Part 21
Die Horden bildeten in den Lagern ihre barbarischen Sitten aus. Sie zwangen sich zu hungern, in der Kälte sich halbnackt zu bewegen, gröbste Ackerdienste zu tun. Die Äcker der Krieger, von Tag zu Tag neu mit Steinen besät, waren berüchtigt. Folterspiele, die dicht an den Tod des Gefolterten führten, waren im Schwange. Laufen über spitze Kiesel mit nackten Sohlen leitete ein. Dann nächtiges unerwartetes Kämpfen mit einem starken Menschen, der die Schlafenden überfiel. Keiner kam dem Schreienden zu Hilfe; bis zum Tode hatte er sich zu behaupten und oft führte die Wildheit des Kampfes zum Tode eines, meist des Neulings. In den Horden hatte man verschiedene Abzeichen, aber nirgends herrschte despotischer Gehorsam. Die Gesiebten führten eine Art Ratsversammlung, wobei sie finsteren Ernst bewahrten, über Neulinge berichteten, Aufnahmen bestimmten. Vor diesen Versammlungen fanden auch die sogenannten „Zeichnungen“ der Neuen statt. Das waren in den Horden, je nach dem Vorwiegen barbarischer oder weißer Elemente, verschiedene Prozeduren; man wechselte auch in den Horden selbst damit: Einbrennen von Brustschildern, Zertrümmerung einer oder beider kleinen Zehen, Ausschlagen von Zähnen. Bisweilen wurden diese Maßnahmen abseits vollzogen, in der Regel vor der schweigenden Ratsversammlung, die in erhaltenen Lagerräumen, alten noch kostbar ausgeputzten Vergnügungsbauten stattfand. Sitten dieser Art waren seit dem Umschwung im Märkischen nach dem Uralischen Krieg allgemein geworden. Die „verlängerte Taufe“ war eine Prozedur, die viele Mütter an ihren Neugeborenen übten: Unterwasserhalten der Säuglinge bis zu einem gegebenen Zeichen. Diese „Taufe“ forderte zahlreiche Opfer und war ein Mittel, überflüssige und ungewünschte Kinder, besonders weibliche, aus der Welt zu schaffen. An „Tölpelspielen“ übten sie sich, höchst gefährlichen Spielen, bei denen Gefangene an nicht sehr wirksame Nahapparate gestellt wurden. Den Gefangenen gab man zu ihrem Erstaunen solche Apparate in ihr Gefängnis, das sie burgartig ausrüsten durften. Aber rasch erlebten sie, was man mit ihnen vorhatte: nächtliches Fortnehmen der Apparate durch Männer, die sich einschlichen; denn sie hatten ihre Gefängnisse selbst zu bewachen; an Ausbruch dachte niemand bei der Nähe der stärksten und listigsten Menschen und der nicht weit entfernten schweren Fernapparate, Nebelwerfer Wolkenentwickler Verzauberer Veräscherer. Plötzlich stand jemand neben ihnen, tat, als wenn er sie besuchen wollte, vielleicht verräterische Freundschaft mit ihnen anknüpfen. Und bald stieß er das gelle Hordengeschrei aus, lag auf dem erbeuteten unscheinbaren, mit Hebeln Knöpfen Schiebern versehenen Kasten, blitzte durch den Raum. Bisweilen kam es zu Schlachten in größeren Gefängnissen. Die Angreifer mußten sich durch Sprünge aus dem Fenster retten, büßten ihre Kühnheit mit dem Leben. Von außen kam ihnen niemand zu Hilfe.
