Berge Meere und Giganten

Part 19

Chapter 193,593 wordsPublic domain

Zerstreute Menschenherden schoben sich über die öden Flächen der Kontinente. Ein besonderes trübes Verlangen trieb Massen aus gestopft vollen Stadtschaften nach Osten in die russische verwüstete Ebene. Auf dem ungeheuren Schlachtfeld des Feuers der Gifte der Ströme kletterten sie über Schuttberge, umgingen grünlich behäutete Sümpfe, hoben Reste von Menschen- und Tierknochen auf. Die weite Tiefebene hauchte nicht mehr Gas. Regen Wind Schnee Sonne hatten lange Jahre gearbeitet. Über einen abenteuerlichen dünn übergrünten Friedhof fuhren und gingen sie. Gerste Roggen wuchs in wilden Halmen. In das verstümmelte Riesengebiet, das von Wassern sprudelte, über das der Wolgastrom der Don Dnjepr ausgekentert war, waren Pflanzenkeime, leicht schlafende Wesen, den Menschen und Tieren vorausgeeilt. Pilze, kurze stämmige Boviste und Erdsterne hatten sich an den südlichen Flußmündungen, an den Meeren und Sümpfen geöffnet, Herbststürme trugen die leichten Kugeln in das wüste nördliche Land, streuten ihr Sporenpulver auf den losen nackten Boden. Die Kiefern und Lärchen des Südens schickten geflügelte Samen her. Gräser tanzten mit Flügeln wolligem Bausch Haarschöpfen, auf Windsäcken lautlos her von dem bewachsenen Abhang des Ural, aus der Krim und von Astrachan, von Polen Galizien, in das zerwirbelte zerknirschte russische Land trieb sie die Luft; sie stiegen und sanken mit Wärme und Kälte. Drehten sich, schleierten über den Boden. Flogen mit drehenden Scheiben Platten Walzen Schrauben, waren Staubkörner, zogen hoch über endlose Strecken mit Schirmen und Segeln. Sie fielen; Blumen Gräser Halme keimten aus der behauchten Erde. Von den grünen Grenzen drangen die Pflanzen Blumen und Bäume tiefer und tiefer in das tote Innere. Die Sprengkraft der furchtbaren Flammenbergwerke hatte das Erdfundament nicht erschüttert. Die uralte Erde lag da, atmete empfing. Die wandernden Bergwerke hatten die Sonne nicht erreicht; die zog morgens vom Uralgebirge her, wärmte vergoldete die Wolken. Der Mond, oft rot, oft tief vergilbend, weiß wie ein angestrahlter Spiegel zog in den Nächten hinter der Sonne her, in der schwarzblauen Unermeßlichkeit des sternezitternden Himmels. Es gab noch alles. Die scharfen Klüfte, die die Flammenbergwerke in den Boden gerissen hatten, flachten ab, sanken zusammen. Die Schwaden verdunsteten. Und mehr und mehr zogen sich bunte Tupfen die Flüsse entlang. Als aus griechischen und rumänischen Stadtschaften kleines Menschenvolk, wagenführend, mit Kindern und Vieh suchend das holprige rissige abgründige Gebiet durchzog, stießen sie auf Menschen, die sie noch nicht gesehen hatten. Wesen, die sich wie sie bewegten, den Pflug führten, Pferde und Rinder trieben, Hunde neben ihnen, Männer und Frauen mit breiten gelben Gesichtern; sie beobachteten einander, taten sich nichts. Oft stießen sie auf solche Menschen. Chinesen Burjaken Mongolen, die die Pässe des Ural durchwandert hatten. Griechen und Rumänen besiedelten neben ihnen das Land.

