Berge Meere und Giganten

Part 10

Chapter 103,614 wordsPublic domain

Die gelben Flieger, sich zurückziehend, sammelten sich bei Tag wie Raben am Panamagolf. Finsteres Gewimmel den Rio Chagras entlang, von der Limonbucht bis Panama. Sie wechselten jeden Augenblick die Höhe; die Schiffe des weißen Geschwaders traten in die Schleuse von Miraflores, Padro Migual. Man riß aus den Fliegern mit tosenden Böen Punkte Ballen heraus; sie drangen verstärkt zusammen, auseinander. Einzeln tauchten sie herunter, schienen sich bald auf Colon, den Endpunkt des Kanals, bald auf die erste Schleuse zu konzentrieren. Dann sausten die Raben in ganzen Scharen auf die Hügelketten um den Kanal, im Angesicht der fahrenden Schiffe. Hockten rechts und links, als täten sie nichts. Hastig die Schiffe durchgeschleust, Paraiso San Pablo Soldado passiert. Unbelästigt liefen die Weißen an Bohio Soldado vorbei, bei Colon aus, sammelten sich, warteten in der Limonbucht. Schiff um Schiff schleuste durch. Die neu auslaufenden empfingen da zu ihrem Staunen kein Zeichen von den wartenden. Eine stumme Schar von Schiffen sammelte sich, wartete; immer mehr verstummten. Die neuen glaubten, die Maschinen der anderen seien gestört, booteten, flogen zu ihnen herüber. Und wie sie anstiegen, landeten aus der Luft, lagen und gingen da – lachende Menschen. Salven Gelächter schlugen ihnen entgegen. An den Masten, über den Bordrand hingen sie, ausgestreckt, hier und da, schlafend schnaubend. Sie winkten sprangen herum mit eingezogenem Leib, als würden sie von einem fürchterlichen Kitzel gereizt, brüllten aus vollem Halse ihr Gelächter aus, auf Fußspitzen tanzend. Mit dem Kopf an den Masten standen welche, den Kopf auf die Brust gesenkt, nach rückwärts gegen das Holz gedrückt. Seitwärts mit den Fahrtbewegungen ihr Rumpf schwankend. Sie schmunzelten in süßer Lähmung, spielten mit den Fingern, rutschten sachte mit den Füßen aus, saßen fielen um, lagen prusteten. Die Mehrzahl der Männer und Frauen schlief in einer irren Wonne. Die angebootet kamen, konnten die schlafsüchtigen Leiber schütteln; sie rissen die Augen auf, blutunterlaufene Augen, geplatzte Adern in der Weiße, plump verzogen das gedunsene Gesicht zu einem vertraulichen Grinsen. Kichern Gurgeln Grunzen aus dem verklebten weit geöffneten Mund; sie legten sich sanft um. Die Menschen, die sie rüttelten, gingen nur eine kurze Weile, fühlten sich genötigt, selbst zu bleiben, zu grinsen gähnen, vor sich hin zu lächeln, zu niesen kichern und dann zu lachen, daß das Zwerchfell schmerzte. Sie schmetterten ihr Lachen von neuem, von neuem, husteten verschütteten ihre Lungen, fühlten sich selig, müde und müder. Einige fanden die Kraft, auf ihre Schiffe zurückzukehren, wo das Kichern schon begann. Dann flogen Meldungen über die Meerenge. Auf den Hügelketten um den Kanal hockten die Raben, wechselten gelegentlich ihren Sitz. Flieger der weißen Geschwader warfen sich über sie. Wild schwirrten sie hoch, auf der Flucht vor den Böen. Das Kraftwerk von Cartagena setzte ein. Die gelben Flieger waren im Bereich seines elektrischen Feuers, im sprühenden Geflecht der Wellen Cartagenas. Ein unsichtbares Gewitter umfaßte sie, schleuderte sie auseinander. Als wären sie sehnsüchtige verliebte Tiere, benahmen sich die Apparate, die unterhalb der Strommassen liefen. Schwankten zitterten stiegen auf unter, rissen sich ab, zuckten hoch. Sie schlingerten warfen drehten sich, ihre Propeller arbeiteten blind. Sie waren gefangen wie Fliegen im Spinngewebe. Die Gelben stellten ihre Motore ab; nur wenig sackte die Maschine, dann hing sie fest, ja stieg stieg. Sie sahen von unten das Schauspiel der Maschinen, die bewegungslos in der Luft hielten, als lägen sie auf dem Meeresgrund. Motore sah man laufen und stehen. Unwiderstehlich die Randstrahlung des Gewitters. Sie vermochten, nach stundenlangem Drängen Spannen, die schweren apparatebeladenen Flieger, die den Kanal zerniert hatten, nicht in das Meer zu stürzen. Nur einige schnallten sich los, warfen Kleider in die Luft, sprangen nackt aus ihrem Apparat, der im Schwung nach oben schoß. Willenlos schaukelten die übrigen in den stählernen Kästen. Stiegen ruckweise höher höher in die aschestreuende Zone, waren urplötzlich gefaßt, kilometerweit nach vorn gestoßen, durchbohrt, durchlöchert, zerfressen, mit kleinem weißen Licht aufflammend, zerfallen.

