Berge Meere und Giganten

Part 14

Chapter 143,955 wordsPublic domain

Marion Divoise, die üppige vollbusige Blonde, die Freude vieler Männer und Frauen, drängte seit da zu Marduk. Sie verlangte, wie viele, vergeblich Zutritt zum Konsul. Der lebte eingeschlossen bald im Stadtgebäude, bald in seinem ärmlichen Landhaus; es war nie sicher, wann er da und dort mit seiner schwer bewaffneten Wache erschien. Marion hörte auf, die Strenge zu sein, die Männer und Frauen durch ihre geheime Süße anlockte, die sich ernst und verstehend, warm und dann wieder fremd unter ihnen bewegte. Der schauerliche Tumult bei der Parlamentsrede Glossings am Tage nach Marduks Staatsstreich war ihr nicht aus der Seele gegangen. Sie suchte sich beängstigt davon wegzuziehen. Weder Männer noch Frauen hatte sie bis dahin ernsthaft angehört. Sie folgte immer Lockungen und Erklärungen mit ihrer Güte und Sanftheit, aber leicht obenhin. „Was ihr alle sonderbar seid“ war ihr heimlicher Gedanke bei den Begegnungen mit ihren Freunden; allein saß sie oft zu Hause in ihrem Schlafzimmer und lachte, lachte über die Menschen. Bisweilen riß sie einer in seiner glühenden Neigung weit hin. Aber wenn die jungen Menschen dringlicher nach ihren schönen Armen, ihrem Hals, ihren Hüften griffen, stieg der Widerwille in ihr auf. Ohne Maß beleidigt war sie, mit Haß und Demütigung überfiel sie den schmerzlich Getroffenen, der sich wand. Ein Vieh nannte sie ihn. Es hieß, daß sie sich früherer Liebhaber bediente, um einen Menschen, der ihr zu nahe gekommen war, tief und raffiniert zu kränken, ihn nackt aus dem Bett seines Hauses auf die offene Straße zu werfen.

Sie hatte, wie Marduk seine gefürchtete Wache, eine Schar von Männern und Frauen, die der weißen strengen Person jeden Dienst leisteten. Aus ihnen suchte sie sich jetzt zum ungläubigen Staunen der anderen, denen es zugeflüstert wurde, selbst Freunde Liebhaber aus. In Scham zwang sich die Balladeuse dazu. Sie wollte zu einem Mann. Es waren für sie Szenen furchtbaren Leidens, wo sie neben einem freudigen glücküberschwellenden jungen Wesen saß, das sich ihr zu Füßen warf, ihre Zehen küßte, und dann von ihrem Hals, ihren Armen, ihrer Brust nicht ließ. Sie fror und glühte, bebte am ganzen Rumpf. Das sprang wie ein Käfer an ihr herum, suchte seinen Speichel mit ihrem zu vermischen; sie wandte durchschauert ihr Gesicht ab, das sich versteinte. Sie litt, wollte es dulden, wenn sie auch zerbrach. Sie wich zurück, versuchte es mit neuen.

Und dann saß sie einmal mit einem Mann zusammen, den sie nie gesehen hatte, einem farbigen sie selbst anwidernden Mann, der eine Viehherde angetrieben hatte. Im Augenblick, wo sie ihn sah, verlangte sie nach ihm. Starr stand in ihr fest, sie wollte nicht zurückweichen. Ohne Narkose; ganz gewiß von diesem Kerl. Er trank schon nach einer halben Stunde neben ihr. Sie rührte kein Glas an; umschlang erschauernd seinen runden Wollkopf. Er verstand. Er dachte eine Canaille zu vergewaltigen; trug sie in seinem Kittel vorsichtig auf ihr Bett. Da hatte sie sich ein Kissen vor das Gesicht gedrückt, bettelte um Gnade. Weinend betäubt rasend vor Selbstverachtung gab sie sich der Schändung hin. Sie stand den Kopf zurückgelehnt an einem Schrank, schluchzend flehend: „Ist jetzt fertig? Ist jetzt gut?“ Reichte dem Mulatten, ohne ihn anzusehen, die feine zitternde Hand, die eiskalt und bis zum Gelenk abgestorben war. Und sonderbar, wie sie seine hitzigen Finger fühlte, der schreckliche Dunst dieses Tieres, das vor ihr stand, zu ihr herüberschwoll, fühlte sie sich bewegt, die Augen zu öffnen, ihn, wie er zärtlich süßlich und dienerhaft gemein grinste, mit dem Blick zu umfassen, ganz ruhig zwei Schritt auf ihn hin zu tun, den weißblonden Kopf an seine Brust zu senken. Mitten in den schrecklichen Dunst hinein. „Geh jetzt“ flüsterte sie, wie er es wagte, leicht über ihre Schultern zu streicheln. Sie zuckte hoch. Er war fort; sie hatte nun dies getan, hatte es hinter sich. Sie blies wehte die Luft von sich. Und wie sie an das Tier dachte, rutschte rauschte sie mit einem leisen Ton aus, zu Boden, lachte flüsterte schimpfte verwirrt gegen den Boden hin, wie im Saal des Ratsgebäudes.