An der Nordsee zog sich die ungeheure Stadtschaft Hamburg hin, schloß Lübeck Itzehoe im Norden, Bremen im Süden ein. Sie hatte, mit London verbunden, keine Umwälzung in sich geduldet, die Gewalt ihrer Herrengeschlechter nach einigen Revolten stärker befestigt. Die große Seelandschaft erschauerte bei der Annäherung der Märker. Ihre trägen Massen verlangten nach einem Wall im Westen und Süden; man sollte die feindselig Andrängenden rasch attackieren und zurückschleudern. London sah die Gefahr Hamburgs, aber die englischen senatorischen Sippen liebten die Männer und Frauen der neuen Art. Vergeblich schickte London Botschaften an Marduk, den Senat, die Führer einzelner Horden. Die britische Zentrale wollte die Märker vor einem Angriff Hamburgs bewahren. Dann verfiel man darauf, sich der Frondeure und Täuscher im märkischen Gebiet zu bedienen. Sie waren geheim vom Ausland mit Material versorgt, die Mekilaboratorien waren mit ihnen auf Weisung der fremden Senate in Zusammenhang geblieben. Früh fingen diese Täuscher, die großen gestürzten Geschlechter, an, sich zu bewaffnen. Wie Marduks Regiment wider Erwarten sich befestigte, eine unglaubliche Energie das Volk in Bewegung setzte, mischten sich die Täuscher unter die Horden. Sie bildeten eigene Gruppen, bei der allgemeinen Lockerung wenig beobachtet.

Nahe dem im Hannöverschen gelegenen Quartier des Täuschers und Hordenführers Lorenz landeten Flugzeuge. Englische Männer suchten ihn. Mit ihnen ein gigantisches Wesen, von negerischem Aussehen, schwarzbrauner Hautfarbe. Während die blassen Engländer unter Ten Kates mit dem märkischen Bandenführer verhandelten, zwischen Tannen herumgingen, mittags an einem Wasser lagerten und eine zähe barbarische Speise einzunehmen gezwungen wurden, Schenkel geschossenen Wilds, bewegte sich der Schwarze, den sie nicht ins Gespräch zogen, unauffällig unter ihnen, saß mit halb geschlossenen Augen auf dem Sandboden, die Beine untergeschlagen, schien nur begierig, eine von den schweren bunten Felddecken an sich zu ziehen, die die Engländer um sich ausbreiteten. Die nahmen lächelnd und dankend die derben Kupferschalen und Mörserkeulen an, die man ihnen bot, als sie vergeblich mit ihren schwachen Kiefern, bröckligen schwarzen Zahnstummeln das gesottene Muskelgewebe zu zerreißen suchten. Zerschnitten stampften es zu einem Brei, den sie schluckten. Den Märkern, die ihnen zuschauten, blitzten die Augen. Sie kauten bissen schnalzten; sie knackten Knochen. Nicht einmal dann mischte sich der Schwarze, der Fleisch wie die Märker schlang, ins Gespräch, als Ten Kates bei Sonnenuntergang von der Erde sich erhob und beim Herumschlendern mit den andern, den schmalen Lorenz umfassend, auf Zimbo zeigte: sie würden den hier lassen, er würde ihnen gut zur Hand gehen.

Wie ein Krokodil, das lautlos an der Oberfläche des lauwarmen Wassers treibt, sich der Sonnenwärme freut, gleichmütig von der Strömung über und über gerollt wird, in der Nähe und von weitem wie ein grünlichbrauner abgedrehter Baumstamm, am Sandufer trocknend grau und rauh wie eine Steinmasse, so unkenntlich trieb Zimbo zwischen den andern. Abends, wie die Engländer abflogen, hatte er sich entfernt. Am Morgen klopfte er an Lorenz’ Haus, setzte sich, eingelassen ungeschickt auf einen Stuhl, den man ihm bot. Legte den linken Arm auf den Tisch, fragte, womit man hier schösse. Sein Arm blutete. Lorenz bückte sich über den Tisch; der Schwarze war an einen Posten geraten, der mit Schrot schoß. Der plattnasige Mann murmelte: „Es sticht“ ließ sich verbinden. Er fragte mit seiner baßtiefen gurgelnden und rieselnden Stimme, was sie hier täten. Das Weiße seiner Augen ließ er aufschimmern. Er lachte und nickte, als Lorenz erzählte, sie hielten sich zum Schein für einen Angriff bereit, spionierten inzwischen, sorgten dafür, daß nicht zu viel in den neuen Gebieten demoliert wurde. Sie gossen sich Branntwein hinter. Was der Konsul Marduk täte, wo er sei; gibt es einen Senat. Der elastische Weiße schloß die Tür; Marduk hielte sich im Hintertreffen: zu trauen sei ihm nicht, er schiene gleichgültig zu sein, aber der Mann sei gefährlich. Wieder knurrte Zimbo, zeigte das blutig durchlaufene Weiß seiner Augen. Lorenz drang auf rasche englische Hilfe. Zimbo blickte ihn nur zwischen den verquollenen Augenlidern an, schlich die gelben starken Zähne zeigend, hinaus. Eine ganze Woche hörten die Gruppen der Täuscher, die glaubten, ihre Stunde schlüge bald, nichts von dem englischen Funktionär. Dann erfuhren sie, er triebe sich in der alten Innenstadt herum, habe sich einmal an Marduk herangemacht, sei bei den Bergwerken in der Lausitz. Wie die Zeit vorrückte und Lorenz schon verzagte, erschien Zimbo im Arbeiterkittel, von der Verden-Celler Straße her, in die sich die äußersten märkischen Posten schoben. Wieder lungerte er nur herum.