* * * * *

Aus Rumänien Polen Deutschland fuhren Beobachter nach dem Osten. Über das Atlantische Meer kamen die trüben Geschwader. Zahlreich die Schiffe, die auf der Einfahrt zugrunde gingen, an den Antillen den Bahamainseln. Tiefer Mißmut zwang sie zurückzubleiben. Weigerten sich nach dem alten Kontinent oder Amerika zurückzukehren. Angriffe von Teilen des Geschwaders, Schiff gegen Schiff, wurden beobachtet.

Die Westgrenze der Verwüstungszone fuhren Kundschafter ab. Sie flogen wanderten fuhren auf Booten. Das unabsehbare Überschwemmungsgebiet. Einebnung der Landschaften. Wo die Wälder Wiesen Blatt- und Grasgrün Ähre Blüte laufendes Tier singender Vogel? Schwarzbraun grünlich fließende Seen, auf denen gesplitterte Baumstämme mit Wipfeln Wurzelwerk schwammen, Teile von Tieren und Menschen, unter der Giftwirkung mit hellroter und rosa Farbe. Gelb verbrannte zerbrochene Bettladen Schaufeln Schlittenkufen im dicken Gewirr der Oberfläche hinziehend, zu weiten Anhöhen über dem Morast aufgestapelt, spitze Kegel, abgeplattete kilometerbreite Pyramiden: der Ort von Städten und Dörfern. Zusammengepflastert Steinblöcke Häuserreste Lehmmassen Eisenteile Räder Fensterladen. Die breiten Krater der Schwarzerde, wüste Steinhaufen um Charkow und Kursk. Unterpflügt umgeworfen fein gemahlen der Boden, der ruhte, aus dem kein Halm trieb, über dem kein Regenwurm sich bewegte, keine Ameise lief. Starke Hügelgruppen am westlichen Ufer der südlichen Wolga von der Egge der Bergwerke gefaßt; die Wolga, im Osten meilenweit ins ehemalige Kirgisenland flutend, spritzend nach Westen aus Sieböffnungen über das tiefliegende Land. Die Wandungen des Siebes bröckelten ab; die Wolga brach nach Westen durch.

Über die Wolga drang kein Kundschafter. Manche verkamen, ließen die Vorsichtsmaßregeln außer acht. Schwer mit unklarem Schmerz beladen kehrte Gruppe nach Gruppe zurück. Trübsinnig grambepackt fielen sie in die östlichen Städte wie Meteore, die im Niedergehen ihr Feuer von sich geben.

Englische und kontinentale Stadtreiche hatten gegen Ende des Krieges getan, was zu tun war: Massen ihrer Bevölkerung von sich geworfen, in die unmäßig anwachsende B-Armee, die man erbarmenlos dezimierte. Man markierte asiatische Angriffe durch Fliegermassen, riß tausende Wehrlose auf den brachliegenden Feldern Rumäniens und Polens hin. Man erprobte auftauchende Waffen am lebenden Objekt. Auf zehn gelbe Flieger, die vor Panama an der Küste unter Böen und Raketen herabgerissen wurden, kamen hunderttausende weiße, die die Kraft der Böen erprobten. Schneidend und bedenkenlos die Diktatur der verzweifelten Herrscherschichten. Als zwischen dem Toten Meer und dem Ladogasee, über Cherson Poltawa Mohilew Pskow Waldai der sprengende Bergwerkgürtel gelegt wurde, dem asiatischen gegenüber, war er in der Walachei der Poebene Westfalen Wales schon mehrmals über den Boden gegangen, hatte mit Gift und Explosion Regimenter der Überflüssigen gefordert.

