Part 20
Der wandte ihm den Rücken. „Du wirst außer Landes gehen, Marduk?“ Lucio Angelelli trat neben Marduk. „Du wirst meinem Rat folgen, Marduk? Gib mir eine Antwort.“ Dessen Augen blickten auf den Hauptmann. Der griff von hinten Jonathan um den Leib, schleppte den wimmernden aufheulenden schlagenden vor die Tür, warf ihn auf die Treppe. Ein zuspringender Krieger lähmte den Hingestürzten durch einen Kolbenschlag. Marduk, selbst vor die Tür tretend, wehrte dem Krieger, der zurückwich.
Wieder wurde der Konsul, wie er am nächsten Tage die Wache beging, verzaubert von den Schneefeldern. Über Ruinen legte sich der endlos rieselnde Schnee. Hing weiß an Vorsprüngen und Kanten der Gemäuer wie ein Vogelnest, wölbte sich zum Balkon, floß Stufen herunter, überlagerte in einem breiten leichten Schwung Mauerreste Treppen Erdboden. Die Flocken stiebend vom grauen Himmel. Verschüttete Bäume Häuser Wege. Der Anblick rührte Marduk, wie er im dicken schwarzen Lederumhang neben dem Hauptmann ging, heftiger und heftiger: „Es ist die Frage, Angelelli, ob wir feige sein wollen und unsere Zeit abwarten oder ob wir standhalten. Ich will deine Antwort nicht herausfordern. Ich habe keine Lust noch irgendetwas abzuwarten. Ich bin vollkommen da.“ „Sie müssen uns das Land aus den Zähnen herausziehen.“
Angelelli ordnete für die Horde eine Feierlichkeit an, die von England herübergekommen an die indianische Sitte des Medizintanzes erinnerte. Die dreißig kräftigsten Männer der Truppe suchte er aus; sie hatten einen nahgelegenen Berg zu umkreisen und zu überqueren, bis sie erschöpft zusammenbrachen. Zwei Tage und zwei Nächte gingen die Männer ohne Speise und Trank; ein großer Teil der Truppe lagerte, bald stumm, bald singend an dem Wege. Zwei Tage und zwei Nächte hatten die Führer vorgeschrieben. Kein einziger der dreißig Männer, die sich zuletzt schleppten und wanden, kaum die Füße hoben, mit stieren Blicken, die Köpfe hängend, sich über die weiße Fläche, selbst schneebeladen, vorwärtsschoben, keiner versagte unter dem letzten Schmettern der Bläser, dem Brausen des Männergesangs auf den begangenen Wegen.
Der schwarze Zimbo stand unbeachtet an einem dieser Wege. Grübelnd schlenderte er am Abend des letzten Tages davon, pfiff vor sich. Er schnellte mit den Füßen Steine hoch. Das war bei der Horde ein schönes Spiel gewesen. An den Yellalafällen hatte er so eins gesehen. Er lachte und knurrte vergnügt. Eine junge Birke faßte er mit beiden Händen an, bog den Stamm hin und her. Die Männer hatten schöne Muskeln. Und Lungen. Wie sie sich fortschleppten, als hätten sie einen Tritt ins Kreuz bekommen; aber es ging; sie machten es. Warum sollte man ihnen etwas tun. Er bog und drehte vergnügt an der Birke. Herr Delvil und die Brüsseler gingen ihn nichts an. Die Dicken in ihren Städten, die Dickköpfe. Sie wackelten mit den Köpfen, hatten Kürbisse oben; sie mußten behutsam laufen, sonst fielen sie ihnen herunter. Er kicherte: wenn ein Sturm kommt, fliegen ihnen die Hüte mit den Köpfen zusammen herunter. Sie müssen sich einen Haken am Kopf machen und eine Kette, damit sie ihren wiederfinden. Die Birke ließ er hin und her schießen. Welchen Grund hatte er, sich für die Glotzaugen und Kürbisse anzustrengen. Die Läufer gefielen ihm. Mit denen konnte man den anderen schon um die Nase blasen. Er trollte weiter in den Abend, rieb sich die Hände, sah sich nach der schmächtigen Birke um, die noch schwankte, nahm Steinchen zielte nach ihr, warf. Da war bloß noch Marduk. Er brüllte vor Vergnügen, warf eine ganze Hand Steine. Das war ein dummer verzagter Kerl. Den muß man umlegen. Das wird nicht schwer halten. Ladung auf Ladung gegen das Stämmchen.
