Part 12
Den übergroßen Kopf drückte Marduk gegen das Fenster: „Jetzt ist es vorbei. Ihr könnt nichts mehr.“
Jonathan Hatton, der viel jüngere, sein Freund, den man mit ergriffen hatte, stand vor ihm, lächelte: „Nun, so möge es so sein.“
„Ich weiß, du glaubst mir nicht.“
„Doch. Bei allen Dingen bei denen man schwört, Marduk, verzeih mir, ich glaub es.“
„Lach nicht, Jonathan. Lächle auch nicht. Es ist gar nicht nötig, daß du lächelst. Du hast dich lange nicht um mich gekümmert, die andern auch nicht; ihr glaubtet, es ginge auch ohne mich.“
„Marduk“ der andere trat ernst näher, „du hattest dich, du, von uns zurückgezogen.“
„Du wirst sehen, ihr hättet gut getan, euch um mich zu kümmern und anzusehen, was ich tue.“
„Was soll das.“
„Nichts. Du wirst sehen.“
„Du schließt dich uns nicht an und jetzt klagst du.“
Marduk verzog das Gesicht hart: „Ich habe nicht nötig, mich euch anzuschließen. Du, damit ist es jetzt aus, mit diesen Dingen. Ja, Jonathan. Ihr werdet jetzt alle still werden, ganz still. Ich nehme euch aus den Händen, was ihr habt. Ich will nicht, daß ihr arbeitet. Ich will nicht. Verstehst du das?“
„Nein und ja. Sag mir, Marduk, alles was du weißt und kannst. Ja sage es mir. Du wirst mich nicht überraschen. Ich bin auf Stärkeres gefaßt. Mit dem Stärksten wirst du mich nicht umwerfen.“
Strahlend stand Jonathan: „Was ich – gefunden habe, hat noch niemand gefunden.“
„Hat noch niemand gefunden“ höhnte der verhüllte Marduk.
„Wenn ich – niemand – sage, Marduk, so weißt du, daß ich nicht Schaum blase! Ich leugne so wenig gearbeitet zu haben, wie du es leugnen wirst. Warum? Das Sehen ist mir erlaubt, das Hören ist mir erlaubt. Was soll mir verbieten zu denken.“
„Weiter.“
„Nein, ich spreche nicht.“
„Schaffe deine Freunde hierher, Jonathan.“
„Ich?“
„Ja. Bring sie, Jonathan.“
„Siehst du, sie hast du gefangen genommen. Sie alle. Du kannst dich nicht mehr auf sie besinnen. Ich möchte dir beschreiben, wie wir zueinander waren. Ich träumte heute nacht, ich fühlte mich so wohl, wie auf einer Luftfahrt, ich glitt mit einem Wesen durch die Luft, ich weiß nicht, ob es Mann oder Weib oder beides war. Wie dem schönen Geschöpf die Augen strahlten. Wonnig war es. So rasch glitten wir hin. Fast war es keine Bewegung. Unten standen die Menschen und wunderten sich. So glücklich waren wir.“
Marduk warf sich unruhig in seinem Stuhl. Sein Gesicht hatte er ganz auf die Brust gedrückt. Er hob den Kopf, blickte Jonathan finster an: „Komm, ich will sie dir zeigen.“
Die Wachen vor der Haustür wies er ab. Er ging barhäuptig allein mit Jonathan der ungefesselt war. Hinter einer Wiese zog sich ein flaches langes Gebäude hin, in das sie traten. Sie gingen durch die glasgedeckte Halle der muffig warmen Anlage, in der Pflanzenreste geschichtet lagen, Körbe, niedrige Kisten. Auf einen weiten ungepflasterten Hof stiegen sie herunter; oberflächliche Röhrenleitungen traten am Boden hervor. Marduk öffnete ein Gitter; da war ein Feld, in dem viele einzelne Stücke abgezäunt waren; manche waren grün und bunt bewachsen, manche scheunenartig überdacht; auf einigen Stücken verwesten ganze Stapel unkrautartiger Gewächse. Dann senkte sich das Gelände; über den Hang, um den Boden der Senkung zog sich eine abschließende Mauer, darüber dahinter eine hohe schwarze und grüne Masse. „Sieh da. Du baust, Marduk.“
„Komm.“