Über die unerschöpflichen spielklügelnden Städte fielen da die Nachrichten vom Krieg. Die Kundschafter, finsternistriefend, ließen sich in die Menschenmassen nieder. In London, englischen und kontinentalen Stadtschaften wurde in diesem Augenblick die Diktatur offenkundig. In London bedurfte es keines Kampfes. Mit zwei drei Schlägen bemächtigte sich Rallignon und seine Kampftruppe der gesamten Ernährungs- und Bewaffnungsanlagen von Paris Lille Châlons Orleans. Die Wieschinska, das Weib, bei der Durchschleusung des Panamakanals unter die nervenlähmenden Strahlen der Japaner gekommen, gehörte zu den wenigen, die sich nach kurzem Siechtum erholten. Sie behielt Geist und Willen: Beine hingen im Stuhl schlaff von ihr; sie beseitigte, mit ihrem noch gespannten strahlenden Gesicht, ihrer machtvollen tiefen Stimme die Menschen an sich fesselnd, den zögernden Senat ihres Gebietes, vereinigte Werke und Waffen in ihrer Hand.

Über allen wartenden getöserfüllten Städten erschien in diesem Augenblick das Gesicht der toten Landschaften. Unverhüllt erschien es. Hatte niemand Lust, etwas zu verbergen. Keine Niederlage war gemeldet. Sondern nur: es hatte sich nichts geändert. Die Jungen, Männer und Frauen, die Führer hatten die Fahne erhoben, geschrien von ihrer Kraft. Das Feuer aus der Erde, zwischen den Händen der Menschen, zu den Gestirnen aufbrennend: da war es, in der russischen Ebene, vom Ural bis zu den Waldaihöhen. Das Land zerrissen, Flüsse entleert, Menschen Bäume Tiere verzehrt. Das grauenvolle tote Land. Das war das Werk der Jungen mit den Standarten. Das konnten sie. Das war das Geheimnis der Apparate, die wunderbaren eingesperrten Naturkräfte in den Gewölben. Die Rückkehrer der Flotte meldeten, daß es keine Fabel war, was die Techniker und Gelehrten erzählt hatten von den Luftböen den Wasserböen Kurz- und Langstrahlern Brandsprengern. Aber nichts war zu leisten damit. Man lief um die Städte wie vorher, hatte Treibhäuser für Blumen Spiele Zirkus. Was sollte man damit? Versagt hatten die Jungen, die Herren und Herrinnen. Lächerlich ihre Fahnen. Die Erde konnten sie zerreißen, Städte vergiften. Wenn sie wollten, konnten sie auch die westlichen Landschaften vernichten.

Die Kundschafter vom Osten waren Menschen aus der Mitte dieser Städte. Man ließ sie ruhig unter die Massen. Es waren die Träger dieser Augen, sie hatten solche Gesichter, flüsterten wie Wahnsinnige, gellten warfen die Arme, bedeckten die Augen. Diese Landschaften, die aus den Betten gerissenen Riesenströme. Wälder Äcker Gewimmel von Tieren und Menschen: weg. Es gab Städte, in denen Attentate auf die Boten gemacht wurden, in hilfloser giftiger sich selbst zerreißender Wut, weil sie ihnen dies angetan hatten. So tief waren manche Boten, frieden- und spielgewöhnt, weich wie die Massen, von Grauen und Angst ausgehöhlt, daß sie durch die Straßen nur liefen weinten. Als hätte man sie bestraft und sie klagten deshalb, forderten Sühne, erzählten ihr Unglück, so liefen sie auf die Bühnen, in die Säle Ratshäuser und riefen. So hat der Held in dem alten Gedicht geschrien, als ihm sein lieber Freund erschlagen war, die Leiche geschändet und entblößt. Es war ein Rest des Schreies der fliehenden Tier- und Menschenscharen vor der Feuerwoge vom Ural, der Tausende vom Asowschen und Toten Meer, die zusammengedrängt, Kosaken Kirgisen Slawen, Bauern Weiber, die blauschwarze Meeresfläche anstarrten, während unter ihnen der Boden von dem wandernden Getier fortgenommen wurde, klatschend lohend in ihrem Rücken die Brandlinien anrollten. Überall schüttelten sich die trüben gemästeten Massen in der Qual des Verlorenseins. So tost der Vulkan und rast glücklich, voll Hohn und Wonne, daß schmerzliche Kräfte in ihm aufsteigen, die glühende Lava, von der er sich befreit, die er breit deckend über die Erde gießt. Die Landschaften hätten die Herren verbrennen können; sie wollten sich über die Herren gießen, Rache nehmen. Wo Stadtlandschaften nicht durch starke Senate gesichert waren, erfolgten lauffeuerartig Revolten Zertrümmungen von Straßenzügen Werken.

