Begierde

Part 9

Chapter 93,742 wordsPublic domain

Ich nehme an, daß Sie als Künstlerin groß genug denken, um sich über kleinliche Bedenken hinwegzusetzen. Mit den ergebensten Grüßen

zeichne als Ihr gehorsamster Sklave Kurt Winkelmann.

Caruso sang und Gerda hielt ein Billett zur Don Juan Aufführung in Händen. Ein schier unerreichbarer Wunsch sollte in Erfüllung gehen! Aber -- nein, es war unmöglich, wie konnte sie sich hinwegsetzen über Sitte und Erziehung. Sie, Gerda von Wangenheim, durfte das nicht. Auf welchen Weg war sie geraten?

Wie konnte er glauben -- -- --

Wie hatte er geschrieben? Er nähme an, daß sie sich über kleinliche Bedenken hinwegsetzen würde.

Nein, für kleinlich sollte man sie nicht halten, aber Töchter solcher Häuser, aus denen sie stammte, ließen sich nicht von Herren ins Theater führen.

Sie war aber nicht mehr die Tochter des Hauses, sie war Künstlerin, für sie gab es andere Grenzen als für jene. Ihr, der Künstlerin, war erlaubt, was jenen versagt war.

Aber -- er suchte sie zu verpflichten! Und nicht nur das! Man würde sie zusammen in der Oper sehen, sie beide in der Loge. Sie würde sich kompromittieren, nein, sie mußte das Billett zurücksenden. Caruso! Wie das lockte! Wirklich, mußte sie sich diesen Genuß entgehen lassen? Schließlich war sie mit einem schönen Dank der Verpflichtung enthoben. Und geklatscht? Was machte das schließlich aus, sie würde sich darüber hinwegsetzen. Solange sie vor sich selbst bestehen konnte, hatte sie nichts zu fürchten. Sie, die Künstlerin, war frei und unabhängig. Es gab nur eines, was sie veranlassen mußte, abzulehnen -- wenn sie ihrer selbst nicht sicher war. Er begehrte sie, da war kein Zweifel möglich.

Sie liebte ihn nicht. Eigentlich wunderte sie sich, daß er keinen Reiz auf sie ausübte. Im Grunde war er doch ein begehrenswerter Mann, und es schien ihr, daß er bei jeder Frau, mit der er zusammenkam, ein wärmeres Gefühl erregte. Ob nicht doch schon, ihr unbewußt, ein Feuerfünkchen im Herzen glühte?

Sie fühlte seine schönen, etwas verschleierten Augen auf sich gerichtet, die sie unerbittlich prüften. Unerbittlich jegliche Hülle durchdrangen. Die den Körper umschmeichelten und für sich in Anspruch nahmen.

Sie schauderte.

»Nein,« sagte sie hart und laut, »nichts von Liebe fühle ich für ihn.«

* * *

Der Beifall wollte nicht enden. Immer wieder mußte der berühmte Gast sich dankend verneigen, und immer von neuem tobte der Sturm. Gerda von Wangenheim saß mit Kurt Winkelmann in der Loge, sie saß wie betäubt. Sie vermochte es nicht, die Hände zu rühren. Das war Kunst -- nein, mehr als das -- ein Genie von Gottes Gnaden stand dort auf der Bühne. Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. Ihr Atem ging erregt.

Winkelmann neigte sich zu ihr und flüsterte: »Ich höre ihn nun zum vierten Male als Don Juan, und immer wieder ist man hingerissen von dem Gesang dieses Künstlers.«

Gerda sah auf. »Ich war in einer anderen Welt.« Sie streckte ihm die Hand entgegen. »Haben Sie Dank, daß Sie mir zu diesem Genuß verholfen.«

»Gnädiges Fräulein, ich bitte -- keinen Dank. Ich bin glücklich, Ihnen dienen zu können, Sie können jederzeit über mich befehlen.«

»Bitte, keine Phrasen jetzt, Herr Winkelmann.«

»Ich spreche die Wahrheit. Meine Person, mein Vermögen steht Ihnen zur Verfügung.«

Ihre Augenbrauen zogen sich schmerzhaft zusammen. Ihre Lippen schürzten sich hochmütig.

