Part 17
In der Nacht wachte Jonathan auf. Er hatte von einem sehr leichten Federball geträumt, den er greifen wollte: er sprang vom Boden aber rastlos auf und ab, von selbst, es war ein unsäglich mühsames Begehren. Der Ball ging springend vor ihm weg, einem Fenster zu, das sehr helles Licht warf. Der Ball war weiß, immer schwächer zu sehen, blinkte nur noch an der Decke, am Fußboden, und er mußte ihn fassen, diesen lautlosen Federball. Er horchte aufwachend im Dunkeln. Sein Herz schlug wuchtig. Mit jedem Schlag trieb es einen Feuerschein vor seine Augen, stieß einen Hammer gegen seine Kehle. Die Decke schob er zurück. Elina stöhnte laut. Elina stöhnte. Sie griff um sich. Jonathan drückte auf den Lichtknopf. Ihre flammende Röte. „Elina, hast du Schmerzen?“ „Oh mir ist gut.“ Und warf den Kopf beiseite, krümmte sich. Er sprang auf. Sie verfolgte ihn mit fliegenden Blicken, als er sich anzog. „Was willst du tun, Jonathan. Ich habe gar keinen Schmerz.“ „Ich will dir zu trinken holen. Du fieberst.“ „Ich habe keinen Schmerz. Ich will keinen Arzt.“ „Ich bleibe.“ „Mir fehlt nichts. Mir ist ganz gut. Komm her. Bleib bei mir.“ Ihre zurückgesunkenen angstvoll suchenden Augen. „Dein Hemd ist es.“ „Laß mich los. Ich befehle es dir. Wenn du mir mein Hemd nimmst, lauf ich weg. So wie ich bin.“ „Ich tu’s ja nicht.“ „Du schwörst es mir.“ „Ja.“ „In die Hand.“ „Ja.“ „Jetzt küsse mich.“ Ihre Münder lagen aufeinander. Er weinte vor unausfühlbarer Sehnsucht. Ihm fuhr durch den Kopf, wie der Federball sprang und blinkte am weißen Fenster.
Fünf Tage diente Jonathan seiner Geliebten. Er hörte aus ihren Träumen: wie sie sich zusprach; es werde alles gut werden; sie fürchtete sich zu sterben. Das Hemd senkte seine feinsten Sprossen in ihre Haut, wieder schilferte eine Lage, bläulich schimmerte die neue. Während sie in tiefem dauerndem Schlaf lag, zog ein leuchtendes Meeresblau über ihre Schulter und Brust. Ihre Atmung wurde ruhiger.
Elinas Augen blitzten seit der Zeit. Ihre Bewegungen waren glatt, schmeichelnd erregt. Ihr Lachen härter. Und wenn er sie umhalste, so fühlte er sich tief bewegt, nie beruhigt, nie gesättigt. An seiner Unterlippe sog sie sich im Kuß fest, hielt sich ganz dicht an ihn, die Knie zitterten unter ihr. Als wenn sie aus dem Schlaf erwachte, öffnete sie die Augen, lachte, gab ihm einen Schlag auf die Schulter, ließ ihn stehen.