* * * * *
Marduks Ende begann mit dem Vorstoß der unbezähmten Castel. Offen zeigte sie die Fahne der Täuscher, die verhaßte westliche der brennenden Erde. Das halbleere von Hungernden Räubern Flüchtigen durchstreifte Land südöstlich Lauenburgs durchzog sie rasch. Ülzen, wo die intakten Horden Lubbocks und Lorenz’ sich gesammelt hatten, ließ sie in ihrem Rücken liegen. Sie war im Besitz von Brandwerfern, die sie den Hamburgern abgenommen hatte. Weder Boten noch Briefe liefen zwischen ihr und den beiden früher befreundeten anderen Täuschergruppen. Überall übte sie, durch das Schneegebiet wandernd, die Methode der schwarzen Einkesselung: Einhüllung der gefahrdrohenden Gegenden in Wolken, darauf Vergasung oder Veräscherung. Über Salzwedel stieß sie. Auf ihren Wegen zertrümmerte sie zweitausend Menschen, rechts und links hinschießend, die metallenen Stiere, das Zeichen der märkischen Revolution, die brüllenden bronzenen Wesen mit der aufgerissenen Flanke, die der blinde Konsul Marke aufgerichtet hatte. Zum Hohn umstellten männliche und weibliche Streifkommandos die Metallsäulen, warteten den Augenblick des furchtbaren langhingezogenen sich wiederholenden Klageschreis. Mitten im Schrei, im grausigsten Sterbelaut zerriß eine Granate den starren Riesenleib, warf zum Entsetzen, zum Abscheu der zugelaufenen Landbevölkerung Säulen und Erzstücke dumpfend auf den Boden. Das Sprengen der heiligen Stiersäulen fachte eine stumme Wut in den Umwohnern an. Ihre Tannenzweige breiteten Kolonnen nach der Zertrümmerung der Säulen über die Bruchstücke aus. Sie hätten schon, wenn sie nicht immer stürmisch abgerückt wären, schon eine Stunde später überall das Feuer an den Sprengorten sehen können, von den Holzhaufen, auf denen die trauernden Menschen die feindlichen grünen Nadelzweige verbrannten, nachdem sie inbrünstig, oft unter Weinen, die Bruchstücke aus Erz und Stein zusammengetragen und in den Boden vergraben hatten.
Zu ihrer Befremdung sah die sehr sichere kleine Castel, wie die Menschen, die sie zu kennen glaubte, vor ihrer Schar finster auswichen. Die durch Einzelläufer hingetragenen Worte von Befreiung und allgemeinem Zusammenschluß der westlichen Menschen fruchteten nichts. Sie erlebte dasselbe Erstaunen, das die Anhänger der alten Herrengeschlechter nach dem Tode Markes vor dem Einbruch Marduks erlebt hatten: der zuckende tiefe Widerwille der Masse vor den Apparaten, ihr zäher Hang an Markes Maßnahmen und seinem Weg. Die Bevölkerung hatte keine Möglichkeit, die Castelsche Horde anzufassen, aber in Irreführung auf Landwegen, massenhaften Einzelschikanen machten sie sich Luft. In der sehr männlichen Masse wechselte Spott auf die freche Weiberhorde der Castel mit Ausbrüchen der Erbitterung. Die Erinnerung an alte Weiberherrschaft lebte noch, reizte die vor den Pflug gejagten Männer aufs Blut. Die Horde der Castel, vorrückend, war wie von Spürhunden umgeben. Die Märker belauerten sie, warteten auf menschliche Beute. Die Frauen und Mädchen dieser Männer haßten die Castelschen Weiber am wildesten; blutgierig lauerten sie auf sie, griffen Zurückbleibende und sich Verirrende an. Zerschlugen sie, taten ihnen Schande an, sperrten sie in Ställe. In zynischer Weise vergriffen sie sich an jungen Geschöpfen, die kurz hinter Salzwedel, durch scheinbare Neugier der Umwohner verlockt, sich darauf einließen, vor ihnen zu sprechen. Kaum war der Hauptzug außer Sicht, warfen sich Frauen auf die Fremden, entkleideten sie vor den hohnlachenden Männern, zogen ihnen knappe Knabenhosen an, die in der Schamgegend geöffnet waren. Vorgebunden war da kein Feigenblatt, sondern eine derbe rote Rübe mit grünem Kraut. Die Hände wurden ihnen auf den Rücken gebunden; so mußten sie zu ihrem Hauptzug durch den Schnee. Und als ein Straftrupp zurückkam, die nahegelegenen Häuser