Er zog eine kleine Eisentür der Mauer. Dunst schlug ihnen entgegen. Keine Öffnung, keine Helligkeit. Der Wald war an die Steinfliesen herangetreten, hatte sie nach der Tür zu umgeschoben. Zwei Stufen konnten sie heruntergehen. Jonathan hatte Marduk seine Hände entzogen, lächelte den Mann, der ihn führte, blaß mit übergroßen Blicken an: „Was machen wir hier.“
„Weiter gehen. Geradeaus.“
„Was soll das. Ich geh nicht mit dir.“
„Ich wollte dich bitten, wenn ich kurzsichtig bin und mich nicht zurechtfinde, du möchtest mich führen. Du sollst mir deine Freunde zeigen. Du hast sie besser in Erinnerung als ich. Hier meine Hand, Jonathan. Der Weg geht geradeaus.“
Der war die Stufen zurückgetreten, hatte an der Eisentür den Kopf zurückgeworfen: „Du bist verrückt, Marduk.“
„Nicht doch, Jonathan. Sie müssen alle hier sein.“
Jonathan war nach einem Blick auf das ihm zugewandte vibrierende Gesicht mit einem Sprung unten. Tastete an der klebrigen dunstenden Holzwand: „Ja. Das sind Stämme. Das sind dicke Bäume. Wo ist denn der Eingang. Hier komme ich nicht weiter.“
„Versuch einmal von hier. Versuch es. Sie versuchen es von drinnen.“
„Das ist eine Wand, eine Holzwand, Marduk. Mach doch auf. Wo ist die Tür.“
Er lief seitlich rechts und links über den harztriefenden Boden. Der Wald trat an die Mauer heran, ließ ihn nicht ein: „Es ist alles so schmierig, mit Harz, mit Leim. Warum tut ihr das? Wo ist denn die Tür.“
„Ruf sie einmal. Ruf sie.“
„Soll ich? Wirklich?“ Er rief. Der andere schüttelte sich: „Sie antworten nicht.“
Jonathan stürzte sich auf ihn: „Du hältst mich zum Narren.“
„Wie sehen, Jonathan, deine Freunde aus, wenn sie müde sind oder lustig sind?“ Der, stöhnend, nahm ihm jedes Wort von den Lippen.
„Zwischen den Bäumen – lächeln sie. In den Blättern – sitzen sie. Sie sind Vögel geworden. Sie sind so schön, daß ich sie verfolgte. Sie haben sich auf der Flucht vor mir in – Bäume verwandelt.“
„Das hast du – Marduk?“
„Das habe ich gekonnt. So stark bin ich gewesen.“ Strahlend erregt zog er den im blauen Mantel, der nicht sprach, sich schwer bewegte, durch die Eisentür, über das helle Feld in das lange Gebäude. Der Dunst, der ihnen aus dem Park entgegenschlug, auch hier. Ein Pulver lag neben einer geöffneten Kiste am Boden; Jonathan faßte automatisch danach; Marduk hielt seine Hand fest: „Faß nicht an. Du hast nichts geschluckt davon? Es ist für Menschen und Tiere Gift.“ Die verwelkten verwesenden Pflanzenhaufen starrte Jonathan an; Marduk verfolgte seinen Blick: „Ich kann sie auftreiben. In einer Stunde. Von einer halben Stunde zur nächsten.“ Phantastische getrocknete Gräser lagen auf Steinfliesen nebeneinander: „Kann ich nichts?“ Er streckte die Arme aus, bog die Fäuste: „So viel kann ich. So viel kann ich. – Jetzt will ich deine Freunde begraben. Wohl ihnen, daß sie nicht mehr Menschengestalt haben und wie wir sind. Sie sind in den Bäumen. Ich will sie begraben.“
Jonathan war schon zurück durch die Halle gegangen, er rieb gedankenlos, den Blick auf die Erde, die Handteller aneinander. Sie liefen über das von der Frühlingssonne beschienene Feld, Jonathan fiel der Umhang von der Schulter, Marduk wollte ihn aufheben, zuckte, lief weiter. An den Hang zur Mauer wollte Jonathan herunter; der andere aber, auf einen Erdhaufen sich setzend, zog ihn neben sich. Marduk griff ihn an: „Nun zeig du mir, was du kannst. Du mußt mir jetzt etwas zeigen.“
Der saß starr, stammelte mit verzerrtem offen zugewandten Gesicht.
