Part 8
»Wie kommen Sie auf den Gedanken, Frau Ebba?«
»Ich muß bei Männern von ausgesprochenem Despotismus immer an Kampf und Auflehnung denken.«
»So lieben Sie den Mann als Herrn nicht?«
Sie sah ihn an. »Glaubten Sie das?«
»In Ihnen, Frau Ebba, steckt soviel echte Weiblichkeit, ein so großes Gefühl des Sichanschmiegenmüssens, daß man annehmen sollte, Sie würden so empfinden.«
»Es ist doch sonderbar, daß es so wenig Männer gibt, die Mann und Frau als nicht gleichberechtigt betrachten können. Die den Mann als Krone der Schöpfung immer über das Weib stellen, zu dem wir anbetend emporschauen sollen.«
»Sie irren, Frau Ebba. Wir Männer wissen, daß wir die Frau von heut mit anderen Augen betrachten müssen, als die Frau von vor dreißig Jahren. Die Frauen haben gezeigt, was sie zu leisten imstande sind, sie haben sich Berufe geschaffen und erobert. Sie haben gezeigt, daß sie imstande sind, auf eigenen Füßen im Leben zu stehen. Sie haben sich eine Bildung angeeignet, die vollwertig der des Mannes ist. Heut ist die Frau die Kameradin des Mannes geworden. Und doch -- trotzalledem wird die Kameradschaft zwischen Mann und Frau in die Brüche gehen -- allemal -- wenn die Frau nicht zum Manne emporblicken kann. Ich glaube, auch Sie empfinden so, Frau Ebba. -- Jede echte Frau muß meines Erachtens nach so empfinden -- und in diesem Sinne bitte ich meine Worte von vorhin zu deuten.«
Ebba sagte nachdenklich: »In dem Sinne haben Sie allerdings recht. Ich würde es auch für beide Teile als ein großes Unglück betrachten, wenn die Frau in irgendeiner Weise sich höherstehend als den Mann betrachten müßte.«
»Ergo -- holde Griechin -- er soll dein Herr sein.«
Sie lachte. »Unsinn! Aber schauen Sie, da kommt Fräulein von Wangenheim. Wer mag der schlanke Ritter sein, mit dem sie wandelt?«
Gerda war mit ihrem Begleiter an den Tisch getreten.
»Die Sternenkönigin,« begrüßte sie Winkelmann.
»Und Sie ein Mönch?? Man muß gestehen, Sie haben wirklich eine Maske gewählt.«
»Keine Maske, meine Königin. Ein neuer Mensch steht vor dir. Einer, der in sich gegangen. Der den Versuchen dieser Welt entsagt hat.«
»Und wenn ich einen Versuch machen wollte?«
»Du wolltest?«
»Um dich Lügen zu strafen.«
»Bist du deiner Macht so sicher?«
Sie wurde einer Antwort enthoben, atemlos kam Lotte an den Tisch gestürzt, der Maler hinter ihr her.
»Er gibt mich nicht frei, rettet mich.« Sie sank auf Gehrings Stuhl, der aufgesprungen war.
Der Maler versuchte sie wieder emporzuziehen.
»Ich kann nicht mehr, du Ungeheuer. Willst du, daß ich mich zu Tode tanze?«
»In meinen Armen zu Tode getanzt -- da hättest du einen schönen Tod gefunden.«
»Ich danke. Ich würde doch einen anderen Tod vorziehen.«
Des Malers Augen fielen auf Gerda. »Ah, da ist ja die Gnädige, und wie mir scheint, die passende Gesellschaft ist auch gefunden.«
Durch die Tür drängte sich jetzt eine Gruppe spielender Kinder. Frauen in Hängekleidchen, Wadenstrümpfen und Babyhauben. Ein paar junge Herren in Matrosenanzügen. Ein alter, dicker Herr als Kinderfrau jagte die Gesellschaft vor sich her, schlug und neckte die kleinen Mädchen. Eine ›Kleine‹ in weißen Spitzenröckchen mit hellblauen Wadenstrümpfen, einem Häubchen auf dem blonden Lockenkopf, hängte sich dem Alten um den Hals und bettelte: »Nicht böse sein, Tinnerfrau. Ich dans artig bin.« Und der Alte schmatzte einen Kuß auf die jugendlich rosenrot gemalte Wange.