In solch Gefängnis, im Hordenbereich bei Linden, wurde Angela Castel mit ihren Frauen und einer Anzahl Täuscher verbracht. Die hellbraune Führerin glaubte, Marduk werde sie vernehmen; ganz leise hoffte sie, Marduk werde sich ihrer bedienen gegen Zimbo. Aber er kam nicht. Nur in beschämender Weise wurden ihre Frauen vor Hordenversammlungen gezogen, Selbstmorde fanden statt. Darauf setzten die Überfälle ein, die zuerst in dem Gefängnis niemand verstand, und die Ausrüstung der Gefängnisse mit Nahwaffen. Eine Ermahnung an die Gefangenen kam: sie seien selbst Hüter ihres Lebens, es würde ihnen in Gefahr niemand beistehen. Dann wurde klar: die Horde betrachtete sich in Kriegszustand mit den Gefangenen. Entwürdigungen der Frauen ließen nach; man bewahrte sie für Kämpfe auf. Da begann die Castel mit ihren Frauen sich auf Krieg einzurichten. Nach zwei Wochen galt ihr Gefängnis als unnahbar. Die Castel wußte, daß sie unter der Aufsicht von Fernwaffen stand, aber daß sie vor ihnen unbesorgt sein konnte. Die Frauen im Gefängnis waren von der größten Wachsamkeit, das Gerücht von dieser Festung lief zu entfernten Gruppen. Starke Überfälle wurden auf diese Burg verabredet; viele Männer kamen um; nur List und waffenlose Gewalt war den Männern erlaubt.
Da erschien Marduk, wie Tauwetter eintrat, mit seiner Wache auf dem Platz vor dem Gefängnis am späten Nachmittag, ließ Frauen und Männer heraustreiben. Er fragte nach der Castel. Ging schon, als man sie rief, zwischen dem Haufen hindurch, betrachtete die Menschen, die stumm die Arme hängen ließen oder sich mit einem Gruß verbeugten. Blasse schwächliche und starke Frauen; wilde südliche Gesichter, feine weiße Züge der Menschen aus den alten Herrengeschlechtern, zornige und kalte herausfordernde, weichliche Mienen, Augen, die keine Kenntnis von ihm nahmen. Er kannte sie, die aus den heimlichen Versuchsstätten hergescheucht waren; besser als seine jahrzehntelange Beobachtung hatte der westliche Vorstoß, der Krieg, ihre Hoffnung sie herausgetrieben. Sie konnten ihrem hochmütigen Drang nicht entsagen; es war ihnen recht, daß sie hier standen. Ein Hauptmann ging neben Marduk durch die Schar, die sich überall rasch öffnete und um ihn weit Platz ließ. Sie schienen, wie die Blicke, die sie sich zuwarfen, das rasche Anstoßen mit den Schultern zeigten, Furcht vor einem unvermuteten Angriff zu haben. Aber Marduk ging, während die Castel ihn seitlich erwartete, durch die Schar. „Was willst du?“ hob Marduk die pelzbeladenen Schultern, als die Castel sich vor ihn stellte, klein, mit strengem ernsten Ausdruck. „Du hast nach mir gefragt. Ich bin Angela Castel.“ Marduk, den ein Windstoß traf, drehte sich um; er ging hustend mit ihr zwei Schritt seitwärts: „Es ist eine Frau ins Lager gekommen, eine Täuscherin wie du, oder doch die Gefährtin eines Täuschers. Sie heißt Elina.“ „Ich kenne sie nicht.“ „Sie ist wahrscheinlich selbst eine Täuscherin, obwohl sie aus irgendwelchen Gründen behauptet es nicht zu sein. Ich habe Veranlassung sie festzuhalten. Sie kommt in dein Gefängnis.“ Dann drehte er sich ihr voll zu: „Im übrigen habe ich gehört, daß ihr euch bei Überfällen gut haltet. Ich möchte dir raten, es nicht zu weit zu treiben.“
