Berge Meere und Giganten

Part 16

Chapter 163,961 wordsPublic domain

Und immer wieder: „Nicht einmal das.“ Er drängte Jonathan plötzlich ängstlich zu sehen, ob jemand vor der Tür sei, und als Jonathan zurückkam, brach er in einen Weinkrampf aus. „Sie können nichts. Ich wache über sie. Vor dem Uralischen Krieg war es nichts und jetzt ist es nichts. Wir sollen alle verderben. Weißt du, daß ich dich schon lange nicht gesehen habe. Weißt du, welchen Tag wir heut schreiben.“ Er studierte, auf dem Bett sitzend, Jonathans Gesicht. „Heute ist der Jahrestag meines Einzugs in die Stadt.“ „Ja.“ „Komm näher, Jonathan. Was war noch damals. Laß mich besinnen. Damals ließ ich dich rufen, ich ließ dich nicht fesseln. Dann habe ich mit dir eine – Ehe geschlossen.“ „Laß das, Marduk.“ „Ich weiß es noch gut. Es tut mir wohl daran zu denken, lieber Bruder. Es war eine finstere schreckliche Zeit. Aber sie war gut. Ich war der Nachfolger Markes.“ „Ich will gehen, Marduk, ich will gehen. Ich bitte dich, laß mich gehen.“ Marduk der Graubärtige zitterte. Er sah begierig bang den Jungen an, fühlte, daß er sich den Tod wollte, daß er ihn schon halb litt. Sein Körper schüttelte; er murmelte: „Wie die Versuchung sich mir immer wieder nähert. Jetzt kommt sie von dieser Seite. Ich hab es nicht erwartet.“ Stark atmend schob er an einer Vase hin und her, drückte sie dann klammernd fest auf den Tisch. Jonathans zarthäutiges Gesicht loderte, die linke Hand hielt er sich vor die Stirn. „Es ist gut, Jonathan, laß nur sein. Ich will dir zu Hilfe kommen. Ich will dir zeigen, warum du nicht gut von mir denkst.“ Er zog ihn durch die Tür über den Gang ans Fenster: „Hier siehst du es. Da liegt die Stadt. Du denkst, wie die Straßen früher gefüllt waren. Wie die Häuser aussahen und was ich alles angerichtet habe. Dies ist die Stadt. Sie versumpft verwahrlost verfällt. Das ist Marduks Gesicht. Sag es mir geradeheraus. Ich bin ein geduldiger Zuhörer.“ Stiller blickte ihn der Jüngere an, wie auf den bitteren bartumwucherten Mund ein grellroter Sonnenstrahl fiel. „Was du denkst, Jonathan, ist mir keine Neuigkeit. Ist kein Geheimnis. Viele denken es. Wenn ich keine Waffen hätte, wäre ich seit Jahren verschwunden. Sie beschuldigen mich, daß ich sie zugrunde richte, weil ich sie auf die Äcker treibe.“ „Ich beschuldige dich nicht, Marduk. Ich bitte dich ja, daß du mir verzeihst.“ „Ja ich weiß, du hattest mich schon einmal um Verzeihung gebeten. Auf der Treppe. Oder was war es. Damals. Du fielst, glaub ich, vor mir nieder. Laß gut sein.“ Er zog sich vom Fenster zurück, in das Zimmer, hielt eine Stuhllehne stumm eine Zeit gepackt; aus seinem Mund kam dann: „Ich sage dir, ich bin nicht schuld an dieser Erbärmlichkeit. Nicht ich. Ich kann nicht mehr tun. Wie ich den Stuhl in das Zimmer werfe, so sind die Menschen: sie können nichts als poltern und hinfallen, wenn man sie anfaßt. Uns fehlt etwas. Was fehlt uns. Mir ist ja nichts mehr gegeben, Jonathan. Ich kann ja nicht mehr. Sie sind schon zu Tausenden weggelaufen. Zum Schluß werden sie meinen Kopf nehmen. Als wenn sie dann etwas hätten. Ich bin imstande ihnen nachzugeben. Aber – ich tu es nicht. Bin ich schlecht, so gibt es noch Schlechteres als mich. Ich irre herum, aber über ihnen bin ich doch. – Ich bin schlecht, nicht wahr Jonathan?“ Er legte hauchend seine Stirn auf die Schulter des andern. „Du bist nicht schlecht. Wenn ich wüßte, wie ich helfen könnte.“ „Du zwingst dich. Du sagst mir etwas Gutes, Jonathan, weil ich dir leid tue. Im Grunde meinst du etwas anderes. Bleib bei mir stehen. Du mein Bruder, der mich haßt.“ „Ich möchte dir helfen, Marduk, mit allem, was ich kann. Du mußt mir zeigen. Ich will zu dir kommen und neben dir sitzen, Marduk, halt mich nicht für ein Kind. Ich bin dir nicht gram. Ich finde, wahrhaft, in mir nichts an Gram gegen dich. Ich habe dir vieles abzubitten. Gib mir Gelegenheit, Marduk, mich dir gut zu erweisen. Wer bist du, wer bist du, du armer Mensch.“ „Nicht so sprechen, nicht so sprechen“, zitterte der andere, „bleib immer so stehen bei mir. Hab ich mich vor dir enthüllt als Armer. Es sind alle arm. Nicht ich allein. Wir verderben alle. Wo ist Rettung.“ Er löste sich von Jonathan. Mit vibrierendem Gesicht, zwinkernden Augen, bösen kleinen Blicken auf den Jungen ging er um den runden Tisch, stierte von drüben den andern an: „Es ist etwas faul bei mir. Ich bleibe noch eine Weile hier im Haus. Das ist mein Mauseloch. Ich helf mir schon. Jonathan, ich helf mir schon allein. Sieh meine grauen Haare an. Vor einigen Jahren waren sie wellig und glatt. Jetzt stehen sie wie Borsten auf. Das ist das Schicksal dieses Landes. Man wird mich vielleicht bald aus dem Haus heraustragen. – Es ist genug jetzt. Ich fürchte, ich werde zum Schluß meines Lebens noch sehr böse.“

