Part 11
Er wirkte klar, allen sichtbar und verständlich. Gelöst wurden die Verbindungen mit anderen Stadtlandschaften und fremden Staaten. Nur die wurden aufrecht erhalten, die der unmittelbaren Erhaltung der Volksmassen dienten. So die für die dynamische Kraft, die, in Skandinavien und den Alpen aus Wasserstürzen für den ganzen Kontinent gewonnen, herströmte. Die Lebensmittelsynthese, – Marke wollte zuerst die chemischen Laboratorien, die großen Pilz- und Organanstalten niederlegen, – vermochte er nicht zu beseitigen, da die Äcker nicht genügten. Aber er trieb massenhaft Menschen aus der Stadt heraus auf die Felder zur Bebauung, drängte auf Entfernung aller Überflüssigen. Sein Konsulat begann mit der Wehrlosmachung der Stadt. Den Mastenwald an der Peripherie zum Fernschutz brach er ab. Alle Apparate, die der Bewaffnung und Verteidigung dienten, zerstörte er. Darauf erfolgte die staunenswerte, das Herz der Stadt zerreißende, Millionen Menschen, Senat und Volk aufs tiefste erschütternde Sprengung der zentralen Schaltanlagen und Kraftsammelstellen, der unnahbar geschützten, für heilig gehaltenen Energiespeicher. Erst als dies geschah, wußte Senat und Volk, daß sie eine Gewalt über sich gesetzt hatten. Die von fernher laufende Kraft wurde schon außerhalb des Weichbildes der Stadt zersplittert; sie lief von mehreren Seiten an; keine Anlage hatte mehr zur Verfügung als ihre Arbeit erforderte. Der Tod stand auf jeden Versuch eigenmächtiger Kraftspeicherung. Als dies geschah, gaben mehrere der stärksten Herrenfamilien ihre Werke selbst aus der Hand, verloren sich unter die Mengen der Ernährten und Arbeitenden. Aus diesen Kreisen Verstörter wuchsen die späteren Feinde des neuen Stadtwesens.
Berlin erstreckte sich über die meilenweite wellige Ebene zwischen dem unteren Elbetal und der Oder. Es überlagerte die lehmige tonige sandige Fläche, die die letzte Eiszeit bereitet hatte, vom roggentreibenden Fläming, dem Lausitzer Wall im Süden bis zu den wiesenreichen seenbestandenen baltischen Landrücken an der Ostsee. Es schloß Sümpfe Wälder Flußläufe in sich ein, Forsten Talzüge, die Baruth-Brücker Niederung, die Duberower Berge, die Kiefern Eichen Birken hochtrieben, das Höhenland der Havel, die dürre Zauche mit dem Schwielow- und Rietzer See. Den Oderbruch und Küstrin erreichte es im Osten. Das flache Rhinluch, das Havelländische Luch umzogen seine Anlagen, Schwedt und Prenzlau im Nordosten, die das sumpfige Höhenland der Uckermark im Nordosten trug, überlief es mit seinen Außenmarken.
Die Stadtschaft hatte zahllose weite Plätze und riesige Straßenkreuzungen. Mächtig wirkte an den großen öffentlichen Stellen das feierliche Bild eines Stiers, der in die Knie gebrochen war. Ein armlanges Messer stak in seiner linken Flanke. Einmal am Vor- und Nachmittag brüllte die Säule, stark wie eine Schiffsirene, täuschend ähnlich in Schrei und gliederlähmender Angst dem Ton eines sterbenden großen Tiers. Sie brüllte unregelmäßig unvermittelt in dieser und jener Stadtgegend. Dann mußte jeder auf Minuten die Arbeit verlassen, die nicht dringend war.
