Part 22
Da erfolgten in seinem eigenen Lager und im engeren Umkreis Berlins furchtbare Dinge. Eine teuflische Verräterschar schien es auf den Untergang der ganzen Stadtlandschaft abgesehen zu haben. Große Teile der Mekifabriken, sowohl leere wie eben wieder in Gang gesetzte, flogen in die Luft, wurden durch künstliche Blitze eingeäschert. Rätselhafte Überfälle auf Apparate innerhalb des Lagers fanden statt, mit gelegentlicher Vernichtung wichtigster Teile. Und dieses Unheil betraf sowohl Zimbo wie die Horden jenseits der Elbe. Es mußten Teile der Marduk treu gebliebenen Wache sein, Zimbo fürchtete in manchen Augenblicken, es war ein neuer und zuverlässiger Delegierter des Völkerkreises. Er ließ den Führern geheim sagen: der Völkerkreis wolle sie kirr machen, man müsse sich bald einigen. Inzwischen ließ er Jagd auf die Unwesen machen.
Aber Marduk selbst mit zwei Dutzend Ergebener leistete alles. Sie hatten Apparate Spiegelkleidung Blender. Marduk kämpfte für seine Sache. Er vertraute auf die Besinnung seiner Horden. England würde ihnen nichts antun, die Not würden sie überwinden. Er kämpfte mit einer ihn selbst durchschauernden Kraft. Die alten Namen Targuniasch und Zuklati, der makkabäerhaften Kämpfer früherer Jahrhunderte gegen die Apparate, wurden in ihm wach; er sprach sie aus. Jetzt erkannte er sie. Auf diesem Boden stand er. Ihm war, als wenn Schuppen von seinen Augen fielen. Wie ein Werkzeug, ein störrisch widerstrebendes, ein Hobel über einem Knollen und Baumstrunk hatte er sein Konsulat geführt. Alles war gut daran. Er hatte gelitten, nicht gewußt, wie wohl er tat.
Er dachte immer an die Menschen, die sich in die Maschinen gestürzt hatten, um sie zu vernichten, die Toten von Calais, Targuniasch und Zuklati.
Hart sicher und rasch handelte er. Strenger Frost. Zwischen den sich belauernden Reihen der märkischen Horden und Zimbos schlug sich Marduk mit seinen Leuten durch, immer zurück ins Hannoversche kehrend, in sein Quartier. Diese Ortschaften waren verödet, wenige Menschen hausten noch hier, die Landschaft fiel in ihre alte Versunkenheit. Zwei Wochen nach der Flucht Angelellis und dem Abfall seiner Wache ritt er zum erstenmal in die Moore südlich des Grinderwaldes. Nach zehn Tagen kam er das zweite Mal. Rechts und links hatte sich in die Einöde, bei seinem alten Standort, die Kunde von seiner Anwesenheit verbreitet. Seine Mannschaft suchte zuverlässige Gefährten, verheimlichte sich nicht. Marduk selbst erklärte, man müsse Menschen sammeln, nicht verzagen.
Und er suchte und sammelte in der Gegend seines alten Standortes. Ein dunkles Gefühl hielt ihn fest, ließ ihn nicht erschlaffen, trieb ihn weiter. Was war es. Er mußte es vollenden. Jonathan fiel ihm in stillen Augenblicken ein. Die Treppe heruntergestürzt. Und gleich hinterher Elina. Diese Frau bei den Pferden, zwischen den Pferden, an einem Strick hängend. Die Pferde geiferten, die Krieger höhnten. An dem Strick die Leiche der Castel, der verruchten, zwischen zwei Toten die andere, die noch zappelte. Das Haus, in das man die Opfer der Horde gebracht hatte, war ausgestorben; auf den Gängen braunschwarze Blutspuren.
Wie einmal Marduk, die großen Augen nach innen gerichtet, leicht verdunkelt, den langen goldweißen Theatersaal betrat, den sich ein flüchtiger Herr hier hatte bauen lassen, jetzt mit Proviant Flaschen Kisten Röhren gefüllt, klang neben ihm die Stimme eines Mannes, der einen Gürtel in der Hand trug: ob sie Frauen annehmen dürften. „Nein“ schüttelte Marduk den Kopf; nicht mehr Frauen, nicht mehr dies. Sie wollten aufbrechen, sie sollten das Quartier verlegen, östlicher, an die Elbe heran, sie sollten sich beeilen. Er ging, ohne den weißen Gürtel anzusehen, den der Mann ihm vorhielt.
