Part 31
Vergletschert lag der Süden der Insel. Hekla und Skapeterjökul hießen die Berge, die Schwefeldämpfe aus ihren Spalten von sich gaben. Der Mückensee dunstete im Norden mit vierunddreißig schwarzen Lavainseln; an ihm warfen aus weiten Bassins der Krabla und Leirhukr tiefblaue und honiggelbe Massen. Haushoch schossen die, prasselten in den Krater zurück, wälzten sich, gasten über die Abhänge. Meilenweit war die Wüste der Insel; Lavafelder, runzlig erstarrte Steinströme, nackte braune Blöcke, zerborstene Felsen. Verbrannte tote Ebene. In den Klüften der Laven standen spiegelnde Wasser. Springquellen warfen heiße Wassermassen. Am südlichen Rand der Wüste standen der Geysir und Strocker; in ihren weiten Wannen trugen sie helles grünes Wasser, das pulsierte. Von Zeit zu Zeit tosten die Wannen. Blasenwerfend richtete sich das Wasser auf, wölbte sich über den Rand der Krater, warf sich schluchzend zurück.
Als die Kolonne des ruhigen blonden Schweden Kylin an der Spitze des Eyjafjords landete und die Insel überflog, – Wirbelwinde gingen über das Land, die brennenden Berge, die narbigen Felder, – fanden sie Menschenansiedlungen in der Nähe der Küste. Nahe dem Landungsplatz war eine Siedlung; Schafe und kleine Rinder wanderten auf Hügeln. Man mußte, was man vorhatte, ohne sie verrichten. Es war vorauszusehen, daß sie der Expedition feindlich gegenüberstanden. Kylin und seine Begleiter umschwärmten den Krabla am Mückensee. Er war tätig; auf Meilen dröhnte die Insel unter den Schlägen, mit denen das heiße Magma den felsigen Untergrund durchbrach. Die Beben rollten über die Insel. An toten Bergwänden sahen die hochkreisenden Flieger plötzlich Schlünde und lange schwarze Kluftreihen sich auftun. Oft mußten sie sich senken, von dünnen Schwaden eingewickelt, blitzrasch aufzucken unter dem erstickenden Andrang der Schwefelgase. Mit Wonne umflogen sie das stampfende gähnende Untier, das sich da unter ihnen am See hingesetzt hatte, das Land aufwühlte, die Oberfläche des Wassers wiehernd prustend zum Schäumen brachte. In diesen Schlünden wogte die unermeßliche Glut, nach der sie begehrten, die sie herausschaffen mußten. Um sie über Grönland zu werfen, auf den weißen bergetiefen Eispanzer, der trübe anlaufen dampfen zerreißen würde, die Gletscher vom Kap Grival, der Kangardlutsuak, die Aggasinsel. Island brannte. Es mußte stärker brennen. Eine wolkenschleudernde donnerlohende Feueresse war für sie bereitet.