„Hab keine Furcht, Jonathan, dir wird nichts geschehen. Du kannst es mir zeigen. Ich bin Kenner, ich bin Fachmann. Ich weiß es zu würdigen.“
„Marduk. Wen habt ihr in den Wald getrieben? Ihr habt Frauen mit hereingetrieben? Es sind alle drin, die festgenommen sind?“
„Alle. In den Löwenkäfig. In die Arena.“
„Alle? Alle Frauen?“
„Alle. Zweiundvierzig. Da haben sie fechten können. Es waren keine Löwen und Tiger da. Es waren bloß Bäume, gegen die sie kämpften. Sie haben für einen neuen Glauben gekämpft. Das war eine neue Christenverfolgung. Nein, eine Antichristenverfolgung.“
„Marduk“ schrie Jonathan besinnungslos, weinte, erhob den Arm.
Der Ältere fuhr fort: „Ja. Antichristen. Ich spiele den Christen. Ich laß sie mit ihren Götzen nicht aufkommen. Sie müssen alle ins Gras beißen.“
„Marduk. Meine Mutter war dabei.“
Der mit rollenden Augen stand auf, ballte die Fäuste, wog sie gegen ihn: „Und wenn deine Mutter dabei war. Und wenn deine Frau und dein Kind dabei war. Wenn du dabei warst. Es wird nicht besser. Ihr sollt es spüren. Ihr müßt es spüren. Es soll keiner entgehen. Ich wohl auch nicht. Es ist gut, daß es so über uns verhängt ist, daß wir es nahe spüren. Ha, jetzt spürst du, du es dicht, dicht unter der Haut. Gut so. Gut so. Wie gut, daß sie alle dabei waren.“
Und dabei klapperten seine Zähne, ein schrecklicher Frost hatte ihn ergriffen. Er hatte dies nicht gewollt, so wandte es sich gegen ihn, so griff ihn die Waffe, die er auf andere gerichtet hatte, selbst an. Er wehrte sich, die Schlange umwand ihm Füße und Arme. Jetzt würde er Jonathan verlieren.
Er stolperte auf ihn zu, bückte sich zu ihm herunter: „Ist meine Erfindung nicht herrlich. Sprich doch. Wir sind doch Kenner. Da kommt keiner mit. Was sagst du zu dem Wald unten. Keine Lücke ist mit der Hand zu finden. Wie ein Schrank, paßt Fuge an Fuge. Ist meine Erfindung nicht herrlich?“
Er rüttelte ihn.
„Ich will dir sagen, wenn du mir nicht antwortest, wird es dir nicht gut gehen. Ich werde dich dann – leben lassen. So werde ich dich wenigstens umbringen können.“
„Tu es. Marduk. Du Verdammter! Du Teufel!“
„Ich verdammt? Ich Teufel?“
Jonathan sank seitlich, ohnmächtig hin. Marduk hatte eine graue Kapsel auf seiner Brust an einem Kettchen. Daran zerrte er, öffnete die Kapsel, schüttete sich grünes Pulver auf die Finger. Er bückte sich, um es Jonathan zwischen die weißen Lippen zu schieben. Dann streute er jäh das ganze Pulver von sich, warf sich an den Ohnmächtigen, grub sein Gesicht an seinen Hals, stöhnte haßwütete noch, als der sich schon räkelte, sich aufzusetzen bemühte.