Der hamburgische Vorstoß setzte ein. Ein trüber Septembermonat. Der hamburgische Senat hatte sich nach der Infiltration der Lüneburger Heide neu konstruiert und folgte dem Druck seiner Bevölkerung, die durch Schreckensnachrichten über die Natur der östlichen Angreifer gepeinigt wurde. Man glaubte in der Seestadt rasch mit den Östlichen fertig zu werden. Heimlich vor den beobachtenden englisch-kontinentalen Freunden schickte der Senat eine Handvoll technischer Truppen mit Angriffseinrichtungen vor, die den früheren Brandmasten ähnelten, transportabel waren und kleinere Flächen bestrichen. Diese Truppen, von Bremen vorgehend, erreichten in wenigen Tagen eine radikale Säuberung der durchschrittenen Landstreifen. Nicht sehr tief und nicht in großer Breite gingen sie vor, denn man dachte durch Abschreckung das Weitere zu erreichen. Die Truppen aber, nachdem sie die schreckliche restierende Ergiebigkeit ihrer Einäscherer sahen, waren nicht zu halten. In Hamburg schlug sich der Senat noch den zweiten Tag über die Frage der Kriegsverlängerung, die Art seiner Weiterführung herum. Da legten die angreifenden Techniker schon wieder die Drähte an die großen Fernkabel, stellten die Transformatoren Blenden Konzentratoren auf die kreisrunden Wagengestelle, stießen auf ihnen nach Nordosten in die Heide hinein. Die herumvagierenden nördlichen Horden der Märker wurden vernichtet, dahinterstehende wichen gegen die Aller nach Hannover zu aus. Der Außenteil der Heide war von der östlichen Invasion befreit. Die Seelandschaft Hamburg erzitterte. Die Herrschenden stellten sich kriegerisch um; die Märker sollten ganz ausgerottet werden. Auf Hannover Hildesheim Braunschweig zogen sich die märkischen Banden zurück. Es wurde, da eine größere Zahl Männer und Frauen sich unter Waffen stellte, damals nötig, daß die Mekifabriken der künstlichen Nahrung stärker arbeiteten. Mit Widerwillen mußten sie die schon halb entwöhnte zarte mästende Nahrung nehmen. Mit Schmerz konstatierte der Senat, daß die Äcker und Kohlenbergwerke durch den Krieg ihrer Menschen beraubt wurden; er stellte auch mit Stolz und Zuversicht fest, daß man diese Periode überwinden werde.

Wie sie sich auf Hannover und östlicher zurückzogen, hielten die Täuscher den Augenblick für gekommen zu einem Schlag. An ihnen lag es, eine furchtbare rasche Aushungerung des Landes vorzunehmen. Und damit begannen sie. Fünfzehnhundert Menschen waren es, die in den Fabriken der synthetischen Nährstoffe drei Wochen nach dem Hamburger Rückschlag die Fabriken verließen, bei einer Kampftruppe auftauchten und zu erkennen gaben, daß ihre Kriegsbegeisterung sie nicht in den Fabriken dulde. Sie suchten damit Zeit zu gewinnen und ihr Leben zu retten; die Katastrophe konnte bei den geringen Vorräten nicht lange ausbleiben. Einzeln wurden sie vor den verblüfften Senat gestellt, der sie halb durchschaute. Bei den Horden erregte ihr Erscheinen im ersten Augenblick Jubel. Dann kamen die warnenden Aufklärungen des Senats.

