Part 6
Lange saßen sie schweigend Hand in Hand, dann flüsterten die jungen Lippen: »Wenn du meine Mutter wärest!«
»Ich will es sein, Inge.«
»Darf ich Mutter zu dir sagen?«
Schweigend nickte Ebba. Sprechen konnte sie nicht, denn ein Schluchzen saß ihr in der Kehle. Ihr wochenlanges Bemühen ward von Erfolg gekrönt. Es war ihr gelungen, diese junge Seele von Schmutz und Schlacken zu befreien, den Kern, der von Häßlichem überwuchert, an die Oberfläche zu bringen. Nun lag dieses junge Herz in ihren Händen, an ihr war es, es zu hüten und zu pflegen, es zu bewahren vor schlechten Einflüssen.
Eine junge Seele hatte sich ihr zu eigen gegeben, ein Mensch war da, der sie brauchte, dem sie etwas sein konnte.
Weihnachten, das Geburtsfest der Liebe, es spendete ihr der Gaben schönste, es gab und forderte Liebe. --
»Jeder Mensch trägt sein Schicksal in sich.«
»So glauben Sie an eine Vorbestimmung?«
»Nicht in dem Sinne des Sichbeugens. Unser Schicksal ist uns vorgezeichnet, es zu erfüllen -- die Mittel und Wege dazu sind uns anheimgegeben. Wir lenken unser Schicksal auf Grund unserer Charakterbildung. Wir selbst sind verantwortlich für unser Leben.«
»Eine schwere Verantwortung wäre uns da aufgebürdet, Herr Gehring, und nicht viele würden bestehen.«
»Schwer wohl nur in dem Sinne, daß man sich seiner Verantwortung nicht bewußt wäre.«
»Ich empfinde umgekehrt! Das Bewußtsein meiner eigenen Verantwortlichkeit könnte mich zu Boden drücken.«
»Sie sagen wohlweislich: Könnte, Fräulein Wunsch, eine Natur wie die Ihrige kämpft mit dem Leben und zwingt das Schicksal.«
Lottes Augen flammten auf. »Sie haben recht, ich habe gekämpft, und ich werde weiter kämpfen. Ich werde das Schicksal zwingen nach meinem Willen, bin ich verantwortlich, so könnte man mich auch zur Verantwortung ziehen, etwas versäumt zu haben. Das darf nicht sein. Ich selbst bin mein Schicksal -- Sie haben recht, Gehring.«
»Nein, nein, sagen Sie das nicht! Ich selbst sollte verantwortlich sein für mein verpfuschtes Leben? Das wäre eine Vorstellung, die mich zu Tode peinigen könnte.« Und Ebbas zarte weiße Hand strich nervös über die Stirn.
»Gnädige Frau, Sie sprechen von einem verpfuschten Leben und stehen erst im Anfang Ihres bewußten Lebensweges. Wie können Sie wissen, ob nicht gerade dies, das Sie verpfuscht nennen, für Ihr weiteres Leben notwendig war, ob nicht gerade dies Sie auf den Pfad gebracht hat, der zum Zweck und Ziel Ihres Lebens Ihnen bestimmt ist. Wenn man so jung ist wie Sie, darf man nicht von einem verfehlten oder verpfuschten Leben sprechen. Ihr Leben zu erfüllen steht Ihnen noch bevor. Warten Sie noch zwanzig Jahre, und dann überschauen Sie Ihren Lebensweg. Vielleicht empfinden Sie dann, daß Ihnen der Kampf mit Leid und Schmerzen zum Segen geworden und daß Sie keinen dieser Leidenstage aus Ihrem Leben streichen möchten, denn aus diesem Leid erwuchs Ihnen vielleicht, was Ihr Leben reich und glücklich machte. Hören Sie folgende Verse von Lulu von Strauß und Torney:
Sieh, auch der Schmerz ist unermeßlich reich! Und keinen möcht ich missen und vergessen Der Schmerzenstage, die mein Fuß durchmessen. Sie waren schwarzen Marmorstufen gleich. Stumm bin ich über sie hinweggeschritten, Hoch türmten sich die Stufen Stein auf Stein, Und meine Tränen, die mir niederglitten, Verlöschten immer vor den müden Schritten Des dunklen Marmors edlen Spiegelschein.
