Part 15
Sie bog ihren Leib nach vorn, ballte die Hände vor dem Mund. Vom Tisch kam es: „Was hast du dahin geworfen, an den Boden?“ „Was?“ „Das da. Das Dünne. Die Fasern.“ „Fasern von dem Tischtuch drüben. Ich hatte sie in der Hand behalten.“ „Tu sie weg.“ „Was?“ „Heb die Fetzen auf, Marion. Sie sollen da nicht liegen.“ „Die Fetzen?“ „Ja, du sollst sie aufheben. Du hast sie hingeworfen. Wozu wirfst du sie hin.“ „Ich heb sie auf, Marduk.“ „So tus.“ Sie weinte am Boden, die Fasern zusammenlesend: „Ich kann nicht aufstehen. Oh meine armen Hände. Ich kann nicht mehr.“ Sie sank mit dem Gesicht auf den Boden. „Marion, erbittere mich nicht, du sollst die Fetzen aufheben und hierher auf den Tisch legen.“ „Ich tus ja, Marduk. Ich kann jetzt nicht. Da, da, das sind alle. Jetzt sinds alle.“ Sie legte sie vor ihn, stand auf und ab zitternd neben ihm. Er betrachtete sie, erst ungehalten, dann mit freudiger Verachtung, legte die Hand an ihre Hüfte. „Laß das, Marduk. Du denkst, du hast gewonnenes Spiel. Du willst mich wegwerfen. Nimm den Arm weg.“ Und eben noch trübe vor sich stierend wogte sie auf und ab, warf sich an ihn auf der Bank, umschlingend, ihn niederziehend: „Doch. Es ist gut. Da bist du. Es ist gut. Jetzt ist es gut. Mir ist wohl. Ach ist meinen Armen wohl. Ach ist meinem Kopf wohl. Ich bin gesund. Da, ich zittre nicht mehr. Mir ist ganz gut vom Kopf bis zu den Füßen. Wie hätte ich das geglaubt! Beweg dich. Jetzt kann mir nichts mehr geschehen. Jetzt zerreiß mich, schlag mich, wirf mich zum Fenster hinaus.“ Und sie ließ von ihm, dehnte sich selig allein: „Dies ist das Leben, Marduk, sag ich dir. Dies hab ich nun geschenkt bekommen. Du hast es mir geschenkt.“
In ihm klirrte es. Von der Brust stieg in den Hals eine Verschnürung, seine Arme waren in Eis getaucht. Er hatte einen Widerwillen, eine Wut auf diese Frau. Sie griff ihn an. Man mußte sie belehren. Das saß neben ihm auf der Bank, reckte sich, sprach, Fasern lagen auf dem Tisch zerstreut. Seine Hand griff nach den Fasern, er drehte die Augen nach der Frau: „Dein Gesicht her.“ Sie ließ sich die Hände abheben. Ihr Kopf hing nach hinten wie eines schlafenden Kindes. Sie blinzelte, als wenn sie ins Licht blickte. „Laß mich dich ansehn, Marion.“ „Ich kann nicht, ich kann nicht, Marduk. Jetzt kann ich doch nicht. Ruf mich an, ruf mich bei Namen. Wie ich heiße.“ Als er rief, lächelte sie, lachte träumte. Sie horchte, umfaßte mit dem linken Arm seine Schultern. Marduks Gesicht verzerrte sich. Er mußte mit Gewalt seine Wut festhalten. Während er sich spannte, dachte er: dies ist merkwürdig, was hier geschieht. Durch ihn trieb ein Gefühl, das zuckte bis in seine Zähne: man muß sich auf ein Flugzeug setzen, die Steuerung fallenlassen und durch die Wolken hin. Man muß tollkühn sein. Und dabei war eine Schwäche in seinen Lippen Armen. Und noch tiefer in der Brust. Das bewältigen. Sein Grimm stieg. Er schluckte und schlang. Er hatte schon den rechten Arm um sie gelegt, die weiche durchwogte lachende Balladeuse. Da veränderte sich sein Gesicht. Die Spannung war verschlungen, versunken. Er ließ den Arm nicht los, der linke Arm legte sich über ihre vor- und rückwärts schwebende Brust. Das steuerlose Flugzeug war da, das ihn forttragen sollte.