Nach diesen Vorgängen wurde kein Friede zwischen dem westlichen Völkerkreis und den Asiaten geschlossen. Es geschah nichts. Der Krieg war zu Ende, wie ein Tier, das einen Beilhieb in die Halswirbelsäule empfängt.

Die Staaten schnurrten zusammen. Jede Stadtlandschaft kämpfte um ihr Dasein.

Drittes Buch.

Marduk

Zuerst kam in Berlin der Konsul Marke auf. Er war Erkunder bei den technischen Truppen des Uralischen Krieges gewesen. Anfliegend aus der schwarzen Krim, die beladen war mit Sterbenden, verendenden Pferden Hunden Füchsen Katzen, über das verödete Bessarabien, die stillen Beskiden fuhr er. Als er sich Berlin näherte, sich über dem alten Bernau senkte, hatten sich da Massen angesammelt, ihn erwartend in den herbstlichen Alleen, zwischen den Plantagen und Baumschulen. Megaphone waren aufgestellt. Er vor dem Haus sich niederlassend, ging unter dem Gebrüll der Menschen wortlos zur Tür, schloß sie hinter sich. Rief, dessen braune Kleider den scharfen Geruch der Gase und des Brandes von sich gaben, seine beiden Töchter, forderte von ihnen, nachdem er sie unbewegt lange beschaut hatte, – sie weinten strichen Hände Gesicht des starren Mannes, – daß sie sich entleiben sollten. Gelegentlich wurde seine Starre durch Schluchzen Aufstöhnen durchbrochen.

„Ihr wollt euch nicht töten? Wollt ihr euch nicht töten?“ Eintönig und immer wiederholt seine Frage. Er sprach das hier übliche Englisch-Deutsch; bisweilen murmelte er in einem unverständlichen Jargon: russisch, der Leute zwischen den Feuerlinien. Die Töchter warfen sich vor ihn auf den Boden, weinten ratlos. Zwei alte Hausgehilfinnen holten sie; er sah sie nicht an. Der starkrückige Mann, die Fliegerkappe über die Stirn hochgeschoben, drängte weiter: „Ihr müßt euch töten.“ „Warum? Warum nur? Was haben wir getan?“ Er murmelte russisch. Dann stand er zitternd, zog die Kappe ganz über das Gesicht: „Ihr – habt nichts getan. Was soll einer getan haben. Oder zwei. Ich auch nicht. Wir haben nichts getan. Alle müssen hin.“ Er fuchtelte mit dem Stahlgürtel, den er sich abgeschnallt hatte, schlug auf den Boden, als ob er etwas niederpeitschte. Jourdane, die jüngere, bot ihm zu trinken. Er kippte das Weinglas, das er in seiner linken Hand hielt und anschaute, dem blonden schmächtigen Mädchen über die Brust. Sie wollte in einer Mischung von Zorn und Angst seinen Arm packen. Die Ältere hielt sie zurück. „Ich will dein Gift nicht nehmen, Weib.“ Marke stellte das Glas vor sich auf den Tisch, fuhr mit dem Gürtel wagerecht hin und her, schlug es vom Tisch herunter. „Ich will keine Luft mit euch. Es war nicht nötig, daß ihr in mein Haus kamt, wenn ihr nicht auf mich hört. Hier ist meine Luft. Ihr müßt weg. Alle. Tötet euch.“

Die Megaphone dröhnten über die Straßen. Marke schrie, an sein Fenster tretend: „Worauf wartet ihr. Ihr müßt weg. Weg müßt ihr, sag ich euch.“ Er gehörte nicht zu den Herrschenden, Leuchtmar, der in Hamburg getötete, hatte ihn nie gesehen. Die Menschen unten liefen ängstlich voneinander, verstanden nicht, was er wollte.