Die Castel gab den andern, über die sie Gewalt wie früher hatte, keine Auskunft über das Gespräch mit Marduk. Während sie ins Gefängnis zurückkehrte, mit zusammengepreßten Lippen, war ihr klar, daß Marduk wegen dieser Frau gekommen war und ihm an ihr gelegen war. Sie ballte die Faust. Und als Elina nach einer Stunde eingebracht wurde, erfuhr Angela Castel, daß dies die Gefährtin Jonathans, Marduks Freundes, aus dem Mecklenburgischen sei: So hatte man Jonathan, den leichtsinnigen von allen geliebten, auch entdeckt. Viele weinten an dem Abend im Gefängnis. Elina, bei der Castel sitzend, sah es mit Verwunderung und leiser Freude. „Wir werden Opfer sein. Was kann sich der kleine Marduk gegen die Welt behaupten“ weinten sie trotzig. Elina dachte: „Ich könnte nicht über Jonathan weinen, selbst wenn er eingesperrt wäre. Dabei bin ich ihm gut. Was tut Marduk mit mir.“
Sie erlebte noch in derselben Nacht einen furchtbaren Angriff der Barbaren auf die Gefangenen. Sie hörte das Todesröcheln einer erwürgten Frau in ihrer Nähe, das Knattern der kleinen Glutschleuderer, sah die erleuchteten tobenden entdeckten Männer, halbnackte, mit bloßen Füßen, über deren Körper die entzündete Masse wie ein Schleier lief. Unter trockene Lederschürzen warf man sich; sie lag neben der Castel. „Muß ich das oft erleben“ fragte sie am grauen Morgen die Castel. Die lächelte böse, noch liegend: „Solange es den Hunden gefällt, uns anzugreifen.“ „Weiß Marduk davon?“ „Gut, mein Hühnchen. Schlaf noch, damit du in der Nacht munter bist.“ „Was hat er mit mir vor?“ sann Elina. „Er hat mich wie eine Fremde angesehen.“ Sie mußte tagsüber dauernd zusehen, wie man tote Männer zum Fenster hinauswarf. Die Zahl der Frauen verminderte sich. Nacht um Nacht, Tag um Tag wurden welche geraubt erwürgt erschlagen, kamen von Nachbarapparaten um. Die angreifenden Horden liebten es Gefangene zu machen; es galt als besondere Ehre eins von den starken Weibern lebend zu fesseln. Zum Hohn wurden sie vor dem Gefängnis mit Stricken geschlagen, um die Gebäude herumgejagt, an einen erhöhten Pfahl mit geschlitzten Röcken und eingepflanztem Rübenkraut gebunden. Regelmäßig endete dieser Vorgang mit einer gewaltsamen echt märkischen Prozedur: mit Ketten hingen die Gefangenen, während ein Feuer lohte, an dem Eisenpfahl in der Mitte des Platzes. Sie setzten sich der Erstickung oder Verbrennung aus, wenn sie sich nicht losrissen. Die Ketten aber endeten nicht an den Händen Füßen Knien Leibern der Gefangenen, sondern gingen in Roßhaare aus, die durch die Zunge Armmuskeln Brustmuskeln gezogen waren. Es war Sache des Mutes oder der Todesangst der Gefangenen sich loszureißen, das Fleisch zu zerreißen. Mit Bewunderung oder Verachtung sahen die Männer dem kämpfenden schreienden zusammenbrechenden oder davonstürzenden, blutend hinrollenden Wesen zu.
Die Apparate in den Gefängnissen wurden weniger. Und als es klar wurde, daß man zu Ende war, fingen die Frauen an, ihr Augenmerk auf Elina zu richten. Die Castel hielt sie immer dicht bei sich, beobachtete sie. Elina hatte sich nie für eine Täuscherin ausgegeben. Die Weiber haßten sie, die Castel mußte sie schützen. Jetzt bestürmte sie Elina; sie sei eine Freundin Marduks, sie solle ihnen beistehen. Elina wich aus; sie sei von Marduk nur eingesperrt worden.
Da fingen die Weiber an sie zu martern. An ein Fensterkreuz banden sie sie, damit die Krieger draußen sie sähen. Die draußen kannten Elina nicht, wußten aber, daß der Konsul sie hergeführt hatte. Sie faßten die Marterung Elinas so auf: die Weiber wollten den Konsul verspotten. Man machte besondere Jagd auf Elina.
