Berge Meere und Giganten

Part 18

Chapter 183,829 wordsPublic domain

Im Ratsgebäude, das kriegerische Männer erfüllten, traten sie dem grauhaarigen großen Menschen gegenüber, der wie immer in dem berühmten Empfangsraume des Konsuls Marke stand neben der Schädelpyramide, vor den Wandgemälden vom Uralischen Flammenkrieg. Francis Delvil meinte, auf die Schädel weisend, es scheine, man vergesse hier im Lande nicht. Marduk, ihm die magere Hand reichend, lächelte kalt; es läge nicht an ihnen, wenn sie nicht vergäßen. Er trug ein braunes Wams, um den Hals einen bauschig gebundenen Seidenschal, der ihm breit über die Brust fiel. So wenig das Braun hier jemals vergäße, wenn das Licht auf das Wams fiele, braun zu sein, so wenig vergäße er, wenn er aufwache, der vergangenen Dinge. Aber das Braune blasse ab, – Francis Delvil schlug, wie sie sich setzten, die Arme zusammen, – es werde grau, auch der Tuchstoff zerfiele. „So bin ich kein Mensch, wenn ich tun müßte wie sie“ gleichmütig und ohne aufzublicken der Konsul. Und nach einer Weile, während sie zu viert auf die schreckliche Wand der Flammenbergwerke blickten, Marduk wieder: „Und wenn ich es könnte, vergessen: wofür sollte ich vergessen. Ihr seid gekommen, um mir zuzusprechen. Wozu wollt ihr mich überreden?“ Delvil: „Es ist etwas, dich zu sehen, Marduk.“ „Nein, nicht so“ knirschte unterbrechend den Arm ausstreckend Marduk. Delvil: „Marduk. Wir sind durch die ganze Stadtschaft geflogen. Man hat uns nirgends gehindert zu sehen, was wir wollten. Du hast die Grenzen deines Gebiets erweitert. Wir sahen Männer und Frauen arbeiten. Es hat uns ergriffen. Nur eins haben wir nicht verstanden: wozu dies ist. Du bist klug. Das alles ist vergeblich. Wir haben dich und diese Leute bedauert. Wir sehen keinen Sinn in dem, was ihr tut.“ „Sprich weiter.“ „Was in Marseille Florenz Chicago geschehen ist, die dauernden Kämpfe, dieses Hin und Her von Ausruhen und Losspringen, das ist dir bekannt. Wie wir uns ja immer gefreut haben, daß du in Fühlung mit uns geblieben bist und gar nicht so abgeschlossen für dich gelebt hast, wie andere berichten. Sind diese Kämpfe nun gut? Welches Mittel willst du uns dagegen sagen?“ „Wodurch seid ihr legitimiert für Chicago und Florenz zu sorgen?“ Frau White Baker bat Delvil sprechen zu dürfen: „Ich will dir antworten, Marduk. Gewiß nicht sind wir dadurch legitimiert, weil wir Chicago und Florenz beherrschen, vielleicht vernichten können. Die Städte ruinieren sich. Man kann sie sich nicht selbst überlassen.“ „So laß sie sich ruinieren. Hast du, White Baker, nicht davon gehört, daß es einen Tod gibt? Wie stellst du dir den Tod vor? Unter welchen Erscheinungen tritt Tod ein, wie ist Sterben? Sieh diese Städte an, und andere, die du nicht genannt hast, die die schlimmsten schwersten Todeszeichen noch nicht zeigen. So sieht Tod aus. Laßt sie sterben.“ Die stämmige breite rotgesichtige Frau trat auf Marduk zu: „Es richtet sich zuletzt gegen uns. Wir können uns doch gegen den Tod wehren.“ Marduk schlug auf den Tisch: „So wehr dich doch. Ihr könnt es nicht. Keiner von uns kann es. Selbst wenn ich zu euch trete, kann ich es nicht. Ich dreh es nicht zurück. Ich kurbele nicht ab. Ich will nicht.“ „Du meinst, wir liegen im Sterben. Nein, du, du Marduk, bist hilflos. Hier ist der Tod.“ „Das meinst du. Ich glaube nicht einmal, daß dus meinst.“ Die Frau richtete, sich bezwingend, auf: „Du mußt nicht lachen, Marduk. Du siehst, daß wir zusammen hier sind.“ „Um mir zu helfen? Ihr seid meine Gäste. Ich habe euch gewiß nicht gerufen.“ „Die Welt schließt sich zusammen.“ „Um mich auf die Knie zu kriegen? Nur zu.“ „Wir sind nicht dazu da, für die Ewigkeit zu sorgen. Vielleicht hast du recht, wenn du sagst, wir tragen Todeszeichen an uns. Wir sehen sie nicht, fühlen sie nicht, helfen uns von heute auf morgen weiter. Laß dich von uns bitten, Marduk, an unserer Arbeit teilzunehmen, wenn sie auch sehr vergänglich ist. Und – Delvil lacht so freudig: sprich du für mich.“ „Ich halte es nicht für Kleinarbeit, was wir tun, Marduk. Ich freue mich der Dinge, wie sie jetzt laufen. Wir sind Schwärmer, wir drei. Gut werden die Dinge laufen, gut.“ „Delvil, Pember, Baker, ich danke euch, daß ihr gekommen seid, mir das zu sagen. Ihr werdet an mir Widerstand finden, ich sage es euch heraus, so daß die Dinge nicht gut laufen.“