Heut aber weiß ich, da ich rückwärts sehe: Der Zug der Stufen führte mich zur Höhe! Mir will das Herz in ernstem Dank sich weiten, Und auf der schwarzen Marmorstufen Glanz Leg ich als Opfer vor dem Weiterschreiten Noch einen vollen roten Rosenkranz.«
»Das ist schön gesagt, und ich danke Ihnen. Zweimal bin ich heute am Heiligen Abend wirklich beschenkt worden. Vor wenigen Stunden schenkte sich mir ein Kinderherz, um das ich ehrlich und eindringlich geworben, und jetzt zeigen Sie mir den Weg, mir meine Schmerzenstage nutzbar zu machen. Das allein schon braucht mich nicht gereuen zu lassen, daß ich mein Lebensschifflein nach hier, nach der großen kalten Weltstadt Berlin gelenkt habe.«
»Fingen Sie schon an zu bereuen, Ebba?«
»Ja, Lotte. Sie wissen, den Anschluß an meine Familie konnte ich nicht finden. Die Menschen sind gleichgültig und egoistisch, und alles um mich herum stößt mich ab. Ich werde nie recht heimisch werden können?«
»Und wir? Haben Sie nicht uns?«
»Daß ich Sie, Lotte, und auch Sie, Herr Gehring, gefunden habe und Sie zu meinen Freunden rechnen darf, das läßt mich an meinen glücklichen Stern glauben. Und nun lassen Sie mich danken, Ihnen beiden danken, daß Sie gekommen sind, mit mir den Weihnachtsabend zu verleben und mich mein Alleinsein vergessen zu machen.«
Sie hob das bis zum Rand mit dem perlenden Sekt gefüllte Glas und stieß an die ihr entgegengehaltenen Kelche. Schweigend tranken sie den edlen Saft.
»Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen mehr Dank schulde? Mich, den einsamen Junggesellen, dulden Sie hier in der Sphäre Ihres heimischen Herdes und schaffen mir einen rechten und wahren Weihnachtsabend.«
»Na, und ich erst! Glauben Sie, es wäre mir gemütlich gewesen, die offizielle Feier in der Pension mitzumachen oder allein in meinem Zimmer am Kamin zu hocken und meinen Punsch zu schlürfen? Oder in meinem Atelier den weißen Marmorstatuen zuzutrinken? Also, nach reiflicher Überlegung -- nicht wahr, Gehring -- nicht Sie -- sondern wir haben zu danken.«
»Lotte, als ob Sie es nicht auch verständen, es gemütlich zu machen.«
»Das schon. Gewiß, wir haben oft nette und trauliche Stunden auch bei mir gehabt. Aber Weihnachten -- Weihnachten sollte man immer im gemütlichen Heim, nicht im Pensionszimmer, nicht im Restaurant verbringen. Weihnachten ist ein Familienfest und sollte nur in der Familie oder in ganz intimem kleinem Kreis gefeiert werden.«
»So denke ich auch. Und doch, ist es nicht sonderbar, Familien, die still und glücklich dieses herrliche Fest in dem Kreise der Ihrigen verbringen können, laden sich fremde Menschen ein oder gehen gar zu einem üppigen Weihnachtsessen in ein feines Weinrestaurant. Wir, die wir keine Familie haben, tun uns zusammen und suchen uns gegenseitig das Familienglück zu ersetzen.«
»Ja, es geht wunderbar zu in der Welt. Das ist ja vielfach das Mißgeschick unseres Lebens, daß wir nie das, was wir besitzen, richtig einschätzen, nie das Glück mit Bewußtsein uns zur Seite sehen, es immer erst erkennen, wenn es uns verlassen will.«
Friedvoll und ruhig brannten die Kerzen. Der Geruch von Wachs und Tanne schwebte im Zimmer. Schweigend saßen die drei und schauten auf das durch die ausstrahlende Wärme leise zitternde silberne Engelshaar. Der Geruch und die flimmernden Flämmchen spannen sie ein. Sie waren entrückt und saßen in einer Sphäre vollkommener Weltabgeschiedenheit. Gehrings Blicke ruhten auf Lotte. Ihr klares offenes Gesicht, in welchem die großen forschenden Augen die herrschende Stellung einnahmen, hatte sie nachdenklich in die auf den Armstuhl gestützte Rechte gelegt. Ihre Augen waren sehr ausdrucksvoll. Zuweilen blitzte ein gütiger, oft ein zorniger Strahl darin auf. Die Reife der Lebensanschauung gaben ihrem Gesicht etwas überaus Anziehendes.