Unüberwindlich lang waren die Jahre der Lethargie, die heraufzogen. Nach Vernichtung der Bewaffnung der Stadt, Sprengung der Zentralen, Eröffnung der Äcker überließ Marke, mit dem Senat nur der Kontrolle dienend, die Stadt sich. Jeder lebte für sich. Mystische Bünde machten sich breit. Ihnen boten sich viele Menschen an; die Zahl der Untätigen Herumlungernden war nach der Sprengung der Zentralen, der Ablösung von der Umwelt gestiegen. In den Sekten wurde gegen die höllische Ernährung, das teuflische Menschenwerk gepredigt; die Wut finsterer Lehrer richtete sich gegen die geschonten Laboratorien, in die Tonnen mit Salzen Säuren Metallen einfuhren, aus denen Zucker und Fette geworfen wurden, Tiere und Pflanzenleiber, in denen Organteile Organsäfte als Arbeitskräfte dienten.
Am Müritzsee hatten sich Siedlungen aufgetan. Täglich wallten Menschen dahin, wo der hagere skeptische weiße James Maikotten mit ihnen sein Frage- und Antwortspiel anfing: Was sie vorhätten. Was sie von diesem blinden Konsul Marke erwarteten. Ob sie glaubten, daß die Welt besser würde, wenn ein paar Werke in die Luft flögen. Ein paar Werke. Er empfehle Kastration. Sie müßten den neugeborenen Knaben die Hoden abschneiden, dann könne man hoffen, daß in fünfzig Jahren die Erde besser aussehe: Unkraut auf den Wiesen, ein paar Häuser noch von alten Leuten bewohnt, aber wilde Tiere kommen schon wieder; die Erde beruhigt sich, die verkehrte Art Mensch ist erledigt. Die ganze Erde braucht Erholung von den Menschen. Nicht bloß Rußland. Eine Fehlart ist der Mensch. Surrur hat recht; aber seine Wind- und Wasserlehre war zu hoffnungsvoll. Es sei kein Zweifel, die Art Mensch hat keinen Bestand. Sie vernichtet sich, frißt sich selbst auf; ihre Gaben drängen sie dazu. Was tut der Konsul Marke? Eine Krankenheilung mittels Halsumschlags; der Kranke hat Gift in sich; ein Halsumschlag! Warum nicht gar gute Worte? Das Gift wird doch deutsch und englisch verstehen und sich zureden lassen und seiner Wege gehen. Sie hätten sich den neuen Putz eines blinden Konsuls sparen können. Aber schließlich, es schade nichts; er kleide sie gut. Es sei ein netter würdiger Konsul vor dem Schlafengehen.
Sie hatten sich längst an die künstlichen, sehr raffiniert aufgemachten Stoffe gewöhnt, die in jedem Überfluß zu jeder Zeit vorhanden waren. Der Geschmack reiner tierischer und pflanzlicher Nahrung stieß sie ab. Sie lachten in allen westlichen Stadtlandschaften, schüttelten die Köpfe, wenn sie den zarten und nach Belieben abwechselnden Geschmack ihrer Mekispeisen verglichen mit dem penetranten Geruch eines gebratenen Tiermuskels, eines Fischstückes. Zauberhaft konnten die Herrichter der Mekispeisen, die den Nährstoffabriken angegliedert waren, Geschmack Derbheit Zerreißbarkeit Geruch Farbe der Gerichte ändern. Es wäre den Menschen, die schon in dritter und vierter Generation künstliche Nahrung zu sich nahmen, schwer geworden, zur natürlichen Kost zurückzukehren. Ihre Mägen sonderten schon nicht mehr genug Säure ab für die Aufspaltung tierischer Muskeln, die Därme waren träge und schlaff geworden, die großen unbeschäftigten Bauchdrüsen eingeschrumpft. Leicht hätte die Menschheit dieser Epoche ihre Arme und Beine kraftvoll, ja eisern machen können. Aber ohne zu wissen, was sie taten, wählten sie, wie sie herumlagen spielten sich wenig bewegten, die mästende lähmende fette süße Nahrung. Ihre Glieder wurden plump schwach. Fremde Massen, die neu in den westlichen Kreis einstießen, staunten und lachten: so sehen die Meister aus, diese Herren der Erde. In einer instinktiven Furcht flohen immer wieder Negerstämme, hamitische und indianische Gruppen, und verbarrikadierten sich gegen die Europäer: sie mochten nicht so werden.