Sie standen sich an den Erdhaufen gegenüber. Schwarz vor ihnen die Masse des Waldes hinter der Mauer. Als sie sich anblickten, preßte Marduk die Lippen: „Ich bin bereit, bereit, mich dir zu stellen. Ich – tue es ohne Bedingungen.“
Heiser Jonathan: „Ich habe nichts davon, wenn du tot bist.“
„Tu, was du willst.“
Zwei Wochen fuhr Jonathan an der Ostsee hin und her. Er konnte keine Erde und keinen Baum sehen. Marduk hatte die Stadtlandschaft fest in Besitz genommen. Dann trat Jonathan in sein Haus, der schlanke braune, blaß mager ruhig, gab ihm die Hand, bot ihm seine Dienste an. Marduk betrachtete ihn lange: „Ich habe kein Recht über die Stadt. Ich habe nur Recht über mich. Willst du Recht über mich.“
„Ich will nichts, als dir beistehen.“
Wieder schwieg der Ältere; äußerte langsam: „Du wirst, Jonathan, die Häuser und Anlagen zerstören, in denen noch Apparate und Einrichtungen von uns, von euch stehen. Sie sind noch nicht völlig vernichtet. Auch nicht völlig gefunden. Und du wirst mir die Namen der Männer und Frauen angeben, die dir bekannt sind, die mit euch gearbeitet haben und noch am Leben sind.“ Der magere junge Mensch hielt seinen Blick aus. Er nannte mehrere Namen. Marduk gab ihm dreißig Bewaffnete, die gingen mit ihm. Nach einigen Stunden, am hellen Nachmittag stand er mit fünfzehn Männern und sechs Frauen vor dem Konsul. Der Jüngere trug den grünen Rock und den hellblauen Mantel, die er angehabt hatte, als er vor Marduk geführt war, und die noch die Flecke der Erde von Marduks Park trugen.
In der sanften gehaltenen Art, die Jonathan seit seiner Rückkehr von der See hatte, setzte er sich neben Marduk hin, öffnete seinen Mantel, sprach jeden bei Namen an. Bevor die Vernehmung zu Ende war, verfärbte er sich, fiel blaß vornüber. Er war am Abend nicht dabei, als die fünfzehn Männer und sechs Frauen seitwärts geführt und erledigt wurden.
Der Konsul, im schwarzen Seidenmantel, die großen ernsten Augen gesenkt, zog am frühen Morgen gleichmäßig seine Schritte durch die Stadt. Es wehte heißer Wind. Flieger jagten mit dumpfem Rollen in der Luft. Die riesenhaften Plätze. Die metallenen Riesentiere, Messer in den Flanken, hingesunken schweigend auf den Steinpiedestalen. Das Gewühl umspülte ihn. Die halb in der Luft schwebenden Tribünen, offenen Hallen, auf denen Mädchen und Männer Bälle mit Stöcken trieben. Es hatte sich nichts seit dem Beginn seines Konsulats geändert. Die grellrot bemalten, mit Masten und Wimpeln versehenen Häuser, in denen die künstlichen Nährstoffe ausgegeben wurden, auf den Dächern liegende gewundene Kennzeichen für die Frachtflieger. Die Hauptausgänge der unterirdischen Bahnen in der Nähe des Nahrungsspeichers; Heraufdröhnen und Surren der Züge, die aus Fabriken und zentralen Speichern liefen, der Züge, die in tieferen Stockwerken radial und peripher die Versorgungsbezirke abstreiften, Schacht und Aufzug zu jedem Haus. Das kecke Wandeln der Männer von südlichem Typus. Nonchalantes Trotten Pfeifen Rauchen von Mulattennachkömmlingen mit grauen Gesichtern, gedrückten Nasen; das sieghafte Strahlen der weißen Frauen; stumpfes geschäftsmäßiges Herumgehen der lange Ansässigen, ihre apathische Ruhe im Dasitzen vor den Trink- und Rauchstätten, leise Stimmen, wenig veränderlicher Gesichtsausdruck. In goldgelben Talaren gingen die Priester durch die Straßen, singend rufend lockend. Marduks Augen brennend auf allen. Unsicher stockend sein