Sie schien die Blicke Gehrings zu fühlen. Ruhig erhob sie den Blick, schaute und sah ihm geradeswegs in die Augen. Und ein Strom gewaltiger Freude durchzitterte ihr Herz und schwoll zum gewaltigen Meer. Ihr lange umkrampftes Herz konnte sich wieder dehnen, die Kette war ihr von den Gliedern gefallen, wie ein Feuer, wie eine Gewitterwolke erhob die Liebe sich.
Fest wurzelten die Blicke ineinander. Groß und dunkel glänzten ihm die Augen entgegen, und sie strahlten und flammten, als bräche ein sprühendes, geheimes Innenleben unaufhaltsam aus ihnen hervor. Und sein Blut kam in Wallung. Oft schon hatte er diese Frau getroffen, und noch nie war sie ihm begehrenswert erschienen. Ihre Klugheit und Lebenserfahrung hatte er geschätzt, stets war es ihm ein Vergnügen gewesen, mit ihr eine Unterhaltung zu pflegen, und oft waren sie sich im Meinungsaustausch begegnet. Aber nie, niemals war ein Funke aufgesprungen, aus dem hätte ein Feuer entstehen können. Und heut? Heut war er da, dieser Funke, es schien, als bedürfe es nur eines leisen Anhauches, und er wollte aufglimmen und anschwellen zu lodernder Flamme. Was war geschehen?
Und die Blicke wurzelten ineinander, und seine Lippen flüsterten in die Stille hinein: »Was haben Sie?«
»Den Willen zum Glück.«
Und die Augen ließen voneinander.
Ebba war zusammengezuckt und sprach: »Das sagen Sie so laut, Lotte? Ich denke, vom Glücklichsein träumt man nur!«
»Nein, ich will nicht nur träumen, ich will es erjagen und will es halten, fest, ganz fest, und wäre es auch nur ein ganz, ganz kleines Weilchen -- das Glück.«
* * *
Lotte hatte angestrengt den ganzen Vormittag gearbeitet. Jetzt legte sie die Modellierstäbchen zur Seite, griff zu den nassen Tüchern und umhüllte ihr Werk. Ermüdet warf sie sich in einen tiefen Sessel und gab sich der Ruhe hin. Ach, es tat so wohl, den Nerven eine kurze Schonung zu gönnen.
Rasch war sie mit ihrem Werk vorangekommen. Damals, als der Gedanke in ihr aufsprang, hatte sie in kurzer Zeit die Skizzen entworfen, und jetzt war sie daran, ihr Werk auszuführen. Sie fühlte, wie mit jedem Tag die Arbeit sie mehr und mehr befriedigte, wie sie hineinwuchs in ihr Werk. Wie Gestalten und Gedanken sich ihr entgegendrängten, um festgehalten zu werden, und wie es wuchs, gigantisch, groß, weit über das, was sie gewollt, hinaus. Sie war sich ihres Talentes bewußt, die Anerkennung ihres Könnens berechtigte sie, daran zu glauben. Aber dies -- dies konnte sie noch emporwachsen lassen, dies konnte etwas werden, was auf die Knie zwang.
Sie fröstelte. Das Feuer im Ofen war heruntergebrannt. Im Eifer der Arbeit hatte sie vergessen, Kohlen aufzuschütten. Oben auf den Dächern lag die klare, strahlende Wintersonne. Ihre tief unten gelegenen Fenster hatten keinen Anteil daran.
Sonne! Wer dich halten könnte und sich in deine Strahlen hüllen dürfte. War es ein unbilliges Verlangen, im Sommer des Lebens sich zu sehnen nach weichen, warmen Sonnenstrahlen?
Sie schloß die Augen. Und nun war sie eingehüllt in weiche, warme Strahlen, und aus den Strahlen leuchteten ihr liebeverlangend zwei Augen entgegen, zwei Arme umfingen sie zärtlich und nahmen sie sanft an ein liebeheischendes Herz.