Auf den Tod des Konsul Marke warteten viele. Der Blinde umgab sich mit wenigen Männern, die er oft in steigendem Mißtrauen wechselte. Frauen wies er von sich, aber gerade Frauen hingen ihm viel an. Er entwickelte sich in eine apostolische Starre hinein. Seine Zustände mystischer Verworrenheit wurden viel besprochen. Die Nachwirkungen des Krieges waren bei ihm nicht auszulöschen. Er ging spiritistischen Neigungen nach. Zog durch das Gebiet der Stadtlandschaft mit einigen Vertrauten und Frauen, kümmerte sich um die Bekenntnisse Kirchen Tempel der Sekten. Er hielt diese Dinge für so wichtig, daß er zuletzt fast wöchentlich die Prediger und Lehrer um sich versammelte, sie anhörte, sie darauf hinwies, das Volk mit den frommen überirdischen Gedanken zu durchdringen. Er, dem die weißen Haare lang in den Nacken und seitlich über die Ohren fielen, war ängstlich, daß hierin etwas versäumt würde. Nichts hielt er für so wichtig wie dies.
Er wußte nicht, daß seine Haltung die Zahl der Opponierenden vermehrte. Die Männer und Frauen, die in den Laboratorien prüften und studierten, hielten ihre alten Vorstellungen verschwiegen fest. Eine Fronde bildete sich aus ihnen, Angehörigen der Herrengeschlechter. Diese Geduldeten, besonders in den Mekifabriken, von deren Gutwilligkeit man eigentlich lebte, führten zuletzt eine Art Nebenregierung. Sie hielten die Dekrete zur Überwachung der sich wieder regenden Technik, zur Ausbreitung der Frömmigkeit, zur fortschreitenden Zerstörung der Fabriken und Rückkehr zum Ackerbau, zur Viehzucht an der Quelle fest. Markes rechte Hand, den Chef seiner Spitzelpolizei, einen eisernen umsichtigen Mann, gewannen sie zu ihrem eigenen Erstaunen. Sie hatten bald leichtes Spiel. Die Kerker, in denen Saboteure der Verordnungen Markes saßen, Besitzer und Hersteller von Waffen, aufsässige Konstrukteure, die sich heimlich Kraftleitungen verschafften, wurden unauffällig nach und nach geöffnet. Man ließ aus fremden Stadtgebieten Verbannte hinein.
In dieser Zeit starb Marke, verwahrlost. Man hatte ihn wochenlang unter dem Vorwand ärztlichen Befehls nicht herausgelassen. Er war eigentlich Gefangener des Chefs seiner Spitzelpolizei. Tagelang lag er, dem ein weißer Bart wild das pergamentene Gesicht umwucherte, quer über dem Bett, diktierte, gab Anweisungen. Nur Frauen waren zuletzt bei ihm. Er träumte von den Ergebnissen seiner Regierung. Glaubte die Stadt in sichere feste Bahnen gelenkt. Tyrannisierte die Frauen mit Forderungen nach Speisen Milch Kräutern Packungen Umlagerung. Ließ keinen Arzt zu sich. Ein endloser Todeskampf.
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Die Megaphone Glocken Flammenzeichen riefen zu Versammlungen. Die Fronde trat überall hervor. Sie erlebte eine ungeheure Enttäuschung.