* * * * *
Spöttisch durchstreifte sie mit Jonathan die Stadtlandschaft. Sie fuhren auf drolligen schaukelnden und springenden Wagen. Die Gefährte hatten unter ihren Sitzkästen stengelartig lange Beine, die spiralig mit Metall umwickelt waren. Sanft knickten und schnurrten diese Beine bei der Berührung mit dem Boden ein, um gleich darauf völlig zusammensinkend aufzuschwirren und schräg nach vorn zu schießen. Heuschrecken hießen die Gefährte, weil sie wie Heuschrecken kräftige lange Hinterbeine mit einem starken Scharniergelenk hatten. Zum Aufsetzen dienten vorn zwei wenig nachgiebige Vorderbeine und seitlich elastische Streben, wie Tastorgane, um einen Anprall abzuschwächen. Elina und Jonathan unter bunten Tüchern tänzelten in ihrem Gefährt über den Waldboden, waren im Begriff, sich zu senken, um einen Bach zu überqueren, der dicht hinter einem niedrigen Gehölz floß. Sie überblickten die Landschaft nicht, und wie sie aufsetzten, tönte ein Schrei unter ihnen. Schon schwirrte der Apparat wieder hoch, Jonathan beugte sich vornüber, um zu sehen. Sie machten einen Sprung, sich drehend, zurück; die Bremse schlug an; hart setzten sie an der Stelle des Schreis auf. Da schleppte ein Mann eine Frau an den Bach. Sie trugen beide dunkelgrüne Kleider, nur wenn sie sich bewegten, unterschieden sie sich vom Gras. Jonathan sprang aus dem Gestell; Elina, die nachspringen wollte, mußte er zurückhalten, bis er die Füße des Apparats verschraubt hatte; der gewicht- und führerlose Apparat wäre davongetänzelt und an einem Baum zerschellt.
Der Frau, die am Bach lag, hatte der Mann das Kleid über dem weißen Rücken aufgerissen. Eine krallenartige Fleischwunde spritzte da rotes helles Blut. Der Kopf der Frau lag schräg über dem Uferabfall, gelbweiß ihr Gesicht; der Mensch hantierte mit einem grünen Tuchfetzen. Er murmelte, wie Jonathan neben ihn trat: „Was habt Ihr gemacht. Was soll ich tun.“ Jonathan stammelte: „Ihr liegt hier im Gras. Wir haben Euch nicht gesehen. Ihr habt kein Zeichen gegeben.“ Elina: „Sie stirbt ja, Jonathan.“ Sie warf sich über die Frau, öffnete ihr Kleid, drückte ihre Brust an die Wunde. „Mein Hemd ist lebendig, das hilft.“ Blut überrieselte ihre Brust. Sie kniff in Ekel und Schauer die Lippen ein. Mit starren Mienen lag sie da. Als die Äste unter dem Wind knackten, drehte sie den Kopf: „Sieh zu, Jonathan, daß keiner kommt“, und zupfte an ihren Röcken, die über die Waden aufgeschoben waren. Nach einer Weile hob sie sich sachte von der Frau. Ihr Gesicht erhellt; das Blut spritzte nicht mehr. Bis an den Hals war sie blutbelaufen; Oberlippe und Stirn trugen Spritzer.
Der Mann trug, als Jonathan auf ihn einredete, die Frau in den Apparat. Jonathan löste die Verschraubungen, sprang ein. Der Mann trat zurück; der Apparat streckte die Beine, zog sie an, streckte sie, schwirrte mit hohem Metallgesang auf. Zierlich schwebte er in Manneshöhe über dem Bach, wendete in einem Kreis, flog wippend über die Unglücksstelle den Häusern der großen Stadt zu.