Eine Horde hatte sich bei Linden festgesetzt; deren junge Mannschaft setzte sich die Ausräumung des Weibergefängnisses als Ziel. List bei Überfällen gab es nicht mehr. Türen und Fenster waren mit den letzten Apparaten verbarrikadiert; unter den Fenstersimsen lagen die haßgepeitschten Weiber. Es geschah in diesen grausigen Tagen, daß sie unerwartete Hilfe bekamen: Männer aus der Angreiferhorde selbst, fanatische, die im halben Einverständnis mit ihrer Horde sich hatten überwältigen lassen und mörderisch ringend gegen die Angreifer vorgingen. Der Kampf war hier schwer: das lockte sie. Die Angreifer hatten es auf die zarte, allen bekannte, Tag um Tag ans Fensterkreuz gebundene Elina abgesehen. Bei den wütenden Angriffen erlag Weib um Weib; zu Angela Castel und Elina drangen sie nicht vor.
Als noch ein kleiner Haufen Weiber übrig war, erbittert eiskalt schwer erschöpft, kaum imstande die Apparate zu bedienen, kaum stark genug, in der üblen Luft die Leichen der Männer und Frauen fortzutragen, gaben sie zuerst den zugekommenen Männern auf, sich zu entfernen; sie wollten sie nicht mehr. Darauf hieß es mit der Angela Castel und Elina fertig werden. Es war, da die Castel sich weigerte, Elina freizugeben, unzweifelhaft, daß man beide beiseite bringen mußte. Die Castel war täglich auf die stumme Elina eingedrungen; sie sollte zum Konsul, nicht um gegen den Tod zu protestieren, aber gegen die beispiellose Barbarei. Sie hatte nur einmal eine Antwort bekommen. Aus gequälten Augen hatte sie die zarte Person angesehen, ihre Hand genommen: „Er ist kein Mensch; er ist ja selbst ein Tier.“ Die vertrocknete kleine Angela gab sie nicht frei.
Als die Führerin das Gewisper unter den andern merkte und beunruhigt verzweifelnd, selbst vorschlug, nach den Männern vor dem Ende noch dies Weib hinzustrecken, war es schon zu spät. Die Frauen erfuhren kurz darauf den letzten vernichtenden Angriff. Die Horden waren, wie man von den Fenstern schon bemerkt hatte, seit Tagen in ständiger Bewegung, deren Ursache unbekannt war. Neue Haufen zogen durch den Ort. Geräte und Fernwaffen wurden vorbeigefahren. Kleine Reiterabteilungen trabten durch. Die Horde selbst, in deren Bereich das Gefängnis lag, brannte rückwärts liegende Häuserreihen ab. Ihre jüngste Mannschaft überfiel vor dem Abrücken noch das Gefängnis, das eine vorüberziehende Truppe mit einer Fernwaffe hatte ersticken oder einäschern wollen. In wilder Trunkenheit drangen sie einzeln vor Nacht ein, nachdem sie unter Gebrüll auf dem Platz vor der Halle einen riesigen Strick vorbereitet hatten. Daran banden sie herausstürzende verzweifelt angreifende niedergezwungene Weiber eins neben dem andern an den Haaren. Kein Verlust konnte die sinnlos brüllenden, glotzäugig geifernden, steigenden kletternden drängenden zurückhalten. Alles was die Truppe hatte quoll ein. Über das Dach und durch hohe Fenster stiegen sie. Hinter den verbarrikadierten, zwischen ihnen tauchten sie auf.
Der Strick war auf dem finsteren Platz zwischen zwei Steinpfeilern ausgespannt, wartete. Aber die drin waren vom Blutrausch befallen, Männer wie Weiber, kannten und wollten kein Erbarmen. Das Ringen Würgen Stöhnen Niederkrachen. Die Männer standen, als sie keinen Gegner mehr fanden und noch eine Handvoll Weiber für den Strick hinausgetrieben wurden, da, tobten, schäumten herum, zerschlugen was sie fanden, Betten Geräte, sprangen aus dem Fenster, zündeten Türen Fensterrahmen an.
Im lohenden Licht des Feuers unter den stiebenden Funken die Gefangenen. Dazwischen die halbtote Elina, die schon sterbende Castel, der der Bauch aufgerissen war, auf der lehmigen Erde. Der Strick war zwischen sechs Pferden an beiden Enden ausgespannt. Er hing am Mundzaum der zerrenden Tiere. Finstere Nacht zwischen den Ruinen bei Linden. Ein Trupp von berittenen peitschenbewaffneten Kriegern machte sich auf, während die Horde johlend abzog, die Gefangenen zu Marduk zu treiben. Auf die sechs Pferde setzten sich Krieger. Mit Hott und Hüh, bald langsam, bald im Galopp, über Straßen Baumwurzeln ging der Weg.