verbrannte, da liefen hinter dem rückkehrenden Trupp, der keine Menschenbeute machen konnte, eine Schar Rinder her. Auf ihnen waren Leichen von gefangenen Kriegerinnen gebunden; den schamlosen Rübenschmuck hatte man zwischen ihre blanken Schenkel gepflanzt. Getrieben wurden die Rinder von zwei Frauen, die die Hände auf dem Rücken hatten. In kurzen Knabenhosen mit den schwankenden Rüben gingen auch sie, aber nicht stumm mit gesenkten Köpfen wie die früher losgelassenen: ihre Brüste waren entblößt, in einem Sack hatte man rechts und links an ihren Rumpf kleine wimmernde Schweine angebunden, deren Schnauzen hervorsahen und gegen die Brüste schnappten.
Die Castel wurde nicht unsicher gemacht. Bei Stendal näherte sie sich der Peripherie der alten Stadtschaft Berlin. Von zwei Seiten war sie belauert, von Marduk, der selbst bei Hannover stand, während sein Hauptmann die Hälfte der Wache in der alten Stadtschaft selbst befehligte, und vom schwarzen schmalköpfigen Zimbo. Und während noch der Hauptmann Marduks von Magdeburg heraufzog, um sie anzufallen, erschien Zimbo mit der Horde des Lorenz unerwartet bei Stendal neben der weit ausschwärmenden Horde der Frau, die sofort Halt machen ließ. Zimbo verlangte noch einmal offen die Führung bei der ganzen Aktion als Beauftragter des Völkerkreises. Dann führte er eine Unterredung herbei mit dem hellbraunen starken Weib, während er zugleich durch Ausbreitung seiner Horde die gegnerische zwang sich auszudehnen. Und wie die siegessichere Castel mit Zimbo verhandelte, ihren Tannenzweig in der linken Hand, wurde ihr Schicksal besiegelt.
Plötzlich, im Gehen und Fahren durch die knietiefen Schneefelder, war der Horde Castels, als ob alles vor ihnen und um sie auswiche umböge. Es war, als ob sie plötzlich in ein Element wie Wasser eingetaucht waren, in dem sie keine Fähigkeit, zu blicken und sich zurechtzufinden, hätten. Die in den schwarzen Rauch der Castel Gehüllten konnten, wenn sie sich Auge um Auge aneinanderdrängten, sich nicht sehen; jetzt hoben die Menschen, die Einzelläufer oder die in Gruppen, die hinter Wagen oder neben fahrenden Maschinen, Schnee auf, und die Hand, die den weichen kalten zusammenballbaren Schnee griff, – näherte sich ihnen nicht. Die Hand schien in Riesengröße ungeheuer weit entfernt. Sie zogen daran; ungeheuer und langsam, den halben Horizont bedeckend rückte sie näher. Etwas Schwarzes reckte sich vor den Menschen auf, die an den Apparaten standen. In den Himmel gewachsen waren sie. Die Menschen betasteten die Treppenstufen, die zu der Plattform der Apparate führten und die ein halbes Haus hoch schienen; mit mächtigen Händen konnten sie Stufe um Stufe angreifen, die Füße stellten sie, ängstlich, immer ängstlicher auf, sie konnten die Stufen hochsteigen und oben türmten sich die Apparate wie Kathedralen auf. Sie gingen am Boden wankend vorwärts. Sie hatten das Gefühl, die Erde wiche unter ihren Füßen aus, riesig ragte ihr Kopf in die Luft; ein fremder schwarzer Riesenkopf schwankte zu ihnen her. Die Menschen stöhnten in fürchterlicher Bangigkeit, rieben und kneteten an ihren wie gequollenen Armen, an ihrem Kopf, glaubten, sie müßten an sich schieben, sich zurechtdrücken und zusammenrecken. Wie die Menschen in den schwarzen Wolken standen sie da oder warfen sich hin, hielten sich die Augen zu. Sie riefen einander zu, hörten, daß andere in der nächsten Nähe waren, aber wagten nicht hinzuschauen. Und während sie lagen standen, entsetzt wieder zu blicken und schreiten versuchten, immer in Abgründe hinein, auf Felsgebirge hinauf, über Häuser her, liefen die Männer Zimbos, gegen die verzerrenden Lichtstrahlen geschützt, zwischen ihnen, stießen sie wie plumpe Hammel beiseite, nahmen ihnen die Wagen und Apparate weg, die sich an sie klammerten und brüllend um Gnade flehten.