»Ist das nicht der Gipfel der Geschmacklosigkeit?« höhnte der Maler. »Glauben die Damen wirklich dadurch jugendlich zu wirken? Ich taxiere keines dieser Kinder unter dreißig Jahre alt. Wie finden Sie die Maskerade, gnädige Frau,« wandte er sich an Ebba. Die hörte ihn nicht. Blaß, mit großen, entsetzten Augen saß sie da und starrte auf die Gruppe. Ihre Hand krampfte sich in die Schulter der neben ihr sitzenden Lotte Wunsch, und sie murmelte: »Thea -- Lotte, es ist Thea -- wie schrecklich.«
»Ob sie uns sehen wird?«
Nein, sie tollten vorüber, und Thea hatte sie nicht gesehen. Sie wurde von den Knaben umringt, die bettelten: »Komm, spiel mit uns,« und sie warf ihnen ihren Ball zu, um den sie sich balgten.
Ebba atmete befreit und schaute nach dem Maler. Der hatte ihre Verlegenheit bemerkt, ahnte den Zusammenhang, und hatte sich derweilen an eine neue Flasche Sekt gemacht.
»Wie wäre es, wenn Sie Ihre Studien ein wenig weiter betrieben? Ich stelle mich Ihnen gern zur Verfügung. Die Stimmung ist jetzt so recht auf der Höhe. Kommen Sie, lassen Sie uns ein wenig umherstreifen.« --
In dem großen Saale ist ein Gedränge, daß es schier unmöglich scheint, vorwärts zu kommen. Er nimmt sie fest unter den Arm, drängt und schiebt mit Scherz und Lachen die Umstehenden auseinander und dringt unaufhaltsam voran. Getanzt wird in Ecken und Winkeln, auf den Korridoren und Treppenabsätzen. Man tanzt fest aneinandergeschmiegt -- voll Gier -- im Taumel.
In einer Ecke steht ein Kreis von Menschen um ein Tango tanzendes Paar. Tanzen sie? Nein, sie führen eine Pantomime auf. Eine Pantomime des Blutes, der Wollust, der Sinnlichkeit. Die Umstehenden schauen atemlos, mit gierigen Augen, auf das Paar. Als sie geendet, klatschen sie Beifall. Ein bleicher Jüngling stürzt zitternd auf das Weib zu, umschlingt sie und flüstert heiß: »Komm«. Sie lacht. »Komm, tanzen,« drängt er. Er nimmt sie in seine Arme und flüstert heiße, bettelnde Worte in ihr Ohr.
Ebba ist blaß. Sie gehen weiter. Wieder eine Gruppe von Zuschauern um ein einzeln tanzendes Weib. Ein überschlanker, weißer Körper, über den ein Kleid von schwarzen Pailetten wie eine Haut gespannt. Nur der Leib ist von rosenfarbenem Trikot bekleidet. Oberkörper und Beine schimmern nackt durch das flimmernde Gewand. Eine der Achseln, die das Kleid halten, ist heruntergerutscht, so daß die eine Seite der Brust sichtbar wird. Sie tanzt. Ist ganz aufgelöst, wie in taumelnder Ekstase. Tanzt mit geschlossenen Augen und bebend geöffneten Lippen. Plötzlich bleibt sie stehen, stößt einen Schrei aus und taumelt einem der Umstehenden in die Arme. Der drückt seine Lippen auf die nackte Brust. Die Umstehenden lachen, und einer sagt: »Donnerwetter, das ist stark.« Ein anderer antwortet: »Was wollen Sie. Man lebt sich nur ein bißchen aus.« »Na, ich danke.«
»Bitte, lassen Sie uns zurückgehen,« bittet Ebba. Der Maler lacht. »Sie hörten ja, gnädige Frau: man tollt sich nur aus.«
Sie waren an die große Treppe gelangt, die zu den unten liegenden Garderoben führte. Die ganze Treppe ist malerisch belagert. In großen und kleinen Gruppen liegen sie umher, Männlein und Weiblein, in buntem Gemisch. Meist sind es Pärchen. Er und sie. Eng umschlungen. Küssend und kosend.
Karneval!
Eine glutäugige Zigeunerin kommt ihnen entgegen und hängt sich dem Maler an den Arm. »Komm, trink mit mir, du Wilder. Ich habe dich schon lange gesucht. Laß die Griechin, die hat Fischblut in den Adern. Komm, ich verschmachte.«
»Geh, und laß mich in Ruhe. Kühle dein Blut mit anderen!«
»Ich will, daß du kommst!« zischt sie.