* * * * *
Marduk hatte seine gefährliche Situation erkannt. Er sah die rätselhafte Haltung Zimbos, des Mannes, den England im Land abgesetzt hatte, und der sich der feindlichen Triebkräfte in der Mark bediente. Und zum erstenmal in seinem langen Konsulat hatte er gefühlt, daß Markes Werk und seines gut war; es sollte nicht untergehen.
In dem starken Menschen war ein Wohlgefühl aufgebrochen: Freude an dem Land. Der böse Rest aus seiner Vergangenheit, Jonathan, einmal in schwerer dunkler nicht zu durchdringender Zeit, – niemand sollte daran rühren – sein Freund, war zu ihm gekommen, hatte ihn angespien. Ein Grabstein war darüber zu wälzen. Dieser Jonathan der sanfte schmerzliche, hatte zuletzt geglaubt, einen Giftpfeil auf ihn richten zu müssen, hatte die Elina geschickt. Einmal hatte ihn etwas zu dieser liebenden Frau gelockt; sie blickte ihn, wie die Horden sie auf der Straße aufgriffen und herschleppten, sonderbar zage an. Sie wußte nichts zu sagen, als er sie fragte, was sie wolle. Sie durchschaute offenbar das Spiel, zu dem sie der rachsüchtig triumphierende Jonathan mißbrauchte. Vielleicht hatte sie sich selbst dazu hergegeben. Wie böse dieser Jonathan geworden war. Ein Grabstein über Jonathan. Die Frau weg. Ins Gefängnis. Zu den anderen Weibern. Martern über sie.
Zu einem Zeitpunkt, wo niemand es erwartete, knüpfte der Konsul des machtvollen märkischen Stadtreiches Verhandlungen mit London an. Nach Frankfurt Bordeaux London ließ er Boten fliegen, die seine Bereitwilligkeit zu einem Waffenstillstand kundgaben. Er werde das Vordringen seiner Männer aufhalten, die Feindseligkeiten von drüben seien einzustellen. Eine zustimmende, fast freudige Antwort wurde ihm. Zimbo, erfuhr Marduk noch aus London, war nicht sicher in der Hand des neuen Völkerkreises. Wie Marduk seine Verhandlungen den Hordenführern bekanntgab, wurde er mit Stummheit und Widerspruch angehört. Mit Kälte erklärte er, er sei noch im Besitz seiner Garde und unüberwindlicher Apparate. Senat und Hordenführer vergaßen es ihm nicht.
Sie verbreiteten trotz seines Verbots die Nachricht von den Verhandlungen mit den Westlichen. Auch seine Worte gegen sie machten sie bekannt. Unerwartet erfolgten da geheime, dem Konsul bald nicht verborgene Besprechungen bei den Horden. Eine auffällige Zahl von Kampfspielen fand statt. Und dann ein Loswandern aus dem westlichen Gebiet, ein wachsendes spontanes Fortziehen aus dem Hannoverschen, eine um sich greifende Unruhe, ein panisches Strömen ostwärts. Marduk hatte eben erst Kenntnis von den ersten Abwanderungen der Horden und kleinen Gruppen nach Osten bekommen, da flossen Massen bis herauf zur hamburgischen Grenze wie eine Schneeschmelze auf Berlin zu. In einem Sturm, unter Verbrennen aller rückwärtigen Gebäude, Verschütten der Straßen, bewegten sie sich auf dieses Zentrum.
Eine Warnung zu Beginn der Bewegung kam von Angelelli. Er hieß Marduk sich seiner Wache versichern. Dann hörte die Verbindung mit Angelelli auf. Schwere Waffen mußten die Horden an sich gerissen haben. Marduk wollte mit einem Teil seiner treuen Wache auf Berlin fliegen. Die Avantgarde geriet an eine Strahlensperre. Es konnte Tage dauern, bis sie aufgedeckt war.