Und schon war Marduk selbst auf dem Plan erschienen. Der graue Konsul trat in diesem Moment auf, als hätte er sein Stichwort abgewartet. Seine alten Feinde, die Männer und Frauen der Apparate, der hohen Wissenschaft, wollten dem Land an die Gurgel, sein Werk zerstören. Sein Ansehen und seine Wache verschafften ihm sofort die Führung im Senat. Er fragte die Gefangenen aus, sagte ihnen, daß sie zu den versteckten Täuschern gehörten und was sie planten. Alle fünfzehnhundert aus den Fabriken Entflohenen ließ er dann in Linden bei Hannover zusammentreiben. In Gegenwart von Abordnungen aller Horden ließ er hundert von ihnen grausam auf einer herbstlichen Wiese foltern. Dies zog er einen Nachmittag hin.

Als sie am folgenden Vormittag und den Nachmittag nicht eingestanden, gab er sie den Kriegern am Abend zum Mord frei. Man hat von diesem Mord im Ausland nichts gehört, nur nach Hamburg sickerte es durch. Es ist Tatsache, daß an diesem Abend auf dem europäischen Kontinent wieder Menschenzähne Menschenfleisch zerrissen und Menschenlippen Blut tranken. Das Rasen der Krieger um die Gefangenen, die sie sich zu entreißen suchten, war beispiellos. Die Tötung wurde lange hingezogen. Die afrikanische Durchflutung des europäischen Blutes wurde deutlich. Aus zertrümmerten Schädelschalen tranken Krieger, Männer und Frauen, noch am nächsten Tage. Unter den benachbarten Horden wuchs mit der Kriegswut ein wollüstiger Drang, der sie schwächte und Marduk veranlaßte, andere Methoden gegen die lebenden Gefangenen anzuwenden. Es ist sicher, daß sich damals der Konsul Marduk, der als grauer matter Mann aufgetaucht war, verjüngte. Er ließ die Gefangenen fesseln. Die Lebensmittel waren zu strecken, Krieger, wo es anging, hatten auf die Äcker zurückzukehren. Den Horden und Häuptlingen gab er Kenntnis vom Stand der Dinge und gab ihnen Auftrag: da wo sich Hunger einstellte, sollten sie sich Nahrung holen. Der Hauptteil seiner bewaffneten Wache ging an die Grenze.

Es waren nicht alle Flüchtige aus den Mekifabriken, die Marduk fesseln und töten ließ. Nahe der Horde Lorenz lag in der Nähe von Ülzen an der Ilmenau die Truppe Jan Lubbocks, und nördlich davon, in der Gegend des alten Bewensee, die stark mit Weibern durchsetzte Truppe der Angela Castel, einer stillen harten Frau, die zu den Liebhaberinnen der Balladeuse gehört hatte, der Marion Divoise, von der es hieß, daß Marduk sie in Liebesscham zum Fenster hinausgeworfen hatte. Die hellbraune glattgescheitelte kleine Castel war die einzige Frau, die sich in der männlich verwandelten märkischen Stadtlandschaft unter den Führern hielt, sie, die sich und ihre Truppe mit Tannenzweigen an der Brust schmückte und verbitterte Frauen unter sich versammelt hatte. Spott lag auf dieser Schar; man ließ sie gewähren. Sie hielt die Flüchtigen aus den Mekifabriken mit Stolz bei sich. Und als klar wurde aus Bewegungen südlicher und östlicher Gruppen, daß der gehaßte Marduk gegen sie etwas im Schilde führte, brach sie los. Sie schuf sich erst Platz durch einen Angriff auf die Hamburger im Norden. Dicht an Lauenburg drang sie heran. Gegen die Hamburger wandte sie zum erstenmal ihre eigenen Fernwaffen. Zuerst den Wolkenbläser. Dies war ein Vergaser, der eine schwere schwarze wie kohlegesättigte Luftmasse von sich gab, die sich auch unter Wind kaum vom Boden und der eingeschlagenen Triebrichtung entfernte. Ohne giftig zu wirken und zu schädigen, hüllte die schwarze anschwebende bodenentlang kriechende Wolke jeden Menschen Gegenstand Baum Weg Berg Wagen Pferd dicht ein, so daß augenblicklich alles, was in ihren finstern Bereich kam, genötigt war halt zu machen, von tiefer Angst erfüllt. So dick war die Schwärze, daß Menschen, die sich bei den Händen berührten, sich nicht sahen, daß sie Auge an Auge drängend in Nacht hilflos dastanden.