Delvil senkte den Kopf, erhob sich langsam. Marduk ging schon rückwärts. „Wir werden keinen Krieg gegen dich führen, Marduk. Es ist nicht nötig, daß wir mit dir Krieg führen. Du erliegst ohne Krieg.“ „Dessen bist du sicher, Delvil.“ „Ja.“ Marduk trat dicht vor Delvils Stuhl heran: „Wie kommst du dazu, dies zu mir zu sagen. Durchschaust du mich so, achtest du mich so wenig, daß du so sprichst.“

Die Fremden waren weiter in den Saal getreten. Marduk hatte sich umgewandt, war sich verneigend an seinen alten schützenden Platz zwischen den Flammenbergwerken zurückgewichen.

Pember, der spitzbärtige schlanke, der mit den andern geschwiegen hatte, pfiff vor dem Ratsgebäude: „Er ist verrückt. Habt ihr ihn gesehen. Er ist vollkommen hin. Was wollen wir mit ihm. Zieh in Frieden, liebe Seele.“ Die Frau zog sich einen braunen Schleier vor das verfinsterte Gesicht: „Pember, es gibt da nichts zu lachen. Er ist ein böser Mensch. Wir dürfen ihn nicht lassen.“ „Was willst du tun, liebe Freundin.“ „Er fürchtet sich vor uns und wird gegen uns ausfallen. Er ist ein Bube, ein Barbar.“ Delvil lachte und streichelte den Arm der Frau: „Ich zweifle, daß er Dummheiten machen wird. Sie würden uns auch nur nützen.“ Die breitschultrige stand still, blickte Delvil glühend hinter ihrem Schleier an.

Der krümmte den linken Arm, wog ihn wie ein Boxer: „Ich täusche mich über nichts. Ist dies Land still, so sind wir ein Regen, der es begießt und ihm wohltut. Wir sind ruhig und sanft. Will der Konsul es anders, so kann er es haben. Wir können auch Gewitter spielen. Ich hab keine Sorge, daß wir ihn nicht in die Hand bekommen.“

