Part 7
Da lösten sich ihre Blicke von den seinen, und ein Zittern erfaßte den Körper des Weibes. Eine Scheu, eine grenzenlose Angst stieg in ihr auf. Nicht sehen jetzt, Herr Gott, gib eine Binde mir über die Augen! Nicht sehen bei diesem die weißglühende Flamme der Begierde. Und sie schloß die Augen. Da fühlte sie zwei Lippen auf ihrer Stirn, sanft wie ein Hauch. Scheu, fast ehrfurchtsvoll streifte sie sein Mund. Und sie wußte, diese Liebe war nicht von jener Art. Da öffnete sie die Augen, sah auf den Mann und umhüllte ihn mit grenzenloser, hingebender Liebe. -- --
Die Klänge eines Chopinschen Walzers klangen zu ihnen hinüber. Lotte fuhr empor. Gerda von Wangenheim! Sie sollte nach dem Pianisten singen. Sie mußte sie holen.
»Ich hole Fräulein von Wangenheim,« flüsterte sie Gehring zu.
Er schaute ihr nach. War es möglich? Konnte die Liebe den Menschen so verwandeln, oder war er wirklich nur gedankenlos an Lotte Wunsch vorübergegangen? Sie, die Kluge, die Gedankenvolle hatte nie vermocht, ihm einen Anreiz zur Liebe zu geben. Und auch sie selbst. Nie hatte sie ihm etwas anderes als Freundschaft entgegengebracht. Am Weihnachtsabend hatte er entdeckt, daß sie ihn liebte. Sie, die Kühle, der nüchterne Verstandesmensch brachte ihm Liebe entgegen. Was hatte sie zusammengebracht und ihre Liebe auflodern lassen? Liebte er sie denn? Oder war nur ihr Altern, verbunden mit der jugendlichen Frische ihres Gemütes und der erwachenden Liebe, ein pikanter Anreiz für ihn? Er wehrte den Gedanken von sich. Nein, das war keine Frau, die man liebte und dann beiseite schob. Kein Spiel, keine Leidenschaft. Wenn man sie begehrte, so liebte man sie auch. Rein und wahrhaftig als liebenswertes Weib, als Gattin und Mutter. Ja, aus diesem Holz wurden die Mütter geschnitzt. Dies war keine Frau, die man mit den Sinnen begehrte, dieser Frau brachte man das Herz, brachte man Achtung entgegen. --
»Kommen Sie, sie wird jetzt singen. Ich möchte sie sehen und hören, was man über sie spricht.« Ein wenig blaß und erregt stand sie vor ihm. --
Das Lied war zu Ende. Rauschender Beifall erklang, umprasselte die sich dankend Verneigende.
»Herrliches Geschöpf!« »Ein entzückendes Weib.« »Donnerwetter, das ist eine Erscheinung!« »Wie fanden Sie den Gesang?« »Gesang? Weiß ich nicht, habe nur auf die Erscheinung gesehen.« »Still doch, sie singt noch einmal.«
Und Gerda sang, und wieder umfing sie begeistertes Händeklatschen. Die Herren umringten sie und überschütteten sie mit Schmeicheleien. Ruhig und kühl stand sie inmitten der Schar. Ruhig und kühl von außen, aber mit dem Rot der Erregung auf den Wangen und mit einer wallenden Glut im Herzen. Also doch. Sie war eine Gottbegnadete, sie war eine Künstlerin. Ihr Gesang hatte gewirkt. Mein Gott, war das ein Gefühl, umbrandet von Beifallsrauschen, Worte der Anerkennung und Blicke der Bewunderung zu hören und zu sehen.
Thea Westphal stürzte auf sie zu und drückte ihr die Hände. Sie war überglücklich, sie ›entdeckt‹ zu haben. »Ich bitte Sie, meine Herren, vergessen Sie nicht, in meinem Hause hat diese gottbegnadete Künstlerin das erstemal gesungen. Und nun kommen Sie, Fräulein von Wangenheim, ich werde Sie mit unserm gefürchteten Musikkritiker bekannt machen.«
Der Kritiker sah lächelnd auf Gerda. »Gnädiges Fräulein, Sie haben viel Beifall gehabt. Wenn ich Ihnen raten darf, so vergessen Sie aber über dem Beifall nicht, noch recht fleißig zu studieren.«
Ein kalter Strahl war auf sie herniedergefahren, sang sie für einen oder sang sie für die Menge? Die Menge hatte ihr zugejubelt. Einer hatte ihr gesagt: Du bist noch am Anfang deines Könnens. Einer gegen viele. Aber dieser eine wog die hundert auf, denn er war der Kenner, und was er sagte, galt. Er hatte es nur zu ihr gesagt. Sagte er es laut, so sagten die hundert wie er.