Elina hatte sich zwanzig Schritt aufwärts der Stelle am Bach gewaschen, gebeugt über dem Wasser kniend. Hand um Hand schöpfte sie Wasser, das sie erst anhauchte, als wenn sie es wärmen wollte, goß es gegen die Brust. Sie strich zu dem grünen Mann hin: „Ich möchte meinen Freund hier nicht erwarten. Wenn Sie wollen, gehen wir in die Stadt und sehen, wie es der Kranken geht.“ Der lag am Wasser. „Kommen Sie. Suchen Sie etwas?“ Mißtrauisch blickte er sie von unten an: „Ich werde noch hier bleiben. Wenn der Herr wiederkommt, werde ich hören, was sie macht.“ „Sie wollen also warten.“ An einem Baum stehend betrachtete Elina den Mann. Sie zweifelte nicht, als sie eine Weile gestanden hatte, daß er etwas suchte am Wasser und daß er an seiner Brust etwas verbergen wollte. Sie schlenderte seitlich zurück. Und als sie langsam summend wiederkam, ging er ihr entgegen. Da wußte sie, es war ein Vertriebener, der heimlich zurückgekehrt war und Versuche machte, ein Täuscher. „Mein Fleisch, mein Blut“ zitterte es in ihr, mit einem verborgenen stachelnden Entzücken. Ein fürchterlicher Haßblick aus seinem traurigen Gesicht traf sie. Sein grünes blutgesprenkeltes Kleid war von Art der Bergleute; eine Kappe hatte er über die Ohren und tief in die Stirn gezogen. Stämmig und breit trabte er. Sie war immer einige Schritte hinter ihm: „Laufen Sie doch nicht so; ich komme nicht mit.“ Er zwang sich, ging langsamer. Sie trieben durch das Buchenholz. Der Boden war braun. Und wie Elina den Mann suchte zwischen den Stämmen, fand sie ihn nicht. Sie lief. Da ging ein Mann, ein brauner, er ging ganz dicht bei ihr, sie hatte ihn nicht gesehen. Aber wo war der grüne. Sie wollte an dem braunen vorbeilaufen, da drehte sie sich zurück. Er hatte die Kappe ins Gesicht gezogen wie der grüne. Sie stand angewurzelt, als sie das vergrämte stumme Gesicht sah. Das war der grüne. Sie hastete hinter ihm. Das war sein Schritt. Der kurze stämmige Körper. Was war das. Wenn sie stehen blieb und er sich entfernte, erkannte sie ihn nicht zwischen Stämmen und brauner Erde. Sie rieb ihre Augen, lief an ihn heran. Das geradeausblickende Gesicht des Mannes. „Sagen Sie, ich bin erschrocken. Ich glaubte, Sie hatten eben ein grünes Kleid an.“ Er drehte ihr seine Augen zu: „Ja. Und?“ „Jetzt?“ Er fuhr zusammen. Blieb stehen, sah an sich herunter. Er hob die Fäuste vor die Augen, stöhnte: „Jetzt laufen Sie. Verraten Sie mich. Was für einer ich bin. Was ich für ein Kleid trage. Ich heiße Lorenz. Und Sie?“ „Elina.“ „Elina, Sie dürfen nicht weiter. Sie haben mich in der Hand; ich muß mich schützen.“ „Sie wollen mich halten?“ „Ich sagte es schon.“ „Ich sehe nichts ein, Lorenz. Aber ich trage auch etwas.“ Sie lachte ihn siegreich an. „Sie glauben, man müsse ein farbiges Kleid tragen, um ein Täuscher zu sein. Ich täusche auch so. Dicht neben Marduk. Glauben Sie’s nicht? Sehen Sie meine Schulter.“ Sie zog, dicht an ihn tretend, ihren Brustausschnitt zurück; bläulich war die Schulter überlaufen. Er blickte noch hin, als sie die Schulter schon wieder bedeckt hatte. „Sie wundern sich. Werden Sie mich angreifen?“ Er griff nach ihrer Hand, drängte sich an sie, das Staunen hatte sein Gesicht geöffnet, langsam brachte er heraus: „Nein. Ich kenne Sie nicht. Heißen Sie wirklich Elina. Ich weiß nicht, was Sie treiben. Seit wann sind Sie hier. Wo sind Sie.“ „Ich bin Jonathans Freundin. Er ist mein Freund. Er ist doch nicht Marduk. Fürchten Sie sich nicht. Ich bin froh, ich bin glücklich, daß ich Sie gefunden habe.“