»Geh,« und mit einem Ruck schüttelte er sie ab.
Sie sieht ihn böse an. »Du willst es -- ich gehe.«
Sie gehen zurück. An der Tür, die zu dem Nebensaal führt, in welchem sie ihren Tisch haben, hat ein Leierkastenmann mit seinem Weibe Posten gefaßt. Unentwegt dreht er seine Orgel, während das junge Weib jedem Vorübergehenden einen Teller entgegenhält. Die großen braunen Sammetaugen schauen bittend und bettelnd auf Ebba. Der Maler hat die Börse gezogen und legt ein Geldstück auf den Teller. »Was du für schöne Auge hast.« Und er greift nach dem Kinn der Bettelfrau, um ihr das Antlitz zu heben. Einen Schritt nur, einen einzigen, weicht sie zurück, ernst und vorwurfsvoll treffen ihn ihre Augen -- und seine ausgestreckte Hand sinkt zurück.
Ebbas Blicke leuchten auf. Mit einem warmen Blick umfängt sie das Weib, und zu dem Maler spricht sie: »Nicht alle tollen sich aus.« -- --
Gerda hatte mit Winkelmann getanzt.
Er hält sie noch umschlungen und flüstert: »Führe mich in Versuchung.«
Sie lacht. »Mönchlein, Mönchlein, gelüstet es dich, deine Standhaftigkeit zu zeigen?«
»Ich will schon auf Erden im Fegefeuer schmachten.«
»Schwörst du mir, standhaft zu bleiben?«
»Ich schwöre. Wie du auch locken magst, ich widerstehe. Das heißt, der Packt gilt nur für heut.«
»Glaubst du, daß mir morgen noch die Laune danach steht? Also komm, tanzen wir noch einmal!«
Er schlingt seinen Arm um sie, und sie schmiegt sich fest, immer fester an ihn an. Er fühlt ihren Körper. Er spürt jeden Schlag ihres Herzens an seiner Haut. Das Blut rollt ihm wild durch die Adern. Dicht unter seinen Augen, an seiner Schulter, ruht der weiße Hals. Jetzt sieht sie verführerisch zu ihm auf. Die geöffneten Lippen fordern: küsse mich doch! Er lockert seinen Arm ein wenig und lächelt ruhig. »Tanz schneller,« flüstert sie. Nun drückt er sie fest an sich und tanzt im wilden Tempo mit ihr durch den Saal.
Fest -- immer fester.
»Halt, halt, ich kann nicht mehr!« stöhnt sie.
Sofort hält er ein und gibt sie frei. Ganz atemlos legt sie ihre Hand auf seine Schulter, lehnt sich leicht an ihn und sagt: »Du tanzest gut.«
Er nickt nur. Wilder jagt ihm das Blut durch die Adern. Er hätte sie an sich reißen und sie mit seinen Küssen ersticken mögen. Wie sie ihn reizen, wie sie mit ihm spielen konnte! War es wirklich nur Spiel? Blieb sie innerlich kalt?
Quälen wollte sie ihn, und sie tat es mit Vergnügen. Ja, er fühlte, daß sie Freude daran hatte. Warte nur, das sollst du mir büßen. Mir bist du doch verfallen. Ich liege auf der Lauer und werde deine schwache Stunde erspähen.
»Wollen wir ein Glas Sekt trinken?« fragt sie ihn.
»Willst du an den Tisch zurück?«
»Nein, ich will mit dir allein sitzen.«
»Was so einem Mönch doch alles in den Schoß fällt. Also komm. Dort das Pärchen macht uns gerade Platz. Eine behagliche, dunkle Ecke, geschaffen zum Kosen.«
Sie schlürft langsam den Wein und sieht ihn an. Er hält seine Augen fest in die ihren gesenkt, als wollte er sie zwingen.
»Ich glaube, du kannst grausam sein.«
»Ich weiß das nicht.«
»Macht es dir Freude, mich zu quälen?«
»Ja,« lacht sie girrend.