»Gnädiges Fräulein, einfach gottvoll haben Sie gesungen. Ich bin noch ganz hin. Mein Gott, diese Stimme! Sie werden bald zu den ganz Großen gezählt werden.« Und Herr von Reitzenstein legte die Hand aufs Herz und sah Gerda bewundernd an.
Sie seufzte. »Ach, das kann noch lange dauern.«
»Aber, gnädiges Fräulein, so mutlos nach diesem Erfolg? Was verlangen Sie denn noch mehr? Mehr als die Handschuhe zerklatschen und Ihnen sein Herz zu Füßen legen, mehr kann man doch nicht tun.« Und er zeigte ihr seine Hände mit den geplatzten Handschuhnähten.
Sie lächelte. »Nein, wahrhaftig, mehr verlange ich auch nicht. Ihnen habe ich ein gut Teil meines Erfolges zu verdanken, wie mir scheint.«
Er wehrte ab. »Wenn gnädiges Fräulein nicht so entzückend gesungen hätten und so blendend aussehen würden, hätte ich wohl schwerlich die andern mit fortgerissen.«
»Fräulein von Wangenheim, endlich kann ich mich zu Ihnen hindurchdrängen.« Und Lotte Wunsch streckte ihr die Hand entgegen. »Gut haben Sie Ihre Sache gemacht. Und tapfer haben Sie die erste Angst bekämpft. Ich wurde etwas ängstlich, als Sie anfingen und Ihre Stimme so stark vibrierte. Aber Sie haben sich durchgesungen.«
»Sie glauben also, daß ich zufrieden sein kann?«
»Na, erlauben Sie mal. Sie haben sich hier in diesem großen Kreis gut eingeführt, haben Beifall geerntet, und da fragen Sie noch, ob Sie zufrieden sein können? Man ist aufmerksam auf Sie geworden, man ist vorbereitet, Sie im Konzertsaal zu hören, man erwartet etwas von Ihnen; daß Sie nicht enttäuschen, das ist Ihre Sache, Kind.«
Kurt Winkelmann, der sich abseits der Gerda umgebenden Gruppe gehalten hatte, gesellte sich zu ihnen. Ohne Gerda von Wangenheim zu beachten, trat er zu Lotte Wunsch und unterhielt sich mit ihr. Gerda, aufgestachelt durch die sie umgebenden Huldigungen, wandte sich ihm zu und sprach hochmütigen Tones: »Sie, Herr Winkelmann, sind der einzige, welcher nichts über meinen Gesang zu sagen weiß.«
Ein kleines, mokantes Lächeln ging über seine Züge. »Ich liebe es nicht, mit der Masse zu gehen, gnädiges Fräulein. Ihr erstes Auftreten hat einen viel zu tiefen Eindruck auf mich gemacht, als daß ich imstande wäre, Ihnen mit ein paar banalen Redensarten aufzuwarten.«
Der Hochmut und die spöttische Überlegenheit wichen aus ihren Mienen. Welcher Ton! Hatte sie ihm dennoch Unrecht getan? War er wirklich tieferer Eindrücke fähig? Und ihr Gesang sollte das zu Wege gebracht haben? Da hätte sie ja die erwartete Wirkung. Sie sah ihm voll in die Augen. Dann hielt sie ihm die Rechte entgegen und erwiderte: »Diese Worte sagen mir mehr als all die Komplimente.«
Kühl und gelassen verbeugte er sich, berührte mit seinen Lippen die ihm entgegengestreckte Hand und fragte: »Ist es Ihnen unangenehm, wenn ich den heutigen Gesellschaftsabend in Ihrer Pension besuche?«
»Unangenehm, mir? Wie kommen Sie darauf?« Und wieder schlich sich der Hochmut auf ihre Züge.