Atem. Wie sonderbar die Frauen zurückgetreten waren. Sie waren am raschesten verändert; es schien, sie hatten mit dem Nachlaß der großen Erregungen auch ihre Spannung verloren, hatten sich viel in Mütter, ja in Dienerinnen von Männern zurückgebildet. Jonathan, goldgelb in Seide wie ein Priester, den braunen Kopf bloß, trat leicht neben Marduk, lächelte, als der ihn fremd ansah. Jonathan wollte zur Stadt hinausfahren; Marduk hielt ihn: „Erdulde dies. Entzieh dich nicht, Jonathan. Ich verstehe dies. Der ungeheure unausdenkbare Bann, in dem wir leben. Blicke um dich.“
In der Ferne hörte man das schaurige Gebrüll eines Metallstieres. Es wurde im Augenblick auf den Straßen still, die Menschen verlangsamten die Schritte, standen; sahen auf die Steinplatten des Bodens. Marduk blickte zwischen sie, hielt Jonathans Arm, war sichtlich seiner nicht Herr; seine Schultern zitterten, die Augen blickten verschwommen: „Du kennst das nicht. Kennst du nicht die Stadt? Das ist wie ein Wind, der mir an den Mund fährt und mein Gesicht faßt. Ich fahre durch den Wind. Sieh diese Männer an, die Frauen die Bahn die Flieger die Straßen, du hast den Stier gehört. Das Mekihaus, Marke, der blinde Konsul, ich hier, du; wie das beglückt. Wie es mich beglückt, füllt, seelenselig macht. Trunken, Jonathan.“
Jonathan führte ihn schweigend am Arm. Der Ältere mit den großen brennenden Augen redete weiter. Plötzlich drehte Jonathan den Kopf zur Seite, ließ den Arm los, seine Schultern bebten lautlos. Er schluchzte. Marduk stand an einem Vorgartengitter, wartete, bis er endete. „Du bist zu früh nach Hause gekommen, Jonathan. Du hättest länger an der Ostsee bleiben sollen.“
Der sah ihn mit verdunkelten Augen an: „Hab ich dir nicht genug Beweise gegeben?“
„Ich – brauch meine Mutter nicht vergessen“, Jonathan sah den andern fast zärtlich an „Ich habe sie mit Schmerzen – wieder geboren. Wie sie mich geboren hat.“ Er hauchte: „Sieh auf die Eiche da. Sieh immer in das Laub der Eiche hinein. Dann erzähle ich dir. Du darfst aber nicht wegsehen. Sie ist zu mir gekommen. Meine Mutter. An der See. Stückweise. Ich habe sie deutlich am Wasser gesehen. Erst sah ich – ihren Arm. Oh der Arm, – er war zerpreßt. Was hab ich mich gewunden. Er bewegte sich, die Finger griffen auf und zu. Er krampfte. Aber ich, ich, Marduk, ich konnte ihn stillhalten. Er hielt still. Ich konnte das, Marduk. Und beim andern Arm auch. Ich konnte alle Finger langsam bewegen machen. Und dann kamen die Schultern, die Schultern meiner Mutter. Ich habe oft meinen Kopf auf die Schultern gelegt. Ich war zu Hause, wenn ich ihre Schulter berührte. Die Schulter – konnte ich – nicht erkennen. Du mußt in das Laub sehen, Marduk. Du tust es. Die Schulter war gespalten. Als wenn sie einer in der Mitte zertrennt hätte. Oder sie wäre auseinandergefallen. Das konnte ich nicht gut machen. Was ich mich anstrengte dabei. Ich habe lange Stunden verbracht, Marduk, um nur die Schulter heil zu machen. Diese Lücke. Ehe die Teile zusammengingen. Aber sie gingen dann zusammen. Und die Arme waren dabei und die Finger bewegten sich ruhig. Und zuerst konnte ich den Kopf nicht sehen. Es machte mir auch gar keine Sorge, daß sie statt eines Kopfes eine Blume zwischen den Schultern hatte, Klatschmohn, die schlaffen roten glanzigen Blätter, von denen welche herunterhingen, und ich konnte eine dunkle Kapsel drin sehen, die stäubte. Es kam mir vor, als