„Marion“ ließ er sich sprechen, verzweifelt, die kalte Nase neben ihrem Ohr, „das ist ein sonderbares Abenteuer, in das du mich führst. Ich weiß, es macht dir Spaß, mich dahin zu führen. Du bist ein tolles Wesen, ich habe viel von dir gehört. Ich soll auch einer von den vielen sein, die auf deiner Strecke liegen. Das willst du, daß das geschehen soll. Ich weiß es.“ „Was weißt du, Marduk“, lachte die Balladeuse. „Daß du hergekommen bist, mich zu unterwerfen. Mich unter deine Füße zu kriegen.“ Er wollte es, versunken verschlungen, wie er war, hören. Er spitzte seinen Mund, sprach ihr in Gedanken die Antwort vor. Aber sie gehorchte nicht, bewegte sich in seinen Armen: „Es ist die Seligkeit. Du kannst mir sagen, was du willst. Es hat sich erfüllt.“ Er rüttelte in einem fragenden Widerstreben an ihr, aber sie wich nicht. Da mußte er nach ihren Schläfen greifen, um ihren Mund mit seinen trockenen Lippen zu berühren; fest drückte er seine Lippen, gewaltsam auf. Aber wie von einer Feueresse prallte er zurück, vor diesem heißen Atem, der langsam strömte aus diesem ruhenden Leib. Die Luft strömte ein. Feucht glänzten die weißen Zähne. Er bettelte in höchster Bestürzung; jetzt war er verloren; seufzte, sich an sie pressend: „Nun ist gut, Marion. Nun hab ich dir gegeben, was du wolltest. Geh jetzt weg. Lebwohl. Nicht wahr, du gehst, du wirst gehen, gleich aus diesem Zimmer. Ich habe viele Geschäfte, wir sitzen hier. Oh, Marion, geh doch. Warum sitzest du hier, was sitzest du hier.“ Dabei hielt er sie gepreßt. Von einem Dunst fühlte er sein Gesicht überzogen, als wenn es auftaute. Seine Hände schwollen schwer und heiß an, wuchsen zusammen. Die blonde Divoise richtete sich auf, löste seine Hände von ihrem Hals ab, lächelte, von ihm abrückend, ihm zugewandt, mit kaum gehobenen Lidern: „Jetzt werde ich gehen? Jetzt werde ich gehen? Wohin soll sie denn gehen, die Divoise, Marion. Sie weiß nicht. Komm her, Marduk, steh auf. Steh auf. Deine Beine sind nicht stark, aber stehen kannst du. Da stehst du. Warum soll sie denn gehen. Sie will nicht gehen.“ „Was willst du denn. Du sollst gehen.“ „Ich bleibe.“ Da war er von dem glühenden Hauch überströmt, der Sturm raste durch ihn, er stand da und sah zu, knirschte: „Bleib hier.“ Und sie ruhig: „Ich bleibe. Da bist du. Bist du nicht da.“ Er sie umschlingend, die stand, er stöhnte lachte wütete: „Ich bin da. Da hast du mich. Da hast du mich.“ Sein ganz offenes glührotes Gesicht, sein Kopf, der hin und her schleuderte, die Mienen aufgelöst.