Drei lange Stunden währte die Unterredung der hellbraunen Angela Castel mit den Führern der gegnerischen Täuschergruppe. Da trat ohne ein Wort zu sprechen der schlanke ernste Lorenz mit einer kleinen Zahl Männer in das Zelt der Castel. Die stand auf, wies die Männer hinaus. Lorenz, den Türausgang haltend, nickte Zimbo, der auch aufgestanden war, stumm zu. Da ging der Neger, der eine lose Pelzjacke trug, auf die befehlende stirnrunzelnde Frau zu, nahm ihr, die zurückwich und den Mund öffnete, den Tannenzweig aus der Hand, tat ihn mit zärtlichem Gebaren unter seine Jacke und knurrte lachend. Die Frau wollte zur Tür mit den anderen Frauen. Zimbo machte ihr selbst am Ausgang Platz. Die Castel schrie noch, warum ihre Wache, die versteinert schien, die Fremden nicht angriff, da stand sie neben Zimbo in der weißen Landschaft. Männer auf Männer zogen vorbei, schoben und trugen ihre eigenen Kriegsgeräte. Man trieb eine kleine Schar Frauen vorbei, die entgeistert blickten; allen waren die Hände auf den Rücken gebunden. Zimbo grinste; seine Leute hatten einigen schon das Rübenzeichen angesteckt. Angela Castel, tief erblassend, verbarg das Gesicht hinter ihren Händen.
Sie knirschte: „Du bist ein niederträchtiger Betrüger.“ „Was macht es.“ „Wirst du auch mich fesseln.“ „Ich weiß noch nicht. Ich werde wohl genötigt sein es zu tun.“ Sie atmete, die Hände herunternehmend: „Dann bitte ich, daß ich bald getötet werde.“ „Vielleicht wird das geschehn.“ „Ich will es selbst tun.“ Er wiegte den Kopf: „Überleg, Angela Castel, ob das gut für mich ist. Wie soll ich denn Marduk meine Ergebenheit und Treue beweisen. Ich kann es doch nicht besser, als wenn ich – dich zu ihm schicke.“ Sie sah ihn, vor Raserei vergehend, an. „Komm lieber ins Zelt, Angela Castel. Meine Leute sehen uns. Sie bringen dir vielleicht eine zudringliche Ovation. Sie haben noch Rüben übrig. Binde sie, Lorenz. Sei ruhig, Angela. Marduk wird mir sehr danken für meine sinnige Aufmerksamkeit.“
Und sofort benachrichtigte Zimbo den von Magdeburg anrückenden Angelelli, daß er die Aufrührerbande der Castel entwaffnet und gefangengenommen habe. Die Castel und drei Unterführerinnen schickte er mit einer sehr kleinen Bedeckung gegen Hannover zu Marduk. In einem Begleitbrief erklärte er, er stelle sich, im Besitz starker Waffen, die er den Aufrührern durch List abgenommen hätte, zu Marduks Verfügung. Er schüttelte sich freudig, als der Transport mit der Castel sich von ihm verabschiedete: „Du bekommst keine Rübe, Angela Castel. Du bist für Höheres ausersehn. Laß dir von Marduk das Fenster zeigen, durch das die Balladeuse gesprungen ist.“
* * * * *
Wie Jonathan wiedererwachte, war sein leichter Metallflieger zertrümmert. Er mußte in tagelangem Marsch durch das gefährliche winterliche Land. Im Mecklenburgischen war sein Sitz. Er wanderte zuletzt auf den Wegen, die die Castelsche Horde von Lauenburg her genommen hatte; den Treibjagden der Bauern auf verdächtige Menschen sah er zu. In ein weißes Schafsfell gehüllt wanderte der stille Mann; geängstigt wie unter einer Verfolgung war er. Die Flüche der Leute hetzten ihn. In einer dunklen Weise kam ihm