»Du bist kokett.«
»Vielleicht.«
»Ich muß dir aber gestehen, daß es mir durchaus nicht schwerfällt, deiner Lockung zu widerstehen.«
Sie sieht ihn an. Spricht er die Wahrheit? Sie wußte, er war in ihrem Bann, sie wußte, daß er sie als seine Beute betrachtete. Oh, daß er es wagte! Es reizte sie, diesen Mann zu quälen, zu peinigen. Ja, es war wahr, eine grausame Freude fühlte sie. Am Narrenseile wollte sie ihn führen. Das sollte ihre Rache sein.
Sie lachte, ein leises, girrendes Lachen. Sie hatte schnell getrunken. Das Blut prickelte ihr in den Adern. Sie schloß für einen Moment die Augen. Herrschen und beherrschen. Eine Welt zu ihren Füßen. Das war lachendes, jauchzendes Leben.
»Oh -- ein vom Himmel gefallener Stern.« Der schlanke Ritter stand vor den beiden und sah sie mit kläglicher Miene an.
»Sanft vom Himmel herniedergeglitten, um die Menschenkinder zu ergründen, mein Ritter,« spricht Gerda.
»Eine schwere Aufgabe hast du dir da gestellt, mein schimmernder Stern.«
»Ich wähnte sie schwer und fand sie spielend leicht.«
»So hast du deine Aufgabe schon gelöst?«
Sie nickt.
»Und darf man fragen, wie hast du die Menschen gefunden?«
»Bah --,« sie verzieht höhnisch den Mund. »In allen wohnt eine grenzenlose Gier, ein wütender Hunger nach Liebe. Sie sind toll nach Liebe, nach Zweisamkeit.«
Sie hat es verächtlich gesprochen, daß die beiden Männer sie überrascht ansahen.
»Und das gefällt dir nicht? Daraus machst du den Menschen einen Vorwurf?« Winkelmann hatte sie gefragt.
»Jawohl, das tue ich.«
»Sie, eine Frau, Sie wollen die Liebe verbannen?« sagt Reitzenstein.
»Das will ich nicht. Aber ich will nicht, daß die Menschen sich von ihr beherrschen lassen. Daß sie zügellos ohne Besinnen sich ihr hingeben. Und daß die Liebe schmutzig, häßlich und gemein wird.«
»Aber, mein gnädiges Fräulein,« Reitzenstein sagt es erregt, »wie können Sie so sprechen? So sprechen, als von allen Menschen. Diese Vorwürfe können Sie doch nur einer kleinen Minderheit machen!«
Gerda lächelt ironisch. »Sie glauben?« Sie macht eine kleine Handbewegung und deutet in die Runde. »Bitte, schauen Sie um sich, und sehen Sie den Menschen in die Augen.«
Und da waren Augen, hungrige, bettelnde Augen, die flehten um Liebe. Und andere, flackernd und heiß, die forderten Lust. Und gierige, die fraßen sich fest und wühlten und wühlten durch Mark und Bein und machten das Blut aufpeitschen, daß die Sinne schrien nach Befriedigung. Und noch andere, lüstern und scheu, die sprachen von heimlichen Sünden, von Tollheit und Rausch. Und Arme umschlangen sich. Lippenpaare lagen aufeinander und tauschten Kuß um Kuß.
Dann sahen die beiden Männer auf die Augen, die kühl und klar, herrisch sie anblickten.
»Sterne sind nicht von dieser Welt. Kehre an deinen Himmel zurück, Königin.«
»Oh, nein, ich werde bleiben. Bleiben in dieser Welt. Gehöre ich auch nicht zu ihr, so will ich doch leben in ihr. Doch nun an die Arbeit. Kommen Sie, Herr von Reitzenstein, jetzt tanzen wir. Und du, Mönch, geh’ und predige Entsagung!« -- --
* * *
Es war zwei Tage nach dem Künstlerfest. Ebba saß in der Kaminecke und erwartete ihre Freunde. Ein wenig würden sie wohl noch auf sich warten lassen. Zeit für sie, ihren Gedanken nachzuhängen. Die Scheite im offenen Kaminfeuer knisterten und verbreiteten eine wohlige Wärme. Ebba dachte an Thea Westphal. Ob Inge ›das ballspielende Kind‹ gesehen hatte? Und Lukas! Wo war Lukas gewesen? Kümmerte er sich denn gar nicht um seine Frau? Hatte er sich auch mit seiner Frau auseinandergelebt, so war doch Inge da, ihr gegenüber hatte er Pflichten. Sie konnte ihm den Vorwurf der Schwäche und Charakterlosigkeit dieser Frau gegenüber nicht ersparen. Und doch hatte sie ein grenzenloses Mitleid für ihn.