Marduk stand auf dem Hügel, auf dem hartgefrorenen Boden, vor dem starren geborstenen Riesenskelett einer Esche. Die eisige Luft flog in Stößen über ihn. „Alle Dinge in der Welt müssen einmal beendet sein“, dachte er, „ich will aufbrechen.“ Er packte im Haus an einer Bank seinen Tornister. Da hatte ihm der Mann den Gürtel hingelegt, den er vorhin in der Hand hielt. Marduk wollte schon die Lippen öffnen, den Mann zu rufen, da führte er die linke Hand zum Mund, bedeckte ihn. Wessen, wessen, wessen Gürtel war das: weiß, mit silbernem Zierat. Das war, – seine Augen erweiterten sich – Jonathans Gürtel. „Woher hast du den Gürtel?“ „Eine Frau gab ihn mir; ich sollte ihn dir zeigen; sie wollte uns helfen.“
Nach einer Stunde Ritt hielten sie in einer Häuserreihe, die durch Brand und Sprengungen verschüttet war, vor einem niedrigen Gebäude, auf dessen flachem Dach Geröll eines niedergestürzten Nachbarturmes lag. Der Schutt häufte sich vor dem Eingang. Sie umgingen den Trümmerberg, ein Hund fiel sie an. Während der Krieger das bellende bissige starke Tier schlug, – es geiferte zuletzt oben auf den ungangbaren Steinmassen – rüttelte Marduk an der verschlossenen Tür. Neben der Tür war ein kleines Fenster. Marduk, im Gefühl, daß ihn seitlich einer anblicke, zuckte zusammen. Eine Frau streckte den zerzausten Kopf heraus. Ein blasses mageres Gesicht, das sich verzerrte und aufflammte. Im Augenblick zog sie den Kopf zurück. Marduk trommelte gegen die Füllung: „Mach auf.“ Zwischen dem Hundegekläff hörte er drin rumoren und dann dicht an der Tür eine leise Stimme: „Du meinst, ich mach dir auf. Ich mach dir nicht auf.“ „Mach auf.“ Jetzt erkannte er, es war Elina. „Warum willst du nicht aufmachen?“ „Glaubst du, ich werde mich noch einmal von dir in ein Gefängnis stecken lassen, du Hund. Ich bin da, damit du mich quälen kannst?“ „Mach auf, Elina.“ „Ja mach auf. Mach selber auf. Es wird dir gut bekommen. Versuch es.“ „Ich will dich sprechen, Elina.“ „Warte, ich will dich auch sprechen. Geh von der Tür zurück.“ „Was soll ich. Jag deinen Hund weg.“ „Geh von der Tür weg. Geh bis an den Schutt.“
Marduk trat, während der Krieger mit dem Hund kämpfte, der blitzschnell um den Haufen herumsauste, an den Rand der Steinmasse. Die Tür sprang auf. In der Öffnung wurde ein mannshohes schmales Gestell sichtbar, das, auf Rädern geschoben, metallen und gläsern blitzte. Ein Angriffsapparat. Die Hand an einem Glasgriff bewegte sich das Weib neben ihn; gerunzelte Stirn, sprühende Augen, ein Mund, der den Atem zwischen abgezogenen Lippen, zubeißenden Zähnen entweichen ließ und einsog. Der linke Arm hing schlaff. Sie trug ein weißes verschnürtes Schaffell wie Marduk.
„Nun, Marduk? Wie ist Ihnen jetzt? Da stehen Sie. Sie wollen mich etwas fragen. Sie sind wohl geneigt, erst mir zu antworten.“ Durch Marduk lief der Gedanke: Schade. Sie ist eine Täuscherin. Ich bin in eine Falle gegangen. So muß ich enden. „Ich wollte dich fragen, was mit diesem Gürtel ist.“ „Jetzt ist Ihnen bang, Marduk. Aber mich haben Sie in das Gefängnis gesteckt, zur Castel. Ihren Banden haben Sie befohlen, mit uns zu tun, was sie wollen. Sie wissen, wie es ausgelaufen ist.“ „Man ist wild mit Euch umgesprungen.“ „Ist man das? Feige sind Sie also auch. Hat es Ihnen nicht eine Freude gemacht, als man uns anbrachte, am Strick, hinter Pferden. War das nicht ein besonderes Vergnügen für Sie? Da hingen wir. Gestehen Sie’s.“ Das Schreien des Kriegers, das Heulen des Hundes war so stark, daß beide schwiegen. „Du bist eine Täuscherin, Elina. Du kommst von Jonathan. Ich bedaure nichts. Ich mußte dich festsetzen.“ „Weiter.“ „Was dann geschah, ist nicht meine Sache.“ „Was sprichst du von Jonathan. Seinen Namen, Bestie, Bestie.“ Und nahm die Hand von dem Griff, weinte laut in ihre Höhlung. Der linke Arm krümmte sich im Ellbogen; seine Finger drückten an die Brust.