Sanft flog Jonathan mit der ächzenden Frau durch Waldlichtungen, über Wiesen Alleen. Sie lag hinter ihm unter Elinas Schal. Zierlich erhob sich die Heuschrecke, abwechselnd schnurrten und klangen die spiralenen Beinchen. Er wagte sich kaum nach ihr umzusehen; er fürchtete, sie könnte sterben. In wachsender Besorgnis fuhr er, verbog die Hebel, aber immer gleichmäßig schwebte und taumelte die Heuschrecke. Die Kinder lachten auf den Chausseen dem ansummenden Liebesgefährt zu. Er seufzte, als wenn ihm selbst eine Gefahr drohe. Das kleine rosa Krankenhaus auf einer baumumstandenen Wiese. Als die Schwestern die Frau herausgehoben hatten, blieb Jonathan lippenkauend bei seinem Apparat, stieg dann langsam die Treppe nach. „Sie werden sagen, sie ist tot. Sie werden aus einer Tür, aus einem Aufzug hervortreten und mir erklären, daß sie nichts mehr tun können.“ Er stellte sich an ein Fenster. „Es kommt niemand heraus. Ich kann hier lange stehen. Wie viele Menschen haben hier gestanden und die Bäume drüben angesehen. Die Bäume abgezählt. Sechs in einer Linie, fünf dahinter. Es sind gar nicht die Bäume, die sie gesehen haben; sie haben etwas anderes gesehen; die Bäume sind nur darin eingetragen, wandeln darin herum, kommen und gehen.“ Er stemmte den Kopf gegen den Fensterrahmen, stöhnte: „Ich wollte nicht nach Berlin. Ich wollte nicht hierher. Wenn ich hier weg wäre. Oh, wenn es eine Kraft in der Welt gäbe, die mir helfen könnte. Die mich forttrüge und dies alles rasch beendete. Daß ich die Bäume nicht mehr zu sehen brauch, daß ich dieses Haus vergesse und wie ich hier stehe. O du große Kraft, gib, daß hier nichts geschehen ist, hilf mir. Sie soll nicht sterben, es soll alles wieder gut sein, ich will ja weg von Berlin.“ Und hinter seinen Gedanken tauchte schon, er wußte nicht wie, Marduk auf, finster beängstigend, und hinter ihm, mit ihm noch Schlimmeres, so Schlimmes Dunkles Verhülltes. Gebunden stand er; er drohte ohne sich zu bewegen: „Wenn ich diesmal frei komme, kommen sie nicht so leichten Kaufs davon. Dann soll etwas geschehen. Ich will es nicht leiden. Ich will nicht. Ich will nicht. Ich setze mich zur Wehr.“ Er rekelte sich, er wußte nicht was er tat, keuchte mit vortretenden Augen, rang sich von dem Alp los. Eine Schwester rauschte sanft und tief ihn anblickend, neben ihn. Sie stand erst stumm vor dem Entsetzten, dann: die Frau sei durch den Blutverlust geschwächt; in zwei drei Wochen werde sie hergestellt sein. Finster wortlos zog sich Jonathan die Treppe herunter. Dann stürzte er, lief. Als er in seiner Heuschrecke saß und flog, schrie er und tobte, brüllte und weinte, während er auf und ab flirrte, wußte tränengeblendet nicht warum. „Es ist wieder gut“ ging es schwellend betäubend durch ihn, „es ist ja wieder gut. Jonathan, sei still. Jetzt fährst du ja zu ihr, zu Elina. Es geht vorüber. Jetzt ist alles vorbei.“ Und wie er ihren purpurroten Rock im Gehölz wehen sah an dem Wege, den sie hergefahren waren, streckte er aus dem Fahrzeug den Arm nach ihr aus: „Elina! Elina!“ Sie hielten sich umschlungen. Dachten nicht an den Mann, der stumm zur Seite blickte. Stammelten sich Liebesworte zu, als hätten sie sich monatelang nicht gesehen und fänden sich nach einer schrecklichen Trennung wieder. Sie wurden glücklich und matt zum Umsinken. Zu Füßen eines Baumes ließen sie sich nieder. Erst jetzt fühlte Jonathan, was ihm Elina war. Er sonnte sich an ihrem Gesicht. „Jonathan.