»Glauben Sie, daß ich dessen bedarf?«

»Gnädiges Fräulein, Sie sind die geborene Herrscherin. Sie wollen herrschen und beherrschen. Dazu bedürfen Sie der Menschen und des Geldes.«

»Sie mögen recht haben.« Sie erhob sich hastig. »Kommen Sie, ich sehe dort Herrn und Frau Direktor Westphal und möchte sie begrüßen.« -- -- --

»Ich weiß nicht -- ich möchte lieber doch direkt nach Hause fahren.«

»Aber gnädiges Fräulein, die Verabredung ist getroffen. Was würde man sagen, wenn ich ohne Sie ins Esplanade käme. Nein, das ist unmöglich! Sie haben doch gesehen, wie Frau Thea sich mit Ihnen gefreut hat.« Er stürzte auf das anfahrende Auto zu, öffnete den Schlag, und half ihr hinein.

»Überhaupt nach solch einem Abend muß man noch ein wenig in angenehmer Gesellschaft zusammen sein, und ich muß gestehen, ich preise den glücklichen Zufall für dieses Zusammentreffen. Denn ohne die Familie Westphal hätte ich das Vergnügen, mit Ihnen zu Abend speisen zu können, doch wohl nicht gehabt.«

Sie sah im fahlen Schein der vorüberhuschenden Glühlampen seine lauernd auf sie gerichteten Blicke. Und wieder kam ihr die prickelnde Lust, ihn zu quälen und zu reizen, um ihn dann von sich zu stoßen.

Sie lachte ihr girrendes Lachen. »Vielleicht -- -- --«

»Oh -- dann -- darf ich dem Schofför -- --?«

»Nichts dürfen Sie, wir fahren ins Esplanade, wie besprochen, Sie haben ja selbst noch eben gesagt, daß es unmöglich ist, die Verabredung nicht einzuhalten.«

-- -- -- Als sie den Speisesaal betraten, war die Gesellschaft schon beim Studium der Speisekarte. Gerda hätte am liebsten umkehren mögen. Noch war ihr der Klang der Musik im Ohr, noch stand sie im Bann der Persönlichkeit dieses Don Juan, und nun sollte sie mit gleichgültigen Menschen zusammensitzen, von Banalitäten schwatzen, Redensarten anhören. Wieviel lieber wäre sie allein gewesen, um den Genuß in sich ausklingen zu lassen. Aber Thea hatte sie so bedeutungsvoll angesehen, als sie sie aufforderte, mit ihnen zusammen zu sein. Hätte sie es abgeschlagen, so hätte man mit Sicherheit angenommen, sie wolle mit Winkelmann allein bleiben. Nein, es war besser so.

Oh, sie hatte es schon gelernt, die Masken zu durchschauen. Früher sah sie nur auf die Gesichter, hörte sie nur die Worte. Sie sah die Gesichter so, wie sie sich zeigten, nahm die Worte als das, was sie sagten. Jetzt aber sah sie, daß die Gesichter Masken trugen, sah dahinter die Menschen, wie sie wirklich waren, hörte hinter ihren Worten lange Geschichten, die sie verschwiegen.

Gerda saß zwischen Thea und Herrn von Reitzenstein. Thea war von ausnehmender Lustigkeit, von sprühender Laune. »Fangen Sie endlich an, sich in den Berliner Strudel zu stürzen, Fräulein von Wangenheim? Übrigens eine kluge Wahl, die Sie da getroffen haben.«

Gerda sah sie verständnislos an.

Thea deutete mit den Blicken auf Winkelmann. »Sehr reich und viele Beziehungen, kann Ihnen nur nach jeder Richtung hin von Nutzen sein.«

»Daran habe ich wirklich noch nicht gedacht.« Gerda sagte es kühl und abweisend.

»Nur Liebe?« Und Thea lächelte mokant.

»Auch das nicht.«

»Gnädiges Fräulein, wissen Sie, daß mich der heutige Abend glücklich und unglücklich gemacht hat?« Reitzenstein sagte es mit betrübter Miene zu Gerda.

