzen lassen. Den Unterführern gab er Befehl, weiter Ordnung zu schaffen. In Haufen wurden die Weinenden und Verängstigten, zusammengebunden, auf zwei besondere Transporter geschleppt. Inmitten des Geschwaders fuhren die beiden Transporter unter weißen Fahnen.