Wie Kylin östlich drehend in abendlichem Dunkel sich der Gegend des Landungsplatzes näherte, flammten und erloschen an der Küste kleine wie wimmernde Warnungszeichen. Zweieinehalbe Stunde sah Kylin mit seinen Gefährten, unruhig fliegend, auf einer Schutthalde landend, wieder hochjagend, die zitternden Signale aus der Nacht. Dann erloschen sie. In langer Kette, langsam, sehr hoch fliegend näherten sich die Kundschafter rauschend den schwarz im Mondlicht ragenden Klippen des Fjords. Die Wellen murrten herauf. Bei den schimmernden Zelthäusern des Landungsplatzes, auf einer sanft geneigten Wiese faßten sie Fuß. Sie liefen in der Helligkeit bergab. Stürzten über weiche Körper. Wie sie sich bückten zugriffen, die Leiber drehten, blickten sie auf dicke unbewegliche fremde Gesichter. Die Zähne waren zum Lachen entblößt, die Zungenspitze vorgestreckt. Losgelassen fielen die Körper zurück, rollten auf den Rücken, die andere Schulter. Eine Gestalt löste sich von einem Zelt, lief auf sie zu, führte sie abwärts. Die Eingeborenen des nahen Dorfes waren zudringlich geworden, hatten nach den Absichten der Expedition gefragt, hatten vier Seefahrer weggeführt als Geiseln, daß nichts geschehe und die Fremden rasch wieder abführen. Da hätten die Seeleute zum Schein die Schiffe bestiegen, die Geiseln zurückgenommen und bei Einbruch der Dunkelheit mit dem balearischen Licht die Küste abgetastet. Das war das Licht, das durch die Haut der Menschen drang, sie wie eine Schellackmasse umgab und abschloß. Von ungeheurem Hunger nach Sauerstoff wurde das Blut erfüllt. Ins Zittern gerieten die Menschen, ihr Herz stürmte, die Atmung vermochte nicht zu folgen. Sich selbst verzehrend, während das Blut aus den Gefäßen trat, hellrot, rosarot aus Mund und Nase, stürzten die Menschen hin in die Blutlachen, die noch am Boden quirlten, Blasen warfen und nicht gerinnen wollten. Am Morgen nach dieser Nacht warf man die fünfhundert Leichen, dazu Kadaver der Rinder und Schafe in den plätschernden Fjord. Finster saß der blonde Kylin vor seinem Zelthaus, den Blick auf den purpurnen Boden, hörte das endlose Traben der Leute, die immer wieder Körper vorbeischleppten, jetzt Säuglinge und Kinder aus dem Dorf, die sie von einer Klippe im Schwung in das aufspritzende Wasser sausen ließen. Als ein Windstoß ihm spitzen Sand ins Gesicht warf, den flachen Hut seitlich hinlegte, stand Kylin auf, rief Begleitung, schlenderte seewärts. Von den Schiffen stiegen neue Menschen herauf. Kylin lief in Zorn und Widerwillen. Der starke Prouvas fing ihn bei den Schultern auf.
„Kylin“ brüllte der lustige Mann, „das ist ein Tag. Ihr seid noch am Leben. Wir glaubten, Ihr seid die ersten, die über den Feuertopf stolpern werden. Noch vor dem schönen Grönland.“ „Prouvas, ich bin nicht lustig.“ „Es scheint. Wärest uns auch beinah in das Licht geflogen.“ Ein noch fetterer ganz in schwarzes Leder gehüllter Mann umarmte Kylin: „Huah. Wind auf Island. Der Boden wackelt erbärmlich. Auf den Schiffen ist es lustiger. Wir freuen uns, daß du lebst.“ Kylin konnte nicht vom Boden aufsehen: „Wie ist das gekommen, Prouvas. Mit dem Licht. Wer hat befohlen, das Licht anzuwenden.“ Prouvas trat erstaunt zurück: „Das Licht? Hat es nicht gewirkt? Sie schleppen schon den ganzen Morgen. Komm rüber.“ Der im schwarzen Leder: „Keine Maus ist davon. Kylin scheint eine kleine Ladung abbekommen zu haben.“ „Ich bin nicht im Bereich des Lichts gewesen, Prouvas und Wollaston. Es sind sehr viele umgekommen. Das ganze Dorf.“ „Allesamt. Tiere mit. Das Licht hat keine Augen, sucht nicht aus.“ Kylin reckte sich, legte beide Arme über das Gesicht, schüttelte sich, spie. Leise gab er von sich: „Pfui. Es ist gut.“ Die beiden anderen schmetterten ihr langes Lachen heraus: „Nun ja, Kylin. Es ist gut.“ „Es war roh.“ Prouvas umfaßte den im Leder: „Da haben wir Marduk den Zweiten. Gründe ein Königreich, mein Sohn, aber nimm die Arme herunter.“