Als Jonathan ihm zum Abschied die Hand gab, hielt Marduk diese glatte warme Hand eine Weile mit seinen beiden fest. Mit einer leichten zwangmäßigen Gegenbewegung entzog sie ihm der Jüngere. „Ich werde ihn nicht mehr besuchen“, dachte Jonathan, als er frierend die Treppe herunterstieg. Entschlossen in tiefer Seele war er. „Niemals, niemals mehr werde ich ihn besuchen. Und wenn er mich tötet, mich ins Gefängnis steckt, alle Martern an mir vollstrecken läßt. Ich werde ihn nie besuchen.“ Ein riesengroßer Abscheu vor Marduk ging durch ihn. Er war hingerissen von der Gewalt dieses Abscheus. Und als er draußen war, lief er seitlich in stille Parkanlagen. Lief weinte schlug sich die Brust vor Widerwillen Empörung grenzenloser Scham. „Die Schmach“, dachte er, „die mir dieser Mensch angetan hat.“ Ein Ekel schwamm in seinem Mund. Er spie es von sich. Drängte langsamer zum Park hinaus. Als er wieder Menschen sah, konnte seine Brust tief und voll atmen. Er verachtete Marduk. „Ich gehe niemals zu ihm. Es wäre wirklich gut, man beseitigte diesen Graukopf. Der Staat könnte nur gewinnen. Alle könnten dabei gewinnen.“

In der Tat wankte Marduk damals. Er, der sonst einsam auf den Zentralen saß, ging mit deutlicher Unsicherheit herum, sah hier zu, dort zu, fragte. Es geschah oft, daß er von seinen Wachen gebeten wurde, auf sich zu achten, weil er sich in schlimme Lagen begab. Man sah den Konsul mit einem Hund durch die Straßen gehen, einem großen starken Wesen. Das Verschwinden des Tieres beendete diese gefährliche Epoche Marduks. Da verließ er die Straßen. Er war der alte immer Entschlossene, dem, wie viele sagten, an nichts so gelegen war wie an der raschen Entvölkerung der Stadtlandschaft.

Viertes Buch.