Diesen Augenblick während des ununterbrochenen Tier- und Menschentobens zwischen ihnen benutzte Marduk, um im raschen Anlauf den Apparat zur Tür herauszureißen. Der rollte polterte die fünf Stufen herunter, stürzte vornüber, krachte, Glas- und Metallplättchen streuend. Elina hatte den rechten Arm sinken lassen, war zwei Stufen dem Apparat nachgesprungen, stand schlaff da, blickte entsetzt auf Marduk; die Tränen quollen noch aus den Augen. „So. Also das hast du erreicht.“ Marduk, der gebückt angelaufen war, richtete sich auf, einen Fuß auf der untersten Stufe: „Wir können so besser verhandeln.“ „Erst Jonathan. Dann mich. Daß Menschen wie du geschaffen werden.“ „Was wolltest du mit diesem Gürtel.“ „Jetzt fragst du. Ich habe es dir sagen lassen.“ „Du wolltest dich mir anschließen. Sag selbst, Elina, verdienst du nicht, daß ich dich umbringen lasse.“
Stumm blickte sie ihn lange an, sie weinte nicht mehr; ihr Kopf bewegte sich wie unwillkürlich auf und ab. Mit leiser Stimme: „Ich will dich nicht auffordern, in das Haus zu kommen. Warte. Ich will mir eine Kappe aufsetzen.“ Gleich erschien sie wieder; lächelte leicht, als sie Marduk nicht an der Treppe sah. Er rief hinter der Schuttmasse: „Heb deine Arme hoch, Elina.“ Sie ging die Stufen herunter: „Einen will ich hochheben, wenn es dir Spaß macht. Den andern hast du mir festgebunden. Komm nur vor.“ Sie ging, während die beiden Männer auswichen, frei an ihnen vorbei in der kalten Luft. Marduk hinter ihr: „Du hast nichts?“ Sie ging mit gesenktem Kopf weiter: „Komm. Geh mit.“ Erst nach einer Anzahl Schritte war er neben ihr. „Du willst wissen, Marduk, was ich mit dem weißen Gürtel wollte. Weißt du, was – ich – überhaupt – von dir wollte?“ „Wann?“ „Als ich in dein Quartier kam. Schick den Mann weg. Ich habe keine Waffen. Wenn du mich umbringen willst, kannst du es zur Not auch allein.“ Er ließ den Mann, der den Hund getötet hatte und den blutigen Körper an einem Strick hinter sich herzog, ein Stück zurück. „Du weißt nicht, warum ich kam, Marduk“, sie sprach seitwärts in ihren Pelz sich verkriechend, immer von ihm wegsehend, „es ist auch nicht nötig.“ „Jonathan hat dich geschickt.“ „Nicht sprechen, nicht sprechen“ ihr Kopf fuhr herum, ihre Augen glühten, „ich hab dir gesagt, du sollst ihn nicht nennen. Du sollst es nicht. Nein, du sollst es nicht.“ Und wie sie bitter krampfhaft den Mund schloß, füllten sich ihre Augen wieder. Sie sah weg, schluchzte.