Der ließ sie sinken: „Erst kommt weg. Wieviel werden sie noch herausschleppen.“ Prouvas: „Du hättest es ansehen sollen. Es war mit den Scheinwerfern gut zu sehen. Eine Minute rannten sie, als wenn sie niesen wollten. Dann setzten sie sich ganz ganz langsam, einer wie der andere. Ich glaubte, sie weinten oder das Wasser lief ihnen aus den Augen. Und dann waren sie tot.“ Wollaston: „Sind es fünfzig, die hin sind, sind es fünfzig. Sind es hundert, sind es hundert. Sind sie tot, sind sie tot. Dableiben konnten sie nicht.“ Blinzelnd Kylin aus seinen grünblauen Augen: „Ich habe die Leitung.“ „Freut uns zu hören.“ „Ich habe die Leitung.“ „Es freut uns.“ „Ich habe von Menschenausrottung nichts gesagt.“ Brüllend Wollaston: „Haben wir es uns vorgenommen? Ich? Oder Prouvas? Haben wir Menschen ausgerottet? Die Leute mußten weg. Sie werden die letzten nicht sein. Wenn du schwach wirst, gib die Leitung ab.“ Ruhig Kylin: „Was meinst du, Prouvas?“ „Nicht Wort für Wort wie Wollaston. Aber ich habe die Lichtröhren bedient.“ Der im wattierten Fliegeranzug öffnete die Hände: „Einen halben Tag. Vertretet mich.“
Gegen Abend flog Kylin an das draußen liegende Geschwader. Seine Schwester, die mit der Expedition fuhr, hatte den Tobenden beruhigt, der immer beteuerte, er ekle sich, hätte sich mit Vieh eingelassen; er schließe sich den englischen Siedlern an, gehe zu Zimbo. Auf Stunden war Kylin der Sinn der Expedition entschwunden. Er heulte, es sei Lüge, was sie trieben. Beim ersten Schritt, den sie täten, sei es klar geworden. Wie er vor seinem Flugzeug stand, faßte er sich fragend lächelnd an die Stirn: „Schwester, sie müßten mich in Brüssel sehen. So müßten sie mich sehen. Wie einem in den Knochen steckt, was Marduk und die andern sagen. Treiben wir Unfug?“ Aber die Schwester umfaßte ihn, ihre Augen funkelten: „Es ist vielleicht ein Unfug, Brüderlein. Aber auch noch mehr. In manchen Augenblicken weißt du es auch. Nachher wirst du es wieder wissen. Hörst du die Vulkane? Sieh sie an. Wir werden sie fassen. Denk, Brüderlein, wir werden sie fassen.“ Sie schob ihn auf seinen Sitz, griff nach dem Steuer, lachte: „Gönn mir die Freude zu steuern.“
Die Schiffe umfuhren Island in nordwestlicher Richtung. In der Höhe der stoßenden Krabla und Leirhukr ankerten sie weit in See. Der Anblick labte das Geschwader. Die Küste von Ingolfs-Höfdi bis herauf nach Glettinge Nes strichen die Flieger ab. Ufer Inseln Hinterland waren frei von Menschen, die Lavawüste südlich rauchüberschwemmt. Von den Mutterschiffen jagten die Flieger auf, maskengeschützt, darunter Dutzende Frauen, immer in Gefahr, von dem aufblasenden Feuer verbrannt oder gesengt zu werden. Sie nahmen Bilder der furchtbaren Landschaft an der wirbelnden See auf, durchsegelten mit ihren Metallflügeln die Lohe, senkten sich in Pausen herab, schossen davon. Weiter südlich stellten sie neue Schwefeldämpfe Kraterbildungen an Punkten des Mittellandes fest. Springquellen stellten ihre Tätigkeit ein. Statt dessen rieselte schmauchte Gas aus Rissen Klüften; dazu Rumoren, dumpfes hohles Rollen. Kylins Expedition konnte ohne Furcht vor menschlicher Störung angreifen. Es war sicher, der Vulkan stand über einem ungeheuren feurigen Magmaherd. Man brauchte sich nicht drum zu bekümmern, ob die Herde abgekapselt in der harten Erdrinde, in einer Höhle steckten, eine Blase des großen schmelzflüssigen Magmas, oder ob das Erdmagma selbst, der Nickelstahl des Erdleibs das ihn umkrustende, auf ihm schwimmende Siliziummagnesium durchbrach. Man mußte darauf losstoßen.