In ihren Gliedern, ihrem erlahmenden Rückgrat blieb die ungeheure Erregtheit stecken, die sie nicht schlafen ließ, die mit einem hohen gequälten Ton in ihre Stimme stieg. Nun wagte sie es mit anderen Frauen ihres Hauses über sich zu sprechen; die jungen und älteren zarten und starken Männer aber, die um sie waren, betrachtete sie jetzt aufmerksamer. Sie versuchte die Männer, versuchte sich an den Männern. Sie saßen neben ihr, hängten sich glücklich und fiebernd an ihren weißen schamüberglühten Hals. Es regte sich nichts in ihr; sie streichelte sie, tiefer und tiefer geängstigt vor sich. Weinend mußte sie ihren Kopf auf die Kissen und Polster legen; man sollte sie nicht quälen, sie seien ja alle so gut. Nur nach dem Mulatten hatte sie öfter ein bitteres schauriges fast kindliches Verlangen. Der durfte nicht gehen, wenn er sich in der Nähe ihres Hauses zeigte. Es zog sie etwas zu ihm, etwas Vertrautes, er mußte zu ihr kommen. Es war schrecklich, wie sie ihn einmal auf ihr feines einfaches Zimmer nahm, ihn, was sie nie tat, mit Kuchen und Likören bediente, den farbigen Mann in der gelben Viehtreiberjacke, der sich grinsend breit machte vor der demütig ernsten Frau, wie er ihr den Rest seines Likörglases an die Stirn spritzte, sie im Moment herriß. Sie schrie im Schreck. Die starke Frau rang und schlug sich besessen mit ihm, zerbiß seine Hände und lag dann, krachend auf den Boden gestaucht, winselnd still. Er ließ sie grimmig atemlos, Glas um Glas des Likörs herunterstürzend, den Mund mit Kuchen vollstopfend, liegen. Diesen Mann ließ sie noch manchmal zu sich rufen; sie wußte nicht, was sie zu ihm trieb; er tat mit ihr wie mit einer Sache, sie erduldete alles.

An einen jungen fast knabenhaften Mann, den sie Desir nannte, hängte sie sich, war ihm öfter aufgelöst, Trost suchend, abwesend, bettelnd, gut. Sie träumte in dieser Zeit oft von einem Wasser, auf dem sie fuhr. Desir war ein weißer Schwan, der vor ihr schwamm; sie lag in einem Boot, er zog sie, zog sie immer weiter, weit fort.