„Du, Marduk, sieh mich an. Ich habe schon viele Männer gehabt, weiße und farbige. Ich möchte mit dir eine Wette eingehen. Ich weiß, du willst mit mir kämpfen. Ich werde mit dir kämpfen. Wenn du mich zur Lust bewegst, wenn du Lust in mich bringst, wenn ich erliege –“ – Sie hatte ihm das Gesicht voll zugewandt, ihre Augen flimmerten, sie warf sich lachend auf die Bank, klatschte die Hände zusammen, ganz leise klang ihr Lachen. „Was ist dann?“ „Wer erliegt, Marduk, der muß weg.“ „Was meinst du?“ „Es ist eine große Wette.“ Ihre blaugrauen Augen flimmerten und drehten sich. In ihm schluchzte schlingerte es hin und her. Er war ihr dankbar; ah, sie war ein Weib. „Nimmst du den Kampf auf?“ „Wohl, wohl, Marion.“
Sie standen in Umschlingung, sie kicherte zitterte: „Wir müssen die Wette schließen. Ich glaube nichts. Ich weiß nichts. Dies ist die Seligkeit, die ich habe. Wenn ich lache, so mußt du nicht glauben, daß ich selig bin, weil ich am Ziel bin. Ja, ich bin selig, – und auch, weil hier mein Kampfplatz ist. Weil du mein Kampfplatz bist. Hier bin ich zu Haus. Dich wollte ich. Ich habe, habe dich unendlich gehaßt, ganz ohne Maß. Mein Haß war mein Rückgrat. Jetzt hast du dich gestellt. Ich kann dich nicht loslassen, ohne daß ich dich ganz bis in mein Mark hinein gefühlt habe. Ohne daß du mit mir gekämpft hast. Wenn du mich nicht zwingst, mußt du weg. Wer erliegt, muß weg.“ „Ja.“ „Verstehst du das; der muß weg. So will ich es. Wenn ich dir erliege, wenn ich an dir vergehe, sollst du mich bei der Kehle nehmen und umbringen. Oder was du willst. Das soll geschehen. Es gibt keine Gnade. – Ich bin schon da.“
Sie hatte den Lichtknopf geschlagen, das Licht war erloschen, das Kleid raschelte von ihr. „Ich bin da, Marduk, wo bleibst du.“ Eine ganz andere Stimme klang aus ihm, er hörte sie nicht: „Du sollst nicht auf mich warten.“ Sie griffen sich im Dunkeln an, warfen sich auf sein Bett. Das hilflose Geschrei in ihm war verstummt, er hatte sichere Arme, er wunderte sich nicht, woher er sie hatte, seine Hände waren fest wie sein Nacken. „Du hältst das wohl für ein Spiel“, stöhnte sie, „mein Lieber, da irrst du. Du glaubst wohl, ich sei ein verliebtes Weib, das sich hinwirft. Du irrst. Ich habe Dutzende Männer gehabt, sage ich dir, farbige und weiße, schöne zarte und starke. Die haben mich alle angefaßt wie du. Ihr seid mir nichts. Ich habe sie weggeworfen. Ich gebe dir meinen Schoß, du brauchst mich nicht zu zwingen. Du brauchst nicht danach zu drängen. Ich rate dir, Marduk, habe Geduld, dir liegt daran zu leben. Nicht wahr, du möchtest in diesem Zimmer sitzen, die Tafeln da blinken auf, du gibst deine Zeichen, du hast deine Waffen, man kann nichts gegen dich. Das – ist – in drei Minuten vorbei, Marduk!“ Der Mensch, der sich sonst Marduk nannte, gab zurück: „Ich habe keine Geduld. Du wagst es nicht.“ „Ich wag es nicht. Ich wag es nicht. Vielleicht will ich mir noch den Augenblick verlängern mit dir. Zittere ich etwa. Mit dir will ich ringen. Mit dir werde ich ringen.“ „Du hast das Licht ausgeschlagen.“ Sie hatte seinen Mund gepackt, ihr Mund lag auf seinem; sie stammelte zwischen seinen Zähnen. „Ich will mit dir ringen, nicht mit dir sprechen. Du dummes Mannstier. Du, was bist du denn. Haha, ich fühle dich, zottiger Kerl, bist du stolz auf diese wüste Brust, daß dir ein Bart an den Lippen wächst. Laß dich in den Bart ganz einhüllen. Ich habe schönere Dinge als du. Ich habe einen Busen, an dem Kinder getrunken haben. Meine Haare sind lang. Fein und lang und weich sind sie. Ich hab überall glatte Haut. Wenn ich gehe, auf meinen schönen festen Schenkeln, sehen die dicken unflätigen Mannstiere hinter mir her.“ „Warum hast du das Licht ausgeschlagen?“ „So ist es. Du kannst sprechen, was du willst.