Jourdane blieb in der Nacht am Bett Markes, der wenig schlief. Sie glaubte, er sei von einem Gift des Krieges getroffen. Während sie sich über die Stuhllehne zu ihm bückte, schwoll ein Grauen von ihm auf sie über. Eine Weile saß sie noch, dann konnte sie nicht widerstehen. Mußte den Kopf heben, die Arme auf die Stuhllehne stützen, die Füße aufdrücken, aufstehen, gehen. Den Mann im Bett sah sie nicht mehr. Sie ging zur Tür. Nahm Markes dünnen Stahlgürtel ab, band ihn um einen Riegel, steckte, einen Stuhl besteigend, den Stuhl mit Freude unter sich wegstoßend, den Kopf in die Schlinge. Der Kopf mußte in die Schlinge gesteckt werden. Sie empfand, wie sie die Füße gegen den wankenden Stuhl stieß, eine tiefrieselnde Lust über den Leib die Knie und die Arme. Zum dargebotenen Hals, der sich an die kühle anschnellende Schlinge legte, rann die schreckliche Lust herauf.

Der Mann, im Fall des Stuhls zuckend, sah sie hängen. Er wollte vom Bett hin um sie zu retten, aber seine Beine kamen nicht auf. Seine Arme, die nach der Bettkante griffen, knickten krampften zusammen. Er hielt den Kopf in der Richtung auf die Hängende. Lauschte nach ihr. Langsam vermochte er zu schlucken, tönend die Luft durch Mund Nase einzuziehen, zu schnarchen, zu stöhnen.

Sein lautes wildes immer wilderes Stöhnen, – er saß gebunden auf der Bettkante, den Kopf starr nach der Hängenden, – rief die Tochter, die im Nebenraum schlief, herbei. Sie sah nicht, warum er keuchte lallte. Verfolgte seinen Blick. Schwankend, hoch die Luft aufziehend, hinsinkend, sich hinschleifend war sie an der Tür. Stürzte mit der abgehobenen Schwester vom Stuhl, über sie her. Marke im Hemd auf der Bettkante. Seine nackten Füße vibrierten auf dem Teppich. Weinend warf sich die Tochter, als Jourdane leblos dalag, an ihn, umschlang seinen Rumpf. Und während ihr verzerrtes Gesicht von Tränen überflossen wurde, blickte sie nach oben, zu dem Gesicht des Vaters. Der war stürmisch durchzuckt. In seinen Beinen Armen, dem Rücken krampften die Zuckungen Jourdanes nach, während sie hing. Immer schnellten seine Beine an, wollten sich seine Knie krümmen, die Füße stoßen. Er drückte sich fest, fester.