Ligbau, ein uralter Mann, ließ sich an ein Megaphon vor dem Ratsgebäude führen, gestikulierte mit dem Ausdruck des Abscheus: „Ihr seid entlarvt. Wir haben euch schon gesehen und erwartet. Es soll alles noch einmal anfangen. Ihr glaubt, ihr seid dicht daran es durchzusetzen. Und ihr werdet es durchsetzen. Murrt nicht; sie werden es durchsetzen. Es ist unser Geschick. Ich rate euch, die ihr hier steht, nehmt es hin. Es hat keinen Zweck. Haltet es nicht auf. Es ist uns beschieden, so sind wir, so tragen wir uns. Setzt alle Verbannten und Gefangenen wieder ein. Macht keine halbe Arbeit. Die Zeit ist geschwind, haltet euch nicht mit Versuchen und Prüfungen auf. Wir wissen ja doch, wohin der Weg geht. Und es ist gut vorgesorgt, daß es diesmal rascher geht als zur Zeit des Krieges, des letzten Krieges, des vorletzten Krieges. Ich bin achtzig Jahr. Ich freue mich, ich bin glücklich, daß ich nicht im Bett zu sterben brauche. Ich brauch mich nicht anzustrengen um zu sterben; es wird mir abgenommen werden. Eine schöne Zeit; was wird es für Überraschungen geben! Juchhei! Freut euch! Sie haben schon alles durchdacht. Fragt sie nur; sie haben es schon in ihren Büchern, auf ihren Zeichenbrettern und Tafeln. Seht euch ihre Köpfe an. Da steckt es drin, was es bald regnen wird.“ Er raste und zischte. „Kennt ihr die Spree und die Havel die Oder die Elbe? Ich denke, das ist es, was sie anbeten. Das sind die Götter dieser neuen Regenten. So sollen wir werden. Matsch und Lehm, dickes und dünnes Wasser. Recht auseinandergerissen zerpreßt. Bin ich kein Hellseher, habe ich es euch nicht aus dem Kopf genommen? Ich kann es euch sagen, weil ich ein alter Mann bin. So, wie ihr, so haben vor dreißig Jahren andere ausgesehen, so haben sie gelacht. Leuchtmar und Rallignon. Ihr seid keine Neuigkeit. Eure Erfindungen sind neu; was ihr vorhabt, wird ganz neu sein, aber ihr seid sehr alt. Da seid ihr wieder, du da, du bist doch schon tot, am Asowschen Meer bist du gestorben mit der B-Armee, es war eine schöne Armee, sie war deiner würdig. Da bist du schon wieder lebendig. Deine eigenen Entdeckungen, dachte ich, hätten dich totgeschlagen. Aber es gefällt dir so gut, du kannst dir keine fünfzig Jahre Schlaf gönnen. Ist nicht die Frau da, die im Süddeutschen sich in die Maschine stürzte? Elise Frangani, die halbe Italienerin, die ja, ist sie nicht hier, ha, wer bist du sonst? Versteckst dich hinter seinem Rücken. Es ist nicht nötig. Du sitzt in seinem Kopf und seinem Leib, in vielen Köpfen hier; du bist drauf und dran zu zeigen, daß du wieder da bist. Welche Neuigkeiten für einen alten Mann. Ha, welche Überraschungen. Wie komm ich nur zu solchem Glück! Mit meinen weißen Haaren noch solches Glück!“ Er gestikulierte neben dem Megaphon; man verstand ihn nicht. Man begütigte ihn; unten standen manche, die nicht die Augen heben konnten. Er schrie: „Ich soll weiter reden. Sagt mir doch erst: ist Marke tot? Ist er in der Krim gestorben, konnte er nicht nach Hause kommen, oder ist er hergekommen. Seine Töchter haben sich erhängt. Er hat sich die Augen ausgeschlagen.“ Er tastete um sich, während sein lappiges Gesicht glührot überflammt war, die Augen ihm hervorquollen, fuchtelte krächzte: „Zur Wahl! Der neue Konsul! Wir haben einen Krieg geführt. Der Krieg ist eben zu Ende. Wir sind von der Grenze gekommen. Da war – Wüste! Wüste! Die Ruinen von Ninive sind Paläste gegen das, was wir gesehen haben. Der Euphrat fließt noch, die Grundmauern stehen da, man findet noch Ziegel, es gibt alles. Das Land aber in Rußland ist verwüstet, das Land ist nicht mehr da. Die Erde ist weggerissen. Die Krater gehen bis an die heiße Flüssigkeit in der Erde. Ich wähle – Marke! Wählt mit! Marke! Bürger, niemand als Marke soll Konsul sein.“
Dieser wurde beiseite geführt. Ein kühler sachlicher Mann sprach nach ihm. Ligbau im Krankenstuhl in seiner Nähe. Vornübergebeugt beobachtete der alte Mann mit weißen Augen den Redner; rief zu ihm herauf: „Was hast du im Kopf? Woran werden wir sterben, Giftströme, Gasströme! Sprich doch!“ Wie er fertig war, schrie er: „Wählt ihn! Er führt den nächsten Weg. Noch einmal werden wir uns nicht auf diesem Platz wiedersehen.“ Das Weib, das mit dem Mann gestanden hatte, sprang hinauf, schmähte den Alten, zeigte die Fäuste. Der Alte erhob sich vom Stuhl, stieg auf das Podium, schlug ihr mit den Fäusten gegen den Hals: „Das hast du damals nicht gewagt.“ Sie warf sich weinend auf das Podium; der Mann führte sie finster herunter.