Die Täuscher

Weich und schlank, mit einer gebundenen, oft sprühenden, leicht sich erhebenden Freudigkeit ging Jonathan durch das Ratsgebäude. Bänder und Federn hingen an ihm. Er galt als der Trabant Marduks. Etwas von dem Schrecken, den der Konsul einflößte, ging auf ihn über. Es machte ihm Freude, den Schrecken zu gebrauchen. Wenn er in der Dämmerung durch die Straßen schlenderte, die leerer lichtloser lärmloser waren als früher, fiel ihm öfter seine Mutter ein. Vor seinem stolzen in sich gekehrten Blick stand sie, nicht mehr mit klaffenden Schultern, bewegungslos hängenden Armen. Unter seinen stolzen schmelzenden Blicken, unter den leidenden schmerzgesättigten heischenden bewußten Blicken gab sie nach. Von seinem Mund, seinen Wangen floß es her: sie war eine ferne sich weit hinbreitende grüne Landschaft, Wipfel Äste und Laub, Himmel darüber. Das war, er fühlte gesättigt, seine Mutter.

Als er einmal dem Ratsgebäude sich näherte, – der Ernst umschwebte ihn, seinen silbernen Mantel hatte er eng an sich gezogen, – saß da eine gelbbraune junge Person, die geschlafen hatte und ihn gerade auf sich zukommen sah. In einem jähen unsinnigen Schrecken wollte sie in das Gebäude. Das war verschlossen. Sie lief im Augenblick, stürzte die Straße entlang. Erst da achtete Jonathan auf, sah sich nach allen Seiten um, wer das Mädchen verfolgte. Verblüfft sah er nichts. Er war es selbst. Er rannte halb hinter ihr her ohne zu wollen. Straßen nach Straßen. Das Mädchen lief angstvoll, schrie. Seitlich Gehende erkannten Jonathan, blieben lachend stehen. Er stürzte lang hin. Sie stand im Augenblick erschreckt, rannte zaghaft, sich oft umdrehend, weiter. Er war verärgert, sein Knie brannte. Er verstand das Ganze nicht. Jäh stürzte er nach. Sie lief langsamer im Kreise. Er warf sie von rückwärts auf das Pflaster. Erbittert bückte er sich über sie, die auf dem Gesicht lag, zog sie an dem Kragenausschnitt hoch. Sie wehrte sich nicht, hielt den Arm vor das Gesicht. Er schrie, was sie am Ratsgebäude zu tun gehabt hätte. Sie wimmerte, ohne das Gesicht zu zeigen, daß sie Hausgehilfin sei und den Hund der Frau beschädigt hätte und die Frau hätte geschworen, sie gehe direkt zu Marduk und werde Anzeige erstatten. Jonathan fiel es ein zu sagen, die Frau hätte schon Anzeige erstattet und er werde sie vor Marduk führen. Sie kam nicht von der Stelle, bettelte, zeigte ihr fremdländisch faltenlos linienlos glattes Gesicht, die leicht abgeplattete Nase, einen weiten törichten Mund. Er verbat sich ihr Reden, sie mußte mit. Mit heimlicher Freude führte er sie streng durch die Straßen. Dann gab er sie in ihrem Hause ab, wo er Furcht erregte durch die Bemerkung, er sei von Marduk geschickt. Wie es dem Hunde gehe. Die Leute zeigten furchtsam das Tier, das hinkte. Er erklärte, daß Marduk sein Augenmerk neuerdings stark auf Hunde richte. Man dürfe nicht glauben mit dem Vieh umzugehen, als sei es beliebiges Sacheigentum. Einige Tage ging er noch hin, ließ sich, scheinbar sachverständig, den Hund zeigen. Einen Heilkundigen brachte er mit. Der katzbuckelte vor Jonathan, konstatierte an dem Tier mehrere Krankheiten; Jonathan wünschte, daß er das Tier behandle.

Abende und Nachmittage verbrachte Marduks Freund jetzt in dieser Gesellschaft. Eine ganze Zahl zerlumpter Frauen und Männer saßen da zusammen, rauchten diskutierten. Es waren Leute, die sich nicht der schweren Arbeit zuwenden wollten, nicht den Entschluß aufbrachten auszuwandern, auch viele Kranke. Solche Ansammlungen waren viel in der Stadt. In den Jahren von Marduk war die Stadtlandschaft ein halbes Feldlager. Es kam wenig zu Gewalttätigkeiten; Marduks Horden zogen stark durch die Anlagen.