Als Marduk die stärkere Nutzbarmachung des Landes betrieb, das ihr gehörte, verlangte sie wieder mit ihm zu sprechen. Und als es ihr abgeschlagen wurde wie jedem sonst, wandte sie sich an Marduks jungen Freund Jonathan. Die schöne weiße Balladeuse war erschreckt, als nach einem durch Kurier überbrachten Brief, sie hätte mit ihm zu verhandeln, eines Mittags Jonathan selbst im Flugzeug auf dem Dach ihres Hauses erschien. Oben neben seinem leichten Apparat, den er sicherte und abstellte, stand sie, betrachtete den feinen braunhaarigen Jüngling, der sich an das Dachgitter lehnte, lächelnd sagte, er sei gekommen. Er wisse wenig, was er mit seiner Zeit anfangen solle; ob sie ihm böse sei, daß er gekommen sei. Wie hatte sich dieser Mensch, den sie kannte, in den letzten Jahren geändert! Wie gleichmütig versunken lächelte er, wie hob sich manchmal seine linke Augenbraue und zuckte schmerzlich. Er sprach so leise und freundlich, und wenn sie antwortete, so wußte sie aus seinem leeren Blick, seinem Mund, der sich bewußtlos öffnete, dem Kopf, der sich zur Seite bog, daß er meist nicht zuhörte. Dies war der Freund Marduks. Sie nahm ihn in ihr Haus herunter; er wollte kein Zimmer, im Garten saßen sie. Bald sagte sie, sie wolle Marduk sprechen. Er zog Holunderäste über sich: „Warum wollen Sie Marduk sprechen? Er hat so wenig Zeit. Lassen Sie ihn doch, Marion.“ Sie saß aufrecht, war, je mehr sie Jonathan sah, stier und steif in ihrem Begehren, den Konsul zu sprechen. Sie wurde zornig. „Ist er mehr als ich. Warum versteckt er sich? Er ist Konsul, er nennt sich so, er muß hören, was man von ihm will.“ „Muß er das, Marion? Er meint es nicht. Er denkt umgekehrt, wir müssen hören, was er will.“ Sie stand blaß auf: „Das wußte ich, daß es so ist. Es ist mir recht, daß Sie hergekommen sind, Jonathan, und daß Sie es mir noch sagen. Ich will ihn sprechen, so steht es, ich muß es, und das verlange ich.“ „Seien Sie nicht wild, Marion. Es sind schon manche wild gewesen und sind nicht mehr wild.“ „Nicht ich. Nicht ich.“ Sie stand und flüsterte. Jonathan drückte sie auf ihren Sessel: „Sagen Sie, Marion, was ist. Ich will mit ihm sprechen.“ Sie schwieg; dann: „Gut.“ Und wie sie fertig gesprochen hatte, dachte Jonathan: wie recht hat Marduk, daß er sie nicht hört; Weiber sind Räuber. „Gut Marion, ich wills ihm sagen. Gehen wir.“ Wie sie aber ein paar Schritt gegangen waren, drückte ihm Marion plötzlich heftig die Hand, sah ihn so dringlich an, daß er ein Erstaunen fühlte und ihm der Einfall kam, zu Marduk von ihr zu reden.

Man ließ die schöne Balladeuse vor Marduk. Als er in seinem Zimmer des Ratsgebäudes von dem ungeheuren Wandgemälde der Uralischen Flammenbergwerke und der flüchtenden versinkenden Menschen sich herbewegte, braunschwarz wie die Menschen des Bildes, zitterte sie zum ersten Male. Er schien mit seinen unsicheren Beinen dem Riesenkopf den dunklen ernsten Augen aus dem Bild herauszuwackeln. Jonathan führte sie. Marduk gab ihm die Hand, lächelte: „Wen bringst du mir.“ Er sah nur Jonathan an, bat, als der gehen wollte, er möchte bleiben, lächelte schweigend, als er gegangen war, noch in der Richtung seines Weges. Mit demselben Lächeln drehte er sich automatisch Marion zu, die Jonathan auf eine Sitzbank geführt hatte: „Was willst du, Marion. Was tust du?“ Geheimnisvoll fühlte sie sich berührt, entwaffnet. Schwach und still sagte sie, sich verwirrend, wieder zitternd, es müßten die Ländereien der Stadt nach Norden und Nordwesten ausgedehnt werden. Marduk fragte, ob der Senat sie dabei im Stich ließe. Sie mußte es verneinen, log, sie fürchte sich vor dem Widerstand ihrer eigenen Leute, wollte Bewaffnung und Schutz auf ihrem Besitz. Dies sei unmöglich, gab Marduk von sich, versprach, mißtrauisch sie anblickend, seine Hilfe für weiterhin, stand auf, wieder auf seinen Platz zwischen den braunschwarzen Versinkenden zurückzukehren.

Sie war nur wenige Minuten bei Marduk gewesen, da ging sie langsam durch mehrere Türen, über Treppen hinaus. Jonathan sonnte sich auf der großen Freitreppe; er hielt einen Schmetterling auf seiner Kappe, schaukelte ihn; sie wich ihm aus. Von der Begegnung mit Marduk brachte sie nichts mit als einen Groll auf Jonathan, eine bis zum Zorn gesteigerte dumpfe Wut auf diesen, auf diesen. Sie ging aufgelöst in ihrem Zimmer umher; nachmittags ritt sie mit Desir aus, unterwegs liebkoste sie ihn, weinte wild, neben ihrem Pferde über die Felder gehend.