»Da wäre ich begierig, Ihren jetzigen Zustand zu kennen. Ging das Glück dem Unglück voran oder umgekehrt?«

»Sie spotten, mein gnädiges Fräulein. Aber um Ihre Frage zu beantworten, muß ich Ihnen schon klassisch kommen:

›Es tut mir lang schon weh, daß ich dich in der Gesellschaft seh!‹

Wie glücklich war ich, Sie heut abend zu sehen, doch --«

»Bitte, Herr von Reitzenstein, geben Sie sich keinen Vermutungen hin, und bleiben Sie ein Weilchen glücklich.«

»Hören Sie, Fräulein von Wangenheim,« wandte sich Thea an diese. »Ich gebe jeden Winter in der Saison ein großes Fest mit Vorträgen erster Künstler, wollen Sie an dem Abend singen?«

»Gnädige Frau, kann ich das wagen? Ich, eine unbekannte Anfängerin?«

»Ich habe es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, Sie einzuführen. Sie müssen nur Vertrauen zu sich selbst haben. Ich will Ihnen etwas sagen: So wie Sie sich einschätzen, so werden Sie von den Menschen bewertet. Also: Selbstbewußtsein, viel Selbstbewußtsein, und Sie sind das, was Sie sein wollen.«

»Gnädiges Fräulein haben doch allen Grund, an sich selbst zu glauben,« warf Reitzenstein ein, »oder zweifeln Sie an Ihrem Können?«

»Nein, ich glaube an mich.«

* * *

»Thea,« sagte Lukas, als sie in ihrem Auto saßen und nach Hause fuhren, »du sprachst von deinem großen Fest, welches du geben willst, du hättest dich erst mit mir darüber verständigen sollen.«

Thea lachte. »Seit wann das? Habe ich nicht stets nach Belieben Gäste versammelt, ohne vorher deine gütige Erlaubnis einzuholen? Seit wann kümmerst du dich um unsere geselligen Verpflichtungen? Ich habe unser Haus zu repräsentieren, ich weiß, was ich deiner Stellung schuldig bin, und du weißt, daß du dich auf mich verlassen kannst.«

»Thea« -- Lukas legte seine Hand auf die Schulter seiner Frau und sagte bittenden Tones: »Thea, ich möchte, daß du auf dieses Fest verzichtest.«

Maßlos erstaunt sah sie ihn an. »Verzichten? Ich soll verzichten? Was für eine Laune von dir.«

»Es ist keine Laune, es ist ein Muß, ein dringendes Muß. Wir müssen uns einschränken, wir können nicht mehr in diesem Luxus weiterleben.«

Sie stieß seine Hand von ihrer Schulter und sagte rauh: »Verlangst du das im Ernst von mir?«

»In vollem Ernst, Thea. Ich besitze kein Vermögen mehr. Du brauchst nicht zu erschrecken. Wir können immerhin noch sehr anständig leben, denn ich beziehe hohe Gehälter, aber deine Ansprüche mußt du herabmindern.«

»Hast du gespielt?«

»Thea -- alles ist draufgegangen für dich -- unser Haus. Ich habe dich oft gebeten, sparsamer zu sein -- du hast nicht auf mich gehört --«

»So -- nun bin ich wohl gar an deinem Ruin schuld?« Sie lachte hart auf. »Du machst es dir leicht. Wälzest alle Schuld auf mich ab. Du bist doch der Mann, was ließest du mich gewähren?«

Er senkte das Haupt. »Ich habe es dir oft gesagt, Thea, du wolltest es nicht glauben. Aber du hast recht. Der Schuldige bin ich allein, ich bin zu schwach gewesen, ich fürchtete deine Tränen, deine Verzweiflung.«

»Ich werde nicht verzweifeln, ich werde mich abfinden, aber eines verlange ich noch von dir, wir geben dieses Fest wie alle Jahre, bis dahin soll niemand merken, daß wir arm sind, niemand, hörst du?«

»Ich bitte dich, wozu sich noch diese Ausgabe machen? Dieses Fest würde einen großen Teil meines Jahreseinkommens verschlingen. Es wäre besser angewandt für deine und Inges Bequemlichkeit.«

»Ich bestehe darauf.«

Das Auto hielt vor ihrem Hause.