»Ich glaube bemerkt zu haben, daß Sie, gnädiges Fräulein, mir eine gewisse Antipathie entgegenbringen.«
»Sie täuschen sich, Herr Winkelmann, dazu liegen doch wohl zu wenig Berührungspunkte zwischen uns.«
Er biß sich auf die Lippen. »Verzeihen gnädiges Fräulein meine Anmaßung.«
»Gnädiges Fräulein, Sie machen doch auch mit? Wir sind schon eine große Gesellschaft beisammen, Sie müssen auch dabei sein, unbedingt!«
Herr von Reitzenstein war zu Gerda getreten.
»Wobei denn, was soll ich mitmachen?«
»Das Kostümfest der Kunstschule. Ein herrliches, ungezwungenes Fest. Da kann man seiner Laune so ganz die Zügel schießen lassen.«
»Vorausgesetzt, daß man die passende Partnerin dazu findet, Herr von Reitzenstein,« wandte Lotte ein.
»Findet man immer, gnädiges Fräulein. Auswahl zur Genüge.«
»Wählerisch scheinen Sie gerade nicht zu sein.«
»Sie irren, meine Gnädige. Aber man hat eben die Wahl. Das sagt alles.«
»Sie mögen recht haben. Sagen Sie zu, Fräulein von Wangenheim, ich nehme Sie in meinen Schutz. Sie müssen so ein Künstlerfest einmal mitmachen. Allerdings ist in meinen Augen immerhin eine Gefahr damit verbunden. Diese Berliner Kostümfeste können zweierlei Wirkung haben. Entweder sie verwirren die Begriffe, oder aber, sie festigen den Charakter.«
»Na, erlauben Sie mal, verfehlter Zweck eines Kostümfestes. Amüsieren, amüsieren und noch einmal amüsieren -- das allein soll die Wirkung sein und ist es auch, wenigstens für uns gewöhnliche Sterbliche. Solche Künstlernaturen, wie unsere große Bildhauerin, mögen ja wohl mit anderen Augen schauen. Schäumender Übermut, prickelnde Lebensfreude, so ist auf mich die Wirkung. Leben und genießen.«
»Mir scheint, Sie huldigen diesem Wahlspruch auch außerhalb der Kostümfeste, Herr von Reitzenstein.«
»Na ob, gnädiges Fräulein. Man ist doch nur einmal jung. Wenn ich erst ein oller Tapergreis bin, bleibt mir ja doch nichts weiter als die Erinnerung.«
»Wenn Ihnen Ihre Erinnerungen von nichts anderem zu erzählen wissen als von Genuß und schäumendem Übermut, so können Sie mir leid tun.«
»Das Schicksal meint es gut mit mir, Fräulein Wunsch. Bis jetzt bin ich immer auf der heiteren Seite des Lebens gewandelt, aber glauben Sie mir, wenn es mal anders kommen sollte, so werde ich schon fest stehen und werde beweisen, daß man trotz Liebe zum Genuß auch imstande ist, etwas zu leisten.«
»Wenn Sie bis dahin nicht schon zu verweichlicht sind.«
»Das bleibt erst abzuwarten.«
* * *
Um Lotte Wunsch glühten und knisterten Flammen. Eingehüllt in eine Feuerwolke ging sie umher. Er war gekommen und hatte sie in seine Arme genommen. Still, mit großen Augen, hatte sie zu ihm emporgeblickt. Da schlossen seine Lippen die forschenden Augen. Es kam wie eine leise, leise Wonne das Bewußtsein des Erwachens aus einem bösen Traum über sie. Sie war unterjocht, bedrückt gewesen von diesem Häßlichen und Starren. Es war in ihren Augen, in ihren Ohren gewesen und hatte ihre Gedanken vergiftet. Und das Häßliche sank ohnmächtig in stille Tiefen, und empor stieg die Flamme der reinen stillen Liebe. Er hielt sie fest in seinen Armen und küßte ihren Mund. Oh, diese glühende Gewalt. All ihr Denken und Fühlen verwehte in diesem Brande. Der Gedanke der Hingabe an diesen Mann, den sie liebte, dem sie sich zu eigen gab, machte sie glückselig. Das war die Erfüllung ihres Weibtums.