Die starke Frau arrangierte Gehässigkeiten gegen Marduk. Die Frauenbünde, fast zerfallen, waren damals in den fremden Stadtschaften erneut rege; sie streckten ihre Arme nach der Mark aus, wo sie heimliche Frondeure unterstützten. Die Berührung mit ihnen tat der Balladeuse wohl. Sie machte sich Mut, unterstützte Frondeure. Dann spielte sie wieder mit Desir. In das Leben dieses Desir wurde sie eigentümlich hineingezogen. Der Feine fesselte sie nicht. Erst, wie sich an ihn andere begehrliche Frauen hingen, merkte sie auf, wollte seine Zärtlichkeit nicht vermissen, las mit Beklemmung die Zettel, die er von anderen Frauen erhielt, sah die Blumenkränze, mit denen sie ihn behingen. Und sie seufzte und wollte es nicht dulden. Sie fühlte sich gedrängt, auf diese Frauen loszugehen mit einer Erregung; aber dahinter stand schon die Trauer. Sanft ließ sie Desir mit einer anderen Frau, sanft hängte sie sich selbst an die andere Frau, forschte sie aus, sah ihre Neigung Glück, ging wieder zu Desir, stand kopfsenkend da, fiel neben ihn, der sie verlangte, seufzte mit leeren Augen, eingehüllt von seiner Weichheit, den unaufhörlichen Flüsterworten, von den Händen an Stirn und Hals gefaßt, die in sie nichts strömten. Sie tat froh auf den Fahrten, Desir war ihr Mann, von ihm wollte sie ein Kind. Nein, nicht ein Kind, viele Kinder. Ihre Ruhe wollte sie vor Augen haben, festhalten. Es sollte alle Vergangenheit ruhen.

In dieser Zeit gebar sie zwei Kinder, zwei Mädchen, die sie selbst an der Brust aufzog und pflegte. Groß war die Zärtlichkeit der mütterlichen Divoise zu ihren Kindern; sie hatte von ihrer Schönheit und Art nichts verloren. Und eines Tages erkrankte das jüngere Kind. Die Erregung der Divoise; blitzrasch veränderte sie sich. Wen sie erreichen konnte von Ärzten zog sie herbei. Geschüttelt saß die dunkel verhüllte Divoise am Bette des Kindes, schrie nach Hilfe. Mit Angst Haß Bangigkeit verfolgte sie das Agieren der stillen Männer und Frauen am Bett. Saß zuletzt nicht mehr in der Nähe des klagenden und heftig atmenden Kindes, saß nahe der Wand, wo sie niemand sah, über sich gebeugt, ein Tuch, das ihr Desir auf die Schultern gelegt hatte, über dem Kopf.

Das Kind zog die Luft gleichmäßig mit hohem Tönen ein, gab sie rasch von sich. Eine Pause. Wieder hohes Tönen Blasen. Die Ärzte hielten das Vergehen der kleinen Seele nicht auf. Als es frühmorgens nicht mehr blitzrasch das Köpfchen warf und mit suchenden Augen nach rechts und links fuhr, und ohne die Wimper zu bewegen aus großen runden Augäpfeln, trübe überhauchten, die in Schwärze liegende Decke betrachtete, bewegte sich die mütterliche Divoise, das violette Seidentuch über Rumpf und Gesicht, heran an das Bett, lag eine Weile zu Füßen des schweigenden Wesens. Mit dem Gesicht aufliegend nahm sie finster schluchzend das Füßchen des Kindes in den Mund, sog daran, legte es sich an den Hals. Trug das tote Wesen im Zimmer herum, setzte sich, während das Tuch rückwärts von ihr abfiel, auf den Stuhl, den eben der Arzt verlassen hatte, hielt das Erstorbene auf dem Schoß, setzte es auf; die Arme schlenkerten an dem kleinen hemdbekleideten Mädchenkörper. Marion, nicht hörend, was man ihr sagte, hielt das Kind fest, wickelte es in ihr wieder aufgerafftes Tuch, schleppte es durch das Zimmer, summend, mit festem Schritt. Dies tat sie stundenlang bis zum Morgengrauen: gehen, das Kind wickeln aufsetzen, bis es steif geworden war und aufrecht auf ihrem Knie saß mit gesunkenem Kopf. Eine Frau nahm ihr das kalte wachsfarbene Wesen aus den Händen: „Nun ist’s gut, Marion! Nicht wahr, nun ist’s gut?“ „Ich hab es nicht weggegeben“ zitterte Marion mit leeren Händen, „du hast es mir weggenommen, das mußt du wissen.“ Saß noch da, wie das Erstorbene zugedeckt wurde. „Mein Tuch drüber, mein Seidentuch. Nun hast dus weggenommen. Nun ist es geschehen.“