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Darauf wurde Marduk Konsul des Stadtwesens. Er war ein hochstirniger blasser Mann in den dreißig, mit großen ernsten Augen. Ein langes knochiges Gesicht, ruhiger gleichmäßiger Gang auf unsicheren muskelschwachen Beinen. Er hatte sich bis da nicht hervorgetan, aber in den Tagen der sich hinzögernden Wahl, während schon Zeichen der Anarchie hervortraten, – in Mecklenburg standen die Sprosse der alten Herrschaftsgeschlechter auf, im Magdeburgischen sammelten sich um den greisen fanatischen Ligbau Maschinenstürmer, – damals besaß er den Mut, aus Bernau, wo er saß, mit einer Freischar von zweihundert Menschen in eine Beratung der Eisenfreunde einzutreten bei Löwenberg, die gesamte anwesende Führerschaft dieser Bewegung aufzuheben und an einem einzigen Tage samt und sonders verschwinden zu lassen. Es ist bis zum Schluß seines langen Konsulats – er herrschte bis über die Mitte des siebenundzwanzigsten Jahrhunderts – wenigen bekannt geworden, wohin diese zweiundvierzig Männer und Frauen gelangt sind.
Marduk, selbst ein Mann vom Schlage derer, die er festgenommen hatte, hauste in den Waldungen um Löwenberg, an der mecklenburgischen Grenze, nahe dem Haupteiweißwerk. Ein kleiner Wald von Buchen stand neben seiner Arbeitsstätte hinter Mauern. Zwischen diese grünen Buchen ließ er die zweiundvierzig Gefangenen treiben. Ihnen fielen schon, wie sie durch die kleine Tür hereinwanderten, die geborstenen Stämme auf. Vor den Rissen der Stämme, auf den breiten Wunden stand dicker blasig erstarrter gelblicher Schlamm. Wo er am Baum zur Wurzel herunterrann, war er vertrocknet wie zu einem pulvrigen Rostbelag. Dunkel erinnerten sich die Männer an die Pflanzenversuche dieses Marduk, der sich stets abseits hielt. Er sollte in den Mekilaboratorien an tierischen Organteilen, besonders an Pflanzenstücken eigentümliche Wachstumsveränderungen erzeugt haben.
Finster gingen die Gefangenen in Marduks Park umher, begriffen nicht, was Gefangennahme Hertransport diese Internierung bedeutete. Marduk war einer der ihren. Es konnte möglich sein, daß er bestimmte Informationen hatte über Angriffe auf sie, sich seiner Bundesgenossen versicherte und sie vorläufig festnahm. Sie erwarteten stündlich, daß er unter ihnen erschiene und sie aufkläre. Sie hatten, von dem rauhen Frühlingswind umweht, das Gefühl, als ob sich von Zeit zu Zeit neben ihnen, an ihrer Schulter, hinter ihrem Rücken etwas bewegte. Suchten, fanden nichts. Sie setzten sich bald zusammen, bald auseinander. In der Luft war etwas Eigentümliches von der Schärfe eines dünnen Rauches. Aus den Bäumen schien Hitze zu steigen; die Bäume fühlten sich an einigen Stellen warm an. Beunruhigt wandten sie ihre Aufmerksamkeit auf die Bäume. Wie sie die Köpfe an die Rinden legten, schnurrte surrte summte es drin. Das waren die Säfte; es war Frühling. Nur war es merkwürdig, wie scharf es sich im Mark und im Holz bewegte. Verwundert ließen sie das Ohr nicht von den Bäumen, horchten da und da. Es zischte in manchen Bäumen, als ob sie kochten. Ohne daß einer den Baum berührt hätte, fiel ein begrünter Ast herunter. Ein kleines Fauchen gab es oben, als ob Säfte sich entleerten. Der scharfe Geruch, der feine dünne, wurde stärker an diesem Stamm; sie konnten sich in seiner Nähe nicht aufhalten. Der Geruch war stechend wie Ammoniak.