»Ich will noch nicht nach Hause. Meinst du, daß ich schlafen kann, nach dem, was du mir mitgeteilt? Ich will Menschen sehen, strahlende Helligkeit, will Wein trinken und lustig sein! Noch schlürfen den Becher der Freude -- schnell, wir fahren in den Pavillon Mascotte!«

»Thea, was fällt dir ein, du bist von Sinnen, komm, sei vernünftig!«

»Wenn du nicht mitkommst, fahre ich allein.« Und sie riß die Tür auf und gab dem Schofför die Weisung. Thea hatte sich auf das Polster geworfen und lachte. »Noch sind wir nicht arm, hörst du, noch nicht! Noch sechs Wochen Galgenfrist, dann hinunter zu den Proletariern!«

»Du bist krank, Thea, wie kannst du so sprechen? Ich habe ein Einkommen zwischen zwanzig und dreißigtausend Mark, das nennst du arm sein?«

»Bah -- was ist das? Für Bekleidung brauche ich jährlich zehn bis vierzehntausend Mark. Eines meiner Feste kostet allein an sechstausend Mark. Der Haushalt, das Auto -- lächerlich --.«

Der Wagen hielt.

»Thea, ich beschwöre dich, laß uns umkehren. Ich kann in dieser Stimmung nicht in ein Tanzlokal gehen. Du bist aufgeregt. Komm zu dir und sei vernünftig.«

Sie sprang aus dem Auto, stolperte und fiel gegen zwei Herren, welche soeben das Lokal verlassen hatten.

»Hopsa!« rief der eine und fing sie auf.

»Fußfall ist nicht vonnöten, Gnädigste.«

Die beiden schienen in angeheiterter Stimmung und einem Abenteuer nicht abgeneigt. Da stand Lukas neben seiner Frau, zog den Hut und dankte für die Hilfe.

»Herr von Gernsheim,« lachte Thea, »welch ein Zusammentreffen!«

Seine Augen blitzten ihr entgegen, und er verbeugte sich tief. »Ein Zufall, den ich glücklich preise, gnädige Frau.«

»Mein Mann,« stellte Thea vor.

»Gernsheim,« »Andersen.«

»Wenn die Herrschaften gestatten, kehren wir noch mit ihnen zurück.«

»Gern,« erwiderte Thea, »ich brauche lustige Gesellschaft,« und sie ging mit Gernsheim voraus.

»Einziges Weib, das ist ja ein göttlicher Zufall. Ich hatte rasende Sehnsucht nach dir, wollte mich hier betäuben, es ging aber nicht. Du ahnst ja nicht, welches Verlangen ich nach dir habe. Eine ganze Woche hast du mich warten lassen. Wann sehe ich dich?«

Er nahm ihr den Mantel von den Schultern und preßte einen heißen Kuß auf ihren Hals.

»Vorsicht, du Tollkopf!«

»Wann kommst du?«

»Morgen.«

Sie betraten den Saal.

Thea war von sprudelnder Lustigkeit, sie schüttete den Sekt hinunter, als wäre er Wasser. Sie tauchte ihre Fingerspitzen in das Eiswasser und fühlte ihr Blut prickeln. Sie fing die Blicke der Männer auf und gab sie strahlend zurück. Gernsheim wurde eifersüchtig. Hart setzte er sein Glas auf den Tisch, daß es zerbrach. Thea, die ihm gegenübersaß, lachte leise. Da fühlte er schmeichelnd und liebkosend einen kleinen, zarten Frauenfuß auf seinen Knien. Seine Hände preßten schmerzhaft diesen Fuß. Das Blut schoß ihm ins Gesicht, seine Blicke sprachen: ›Komm!‹

»Ja,« flüsterte sie über den Tisch hinüber und stand auf. Lukas und Andersen, im Gespräch vertieft, merkten nicht, daß auch Gernsheim verschwunden.

Als Thea bleich, mit glänzenden Augen, durch den Saal zurückkehrte, sah sie an den Blicken, die sie verfolgten, die Welt gehörte ihr, nur zuzugreifen brauchte sie. An jeder Ecke sah sie ein Abenteuer auf sich warten, und jeder Männerblick deutete ihr einen Sieg. Nein, wahrlich, sie brauchte nicht zu verzweifeln.

* * *

Gerda hatte auf ihrem Spaziergange Thea Westphal getroffen. Es war ein kalter, feuchter Märztag. Wind und Regen peitschten die Luft. Thea, ärgerlich auf der Suche nach einem Auto, fand sich plötzlich Gerda von Wangenheim gegenüber.