wenn das ein Auge war. Sie hatte so schwarze Augen. Und am Abend waren es auch ihre Augen. Sie waren es wirklich. Sie hatte einen roten Hut auf mit roten Bändern und war so freundlich mit mir. Ich konnte mich stundenlang am Strand nicht bewegen, denn ich fürchtete, die Schultern würden wieder auseinanderfallen. Aber ich konnte alles gut zusammenhalten. Nur den Atem durfte ich lange Sekunden nicht von mir geben. Ich bin dann ohne zu essen schlafen gegangen. Lag die Nacht wie im Starrkrampf, war wie ein Toter. Als ich aufwachte und zur Türe hinausging an das Wasser, hielt ich gerade da, wo ich gestern aufgehört hatte. Stört dich, daß du immer in die Blätter sehen mußt? Aber ich kann dann besser erzählen. Ich habe sie dann schließlich ganz gemacht, lebend beweglich, in ihrem Kleid. So kam sie aus deinem Wald heraus. Durch eine Lücke. Ich habe entsetzlich darum kämpfen müssen. Es ist gelungen. Jetzt ist alles wieder gut.“
„Spricht sie nicht?“
„Noch nicht. Ich werde sie schon zum Sprechen bringen. Ich traue mir alles zu.“
„Du wirst sehen, sie wird mich verfluchen.“
„Ich glaub es nicht. Sie sieht mich doch. Sie weiß doch, wo ich bin.“ Stolz blickte Jonathan vor sich. Einen Augenblick, als er den Jüngeren so leiden sah, hatte Marduk vorgehabt, ihn von sich wegzuschieben. Er fürchtete, der Jüngling würde ihn schwach machen und zum Erliegen bringen. Jetzt – sah er von der Eiche weg, legte den Arm um die Hüfte des zitternden Menschen, dessen Augen in grauen Höhlen lagen. Beklommen, fast wonnig fühlte er das leise Vibrieren und das atmende Auf und Ab der Flanken. Er dachte: „Ich fühle ihn nach und halte mich. Er ist mein Schmerz und mein Führer. Ich will ihn behalten, solange er so bleibt. Solange er leidet und sich nicht helfen kann, soll er leben bleiben, – damit ich nicht vergesse.“
Zu Jonathan, an dessen grünem bauschigen Kleid er herabblickte, sagte er: „Wärst du ein Mädchen, eine Frau, würde ich dich zur Frau haben wollen. So aber habe ich Glück, daß du kein Weib bist. Du wirst keine Kinder gebären, für dich, gegen mich; wirst ungebunden gehen, wohin du willst. Du wirst nicht aus einer tierischen Laune über mich fallen, damit ich fühle: ich bin noch etwas anderes als dieser Marduk, dein Freund, der dich braucht und dir folgt; ich bin noch eine dumpfe Kraft, nein, ein dumpfes Leiden von irgendwoher, wie diese tausend Menschen, wie die Blätter die Steine.“
„Bedauerst du mich, Marduk? Du brauchst mich nicht zu bedauern.“
„Komm in den Garten.“
Sie gingen ungehindert in den Garten. Marduk stellte einen Fuß auf die Sitzbank unter der Eiche. Er hatte einen ruhigen kummerlosen Ausdruck; es schien, als wenn sie gar nichts miteinander gesprochen hätten. Er zog die Riemen seines silberbeschlagenen Halbschuhs fest. Jonathan sah erst zu, dann, während Marduk einen Ellbogen auf das Knie stemmte, legte er die Schnalle fest. „Das kannst du gut, Jonathan. Und du kannst noch anderes gut. Willst du durchaus ein toter oder schwacher Mann sein? So ein Ast, den man abgerissen hat und der nur so lange lebt wie er noch feucht ist? Willst du nicht noch eine Weile mit deiner Mutter zusammenleben? Du hast dich gestern gut gegen deine ehemaligen Freunde benommen. Sie leben nicht mehr. Nein. Ich habe deinen Willen ausgeführt. Es war dein Wille.“
Der Jüngere, dem die Hände heruntergefallen waren, legte den Kopf an Marduks Knie. Er hielt sich mit den Armen an diesem Knie fest.