Und die Erde kam ihnen entgegen; das Geschwür war im Begriff zu platzen. Man verständigte sich mit den nachfolgenden Geschwadern. Unter dem Brüllen des gähnenden Krabla, zischendem Aschenregen fand am Hunafjord in einer Bucht eine Begegnung der Führer der Kolonnen statt. Kylin hielt sich zurück. De Barros vom zweiten Geschwader wies in die Richtung des Krabla: „Da hört euch das Ding an und meine Stimme. Können die beiden gegeneinander aufkommen? Nein. Seht meinen Kopf an oder meine Hand und den Krabla. Oha, der ist groß, der Krabla. Schluckt sechstausend, sechs Millionen Menschen und wird davon nicht dicker. Wir wollen mit dem Goliath reden. Er wird prahlen mit seinem Kopf, mit dem Wanst, wird toben. Indianergeschrei. Eins in die Flanken und er ist hin. Bleibt nichts von ihm wie ein Schutthaufen.“ Der biegsame Kylin, der lange elastische oft finstere Hauptführer der Expedition, hatte sich wieder gefunden. Er war ein stolzes klares Wesen. Er zog, auf den Rauch schielend, die glatte kurze Oberlippe hoch: „Dies wird der Anfang sein. Es ist gut, ja es ist gut, daß wir uns zusammengefunden haben. Schlimm, so weit von den Kontinenten. Aber kein Schade. Wir werden vielleicht selber – wie Vulkane uns über die schlafenden und blödsinnigen Kontinente machen, samt ihrem Inhalt und ihrer Auflagerung.“ Und er träumte: Besinnung, endlich, bei Island.
In der Breite von sechzig Kilometer Luftlinie nahmen die Arbeitsschiffe Stellung an der Nordostküste der Insel. In den Tistillfjord fuhr eine östliche Gruppe. Vor der Halbinsel Rifstangi angesichts des kahlen Svalbardberges ankerten Kylins Mannschaftsschiffe. Bis zum Eyjafjord unter den Schneestürzen des Rimar dehnte sich die westliche Gruppe. Der Sturm peitschte unablässig das Meer. Die Schiffe waren Kolosse von der Höhe eines Berges. Rückwärts und getrennt von ihnen schwankten flachere runde kleinere: hier lagerten Maschinen Apparate Vorräte Erden Sprengmaterialien Metalle; dies waren die technischen Beischiffe. Die Geschwader entnahmen ihre Antriebskräfte den gewaltigen Kabeln, die die Arbeitsschiffe selbst auf ihrem Weg hinter sich herzogen und von Skandinavien über den Schelf des Festlandes, den Abgrund der Tiefsee, die arktisch-schottische Bodenschwelle gespannt hatten. Die Kabel, in Isolatoren gebettet, trugen von Strecke zu Strecke Entnahmewülste. Der Draht, der von oben nach ihm suchte, das Kabel abtastete, in der Flachsee von Booten geführt, hakte und haftete mit seinem Kopf in dem Wulst fest. Wühler und Reiniger liefen dem Ladedraht vorauf, schoben die Sandmassen vor dem Draht beiseite, glitten anhebend an dem Kabel entlang. Ein Ladestrom vom Ort eröffnete den Wulst. Und schon schwollen die Energien der fernen Länder, die Gewalt der Katarakte in dem erzitternden Kabel hoch, warfen sich über die aufschmetternden Maschinen, tosten durch die Schiffe.