Wie Marduk aus seinem Flugzeug bei Hannover auf die nasse kalte Erde stieg, hielt an seinem Haus eine kleine unbekannte Reiterschar. Eine Zahl unberittener Pferde hinter ihr. Auf einem schmutzigen flankenschlagenden Pferd saß Angelelli, der schwarze Hauptmann, sprang ab, folgte Marduk ins Haus. Er drängte heftig mit ungewohnter Erregtheit Marduk zu fliehen. Ein großer Teil seiner eigenen Schwerwaffen hielte nicht mehr zu ihm. Marduks Fernwaffen und seine Wache sei, soweit sie nicht dicht um ihn sei, verloren. Der eigenen Leibwache Marduks sei nicht zu trauen. Der Besieger der Castel, Zimbo, der Schwarze, führe selbst Täuscherhorden. Dies sei nun erwiesen. Er zeige ein doppeltes Gesicht; gegen seine Krieger das eines Täuschers wie sie selbst, gegen Fremde das eines Freundes Marduks. Die Horden strömten Zimbo zu, der Marduks Verrat trompete. Die panisch verwirrten Horden lockte er an sich. Marduk solle fliehen. Draußen ständen Pferde. Er, Angelelli, fliehe.
In dem leeren abendlichterhellten Zimmer warf Marduk seinen schweren Ledermantel auf den Boden. Auch die Lederkappe mit dem Stierzeichen des Konsuls zog er ab und warf sie hin. Die Jacke knöpfte er sich langsam auf. Er atmete die Hitze seiner Brust aus. Dies hatte Jonathan gesagt, – mit einmal brannten die verschleierten Augen dieses jünglinghaften schrecklichen Menschen wieder vor ihm –: er solle fliehen. Die Horden zogen einen Reifen um sich und liefen diesem Zimbo in die Arme. Hart sah er an dem schwarzhaarigen Hauptmann vorbei: wohin er flüchte und wozu. Der, sehr leise, achselzuckend: wir können nur das Leben retten; sie müßten nach London. Da entließ Marduk den Hauptmann, nachdem er gefragt hatte, ob man bis morgen warten könne.
Kurz darauf, in der rasch niederfallenden Dunkelheit, wurde Pferdetrappeln und Gejohl vor dem Haus laut. Der Hauptmann klopfte an das Zimmer, in dem Marduk, sein Herz zerreißend, lag. Marduk möchte herauskommen, dies draußen sehen. Schnaufend, krank und lahm, mit halbgeschlossenen Augen schleppte sich Marduk an die Tür, ließ sich, wie gerichtet, kaum vom Boden aufsehend, ins Freie führen. Fackeln brannten. Es waren Männer einer Horde. Zwischen ihnen Pferde, die sie, wie Marduk sichtbar wurde, auseinanderscheuchten. Ein Strick wurde sichtbar zwischen den Pferden. Daran hingen ein paar Dutzend Weiberkörper. Langgezogenes Klagen Wimmern. Die meisten hingen stumm. Ein Kerl rief von seinem Pferd herunter: dies seien die letzten aus dem Gefängnis von Linden; sie seien mit der bloßen Hand, ohne Waffen, gefaßt worden. Ein anderer schrie: die Castel und die vom Konsul seien dabei. Die hingen in der Mitte, sagten aber gar nichts mehr. Marduk stöhnte, sein Gesicht eine tote Bitterkeit. Man solle die Kerls verjagen. Den Strick losmachen. Die Pferde weg.
Die Castel war tot. Man brachte nach einer halben Stunde auf den Gang ihre völlig zerbrochene und zertretene Leiche; sie war völlig ausgeweidet, der Kopf, zertreten, begann erst in der Mitte der Nase. Dann legte man drei Körper hin, die zusammenhingen. Die beiden außen waren tot oder sterbend. Ihre Rümpfe von innen mit ihren eigenen Kleidern zusammengebunden und verknotet; drin zwischen ihnen hing Elina, zwischen den weichen triefenden Massen eingekauert. Sie schrie, wie man die Körper trennte, das Bündel öffnete. Ihr einer Arm hing. Sie war blutbegossen, das Haar vor ihrem Gesicht und an Mund und Nase lehmig angebacken. Die stark gekrümmten Beine konnte sie nicht strecken.