In ihrer Unruhe kamen einige auf den Einfall, sich gegen die Bäume zu wehren und sie umzubrechen; es war eine junge Pflanzung. Sie gingen ein zwei Bäume an, zerrten stießen an den Stämmen; einer kletterte hoch, riß brach große Äste ab, entlaubte den Baum, fiel plötzlich betäubt rücklings auf den Boden über das Laub. Der Baum atmete in Stößen einen heißen Dampf aus. Man schleppte den Bewußtlosen davon, zog sich zurück. Marduk erschien nicht. Man schob ihnen gegen Abend in Körben Nahrung und Getränke herüber über die Drahtspitzen der Mauer. Sie schliefen ein.
Gegen vier Uhr früh, als es hell wurde, suchten sie einander, wunderten sich. Der Wald war so dicht geworden, der Weg zwischen den Stämmen so eng. Die Bäume hatten ihre Massen unförmig verbreitert. Sie konnten kaum zu zweien zwischen den Bäumen gehen. Ein surrendes Geräusch, ähnlich dem von gestern, hatten sie in den Ohren. Sie zweifelten, woher es kam; die Bäume wagten sie nicht zu berühren. Man konnte, obwohl von oben deutlich Morgenlicht hereinfiel, in der Nachbarschaft Hähne krähten, die unterirdisch laufenden Wagen polterten, wenig rechts und links sehen. Ängstliches Stöhnen hier, Stöhnen da. Mancher entledigte sich seiner Jacke, seiner Bluse, um besser zu atmen. Es war sicher, der Wald wuchs. Während einige ohnmächtig lagen von Frauen und Männern, die geängstigten anderen suchend gedankenlos über sie herstiegen, während allen die Knie zitterten und sie sich durch das Dickicht wanden, wie in einem Keller sich zurechttasteten, schrien an der Mauer welche den Namen Marduk: „Erbarmen, Marduk!“ Einige suchten immer von neuem die Gänge, die sich von Stunde zu Stunde verengerten. Manche sogen an den Fingern Beeren, kauten spien Blut aus.
Um neun Uhr morgens, als schon blendend hell die Sonne schien, dieselbe Sonne, die über den Schiffen im Atlantischen Ozean, über dem weiten Ozean leuchtete, dieselbe Sonne, die ganz nah in Bernau über den Sandplätzen der Kinder stand, da gellten wahnsinnige Hilferufe, nicht abbrechend, in dem Park, wildes Wehgeschrei, als hätten Tiere einen Menschen angefallen. Die meisten sanken im Augenblick mit weißen Gesichtern auf den Boden. Die in der Nähe des Geschreis streckten die Hälse; im Halbdunkel sahen sie etwas zappeln, mit den Beinen stoßen. Füße, um die ein Rock wogte. Eine Frau; oben saß sie fest; ihr Arm wie eine Planke am Ellbogen, am halben Ober- und Unterarm festgeklemmt zwischen zwei zusammengeifernden Bäumen. Sie stand an den drängenden schwellenden Wesen, mit dem Rücken gegen sie, suchte ihnen auszuweichen, bog sich, ihr Rock saß unten fest, sie wand sich, heulte klagte brüllte: „Kommt her. Kommt. Ein Messer.“
Der Wald knackte unaufhörlich. Die unten standen lagen liefen sich zusammendrängten auflösten, wurden überspritzt von der klebrigen leimartigen Feuchtigkeit, die wie Schleimpatzen aus Vogelschnäbeln auf Gesichter und Hände fiel, oft fein wie aus Röhren sprühte. Zu dem Knistern trat immer wieder ein Sausen und Sprudeln, wie aus einer geöffneten Flasche, das zuletzt erstickte. Die Bäume verschränkten Ast in Ast, verschoben sich umeinander. Die Dunkelheit nahm zu. Ein Dach, eine hölzerne Decke bildete sich langsam über den Menschen. Der Wald verdichtete sich zu einer engen, immer engeren Kiste, von deren Deckel es heruntersickerte. Die Luft gärend bitter muffig, mit Schwaden der stechenden reizenden Gase. Der Boden aber, vorher noch eben, wellte sich, ringelte, schlängelte sich. In Wülsten schwollen die Wurzeln hervor, armdicke Adern, von denen der Sand abrollte. Der Boden wurde höher.