* * *
»Lotte, ist es möglich, kann mit dem Kleid auch der Mensch sich wandeln? Sie stellen eine Feuerwolke dar und scheinen es auch zu sein. Kostüm und Laune scheinen eins zu sein. Wählten Sie das Kleid zur Stimmung oder kam Ihnen die Stimmung im Kleide? Mir scheint, es brennt um Sie her.«
»Es brennt, es brennt, Frau Ebba, heiß und lichterloh.«
»Woher kam der Wind, das Feuer zu entfachen?«
Lachend fiel Lotte der Freundin um den Hals. »Aus den Falten des Kleides.«
»Das ist nicht wahr. Das Feuer ist in Ihnen und durchleuchtet Ihr Kleid. Doch nun stehen Sie einen Augenblick ganz still, damit ich mir das Kunstwerk genau betrachten kann.«
Und Lotte stand in der Mitte ihres Zimmers und ließ sich bewundern. Brandrote geschlitzte Seide fiel flatternd und spielend in der Bewegung wie eine Flamme über ein gleichfarbenes Unterkleid. Die dunklen Haare fielen leichtgelockt bis auf die Schultern. Über die Stirn hatte sie eine Korallenschnur gelegt, deren Ende am Hinterkopf zusammengeknotet über Nacken und Rücken liefen, um auf den Brüsten in zwei Rubinsteinen zu enden. Die Seide bauschte und wirbelte und brachte Unruhe.
»Nun?«
»Ich will Ihnen etwas sagen, Lotte. Wenn Sie mir dies Kostüm vorher beschrieben hätten, würde ich Ihnen gesagt haben, Sie passen nicht hinein. Heut kann ich Ihnen nur sagen, Sie hätten nichts Passenderes und Kleidsameres wählen können.«
»Das finde auch ich,« sagte Fräulein von Wangenheim, die soeben eintrat.
Die beiden sahen ihr entgegen.
»Wie eine Königin sehen Sie aus, Fräulein von Wangenheim.«
»Für heut wollen Sie ja wohl auch eine vorstellen, wie mir scheint. Das Kleid der Königin der Nacht soll es doch sein?«
»An eine Königin habe ich weniger gedacht. Ich will nur einen Stern vorstellen.«
»Flimmernd und gleißend in unerreichbarer Höhe,« fiel ihr Lotte ins Wort. »Aber ein bißchen königlich sehen Sie doch aus, trotz des kurzen Rockes.«
Gerdas schlanke Figur war von einem schwarzen, mit silbernen Sternen bestickten Chiffonkleid umgeben, das ganz aus Volants bestand.
Aus der stark markierten Taille tauchten Schultern und Arme kühl und weiß aus diesem Chiffongewirr hervor. In den goldroten Haaren funkelte und zitterte ein einzelner Stern.
»So, meine Damen, nun muß ich Sie bitten, ehe wir gehen, mit mir dieser Flasche den Hals zu brechen. Sie müssen ein bißchen in Stimmung kommen und dazu ist ein Glas Wein das beste Mittel.«
Lotte hatte die bereitgestellte Flasche entkorkt und goß den Wein in die Kelche.
»Sie sind wirklich in Karnevalstimmung, Lotte.«
»Vergessen Sie nicht, daß ich Künstlerblut in den Adern habe, Ebba.