Das Aufwühlen seiner Muskeln bezwang er. Sein wieder erstarrender drohender verlangender Ausdruck gegen Janina. Die ließ ihn los. Ihr Entsetzen Abscheu vor diesem Wesen. Auf die Schwester lief sie, löste ihr den Gürtel vom Hals, hielt ihn, kniend, über die Schwester wegblickend, in der geballten Faust gedrückt, wie eine Peitsche, mit der sie auf den Mann losgehen wollte. Und stand, den Gürtel pressend in der Rechten, um den stummen Mann, den lippenbeißenden, der hörbar durch das Zimmer atmete, auf das Bett zurückzuwerfen, ihm anzutun, was sie konnte. Das Scheusal, das die junge süße Erhängte getrieben hatte. Da fühlte sie seine Augen. Er saß noch immer auf dem Bett. Sein Ausdruck so wechselnd: bald zitternd zerfließend, bald starr und unerbittlich befehlend, bald schmerzgespannt. Die Fäuste hatte er sich zum bloßen Hals erhoben, sie krallten in die Haut. Er war von der Verzweiflung verschluckt, verstrudelt, geschlagen an jedem Glied. Vor ihm kniete sie einen Moment. Horchte, sah zu ihm auf. Berührte seine Hände. Sein Ausdruck wurde drängender. Sie stand, getrieben, Muskel und Spannung, vor der Schwester, die auf dem Teppich lag, das Gesicht mit dem offenen Mund nach oben, die Knie an den Leib gezogen. Der Gürtel fiel Janina aus der weißen Hand; sie hatte die Hände wie die Tote geöffnet. Was saß hinter ihrem Rücken auf dem Bett. Der Stuhl. Sie zog ihn her. Der dünne Gürtel. Der Riegel. Verschließen des Gesichts. Der Stuhl polterte. Sie sollte erst, Janina, nach langen Stunden in der Helle des Vormittags neben Jourdane liegen, das Kinn nahe der zarten Brust, die Beine angezogen. Umschrien von den beiden alten Frauen. Marke saß noch immer auf der Bettkante. Stöhnte leise, antwortete nicht, als Männer ihn befragten. Zog sich gegen Mittag an. Mit dem Stahlgürtel rieb er sich die behaarte Brust aufs Fleisch blutig. Unter dem Hemd auf dem blutigen Fleisch schnürte er sich den Gürtel. Unheimlich stand er stundenlang wortlos im Zimmer, die Faust an der Brust.

Man hatte damals ein Verfahren, auf großen Plätzen, offenen Straßen im aufwirbelnden farbigen Rauch Gestalten und Landschaften sichtbar werden zu lassen. Die spiegelnde Fata Morgana der Wüsten war das Vorbild gewesen. Die Wissenschaft hatte ihr Geheimnis entdeckt; künstliche Wolken waren die Träger der Erscheinungen, Empfänger der über Prismen und Spiegel hingeworfenen lebenden Abbilder. Die Fernseher übertrugen augenblicklich auf jede Entfernung Vorgänge, die im beleuchteten Rauch der Fata Morgana leibhaftig erschienen. Die Megaphone dröhnten an diesem Abend. Der Bildrauch wirbelte auf den Plätzen, in den Anlagen, im Zirkus. Marke erschien. Sein vielen bekanntes Gesicht, aber die Haare grau, Strähnen wirr über Ohren Stirn; gramumwuchert sein Gesicht. Vernichtetes Gesicht, bald starr, bald zuckend, bald in Zittern aufgelöst. Er stand auf dem Balkon seines Hauses. Die Faust hielt er lange wortlos gegen die Brust. Unter seinen schlagenden verwünschenden Handbewegungen, seinen heißen Haßblicken stoben viele Menschen davon. Sein Mund öffnete sich. Ein Rollen Poltern Tosen aus dem Megaphon: „Ich lebe. Meine Töchter sind tot. Sie haben wohl getan. Weg auch ihr.“ Er schrie: „Das bin ich“, schlug sich die Brust, riß die Jacke auf, das Hemd weg. Den stählernen Gürtel packte er mit beiden Fäusten, schmetterte ihn gegen die aufgerissene zottige Brust, ohne daß sich sein Gesicht veränderte und ließ von diesem flutenden Hin und Her der Starre, des aufgelösten flimmernden Vibrierens. „Das bin ich.“ Die Menschen, die am Boden die Rauchapparate bedienten, lagen in halber Betäubung. Oft verschwand Markes Balkon, die Front seines Hauses, seine Figur im dicken unaufgelösten Qualm. Angstvoll schrie die Menge; immer trat die Figur wieder hervor. Man sah das Eisenstück, das er vom Gitter seines Balkons brach, das er gegen seinen eigenen Hals richtete, in diesem Augenblick, das er gegen seine eigenen Augen richtete. Jetzt Schläge über die Stirn rechts links. Tausend aufgreifende Hände aus den Mengen. Gurgeln Gröhlen Röcheln aus dem Megaphon.

Der blinde Marke lebte. Neue Boten kamen. Brachten Bilder vom Uralischen Krieg.