“ Elina drehte den Kopf nach oben, „du hast nicht gesehen, wer da steht.“ Er blickte auf, erkannte den Mann, dessen Kleid bräunlich war. Elina beobachtete lächelnd Jonathan, flüsterte ihm ins Ohr: „Es ist ein Täuscher. Er ist verbannt.“ „Sonderbar.“ Jonathan blickte ihn weiter an, „ich hab es mir gedacht.“ Er stand auf: „Der Frau geht es nicht schlecht. Sie wird in einigen Wochen wieder gesund sein. Man braucht nicht für sie zu fürchten.“ Elina trat vor Jonathan: „Er glaubt, du verrätst ihn. Du sagst ihm etwas.“ Lange wiegte sich Jonathan hin und her; er fühlte: „So rasch erfüllt sich alles.“ „Ich bin Ihnen einiges schuldig. Ich werde Sie gewiß nicht verraten.“ „Zwingen Sie sich nicht, Jonathan. Ich brauche keine Hilfe. Es genügt mir, wenn Sie mir versprechen, mich nicht zu verraten.“ „Nein. Warum lachst du, Elina?“ „Ich freue mich über dich, weil du zu ihm gesprochen hast. Wie ich dir danke. Du bist mein Jonathan.“
* * * * *
Nicht lange darauf wurde von einer Anzahl rachsüchtiger Verbannter Magdeburg zum bewaffneten Standquartier gegen Berlin gemacht. Marduk, der finstere Herumlungerer, schlug mit Wut zu. Rapide und mit rasender Verachtung der Verbannten organisierte er den Angriff. Man erzählte sich in der Stadtschaft, er hätte nur auf die Verräter gewartet. Sie hätten kommen müssen, die Esel die erbärmlichen Gerippe die Strohköpfe. Es war sicher, daß es ihm eine Freude machte, auf sie loszuschlagen, und daß es ihn, der schon halb hingesunken war, wieder erhob. Während er in Berlin hielt, ließ er Lucio Angelelli, den schwarzen stillen Hauptmann seiner Wache, auf Magdeburg. Die Fernbrenner machte er wirkungslos, gegen seine Besen, die menschenverdrängenden Lichter, kamen sie nicht auf. Nach dem Auseinanderfall des großen Staatenkreises bestand keine Einheitlichkeit in den Kampfmitteln. Der Austausch, die gegenseitige Beobachtung war mangelhaft, man konnte wieder kämpfen. Lucio Angelelli fuhr mit den gefangenen Hauptverschwörern, über fünfhundert Männer und Frauen, rund um und quer durch die Stadtlandschaft. Zwei Wochen lang wanderte er durch Straßen Alleen, über Plätze Berge, fuhr Flüsse ab, rief auf Äckern und in Anlagen die Menschen zusammen. In dem Fatamorganarauch der Markezeit zeigte er überall, wie er eine Verschwörergruppe am Tage zuvor beseitigt hatte. Darauf vollzog er sein Gericht an der nächsten, während in der ganzen Stadtschaft die metallenen Stiersäulen ununterbrochen brüllten. Auf die einfache Köpfung, das Zerschlagen der Glieder, die Erstickung kamen andere Methoden. Einzeln ließ er sie in die Luft sprengen, aus führerlosen Flugzeugen zerschmettern. Er übte die langsame Vereisung durch sprühenden Regen, der auf Schulter und Hals und nach und nach alle Gliedmaßen des Delinquenten fiel. Er, die rechte Hand Marduks, wies, im Besitz welcher Macht man war. Er war es, der auf offenem Platz vor seinem Zelt eine der hingebrochenen vereisten weißen Figuren auf unerhörte Weise sich bewegen ließ. Sie zog ein Bein an, das andere, den Rumpf schräg aufrichtend schwankend; unter tiefer Stille ließ er sie auf sich zu spazieren; sie schlug den schneeigen Kopf rückwärts, neigte ihn vor ihm, senkte sich auf die Knie und lag auf der Seite, kollernd auf dem Rücken, eine weiße vereiste Menschenfigur, ein Toter, eine Tote. Er ließ sie aufschnellen, drohend gegen die auseinanderstiebenden Menschen anwandern.