Trinken Sie, Fräulein von Wangenheim, Sie sehen wirklich nicht aus, als ob Sie zu einem Ball gehen wollten.«
»Ich muß Ihnen gestehen, daß mir etwas unbehaglich zumute ist. Wenn dies auch nicht das erste Maskenfest ist, welches ich besuche, so habe ich doch einen Schrecken vor all den fremden Menschen, die unter der Maske verborgen sind. Bei uns war man doch stets in seinem Kreise, fremde Elemente konnten nicht eindringen -- aber hier -- man kann nicht wissen, mit wem der Zufall einen zusammenführt.«
Lotte lachte. »Sie sind Künstlerin, Sie brauchen die Menschen und fürchten sich vor ihnen?«
»Ja, ich scheue mich, mit ihnen in Berührung zu kommen.«
»Ihnen steckt der Aristokrat im Blut. Sie werden in Ihrer Laufbahn harte Kämpfe bestehen müssen, oder aber -- -- -- trinken Sie, Frau Ebba, auch Ihnen würde ein wenig Farbe kleidsam sein. Sie sehen beide noch viel zu blaß aus.«
Ebba, im Gewand einer Griechin, lehnte das Haupt zurück, trank und sagte: »Auch ich liebe solche Massenfeste nicht und trotzdem besuche ich sie ab und zu gern einmal, um mich an den gut gekleideten Menschen, an dem künstlerischen Rahmen, an dem ganzen Bild, das solche Feste bieten, zu erfreuen. Ich käme nicht auf den Gedanken mitzutollen, mitzumachen, nein, ich genieße als Zuschauerin.«
»Ich bin Zuschauerin, oft Durchschauerin, und mache auch mit, wenn es mir paßt und ich mir zusagende Menschen finde.« Und Lotte schenkte noch einmal die Gläser voll. »Doch nun ist es Zeit, nehmen Sie Ihre Masken zur Hand und schalten wir uns ein mit dem letzten Schluck zum fröhlichen Genießen.« -- -- --
Eine heiße schwere Luft schlägt ihnen entgegen, als sie den Saal betreten. Die Lampen sind mit orangefarbenen Schleiern verhängt und verbreiten ein mattopalisierendes Licht. Seide, Sammet und Spitzen rauschen und flattern in sinnverwirrenden Farben vorüber. Ketten und Spangen klirren. Perlengehänge und Steine funkeln und gleißen. Und aus all dem Gewirr tauchen Arme, weiß und kühl, locken blühende Schultern und feurig atmende Brüste. Eine Gruppe, sich an den Händen haltend, wirbelt durch den Saal, zerrt bald nach rechts, bald nach links. Sie eilen auf die drei Frauen zu und nehmen sie mit Hallo in ihre Mitte. Und nun geht der Spektakel los. Unter Johlen und Jauchzen vollführen sie einen Indianertanz um ihre Opfer. Gerda steht atemlos und klammert sich an Lotte. »Mein Gott, was sind das für Menschen!« Lotte lacht. »Junge, übermütige Künstler. Passen Sie auf, gleich werden wir aufgegriffen werden und auseinandergewirbelt.« Ein wilder Freudensprung, begleitet von ohrenzerreißendem Aufschrei, macht Gerda zusammenzucken. Dann fühlt sie sich um die Taille genommen und wie toll umhergewirbelt. Sie wehrt sich und versucht sich aus den sie haltenden Armen zu befreien. »Ich mag das nicht,« stößt sie hervor. Aus einem braungeschminkten bärtigen Männerantlitz funkeln ihr nachtschwarze, feurige Augen entgegen, und heiße Lippen lachen: »Mummenschanz, schlanke Maske!« Und fester umspannen sie die starken Arme, und sie muß tanzen, tanzen. »Laß mich in deinem kühlen Licht gesunden, holder Stern. Wisse, heiße Glut tobt mir in den Adern, ich brauche milde Strahlen, um diese Glut zu dämpfen. Sei du mein Stern in dieser Nacht.« Er hat aufgehört zu tanzen. Mit einem Ruck reißt sie sich los. Ihre Augen sprühen ihn an. »Ich liebe dergleichen Scherze nicht.« »Gnädigste sollten nur Hoffestlichkeiten besuchen.« Er verbeugt sich tief und geht von dannen. Zwei schlanke Rattenfänger umkreisen sie und suchen sie im Charakter ihrer Rollen zu locken. Sie achtet nicht darauf. Unruhig sucht sie das feuerfarbene Gewand zu erspähen oder der Griechin sich nähern zu können. Fortgewirbelt waren auch sie.
»So einsam, schöne Königin?«
»Ich bin keine Königin.«
»In meinen Augen bist du es. Gestattest du, daß ich dich führe?«
Und der zierliche Ritter verneigt sich und bietet ihr den Arm.
Gerda atmet auf. Wirklich ein Ritter! Sie neigt das Haupt und legt ihren Arm in den seinen. -- --
»Ich weiß, wer du bist, du flackerndes Feuer du! Ich weiß, wer du bist.«
Junge starke Arme haben auch Lotte umschlungen und von ihren Gefährtinnen getrennt.
Sie lacht leise und schüttelt den Kopf.
»Gib deine Hand,« und er zeichnet ihren Namen in ihre Hand.
Wieder verneint sie.