“ „Ich werde dir sagen, wer ich bin. Laß meinen Mund frei. Ich küsse dich nicht.“ „So sag es mir, so lang du noch lebst.“ „Du Unband, du weiches warmes Wesen, ich hab nicht nötig dir zu sagen wer ich bin. Du willst dich vor mir verstecken.“ Eine rasende Angst zuckte, dunkelte in ihr auf: „Mein Gott, wer spricht da, mit wem hab ich mich eingelassen? Was hab ich getan? Das wollte ich nicht.“ Und dann wieder flutend: „Das wollte ich doch. Das will ich. Das willst du, o Marion Divoise.“ Sie flehte: „Bist du, Marduk, der den Saal vertrieben hat, ich will es hören.“ „Du weißt es.“ „Und willst du nicht fragen, Marduk, o Marduk, wer ich bin. Willst du es nicht?“ „Balladeuse, wer du bist, die Dutzende Männer gehabt hat, farbige und weiße, starke und zarte, werde ich bald erfahren haben.“
Da schrie sie. Und wie er seine Lippen zwingend gegen ihren Mund preßte, umschlang sie ihn. Eine dunkle wallende Verschwommenheit war in ihm, war Marduk. Und in dem Weinen Toben Grimmen war die Gnade, die Seligkeit aus der Balladeuse genommen. Sie hielten sich bewegungslos. „Ich habe dich, Marduk. Du hast mich. Du willst es so. Wir entgehen einander nicht. Ich habe dir die Wette angeboten; ich werde dich nicht um Gnade anflehen. Ich bin gewappnet. Du möchtest mich mit deinen Knochen zermalmen. Du mußt nicht glauben, daß du stärker bist als ich, du feiger Marduk, schwacher Marduk; mich begnadigst du nicht.“ „Wenn ich dich sehen könnte, Balladeuse. Wie gut, daß ich deine Stimme höre. Sprich nur weiter.“ „Wie gut, daß ich dich höre, Marduk. Ich besinne mich wieder. Daß ich dich nicht vergesse. Weißt du schon, warum ich dich herausgefordert habe? Um dich zu demütigen. Um dich erbärmlich zu sehen. Es wird mir in drei Minuten gelungen sein. Jetzt erschreckst du mich nicht. Jetzt reiße ich den Vorhang von dir herunter.“ „Sprich nur weiter, Balladeuse.“ „Jetzt willst du meinen Mund. Weil du ein Mörder bist. Weil du nur Mord kennst. Und mich ersticken willst. Mein Mund ist nicht für dich. Du möchtest träumen.“ „Ich werde aufstehen und einen Dolch gegen deine feigen Worte nehmen.“ Sie jubelte: „Darauf wartete ich schon. Darauf wartete ich. Marduk, tus doch. O tus doch.“ Er schlug mit der Faust gegen die Wand; leiser Lichtschein kam von der Tür her.
Sein großer zerwühlter Kopf erhob sich, schnaubend, das verzerrte Gesicht, die brennenden sie suchenden Augen. „Wer, wer will träumen, Divoise? Wer träumt?“ Ihr Blick wurde starr. Dies war er, Marduk. An diesem Leib hing sie. Diesen Rumpf hielten ihre Arme.
Und sie. Die Feueresse sie, die stumme überflutete, sagte nicht „Seligkeit“; der heiße Atem strömte langsam aus ihr, aus diesem ruhenden Leib, die Luft strömte ein, feucht glänzten die weißen Zähne. Weg riß es ihn im Nu. Er schmolz. Das blitzrasch im Zickzack durch die grauen Wolken irrende Flugzeug. Was ist Leben und Sterben. Sein Mund stand offen. „Jetzt stirbst du, Marduk.“ „O Marion“, sagte es aus dem heraus, der Marduk geheißen hatte, „ich werde jetzt sterben. Du – bist die Seligkeit. Gott verzeih uns beiden.“
Nichts hörte und sah sie. Ein Zittern durchfloß sie, ein Schwirren Dröhnen durch ihren Kopf. Er fühlte nicht, wie ihre Hände ihn von sich stemmten, wie eine Kraft in ihre Muskeln trat, die sie nie gezeigt hatten. Der dunkle brennende Kopf, der schnaubende sich erhebende Kopf, Marduks Kopf war vor ihren Augen stehengeblieben. Ihre erblindeten Augen hielten nur ihn fest. Die Seligkeit überstieg überschritt durchbrach es. Der Kopf senkte sich über ihren Hals, an ihre Brust, durch die Rippen, in ihre Brust hinein. Hinein in ihre Brust. Sie biß sich die gefühllose Lippe durch. Schluckte schluchzte kurz auf. Dies war die Wette. Der Schauer. Der Graus. Die Arme fielen von ihr. Tiefe Schwärze. Die furchtbare eisenklirrende zerreißende Qual der Lust. Die streckte sie auf das Laken hin.