Aus dem stillen Zimmer ging sie. Über einen Flur. Wie sie eine Tür öffnete, schlief drin das ältere Kind. Das Morgenrot schien herein. „Warum nur das eine? Warum nur? Es könnte auch das andere sein. Soll ich warten?“ Sie zitterte von den Knien aufwärts in Wellen bis in den Hals; nahm das schlafende Kind mit zwei besinnungslosen Griffen hoch. Schon schrie es aus ihrem Mund: „Desir, Desir.“ So bündig scharf schrie es aus ihrem Hals, er war in wenigen Augenblicken bei ihr. Sie preßte, den Mund schließend, zwischen den Zähnen, sich vom Licht abwendend: „Da ist das Kind. Da hast du es. Leg es hin.“ Er mußte ihr die Finger ablösen von den Ärmchen des Kindes, das schlafend über ihrer Schulter hing, einen kalten verklammten Finger nach dem andern.

Sie haßte von da ab Marduk. Nichts beglückte sie so, nichts war ihr inniger als der Haß auf Marduk, den langen Menschen, braunschwarz, mit dem Riesenkopf, den dunklen ernsten Augen, den unsicheren Beinen. Wenn sie heimfuhr von dem Kind, von ihrem Mann aufstand: dies empfing sie doch und hüllte sie gewaltsam ein. Es war etwas wie ein Rachegefühl in ihrem Haß. Ruhig hielt sie damit an. Sie war ihrer Dinge gewiß.

Sie stand eines Tages vor Marduk, der aus der Wand der Uralischen Flammen hervortrat zwischen den flüchtenden versinkenden Menschen. „Komm da weg“ herrschte sie ihn an „du stehst da schlecht.“ Sie zog ihn an die Schädelpyramide: „Da stehst du gut, Marduk. Bleib da stehen.“ „Was willst du, Balladeuse.“ „Balladeuse, Balladeuse. Mir liegt an Balladen nicht. Es waren nicht meine Balladen. Ich kann nur sagen, daß –“ „Daß du mich liebst.“ „Daß ich dich liebe? Bist du verrückt, Marduk. Ich dich lieben? Wofür denn? Um was?“ „Lach nur. Darum bist du hergekommen, darum habe ich dich ohne Wachen hereingelassen. Es kommen öfter welche herein. Ich merke es gleich. Es macht mir nichts aus.“ Sie trat an ihn heran: „Du bist wahnsinnig, Marduk. Ich verbiete dir so zu sprechen. Es ist schamlos. Ich habe dir nichts getan, daß du mich beleidigst.“ „Dir sind deine Kinder gestorben, Marion, du bist hergekommen, daß ich dich tröste.“ „Mein Kind lebt, eins ist gestorben.“ „So lieb dein Kind.“ „Was geht dich mein Kind an? Steh bei den Schädeln. Wenn es nach dir ginge, wäre die ganze Erde eine Schädelpyramide.“ „Ich muß die Wache rufen.“ „Ruf sie, ruf sie nicht, Marduk. Tus. Tus nicht. Mein Himmel, was soll ich sagen.“ Sie war plötzlich bläulich blaß geworden. Zitterte bis zum Schwanken. Sie war in schrecklicher Bedrängnis, sah an sich herunter, kratzte, rieb sich die Finger: „Ich hab mit dir nichts zu tun. Ich weiß nicht, was ich von dir will. Du tust mir unrecht, wenn du sagst, ich liebe dich. Ich werde nicht von hier weggehen. Du darfst deine Wache nicht rufen. Laß laß mich noch hier stehen. Ich sterbe noch früh genug. Du kennst mich nicht.“