Da sprang sie auf, reckte die Arme empor und jubelte: »Ach du, ach du, kommst du dennoch?«
Nicht dem Herbst entgegengehen müssen, ohne den Frühling und Sommer genossen zu haben!
Wird es kommen, das Glück? Ihr Weibesglück? -- -- Sie hatten sich nicht wiedergesehen seit dem Weihnachtsabend. Schweigend waren sie durch die stille, weiße Weihnachtsnacht gegangen. Einmal war er stehengeblieben und hatte gesagt: »Heut sehe ich Sie anders als sonst, Fräulein Wunsch.« »Ich weiß es.« Und er hatte ihr die Hand entgegengestreckt: »Geben Sie mir die Hand und lassen Sie uns wie Kinder nach Hause gehen.« -- Nach Hause -- und Hand in Hand, schweigend, waren sie durch die Nacht gegangen.
Und sie wußte nun, daß sie ihn liebte, liebte mit all der aufgespeicherten Zärtlichkeit, mit dem nach Liebe und Glück verlangenden Herzen.
»Ach du, ach du, liebst du mich?«
Wer die Spannkraft des Wünschens und festen Wollens hat, der hat die Erfüllung schon in sich. Es ist in dem Menschen oft eine Intensivität des Wollens und Wünschens, der das Schicksal meist nicht widerstehen kann.
Das Blut rauschte ihr in den Ohren, es war noch jung, dieses Blut, noch so unverbraucht! Und so voller Sehnsucht und Glückshunger! Schaffen ist Schöpferfreude. Zur Freude gehört die Liebe. Ein einziger Mensch muß das Echo der Welt sein. Ein einziger Mensch, der nur ihr gehörte!
* * *
»Bitte, meine gnädige Frau, wer ist diese vornehme, auffallend schöne Erscheinung dort am Kamin?«
Der junge Gardeleutnant stand, das Monokel im Auge, vor Thea Westphal.
»Das ist ein aufgehender Stern an unserm Konzerthimmel, mein lieber Herr von Zedlitz, eine angehende Konzertsängerin. Wird heut bei mir ihr erstes kleines Debüt haben. Ich bin überzeugt, sie wird Karriere machen.«
»Mit dieser Erscheinung ohne Zweifel.«
»Mit dieser Bemerkung dürften sie sich bei der Dame nicht gut einführen, Herr von Zedlitz. Sie scheinen nicht zu wissen, daß Künstler ihre Karriere nur ihrer Kunst zu verdanken wünschen -- wenigstens offiziell.«
»Pardon, Gnädigste, ich bin zwar gänzlich unmusikalisch, nichtsdestoweniger zweifle ich keinen Augenblick, daß das Talent der Dame der äußeren Erscheinung entspricht. Einfach fabelhaft. Und der Name, wenn ich bitten darf?«
»Gerda von Wangenheim.«
»Wangenheim? Mein Vater kannte einen Oberstleutnant von Wangenheim in einem ostpreußischen Nest, dicht an der russischen Grenze. Könnte --«
»Kann wohl stimmen. Ihr Vater ist Oberstleutnant, und sie kommt aus Ostpreußen.«
Er pfiff leise durch die Zähne. »Feudale alte Familie. Und Sie sagten, sie geht zur Bühne?«
»Sie will Konzertsängerin werden.«
»Nun, jedenfalls Sängerin von Beruf. Darf ich Sie bitten, mich der Dame vorzustellen?«
Gerda, die, von einem Kreis von Herren umgeben, lässig am Kamin stand, neigte flüchtig das blonde Haupt, als Thea ihr den jungen Zedlitz zuführte.
Thea war stehengeblieben. Die Gegenüberstellung dieser beiden Frauengestalten wirkte als Folie und gegenseitige Unterstreichung. Die pikante, prickelnde und soubrettenhafte Schönheit Theas machte die kühle und vornehme Atmosphäre Gerdas noch wirkungsvoller. Winkelmann, der neben Gerda am Kamin lehnte, ließ seine Blicke zwischen den beiden Frauengestalten wandern. Er, der Frauenkenner, stellte sich vor eine Wahl. Bei dieser -- Pikanterie, toller Leichtsinn, lockende Genußsucht. Bei jener -- kühle Gelassenheit, Eiseskälte, die Feuerströme decken konnte. Ihn reizten Berge von Eis und Schnee, durch die er seinen Weg finden wollte, um Glut und Leidenschaft anzufachen zu siedender Flamme.