Damals trat Berlin, das sonst in Häusern und Fabriken hockte, ganz auf die Felder und Plätze. Die Menschen nahmen Fühlung zueinander. Ein Gefühl der Unsicherheit und Unwirklichkeit lag auf allen.

In diesem Jahr erlebte Jonathan Dinge von einer Schönheit und Süße, wie er sie nie gekannt hatte. Er nahm Elina, das Mädchen, das er verfolgt hatte, zu sich, verließ mit ihr die Stadt. Durch Hamburg Frankfurt Genf, die südlichen Stadtlandschaften fuhr er. Die erregtere Luft. Die heftigen ungebundenen umeinander wallenden Menschen. Spöttisch hörte er überall die tiefe Ehrfurcht vor Marduk. Mit ängstlicher Neugier wurde er nach den Dingen Berlins befragt. Von dem Augenblick an, wo das junge zahme Wesen, Elina, sich an ihn hielt, hatte er keinen Sinn mehr für die Dinge der Stadt. Er war nach einem Monat, als er am Mainufer mit ihr saß, erschüttert von dem Gedanken an die Ereignisse, die hinter ihm lagen, von dem Segen, der sich an ihm erfüllte. „In was für Schrecken hat er mich hineingezwungen“, flüsterte er, während sie in der sommerlichen Luft sich neben ihm auf der Uferwiese ausstreckte und seine Hand mitzog, „ich kann sie kaum ausdenken, Elina. Sag, Elina, kommt es wohl vor, daß Menschen aus der Hölle entlassen werden, in ein anderes Stück der Ewigkeit, und daß sie das Gedächtnis an das Frühere behalten? So geht es mir.“ „Aber du vergißt doch schon, Jonathan.“ „Ja, es scheint mir ganz unglaubhaft, was ich getrieben habe, Elina. Laß mich einmal die Augen zumachen; gib mir auch deine andere Hand. Es ist wunderschön hier. Wie ist es möglich, daß solche Dinge geschehen wie die, die ich erlebt habe! Wie können Menschen sich so bewegen! Ich! Ich verstehe nichts, nichts mehr davon. Daß ich in der Stadt bleiben konnte, daß ich mit ihm umging. Wahrhaftig, er hat recht: ich wollte ihn sogar umbringen. Was ging er mich nur an. Ich brauchte doch nur ein paar Schritt vorbeizugehen.“ „Sprich doch nicht von ihm. Warum sprichst du nur von ihm, Jonathan. Ich kann dir viel schöne Dinge erzählen. Ich werde dir erzählen – von der armen dummen Elina, die einmal auf einer Steintreppe saß und an einen Hund dachte.“ „Nein, es ist nicht nötig, Elina. Es ist ja alles vorbei. Wie vorbei. Ich traure ja beinah um ihn. Er ist noch drin, in der Hölle.“ „Leg dich zu mir herunter. Du bist viel schöner als ich bin. Sag mir, was ich bin. Erzähl mir von mir. Ich möchte etwas von mir hören.“ Jonathan, dem sie den Kopf auf den Schoß legte, lachte herunter: „Wir sitzen wie ein Märchen auf der Wiese.“ „Wie heißt das Märchen?“ „Ich weiß noch nicht. Früher habe ich oft mit Frauen gespielt. Es war nicht wie mit dir.“ „Ich bin anders, ich bin besser?“ „Viel besser. Warum siehst du mich an. Du glaubst es nicht. Die Frauen –“ „Nun? Sie waren viel schöner als ich.“ „Ich kann mich nicht mehr besinnen, wie sie waren. Aber du bist wie eine Glocke in einer Kirche am Sonntag. Man sieht sie nicht, man hört nur etwas Luftartiges von ihr. Man sagt, es ist die Glocke, die läutet. Und wer fromm ist, geht drauf zu, wo der Klang herkommt. Und selbst wenn man in der Kirche sitzt, sieht man die Glocke nicht, die läutet, kann eigentlich gar nicht sagen, daß es die Glocke ist, die läutet. Du bist da, ich höre und sehe dich; ich sitze auf der Wiese am Main. Ich kann dich genau beschreiben. Das bist du.“