Leise öffnete sich die Tür, und der, an den sie eben so lebhaft gedacht, stand vor ihr.
»Lukas, du?«
Er sah blaß und übernächtigt aus. In seinen Augen lag ein scheues, flackerndes Zucken. Schwer ließ er sich in den Sessel fallen. Er sah sich um. Hier war es still und milde. Ja, hier war seine Zuflucht.
Eine sanfte Helle lag über dem zierlich gedeckten Teetisch, während der andere Teil des Zimmers in Halbdämmer lag. Die Bilder, die ruhigen Möbel! Er dachte an grell bestrahlte Räume voll Prunk und an eine Frau, die nur von Vergnügungen und Eitelkeiten wußte.
Es schien, als fröre ihn.
»Lukas, was hast du! Du frierst?«
»Ich friere innerlich, Ebba.«
Sie schenkte ihm Tee ein und beobachtete ihn. Er schien verstört, sein Aussehen beunruhigte sie.
»Was ist geschehen?«
Er lächelte mühsam und wehrte ab.
»Mir ist nicht ganz wohl. Die Aufregungen -- Geldsachen --«
»Lukas, du kannst so nicht weiterleben, du gehst ja zu Grunde.«
Da sank der Mann zusammen und stöhnte qualvoll: »Hilf mir, Ebba, ich bin am Ende!«
»Ich helfe dir, Lukas, aber sprich offen mit mir, was dich bedrückt.«
Er sprach stoßweise. »Meine aufreibendste Arbeit ist, in nächtlichen Stunden ausgleichende Rechnungen aufzustellen, Gelder aufzunehmen -- Ordnung zu schaffen. -- Thea -- weißt du -- jeder Begriff von Zahlen fehlt ihr -- das Geld muß herbeigeschafft werden -- es ist nicht immer leicht -- weißt du -- und das letzte Mal -- ich konnte nicht aus eigenen Mitteln decken -- war nach anderer Seite zu stark engagiert -- glaube mir, ich habe entsetzlich gelitten -- habe eine ganze Woche die Hand am Revolver gehabt -- -- --«
Ebba war, leichenblaß, aufgefahren.
»Bleib ruhig. Es ist noch mal vorübergegangen. Und nie wieder -- das verspreche ich dir -- sie muß vernünftig sein -- wir müssen uns einschränken -- es ist immer noch genug, um anständig zu leben -- aber sie -- Thea -- sie kann das Leben nicht so genießen, wie sie es wünscht --«
»Wir sind nicht zum Genießen auf der Welt, das hättest du deiner Frau längst beibringen sollen. Daran geht ihr modernen Menschen ja zu Grunde. An der Gier nach Geld und Genuß. Du und Thea, ihr habt in dieser eurer Gier eure Pflichten versäumt. Zweck des Daseins ist: Pflichterfüllung. Meinst du nicht, du hättest mehr für deine Frau und dein Kind getan, wenn du ihre Seelen und ihren Charakter gebildet hättest, statt sie mit kaltem Gold zu versehen?«
Schuldbewußt senkte er das Haupt. »Ich bin schwach gewesen, ich weiß es. Meine Inge! Ja, sie wird nicht erzogen. Und ich -- ich kann mich nicht um sie kümmern -- ich habe keine Zeit -- ja, wenn man Zeit hätte --«
»Du wirst jetzt Zeit haben, Lukas. Du wirst dich zurückziehen, und ihr werdet von den Zinsen deines Kapitals leben können.«
»Ebba, -- nachdem ich den -- den Fehlbetrag gedeckt -- besitze ich kein Vermögen mehr.«
»Ist alles gedeckt, Lukas? Sprichst du auch offen zu mir? Du weißt, ich helfe dir.«
»Alles.«
»Dann mußt du natürlich bleiben, aber du mußt deine anderen Tätigkeiten einschränken. Du darfst deine Nerven nicht ruinieren, du mußt dich deiner Tochter erhalten.«
»Aber Thea?«
»Du mußt mit ihr sprechen. Sie muß vernünftig werden.«
Er seufzte. »Du weißt nicht, wie oft ich sie schon gebeten habe, weniger Geldausgaben zu machen, nur auf kurze Zeit. Hätte sie es getan, wir wären nicht so weit gekommen. Sie kann es nicht, Ebba, sie kann nicht.«
»Sie muß. Sprich offen mit ihr, beschönige nichts. Du wirst sie an deiner Seite finden, Lukas, vielleicht findet ihr euch dadurch wieder zusammen. Sie wird einsehen, daß ein großes Teil der Schuld auf ihrer Seite ruht. Und das wird sie vernünftig machen.«
»Du siehst sehr rosig, Ebba. Ich glaube nicht an Theas Einsicht.«
Lukas war gegangen. Lotte Wunsch und Gehring saßen jetzt Ebba gegenüber. Man sprach von dem Künstlerfest.