Marduk im langen Schafspelz bloßhäuptig stand an der Tür, nahm mit weiten Augen Kenntnis von den Dingen in dem trüben Gang. Das war ein Zeichen der abziehenden Horden. Hohn, Hohn wollten sie ihm antun.
Elina wurde aufgehoben; von draußen liefen Männer herein, trugen sie fort. Bevor Marduk ins Zimmer ging, blickte er Angelelli an: „Ich habe gesagt: bis morgen. Nicht wahr?“ „Es wird morgen noch möglich sein.“
Im Mondlicht bückte sich nach Mitternacht Marduk über das Strohlager Elinas, neben der eine junge Frau wachte. Der pelzvermummte Mann betrachtete sie stumm, suchend, suchend, suchend. Er stöhnte auf dem Stuhl neben dem Bett; die junge Frau ging ins Dunkel.
Draußen klapperten die Pferde. Der Wächter gab ihm auf seinen Anruf ein braunes schweres Tier. Zwischen den Häuserreihen, die niedergebrannt, gesprengt waren, jagte auf dem Tierrücken auf und ab gestoßen Marduk. Im Norden der Stadt, auf einem Feld, das die Märker angelegt hatten, hielt er.
Sehr helles gelbweißes blankes gießendes Mondlicht durch die Luft auf den Boden. Neben dem braunen Tier ging Marduk. Stöhnte noch immer. Hätte er Täuscher werden sollen, hatte Jonathan recht? Die Täuscher siegten, England und Amerika siegten? Er griff in die kalte bröcklige Nässe der Erde. Legte sie sich beruhigend auf die Lippen, leckte daran. Das Pferd neben ihm, der Braune. Der Braune und er standen zusammen. Er war nicht verloren. Nicht er war verloren. Marduks Zähne knirschten. Sein Kopf wurde an den Pferdehals gedrückt. Dies alles Neueroberte, Land und Tier und Mondschein, hatten die Krieger stehen lassen. In Zimbos, eines gerissenen Betrügers, Netz liefen sie. Ah, die tobsüchtigen Apparate mußten weg. Ganz weg. Marduk schwang sich auf seinen Braunen und pfiff. Die tobsüchtigen Apparate mußten ewig weg.
Angelelli blieb noch einen Tag, suchte den Konsul. Abends floh er, westwärts, überzeugt, Zimbo hatte den Konsul wegführen lassen, Marduks eigene Wache hätte dabei geholfen.
* * * * *
Auf Wittenberg Stendal Magdeburg schoben sich die Banden. Zimbos Boten empfingen sie auf den Wegen, die von der Elbe herführten: der Konsul Marduk hat die Stadtlandschaft und die Sache der Mark verraten wollen; Angelelli ist flüchtig; er werde das Land beschützen.
Die Horden lagen mißtrauisch am linken Elbufer. Zimbo kämpfte in seinem Lager mit der stärkeren, schon kaum zu bändigenden Erregung seiner Krieger. Sie waren in Wut über die infame Behandlung, die die Castel bei Marduk erfahren hatte; Zimbo hatte sie ihm ausgeliefert; sie verlangten: Zimbo solle sein englisches Mandat ausüben und nicht länger hinter dem Zaun halten. Zimbo sandte Kuriere zu den Horden; dann erschien er selbst zu einer Führerversammlung bei Wittenberg. Den Hordenführern war der Kamm geschwollen, seitdem die schweren Apparate Marduks, die gefährlichsten des Kontinents, in ihrer Hand waren. Sie verlangten von ihm Beweise, daß er sie nicht verriet und sich ihnen unterwerfe, bevor sie sich mit ihm zusammentaten. Er flog, finster sinnend, zurück, bereit, seiner Truppe den Willen zu tun und sie rasch zu überfallen.