Im Befehlszimmer Marduks standen am Morgen die Senatoren. Der Konsul, Wachen vor sich, gestikulierte über die Schweigenden: „Man will uns ausrotten. Man wird uns offen und geheim bekriegen. Sie wollen uns in ihren neuen Völkerkreis hinein. Ich rate allen, die ihrer Sache unsicher sind, das Land zu verlassen. Ich warne die Lauen im Land zu verbleiben.“ Das Gerücht von der Absicht der kontinentalen Beherrscher hatte er verbreiten lassen. In die Höfe des Ratsgebäudes waren Menschen eingeströmt. Grüne Fahnen, darauf goldene Ähren, wurden ihnen vorausgetragen. Der Gesang „Ein friedlich Volk“ hallte gegen die Fenster, feierlich durch die heiße Luft. „Wir werden siegen. Man will uns vernichten“ es kam aus Marduk, tobte im Saal, auf den Höfen, durch die gewölbeartigen Räume. Er selbst riß sich aus dem Lärm. Das Gesicht der drei Abgesandten stand vor seinen Augen, die Macht des halben Erdkreises hinter ihnen. Unten auf dem Haupthof preßte man sich dichter. Völlige Stille trat ein. Plötzlich ein Tosen Zittern Armeausstrecken. Marduk am Tor des Hofes, ohne Hut. Schweißperlen auf der Nase. Sein Gesicht von einer bläulichen Weiße. Er machte einen erschöpften Eindruck. Seine Stimme war undeutlich. Er werde von jetzt ab das Ratsgebäude offen halten; der Schutz des Gebäudes werde aufgegeben. Seine linke Hand fuhr rasch nach dem Kopf; sie schien eine Hutkrempe herabziehen zu wollen, blieb dann, das Haar berührend, auf der Schläfe liegen.

„Ich werde mit ihnen gehen“ war es durch den grauen Mann gezuckt, „es ist auch meine Sache.“ Mit Macht schrie das durch ihn, war da. Er fühlte eine Schwäche; aber er war es, der es schrie. Er sah Delvil vor sich, dachte: „Er ist mein Feind. Ich werde mich diesen Jubelnden hingeben.“ Es bebte in ihm fern, wie damals, als die Balladeuse ihn anfaßte. Und während das gleichmäßige Singen wieder begann, stieg er allein die Treppe zum fünften Raum im Turm hinauf. Neben ihm, durch das Fenster, zitterten feine starre Drähte hinaus. Er sah unten die schwarze Masse, die bunten Fahnen: „Gewalt, Marduk! Sieh deinen Boden, Marduk! Dein Leben! Willst du dich hinunterstürzen?“

Seine Verwirrung Verzweiflung merkte niemand, wie er stark die Anlagen und Posten im Lande beging, fast täglich mit dem Senat sich besprach. Ein furchtbarer Abscheu stieg mit Gewalt von Zeit zu Zeit in ihm auf, vor dem Ratsgebäude der Schädelpyramide dem Senat dem Volk. Ein zum Ekel gesteigerter Widerwille vor sich und aller Welt, den er mit äußerster Anstrengung herunterdrückte. Inzwischen strahlte er nach außen und strömte Kraft aus. Als er eines Nachts einen Traum von einem Spiegel hatte, – er blickte in einen Spiegel, sah mit Schrecken seine weißen Lippen, die in der Mitte geplatzt waren, Blut verspritzten; er näherte sich der Spiegelfläche, rieb sie, daß sie warm würde, das Blut stünde, – verlangte ihn nach Jonathan. Er sprach sich vor: es fängt alles von vorn an. Plötzlich ganz unvermutet erhob sich vor ihm mit Gewalt das Bild Jonathans: er konnte nicht verstehen, welche tiefe Inbrunst ihn erfüllte und wie er mit tiefer Inbrunst an Jonathan dachte. Die Dinge liefen so schlimm in der Stadtschaft, dachte er, das wußte Jonathan, mußte er wissen: dies war sein Freund, er erfuhr nichts von ihm, er sollte ihm zur Seite stehen. Er zog sich an, einen hellgelben Überwurf trug er mit Silber bestickt. So erwartete er stundenlang Jonathan; an die Wand seines Befehlszimmers gelehnt, der graubärtige Mann. Er empfand zwischendurch einen Grimm auf sich, daß er die englischen Abgesandten frei aus dem Land gelassen hatte; man hätte sie zerschmettern hinwerfen massakrieren müssen. Jonathan, Jonathan würde kommen.