Das Unheil, das unter den Gegnern entstand, als die erste Wolke, die sie für giftig hielten, bei Lauenburg am Boden in undurchdringlichen meterhohen Schwaden bauchig sich vorwölbend gegen sie anschwoll und sie überwogte, sie versenkte. Fahrende Wagen suchten zu entkommen; schrill und dumpf stießen sie Warnrufe aus. In Nacht vorrasend fuhren sie gegen laufende irrende stehende Menschen, rannten an Bäume Häuserwände auf, wuchteten zerschmetterten aneinander. Pferde auf den Weideplätzen brachen los, galoppierten hell und heiß wiehernd, warfen Menschen nieder, stürzten Stufen herunter, bissen entsetzt nach anderen Tieren, nach schlagenden Menschen, an Baumstämme, die vor ihnen nicht auswichen. Die Menschen, wo sie betroffen wurden, in Häusern auf Straßen auf Wiesen suchten zu entkommen. Liefen, riefen sich an, faßten sich, sahen sich nicht, tasteten blind weiter. Dann rasten Tiere und Wagen unter sie. Sie warfen sich hin. Wo sie ein Erdloch fanden, krochen sie hinein. Auf Geräusche lauschten sie nach allen Seiten, um zu wissen, wohin sie flüchten sollten. Und wie sie ruhig anhielten, in die Nacht gebannt, hatte sie die feindliche Truppe gefaßt. Wie man Sand in einem Sieb schüttelt, wurden sie von den Feinden ergriffen, mit Kugeln und Geschossen von oben und den Seiten durchlöchert. Blitze ließ man durch sie laufen. Einen brennenden, einen tötenden Augenblick war Licht unter ihnen.

Vor Lauenburg schickte die hellbraune Castel gegen eine dichtbesiedelte truppenbesetzte Landschaft einen Flußlauf. Das Wasser der Elbe, breit fließend, viele Meter tief in die Erde eingegraben, erhob sich wie abgerahmt aus seinem Bett, übersetzte in meterbreiter Ausdehnung den baumbestandenen steingefaßten Uferrand, stäubte spritzte hin wie unwillig, dann heftiger, schwemmte brauste mächtig wogend in die wiesen- park- straßenbezogene Landschaft. Flach ausgebreitet wälzte sie sich südwärts in die offene Heide ein. In die Häuser Zimmer, durch die Fenster sprang der Strom, Menschen Geräte Tiere Zäune aufhebend. Gärten Ställe Fabriken demolierte er, unablässig weiter schwellend, getrieben von der bald lautlosen bald orkanartig heulenden gegen das Flußbett gerichteten Gewalt, die das Wasser angefallen hatte. Man erfuhr später, daß Frauen der Gruppe Castels im Besitz der Erfahrungen waren, die bei der Insel Jan Mayen in so ungeheure Erscheinung traten und einen neuen Abschnitt in der Bezwingung des Wassers darstellten. Die Elbe war abgeschnitten bis zur halben Tiefe durch die sprühenden vergasenden Ketten, die ins Wasser tauchten aus starr überhängenden Drähten. Sie floß flach unterhalb dieser Sperre. Jenseits der Sperre aber wuchs sie wie geschleust mauerartig hoch, überlief, die schwere schlammwälzende Elbe, das Land, füllte es klatschend.