Sie saß neben Marduk auf. Sie schüttelte sich. Im Dunkeln tastete sie sich an die Bank. Marduks Stimme: „Wer geht?“ „Ich. Ich sitze hier. Ich sitze auf der Bank.“ Nein, sie war nicht vor Marduk erlegen. Das, das mußte etwas anderes sein. Das war etwas anderes, Entsetzliches. Sie sank vor der Bank auf die Knie, sank flach über den Boden hin. In den Händen etwas zu haben, etwas Weiches eine Puppe ein Kind. Sie streichelte den Boden. „Auf, auf“, weinte es in ihr; „ich will nicht leben.“
Sie taumelte, ging sehr leise auf den nackten Sohlen.
„Wer geht da? Du, sieh dich vor an den Wänden.“ „Ich will nur an das Fenster gehen.“ Am Fenster aber stand sie, winselte schluchzte die Balladeuse im geschlossenen Mund, trommelte mit den Fäusten gegen die Wand. Wimmernd ächzend riß sie das Fenster gegen die schwarze Nacht auf, lag mit dem Leib halb über der Umrahmung; tauchte, den Kopf voran, sich tiefer. Hob die Beine an, kreischend. Als Marduk anlief, kippte sie; schlugen die Beine hoch. Das schwarze große Fenster war leer.
* * * * *
Marduk stand mitten im Zimmer. Schüttelte den Kopf. Ging zum Fenster, strich am Brett. Schüttelte an sich. Dann. Runzelte die Stirn, hob die Fäuste, zog sich, das Kinn anhebend, knirschend auf den Boden ein. Er bückte sich mit dem Mund auf den Boden, drückte den Mund an. Sein Kreischen drang durch. Die Wache lief an auf dem Gange. Der Hauptmann der Wache klopfte schlug an die Tür, öffnete trat ein. Hob Marduk, zuspringend, auf, der mit gerunzelter Stirn an ihm hing, vor sich stierte und schrie. Er setzte ihn auf das Bett, kleidete ihn an. Führte den schüttelnden zitternden drängenden Mann durch das Zimmer. Der ging nur bis zur Zimmermitte und dann rasch zurück, fragte immer: „Was tu ich hier.“ Plötzlich krampfte er sich zusammen, machte sich steif, ließ den Hauptmann los, schrie die Arme weitend: „Wache, Wache!“ „Konsul, ich bin hier.“ „Lärm. Lärm. Ich will Lärm.“ Und gegen die Metallrückwand seines Tisches schlug er mit der Faust: „Ich will Lärm. So. Lärm.“
Er stürzte neben dem Hauptmann auf den nächtigen Hof. Man hatte die Zerschmetterte fortgetragen. Er schüttelte brüllte: „Lärm, Lärm.“ Die Soldaten schlugen gegen Blechschirme. Sie schmetterten mit Eisenstäben gegen die Platten. Es war nicht genug. In einem schwarzen engen, immer dichteren Kreis Männer stand er, die die Platten schlugen. Wehklagend, die Arme hochstreckend stürzte er über sich. Sie durften den Rest der Nacht nicht nachgeben. Gespannt stand er in dem Kreis, zitterte schrie näherte sich den Männern im Zickzack. Das Tosen scholl in die Stadt hinein.
Als es hell wurde, ließ er ein Bett in ein leeres Zimmer tragen. Da lag er bis zum Mittag; der schwarze stille Hauptmann wartete bei ihm. Diesen Mann ließ Marduk nicht aus dem Zimmer. Vor ihm weinte keuchte lechzte er sich aus ohne Scham. Am Mittag verließen sie das Zimmer.