„Wo führst du mich hin?“ „Komm.“ Der Straßenweg war zu Ende. Über einer gefrorenen Wiese, – das Eis, über Tümpel ausgespannt, knisterte – gingen sie. Ein lichter schmaler lang hingezogener Wald kam. „Hier. Laß den Mann draußen. Er kann auf der Wiese warten. Er darf mit dem toten Tier nicht her.“ Sie wanderten zwischen den Stämmen, unter dem Liniengewirr der Äste. An einer kleinen mit trockenen braunen Blättern überschütteten Bodenwelle stand Elina. „Komm.“ „Bist du müde? Willst du dich setzen?“ Elina den Kopf tief auf die Brust gedrückt zog sich die Kappe ins Gesicht. Sie hauchte: „Gib den Gürtel.“ „Hier.“ „Nein. Leg ihn selbst hin.“ „Wo soll ich ihn hinlegen?“ Elinas Knie sanken; sie drückte den Kopf in das kalte herunterraschelnde Laub. „Was denn, Elina?“ Sie weinte unten ganz leise, ihre Hände griffen in die Blätter: „Ja hierhin.“
Marduk seufzte, zwischen die Stämme blickend: „Was ist mit Jonathan?“ „Du siehst es ja. Dein Freund. Unser Freund. Mein Freund. Mit dem weißen Gürtel. Du trugst immer den weißen Gürtel. Einen weißen Mantel, deinen weißen Mantel trugst du immer so gern.“ „Was ist mit Jonathan?“ Sie schluckte unten, hell weinte wimmerte sie, zog die klagende Stimme: „Nicht fragen. Oh, oh. Nicht fragen.“
Er erzitterte, es überlief ihn. Vom Kopf bis zu den Füßen lief das Zittern. Er wehrte sich. Es rollte von den Knien und Schultern, es warf ihn hoch, zog ihn herunter. Er schüttelte seine Arme, wirbelte und riß an seinen Ellbogen, stieß seine leeren greifenden Hände nach vorn und rückwärts. Wie er den Kopf nach hinten bog, um seine übervolle Kehle zu entladen, schleuderte es ihn auf den Boden, dicht neben die klagesingende wimmernde sich einwühlende Elina, schräg über den Grabhügel. Laubwolken flogen über sie beide. Und da lag im weißen Pelz der große grauhaarige Marduk; die Kappe rollte den Hügel herunter. Er tobte, streckte die Arme aus: „Nein, nein, nein.“ Flehte zu Jonathan, rief ihn mit Kosenamen, suchte ihn. Auf den Rücken warf er sich herum; die Blätter hatte er in den Händen, rieb sein glühendes aufgedunsenes Gesicht. Er warf sich auf, am Fuß des Hügels kniete er auf dem Waldboden, den Rumpf hin und her biegend, im Flüstergespräch mit dem Hügel, den Kopf immer wieder tief einpressend. Und Marduk pries Jonathan, umarmte ihn, ließ den Sand das Moos das trockene Laub nicht los.
Sein Zittern ließ nach, den Kopf hob er, die Hände nahm er von dem blattbedeckten aufgerissenen zuckenden Gesicht. Elina, leeren Blicks, stand neben ihm, ein Knie gebeugt auf dem Hügel, hielt ihm die Hand hin, daß er aufstehe. „Nimm den Gürtel vom Grabe weg.“ Er suchte sie zu erblicken. „Komm, häng ihn hier auf. Neben dem – andern da.“ Marduk ließ sich zehn Schritt führen. Da war eine Eiche. Von einem knorrigen Ast hing ein kurzer Strick herunter. „Hierher ist er gegangen, Marduk. Ich weiß nicht wann. Ich lag noch bewußtlos in dem Haus. Er soll am Haus nach mir gefragt haben. Und nach dir. Du – warst auf der Flucht. Ich konnte nichts sagen.“ „Er hat sich – erhängt.“
Ihre klangreiche ruhige Stimme: „Er sprach bevor ich wegging, von dir. Und von seiner Mutter. Darum ist er zu dir gekommen. Er sagte, er könne dich nicht lassen. Er ist in den Wald gegangen, als du ihn nicht annahmst.“ „Wie sah er aus, als man ihn fand?“ „Ich weiß nicht genau. – Ich habe sein Gesicht noch gesehen. Es war – Marduk, Marduk, – als wenn – ein Mensch – im Feuer brennt.“ Ihre Schultern zuckten, sie stieß wieder die hohen Töne aus: „Er brannte. Es ist wahr. Ich konnte ihm nicht helfen. Ich habe ihm nicht geholfen. Hätte ich ihm doch geholfen. Und du.“ Marduk stand still. Er hatte die Augen geschlossen.