* * * * *

Im Kreis dieser Stadtlandschaft breitete sich eine Finsternis Lebenssattheit Todesverlangen aus. Die meisten Werke standen. Nur die notdürftigste Verbindung mit den Nachbarstädten wurde gepflegt. Wie abgehetzte Hunde mit lechzenden Zungen und grade von sich gestreckten Gliedern lagen die Herren der großen Werke, rührten sich nicht. Es konnte keiner verhindern, daß von den Massen nur dieser Anblick begehrt wurde: Marke, sein drohendes Stehen, seine Blendung. Er sprach nicht. Fuhr mit der Hand und seinem Gürtel durch die Luft, verlangte eintönig und stumpf: „Tötet Euch.“ Gleichmütig erhängten sich in diesen Wochen, hier wie in anderen westlichen Städten, kräftige Männer und Frauen.

Wie noch die Todessehnsucht durch die Menschen brauste, saß Marke in seinem Zimmer. Er richtete in der schweren Schwärze, die ihn umgab, seinen Kopf wie immer nach der Tür, neben der der Riegel war.

Da fühlte er sich an Knien und Hüften berührt. Er tastete hin, griff nichts. Ließ die Hände fort. Wieder berührte es ihn an Knien und Hüften. Tastete sich langsam langsam an seiner Brust hoch mit so großer Weiche. Wonnig ließ er es geschehen. Er hatte gar keine Furcht.

Es war die tote Jourdane, die schmächtige junge Tochter. Die streichelte über seine Augenhöhlen. Ein Fliedergeruch kam mit ihr. Sie hatte mit beiden Armen seinen Hals umschlungen, saß auf der Bettkante neben ihm. Er fühlte ihre kühle Wange. „Vater“ hauchte es. Er saß im Glück, rührte sich nicht. „Vater. Du bist blind. Ich bin nicht mehr bei dir.“ Er hielt immer still. Sein Oberkörper schwankte von rechts nach links. Sie ließ nicht von ihm. „Vater, wie viele Blumen Käfer Menschen und Kinder sind durch uns gestorben. Ich lebe nicht mehr. Du bist blind, Vater. Ihr guten Augen seht nicht mehr. Wieviel sollen noch sterben, Vater.“

Er fragte: „Wo ist Janina? Ist Janina bei dir?“ „Ich will sie rufen, Vater.“

Und da fühlte er sich losgelassen. Eine lange Minute saß er allein. Wehen Hauchen. Sehnsüchtig empfing er die Berührung an seinen Schultern, seiner Stirn, ein langes zitterndes Anpressen an sein Gesicht. „Janina, bist du Janina?“ Das antwortete lange nicht, ließ nicht von seinem Kopf, schluchzte: „Ja, ich bin Janina.“ „Liebe Janina. Liebe Janina.“ „Vater.“ „Bist du da, Janina. Bist du wirklich da. Mein süßes Kind.“ An seinem Körper neben ihm schwang es, hielt sich fest. „Wo hast du Jourdane gelassen?“ „Wir können nur einzeln kommen.“ „Komm öfter, Janina.“ „Wir sind so oft da, Vater. Du siehst uns nicht, du hörst uns nicht, du fühlst uns nicht.“ „Ich fühl’ dich ja.“ Da schwankte sein Oberkörper wie ein Mast im Sturm. Sein Rückgrat hielt nicht mehr. Er fiel zurück.

Am andern Morgen ließ er die beiden Frauen, die mit den Töchtern zusammen waren, zu sich kommen. Er war verwandelt, sprach sanft zu ihnen. Sie möchten öfter im Haus bei ihm sein. Aber leise gehen, damit er Jourdane und Janina höre, wenn sie kämen.

Sie kamen öfter. Die zarten abgeschiedenen Seelchen. Lächelnd saß er im Stuhl, bewegte sich nicht. Er streichelte den alten weinenden Frauen die Hände.

Den Werktätigen und Ruhenden, Fabrikherren, Weißen und Farbigen ließ er sagen, daß er zu ihnen sprechen wolle. Marke gab nach kurzem Zögern dem Drängen des Senats nach.

* * * * *

Mit ihm begann die Reihe der Konsuln in Berlin.