„Ich biete dir eine Ehe mit mir an, Jonathan. Wie denkst du darüber. Du hättest keine Pflicht weiter als da zu sein, mir dein Gesicht zu zeigen. Es ist nicht nötig, daß du mit mir sprichst. Regen und Wärme sprechen auch nicht, und man braucht sie doch. Du sollst auch nicht mein Diener sein. Nicht einmal mein Gehilfe. Und nicht einmal mein Tischgefährte. Sondern, wie ich schon sagte: nur da sein. Es ist nicht nötig, hier. Aber doch oft bei mir.“
„Sonderbar, Marduk. Ich dachte, du willst mich als Gehilfen.“ Marduk nahm den Fuß nicht herunter. Er gähnte: „Also, es ist abgemacht.“
* * * * *
Marduk war mit einigen hundert Mann in die unverteidigte Stadt eingezogen. Er ließ noch am Tage seines Einmarschs eine Kraftzentrale in dem ersten, sogenannt Grünen Rathaus der Stadt errichten, in dem er sein Quartier aufschlug. Angriffs- und Abwehrwaffen, die er mit anderen seiner Gruppen aufbewahrt und vorbereitet hatte, wurden im Augenblick in der Nähe des Rathauses versteckt und an Marduks Zentrale angeschlossen.
Der Usurpator rief die Leiter der noch bestehenden Industrien, die Besitzer der Ländereien, Männer Frauen, in das Rathaus und gab ihnen, wie sie den Haupthof durchschritten, den Anblick der fünfzehn erschossenen Männer und sechs Frauen, dazu von dreißig lebenden Neuverhafteten, die unruhig auf dem Hof herumgingen. Er redete die Erschienenen an. Es waren graue und junge buntgekleidete Tiere, die sich neugierig hochmütig verschüchtert vor ihm drängten.
Glossing, der alte Mann aus englischem Stamme, der Lehrer Marduks in den chemischen und physiologischen Versuchen, der feine Botaniker, sah mokant und gelangweilt zu der hohen Kuppel des Saals und den herunterwogenden Seidenfahnen auf, den alten Verbrüderungszeichen, den Fahnen des englisch-amerikanischen Mutterreichs, denen des Uralischen Kriegs mit den Gestirnen, die vom Feuer der Erde gefaßt werden. Er dachte: Marduk wird reden: er möge reden; es mögen andere reden und handeln, sie werden nichts ändern. Er dachte zäh ruhig sicher: es wird niemand vermögen, mich und meinesgleichen auszurotten. Kühl betrachtete er die um sich; was war Marduk für ein Narr, daß er sich unter diese begab; er war gut im Zuge; wen lockt es, sich mit diesem einzulassen.
Mild bewegte sich im Gedränge, die große Brille auf der stumpfen Nase hin und her schiebend, Blue Sittard, von kreolischem Blut. Er sonnte sich an den Gesichtern seiner Umgebung, der heimliche Kristallforscher, von dem man sich wunderbare Dinge erzählte. Die rechte Hand war ihm in eine seiner Steinzertrümmerungsmaschinen geraten und bis auf die Mittelhandknochen abgepreßt worden. Er konnte mit den Stümpfen, die er sich wie Finger hatte präparieren lassen, kleine nickende Bewegungen machen und erschreckte Unbekannte, wenn er im Gespräch den hellgrauen Lederhandschuh scheinbar unabsichtlich abzog und mit der Hand gestikulierte, die sogar künstliche rosa Nägel an den Spitzen hatte und Glied um Glied mit Brillantreifen besetzt war. Eine kühle und laszive Seele. Marduk würde reden. Er möge reden.
Der schäumende Ekbert, der junge überlange gebückte Mann in schlottriger Arbeitstracht, ein höhnischer Mensch von großer Weichheit, der dazu bestimmt war, irgendeinem seiner Impulse zum Opfer zu fallen.
Die blonde ernste weiße Marion Divoise, die üppig, teilnahmslos an einer Fensternische stand, ihre graugrünen Augen schweifen ließ. Viele Mädchen und Jünglinge hingen ihr an. Sie war von einer großen Keuschheit, schmerzliche und sonderbare Liebesgeschichten wurden von ihr erzählt, La Balladeuse hieß sie. Sie hatte von den Industrien ihrer Familie nur noch den Boden in Besitz, kannte Marduk nicht. Wer ist es, dachte sie. Wenn er mich bewegen erregen könnte.
Am Boden, an den Fingern kauend, auf einer Steinstufe Drüttchen, die lange schwarze Weibsperson, die fanatisch für Marke gekämpft hatte, an der Zertrümmerung der großen noch bestehenden Frauenbünde arbeitete. Dutzende Männer nagte sie an, daher hatte Drüttchen, das vielbeachtete und gehaßte Weib, den Spitznamen die Landratte.