Um diese Zeit hatte Marduk es für nötig gehalten, um Ackerflächen zu erlangen, das Gebiet der Stadtlandschaft Berlin nach Norden gegen Mecklenburg hin über Güstrow Demmin Anklam hinzuziehen. Schon kurze Zeit darauf erachtete der Senat, der mit ihm Hand in Hand arbeitete, es für ratsam, über Demmin Anklam hinauszustoßen und sich über die sehr fruchtbare brache Gegend von Stralsund bis Anklam auszudehnen. Erst damals trat bei Marduk und dem Senat der Gedanke mehr in den Vordergrund, wie willkürlich geschnitten das Gebiet der Stadtlandschaft war, wie ungeheure Landmassen bis zu den Nachbarstadtschaften ungenützt dalagen. Mächtig wogte südlich der Elbe die Stadtschaft Leipzig. Westlich von Magdeburg folgten Stadtreste auf Stadtreste, abgebaute ausgeleerte Städte, ehemals Sonderstädte überwundener Industriezweige. Hannover neben Hamburg war die nächste westliche Stadtschaft, im Besitz eigener Mekianlagen, stärkster Kraftapparate, gefüllt von erschlaffenden erlahmenden Millionen Menschen, unter der Obhut von eifersüchtigen Senatsgruppen, Abkömmlingen der großen Herrengeschlechter, jeder bedacht auf Errichtung einer Tyrannei. Während die Masse des Volkes vergnüglich höhnisch und fast verächtlich ihre Herren beobachtete wie einen gemeinen Spaß. Ohne gehemmt zu werden griff der Berliner Senat bis dicht vor Hannover, das Braunschweig und Wolfenbüttel, Hildesheim und Celle überlagerte. Die im Westen ließen es fast mit Neugier geschehen, wie vom Osten her Menschen die leeren Landstriche besiedelten und arbeiteten, als gäbe es keine Mekifabriken, keine Kraftapparate.
Damals stieß man auf die längst verlassenen Kohlenbergwerke einer vergangenen Periode. Die schwarzen Halden und Schächte, die offen liegenden Gruben umwanderten die Männer und Frauen, die das Land bestellten; Stiere Kühe Schafe konnten hier nicht weiden; Weizen Roggen Hafer konnte nicht wachsen; von dem mächtigen finsteren Gelände wandten sie sich ab. Aber hinter ihnen zogen prüfend und beobachtend Marduks Gehilfen. Sie hatten noch nicht gedacht, auch die Kraftzufuhr abzubauen. Mit unsäglicher Kraft lockte sie augenblicklich die schwarze Grube und der Abgrund. Dahinunter Menschen zu werfen, hier, auf der Stelle, die Last herauftragen zu lassen, wo sie gewachsen war: weg von den Wasserfällen Skandinaviens.
Wie ein Wunder staunten die Menschen, die mit ihren Tieren herumzogen, die glitzernden zerbröckelnden Steinlagen an, aus denen sich Wärme und Licht schlagen ließ. Die Stadtlandschaft war groß und menschenarm. „Wir werden sie zwingen. Wer friert sucht Wärme. Sie werden in der Nacht sitzen.“ Sie zerschnitten Teile der Riesenkabel von den skandinavischen Wasserfällen, die fanatischen Feinde der Apparate. Sie sprengten Gerüchte aus, man wolle sie zwingen, in den neu sich bildenden Völkerkreis einzutreten.