Den Gürtel hielt er in der Hand. Als er die Augen geöffnet hatte, hatte er einen gebundenen zärtlichen Ausdruck. Er schlang den Gürtel um den Ast, seine Muskeln waren ganz fest, die Augen hielt er starr auf den Strick, die Finger hielt er zusammengekrampft. So stand er. Als er den Mund öffnen konnte, flüsterte er mit noch unbeweglichen Augen: „Und jetzt ist alles vorbei, Jonathan. Jetzt ist es vorbei.“ Er wiederholte es tonlos. Den Hals konnte er bewegen, das starre Gesicht Elina zuwenden. Da fiel er gegen ihre Schulter. Sie hielt ihn mit ihrem rechten Arm, drängte sich mit der Brust gegen ihn. Er sank sank gegen ihre Brust; sie mußte sich anstrengen, den weichen absinkenden Körper hochzuziehen. Er war wie ein Schlafsüchtiger.
Sie ließ ihn vorsichtig auf die Erde herunter, sein Rumpf hielt am Stamm des Baumes nicht aus, streckte sich lang neben den pendelnden Armen auf den eisigen Waldboden. Schwer lag er. Atmete gleichmäßig, seine Züge lose. Elina neben ihm kniend sprach ihm zu. Dann öffnete er die Augen; die blickten ins Leere. Sie stützte seinen Kopf, rückte seine Kappe zurecht. Er ließ sich hochziehen, ging gleich. Sie führte ihn.
Sie kamen zu der Wiese. Der Mann mit dem Hund stand noch da. Stumm gingen sie über dem knackenden Eis an ihm vorbei. Kein Wort sprach Marduk, der noch zu schlafen schien, zu Elina, die seinen linken Arm festhielt. Die Reihe der demolierten Häuser. Der Mann mit dem toten Hund schurrte hinter ihnen.
Wie sie um den Schutthaufen vor Elinas Hause gingen, sprang der Mann warnend vor sie, stellte sich vor Marduk: „Wohin gehst du?“ Der sah ihn suchend lange an: „Warte hier draußen. Warte auf mich.“ Sehr langsam stieg er die Stufen hinauf, Elina hinter ihm.
Lange Minuten schwieg Marduk auf der Polsterbank an der Wand. Er schien, den Kopf zurückgelegt, immer wieder einzuschlafen. Der Kopf sank ihm auf die Schulter. Dann suchten seine großen Augen sie. Sie saß seitlich von ihm am Fenster. „Du, Elina.“ „Was, Marduk?“ „Was tust du, was tust du hier?“ „Ich wohne hier.“ „Es wohnt sich hier nicht schön.“ Er suchte einen Gedanken: „Der Schutt liegt so hoch. Es ist kalt. Sehr kalt ist es. Der Winter hört nicht auf. Was tust du eigentlich hier, Elina.“ „Ich wohne hier.“ „Du wohnst hier. Du müßtest hier nicht wohnen. Du müßtest das Haus abbrechen lassen. – Jonathan ist tot. Also auch. Das war ein schöner Jüngling, den ich kannte. Und du hast ihm verziehen, Elina. Du hast ihm verziehen.“ Sie sah fragend zu ihm herüber. „Du hast ihm verziehen. Sag’ ja.“ „Ich hatte nichts zu verzeihen.“ „Er wußte nicht, was er tat, bevor er starb. Als er dich wegschickte.“ „Er hat mich nicht weggeschickt.“ „Doch. Du sagtest, – sagtest du nicht, er ist allein gestorben.“ „Ja.“ „Dann hat er dich doch weggeschickt.“ „Nein.“ „Er wußte nicht, was er tat, Elina.“
„Er hat mich nicht weggeschickt.“ Marduk hob den Hinterkopf von der Wand ab, unsicher: „Du bist doch zu mir gekommen. Bist du nicht –?“ „Ja. Du hast mich dann ins Gefängnis gesteckt.“ „So bist du doch zu mir gekommen.“ „Ja, aber er hat mich nicht weggeschickt.“ „Und was ist denn geschehen?“ „Ich – bin – selbst fortgegangen.“ „Von ihm? Wie er – wie sagtest du noch – wie er brannte? Bist du fortgegangen. Nein, Elina, das sagst du nur.“ „Ich bin fortgegangen, Marduk. Ich sag’ es dir. Ich verberg es nicht.“ „Du hast ihn verlassen“ er stierte sie an. Jetzt bebte sein Mund. Er stützte die Arme auf die Knie. Er hob beide Arme über sich: „Das hast du ihm angetan. Du hast ihn verlassen. Wider seinen Willen.“ Sie knirschte: „Ja.“
Ihre Finger krallten sich, ihre Augen funkelten zu ihm herüber; in Grimm und Schmerz war ihr Mund verzogen: „Hätte ich es nicht getan! Hätte ich es nicht getan.“ Ihre Füße stießen sie hoch; sie drängte an die Tür, preßte sich an den Pfosten, stöhnte zum Boden: „Weißt du, Marduk. Weißt du. Es ist gut, daß das Haus feststeht. Und daß ich kein Riese bin und es umreißen kann. Ich würde es jetzt machen. Ich würde, ich müßte das Haus anfassen, und – und – umreißen. Und über mich schütten. Über mich. Und – über dich – auch.“ Sie griff in das Holz des Pfostens. Er sah ihr rasendes Gesicht an, sie schluchzte: „Hin. Hin.“
Dann lief sie in kleinen Schritten, immer wieder anhaltend, in das weite Zimmer.