vor, daß er mit diesen Bauern verbunden war, und er wollte sie nicht lassen. Und zitternd fühlte er, daß er sie verraten hatte. Ein Verhängnis hatte ihn bewogen, sich den Täuschern an die Brust zu werfen. Er sah sich plötzlich in Gedanken laufen von den Rathausstufen hinter einem zerlumpten Mädchen: Elina. Mit ihr fing es an. Dann die Flucht, die Reise mit ihr, die Verlockungen, die Liebe zu ihr. Er blieb, kaum eine Stunde von seinem Haus entfernt, bei einem befreundeten Täuscher, einem alten Mann, der verwundert um ihn herumging, weil er bedrückt war, während ihnen die Stadtschaft schon zufiel. Giftig entfernte sich Jonathan aus seinem Zimmer, schloß sich in einer Versuchskammer ein. Er saß auf einer Kiste, saß von Mittag bis in die Finsternis. In der Nacht zuckte er, wie er nur eine unruhige Stunde geschlafen hatte, auf und saß hoch: Flammen waren vor seinen Augen, in den Flammen brannten Teile von Menschen, Schultern Arme, ein sich windender Leib mit bloßem Nabel: das regte sich, loderte grellrot. Seine Mutter. Seine Mutter brannte. „Zu Marduk, zu Marduk“, schrie es in ihm. „Ich muß hin. Ich kann nicht. O Hilfe.“ Und wie er sich ankleidete mit klammen Fingern, wimmerte er: „O Hilfe.“ Er lief aus dem Haus. Im Finstern fand er sich nicht zurück. Er wollte nach Hause. In einer Ackerfurche mußte er in der tiefen Finsternis zwei Stunden warten, bis das graue Licht am Himmel erschien. Da begann er zu stampfen und zu wandern. Er schlug gegen die Tür seines Hauses: „Ist wer da? Ist wer da?“ Und immer brüllte er, ohne die Antwort abzuwarten: „Ist wer da?“ Auch noch als Elina erschrocken heraustrat, schrie er und schlug gegen die Tür: „Ist wer da?“ Hereingezogen hörte er nicht auf zu rufen, bis sie ihm mit der Hand den Mund verschloß, ihn auf eine Bank herunterzog, wo er stier saß und die Fäuste ballte, ohne zu sprechen. Sie hatte nur einen dünnen Überwurf an; wie sie seinen Kopf an ihre Brust zog, fühlte er die Wärme, bog sich ab, murmelte wieder fremd: „Wer ist da?“ Und ging stürmisch mit wilden Blicken herum. „Bleib sitzen“ bat er sie nach einer Weile, wie er einen Schemel heranziehend sich vor sie setzte, die auf der Bank das Gesicht verhüllte. „Ich bin ohne Hilfe, Elina. Ich weiß, wenn ich mit dir spreche, auch du kannst mir nicht helfen. Marduk hat mich, als ich zu ihm kam, ergreifen lassen. Man hat mich hochgehoben. Ich bin betäubt worden.“ Sie weinte auf, er ließ sie nicht an sich kommen. „Wo soll ich jetzt hin, Elina. Ich kann nicht allein sein. Ich muß zu ihm.“ „Was hast du ihm gesagt, Jonathan.“ „Daß ich ein Täuscher bin. Es mußte heraus aus mir. Ich schämte mich meiner. Es ist heraus. Es ist gut. Ich habe mit den Täuschern nichts zu tun. Ich hatte nie etwas mit ihnen zu tun. Nie. Ich verfluche sie.“
Seine Augen brannten fremd und feindlich gegen sie. „Und Marduk?“ „Hat an mir getan, was recht ist. Nur nicht genug. Gepeitscht und gebrannt hätte ich werden müssen. Das hätte mir zugestanden. Oder mich auslöschen. Jetzt bin ich ohne Hilfe. Oh. Oh.“ „Du bist doch bei mir, Jonathan. Wir wollen fort aus dem Land.“ „Ich will nicht. Ich trag mich ja nicht weg. Ich geh nicht von ihm. Ich geh nicht weg von ihm. Ich – kann auch nicht. Jetzt weißt du’s.“ „Ich hab es schon immer gewußt.“ „Jetzt weißt du’s.“ Sein Gesicht hob sich leidend vor ihr: „Und was sagst du, Elina?“ „Du willst ja keine Hilfe von mir. Ich bin ja deine Feindin.“ „Nein. Sag das nicht. Komm doch wieder her zu mir. Laß mich vergessen.“