Nördlich vom schwarzen aschenbestreuten Myvatn, dem Mückensee, raste und fauchte unsichtbar der Krabla. Und neben ihm Leirhukr. Jubelnd blickte Prouvas von der Höhe des Svalbard über die Schnellen und Wirbel des klippenversenkten Jakutsa zu dem Vulkan herüber. Zur selben Zeit lachte zehn Meilen von ihm am Rimar, auf der Höhe des stummen staubbesäten Myrkarrgletschers der breite Wollaston. Er trampelte auf dem Boden, bis das Weiß des Schnees hervorkam. Stieß mit seinem Stock in den Schutt: „Daß du herauskommst, Gletscher! Myrkarr, großer Myrkarr! Daß du uns ansiehst. Es gibt ein Spektakel. Seitdem du auf den Beinen bist, hast du so eins nicht gesehen. Der Krabla spuckt noch. Bald ist es kein Spucken mehr. Er streckt die Zunge aus dem Hals. Hat sich ausgejagt.“ Er erstickte fast im Qualm: „Bald sieht keiner was von euch, Krabla und Leirhukr.“
Als das mittlere Geschwader zum Brückenbau schritt, hatte der Sturm aufgehört, Windstille mit Regen war gekommen. Die Insel rollte wie sonst. Der Qualm zog hoch nach Osten ab. Die Feuersäulen leuchteten durch die Nacht. Sie schlugen Brücken von Axarfjord herauf zur Höhe des Burfell, von der Spitze der Rimarhalbinsel über die Hügel weg auf den Gipfel des Rimar, von der Rifstangihalbinsel am Tistillfjord auf den Svalbard. Die Brücken stiegen schräg auf aus der Meeresbrandung, dann schwangen sich die weiten lichten Fluchten der Viadukte ins Land, über Bäche die von Bergen schäumten, über Geröllhalden Moore tote Laven, durch die nebeldurchzogene regenverhangene kühle Luft zum hohen Svalbard, zum großen Myrkarrgletscher, zum zackigen Rimargipfel.
Die Pfeiler und Widerlager rammten sie nicht in den Boden. Metallflieger stiegen auf, ließen sich zu zwanzig dreißig auf den Klippen, an den Abhängen nieder. Sie schlugen grob Schutt und Steine beiseite, wühlten mit Spitzhacken und Hämmern, brannten flache Löcher in dem Felsen frei. Da hinein legten sie die dünnen Platten, die, unscheinbare blaugrüne leichte Scheiben handgroß viereckig, kleine Schilder, vor ihrem Brustleder hingen. Die Scheiben schlossen sie zum Laden an den Zweig des Kabeldrahtes an, den sie mit sich führten. Und schon, wenn es in den Platten knackte, ließen sie sie los, auf das flache Loch fallen, schwirrten davon. Die Platten, aufeinander gepreßte Blätter, glühten. Das oberste geladene Blatt strahlte schmolz. Und wie sich seine Masse mit der des zweiten Blattes mischte, stieg ihre Hitze. Die brünstig ineinander brennenden ersten und zweiten rissen das starre dritte in den Brand. Knisternd spaltete sich das, tropfte seitlich und an der Bruchstelle, um plötzlich erweichend mit einem Schrei sich in das Feuer zu geben, das weiß niedrig immer bläulich durchsichtiger wurde. Und wie die pfeifenden keuchenden streng und starr sengenden saugenden sich rund rollten, bog sich das letzte Blatt, streckte sich wie in einem Krampf, schlug sich um, gezogen gespannt zu einem haarfeinen Glas, einer schillernden Haut um die singenden drei. Die Kugel wuchs hoch, weiß, blauweiß, hellblau, dehnte sich, dehnte sich. Schmelzend zersprang sie und im Augenblick war jede Farbe aus dem armhohen Brand verschwunden. War nichts da als ein strenger starrer befehlender Hauch, ein Röcheln. Und schon war alles weggerutscht von der Felsplatte, abwärts gesunken in den Fels hinein, metertief gestürzt. Sein Leben im Brand von sich gebend verdampfte verstöhnte es in der Tiefe, während über ihm gallertig der geschmolzene Fels auslief.
Die kreisenden Flieger stießen auf die schmelzenden wieder gerinnenden Felsen herunter. Rammwagen fuhren an die gischenden Öffnungen, bohrten hochausholend Pfeiler in die schmorende Masse, hielten sie, bis das Zittern der Luft nachließ, der Felsbrei glasartig die Pfeilerfüße umklammerte.