Trompetenblasen von unten. Das Land bewegte sich. Wie Marduk auf das Blasen sich vorwärts bewegte, stand der weiße jünglinghafte Mensch vor ihm. So unversehens stand Jonathan vor ihm, daß Marduk Sekunden anhielt, auf den blau und schwarz gemusterten Teppich blickte und dann die Augen auf die Menschenfigur gleiten ließ, weil er nicht sicher war, ob dies ein lebender oder ein aus seinen Träumen gequollener Jonathan war. Weißgekleidet wie immer stand Jonathan im Zimmer mitten unter einem Lichtträger, mit zartblauen Stickereien an Kragen und Ärmeln, die Arme gekreuzt und sich verneigend, blühend lächelnd, die Augen dunkel, die Brauen schwärzlich dicht, als ob Raupen im Bogen über die Lider krochen. Da setzte sich der Gelbgekleidete in den Schatten. Nahm eine schwarze zusammengelegte Samtdecke von der Lehne des Sessels, zog sie sich über die Knie, betrachtete den Menschen. Und länger immer länger starrte er diese bewegliche Erscheinung an, blühende Wangen, weißen umgebogenen Seidenkragen. Bewegte die Lippen: „Ich habe an dich gedacht, Jonathan.“ „Du erlaubst, daß ich mich setze.“ „Was treibst du, Jonathan.“ „Wir haben uns lange nicht gesehen, Marduk. Ich habe nicht das Gefühl gehabt, als ob du Verlangen nach mir hattest.“ „Ich freue mich, dich zu sehen. Wie herrlich jung du geblieben bist.“ „Mein Tag vergeht einer wie der andere. Ach, wenn ich mich hier umblicke –“ „Blick dich nur um.“ „Ich kann hier stehen gehen mich umblicken: es beunruhigt mich nichts.“ „So fern bist du mir. Das willst du mir sagen.“ „Ich bin dir Freund wie noch nie. Ich kann dich jetzt erst ansehen. Ich sehe dich jetzt zum ersten Male. Ich bin dir dankbar, daß du mich hast rufen lassen, daß ich dies fühle.“ „Dies willst du mir sagen.“ Und Marduks Inbrunst wuchs, wie er das hörte. „Auch ich, Jonathan, bin dir noch nie so wohlgesinnt gewesen wie jetzt. Ich freute mich schon seit Stunden dich zu sehen. Ich glaube, ich habe heute nacht von dir geträumt.“ „Soll ich dir sagen, wovon ich heute nacht geträumt habe, Marduk. Ich träumte von Elina, meiner Freundin. Ich hätte sie wochenlang nicht gesehen, sie sei mir entrissen, oder ist sie selbst fortgegangen. Ich traf sie schwebend über einer Straße, die ich selbst ging; sie konnte nicht herunterkommen. Ich ging und ging, streckte die Arme nach ihr aus, sie glitt weiter. Aber da wurden meine Arme lang, wie Ballons wurden sie, die mich zogen und trugen. Erst hing ich unter und hinter ihr, dann wurde ich höher gezogen. Sie hatte sich zu mir umgedreht. Und wie ich gerade aufwachte, in Frieden und Glück –“ „Was war, Jonathan?“ Der schwieg, lächelte zu Boden. Leise Marduk: „Ich weiß doch, was war. Da lagst du an ihrer Brust. An der Brust dieser Frau.“ Freundlich lächelte Jonathan. „Was erzähl ich dir da.“ „Ich wollte nichts anderes von dir.“ Sie sprachen noch eine Weile weiter; Marduk wurde einsilbig, aber er ließ die Augen nicht von Jonathan. Er schien aufzuatmen, als der Jüngere sich erhob. Das Sprechen beim Abschied schien ihm schwer zu werden, sein Gesichtsausdruck war ganz unkenntlich, ein Lächeln kämpfte mit einer Erstarrung.

Und kaum der weiße selige Mensch, freudestrahlend rosengesichtig, gegangen war, schlug Marduk, sich gegen die Wand pressend wild um sich starrend, von seinem Drang überwältigt, die Glocke. Die Wache erschien lautlos. „Jonathan soll eine Stunde zurückgehalten werden. Man soll in seine Wohnung schicken. Eine Frau ist da, ich will sie sehen.“

Nach einer halben Stunde senkten sich Flieger vor dem kleinen hügelversenkten Haus Jonathans, fragten nach der Frau. Als Elina sich verwundert, eine Rose in den Mund nehmend, vor das Tor begab, baten sie sie im Namen Marduks, ins Ratsgebäude zu folgen. Sie geleiteten die Verwirrte, die an dem Blumenstengel wortlos kaute, schon hinaus.