Thea sah prüfend auf Gerda. Wie modern war sie heute gekleidet. Ein mattblaues Chiffonkleid, auf veilchenfarbener Seide gearbeitet, umspannte eng den schlanken Körper. Die goldfarbenen Haare, welche kein Hut verdeckte, waren leicht gewellt und am Hinterkopf lose von einem Kamm gehalten. Kein Schmuck beeinträchtigte die zarte, opalfarbene Haut. Ihr Gesicht, welches für gewöhnlich blaß, war heute übergossen von einem zarten rosa Hauch, ein Zeichen der Erregung, hervorgerufen durch ihr erstes öffentliches Singen.
Winkelmann sah sie an und flüsterte: »Haben Sie Lampenfieber?«
»Bitte, sprechen Sie nicht davon.«
Lotte Wunsch näherte sich der Gruppe.
»Ah, da ist ja unsere große Bildhauerin! Gnädiges Fräulein, man erzählt sich Wunderdinge von einem furchtbaren Scheusal, welches Sie jetzt unter den Händen haben. Bitte, verraten Sie uns Ihr neuestes Werk.«
»Fällt mir gar nicht ein. Ich liebe es nicht, von meinen Arbeiten zu sprechen, ehe sie vollendet sind. Weiß ich doch nicht, ob ich sie vollenden werde. Ob nicht Umstände oder Geschehnisse oder auch Unvermögen mich hindern, mein Werk zu Ende zu führen.«
»Aber etwas ganz scheußlich Fratzenhaftes soll es doch sein,« beharrte ein schlanker, grünbleich aussehender Jüngling.
»Ich möchte nur wissen, wo in aller Welt Sie zu einem solchen Scheusal die Modelle hernehmen. Denn ein Modell kann wohl nicht alle Scheußlichkeiten in sich vereinen.«
»Da mögen Sie wohl recht haben! Und was das Hernehmen betrifft, so finden sich diese Modelle unter uns, ich brauche wirklich nicht viel zu suchen.«
Der grünbleiche Jüngling riß die müden, schwarz umrandeten Augen auf und stammelte erschreckt: »Scheusäler unter uns? Wie müssen Ihnen die Menschen erscheinen! Ich beneide Sie nicht um Ihr Sehen, gnädiges Fräulein.«
»Ich sehe eben durch die Maske hindurch. Doch lassen wir das!« und sich zu Gerda wendend: »Sie sind erregt, Fräulein von Wangenheim. Bedürfen Sie der Ruhe? Kommen Sie, ruhen Sie ein wenig, ehe Sie singen werden. Ich kenne den Zustand des ersten öffentlichen Auftretens, wenn auch auf andere Art.«
Dankbar sah Gerda auf sie, legte ihren Arm auf den ihren und ließ sich hinausbegleiten.
Lotte führte sie in das kleine Empfangszimmer der Hausfrau, das einsam und verlassen war, brachte ihr das Notenheft und sagte:
»So, nun schauen Sie in Ihre Noten und denken Sie an nichts anderes als an Ihre Musik. In einer halben Stunde komme ich und hole Sie.«
Als sie die Tür zum großen Empfangszimmer erreicht hatte, trat ihr Gehring und Ebba Holm entgegen.
»Endlich finden wir Sie, Lotte. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich schon zu Inge hinübergeflüchtet wäre, wenn Herr Gehring sich nicht meiner angenommen hätte. All die fremden Menschen um mich herum verursachen mir wahrhaftig Schrecken. Wie kann man nur an derartigen Veranstaltungen Vergnügen finden. Das ist mir ganz unbegreiflich.«
»Meine liebe Frau Ebba, Sie gehen von einem ganz falschen Gesichtspunkt aus, wenn Sie meinen, die Leutchen kommen nur zum Vergnügen zusammen. Diese Veranstaltungen sind Zweck-Vergnügungen, jeder dieser Gäste kommt mit einer bestimmten Absicht oder zu einem bestimmten Zweck hierher.«
»Erlauben Sie mal, Fräulein Wunsch, Sie sagten: Jeder!« unterbrach Gehring.