»Auch Sie unterwegs bei dem Wetter?«

»Das macht mir nichts. Ich bin an meinen täglichen Spaziergang gewöhnt und kann ihn nicht missen.«

»Kein Auto zu bekommen! Die feuchte Luft geht mir schon bis auf die Haut. Kommen Sie, wir gehen ins Kaffee des Westens, eine Tasse Kaffee wird uns gut tun.«

Plaudernd saßen sie beisammen. Thea, durch die wohlige Wärme, durch die bewundernden Männerblicke wieder ganz in Stimmung, sagte: »Ich freue mich, wie Sie sich den Berliner Verhältnissen angepaßt haben. Nicht nur, daß Sie sich elegant und schick, nein, mehr als das, raffiniert kleiden, scheint es, daß Sie auch von dem Vorrecht der Dame von Welt, freieren Sitten huldigen zu dürfen, Gebrauch machen. Sie fangen an, ein moderner Mensch zu werden.«

»Ich habe mir ein Ziel gesetzt, Frau Westphal. Ein Ziel, das ich unbeirrt verfolgen werde, ich gehe darauf zu. Ich muß ein moderner Mensch werden, um zum Ziele gelangen zu können.«

»Bravo, behalten Sie Ihr Ziel im Auge! Sie sind jung und schön, die Männer werden Ihnen zu Füßen liegen, nutzen Sie jede Situation aus, nur verlieren Sie nicht die Oberherrschaft. Ich glaube, Sie besitzen die nötige Kälte, um das zu können.«

Zwei Herren grüßten und wanden sich durch die dichtbesetzten Tische.

Gernsheim und Reitzenstein.

Thea strahlte. »Famoses Zusammentreffen! Die Herren kennen sich? Davon hatte ich ja keine Ahnung.«

»Bei diesem Wetter wagen die Damen sich hinaus?«

»Was wollen Sie, die Pflichten! Ich mußte zu einer Vorstandssitzung, von da wollte ich noch zur Putzmacherin, konnte jedoch kein Auto auftreiben, zitternd und fröstelnd traf ich Fräulein von Wangenheim, eine Tasse Kaffee lockte uns --« Thea hatte die Worte lebhaft hervorgesprudelt und sah Gernsheim mit beredten Augen an.

»Ich ahnte, daß ich Sie heute sehen würde, gnädiges Fräulein,« sagte Reitzenstein zu Gerda.

»Glauben Sie an Ahnungen?«

»So recht eigentlich nicht. Aber mir ist es oft passiert, daß ich sehr lebhaft von einem Menschen geträumt habe. Dann kann ich sicher sein, mit ihm in den nächsten Tagen zusammenzutreffen.«

»Sie haben also von mir geträumt? Da wäre ich neugierig, Ihren Traum kennenzulernen.«

»Es war ein sonderbarer Traum. Hören Sie. Sie hatten ein Konzert gegeben und waren mit Blumen überschüttet worden. Ich durfte Ihnen die Blumen nach Hause tragen. Büschel voll roter und weißer Rosen in meinen Armen, stand ich vor Ihnen. Der Duft betäubte mich. Sie kamen auf mich zu und wollten mir einen Teil der duftenden Last abnehmen. Ich preßte die Blumen fest an meine Brust und flüsterte: ›Küsse mich!‹ Da neigten Sie sich zu mir nieder und hauchten einen Kuß auf meine Lippen. Und als Sie mich küßten, durchdrang meine Glieder eine Eiseskälte, ich schauerte zusammen. ›Mein Blut erfriert unter deinem Kuß,‹ sagte ich, und die Blumen entfielen meinen Armen und fielen nieder zu Ihren Füßen. Und Sie setzten Ihren Fuß auf die Blüten und sagten zu mir: ›So küsse du mich!‹ Und ich neigte mich, um Sie zu küssen, da aber sprangen grüne Flammen aus Ihren Augen, eine Kröte saß auf Ihrer Stirn, und eine Schlange ringelte sich um Ihren Hals. Ich wich zurück und mochte Sie nicht küssen.«

Gerda lachte. »Ich bekomme ja Angst vor mir selber.«

»Das habe ich heute nacht geträumt.«

»Hören Sie, Fräulein von Wangenheim. Sind Sie frei heute abend? Gernsheim schlägt vor, daß wir zusammenbleiben. Hier ganz in der Nähe ist eine nette, kleine Weinstube, wo wir gemütlich zu Abend essen können. Seien Sie fesch und machen Sie mit.«

Gerda zögerte.