»Und doch bist du es, scheinst du auch heut anders.« Sie versucht zu entschlüpfen, er hascht die rote Seide. »Du wirst dich verbrennen.«
»Tut nichts. Wunden, die man schlägt, muß man auch heilen.«
»Das kann man nicht immer.«
»Ha, jetzt hast du dich verraten! Lotte Wunsch, Lotte Wunsch!«
Sie hatte mit ihrer natürlichen Stimme gesprochen, hatte vergessen, ihre Stimme zu verstellen. Sie eilt davon. Er hinter ihr her. Sie rennt lachend im Übermut durch den Saal, drängt und stößt die Menschen auseinander, daß alles hinter ihr her schreit. Aufatmend bleibt sie endlich stehen. Da sieht sie an der Tür gegenüber eine dunkle schlanke Gestalt suchend in den Saal spähen. Sie eilt hinüber und fliegt dem schlanken Manne um den Hals.
»Da hast du mich, da bin ich.«
»Lotte, was bist du für ein tolles Kind. Und das nennst du Verstecken spielen? Du wolltest dich suchen lassen, und kaum, daß du mich siehst, fliegst du mir entgegen.«
»Ach du, wie kann ich denn!« Sie reißt sich die Maske vom Gesicht und sieht ihn mit ihren klaren, ernsten Augen an. »Als ich dich sah, da wollte ich eben bei dir sein, alles andere ist ja so gleichgültig.«
»Lotte, ich wußte nicht, daß du so ungestüm sein kannst.«
Er nimmt ihren Kopf zwischen seine Hände und sieht sie an. »Wie schön du heute aussiehst.«
Sie erglüht unter seinem Blick.
»Hast du mich gesucht?«
»Auf der Suche nach dir fand ich Frau Ebba. Wir haben uns schon mit Winkelmann und einigen Bekannten zusammengefunden.«
Sie hing sich in seinen Arm. »Du, Paul, wenn sie nun hellsichtig sind und merken, wie es zwischen uns steht?«
»Wäre das so schlimm?«
»Schlimm, nein. Aber du weißt, ehe ich nicht mein großes Werk vollendet, möchte ich unsere Verlobung nicht bekanntgeben. Es würden gesellschaftliche Verpflichtungen entstehen die mich von meiner Arbeit abhielten. Auch ist eine lange Verlobung nicht in deinem Sinne. Folglich müssen wir noch Masken tragen.«
»Das wird mir schwer fallen. Ich habe kein Talent zum Komödiespielen.«
»Nun, heute unter dem Schutz der Maskenfreiheit darfst du schon ein wenig aus der Rolle fallen.«
»Hallo, Gehring, Sie laufen ja an uns vorüber -- hier, hier sitzen wir!«
Gehring und Lotte traten an den Tisch.
»Ah, Sie haben das Feuer eingefangen, hoffentlich haben Sie sich nicht die Finger daran verbrannt.«
»Die Finger nicht, wohl aber das Herz.«
»Kann also gefährlich werden?«
»Vielleicht.«
Winkelmann war aufgestanden und bot Lotte seinen Stuhl.
»Gnädiges Fräulein, so sollten Sie immer aussehen.«
»Ich kann doch nicht alle Tage brennen und als Flamme umherlaufen.«
»Ich meine nicht das Kleid, Fräulein Wunsch, Sie wissen es wohl.
Es ist etwas in Ihrem Gesicht, in Ihrem Wesen -- was das ist und woher das kommt -- das kann ich noch nicht feststellen -- ich muß Sie erst daraufhin beobachten.«
»Das lassen Sie lieber bleiben,« lachte sie ihn an, »lohnt sich nicht der Mühe. Ich bin eben in Karnevalsstimmung, morgen ist alles wieder grau.«
»Das wäre schade. Wenn Sie wüßten, wie --«
»viel jünger Sie erscheinen,« vollendet sie.
»Das wollte ich nun nicht gerade sagen.«
»Sie dachten es aber und wollten es nur anders ausdrücken.«
»Man ist immer nur so alt, als man sich fühlt, das wissen Sie doch.«
»Dann scheine ich heute nicht nur jung, sondern bin es wirklich.«
Sie reckt sich in die Höhe und wirft einen liebkosenden Blick zu Gehring hinüber.
Winkelmann sah den Blick und lächelt. Er nimmt sein Glas in die Hand, beugt sich zu ihr und sagt: »Auf daß Ihre Jugend lange währe.«
»Nun, was sagen Sie zu dem Leben hier, gnädige Frau?« wandte sich Gehring zu Ebba.