»Natürlich, ein paar Ausnahmen sind wohl darunter,« lachte sie ihm mit aufleuchtendem Blick entgegen. »Ich für mein Teil bin auch nicht ohne Absicht hier. Sie wissen, wir wollen Fräulein von Wangenheim einführen und für ihr Konzert vorarbeiten. Sie sehen, ein guter Zweck.«
»Das kann ich so unbedingt nicht glauben.«
»Ist es nicht immer gut, zu helfen?«
»Nein. Man kann einem Menschen oft mehr Gutes tun, wenn man ihm nicht hilft.«
Lotte sah nachdenklich vor sich hin. »Sie mögen recht haben, Gehring. Doch hier hoffe ich gut zu tun, wenn ich helfe die Wege ebnen.«
»Wer ist der Herr, den meine Schwägerin eben so liebenswürdig begrüßt, Lotte? Ein interessanter Kopf. Schauen Sie die grauen Haare und die lebhaft blitzenden jugendlichen Augen.«
»Da haben Sie gleich einen Magnet, der so manche Sterne, große und kleine, hierhergezogen hat. Ihr Zweck ist es, sich ihm in den Weg zu stellen, von ihm beachtet zu werden und, wenn irgend möglich, eine kleine Attacke auf sein noch immer jugendliches Herz zu vollführen. Es ist einer unserer ersten Theaterkritiker.«
»Und die Wirkung?«
Lotte lachte. »Je nachdem. Aber was die Kritiken anbelangt, so bleibt die beabsichtigte Wirkung allerdings aus. Er läßt sich in seinem Urteil nicht durch girrende Blicke beeinflussen. Und dort, jener schlanke Mann, mit den nervösen Gesichtszügen, den graumelierten Haaren, ist ein Musikkritiker. Es ist gut, daß er gekommen ist, vielleicht schneidet Fräulein von Wangenheim gut ab und er wird aufmerksam auf sie.«
»Und die Dame, die mit ihm gekommen ist? Sie scheint mir weniger schön als auffallend graziös in ihren Bewegungen.«
»Das ist eine unserer modernen Tänzerinnen. Ein wunderbar schmiegsamer Körper. Die müssen Sie einmal tanzen sehen, Frau Ebba.«
»Und nun schauen Sie dorthin, gnädige Frau,« wandte sich Gehring an Ebba, »so stempelt man sich zur Tragödin, wenn man noch keine ist. Wie gefällt Ihnen dieses Gesicht?«
»Widerlich! Mein Gott, wie kann man so aussehen. Verlebt, welk und müde! Und mir scheint, alles gekünstelt, maskenhaft.«
»Für wie alt halten Sie die Person?«
»Es will mir scheinen, als sei sie jung -- sie sieht aber aus wie eine Frau von vierzig, fünfzig Jahren.«
»Sie ist achtzehn Jahre alt! Eine Theaterschülerin, die eben die Reinhardtschule durchgemacht hat und sich durch ihr Aussehen interessant machen will. Was ihr ja auch tatsächlich gelingt. Durch ihr bleich gepudertes Gesicht, durch ihr künstlich gemachtes, verlebtes Aussehen fällt sie überall auf. Wenn man sich auch voll Abscheu von ihr wendet, das ist ihr gleichgültig, sie wird bekannt dadurch, ihre Absicht ist erreicht. Sie sehen, auf welche Art man berühmt werden kann!«
»Und hat sie ein Engagement gefunden?«
»Nein, bisher nicht. Das ist ihr auch nicht die Hauptsache. Sie will nur als Schauspielerin _gelten_ und will sich interessant machen.«
Ebba schüttelte den Kopf. »Wo hat meine Schwägerin nur all die Menschen her?«
»Wer hier in der Gesellschaft lebt, ein großes Haus macht, zu dem kommt alles ins Haus geflogen,« sagte Lotte.
»Ja, alles, gnädige Frau. Gesichtet wird nicht. Wenn nur die Außenseite gut gefirnißt und blank poliert ist, ins Innere hinein, da schaut man nicht. Was wollen Sie auch? Es ist doch nur die Interessensphäre, die diese Menschen zusammenbringt. Ganz unabhängig von Sympathie und Antipathie,« sagte Gehring.