Ganz still stand der lange Marduk. Die Divoise warb um ihn. Er fühlte nichts, aber ganz im Innern erbebte etwas in ihm, wie in einer Stadt die Scheiben leise klirren von den Donnerstößen einer sehr fernen Schlacht. Sein Mund fing an sich zu einem Lächeln zu verziehen: „Ich habe manche Geschäfte, Marion Divoise.“ „Ich auch.“ „Was soll geschehen?“ „Laß mich –“ sie war am Schwanken, schloß den Kopf zurückbiegend die Augen, schluckte, „– laß mich – in dem Hause bleiben. Ein paar Stunden.“ Sein Inneres erbebte stärker, tiefer innen; er zog die Muskeln seiner Arme zusammen, ballte die herabhängenden Hände, leise: „Das ist bei mir nicht üblich. Ich habe keine Frauen bei mir.“ „Laß mich – in deiner Nähe – sein, Marduk.“

Er mußte um die Pyramide herumgehen; trat unter das große Flammenbild, kam wieder hervor, im braunschwarzen offenen Mantel. Die Divoise hatte die Augen geschlossen, bewegte sich nicht, unkenntlicher Ausdruck über ihrem Gesicht. Die Augen riß Marduk auf, biß sich auf die Unterlippe. Er wußte nicht, was in dem Raum umging, was seine Schulterhaut mit Hitze und Kälte überschüttete. Er fühlte seine Beine gedrängt, sich nach ihr hinzubewegen, lachte leicht, wie er ihre Hand anrührte: „Also, ich werde dir ein Zimmer geben lassen hier. Verbreite es nicht. Es ist nicht meine Art.“ Ihre Hand zuckte zurück; tonlos sagte sie: „Dies ist gut von dir, Marduk.“ Er sah, wie sehr sie litt, faßte sie, die betäubt schien, am Arm, führte sie durch einen Gang in ein Zimmer, wo sie sich von ihm losmachte, sich setzte. „Ich bin, Marion Divoise, nicht weit von hier. Du hebst diesen Griff. Man sagt dir, wo ich bin.“

Die blonde Balladeuse lag mit dem Gesicht auf dem Tisch. Erst als er hinaus war, stieß sie das tierartige Stöhnen aus, das schon lange in ihr gesteckt hatte, schlug sich die Brust, zerzupfte die Fransen der Tischdecke. Um – plötzlich – anzuhalten, die Hände herabfallen zu lassen. Matt wurden die Schultern, weich sank sie über sich zusammen, lächelte eingedeckt hingedrückt vor sich, stützte den Kopf auf den Arm, hingebend: „Ich bin hier. Gelandet. Oder gestrandet. Oder. Oder. Marduk kann jeden Augenblick kommen; wenn ich den Griff hebe, wird er kommen. Meine Hand kann das, meine liebe kleine Hand. Ich in seinem Haus, unter seinem Dach. Marion Divoise, du Süße, jetzt ist das beste: du schläfst!“ Dachte nicht an ihr Kind, Desir, die Menschen, die an ihr hingen. Kam sich vor wie am Ende eines langen Wegs. Und die Arme unter den Kopf gekreuzt schlief sie eine süße Stunde. Fühlte, wie sie sich aufsetzte: „Welch verzaubertes Haus. Was ist mit mir geschehen. Ich kann mir nichts denken, was so schön ist wie dies jetzt. Marduk soll kommen. Marduk soll kommen.“

Man sagte ihr, wie sie den Griff hob, daß Marduk auf seinem Zimmer schliefe. „Auch er. Er auch.“ Sie faßte sich an die Brust, ihre Augen leuchteten. Wie es dunkel wurde, hob sie wieder den Griff. Da schlief Marduk noch. Verwirrt ging sie an den Apparat. Die ruhige Männerstimme kam heraus, der Konsul liege im Schlaf auf seinem Zimmer.

„Ich bettle, ich bin versklavt. Ich muß mich rüsten.“ Laut sprach sie sich vor: „Er kommt bald“, die zerzupften Fransen des Tischtuchs vom Boden sammelnd und in einem Haufen auf dem Tisch bergend; daneben setzte sie sich. Sie drückte den Lichtknopf.