Pfeiler auf Pfeiler wurden über das Land im Gestein gegründet. Eine Pfeilerreihe vom Lager Kylins überquerte den Jakutsa. Eine Reihe stieg vom Axarfjord über den Burfell. Eine Reihe wuchs gewaltig vom Rimar her, griff über den Myrkarrgletscher, stieß zum Skjalfanda; auf dem qualmschweren Odadablachfeld machte sie halt. Es war ein breites steingegossenes Wesen, das hier wuchs; Nachbarstück berührte Nachbarstück. Über dem Fundament waren aufgepflanzt ringförmige Trommelträger, die Rollenlager trugen. Von Strecke zu Strecke konnte das bewegliche Tragwerk, eine Pfeilergruppe bedeckend, auf seinem Drehtisch hereingeschwenkt herumgeworfen werden, das Fahrgut gerettet, die Pfeiler entblößt werden. Mit mächtiger Lichtweite übersetzten die fliegenden Brücken das Gebiet von dem tosenden Meer bis zum schwarzen Myvatn, dem See. Unter ihnen lagen tief im Rauchschwall die gespaltenen graublauen Gletscher, die Geröllebenen, Täler mit schmaler Sohle und felsig abstürzender Lehne. Furchtlos rannten die Pfeiler vor gegen das speiende Plateau der Vulkane.
Es war keine Woche um, da sausten die ersten Wagen auf Schienen, die sie selbst um sich warfen, über die glatte Fahrbahntafel. Überrollt war der Zug und unterrollt von dem bogenförmig langgespannten, hoch vor- und zurückgedehnten Paar Schienen, die als langgezogenes Oval die Wagenreihen zu Häupten und Füßen überrundeten. Zwei Ringe umsauste sie der Zug, der die stählernen um sich drehte, immer neu überrannte, von oben her zu seinen tretenden Füßen herabriß. So überdonnerten sie die Brücken, blendende Lichter vor sich werfend, bei Tag und in der völligen Finsternis des Rauchs und der Nacht, den magnetisch in die Brückentafel eingetragenen Spuren folgend. Unter den frisch einsetzenden Böen wurden aus den Schiffsbäuchen der drei Geschwader geschleppt, auf Wagen geschoben und montiert die Maschinen, vor denen vergehen sollten der Krabla, der gurgelnde Vulkan, und der Leirhukr, das dampfende bergezerreißende gasende Unwesen.
Kylin hatte in die Maschinen neue Kräfte eingespannt. Er war aus Marduks Schule. Wie Marduk die Bäume auftrieb, ihr Leben in furchtbarster Weise reizte, so zu tosendem Wuchs und Überwuchs zwang, so hatte der schwedische Schüler die Gesteine und Kristalle bewältigt. Er hatte das Futter gefunden, mit dem man Gesteine speist. In hingerissenen Stunden hatte er das Sprießen und Sichfügen der Kristalle geschaut. Das Wachsen der Schneenadeln der Eisblumen auf der Glasscheibe aus dem hauchenden Atem war sein erstes Wunder gewesen. Und wie er den langen großen Marduk, den Botaniker, mit trockenem Samen Keimlingen langhaarigen Wurzeln Reisern abgeschnittenen Laubblättern arbeiten sah, – unter dem Anhauch der Nährgase und Reizlösungen streckten sich in den Stengeln die Gewebsstränge, Siebe und Gefäße, die Vegetationskegel der blassen Tannennadel trieben ihre Wülste aus, Zellhaut legte sich über Zellhaut, – überfiel Kylin der Wunsch, auch mit seinen Steinen und Kristallen so zu spielen. Es war etwas Üppiges Freches Niedriges in dem Wunsch, aber es zog ihn dahin; das hitzig trübe Gefühl lag über ihm. Ja, er fühlte sich, vor den Schwemmkästen und Heizröhren liegend, in die er seine Kristalle eingespannt hatte, herausgefordert; sie gediehen nicht wie er wollte; er mußte Herr werden. Mußte sie wie Tiere jagen können; ist ein Stein mehr als ein Pferd? Hitze, wechselnde Lösungen, elektromagnetische Kräfte verhängte er über sie. Bis hier und da etwas anfing in ihnen biegsam zu werden. Dann tastete er sie mit Strahlen ab, die von ihnen abprallten, die sie durchließen, sie kalt ließen, zum Erhitzen brachten. Er erkannte, daß diese Steine empfindlich waren und sich auswählen ließen von Hitze Druck und Strahlen wie Tierrassen von einem Blutserum. Es kam nicht auf die zufällige Kristallgestalt an, sondern auf die kleinsten Teile, auf die Urwesen, die sich in den Kristallen gefesselt hatten, auf die Art, wie sie sich verschränkt, gelagert, gebunden hatten. So konnte man sie auftreiben, ihre Verwandlung durchspüren, wie man wollte.