Sie richtete sich auf, zog die Unterlippe herunter, nahm ihre Hände weg: „Im Grunde ist es dir dann gleich, wer ich bin. Brauchst dich doch nicht um mich kümmern. Bimmele dir etwas vor, und du sagst: es bimmelt und bist zufrieden.“ „Eben.“ „So kann ich sagen was ich will? Auch nichts sagen? Vielleicht auch weggehen?“ „Nicht weggehen. Du kannst dich rühren und bewegen und du erfreust mich. Gott, sagt der und der, hat jedes Haar auf dem Kopfe gezählt. Ich auch. Komm her. Ich habe jedes Haar, jede Strähne gezählt, kenne sie ganz genau, besser als der Gott, denn sie sind mein. Und deine Nase und dein Mund und deine Füße in roten Strümpfen und dein Kleid: das bist alles du und ich brauch gar nicht drüber nachdenken.“

„Von dir aber kann ich sagen, Jonathan, wer du bist.“ „Ach tu es nicht.“ „Warum nicht. Ich kann es doch. Ich kann es dir mit zwei drei Worten ganz genau beschreiben. So genau, daß jeder gleich weiß, wer es ist und sagt, das bist du.“ „So sag.“ „Du bist Elinens liebster Mensch. Du bist meine Freude. Mein trüber Himmel und mein sonniger Himmel. Mein Jäger mein Räuber mein Wald mein Haus meine Stube mein kleines Kissen. Meine zerbrochene Scheibe, meine ganze Scheibe. Ich kann dich streicheln und du gehörst zu meiner Haut zu meiner Hand. Mein Auge mein Ohr meine Stirn meine Brust. Du alles. Nun weißt du, wer du bist.“ Sie hielten sich. Er lächelte, während sie die Linien seines feinen Gesichts mit Küssen nachzog und über seinen Augen lange stillhielt. „Mach die Augen auf“, rief sie, „du träumst ja schon wieder.“ „Nur schöne Dinge, Elina. Ich dachte, wie du mich in das Haus gesperrt hast, als die Leute auf mich losgingen, weil sie Marduks Freund nicht wollten. Da hast du den Schlüssel verloren und mußtest mir zum Fenster hinaushelfen. Ich bin statt auf deine Schulter zu steigen an dir vorbeigesprungen, auf meinen Arm.“ „Der wieder gut ist.“ „Damals habe ich mich zum ersten Male, in deinem Zimmer, nach dir gesehnt. Du solltest kommen, dacht ich mir; Marduk verdirbt mich. Jetzt ist die Stunde für dich, die mich schon eingesperrt hat für sich. Aber es war still. Du kamst nicht.“ „Ich hab die Schlüssel nie wiedergefunden.“ „Und ich freute mich, wie ich dich weinen und betteln hörte draußen. Kein Wort hab ich gesagt. Mit dem Gesicht lag ich an dem Türholz. Eingesperrt war ich, aber frei. Freier Jonathan. Nach einigen Stunden war er auch frei.“ „Nun sind die Augen wieder auf.“

Sie wohnten nahe dieser Wiese in einem Gehölz, zwei Tage, in einem künstlichen Haus, wie es Lustreisende damals viel brauchten. Das Haus oder Zelt bestand aus gazeartigen Tüchern, die man an einem Gestell befestigte, das nicht dicker als ein Streichholz war. Das Gestell war aus leichtestem starken Metall. Sie setzten, wo es ihnen wohlgefiel, aus ihren Tornistern das Gestell auf den Boden. Eine Gasflasche wurde angeschraubt und leicht erwärmt. Die doppelwandige Gaze prallte Seite an Seite hoch, stand fest und hart wie aus Beton. Fußboden und Decken wurden so errichtet. Fenster und Türen, schwarz oder durchsichtig, konnten eingefügt werden. Das einzimmrige Häuschen wurde wie ein Schiff verankert. Und überall in schönen Gegenden fand man Pflöcke mit Ketten und Zeichen, die die nächsten Ankerplätze angaben. Aus Fußboden und Wand konnten bei manchen dieser Häuser Betterhebungen vorgetrieben werden aus polsterartiger Substanz, Schrankvertiefungen Bankerhöhungen.