Wie die Tür aufging, stand Jonathan in weißer Seide da. „Ich war bei Marduk. Er sagte mir, daß du hier wärst. Ich freue mich dich zu sehen.“ „Er hat dich geschickt.“ Jonathans Stimme war erfüllter, klangreicher, fester als sonst: „Nein. Ich bin selbst hergekommen. Er warf es nur nebenbei hin. Ich wollte dich sehen.“ „Was ist an mir zu – sehen, Jonathan. Du kennst mich doch. Du wolltest vielleicht etwas anderes. Von dir hatte ich es nicht geglaubt.“ „Was ist, Marion?“ „Daß du dich täuschen wirst. Daß ich hier bin, kann ich nicht verheimlichen. Ich schäme mich aber nicht. Garnicht. Daß dus genau weißt.“ „Ich höre, Marion Divoise.“ „Ich habe nichts zu verbergen. Da bin ich. Und jetzt schäme du dich, daß du hier hereinkamst.“

Jonathan, die Arme an der Tür verschränkend, schlug das rechte Bein vor das linke: „Ich bin hier, um dich anzusehen, Marion Divoise. Wenn du noch mehr sprechen willst, sprich.“ Sie bog glühend den Kopf über die Seidenfasern auf dem Tisch: „Was wollt ihr mit mir machen.“ Und langsam ging der weiße junge Mensch von der Tür weg auf sie zu: „Komm, steh auf.“ Und nochmal: „Komm.“ Und wie sie finster aufstand, legte er beide Arme um ihre Hüften. Rutschte, plötzlich schluchzend, von innen gestoßen, an ihr herunter: „Tu an ihm, was du willst. Tus, Marion. Ich bin nicht dein Feind.“ Und wie sie die Hände herunterließ, zog er sie vor seinen Mund, küßte sie. Sie hob den jungen Menschen an sich hoch, der immer stammelte: „Du bist hier, bei ihm; du bist hier“ und ganz außer sich war. Er umschlang ihren Hals. Seine Augen brannten und irrten: „Ich weiß nicht, Marion, was es auf sich hat, daß du hier bist und wer dies gefügt hat. Aber es kann geschehen, daß du mit einem Schlage mich und ihn tötest.“

Wie sie ihn von sich abdrängen wollte, lachte stöhnte er an ihrem Hals: „Du kennst das Menschenleben nicht, Divoise. Du siehst nur immer zu. Vielleicht jetzt nicht so. Du weißt nicht, was hier geschieht. Und durch dich. Es ist gut. Ich sage dir, es ist gut. Ich habe dich nicht hergerufen, aber nun bist du da, nun ist es geschehen, ich begrüße dich, ich segne dich, daß du herein kamst, Divoise.“ So stammelte er, ließ in trunkener Schwelgerei von ihr. Die Hände gegen sein eigenes lächelnd angehobenes Gesicht gelegt, ohne ihre Fragen zu beantworten, stolz, fast feindselig ging er hinaus.

Eine Wache führte sie auf Marduks Zimmer. Das war ein halbdunkler schmaler hoher Raum, weißlich von allen Seiten blinkend, als sei er mit Blech ausgeschlagen. Schalter Kästen Hebel in Fuß- und Brusthöhe angebracht. Auf dem Tisch, der im Dunkel lag, flammten Tafeln mit Ziffern und Schriftzeichen auf. Trübe blickte sie Marduk, auf einer niedrigen Bank hockend, an, wie sie im helleren Türlicht stand. „Marion, tritt ein.“ Sie schöpfte Luft: „Kann ich mich setzen?“ Sie saß auf der Bank an der Tür, und wie sie eine Weile den Kopf nach unten gebogen hatte, hielt sie seinen Augen stand: „Marduk, ich will dir etwas von mir sagen. Ich habe ein Kind verloren. Das war ein Schild vor mir. Es ist hin. Auch von dem andern weiß ich nichts mehr. Ich bin schutzlos. Du siehst meine Schande. Ja Schande. Wenn etwas Schande ist, so ist es dies, daß ich hier vor dir auf der Bank sitze.“ „Es hat noch keine dagesessen.“ „Das tut mir nichts. Ob eine oder keine dagesessen hat. Ich bin nicht eine oder keine. Ich hätte hier nicht sitzen dürfen und nun ist es geschehen und da bin ich.“