Im selben Raum, wo Jonathan, wie aus Träumen quellend, glückselig weiß gekleidet vor ihm aufgetaucht war, empfing sie Marduk, der graue, sein zitronengelbes Kleid dicht um sich ziehend, sah ihr entgegen: „Du bist die Frau, die Jonathans Freundin ist.“ „Ja. Ich heiße Elina.“ „Du ängstigst dich vor mir ohne Grund. Da ist ein Sessel, setze dich.“ „Ist Jonathan hier.“ „Er war hier. Ich habe mit ihm gesprochen. Er ist mein Freund. Er hat mir von dir erzählt.“ Sie saß, blickte an sich herunter. Nach einer Weile strich sie das Kleid unter ihren Knien zurecht: „Ist Ihre Neugierde nun befriedigt?“ „Nein, Elina. Ich weiß, Jonathan wird mir zürnen. Ich kann mir nicht helfen. Man hätte dir Zeit lassen sollen, dich anzuziehen. Du frierst. Du bleibst heute bei mir?“ „Was.“ Mit tiefer Sicherheit gab Marduk von sich: „Ja. Es bleibt nichts übrig. Du brauchst nicht zu widersprechen. Du bleibst hier. Sei nur still, Elina. Nichts geschieht dir, was dich ängstigen muß. Fürchte dich gar nicht vor mir.“ Stürmisch erhob sie sich: „Ich bleibe nicht.“ „Jonathan weiß, wo du bist. Er wird es erfahren. Du mußt hierbleiben. Sei nur nicht erregt.“ „Laß mich hinaus. Marduk. Du bist schlecht. Ich hab es schon gewußt, daß du schlecht bist. Du hast mit ihm gesprochen, daß du mich holst?“ „Nein, Elina.“ „Siehst du, wie niederträchtig du bist.“

Sie rüttelte an der Tür. Die bewegte sich nicht. Sie stand, die Fäuste hebend, einen Schrei ausstoßend, vor ihm, rüttelte an seinen Schultern: „Laß mich hinaus.“ Er bewegte sich nicht.

Das Fenster riß sie auf. Da zuckte er hoch, wich zurück, hob den Arm vor die Augen. Sie rief am Fenster: „Ich tue es, Marduk. Wenn du mich nicht fortläßt, ich tue es.“ Tiefblaß war er plötzlich geworden, seine Gesichtsmuskeln zuckten, die Augen geschlossen. Er brachte seine Lippen zu einer Bewegung; seine Stimme tonlos: „Elina. Tu es nicht. Tu es nicht.“ Sie wurde stiller, warf sich zu Boden, wimmerte, sonderbar verwirrt und angerührt: „Ich will fort. Ich will Hilfe. Jonathan, hilf mir!“ Langsam ließ Marduk seinen Arm herunter. Er öffnete seine Augen, sie lag ausgestreckt da. „Ich hab dich nicht hingeworfen. Du hast es allein getan.“

Er sah sie nicht mehr an. Sie suchte, wie sie sich aufrichtete und stand, seinen immer abgewandten Blick zu haschen. Ein unsicheres Gefühl war in ihr, als hätte sie ein Unrecht getan. Nichts sagte sie mehr. Ein leiser Schmerz war in ihrer Brust, als er sich stumm zur Tür bewegte. Sie war bestürzt, aber leicht befriedigt, als sie hörte, wie er leise sagte, den Blick am Boden: „Sei unbesorgt. Es geschieht dir nichts. Man wird dich auf ein Zimmer bringen.“ Und noch während sie von einer Wache hinausgeleitet wurde, flüsterte er: „Keine Angst. Es geschieht dir nichts.“

Auf dem Zimmer, auf dem die Balladeuse gewartet hatte, die Decke zerzupfend, mit Jonathan sprechend, wartete Elina zwei lange Tage. Sie weinte, hatte Sehnsucht nach Jonathan, nachts wilde Angst. Stundenlang dachte fühlte sie über Marduk nach und war gequält. Zwei Tage lang kam Marduk nicht.