Ebba seufzte. »Ich glaube, ich werde an dieser Art zu leben nie Gefallen finden.«
»Das sollen Sie auch nicht, Frau Ebba,« fuhr Lotte erregt auf. »Sie wurzeln so ganz in einem andern Erdreich, und ich meine, Sie haben so gut Wurzel gefaßt, daß es niemand, weder Menschen noch Schicksal, gelingen wird, Sie zu entwurzeln.«
»Begnügen Sie sich mit der Rolle des Zuschauers und bleiben Sie abseits, gnädige Frau.«
»Abseits von jenen, die, nur dem eigenen Ich huldigend, rücksichtslose Interessenmenschen werden, Ebba.«
»Aber Ebba, dazu bist du doch nicht hergekommen, um dich hier in eine Ecke zu verkriechen mit deinen getreuen Zwei, du sollst Menschen kennen lernen.« Und Thea Westphal trat zu den drei Plaudernden.
»Ich habe eine Scheu vor all den fremden Menschen, Thea.«
»Unsinn, das gibt sich, glaube mir, du kannst interessante Menschen kennen lernen, wichtige Beziehungen anknüpfen. Auf meinen Festen hat so manche Künstlerin ihren Direktor gefunden, hat so mancher Schriftsteller Interesse für seine Arbeiten erregt.«
»Haben sich so viele Fäden von Herz zu Herz gesponnen, Frau Westphal.«
»Auch dies ist der Fall, Fräulein Wunsch, ohne die Liebe kein Leben! Aber nun kommen Sie, meine Herrschaften, mischen Sie sich unter die Gesellschaft, dich, Ebba, muß ich mit unserer Präsidentin bekannt machen, ich habe ihr von dir und deinen Ansichten erzählt. Sie brennt darauf, dich kennen zu lernen. Sie wird natürlich versuchen, dich einzufangen. Du bist ja wie geschaffen, für das Familienleben Propaganda zu machen.«
Sie nahm Ebba unter den Arm und drängte mit ihr durch die Menge.
Lotte und Gehring waren stehengeblieben.
»Das wirbelt nun so durchs Leben.«
»Was wollen Sie, Gehring? Die Begierde nach Gold und Genuß, welche diese Menschen beherrscht, hat sie in einen Taumel versetzt, der Sitte, Moral und Pflichtgefühl untergräbt. Wer einmal in diesen Strudel geraten ist, dem wird es schwer, sich daraus zu befreien.«
»Und Sie, Fräulein Wunsch, Sie waren und sind zum Teil ja noch mitten drin in diesem Wirbeltanz. Ist es Ihnen schwer geworden, sich daraus zu befreien?«
»Ich bin abseits geblieben. Ich habe zu früh gelernt, durch die Menschen hindurchzuschauen. Und dann hatte ich auch meine Kunst. Wer es mit der Kunst ernst meint, der hat viel zu arbeiten.«
»Sie sind ein ernster Mensch.«
»Ich stecke nun mal in einer Haut, aus der ich nicht heraus kann und auch gar nicht heraus will. Mir graut, wenn ich daran denke, ich könnte so geworden sein wie Thea Westphal.«
»Und eine Frau wie Sie konnte das Glück nicht finden?«
Sie wurden während ihres Gesprächs durch neu hereintretende Gäste seitwärts gedrängt und standen jetzt in einer Fensternische sich gegenüber. Gehring sah fragend auf Lotte.
Sie schüttelte den Kopf. »Ich hatte nicht den Mut, daran zu glauben.«
»Haben Sie nie einen Mann geliebt, Lotte?«
»Nie.« Herb kam es von ihren Lippen. Dann kam ein sanftes Rot auf ihre Wangen. Mit aufleuchtendem Blick preßte sie die Hand aufs Herz und sagte leise und innig: »Jetzt habe ich den Mut gefunden.«
»Frauen wie Sie können beglücken und finden ihr Glück darin.«
Das Fünkchen war entfacht und leckte empor, züngelte und flammte, knisterte und glühte und wurde Flamme, rotglühende lodernde Flamme. Und wieder senkten sich die Augen ineinander und hielten sich fest und sprachen von Liebe und Glück.
Immer deutlicher sprachen die Augen.
»Wie jung du noch bist!« flüsterten die Lippen des Mannes.