Er war aufgestanden. Er hatte sie umschlungen, die mit einem abwesenden suchenden Ausdruck ihr nasses Gesicht an seins lehnte. Er flüsterte: „Ich habe dir von meiner Mutter erzählt. Die hat er umgebracht. Aber mir ist nie, als ob er sie umgebracht hätte. Nein, sag nichts dazu, lach mich nicht aus. Mir ist, als ob er mit ihr zusammen etwas wäre, als ob er mit meiner Mutter verbunden wäre, wie mein Vater, den ich nicht kannte! Er. Er. So ist er mit ihr zusammen. Ich kann nur bei ihm ruhig werden. Bin ich von ihm, bin ich zerrissen.“ Sie flüsterte zur Seite blickend: „Und wie stehst du zu mir.“ „Ich weiß nicht, Elina. Mir ist jetzt wohl bei dir.“ „Es geht wohl zu Ende mit Marduk?“ „Sag das nicht, ich fleh dich an, sag das nicht.“ Er ließ sie los, schlenderte im Zimmer herum, stand am Fenster. Rotes Licht blitzte über den grauen Himmel.
Wie er eine Zeit ruhig stand und nicht sprach, hatte sie ein Knie auf den Stuhl geschoben, den Kopf gesenkt und gesonnen. Ohne ihre Haltung zu verändern, rief sie: „Jonathan.“ „Ja.“ „Jonathan, ich weiß einen Rat.“ Er drehte sich rasch um, schritt auf sie zu, die sich nicht bewegte, griff an ihre Schultern: „Nichts sagen, Elina. Ich bitte dich, nicht auch du. Gib mir keinen Rat. Quäl mich du nicht auch.“ Sie gab klar von sich: „Du brauchst einen Rat. Du brauchst Hilfe. Ich quäle dich doch nicht.“ „Ich sehe, ich sehe, jetzt wirst du dich gegen mich erheben.“ „Ich weiß einen Rat, Jonathan. Aber ich bitte dich, mich tun zu lassen, was nötig ist.“ „Du glaubst, ich muß allein sein. Du willst mich verlassen.“ „Nein, ich werde zu Marduk gehen.“ Er ließ von ihren Schultern, bückte sich, suchte ihr von unten in das herabhängende Gesicht zu sehen. Er hauchte zurückweichend: „Zu Marduk willst du gehen.“ „Ja.“ „Weil ich geschlagen bin?“ „Jonathan, ich werde es tun. Laß mich es tun.“
Er ging an die Wand. Auf eine Fensterbank ließ er sich nieder: „Marduk hat mich greifen lassen und fortgestoßen. Jetzt du.“ „Was soll ich sagen. Ich kann dir keine klare Antwort geben. Ich bin – dir innig gut. Mich schmerzt es, daß ich dich so sehe. Ich glaube, ich will, ich will – an ihm tun, was du wolltest.“ Und den Kopf hebend, immer sinnend, in die Ferne mit einem Lächeln hörend, atmete sie: „Ich muß zu ihm. Glaubst du nicht, daß er jetzt auf mich wartet? Es war mir sicher, daß er dich zurückweisen würde. Ich helfe ihm. Du kommst – dann noch einmal zu ihm. Wenn du noch einmal kommst und ich bin es, so wird er dich nicht zurückweisen.“ Sie lockte Jonathan: „So ist es. Komm doch, Jonathan. Komm. Sieh, ob ich nicht du bin. Ob ich dich nicht zu ihm tragen kann mit meinem Körper. Komm, habe doch keine Furcht vor mir. Wir haben ja hundertmal zusammengelegen.