Aber was war das für ein Mensch, der den dritten Morgen ihre Türe öffnete, an der Wand stehen blieb, sich ihr näherte, im gelben langen geschnürten Mantel, den grauen Kopf senkend, sanft: „Elina, willst du mir gestatten, daß ich hier sitze.“ Sie hatte unendliche Furcht vor ihm. „Du wirst in einer Stunde das Haus verlassen können. Und wirst hingehen, wo du willst. Nimm einen Gruß an Jonathan mit. Grüß ihn von mir. Er war ohne Grund besorgt um dich. Ich habe mich vergriffen. Ich habe es schon erkannt.“

Sie fühlte sich, auf dem Bettrand sitzend, bewegt, zu sagen, er möge doch nicht stehen. Es sei sein Zimmer, er möge sich setzen. Da fing er aus seinen großen braunen Augen sie betrachtend an: „Du liebst Jonathan. Sag mir, wie liebt ihr euch?“ Sie blickte erstaunt, dann lächelte sie auf ihren Schoß herunter: „Er ist ja mein. Ich bin ihm von Herzen zugetan. Willst du das wissen? Seit ich ihn habe, ist mir die Erde schöner geworden. Seit ich ihn habe, ist alles gut geworden. Ich selbst bin gut geworden. Er brauchte es nicht werden, Jonathan, er war immer gut. Was soll ich dir sagen, Marduk. Ich vermisse ihn jede Stunde.“ Er hielt den Kopf gesenkt: „Kannst du noch mehr sprechen.“ „Von Jonathan? Immerfort könnte ich von ihm sprechen. Du glaubst gewiß nicht, was ich sage.“ „Sprich doch weiter, Elina.“ „Du kennst ihn ja selber. Du mußt nicht glauben, daß ich seiner unwert bin. Aber er weiß es selbst. Wenn man sich liebt, glaubt man das nicht. Ich liebe ihn nicht von gestern auf heute, und morgen ist nichts mehr. So innig, so innerlich bin ich ihm zugetan, daß ich mir gar nicht denken kann, daß dies erlischt. Ja, daß dies mit mir und Jonathan stirbt. Du magst lachen, Marduk; ich glaube, wenn du mich umbringst mit Jonathan –“ „Was ist dann? Sprich nur. Ich bring euch gewiß nicht um.“ Sie saß mit geschlossenen Augen, flüsterte nach einem Schweigen: „Die Welt wird dann schöner werden. Die Erde wird dann schöner. Wir werden nicht mehr zwei Menschen sein, die an einem Fleckchen, in einem Zimmerchen sind. Wir werden wandern, hier beseelen, da beseelen, wie eine Wolke. Wir werden viele glücklich machen. Wir sind auch vielleicht bei dir. Ich dachte schon manchmal, wessen Glück auf mich übergegangen ist, welchem süßen Abgeschiedenen ich zu danken habe.“

Tränen liefen ihr aus den Augen. Er fragte nicht. „Ich weine um ihn, Marduk. Was hat er in diesen Tagen gelitten. Du bist nicht schlimm. Wie ist es ihm gegangen, bevor wir uns fanden. Er hat solche Kraft zu leiden.“ „Ich habe sie früh an ihm erkannt. Sie wird nicht absterben wie die andere Kraft, von der du sprichst.“ Sie lächelte: „So viele Menschen haben Liebe, Marduk. Auch Tiere und Vögel und Schmetterlinge. Sogar Löwen und Bären.“ Er lächelte nicht, als sie ihn anlächelte. „Du machst einen Scherz mit mir, Marduk? Ich weiß nicht recht, was du mit mir tust.“ „Geh jetzt, Elina. Ich danke dir, daß du zu mir gesprochen hast. Du bist mir nicht böse.“ „Nein, nein. Und ich kann jetzt gehen.“ „Ich öffne dir.“ Sie gab ihm die Hand, blickte ihn von der Seite an: „Lebewohl, Marduk. Leb’ recht wohl. Wovon bist du so grau? Und warum trägst du einen Bart?“ „Jonathan soll mir nicht grollen.“