Jonathan wohnte da mit Elina. Sie trug an ihrem Körper mit Freuden ein Hemd, das sie sich in Frankfurt gekauft hatte. Sie hatte es unbemerkt vor Jonathan gekauft. Es war in der Stadtschaft als ein zauberhafter feiner Stoff von den Frauen geheimnisvoll angepriesen. Ein weicher Stoff war es, vom Aussehen dünnster Fischschuppen, ein lebendes Gewebe, das man wie Perlen auf warmer feuchter Haut trug, mit deren Atmung es gedieh. Dann teilten sich die Zellen, Myriaden. Eine Haut unter der ersten erschien, dichter enger an der menschlichen Haut, der sie auflag, über der sie kaum ablösbar hing. Die obere Haut trocknete ein, stäubte ab. Weiß war die Farbe des Hemdes, das man kaufte. Nach einer Woche trat unter dem Ergrauen und Abschilfern des Mutterhemdes eine grüne Farbe hervor. Dann vollzog sich der Vorgang, der ein Generationswechsel war, weiter; rot trat hinzu, violettes Schillern. Die Moosstoffe, aus botanischen Versuchsstätten, waren sehr sorgsam zu pflegen.

Er saß bei ihr am Bett. „Elina, komm nach Berlin.“ Elina war heißer und fremder geworden. „Ich mag nicht. Es ist hier viel schöner. Du brauchst längere Zeit, um alles zu vergessen.“ „Komm Elina.“ „Ich mag nicht. Was forderst du von mir;“ sie warf den Kopf zurück. „Hätte ich die Reise nicht mit dir gemacht.“ Sie lachte gurrend: „Seid Ihr ängstlich, daß Ihr Euch nicht in fremde Städte wagt. Du und Marduk. Aber Marduk weiß noch, was er tut. Er hat seine Waffen seine Maschinen. Von uns fordert er Dummheit. Werdet wie die Kinder. Ich mag nicht nach Berlin.“ Sie trug über dem fremdartigen Hemd ihr eigenes aus Leinen. Die Haut ihrer bloßen schlanken Arme war bräunlich; die Härchen darauf schimmerten golden. Und wie sie den Arm abhob, das weite Hemd zurückfiel, die Schulter freigab, bückte sich Jonathan vor: „Was hast du da? Was trägst du für eine Jacke?“ „Eine Jacke? Ach!“ Sie lachte; zugleich wurde ihr Hals rot. „Es ist mein Hemd. Du hast es noch nicht gesehen. Ich habe es in der Stadt gekauft.“ „Ein grünes Hemd. Du hast es gekauft. Ich sagte, ich mag es nicht.“ „Jetzt ist es grün. Dann wird es rot, vielleicht blau. Das Obere schilfert immer mehr ab. Weißt du, es legt sich immer dichter an. Als wenn es mit Gummi angeklebt wird. Man merkt es gar nicht. Es wächst fast an.“ „Ach.“ Er staunte. Sie saß hoch, ihre Brust lächelnd entblößend. Er ging still herum. Am Abend wurde er heftiger und sie gab nach. Sie dachte an nichts, freute sich über seine Gereiztheit: „Bist du ein Kind. Ich soll hier weg. Es beißt uns keiner.“ „Ja, ja“, er schüttelte sich, „ich bitte dich, ich flehe, komm weg.“