Ebba saß neben dem braunen, bärtigen Antlitz, dem Manne, der Gerda in den Saal gewirbelt hatte, Arno Stürmer, einem der bekanntesten Maler. Er hatte sich angelegentlich mit Ebba unterhalten und ihr die Namen anwesender bekannter Persönlichkeiten genannt. Sie hatten einen Tisch gewählt, an dem alles, was in den großen Tanzsaal drängte, an ihnen vorüberfluten mußte. War der Türrahmen nicht von Herumstehenden gefüllt, so konnten sie auch einen großen Teil des Saales übersehen.
»Das Bild als solches finde ich berauschend schön. Der geschmackvoll dekorierte Saal, das gedämpfte Licht und die wogende buntfarbene Menge geben unbedingt Fest- und Freudestimmung. Bis jetzt habe ich das Bild als Ganzes auf mich wirken lassen, nun bin ich daran, es zu zergliedern. Ich habe noch nie so wundervolle Kostüme gesehen.«
»Ja, dafür sind Sie auch auf einem Künstlerfest,« versetzte der Maler. »Sehen Sie diese Inderin, gnädige Frau, das ganze Kostüm ist echt. Und wie wundervoll sie die Haut getönt hat. Es ist die Frau eines bekannten Bildhauers. Und dort den entzückend aussehenden italienischen Strauchdieb mit den melancholischen, bettelnden Augen. Ja, die Künstler verstehen es, sich in die Haut, die sie für den Abend gewählt haben, hineinzuschmiegen.«
»Das liegt wohl daran, weil sie wissen, was für ihre Eigenart passend ist.«
»Es ist eben der Künstlerblick,« warf Gehring dazwischen.
Die zwei Rattenfänger waren in die Tür getreten und näherten sich flötend dem Tisch.
»Macht, daß ihr fortkommt, ihr Verführer. Könnte euch passen, unsere Liebsten zu locken.« Der Maler wetterte ihnen entgegen.
Die beiden spielten, lockten und umkreisten den Tisch.
Es waren zwei schlanke jugendliche Gestalten, die eine blond, die andere schwarz. Die eine das Urbild der germanischen Rasse, die andere von pikantem Reiz erinnerte an Bilder altjüdischer Frauen. Der Maler war aufgesprungen und haschte nach ihnen. Er bekam die Blonde zu fassen und umschlang sie. »Loskaufen, du Lockvogel,« und er versuchte, sie zu küssen.
Sie zappelte und wehrte sich. Da eilte die Schwarze zur Hilfe und kitzelte ihn mit ihrer langen Hutfeder. Da war das Zappeln an ihm. Die Blonde entwischte seinen Armen, und beide hänselten ihn mit ihren Federn. Die ganze Tischgesellschaft lachte und hatte ihre Freude an seinen Krümmungen und Sprüngen.
Endlich rief Gehring ihnen zu: »Genug, Jungens, schließt Frieden und gibt ihn frei. Kommt an unsern Tisch und trinkt mit uns, aber laßt unsere Frauen in Ruh, das will ich euch geraten haben. Sonst bekommt ihr es auch mit mir zu tun.«
»Hu,« schrien die Rattenfänger, »was für Angst wir haben! Unsere Waffe wird ja auch bei dir ihre Dienste tun.« Und sie hielten ihm die Feder unter die Nase.
Ebba hob die Hand. »Laßt es gut sein, kommt und plaudert.« Und sie setzten sich zu ihnen.
»Das werdet ihr mir noch büßen müssen, ihr Racker,« grollte der Maler. Er stürzte ein Glas Wein hinunter. Seine Augen blieben auf Lotte haften. »Du großes Feuer, komm, tanz’ mit mir.« Er war aufgestanden und zu Lotte getreten. Sie zögerte. »Na, zum Stillsitzen sind wir doch nicht hergekommen. Hier tollt man sich aus. Wer genug getollt hat, mag sich setzen, ich fange erst an, komm.« Sie war aufgestanden, er umfaßte sie und tanzte mit ihr in den Saal hinein.
»Lottes durchgeistigte feine Züge neben diesem Urbild der Kraft zu sehen, ist reizvoll,« sagte Ebba. »Wenn die beiden einen Kampf miteinander zu bestehen hätten, wer würde siegen? Brutalität oder Geist?«