Wie sie im Hause ihres Freundes war und sie sich besänftigt hatten, drang Jonathan in sie: „Flieh mit mir.“ Sie konnte nicht. „Du, Elina, ich sehe mein Geschick.“ „Was ist das?“ „Es ist das des flüchtigen Desir, des Freundes der Marion Divoise. Er haßt mich jetzt. Er will mich treffen. Er hat sich geschämt; er war zu rasch, er war zu deutlich. Aber er will mich treffen, mit dir, meiner Geliebten.“ „Ich werde nie zu ihm gehen. Ich bin nicht die Balladeuse. Ich habe nur dich, ich habe es ihm gesagt, er hat es gehört. Mit dir zusammen sein ist mein Leben. Er weiß es und es ist wahr. An ihm – ist etwas Schauerliches. Zuerst hielt ich ihn sogar für schändlich. Ich weiß nicht, wie du sein Freund sein konntest. Du, mein wonniger Jonathan.“ „War ich sein Freund? War ichs oder bin ichs? Er hat meine Mutter gemordet, ich habe es dir erzählt. So fing sein Konsulat an. Da stand er und wußte nicht weiter. Er schwankte, er schwankte noch oft; er wollte immer weg von seinem Konsulat; an mich hat er sich gehalten. Dazu war ich sein Freund. Den Schmerz in mir hat er gezüchtet, um nicht zu verzagen, nachdem er alles vernichtet hatte, woran er selbst hing, seine Pflanzen seine Bäume, die wunderbaren Dinge, die er trieb. Was will Marduk von mir? Ich bin ihm einer der Stiere, der Metallstiere Markes: ich soll ihn erinnern. Ich soll brüllen. Vor Schmerz brüllen. Sonst wird alles sinnlos, was er treibt. Sein Konsulat fällt ihm aus den Händen. Vielleicht treibt ihn jetzt die Gewalt allein und er merkt, daß er überhaupt gar nichts mehr ist. Daß er mitmachen muß, mitheulen muß. Und er möchte ja nicht, ich sage es dir, Elina, darum verfällt er auf alles mögliche, darum hat er das Land ausgedehnt und was sonst. Was wollte er denn mit dir? Die Maus in der Falle!“ Elina wich von ihm, hob die Hände: „Wie ist mein Jonathan böse! Das bist du ja gar nicht.“ „Ich bin es doch. Ich kann auch böse sein. Ich ohne Schleier. Er hat mir Schleier vorgelegt, mich nach seinem Willen gezüchtet. Ich ohne Schleier. Vor Schmerz habe ich brüllen müssen, an der Ostsee hab ich fast sterben müssen, und später gab es fast keine Woche, wo ich nicht einen halben Tag mit dem Tode rang. Das wußte er und das tat ihm wohl. Der Uralische Krieg war ich. Den preßte er in mich hinein und sättigte sich daran. Die Bilder genügten ihm nicht, Markes Schädelpyramide reichte nicht. Sieht er mich, brülle ich, so weiß er etwas, so hat er Sättigung, so kann er seinen Wahnsinn leichter herunterschlucken. Dann schmeckt er ihm.“

Sie hing ängstlich an ihrer Stuhllehne, schaute ihn mit großen Augen an: „Von dem, was du sagst, verstehe ich das meiste nicht. Aber du mußt weg hier. Das seh ich. Warum bist du nur solange hiergeblieben mit mir?“ Der weiße Jonathan stand still; langsam ließ er den Kopf sinken. Leise Elina, einen Schritt näher zu ihm: „Doch seinetwegen.“ Er schwieg, den Kopf vor der Brust, die Hände gefaltet vor die Stirn drückend. „Ich weiß es doch, Jonathan; seinetwegen.“ Er ließ die Hände, blitzschnell warf er den Kopf zurück, war er bei ihr, umschlang sie: „Ich habe dich. Ich liebe dich. Komm. Du bist mein Leben und mein Licht. Ihr Haare seid mein Glück. Die süße Haut. Du nasser Mund. Mein Hals. Du feine Brust; ich krieche in dich hinein. Und nun küß mich. Ich habe dich wieder, Elina. Elina.“ Seine Knie knickten ein: „Ich bete.“ Sie sank zu ihm herunter: „Jonathan. Nichts kann ich dir sagen. Ich bin dir ja so nahe.“

Sie gingen nach dieser Stunde wie sonst nebeneinander. Fester drückten sich ihre Arme aneinander.

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