Die offenen Plätze suchten sie zwischen den dicken, immer dickeren Bäumen, als wenn sie nicht wüßten, daß jeder Raum vor Stunden noch offen war. Sie keuchten, wenn aus dem Halbdunkel sich einer zu ihnen durchwand ins Hellere, gifteten. Oft sprang einer auf, Mann, Weib, die Kleider abgeworfen, sprang einen Baum an, krallte, biß sich ein. Aber der Baum sonderte widrig ab, sabberte, war so feucht, so warm; die Zunge verätzte er ihnen.
Um zehn Uhr, – die Glocke von Marduks Haus scholl laut herüber, – erdrosselten sich zwei Männer mit ihren Gürteln. Die Frau, deren Arm abgequetscht war, die lechzend zwischen den Bäumen nach vorn überhing, hatten sie zuvor stumm gemacht. Stockfinster war es an den meisten Stellen des Parks. Um sie knarrten krachten wucherten die Bäume. Ein furchtbares inneres Leben dehnte die brünstigen aufgeregten Pflanzenwesen. Man sah die ungeheuren tonnigen Massen wie in Krämpfen sich langsam spiralig um sich drehen, längs klaffen und noch immer in die Breite wachsen, in die Höhe aufsteigen, bluten und noch immer wachsen, dabei rauchen; bersten, einer den andern aufschneidend und mit ihm verschmelzend, dabei zischen und prasseln. Und wo zwei Bäume Raum fanden, nieder nach vorn in die Lücke zwischen andere zu fallen mit überschweren Kronen, erhob sich vom Boden wieder der Stumpf; er trieb und wuchs. Zwischen den Ästen in den Kronen flatterten verirrte Vögel; von oben stießen sie abwärts. Riefen kratzten schlugen um sich, sobald sie sich gesetzt hatten; lösten Flügel und Füße von den klebrigen Ästen und Blättern ab, schwirrten schreiend federstreuend senkrecht hoch, suchten Lücken. Andere hingen fest, wühlten hieben mit den Schnäbeln gegen das schwellende Holz, das gierig den eingestoßenen Schnabel festhielt, ihn nicht losgab, ihn rasch umwuchernd, ihm Herz Nüstern und Augen umgießend, einleimend einsargend, wie auch der kleine Körper sich abstemmte zappelte sich nach hinten seitlich bog. An ihren tanzenden Füßen, mit ihren schlagenden Flügeln zogen sie dicke Gallerte hoch, suchten sie herunterzutreten. Abgleitend wälzten sie sich um die Stämme herum, wurden eingebettet. Den Kopf nach unten hingen sie. Der Saft lief über sie. Da tropften sie in der Masse von Ast zu Ast, noch zappelnd, klatschten auf den Boden neben einen Menschen, der sich wand, auf seine Schulter, neben seinen Hals, blieben schnabelsperrend tretend liegen. Manche festgekittet nach einigem Aufklettern und Drehen hielten gelähmt betäubt still an ihrem Ast. Sie wurden vom Holz aufgenommen, waren ein runder stoßender Wulst auf ihm, von dem Saft sprühte, ein ruhiger kleiner Knoten, ein flacher Knopf.
Das mammutische triefende krachende Wachsen zerpreßte klemmte malmte manschte die Menschen, knackte die Brustkörbe, brach die Wirbel, schob die Schädelknochen zusammen, goß die weißen Gehirne über die Wurzeln. Die Stämme berührten sich. Wurzel Stamm Krone eine Masse, ein verschmolzener wogender wühlender dampfender Klotz. Oben barst er, zischte. Unten trieb schluckte drang es auf, drang seitwärts bis an die Mauer.
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