Sie legten das Haus zusammen. Und wie sie nach Berlin geflogen waren, in seinem Zimmer saßen, zog er ihr die Armspange ab, küßte die Spange, legte sie an seine Wange, band sie sich um. Ihre Schuhe knöpfte er auf, die Strümpfe zog er herunter, rieb die kalten Füße zwischen seinen Knien mit den Händen warm. Sie sah vergnügt, zum Kichern geneigt, von oben zu. Den Rücken machte sie krumm, die Arme schlug sie sich vor Lust an den Hals, als er ihr das Mieder öffnen wollte. Sie sprang davon. Lag im Bett, zugedeckt bis an die Ohren. Und als er „Elina“ rief, sang sie unter der Decke: „Ich höre nichts. Leg dich schlafen.“ Sie trällerte „Jonathan“, als er sich neben sie hinstreckte, ihren Hals umschlang. Seine Hand lag auf ihrem Nacken. „Was hast du an?“ „Ein Hemd.“ „Das ist das Hemd.“ „Das grüne. Vielleicht ist es schon rot.“ „Wozu hat es denn Farben, wenn ich sie nun nicht sehen soll. Du bist so lustig geworden.“ „Nicht? Und das ist doch schön.“ „Warum bist du so lustig?“ „Weil ich’s sein will. Mein Hemd zeig ich dir nicht.“ Sein Arm zog sich zurück, traurig sagte er: „Wie bist du zu mir.“ Und wie seine Stimme verklungen war, horchte sie, ob er noch etwas sagte. Aber er schwieg von da. Sie tastete mit ihrer Hand nach ihm. Er lag auf dem Rücken. Sie fuhr über sein Gesicht, fühlte das Zwinkern seiner Lider. Welchen Ausdruck er haben mochte. Erinnerungen? Sie wälzte sich an ihn, drückte ihr Gesicht an seins. Da hoben sich seine Arme wieder, heftig preßte er ihren Kopf an seinen, stammelte „Braunes“ in ihren Mund. Und als sie ihre Wonne ausgeatmet hatten und ihre Rücken zurücksanken, streichelte Elina sein warmes Gesicht. Ihre kleinen Finger biß er; sie summte: „Möchtest du mein Hemd sehen.“ „Was soll mir dein Hemd. Was geht mich dein Hemd an. Du bist Elina.“ „Warum willst du es nicht sehen, Jonathan. Es ist schön.“ „Es ist schön. Ich glaub dir’s. Du bist viel schöner.“ „Ich will’s dir zeigen, Jonathan.“ Sie hatte sich im Bette aufgesetzt, tastete um sich. „Was suchst du denn?“ „Das Licht.“ Es flammte schon weiß um und über ihnen. „Ich zeig dir’s. Da. Du kannst es sehen.“ Sie saß auf der Bettkante, drehte den Kopf nach ihm. Die braunen Haare hingen dicht von ihr herab. Um Brust Leib Schultern schlang es sich. Als wenn es naß oder aus zartestem Gummi wäre. Grünlich blau schillerte es an den Flanken; an manchen Partien des Rückens und der Brust war es stumpf, mehlig weiß. Sie lächelte eitel, strich an sich. Es glitzerte leicht; der Glanz über den Schultern war opalen. Er hielt sich unter einem Schmerz die Hand vor die Augen. Lecker flüsterte sie: „Ich will es ausziehen. Ich werde es dir zeigen.“ Und sehr vorsichtig rollte sie sich das Hemd vom Leibe hoch. Es drehte sich, als wenn es eine Gummihaut wäre. An den Hals rollte sie es, langsam, aufmerksam zog sie den rechten Arm, den linken Arm heraus, bog sich. Beim Rollen wickelten sich Achselhaare ein; sie kreischte, streckte die rote Zungenspitze ängstlich heraus. Er machte sie frei; sie schrie sofort: „Gib her. Du drückst es.“ Ihre Tränen flossen; er hatte es schon hinter sich auf die Erde geworfen, über ihre rote leichtgeschwollene Haut strich er. „Bitte, lieber Jonathan, bitte. Es kann keine Viertelstunde liegen, keine Minute. Ich habe dich doch gern.“ „Hast du mich gern, so laß es liegen.“ „Du gibst es her. Du gibst es.“ „Und wenn ich es zerdrücke. Wenn. Sieh einmal, Elina.“ Sie war so blaß, so süchtig; rote Flecken auf dem Gesicht. Er liebte sie plötzlich eigentümlich. So daß er mit der Rechten ihr den Stoff gab, mit der Linken, während er niedersaß, sich die Augen beschattete; er öffnete den Mund. Sehnsüchtig inbrünstig liebte er sie, während er neben ihr saß, Tränen stiegen ihm in die Augen. Er drückte sie an sich, die ihn abwehrte. Und wie sie glücklich war, als sie das raschelnde Gewebe, das leicht wie ein Blatt war, in den Händen hielt, es gleich an ihre Brüste drückte, es tief anhauchte. Aus dunkel umränderten Augen blickte sie Jonathan an; ihre Backenknochen traten sonderbar schattenhaft hervor. Sie kniete im Bett, während sie sich die Haut überrollte; unter den Stößen ihres kurzen erregten Kicherns erzitterten ihre Flanken und die vorgewölbte Magengrube. Dann streckte sie sich, atmete aus: „Ich bin froh.“