Die Castel legte um ihre bis zur Elbe vorgebrachte Truppe einen Verteidigungsgürtel mit Fernwaffen, wartete die Wirkung ihres Vorgehens auf Marduk ab. Wie der bei Ülzen stehende Jan Lubbock und Lorenz, über die Tat der schweigsamen Castel entsetzt nach Zimbo suchten, erschien der schwarze schmalköpfige Zimbo bei Lauenburg, fragte die Castel, die ihn kannte, nach ihren Absichten. Die gab ihm zurück, sie werde genau das tun, was sie erreichen könne. Er wollte bei ihr eintreten, die weiteren Operationen leiten. Sie lehnte ohne eine Miene zu bewegen ab. Zimbo röchelte einen Augenblick in Wut vor ihr, dann schlug er sich auf die Brust, nahm ihre geschlossene Hand, als sie lächelte, wünschte ihr Glück. Während die Castel sich um Lauenburg befestigte, hielt Zimbo Lorenz und Lubbock in der Gewalt, daß sie davon absahen, sich der gefährlichen Frau anzuschließen. Sie taten, was der schlaue Mann vom Kongo ihnen vorschrieb. Lieferten die siebzig Flüchtigen aus den Mekifabriken nach Berlin an Marduk ab, der sie zu den übrigen tat, versteckten ihre Waffen, gebärdeten sich unterwürfig gegen den grauen Konsul und den Senat. Der graue hohe Marduk legte sich wieder die Waffen an, die er im Beginn seines Konsulats trug. Die Wache des Ratsgebäudes und um ihn verstärkte er um Hunderte. Der schwarze schweigende Lucio Angelelli bezog seinen alten Posten.

Das weite Land, das die Stadtschaft an sich gerissen hatte, überflog Marduk mit Angelelli. Die wieder vorstoßenden Brandwerfer der Lüneburger Heide sahen sie, die Flammen in Celle, das Wallen und Schwemmen der Elbe am Standort der verräterischen Angela Castel, im Land verstreut halb aufgelöste plündernde Horden, Ackerbauern, die sich gegen Nachbarn verteidigten. Warnende Nachrichten erreichten sie in Hannover: die verfemte Castel bereitete einen Angriff auf Berlin vor, Hamburg und England stünden hinter ihr. Ein weiblicher Bote von ihr kam in Hannover an auf der Suche nach Marduk; in einem kurzen Brief ermahnte die Castel den Konsul, seine Waffen niederzulegen und sich außer Landes zu begeben; sie sei nicht die einzige gegen ihn in der märkischen Landschaft. Das wußte Marduk. Es kam ihm nicht darauf an. Er war, und ebenso Angelelli, sein stiller schwarzer Gefährte, geschüttelt von einem heftigen Gefühl, als er das schneebedeckte Land sah, die Flächen, die schon zum Acker aufgebrochen waren, Menschen beim Bohren von Brunnen, niedergebrochene Häuser und Fabriken und hinter dem stummen sich bäumenden Land die westlichen Riesenstadtschaften, die eindringenden Flammenschießer in der Heide, die Überschwemmung bei Lauenburg. Wie von einem Blitz war er getroffen, als er dies sah. Ein Schmerz und Glück: sein Werk!

„Angelelli, du kennst die Castel. Das ist ein anmaßliches Weib, die nichts vorhat, als die verruchte Frauenherrschaft über uns zu verhängen. Ihr liegt nichts an dem Land. Sie versteht nichts. Noch weniger als die Londoner, die doch etwas ahnen. Aber wenn sie für nichts, für ihre dummen Pläne sich der Vernichtung durch mich und die andern aussetzt, soll ich mich beschämen lassen. Willst du dich beschämen lassen, Lucio Angelelli.“ Der legte seinen strengen Kopf nach rückwärts: „Ich nicht, Marduk.“ Marduk hob die Arme: „Und ich!“