»Ach, bitte, gnädiges Fräulein. Ist ja eine famose Idee. Bei dem Hundewetter kann man überhaupt nichts Gescheiteres tun,« pflichtete Reitzenstein bei. »Oder versäumen Sie etwas? Vielleicht eine andere Verabredung?« Und er sah sie bedeutungsvoll an.

»Das nicht -- aber --«

»Kein Aber -- wir bleiben zusammen,« bestimmte Thea. -- -- --

Sie waren sehr lustig gewesen. Sie hatten vorzüglich gegessen und reichlich dem Alkohol zugesprochen. Thea konnte sich nicht genug tun im Genuß, das Leben auf ihre Art zu nehmen. ›Genießen, genießen, Kinder, man lebt ja nur einmal!‹ Und selig, daß sie lebte und verstand, das Leben zu genießen, war sie mit Gernsheim zu neuem Genuß davongefahren.

»Wir können nicht zu Fuß gehen, gnädiges Fräulein,« sagte Reitzenstein, und half Gerda in das Auto.

Schweigend fuhren sie durch die Nacht. Gerda lehnte lässig in ihrer Ecke. In ihrem Körper war eine wohlige Wärme, ihre Stirn umfing ein leichter Nebel. Plötzlich sagte Sie: »Küssen Sie mich!«

Reitzenstein fuhr auf und stammelte: »Gnädiges Fräulein --«

»Küssen Sie mich, ich will sehen, wie es mit der Kröte ist und mit den grünen Flammen.«

Da umschlang er sie und bedeckte ihr Gesicht mit leidenschaftlichen Küssen.

Sie ließ sich küssen, und als er Atem schöpfte, fragte sie: »Ist Ihr Blut zu Eis erstarrt?«

Da mußte er lachen. »Feuer tobt mir in den Adern, du Götterweib!«

Und wieder preßte er seinen Mund auf ihre Lippen und küßte sie, daß ihr der Atem verging. Da stieß sie ihn von sich und sagte kalt: »Genug, hören Sie auf.«

»Gerda, küsse mich! Wie kannst du so kalt bleiben unter dem Feuer meiner Küsse.« Und er wollte sie wieder an sich pressen.

»Lassen Sie mich jetzt.«

»Warum wolltest du, daß ich dich küssen sollte?«

»Ich wollte mein Blut erproben.«

»Meine Küsse ließen dich kalt?«

»Sie sehen es.«

»Aber die Küsse des anderen machen dir warm?«

»Er hat mich nicht geküßt.«

»Er wird es aber tun.«

»Vielleicht.« -- -- --

Gerda lag lange wach und dachte nach. Sie hatte sich küssen lassen. Nicht nur das. Sie, Gerda von Wangenheim, hat zu einem fremden Manne gesagt: ›Küsse mich!‹ Warum das? War es der Alkohol, der ihr Blut in Aufregung gebracht und sie Verlangen tragen ließ, nach der Umarmung eines Mannes? Liebte sie diesen Mann?

Nichts von alledem. Nichts, als der Wunsch, ihr Blut kennenzulernen, hatte sie getrieben, zu tun -- wie sie getan. Er hatte sie geküßt, und nicht die leiseste Erregung ihres Blutes hatte sie verspürt. Und doch -- eine Erregung hatte sie empfunden, einen Reiz hatte sie verspürt, einen Reiz, die Begierde eines Mannes auflodern zu sehen, sein Begehren anzufachen. An jenem Abend auf dem Künstlerfest, als sie festgeschmiegt an Winkelmann mit ihm tanzte, als sie sein fieberndes Verlangen nach ihr verspürte, hatte sie den prickelnden Reiz empfunden, den Mann verheißungsvoll an sich zu ziehen, um ihm den Fuß auf den Nacken zu setzen.

* * *

Lotte, glücklich im Gedanken an die nahe Vollendung ihres Werkes, stand und prüfte ihre Arbeit. Würde es die beabsichtigte Wirkung haben?

Die Wirkung nach beiden Richtungen?

War sie frei geworden vom Banne des Häßlichen, das wie eine Kette sie umgürtet hatte?

Sie atmete tief auf.

Ja, frei, ganz frei.