»Ja, meine Gnädige, da haben sie das Resultat. Der Kultus des lieben ›Ich‹, die Predigten vom Rechte der Sinnlichkeit, hat viel Lebensverwirrung gezeitigt.«
Ebbas feines Gesicht verzog sich schmerzlich. »Mir scheint, als tanze man hier auf einem Vulkan, als müsse der Krater sich öffnen und Verderben speien. Als müßten rotglühende Flammen hervorschießen und alles mit sich reißen in Nacht und Grauen.«
Gehring sah sinnend vor sich nieder und erwiderte: »Wir leben in einer Zeit verächtlicher Gleichgültigkeit der Menschen untereinander. Die Menschen müssen wieder lernen, einander entgegenkommen, müssen aus der Oberflächlichkeit unseres heutigen Gesellschaftslebens zurückkehren zu einfachen Sitten.«
»Mir scheint, das hieße neue Menschen schaffen.«
»Die Menschen müssen erwachen. Sie müssen den Abgrund sehen, dem sie entgegensteuern. Große Ereignisse müssen sie aufrütteln.«
»Ja, die Menschheit befindet sich auf einer schiefen Ebene, von der nur ein großes Naturereignis sie ablenken kann,« sagte Lotte.
»Ich denke nicht an ein Naturereignis. Nein, Schmerz und Leid, Elend und Grauen, kann nur der Mensch dem Menschen bereiten. Die Menschheit muß zur Tiefe des Gemüts gelangen, das kann sie nur durch Wunden, die der Mensch dem Menschen schlägt.«
Ebba schauerte zusammen. »Ein Wüten von Mensch zu Mensch? Auf eine so niedere Stufe wollen Sie die Menschheit stellen? Uns, die zivilisierte Welt?«
»Zivilisation ist etwas Anerzogenes. Sie kann hinweggespült werden. Ein Teil Bestie steckt in jedem Menschen.«
»Man könnte wirklich vor sich selbst schaudern, wenn man Sie beide hört.«
Lotte lachte. »Die Bestie wird nur gefährlich, wenn sie gereizt wird. Lassen wir sie in Frieden ruhen und sprechen wir von anderen Dingen. Wie geht es Inge, Ihrem Schützling?«
»Ich habe viel Freude an ihr. Das Mädel hat Herz und Gemüt, und ich hoffe, daß sie auf dem jetzigen Wege bleiben und vorwärtsschreiten wird.«
»Hüten Sie sie nur vor dem Einfluß der -- -- anderen jungen Mädchen, Ebba.«
»Ich glaube, jetzt ist nichts mehr zu fürchten.«
»Solange sie in Liebe und Verehrung an Ihnen hängt, sicher nicht. Ach, wenn die Mütter doch bedenken wollten, welche erzieherische Wirkung ein gutes Vorbild bei der jungen Generation hat.«
Gehring sah nachdenklich auf die beiden Frauen.
Mutter!
Lotte seine Frau und Mutter seiner Kinder! Sie, die Künstlerin -- Mutter! Und jetzt kam es ihm zum Bewußtsein, daß sie einen Beruf hatte, einen Beruf, den sie liebte, der sie ausfüllte. Wem würde sie gehören? Ihm oder ihrer Kunst. Ging nicht eines auf Kosten des anderen?
Er suchte ihre Augen. Und in den Augen lag ihre Seele. Eine Woge von Liebe und Verlangen schoß ihm entgegen, daß ihm war, als müsse er in dieser Flut sanft versinken. -- --
Eine große Stille lag über dem Raum.
Sie saßen schweigend beisammen und hingen ihren Gedanken nach.
Und in diese Stille plötzlich ein lauter, scharfer Ton.
Thea Westphal stand in der Tür.