Ein Teil seiner Wache flog ihm nach auf Hannover. Als Marduk sie sich westlich von den letzten Ausläufern der Stadt setzen hieß, wurde Jonathan bei ihm gemeldet. In einem qualmigen mit Kohle geheizten Raum einer halb abgebrannten Fabrik stand Marduk, den ruhigen ernsten Blick gegen den blassen weichen Mann. „Marduk, ich suche dich seit drei Tagen. Ich freue mich, dich zu treffen.“ „Auch ich, Jonathan.“ „Du fragst, was ich will.“ „Nein, ich frage nicht. Du kommst doch zu mir.“ „Ich will nichts von dir, Marduk. Ich habe früher nichts gewollt und will jetzt nichts. Ich möchte dich warnen.“ Jonathan verschattete sich die Augen mit der Linken. „Von der Castel war ein Bote schon bei mir.“ Der Blasse flüsterte: „Kann sein. Du scheinst dich nicht darum zu kümmern. Geh außer Landes.“ „Gehörst du auch zu den Täuschern?“ Der jüngere verstörte zitterte wenig, dann bezwang er sich, richtete sich auf: „Ja.“ Marduks Hände hingen schlaff herunter. Die Augen in seinem Kopf waren geschlossen. Er stand eine Weile, als ob er schlief. Wie er die Augen öffnete, stand Jonathan noch da. Der Mann, sein einziges Glück einmal, war drängend näher an ihn gekommen. Marduk schüttelte den Kopf: „Du sagst mir keine Neuigkeit, Jonathan. Willst du mich warnen vor dir?“ „Ich weiß, daß du keine Furcht vor mir hast.“ „Nein.“ „Ich warne dich. Geh außer Landes.“ Marduk faßte den Jungen um die Brust: „Du willst mir das anbieten? So erbärmlich denkst du von mir? So fremd bist du mir?“ „Ich muß es tun.“ Marduk hauchte wie gelähmt: „Ein Täuscher. Es lohnte nicht, daß ich ein Wort an ihn verliere. Die Castel ist frech. Er, seinen Namen sprech ich nicht aus.“ „Marduk, ich hasse dich ja nicht.“ „Sitzt du bei deinen Maschinen gegen mich? Geht es dir gut dabei. Jonathan. Aber leb wohl! Du! Leb recht herzlich wohl.“ „Mir nützt es nicht, was du sagst. Darum kam ich nicht. Ich warne dich, Marduk! Wir sind viele.“ Marduk grimmig: „Laß mich los. Sprich nicht mehr zu mir. Ich verachte mich, wenn ich dich sehe.“ „Marduk.“ „Weg, weg! Es schüttelt mich. Daß du mir unter die Augen trittst! Daß du es wagst. Warum? Das heißt nicht, mich vor dem Tod bewahren. Du hast doch eine Geliebte. Geh zu ihr.“ „Ich will dir sagen, Marduk: erst hast du meine Mutter getötet, ich bin dir gefolgt, dann mußte ich von dir gehen. Ich warne dich jetzt. Schmäh mich nicht.“ „Sag mir du, bist du gekommen, um mir das von deiner Mutter zu erzählen? Weil es deine ganze Armut, Jonathan, deine ganze Trostlosigkeit enthüllt. Du hättest um deiner Mutter willen jetzt schweigen sollen. Von deiner Mutter hättest du nichts sagen sollen. Ich weiß, sie hat dich mit mir verbunden. Sie ist jetzt – gegen dich!“ Jonathan faßte sich an den Hals, wie gewürgt stöhnend, die Augen waren ihm vorgetreten: „Sprich nicht weiter, Marduk.“ „Ich spreche schon nicht. Warum erlöst du mich nicht? Warum gehst du nicht.“ „Ich habe mich schwer hergezogen, Marduk. Ich habe mich gewunden und geschämt herzukommen. Ich habe um dich und durch dich grenzenlos gelitten, Marduk. Du weißt es. Ich hänge an dir. Ich kann dich nicht loslassen. Ach ich warne dich, Marduk. Stirb nicht und stirb nicht mit meiner Hilfe. Ich bitte dich, flieh. Ich flehe dich an, hör auf mich. Ich flehe. Ich flehe. Marduk.“