Die schneeige Gestalt Jonathans an der ersten Treppe. Jonathan stürzte an Marduk, der die Zähne zusammenbiß, herunter, hielt sein Knie umfaßt. Es war, wie er den Kopf anlegte, als ob er um Verzeihung oder Gnade flehte. Ungeduldig bewegte der Mann oben die Knie, dachte nicht, warum der junge Mensch niederfiel. Den Umhang raffend stieg er auf sein Zimmer. „Wir werden – arbeiten“ sagte er mit übergroßen glasigen Augen zu dem Hauptmann. Sprach empfing ordnete. Dachte zwischendurch: „Ich höre nichts. Ich sehe nichts. Was geht vor.“
Leichenblaß matt schlich gegen Abend Desir, der sanfte Freund der Balladeuse, in das Gebäude. Er wollte nicht zu Marduk. Als der von ihm hörte, ließ er ihn holen. Sie standen sich gegenüber. Dem stummen Desir quollen die Tränen aus den Augen. Er ging zum Fenster, aus dem sie gefallen war, streichelte das Brett daran, warf sich am Fenster auf die Knie, schluchzte von Marduk abgewandt. „Du denkst, Desir“ zischte er plötzlich, „ich hätte Marion umgebracht.“ Der stammelte: „Ich weiß nicht, was ich denken soll.“ „Komm her, Desir, komm.“ Und wie er anschlich, betrachtete ihn Marduk lange, hielt sich, den Mann umschlingend, an ihm fest, murmelte: „Sie, sie – war gut zu dir. Du hast ihr wohlgetan. Es war gut, Desir.“ „Warum ist sie gestorben?“ „Nicht fragen, Desir. Nicht fragen.“ Und hatte den andern schon losgelassen, war schüttelnd auf den Boden gefallen, schrie stopfte sich hilflos ein Tuch in den Mund; Desir hielt ihn kniend, selber weinend.
Am nächsten Morgen wurde der zerbrochene Körper der Balladeuse verbrannt. Marduk mit dem schwarzen Hauptmann und Desir wohnten der Verbrennung bei. „Ich möchte dir etwas Gutes antun“ preßte, wie sie die Halle verließen, Marduk hervor neben dem leichenähnlichen Desir. „Du wirst dann, ich möchte dich darum bitten, die Stadt verlassen. Geh weit weg, mit dem Kinde. Ich werde es dir ermöglichen.“ „Was habe ich dir getan, Marduk?“ „Nichts. Du wirst mir die Liebe antun, da dich nichts an die Stadt bindet, wegzugehen. Du machst mir eine Freude, Desir. Du wirst es tun.“ Der blickte den Konsul an, der obwohl er starr ging, so weich zu ihm sprach wie nie. An der Treppe des Ratsgebäudes stürzte Desir an Marduk herunter: „Mir ist ein großes Leid geschehn.“ „Ich weiß, ich weiß“ flüsterte Marduk „aber du wirst die Stadt verlassen.“ Er nahm den andern beim Arm. Im Vorraum, in der einsamen blumenbestellten Glashalle, drückte er ihn an sich, hauchend: „Jetzt ist sie weg, weg, Desir. Die Balladeuse ist weg. Jetzt ist es leer. Sie ist Asche. Asche. Asche. Zu mir ist sie gekommen.“ Er zitterte fror knirschte mit den Zähnen: „Warum ist sie zu mir gekommen? Was hab ich ihr getan, daß sie – wegging? Ich habe ihr nichts getan. Sag mir, du hast sie gekannt: was hat sie von mir gewollt. Sie hat mich zerbrochen und dann ist sie weggegangen. Warum, warum?“ „Sie sagte, daß sie dich haßte, Marduk.“ „Ich habe ihr nichts getan. Sie ist dagewesen. Sie hätte gehen können.“ Marduk hatte den andern losgelassen, schüttelte mit den Armen: „Geh weg, Desir. Ich will gar keine Antwort. Steh hier nicht.“ Desir mit verträumten Augen wankte zur Tür. Marduk rang sich hinter ihm ab: „Desir. Trage es mir nicht nach. Komm noch einmal. Komm.“ Er umarmte ihn. „Du hast sie nicht geschickt. Meine Feinde haben sie nicht geschickt, Desir. Was war in ihr. Warum mußte sie davongehen. Und du hast sie lieb gehabt. Lieb. Lieb. Bist jahrelang bei ihr gewesen.“ „Was hast du mit ihr gemacht, Marduk?“ „Nichts, nichts, ich schwöre. Ich bin ja zerbrochen, zerbrochen. Siehst du es nicht.“ Und das hilflose Zittern. Desir löste sich, ging. Verließ die Stadtlandschaft, wanderte im Westen herum. Man hörte sehr früh davon, daß er gegen den verbrecherischen Marduk agitierte.