Durch ihr Werk oder durch seine Liebe?

Sie lächelte, reckte mit tiefem Atemzug die Arme empor, verschlang sie auf ihren Kopf und warf sich auf das Ruhebett.

Und nun kam das Glück, das märchenhafte Glück. Ihr Werk in der Ausstellung. Ihr Name in aller Munde. Emporgehoben aus der Schar der Mittelmäßigen, gestellt neben die Großen.

Und die Wirkung des Werkes auf die Menschen?

Würden sie sich erkennen in diesem fratzenhaften Ungeheuer? Würde Grauen und Entsetzen sie packen, sich so gegeißelt zu sehen? Würden sie Einkehr halten und ihr Inneres reinigen von Schmutz und Schlacken?

Lotte lachte.

Jeder würde nur das Bild des anderen in diesem Medusenhaupt erspähen. So bist du und du und du -- aber nicht ich.

Zerfleischen würden sie die anderen, ein jeder aber ist frei von Schuld. -- --

Und dann -- -- dann wurde sie Weib -- -- dann kam die Erfüllung.

Sie schloß die Augen.

Sie liebte ihn, ihn, den Vater ihres Kindes. Sie saß neben der Wiege, glättete die Kissen und strich sanft über die zarten, blonden Härchen.

»Paul,« flüsterte sie, »wie bin ich glücklich.« -- -- --

»Hallo, ist niemand hier?«

Sie springt erschrocken auf und reibt sich die Augen. Das Atelier liegt in graue Abendschatten gehüllt.

»Verzeihen Sie, daß ich eindringe, Fräulein Wunsch, Sie haben anscheinend mein Klopfen überhört.«

Arno Stürmer steht vor ihr.

»Ich hatte geträumt.«

»So habe ich gestört?«

»Sie störten mich in meinem Glück.«

»Das würde ich mir nie verzeihen. Möchte ich doch so gern das Füllhorn des Glückes über Sie schütten.«

Seine Blicke ruhen fragend auf ihrem Antlitz. Dann schweifen sie ab und bleiben auf dem Werk haften. Er zuckt zusammen und sieht sie erstaunt an. Dann tritt er näher an das Werk, schaut und schweigt. Und dann bricht er los, laut und schallend schreit er sie an: »Das haben Sie geschaffen? Dies ist Ihr Werk? Da haben Sie es ja, das Glück, das große Glück. Und ich will mich unterfahren Ihnen Glück zu schaffen? Sie, Sie tragen das Glück ja in sich, Ihr Glück ist Ihr Künstlertum -- -- ich beuge mich vor Ihrem Können, Fräulein Wunsch.«

»Meinen Sie wirklich, daß die Kunst allein Befriedigung gewährt?«

»Dem wahren Künstler unbedingt.«

»Und das Verlangen nach Liebe?«

»Aufregung, Rausch, Austoben -- erhöht die Künstlerschaft! --«

»Sie sprechen als Mann!«

»Auch bei der Frau wird es so sein, wenn sie eine wahre Künstlerin ist. Lotte,« er ist nahe an sie herangetreten und sieht ihr leidenschaftlich in die Augen, »Lotte -- ich liebe Sie, seit jenem Abend, als ich Sie im Ihrem Flammenkleide sah, verzehrt mich die Sehnsucht. Lotte« -- er umschlingt sie und will sie an sich ziehen -- »laß uns versinken in Flammen, zwei Künstlernaturen wie wir -- -- alle Flammen der Leidenschaft springen auf -- --«

Da ist sie wieder und schlägt an ihr empor. Die Begierde!

Sie wehrt ihn von sich. Blaß, mit ausgestreckter Hand, weist sie auf ihr Werk. »Wie ich es verabscheue, dieses maßlose Begehren.«

»Und bist doch selbst ein einziges fieberndes Verlangen.«

»Nein, nein,« schreit sie auf. Dann bedeckt sie ihr Gesicht mit den Händen und stöhnt auf.

»Du liebst einen andern.«

Da nickte sie stumm.

»Und er nimmt dich nicht in seine Arme, er läßt dich --«

»Lassen Sie mich jetzt allein,« sagt sie kalt und beherrscht.

* * *

Gerda saß beim Frühstück und durchlebte noch einmal den gestrigen Abend. Das große Fest bei Westphals.