Auf den rundlaufenden, brummend anziehenden, höher und höher singenden Schienen jagten an einem Nebelmorgen die schlanken Maschinen über die weitgespannten Brücken. Kaum zwei Meter hoch waren die Maschinen, flach und lang wie die Wagen, auf denen sie montiert waren. Sie hatten am Kopf Durchbohrungen, Augenlöcher, die sich mit dem Kopf zur Seite, nach oben und unten wenden konnten. An fünfzig erwählte Männer und Frauen lagen an jeder Maschine. Die Luft war von schwirrenden Fliegern erfüllt, die weder der Aschenregen noch die Furcht vor dem Kommenden zurückhielt. Der Jökulsafluß mit seinen Schnellen brauste in seinem sandigen Bett. Weither von einem Laufgletscher kam er, schmutziggrau wälzte er sein Wasser an dem tobenden Krabla vorüber. Wenn sich der Rauch vom Myvatn, dem See, hob, wurde die Linie des dunklen Lachsflusses sichtbar, der wie ein gepeitschter schreiender geifernder Dämon aus dem See fuhr, hochgebäumt, von Lavabomben überschüttet. Er überrannte zertrat sie, ließ sie seitwärts fallen. Man hörte bis zur Höhe das kehlige Röcheln des rüttelnden Wassers, sah die ingrimmige Gischt über die Blöcke spritzen. Schwarz und still lagen hinter ihnen die Spitzen der Fiski-Ebene. Die Berge ruhten um die Vulkane.
Da kam, während sie eben noch ruhten, ein sonderbares Leben über sie. Als zuckten sie leicht mit den Wimpern, schlossen die Lider, zuckten wieder mit den Wimpern. Der Krabla begann. Und bald fing der Leirhukr an. Ihre Ostwand Nordwand Westwand verschob sich, ihre Lasten ruckten, ruckten höher, als jucke sie etwas. Ihre schweren Wände, den zierlichen Brückenpfeilern zugewandt, wurden überrieselt von einem Steinsturz, der nicht nachließ, der die Wände mit einem Nebel umhüllte. Der Nebel nahm zu. Und während er sich im Kreis ausdehnte, von den Bergen wegwuchs, hörten sie auf den Brücken ein Krachen, das über alles irdische Ausmaß war. Ein unendliches Schurren Grollen Dröhnen, das mit seinem gleichmäßigen Anwachsen das Schnattern und Prasseln des Vulkans überscholl überstieg, so überstieg, daß niemand wußte, wie es zum Himmel aufwuchs, aus welcher Richtung es kam. Es brummte und brüllte aus Süden Westen Osten Norden, und doch brüllte es nur von den Wänden der Vulkane, die hinter den Steinstürzen langsam in die Höhe stiegen, als höben sie sich, von einem Beben gehoben, aus dem weichen Boden empor. So wuchsen die Wände, wie wenn einer langsam den Finger hebt. Wie ein Schlafender sich aufrichtet, langsam den Rücken gerade biegt, die Arme aufstemmt, den Blick noch nach unten, träumend; die Zunge drückt er an den Gaumen und schmatzt.
Unter den Blicken von Kylins Maschinen wuchsen sie, von ihnen gesteigert gebläht. Hinter den wallenden immer tieferen Steinschleiern, an den hebenden Wänden stürzten die toten Lavablöcke, die die Blicke nicht anfaßten, rannen abgeschüttet die gefalteten krustigen Lavaströme, zerbrechend, wie Schiefer polternd, knirschend, sich an sich selbst zerreibend. Die Wände dehnten sich hoch und hoben sich von einem unsichtbaren Kern ab wie Blasen.