Ebba war aufgefahren. Hatte sie denn die Macht, Menschen, an die sie intensiv dachte, herbeizuziehen?
»Störe ich?«
»Nicht im mindesten, komm, nimm Platz.«
»Gott, wie gemütlich. Eigentlich möchte ich mich gar nicht setzen, denn es sieht aus, als bliebe man in dieser Gemütlichkeit hier kleben, und dazu habe ich ganz und gar keine Zeit.«
»Das kann ich mir denken, Thea. Aber soviel Zeit, eine Tasse Tee zu trinken, wirst du wohl haben.«
»Ach, Fräulein Wunsch, wie entzückend haben Sie neulich auf dem Künstlerfest ausgesehen, rot ist Ihre Farbe, Sie sollten sie mehr bevorzugen, habe ich nicht recht, Herr Gehring? Übrigens, Ebba, wie hast du dich amüsiert? War es nicht herrlich? Auf so einem Fest kann man sich doch richtig austoben. Ach, ich liebe diese Berliner Karnevalfeste.«
»Haben Sie, gnädige Frau, einmal in Süddeutschland einen Karneval mitgemacht?« fragte Gehring.
»Leider nein. Da soll es ja noch toller und ungezwungener hergehen.«
»Scheint Ihnen das so lockend?«
»Ich möchte mich amüsieren bis zur Bewußtlosigkeit.«
»Und wenn du dann erwachst, Thea?«
»Dann habe ich eben mein Leben genossen. Sieh mich nicht so strafend an, Ebba. Ein paar Jahre Rausch muß ich noch haben. Sagen Sie, Fräulein Wunsch, habe ich nicht recht? Wenn wir Frauen wissen, daß unsere Schönheit im Schwinden begriffen, greifen wir gierig nach der Schale des Lebens und schlürfen doppeltes Maß.«
»Ich kann da nicht mitsprechen, denn ich habe vergessen, auf meine Schönheit zu achten.«
»Da haben Sie sich selbst das größte Unrecht getan, Fräulein Wunsch. Und ich kann Ihnen nur dringend raten, machen Sie dieses Unrecht gut, und holen Sie nach, was Sie versäumt haben.«
Lotte lächelte. »Ich will es versuchen.«
»Gott, Ebba! Das hätte ich ja beinahe vergessen! Ich soll dich fragen, ob du unserem Verein beitreten willst, die Exzellenz ist natürlich, wie ich vorausgesagt, entzückt von dir.«
Ebba wehrte erschrocken ab. »Um Gottes willen, laß mich mit Vereinsgeschichten in Ruhe, dafür bin ich nicht zu haben.«
»Aber warum denn nicht? Du solltest das nicht von der Hand weisen. Bedenke, du kannst dich nützlich machen, kannst vielleicht auch eine Rolle spielen.«
»Wozu ich nicht die mindeste Lust und auch kein Talent habe, Thea.«
»Du bist mir unbegreiflich, Ebba. Nichts scheint dich aus deiner Gleichgültigkeit herausbringen zu können. Wenn ich du wäre! Jung und -- frei --«
»Thea!«
»Ich weiß schon, ja, ich bin undankbar! Das alte Lied! Aber sagen Sie, Herr Gehring, jung, schön und begehrt und lustlos zum Lebensgenuß, begreifen Sie das?«
»Gnädige Frau, es kommt doch darauf an, wo man den Lebensgenuß sucht. Der eine sucht ihn in Vergnügen, der andere in der Arbeit und Pflichterfüllung.«
»Puh -- Arbeit nennen Sie Genuß?«
»Sicherlich.«
»Das ist mir unverständlich.« Sie zuckte die Achseln und erhob sich. »Da habe ich mich ja richtig festgeschwatzt. Ich muß auch an die Arbeit, zur Anprobe einer großen Gesellschaftstoilette. Und da möchte ich Ihnen eigentlich beipflichten, diese Arbeit kann unter Umständen auch ein Genuß sein, wenn nämlich das Kleid schick wird, Aufsehen erregt und den Neid meiner lieben Mitschwestern hervorruft.« Und lachend verabschiedete sich Thea.
* * *
Gnädiges Fräulein!
Ihr hohes Kunstinteresse und der außergewöhnliche Genuß, der Ihnen durch Benutzung beigelegter Karte bereitet werden dürfte, läßt mich wagen, Ihnen dieses Billett zu übersenden.