Marduk fühlte, wie ihn etwas hochschob. Eine ferne Angst zuckte pucherte über sein Herz. Er wankte hinter ihr her, er mußte hinter ihr herwanken. Ungleichmäßig, traumbefangen atmete er. Der Schlaf in allen seinen Bewegungen. Wollte sich nicht ein alter wohlbekannter Schleier über ihn legen. „Lauf mir nicht weg, Elina. Warum tust du das. Ich bin kein Mörder. Ich habe, habe keine Waffen. Ich tue dir nichts. Halt einen Augenblick still. Ich komme nicht mit. Damit ich dich sehen kann. Ich tu dir nichts. Lauf nicht. Ich muß dir etwas sagen. Du mußt mir etwas sagen. So. Du stehst. Du stehst, du. Setz dich. Ich kann nicht stehen.“ In ihm klirrte es ganz dunkel. Scheiben einer Stadt bei einer fernen Schlacht. Aber es hielt nicht an. Es war wie hinter einem Berg. Es wurde keine Qual.
„Laß mich dein Gesicht sehen, Elina.“
„Was willst du von meinem Gesicht.“ „Ich muß dein Gesicht sehen.“ In ihm klirrte es nicht mehr. Er fühlte die Ruhe seiner Muskeln, die abweichende Beängstigung, die tiefe fast drückende Besänftigung seines Herzens. Wie sanft der Schlaf war, der sich über ihn ausbreitete. Er nahm ihn hin; er wehrte sich nicht gegen ihn. Er konnte neben ihr sitzen. Er konnte neben ihr sitzend, die ihm den Rücken zuwandte, träumen. Es träumte in ihm: „Ich habe schon einmal bei dir gesessen, Elina. Auf meiner Burg. In der Stadt. Ich war Konsul. Wenn du dich an mir rächen willst, tu es. Ich kann es nicht verhindern. Lehne dich an mich. O lehne dich an mich.“ Sie drehte sich langsam um. Tief erzitternd murmelte sie: „Warum? Warum soll ich mich an dich lehnen.“
Und dann beugte sie ihren Kopf gegen seine Brust, zitterte und stöhnte stärker. „Lehn dich an mich, Elina.“ „Ich kann es nicht, Marduk. Warum soll ich mich an dich lehnen. Ich kann, ich kann dich – ja – umfassen.“
Und preßte sich an ihn. Drückte seinen Kopf von rückwärts an ihren. Er unverändert hielt sie schlaff, blinzelte in ihr Haar: „Das tust du. Das tust du.“ „Das – ja jetzt. Und du bist da. Du läßt dich von mir umfassen.“ „Ich will nicht. Es hat keinen Sinn.“
„Hab Gnade mit mir, Marduk. Blick mich an.“ Es war schwarz über seinen Nacken und seinen Kopf heraufgelaufen. Sein Gehirn wurde von einer dichten, immer dichteren Schwärze erfüllt. Seine blassen Lippen sprachen halbbewußte Worte: „Zum Fenster hinaus. Ich bin zum Fenster hinausgesprungen. Halt mich. Fest. Ich falle.“
Sie schüttelte an ihm. Sein Körper war weich. Der Kopf lag auf ihrer Schulter. Sie fühlte, wie sie hintastete, Nässe auf ihrer Schulter. Es war geschehen, daß Marduk auf ihrer Schulter weinte.