“ Und sie ging ihm entgegen, der sich verwirrt erhoben hatte, umschlang ihn: „Mein Jonathan. Meine Wonne. Umschling mich, damit ich ganz du bin. Mir ist mit einmal so wohl. Gib mir. Halt nicht zurück. Mach deine Lippen auf, mach deine Augen auf. Ich bin Elina. Ach! Ich habe Sehnsucht Sehnsucht Sehnsucht nach dir. Namenlose Sehnsucht.“ Er hatte den Kopf auf ihrer Schulter, flüsterte: „Wie bist du sonderbar.“ Fester hielt er sie. „Jonathan, ich bin dein Hafen. Du bist ruhig. Es geschieht dir nichts. Du bist wohl bei mir.“ „O wie bist du.“ „Komm, ich muß dich küssen. Ich bin sehnsüchtig nach dir. Deinen Mund. Deine Augen. Wie liebe ich dich. Halte dich nicht zurück.“ „Ich tu es nicht. Ich halte mich nicht zurück vor dir.“ „Erkennst du mich wieder. Elina, deine Freude. Und du bist meine Glückseligkeit. Ich kann dir gar nichts schenken. Ich muß deine Hände küssen. Deine Füße.“ „Nicht, Elina.“ „Bin ich nicht deine Elina?“ „Du bist so rasend.“ „Nach dir. Ich kann dich nicht stehen sehen. Ich möchte dich ganz verschlingen in mich. Jeden Teil, den ich von dir sehe, beneide ich um dich. Deine Jacke, deine Haare, ich kann sie nicht außer mir dulden. Ach küsse mich auch. Bin ich nicht deine Elina?“ „Du bist es und bist es nicht. So wild bist du.“ „Mir kommt vor, als hätte ich dich nie geliebt. Jetzt liebe ich dich erst. Zum erstenmal. Als hätte ich bis jetzt mit dir gespielt. So unersättlich unersättlich, Jonathan, so unersättlich bin ich nach dir. Komm. Die Sonne geht auf. Es ist so hell. Leg dich zu mir.“ „Ich weiß nicht, wie mir ist, wenn ich dich sehe.“ „So steh nicht still. Liebst du mich nicht?“ „Ich ängstige mich, nein, mich graust es vor dir.“ „Vor mir, vor mir?“ sie lachte, ihn heftig umschlingend, „aber ach sprich nicht so, ich habe solche Sehnsucht nach dir.“
Er wollte sich von ihr lösen, aber sie hielt ihn fester. Er bettelte: „Süße Elina, was ist dir. Habe ich dich gekränkt. Hab’ ich dir weh getan.“ „Ich bin gut. Mehr als gut. Wie du süß bittest. Peinige peinige mich nicht.“ „Nicht peinigen. Meine Elina. Deine übermüdeten Augen.“ „Jetzt bist du mein Jonathan.“ Sie warfen sich auf ihr noch offenes noch warmes Bett. Unersättlich war sie in ihrer Raserei. Sie weinte immer: „Ich habe dich so entbehrt.“ Er tröstete sie; es tat ihm tief wohl sie zu trösten.
Nach Stunden, am hellen Vormittag, stand sie vor ihm, der geschlafen hatte. Er zog sich rasch an. Sie küßte ihn, während er sich anzog; er mußte sie abwehren. Sie bat und drängte, er möchte sie doch lassen. Und als sie vor dem schneebedeckten Garten standen, die winterlichen Felder rechts und links, erblaßte sie, klammerte sich an ihn. „Jetzt geh’ ich bald weg.“ „Nicht zu Marduk.“ „Ich muß.“
Sie ließ ihn los, stürzte ins Zimmer. Wie sie im weißen Pelzmantel, die Pelzkappe auf dem Haar, neben ihm war, blickte sie ihn an, dem der Kopf auf die Brust gesunken war. Sie hob die Arme: „Ich kann nicht.“ Sie lief, während er sich nicht bewegte, durch den weißen Garten weg auf die Allee, schluchzend: „Ich kann nicht.“
Und erst, als sie eine Stunde gelaufen war, hörte sie auf zu weinen. Sie sah die schneebeladenen Bäume, die endlos weiten Felder. Matter war sie. Sie atmete tief. Sie fühlte: „Ist dies schön!“ Und dann immer: „Ich geh’ zu Marduk.“
* * * * *