Die Politik des geschlagenen Marduk änderte sich nicht. Schwächer fühlte man ein Jahr lang seine Hand über der Stadt. In grämlicher Bitterkeit vegetierte er, fast von Monat zu Monat stärker ergrauend. Er schien ohne innere Anteilnahme, nur aus Gewohnheit die Dinge weiterzutreiben. Die näher bei ihm waren, wußten, daß er auf seinem Zimmer oft verzweifelt winselte. Einige hatten damals den Eindruck, es genüge, ihm auf die Finger zu schlagen, um seine Richtung zu verändern. Man vernachlässigte herausfordernd den Abbau der Mekifabriken, betrieb die Niederlegung von Gebäudereihen, den Aufschluß der Bodenerträge.
Er hatte schon lange nichts von Jonathan gehört. In dem Zorn seiner Tätigkeit hatte er nicht mehr den Hinweis auf diesen Schmerz bedurft. Breiter schwerer war Marduk geworden, mit eingezogenem Kopf, kleinen zwinkernden Augen, grauen Haarbüscheln an den Schläfen. „Ich bin schon grau, Jonathan, findest du. Und du, laß dich sehen.“ Schlank und reif Jonathan, im langen Silbermantel; zögernd leicht furchtsam bot er dem Älteren die Hand. „Du sollst mir helfen, Jonathan. Ich hab wenig Hilfe.“ Ob er bedroht sei. „Nein, man bedroht mich nicht.“ Lächelnd matt setzte sich Marduk; seine Zimmerwand schimmerte weißlich, als sei sie mit Blech beschlagen: „Was treibst du Jonathan, den Tag über, den Monat über.“ „Den Tag über?“ Er arbeitete wie viele andere an einem Moor; es sei keine kleine Arbeit. „Du machst mir einen Vorwurf. Du meinst, es sei eigentlich nicht nötig, ich könnte die Fabriken erweitern.“ „Nicht, Marduk. Ich meine das nicht.“ „Hast du andere Wünsche?“ Als Jonathan schwieg, ihn staunend ansah, saß Marduk schweigend matt da. Die Wache öffnete die Tür; ein bräunlicher Mann, Senator einer westlichen Stadtschaft, trat ein, verneigte sich tief vor Marduk, wagte kaum, sich aufzurichten. Marduk fragte ihn in seiner grämlichen Art nach Namen Absichten. Er wollte nur Marduk sehen, sich vor ihm verneigen. „So“ lächelte Marduk bitter „dazu kommst du her. Das nützt mir nichts, mein Freund. Das stört mich. Ihr braucht euch vor mir nicht sehen zu lassen. Ich will dir etwas sagen: ihr taugt nichts.“ Und als der gegangen war, murrte er, er werde sich in Stein aushauen lassen: dann hätten sie den Stoff, der sie seien, und sie könnten sich davor verbeugen, soviel sie wollten. Es ereignete sich, daß nach Jahren zum erstenmal Marduk in einer Senatssitzung erschien, unangemeldet, ohne ein Wort zu sprechen saß und wieder ging. Öfter kam er, horchte ging. Sein sorgenvolles ruheloses Umherwandern in der Stadtschaft. Er wurde einmal auf eine ungeklärte Weise, wahrscheinlich durch ein ungesehenes Gas, im Nordteil der Stadt betäubt und noch rechtzeitig von der ihm nachspürenden Wache aufgefunden. Als Jonathan ihn besuchte, seine helle Verzweiflung: „Sitz ich nicht wie in einer Falle. Wie lange dauert es und sie schlägt zu. Sie belauern mich von allen Seiten. Sie haben Waffen. Sie arbeiten. Ich kann nichts tun. Nicht einmal das kann ich.“