Sie konnte seinen Kopf nicht hochheben. Durch ihn träumte es: „Ich falle. Radspuren entlang. Einen Feldweg entlang.“
Er bewegte sich. Richtete sich auf. Sie sah ihm in die weiten Augen. Er wußte, daß er auf ihrer Spur gewesen war seit dem Lager in Linden, seit er sie ins Gefängnis schickte.
Sie hielt ihn ganz fest, studierte sein bartüberwuchertes erloschenes Gesicht. Hauchte drängte: „Marduk. Verzeihung. Sieh mich an.“ „Ich sehe.“ Seine harte Wange an ihrer, sein Hals gab weiter nach: „Versucherin.“ „Nicht Versucherin. Ich bin keine Schlange. Hab Erbarmen mit dir. Hab Gnade mit dir. Du, mit dir.“
Er machte sich los. Sah ihr gespannt in die Augen. Stand auf, stotterte tief erblassend, zu ihr herunterblickend: „Jetzt, jetzt, jetzt, – Elina! Jetzt falle ich um!“
Und schwankte vorwärts rückwärts. Polterte, ohne einzuknicken, nach hinten über einen Schemel, riß ihn seitwärts mit sich hin. Er lag ausgestreckt am Boden, auf der Schemellehne. Tief bewußtlos. Sie zog den Schemel unter ihm weg. Hielt die Hand an seinen Mund; der warme Hauch kam. Fahl seine Backen, der Mund offen.
Zum zweiten Male lag er da. Sie tastete unter seinen Kopf. Kein Blut. Die Mütze schob sie ihm unter.
Sie hastete zusammenfahrend an die Tür, lauschte. Der Krieger stand draußen unbeweglich am Schutthaufen, er hatte nichts gehört.
Und wie sie Schritt für Schritt zurückkehrte, ihn liegen sah, das graue bärtige Gesicht, den langen Körper im weißen Fell, auf der Diele ihres Hauses, warf sie sich, den Kopf zurückbiegend, die Arme aufhebend, in wilder überflutender Wonne auf ihn. Den Pelz riß sie von sich. Die Jacke, das Hemd riß sie von ihrer Brust, drückte die nackte Haut an sein kaltes feuchtes Fell. Eng preßte sie sich mit Leib, Armen, Beinen an ihn, umschnürte, überwogte ihn. Sie achtete nicht, was mit ihm war. Herzte seine Hände, deckte das Fell auf, küßte sein Knie. Sie öffnete zerrte den Pelz von seiner Brust. Küßte die Reihe seiner Rippen entlang, wühlte rieb ihre Brust gegen seine.
Sie sprang glühend auf, an das Fenster. Das öffnete sie still rasch, nahm eine Hand voll Schnee, klemmte das Fenster zu, wärmte den Schnee an ihrem Mund, blies ihn an, rieb ihn, hinlaufend auf Spitzen, über Marduk kniend gegen seine Stirn Augen seine Lippen.
Es war ihr eine zerreißende Süße, als er im Traum seine Lippen spitzte, an dem Schnee sog. Sie ließ ihn saugen. Hielt den Schnee in ihrem Mund. Er sog an ihrem Mund.
* * * * *
Nach einer Stunde schob sich Marduk aus der Tür, schickte den Mann weg. Er selbst ging langsam mit Elina die Straße hinter dem Mann. Es dämmerte. Die Wiese den Wald durchzogen sie. Am Waldausgang, sie sahen den Mann kaum, wurden Marduks Knie weich. Er ließ sich herunter auf den Boden. Nebel in Schwaden von dem nahen Flusse her. Trübe kleine Augen machte Marduk, den Kopf drehte er beiseite. „Schönes Leben“ flüsterte er, „schöne Bäume, schöne Nebel.“ Sie hob ihn, er strich über ihre Schultern: „Warum stierst du mich an, Marduk?“ „Das ist mehr, als ich für möglich hielt.“ Sie hatte leuchtende Augen; er hatte noch immer den Hang, in Schwindel zu verfallen, sah von ihren gefährlichen Augen weg. „Schöner Nebel, schöner Baum“, er hielt sie an sich, „schöner Mensch. Schöner Mensch. Menschenhaare. Menschenfinger. Menschenohren. Menschenhals.“ „Sie waren immer da.“ „Menschenhaare. Menschenhand. Kranke Schulter. Was hab ich gesündigt.“ „Ich habe noch eine Schulter, Marduk.“ „Gute Schulter, armes Gelenk, Marduk bittet euch ab.“