Die märkische Stadtlandschaft warf sich dann auf das anlagernde Straßen- und Fabrikungetüm Hannover. Rasierte in wenigen Tagen weg, was diese Stadt mächtig machte. Sprengte verwüstete vertrieb Zehntausende. Braunschweig Hildesheim Wolfenbüttel Celle durchschritten die Grauen und Abscheu erregenden märkischen Männer und Frauen, die von der Kultur der Umländer nichts hatten als Bewaffnung und Sprengstoffe. Hunger und Tod gingen mit ihnen in die überfluteten Stadtlandschaften. Sie waren nicht viel, aber ausgesucht stark an Muskeln und Knochen, grob bekleidet. In verfallenden Städten lebten sie. Ihre Gesinnung roh. Trübe Geschöpfe, aus vielen Rassen, durch Markes Marduks Regiment eine Art geworden. Die aus westlichen Stadtschaften sich ihnen näherten, erkannten: sie waren bekümmert finster, zu Streit geneigt, eine gärende furchteinflößende Menschenmasse. Die Lüneburger Heide, Aller und Weser entlang wanderten ritten fuhren die Märkischen. Überwältigten Menschenhaufen selten mit Waffen und Apparaten, die sie hinter sich schleppten, liebten Listen Verwegenheiten roheste Kraft. In dieser Zeit überließ der Berliner Senat die Gewalt an Hordenführer.
* * * * *
Die Stadtschaften des Kontinents waren im siebenundzwanzigsten Jahrhundert allgemein in wilde Bewegung geraten. Was in Berlin unter Markes Konsulat begann, die Abtrennung von den Umstaaten, die Sprengung der Zentralen, erfolgte gleichzeitig in den westlichen Stadtlandschaften, hier intensiver, dort sehr oberflächlich. Immer blieben starke Verbindungen mit den Umstaaten bestehen, wenn sie auch nicht zahlreich waren, das Skelett des Riesengebäudes stürzte nicht mit ein. Ungeheuer die Schicksale von Stadtschaften im Süden und Westen in der Folgezeit; Vernichtungen Verderben großer Menschenmassen, verzweifelte Bündnisse von Staaten gegen andere tyrannische. Aber überall setzten rückläufige Bewegungen ein. Kluge bedenkenlose aktive Männer und Frauen in London verstanden die Bewegung auf dem Kontinent in Fluß zu erhalten. Es konnte sich, als zwanzig dreißig Jahre nach dem Uralischen Krieg vergangen waren, nur darum handeln, einen Völkerzusammenhang in neuer Weise herzustellen.
London suchte den gefährlichen Marduk zu gewinnen. Er, selber durch technische Gehilfen in Verbindung mit den anderen Kapitalen, genoß bei den schwer kämpfenden Senaten des Kontinents das größte Ansehen. Die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen lag allen vor Augen. Als er aber das Gebiet seiner Stadtschaft ausdehnte, wuchs die Furcht. Francis Delvil und Nelson Pember aus dem Londoner Senat suchten ihn zusammen mit Frau White Baker auf. Alle drei starke und verschlagene Menschen, im Kampf mit einer gefährlichen Bevölkerung aufgewachsen, begierig, Marduk auf ihre Seite zu ziehen, nicht aber, seine Gewalt zu dulden. Sie fanden in dem staatartig weiten Gebiet der Stadtlandschaft Berlin nicht, wie sie erwarteten, eine unterjochte kleine waffenlose Bevölkerung, mürrische stumpfe Knechte. Man sprach mit Stolz und Liebe von ihm. Das gefahrvolle Feuer, das von den Grenzen ins Land strahlte, weckte ein anderes Feuer im Land. Wie die drei Fremden das Land überflogen, sahen sie unter sich eine Reihe festungsartiger Lager, dazu eine Anzahl eigentümlicher ihnen unbekannter Vorkehrungen, die zweifellos kriegerischen Absichten dienten. Längst brüllten nicht mehr in anderen Stadtschaften die metallenen Stiere, die im Gefolge des Uralischen Krieges aufgekommen waren; hier grollten sie rechts und links, war die Zeit stehen geblieben. Nur geringe Haufen der verkommenden Müßiggänger, der teilnahmslosen und abenteuernden Menschen gab es. Das dünn bevölkerte Gebiet zwischen Elbe und Oder durchzogen erstaunlich energische Männer und Frauen, die sich den fanatischen Ansichten Marduks angepaßt hatten, seine Tyrannei nicht empfanden, denen er unbedenklich Waffen anvertraute.